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Ein seltsamer Reisender taucht in dem kleinen Städtchen Toss auf, wo der 12jährige Marius mit seinem Raben Goldauge lebt. Marius soll ihm den Weg nach Buchberg zeigen. Doch noch ehe sie dort ankommen, stellt sich heraus, dass sie verfolgt werden. Die Schwarzen Reiter aber, die plötzlich überall und aus allen Ecken auftauchen, haben es nicht auf den merkwürdigen Gelehrten Faustus Füchslin abgesehen, sondern auf Marius! Nacheinander werden erst Marius und dann seine Freunde in miese Hinterhalte gelockt und entführt. Und auch der Herzog wurde entführt. Crudbert von Wrunkenstein, der fiese Crudo, will die Macht im ganzen Reich an sich reißen. Mit reichlich Witz und Geschick organisieren Marius und die gleichaltrige Xenia einen Gegenschlag: Mit Hilfe des Narren Golo und des Meisterdiebs Konrab sorgen sie dafür, dass es auf Burg Wrunkenstein urplötzlich drunter und drüber geht...
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2013
Fortunato
Die Stunde des Narren
Edel:eBooks
Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel:eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg.
Copyright © 2012 by Fortunato
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ISBN: 978-3-95530-196-5
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Prolog
Erstes Kapitel
Ein seltsamer Reisender
Eisige Lüfte
In der Schmiede
Eine Entdeckung im Eis
Einsame Reise
Zweites Kapitel
Düstere Gäste
Abend über Falkenhorst
Ertappt!
Schlimme Nachrichten
Nacht im Turm
Drittes Kapitel
Ein teuflisch kluger Vogel
Füchslins Angst
Hexerei
Hektors Falle
Kundschafter des Unbekannten
Konrab
Zwölf mutige Männer
Die zweite Nacht
Viertes Kapitel
Buchberg
Aufbruch in eisige Welten
Schweres Gemäuer
Pater Anselmus
Stimmen im Unsichtbaren
Düstere Ahnungen
Der böse Brief
Drachenbrut
Fünftes Kapitel
Ein fernes Gewitter
Ein wundersames Gemach
Zwei Diener
Goldauge auf der Rabenburg
Marius’ Traum
Gefährliche Reise
Goldberg & Bleibtreu
Goldauge auf dem Falkenhorst
Nacht über den Landen
Sechstes Kapitel
Ein geheimnisvoller Mönch
Am Schwarzen Rab
Ein Lichtblick
Ein fliegender Händler
Ein Dukaten für einen Silberling
In der Küche
Torff
Aufbruch
Siebtes Kapitel
Die Teufelsschlucht
Anselmus’ Lieblingsdämon
Im Abgrund
Über den Wasserfällen
Tote Drachen sprechen nicht
Böse Überraschung
Achtes Kapitel
Schräge Vögel
Ende einer Fahrt
Konrabs Auftrag
Die Trennung der Zeiten
Das Zimmer, in dem die Welt verborgen ist
Nacht vor Wrunkenstein
Ungebetene Besucher
Neuntes Kapitel
Nebelkarawane
Golo
Louis
Im Auge des Sturms
Krude Burschen
Blicke aus dem Dunkel
Im Turm
Zehntes Kapitel
Ein übles Spiel
Goldauges Kampf
Unerwartete Begegnung
Jagd übers Land
Allein
Böses Erwachen
Elftes Kapitel
Wiedersehen im Dunkeln
Der neue Stallbursche
Verzweifelte Suche
Schicksale und Zufälle
Golos Rückkehr
Ein einfältiger Geselle
Zwölftes Kapitel
Kaltblütig
Im Angesicht des Teufels
Ein Spiel mit tödlichem Ausgang
Die Prophezeiung
Marius’ Plan
Ein Pfeil im Auftrag des Kerkers
Dreizehntes Kapitel
Ein Silberling für einen Elsterbraten
Verbündete
Auf dünnem Seil
Ein fliegender Händler
Vierzehntes Kapitel
Crudos großer Tag
Das Rabenorakel
Ein gefährliches Spiel
Golos Stunde
Was unbemerkt geschieht
Der Frevel
In Ketten
Fünfzehntes Kapitel
Orakel
Von Drachen und Blitzen
Flucht von der Burg
Der Rabenwald
Epilog
Fortunato
Blutrot tropfte das Wachs auf das Pergament. Über der Flamme tänzelte der Ruß und stieg an die niedrige Decke. Es war eisig kalt in dem Turmzimmer. Der Verfasser des Briefes drückte das Siegel in die weiche Masse und sprach dazu ein paar unverständliche Worte. Dann blies er sacht über das erstarrende Wachs und lächelte kalt. »Was für eine treffliche Fügung«, sagte er und legte den Brief einem der vier um ihn her stehenden, schwarz gewandeten Männer in die Hand. Den Ring streifte er wieder über einen seiner langen, bleichen Finger und betrachtete ihn mit leisem Triumph. Schließlich stand er auf und trat nacheinander vor jeden der Männer hin. »Ihr seid verantwortlich dafür, dass der Brief sein Ziel erreicht. Bedenkt: Ihr steht jetzt unter meinem Befehl. Wer sich mir widersetzt ...« Er fuhr sich mit der flachen Hand über den Hals. »Habt ihr verstanden?«
»Ja, Herr«, murmelten die Männer. Mancher von ihnen zitterte – nicht allein der Kälte wegen.
»Gut. Es stehen vier meiner besten Pferde für euch im Hof bereit. Sie sollen euer sein. Denn ihr seid mein. Wenn aber einer mich verrät, so werde ich ihn samt seinem Pferd über die Klippen stürzen lassen – beim Siegel des Herzogs.«
Die vier Männer beugten die Knie und verneigten sich, dann eilten sie durch die eisenbeschlagene Tür den Turm hinab auf den Hof, wo bereits der Stallmeister mit großen schwarzen Rössern wartete. Als sie wenig später über die kahlen Klippen Richtung Osten jagten, folgte ihnen ein eisgraues Augenpaar, und ein leiser Fluch, mit dünnen Lippen geflüstert, begleitete sie: »Hundert Jahre eurer Herrschaft werden in wenigen Tagen vernichtet werden, die Schmach von Generationen wird in den Grauen Sümpfen versinken und der Rabenwald wird euren falschen Glanz überwuchern. In weniger als einem Menschenleben wird sich niemand mehr an den geraubten Ruhm erinnern, mit dem ihr euch umgabt ...«
Ein schwaches Seufzen ließ den hageren Mann aufhorchen und sich umwenden. »Ich vergaß, Ihr hört mir ja zu«, flüsterte er und beugte sich ein wenig vor, um die Worte besser zu verstehen, die sich dem Mund seines Gegenübers nur mühsam entrangen. »Glaubt nicht«, sagte sein in Ketten liegender Gast, »es mache einen Unterschied, ob Ihr mich in Händen haltet oder nicht. Das Reich wird ohne mich so gut regiert wie mit mir. Ihr seid ...«
»Das Reich?« Krallenartige, lange Finger schossen auf ihn zu – doch verharrten sie plötzlich, weiß wie die Hände einer Marmorstatue. »Das Reich? Welches Reich? Es zerfällt in diesen Augenblicken. Während Ihr hier meine Gastfreundschaft genießt, werden dort draußen Eure Vasallen zu Geächteten, werden Eure Ländereien zu Wüsten und Eure Burgen zu Ruinen. Wie schön, dass Ihr noch am Leben seid. So könnt Ihr Euren eigenen Untergang mitverfolgen ...« Mit heiserem Lachen wandte sich der Mann von seinem Gefangenen ab und betrachtete den Siegelring. Dann trat er wieder ans Fenster, atmete tief ein und streckte die Hand mit dem Ring nach draußen: »Lasst dies das Zeichen meiner Herrschaft sein!«, rief er mit glühendem Blick und stolzgeschwellter Brust. In diesem Augenblick aber zuckte ein Blitz über den Himmel und tiefes Donnergrollen schien das gesamte Reich zu erschüttern.
Es war ein wundervoller Wintertag in dem kleinen Örtchen Toss. Wie Schwärme von weißen Faltern wehten die Schneeflocken um die Häuser und wirbelten dann über den Wegen in der Luft, ehe sie lautlos zu Boden schwebten. Rotbackige Kinder bewarfen einander mit Schneebällen, dick eingepackte Männer beluden Wagen oder standen lachend beieinander und verabredeten sich für den Abend, rundliche Hausfrauen erledigten ihre Einkäufe und trugen schwere Körbe mit feinsten Leckereien nach Hause. Ein Reiter lenkte seinen Apfelschimmel zur Schänke: ein Fremder, dessen Mantel aus feinem Tuch man ansah, dass er ein hoher Herr sein musste. Gleichwohl war das Tier über und über mit Paketen beladen, die zu beiden Seiten an seinen Flanken hingen, so dass der Mann fast aussah wie ein fliegender Händler. Er saß ab und übergab sein Tier dem Stallknecht, der es sogleich hinters Haus führte. Der Mann kniff die Augen zusammen und ließ den Blick über den Dorfplatz schweifen, während er sich den Schnee von den Schultern klopfte. Er zog den Hut vom Haupt, schüttelte ihn aus und trat dann ein in das Gasthaus »Zum fröhlichen Dukaten«, die einzige Wirtschaft am Ort, über deren Schild stolz eine Elster saß und auf den Ankömmling herabblickte.
»Halunke!«, scholl es ihm entgegen und er konnte gerade noch den Kopf einziehen, ehe ihn ein durch die Luft fliegender Krug an der Stirn traf.
»Aber Lieschen ...«
»Hör auf mit Lieschen, du Ungetüm!« Diesmal flog ein Teller durch die Gegend. »Ein Barbar bist du – und du wirst es bleiben!« Der Fremde brachte seinen mächtigen Körper hinter einem Tisch in Deckung und schaute vorsichtig über die Kante, um zu sehen, wer die Frau war, die sich so aufregte.
»Hör mal, Lieschen ...«, fing der Mann wieder an, offenbar der Wirt. Er trug eine Schürze und darunter nur ein leichtes weißes Hemd, das wohl schon länger kein Waschwasser mehr gesehen hatte. »Ich dachte, du hättest mir die Sülze hingestellt ...«
»Dir hingestellt? Ha!« Hinter der Theke rumpelte eine unglaublich dicke Frau hervor, die Arme in die Seiten gestemmt, das Gesicht rot wie ein Radieschen. »Dir hingestellt? Du weißt genau, dass die Sülze für ...« Sie sah den Gast, der hinter dem Tisch hervorschaute, und brach ab. »Hektor, wir haben Gäste«, sagte sie wie ausgewechselt und kam mit ihrer wogenden Gestalt zu dem Fremden, um ihn mit dem fröhlichsten Lächeln zu fragen: »Mein Herr, was kann ich für Euch tun?«
Der Fremde krabbelte hinter dem Tisch hervor, strich sich über den Mantel, legte den Hut beiseite und räusperte sich. »Gute Frau, habt Ihr ein Zimmer für die Nacht?«
»Gewiss, mein Herr. Ein schönes, ruhiges Zimmer.«
»Ruhig, ja«, sagte der Mann. »Das glaube ich wohl.« Doch sein Blick sprach etwas anderes. Die Wirtin lächelte unbeirrt munter. »Habt Ihr Gepäck? Soll mein Mann es gleich nach oben schaffen?«
»Nein, nein«, entgegnete der Fremde. »Ich habe nur wenig bei mir, das ich lieber selbst auf mein Zimmer trage. Den Gaul habe ich eurem Stallknecht anvertraut.« Er sagte das, als wäre er angesichts der Szene von eben besorgt um das Wohlergehen seines Reittiers.
»Gut«, sagte die Frau unbekümmert. »Dann richte ich schon einmal das Nachtlager für Euch. Wenn Ihr sonst etwas wünscht ...?«
»Einen Krug Wein hätte ich gerne.« Er blickte zu Boden, wo die Scherben des zerbrochenen Kruges lagen. »Falls Ihr noch einen habt.«
»Ach das«, lachte die Wirtin und bückte sich, um mit flinker Hand die Überreste des Gefäßes aufzusammeln. »Das war nur ein kleines Missgeschick. Hektor wird Euch gleich einen Krug von unserem besten Wein bringen.«
»Ein einfacher Tropfen tut es auch«, sagte der Gast und nahm an dem Tisch Platz, der ihm eben noch Schutz gewährt hatte.
»Das bleibt sich gleich«, erwiderte die Frau und lachte. »Wir haben bloß eine Sorte.« Damit verschwand sie auf der Treppe nach oben.
»Ihr seid noch nie in Toss gewesen?«, fragte der Wirt, als er wenig später mit dem Wein und einem Becher an den Tisch kam. Er musterte den Fremden mit Neugier. Der hatte inzwischen den Mantel aufgeknöpft. Darunter trug er eine weitere Jacke, eine bunte Weste, von Goldfäden durchwirkt und ein Hemd mit Kragen. Mehrere fein gearbeitete Ketten spannten sich über seinen Bauch, an einem Lederband hing ein merkwürdig anmutender Knochen.
»Der Zahn eines Riesenhais«, sagte der Gast, der des Wirtes Blick bemerkt hatte. »Nein. Ich bin zum ersten Mal hier. Nehmt Euch doch auch einen Becher und setzt Euch zu mir.«
Das ließ sich der Wirt nicht zweimal sagen. »Was führt Euch nach Toss, mein Herr?«, wollte er wissen, als er ihm eingeschenkt hatte.
»Nichts Besonderes«, sagte der Fremde. »Geschäfte. Besuche. – Erzählt mir doch ein wenig von dem Örtchen! Ich sammle Wissen.«
Der Wirt schenkte sich den Becher voll. »Na ja«, sagte er. »Toss ist keine große Stadt wie Buchberg oder Grübeln. Da gibt es nicht allzu viel zu erzählen. Die Stadtmauer habt Ihr gesehen ...«
»Sie schien mir nicht sehr wehrhaft«, erwiderte der Fremde.
»Ja, leider. Sie ist nie fertig geworden, weil das Geld ausgegangen ist.« Der Wirt setzte eine etwas betretene Miene auf. »Ihr könntet Euch vielleicht die kleine Kapelle ansehen oder die uralte Mooseiche. Oder Ihr könntet auf den Druidenhügel steigen. Von da aus kann man bis zum Meer sehen. Aber wenn ich ehrlich bin, hier gibt es nichts Besonderes.«
»Verstehe.« Der Gast hob seinen Becher und prostete dem Wirt zu. »Einen sehr begabten Schmied habt Ihr aber am Ort.«
»Richtig!«, rief der Wirt aus, offensichtlich erfreut, dass es doch etwas Gutes über Toss zu berichten gab. »Woher wisst Ihr ... ?« »Nun, wenn man das kunstvolle Schild über Eurer Tür sieht ...« Der Wirt fühlte sich sichtlich geschmeichelt. »Ehrlich gesagt, Ihr seid der erste Gast, dem das auffällt.«
»Vermutlich habt Ihr noch eine ganze Reihe anderer besonders begabter Mitbewohner hier am Ort.«
»Nun ja«, versuchte sich der Wirt an einer eindrucksvollen Aufzählung. »Da wäre einmal der ...« In diesem Moment ging die Tür auf, einige Schneeflocken tanzten herein und jemand streckte den Kopf in den Schankraum, um ihn sogleich wieder zurückzuziehen. Die Tür klappte zu, als wäre nichts geschehen. Es ging so schnell, dass beinahe nichts zu erkennen gewesen war. Auch hatte die Gestalt einen großen Hut ins Gesicht gezogen gehabt, so dass man sie nicht hatte erkennen können. »Äh ...«, sagte der Wirt.
»Das ist ja alles höchst spannend«, fiel ihm der Gast ins Wort und rückte nervös auf seinem Stuhl hin und her. »Ihr habt nicht zufällig auch einen jungen Burschen, der mich auf meiner Reise begleiten könnte? Eine Art Reiseführer?«
»Einen Reiseführer? Nein. Das eigentlich nicht. Ich wüsste gar nicht ... Einen Boten hätten wir. Der kennt sich in der Umgebung aus. Vielleicht mögt Ihr den ja mal fragen.«
»Einen Boten. Ja, warum nicht? Wo finde ich ihn?«
»Er lebt mit seinem ...«
»Hektor«, polterte von der Treppe her die Wirtin. »Belästigst du unseren Gast?«
»Lieschen! Nein, nein, der Herr war so freundlich, mich auf einen Krug Wein einzuladen.«
»Er lebt mit seinem ...«, versuchte der Gast den Wirt zum Weiterreden zu bewegen.
»Ach so, ja. Er lebt mit seinem Raben ...«
»Hektor, du solltest den Herrn jetzt in Ruhe lassen.« Und zu dem Gast sagte die beleibte Frau mit den glänzenden Wangen: »Ihr müsst verzeihen, mein Herr. Hektor lädt sich nur zu gerne selbst auf einen Becher Wein ein.« Sie sah zu ihrem Mann hin. »Oder auf zwei oder drei.« Sie drehte sich um, ging die Treppe wieder hoch und murmelte: »Oder auf eine Sülze ...«
»Mit seinem Raben ...«, fing der Gast wieder an. Unruhig blickte er zur Tür hin. Doch der Wirt hatte sich bereits erhoben und schlurfte wieder zur Theke. »Wo lebt er denn, Euer Bote?«, versuchte es der Gast noch einmal. Auf seiner Stirn hatten sich einige Schweißtropfen gebildet. Doch der Wirt winkte ab. »Mein Weib hat Recht, ich sollte Euch nicht die Zeit stehlen, Herr.«
»So!«, rief die Wirtin von oben. »Das Zimmer ist fertig.«
Wieder ging die Tür auf und eine dunkle Gestalt hob sich vor dem blendenden Weiß des Schnees draußen ab. »Seid gegrüßt!«, sagte eine männliche Stimme. »Keine Gäste heute?«
»Nur der Herr dort drüben«, entgegnete der Wirt – doch der Platz, auf dem eben noch der unbekannte Reisende gesessen hatte, war leer.
Über der Krähenbucht braute sich ein Unwetter zusammen. Dunkle Wolken türmten sich. Florine hatte es sich sorgfältig überlegen müssen, ob sie diesen Weg nehmen würde. Doch es galt keine Zeit zu verlieren – sie musste Marius so schnell wie möglich erreichen. Immerhin schwebte vermutlich auch er in großer Gefahr!
Die Schwingen des Paradiesvogels schmerzten in der klirrend kalten Luft. Für solche Temperaturen war die Papageiendame nicht geschaffen. Und obwohl sie seit ihrer Geburt auf diesem Flecken Erde lebte, wünschte sie sich doch jeden Winter in behaglichere Gefilde, in eine Umgebung voll Wärme und Sonne.
In der Ferne sah sie einen Schwarm Möwen auffliegen, die sich um einen Fisch balgten und ihn in der Luft zerfetzten. Sie flog einen großen Bogen um die Vögel, nicht weil sie Angst vor ihnen gehabt hätte – nein, es ging ihr vielmehr darum, nicht unnötig gesehen zu werden. Schließlich musste es sich nicht herumsprechen, dass königliches Gefieder unterwegs nach Toss war.
Es dauerte nicht lange, bis sie die Giebel des Städtchens in der Ferne erkennen konnte. Die Augen tränten im schneidenden Wind, die Flügelspitzen fühlte sie kaum mehr. Doch dass sie jetzt das Ziel vor Augen hatte, trieb sie an. In kurzer Zeit würde sie in Toss sein und Marius sprechen und ihm von den ungeheuerlichen Vorgängen auf Schloss Falkenhorst und im ganzen Rabenwald berichten.
Sie nahm all ihre Kraft zusammen und schoss über den sich zunehmend verdüsternden Himmel. Als sie das Meer hinter sich gelassen hatte, befand sie sich inmitten eines Schneesturms, der schon bald in Toss anlangen würde. Sie eilte sich, möglichst schnell unter ihm hindurchzufliegen. Immer wieder trieb ihr Schnee in die Augen, die dicken Flocken verklebten ihr Gefieder und zogen sie mit ihrem Gewicht tiefer zur Erde hinab. »Was für eine Quälerei«, ächzte Florine. Doch sie war stark und sie würde dem Drang widerstehen, sich irgendwo einen Unterschlupf zu suchen, bis das Wetter besser war.
Da endlich gaben die heftigen Böen sie frei und entließen sie in ein freundlicheres Schneegeriesel über der verschneiten Stadt. Florine fand sich über dem Dachreiter der kleinen Kapelle wieder und blickte sich um. Nicht weit von hier lag die Schänke, daneben die Schmiede, einige Höfe und die Stadtmauer. Außerhalb dieser Stadtmauer aber, direkt am Bach bei einem kleinen Waldstück, lag die Hütte, in der Marius mit seinem Raben lebte. Florine atmete tief durch und trieb sich an, um das letzte Stück ihres Weges schnell zu nehmen. Die Hütte des Jungen war alt und schief. Aus dem Kamin stieg eine schmale Rauchsäule empor. Es schien also jemand zu Hause zu sein. Florine flatterte vor die Tür und pochte mit ihrem Schnabel einige Male gegen das dunkle Holz. Doch nichts. Niemand kam, um ihr zu öffnen. Sie hörte Stimmen hinter sich. »Verflucht«, sagte jemand. »Ob es diese Hütte ist?«
»Es wird nicht sehr schwer sein, das herauszufinden.«
Florine kannte die Stimmen nicht. Schnell schlüpfte sie hinter eine Schneewehe neben der Tür und schaute vorsichtig dahinter hervor. Die zwei Männer, die sich langsam näherten, waren dick vermummt und schwiegen jetzt. Einer gab dem anderen ein Zeichen, den Weg zu verlassen, und so schlichen sie beide um das Haus herum. Florine duckte sich tief in den Schnee, um nicht entdeckt zu werden. Sie beobachtete aufmerksam, wie die Männer sich an der Wand entlangdrückten und vorsichtig durch die kleinen Fenster blickten, hinter denen sich der schwache Lichtschein eines Kaminfeuers abzeichnete. Bald würde es dunkel werden, dann war es leichter, drinnen etwas zu erkennen. Jetzt mussten die unbekannten Besucher damit rechnen, entdeckt zu werden.
Doch es schien niemand zu Hause zu sein. Nachdem sie die Hütte einmal umrundet hatten, standen die beiden Männer einen Moment vor der Tür und tuschelten. Florine konnte sie von ihrem Platz aus nicht sehen. Sie hörte nur, wie einer der beiden plötzlich sagte: »Sieh an! Als wär’s für uns bestimmt gewesen!«
Das Rascheln von Pergament. Dann die Stimme des anderen: »Wahrlich, das nenne ich Glück!«
»Ja. Und sehr freundlich, dass er uns so genau aufgeschrieben hat, wohin es geht.« Wieder hörte Florine ein Rascheln. Dann verdrückten sich die beiden Männer ins nahe gelegene Gehölz, das bereits in die heraufziehenden Schatten der Dämmerung getaucht war.
Seltsam, dachte Florine, was wollen die beiden von Marius? Warum haben sie nicht an seine Tür geklopft, wenn sie ihn besuchen wollen? Warum haben sie sich wie Diebe herumgedrückt und sind dann doch wieder verschwunden? Und was haben sie gefunden?
Florines Flügel fühlten sich an, als hätte sie sie in Leim gebadet, so steif gefroren waren sie. Noch länger an diesem frostigen Ort zu bleiben war nicht ratsam. Sollte sie fortfliegen? Doch wohin? Sie war hier fremd – und sie durfte nicht erwarten, dass ihr Unbekannte Obdach boten, ohne sich heimlich zu fragen, ob man einen Papagei essen konnte. Unschlüssig spielte sie mit ihren Flügelspitzen, als plötzlich ein Schatten über ihr auftauchte.
Mit gewaltigem Dröhnen fuhr der Hammer herab und die Funken flogen nach allen Seiten. »Heiliger Abraxas!«, rief Meister Goldauge aus und wackelte mit dem Kopf. »Müsst Ihr solchen Lärm machen, Meister Gisbert?«
»Ohne Lärm geht es nun mal nicht!«, entgegnete lachend der Schmied und schlug erneut auf das glühende Metall ein, das er auf dem Amboss liegen hatte.
Der Rabe fügte sich in sein Schicksal, schwang sich aber sicherheitshalber hoch zur Dachluke, wohin der Feuerregen nicht reichen würde. Er blickte hinaus und suchte noch einmal die Straße und den Platz ab. Doch außer zwei neuen Gästen in der Schänke gegenüber und einem Vogel, den er bisher in der Gegend noch nie gesehen hatte, fiel ihm nichts Besonderes auf. Er beobachtete den eleganten Flügelschlag des Elstermännchens, das sich von Giebel zu Giebel schwang und auf Beute zu warten schien. Ja, für wild lebende Vögel war es keine leichte Zeit. Aber der Geselle dort drüben würde es nicht allzu schwer haben, sich aus einem Futtertrog oder einer frisch gefüllten Krippe ein paar Leckerbissen zu holen. Flink wie eine Schwalbe schoss die Elster plötzlich von einem der Kamine herab, jagte pfeilschnell über den Karren eines Bauern dahin, der einige Rüben über den Hof schob, und verschwand irgendwo im Gebälk einer alten Scheune. Der Bauer aber merkte nicht einmal, dass ihm etwas abhandengekommen war. »Und Ihr habt ihn nirgends gesehen?«, fragte Meister Goldauge den kräftigen Mann, dessen Oberkörper nur mit einem ledernen Wams bedeckt war und dessen Haut im Schein des Feuers glänzte.
»Also hier war er jedenfalls nicht.«
»Wo kann er nur sein?«, fragte Meister Goldauge – mehr sich selbst als den braven Schmied, der nun das rot leuchtende Hufeisen prüfend in die Höhe hielt, für gut befand und zum Abkühlen in einen Wasserbottich tauchte. Mit lautem Zischen schoss eine Dampfwolke in die Höhe und umhüllte die mächtige Gestalt des Schmieds. Als sich der Nebel lichtete, sah Meister Goldauge, dass ein Mann eingetreten war.
»Seid gegrüßt, mein Herr«, sagte der Schmied und wischte sich die feuchten Hände an seiner Lederschürze ab. »Was kann ich für Euch tun? Hat Euer Gaul ein Eisen verloren? Ist Euch das Schwert im Kampf geborsten?«
Der Fremde hielt sich nicht lange mit Begrüßungen auf. »Nichts dergleichen, guter Mann. Ich suche einen Jungen«, sagte er. »Er soll hier am Ort leben.«
Der Schmied erkannte, dass der Fremde nicht die Absicht hatte, seine Dienste in Anspruch zu nehmen, und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. »Das tun viele«, sagte er, während er hinüberging zu der steinernen Form, in die erneut glühendes Metall aus dem Ofen geflossen war. »Hat der, den Ihr sucht, auch einen Namen?«
»Tyk«, sagte der Fremde. »Marius Tyk.«
Der Schmied hielt inne und sah überrascht zu dem Mann hin, der immer noch in der Tür stand und dessen Gesicht gegen das Licht draußen nicht zu erkennen war. »Seltsam«, sagte er. »Der Junge wird heute viel gesucht. Gerade fragte mich der Vogel hier...« Er wies auf den Platz, auf dem eben noch Meister Goldauge gesessen hatte. Doch der Balken über dem Amboss war leer. Durch die Dachluke war gerade noch eine schwarze Flügelspitze zu erkennen und er meinte, ein leises Flattern zu vernehmen. Aber das mochte auch das Lodern der Flammen in seinem Ofen sein. »Hm. Tja, der Rabe«, wiederholte er, »hat auch gerade nach ihm gefragt, wisst Ihr.« Der Schmied drehte sich um – doch auch der Fremde war mit einem Mal verschwunden.
Als Meister Goldauge wieder auf die Hütte zuflog, fielen ihm etliche Fußspuren im Schnee auf. Auch wenn das Licht langsam schwächer wurde, da der Abend nahte, konnte er doch deutlich erkennen, dass jemand ums Haus geschlichen war.
Vorsichtig ließ er sich etwas weiter hinabgleiten und beobachtete dabei die Umgebung. Bewegte sich dort etwas im Gehölz? Er meinte ein Schimmern zu sehen. Doch das konnte auch der Schwanz, der »Spiegel«, eines Rehs gewesen sein, das am Rand des kleinen Wäldchens nach Futter suchte.
Es war still um die Hütte, hinter den Fenstern glomm nur das spärliche Licht des Kaminfeuers, das beinahe heruntergebrannt war. Die Rauchsäule, die aus dem Schlot aufstieg, war dünn und fast weiß. Bald würde das Feuer erlöschen. Es war höchste Zeit, dass Marius endlich nach Hause kam.
Meister Goldauge drehte eine Runde um das schiefe, alte Gebäude, in dem er seit mehr als zwölf Jahren mit Marius lebte – davon die meiste Zeit zu zweit. Ja, die Stiefelspuren zweier Männer reichten einmal um das Häuschen herum. Es sah so aus, als hätten sie an den Fenstern Halt gemacht und hineingeschaut. Mit leisem Schwung landete der Rabe vor der Tür und lauschte in die Dämmerung. Nichts. Wenn Marius länger wegblieb, hinterließ er seinem Rabenfreund üblicherweise eine kurze Botschaft auf einem Zettel an der Tür. Doch der Nagel, an den Marius diese Nachrichten immer steckte, war leer.
Meister Goldauge überlegte, ob er auf einem der Bäume drüben warten sollte, als er plötzlich durch ein Geräusch aufgeschreckt wurde, das von schräg über ihm kam. Mit überraschtem Krächzen flatterte er auf, als neben ihm eine Dachlawine herabsauste. Als er sich aber auf dem so entstandenen Schneehaufen niederließ, sah er plötzlich ganz in der Nähe etwas Buntleuchtendes schimmern. Meister Goldauge stockte der Atem. Mit zwei, drei raschen Flügelschlägen war er dort und zog vorsichtig mit dem Schnabel etwas aus dem Schnee, was sein Herz gefrieren ließ.
Wo Meister Goldauge nur blieb? Seit Stunden waren sie nun schon unterwegs und hatten sicher ihre zehn oder zwölf fauconischen Meilen zurückgelegt. Na ja, vielleicht waren es auch nur acht. Es war immerhin schwer, im hohen Schnee zügig voranzukommen. Umso mehr erstaunte es Marius, dass Meister Goldauge nicht längst auf seiner Schulter saß. Mit zusammengekniffenen Augen blickte er in den Himmel, der sich bereits langsam zu verdunkeln begann. Wenn der Rabe nicht bald auftauchte, würden sie sich am Ende verpassen. Denn jetzt musste Marius zusehen, dass sie ein Nachtlager fanden, am besten eine Scheune oder zumindest eine Böschung, in der sie die Plane aufspannen konnten, die der höchst wunderliche Herr angeblich bei sich führte. Es war nicht ganz ungefährlich, bei dieser Kälte ohne Dach über dem Kopf draußen die Nacht zu verbringen. Einen der Jungen aus dem Ort hatten sie letzten Winter erfroren gefunden, nachdem er beim Versteckspiel verschwunden war.
Es wehte ein scharfer Wind vom Meer her. Nicht mehr lange, dann würden sie die Küste sehen können. Manchmal trieben weiter draußen in der Krähenbucht große Eisschollen, die vom Norden her kamen, dann war die Küste für Schiffe gefährlich und die Seeleute hielten sich weiter südlich. Immerhin bedeutete das auch, dass es keine Piraten gab.
Nicht weit entfernt entdeckte Marius einen knorrigen alten Baum, der wohl mehr als einmal vom Blitz getroffen worden sein musste. Er kannte die verwachsene Ruine. Man sah sie vom Weg aus, wenn man nach Buchberg reiste. Sie waren also ziemlich genau auf der Strecke unterwegs, die Marius sich vorgenommen hatte, obwohl die Straße unter der dichten Schneedecke nicht einmal zu erahnen war.
Unter dem gebeugten Stamm des Baumes bildeten die mächtigen Wurzeln einen umhegten Bereich, gerade groß genug für den Jungen, den geheimnisvollen Reisenden, sein Pferd und, wenn es denn damit noch etwas würde vor Einbruch der Nacht, einen stolzen Raben.
Marius schritt schneller voran, um endlich in den Schutz des Baumes zu kommen. Den Gaul mit seinen Bergen von Gepäck und dem stattlichen Mann zog er am Zügel hinter sich her, während dieser erklärte: »Eine normannische Honigeiche! Sehr seltenes Gewächs hierzulande. Man trifft sie sonst viel weiter im Osten an. Kein Wunder, wenn diese hier vom Blitz gespalten ward. Aus der Rinde brauen die nordischen Bergvölker ein Bier, das besonders auf Säuglinge sehr beruhigend wirkt, wenn man ...«
»Meint Ihr, wir können hier unser Zelt aufschlagen, mein Herr?«, fragte Marius.
»Füchslin«, sagte der Fremde. Und auf Marius’ verständnislosen Blick: »Nenn mich einfach Füchslin, mein Junge. ›Mein Herr‹ gefällt mir nicht und der ganze Titel wäre zu lang.«
»Der ganze Titel?«
»Faustus Füchslin Graf Eigenbrod, Sechster Meister der Cerberusbruderschaft, Professorus der sieben geheimen Wissenschaften, Vorsitzender des Rats der Faucofonen, Schatzmeister des Pfauenordens, Gesandter des Kaisers von Sina sowie der Herzöge von Bardien, König von Mauritz.«
»König seid Ihr auch?«
»Ach«, winkte der Mann ab, »das ist nur ein sehr kleines Inselkönigreich eine halbe Jahresreise im Südosten. Sie hatten dort noch nie einen weißen Mann gesehen. Ich konnte mir aussuchen, ob ich König oder einer ihrer Götter werden will.«
»Und warum habt Ihr Euch für König entschieden?«, fragte Marius, während er das Pferd zu der Eiche zog oder vielmehr: zu dem, was von ihr übrig geblieben war.
»Die Götter werden geopfert, Junker Tyk.«
»Oh. Verstehe«, sagte Marius. »Marius.«
»Nein, Mauritz.«
»Nicht das Königreich. Mein Name.«
»Wie?«
»Marius. Ich soll Euch Füchslin nennen – und Ihr nennt mich Marius. So nennt mich jeder. Außerdem bin ich kein Junker.«
»Marius. Ein Name lateinischer Herkunft. Ursprünglich gehörte er der Familie der Marier. Ähnlich bei den Liviern, den Corneliern oder den Antoniern. Im Süden sehr beliebt als Mario.« Füchslin beschirmte die Augen mit der Hand und blickte sich nach allen Seiten um, dann schleckte er einen Finger ab und hielt ihn in die Luft, schnupperte ein wenig hierhin und dorthin und grunzte schließlich zustimmend: »Ja, ich denke, hier ist ein guter Ort. Wir können uns hier unter dem Baum einrichten. Niemand wird uns hier finden.« Er klopfte dem Pferd den Hals. »Spätere Namen wurden oft latinisiert. Piscatorus etwa oder Sartorius, der Schneider, von Schneidern sartorere ...«
Marius sagte nichts. Er fragte sich, ob das die ganze Reise über so weitergehen würde. Wann immer Füchslin etwas sah oder hörte, verbreitete er sogleich sein ganzes Wissen darüber. Und er wusste wirklich zu allem etwas. Nicht dass Marius hätte sagen können, ob das alles stimmte. Aber allein der Drang dieses Mannes, zu allem und jedem seinen Senf zu geben, war ihm lästig.
Füchslin wuchtete seinen schweren Körper vom Pferd. Marius meinte beinahe, das Tier aufatmen zu hören.
»Und das Pferd?«, fragte er unvorsichtigerweise.
»Rosinante!«, rief Füchslin, als habe er auf diese Frage schon gewartet. »Ich habe sie in Hispanien einem Edelmann abgewettet. Zugegeben, Livius, sie ist eine alte Mähre, doch treu und zäh. Gerade das richtige Pferd für Abenteurer und Vagabunden. Über die Rasse lässt sich nur schwer etwas sagen. Ihr Stammbaum reicht, glaubt man dem wackeren Mann, der sie vor mir ritt, zurück bis zum legendären Hengst des Julius Caesar. Julius, auch so ein Name ...«
Marius’ Gedanken schweiften ab. Er band das Tier an einem der knorrigen Äste fest und hörte nur noch mit halbem Ohr zu, als der seltsame Reisende die Vorzüge von ägyptischem Tuch schilderte, darüber zu einem Pergament ganz eigener Art kam, sich über die riesigen Grabtempel der Ägypter verbreitete und endlose Wüsten, die er dort weit im Süden gesehen zu haben behauptete, in einem Land namens Africa, wo vor allem schwarze Menschen lebten. Schwarze Menschen, Marius schauderte. Schwarz, das konnten doch nur Teufel sein. Und Füchslin war angeblich König eines Reiches von Schwarzen! Marius blickte ihn aus den Augenwinkeln an. Eigentlich sah der Mann ganz harmlos aus. Marius konnte ihn sich nicht so recht als Teufelskönig vorstellen.
Sie schlugen eine Zeltbahn auf und befestigten sie mit Schnüren zwischen zwei hoch aufragenden Wurzeln. Darunter traten sie den Schnee fest und breiteten zwei Schaffelle aus. Dann zogen sie Rosinante ganz nah an die so entstandene Nische heran und schichteten die verbliebene Öffnung mit den Paketen zu, die das gute Tier befördert hatte.
Schließlich war nur noch ein schmales Fenster frei, durch das man in die Dämmerung blicken konnte. Ein Wanderer, der vorbeikäme, würde das helle Tuch für Schnee halten und die darunter geduckten Bündel und das Pferd für Teile des Baumes. Sie waren geborgen wie in einer Höhle.
»So«, sagte Füchslin. »Und nun ist es Zeit für einige Studien.« Er nahm eine kleine Öllampe aus seiner Reisetasche, eine Hand voll Zunder und zwei Feuersteine. Mit einem einzigen Versuch schlug er Feuer und entzündete sogleich einen Kienspan, um damit die Lampe anzuzünden.
Behagliches Licht breitete sich aus und Marius fühlte, wie seine durchgefrorenen Zehen kribbelten. Hier auf dem Fell konnte er seine Stiefel aufbinden und die Füße ein wenig reiben, damit sie wieder warm wurden. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Füchslin, wie er eines der Pakete aufschnürte und ihm einige Schriftrollen entnahm. »Ähm, sollten wir nicht lieber etwas essen?«
»Wie?« Die schwarzen Augen unter den buschigen Augenbrauen hefteten sich auf ihn. Füchslin schien einen Moment zu brauchen, um sich zurechtzufinden. »Ach so, ja, natürlich. Gerne. Nimm dir nur ...« Er nickte zu einem anderen Paket hin. »Ich esse abends nichts.« Dann breitete er ein Pergament vor sich aus, zog aus der Tasche seines Wamses ein kleines Metallgestell, in das zwei gläserne Plättchen eingefasst waren, und schaute durch die Gläser hindurch auf das Schriftstück.
Marius vergaß, dass er hatte essen wollen. »Verzeihung«, sagte er, »darf ich fragen, was das für ein merkwürdiges Ding ist, das Ihr Euch da vor die Augen haltet?«
Füchslin sah auf und wieder dauerte es einen Augenblick, ehe er antworten konnte. »Du sagst es selber. Das ist ein Vordieaugen. So nenne ich es jedenfalls.«
»Und was könnt Ihr damit sehen?«
»Wie? Sehen?« Füchslins Augenbrauen sträubten sich ein wenig. »Alles. Ich kann damit alles sehen.«
»Alles?« Marius starrte auf das Zauberding. Konnte das wahr sein? Er wusste natürlich, dass es Wesen gab, die viel genauer und viel weiter sehen konnten als normale Menschen, sein Freund Golo etwa, der sich auch in tiefster Nacht gut zurechtfand, oder Meister Goldauge mit seinem goldenen Auge. Und dennoch: »Ihr könnt damit alles sehen?«
»Gewiss«, sagte Füchslin und drehte das Vordieaugen in der Hand. »Es ist ja nur Glas.« Dann aber schoss ihm offenbar ein ganz abwegiger Gedanke durch den Kopf und er fing lauthals zu lachen an. »Ach so!«, rief er. »Jetzt verstehe ich!« Er wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, während sein mächtiger Brustkorb sich immer noch vor Erheiterung schüttelte. »Jetzt verstehe ich ... Du meinst: Ich könnte damit Dinge sehen, die man mit bloßem Auge nicht sieht!«
»Nun«, erwiderte Marius zaghaft, »Ihr sagtet doch: alles.« »Natürlich, Julius. Natürlich. Ich meinte, ich sehe damit alles besser.«
»Besser?«
»Aber ja! Sieh selbst!« Er streckte ihm das Metallgestell hin und Marius nahm es mit spitzen Fingern, gerade so als könnte es beißen. Dann hielt er sich das Vordieaugen vor die Augen und schaute hindurch. Alles, was er eben noch genau und gerade gesehen hatte, war plötzlich verschwommen und schief. Enttäuscht reichte er das Ding wieder zurück. »Also, ich finde eher, man sieht damit schlechter.«
»Du hast natürlich Recht!«, sagte Füchslin und rieb sich die Stirn über seinen eigenen Unverstand. »Wer gut sieht, sieht mit einem Vordieaugen natürlich schlecht. Nur wer schlecht sieht, sieht damit besser.«
»Dann ist es also ein Sichtverdreher?«
»So könnte man sagen«, meinte Füchslin und betrachtete das Gestell in seiner Hand, als sehe er es zum ersten Mal. »Ein guter Hinweis – muss ich mir ernsthaft durch den Kopf gehen lassen.«
Marius’ Magen knurrte. Ihm fiel wieder ein, dass er eigentlich etwas hatte essen wollen. Aus Füchslins Tasche nahm er ein Stück würziger Wurst und etwas Brot. Beides aß er mit großem Genuss, ehe er unter eine der beiden Satteldecken schlüpfte, die Rosinantes Rücken bedeckt hatten und noch stark nach warmem Pferderücken rochen. Und während er in den Schlaf hinüberdämmerte, tanzte die Flamme der kleinen Öllampe hinter seinen Augenlidern und weiße und schwarze Götter und Teufel kletterten in seine Gedanken, in die sich auch eine Frage verwob, die ihm plötzlich seltsam erschien. Warum hatte Füchslin gesagt: Niemand wird uns hier finden?
An diesem Abend fanden sich ungewöhnlich viele Gäste in der Schänke »Zum fröhlichen Dukaten« ein. Auch waren unter ihnen zahlreiche Fremde, was – zumal in dieser Jahreszeit – selten vorkam. Der Wirt eilte sich, Krug um Krug auszuschenken und die Magd zu den Tischen zu scheuchen, während die Wirtin in der Küche zugange war, um nur ja genügend Braten, Brot und Käse herbeizuschaffen und auch hinreichend auf ihren Mann zu schimpfen. »Hättest du die Sülze nicht gegessen, dann wären wir jetzt nicht so in Verlegenheit!«, fuhr sie ihn wieder einmal an, als er den Kopf zur Küchentür hereinstreckte.
»Aber Lieschen, das konnte doch niemand wissen, dass wir heute so viele Gäste ...«
»Trotzdem!«, fuhr sie ihm über den Mund. »Wofür mache ich mir denn die Arbeit.«
»Es hat aber noch niemand Sülze bestellt ...«, warf der Wirt zaghaft ein.
»Ist es ein Wunder? Es gibt ja auch keine!«, blaffte seine Frau zurück. Er zog den Kopf lieber wieder ein, zumal ihm auch gar nicht einleuchten mochte, was Lieschen gesagt hatte, und wandte sich seinem Fass zu, das bald leer sein würde.
Mehrere Reisende waren seit dem späten Nachmittag aufgetaucht. Der Stall war voll, der Stallknecht fluchte, die Kammern oben waren alle belegt und sogar er selbst und seine Frau hatten auf den Speicher umziehen müssen, weil sich jeder der Reisenden seltsamerweise einbildete, unbedingt ein Zimmer ganz für sich alleine haben zu müssen. Der Wirt schüttelte den Kopf. Das hatte er auch noch nicht erlebt. Es kamen nicht viele Fremde nach Toss. Und die, die kamen, waren meist genügsam. Nun gut, ihm konnte es natürlich recht sein, wenn er nicht nur eine Kammer an vier Gäste vermietete, sondern vier oder wie heute gar fünf! Aber seltsam kam es ihm doch vor. Er ließ den Blick durch den Schankraum schweifen. Auch hier: Jeder Tisch war besetzt, von den Fremden aber saß ein jeder alleine an einem eigenen Tisch. Fünf Männer, ein jeder stumm hinter seinem Weinkrug und seiner Mahlzeit. Einer schlug sein Messer in den kalten Braten, als wollte er ihn ermorden. Ein anderer schaute finster umher und duckte dabei den Kopf wie ein Räubergeselle. Der Dritte knetete seine Mütze in den Händen, dass es aussah, als wollte er sie erwürgen. Der Vierte trug einen silbernen Ring, der die Form eines Totenschädels hatte und mit dem er unablässig spielte, während er Unverständliches vor sich hin murmelte. Der Fünfte saß in seinem Winkel wie ein Schatten, dunkel und schmal. Die restlichen Gäste, allesamt brave Bauern und Handwerker aus dem Ort, drängten sich an den verbliebenen zwei Tischen und ließen ein ums andere Mal schallendes Gelächter hören oder wahlweise wüste Schimpferei.
Die Magd kam herbei und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Der Herr im schwarzen Mantel dort hätte Euch gerne gesprochen, Meister«, sagte sie.
Der Wirt schaute kurz zur Küchentür, hinter der er seine Frau zetern hörte, seufzte und eilte hinüber zu dem Gast, der sich in den Schatten hinter einem der großen Balken gelehnt hatte, so dass man ihn gut und gerne hätte übersehen können, wenn man nicht gewusst hätte, dass er dort sitzt. »Ihr wolltet mich sprechen, Herr!«
»Ja«, raunte der Fremde und beugte sich gerade so weit vor, dass das wenige Licht aus der Schankstube eines seiner Augen zum Glänzen brachte. »Setzt Euch doch kurz zu mir und erzählt mir ein wenig.« Er machte eine einladende Geste und der Wirt stellte fest, dass der Fremde sogar hier drinnen Handschuhe trug. Schwarze Handschuhe. Er setzte sich. »Verzeiht, mein Herr«, sagte er. »Wie Ihr seht, ist heute viel los bei uns. Ich werde Euch nicht lange Gesellschaft leisten können.« Dabei blickte er verstohlen zur Küche hin.
»Ich sehe, dass sich Euer Gasthaus großer Beliebtheit erfreut«, stellte der Mann fest und lehnte sich wieder zurück. »Es scheinen nicht nur Einheimische hierher zu kommen, sondern auch viele Reisende bei Euch abzusteigen.«
»Oh Herr, das ist nicht immer so. Es kommen eigentlich nicht viele Reisende nach Toss. Aber heute ...«
»Habt Ihr denn heute Abend noch andere Gäste, die über Nacht bleiben?«
»Aber ja!«, beeilte sich der Wirt zu versichern. »Es sind alle Kammern belegt. Ich kann mich gar nicht erinnern, dass überhaupt jemals an einem Wintertag so viele Gäste bei uns übernachtet hätten.«
»Das ist ja höchst bemerkenswert«, sagte der Fremde mit seltsam lauerndem Ton. »Aber ich bin sicher, den einen oder anderen kennt Ihr schon von früheren Besuchen her ...«
»Kennen? Nein. Es sind nur Gäste hier, die ich zum ersten Mal bei uns ...«
»Hektor!«, scholl es von der Küche her. »Wirst du wohl sofort zu mir kommen? Du fauler Tunichtgut, du nichtsnutziger Strolch!« In der Küchentür stand die Wirtin, die Arme in die Hüften gestemmt.
»Verzeiht, Herr«, stammelte der Wirt und sprang auf. »Ich muss mich wieder um meine Arbeit kümmern.« Von den Tischen der Ortsbewohner her erklang lautes Johlen. Späße wurden gemacht und der Wirt glaubte zu hören, wie ihn Rufe verfolgten: »Nur keine Hektik, Hektor!« – »Vorsicht, Hektor, jetzt macht sie Sülze aus dir!« – »Gleich kommt die fiese Liese!«
Am nördlichen Bogen der Krähenbucht erhob sich düster Schloss Falkenhorst. Der Bau ragte steil über den Klippen auf und wirkte noch drohender denn je, seit der große Turm nach einem Blitzschlag eingestürzt war. Wie die Türme einer Kathedrale wiesen die zwei übrig gebliebenen mahnend zum Himmel. Der Felshaufen beim Palas, dem Haupthaus, hatte einen der Höfe verschüttet und wirkte wie ein Gebirge inmitten der Burg.
Auf einem der riesigen, von Schnee bepuderten Steinblöcke saß ein Mädchen, den Mantel eng um Leib und Beine geschlungen, den Blick hinaus aufs Meer gerichtet. Über dem Horizont war nur noch ein schwaches Abendrot zu erkennen. Bald würde es ganz dunkel sein.
»Xenia!«, rief eine Stimme von jenseits des Geröllhaufens.
Das Mädchen seufzte und richtete sich auf. »Ja?«
»Es ist spät!«
»Ich weiß.« Xenia blickte noch einmal nach Süden, wo sich bereits Dunkelheit über das Land gelegt hatte und auch das Meer im finsteren Nichts verschwand. Natürlich hatte sie nicht damit rechnen können, dass Florine noch am selben Tag zurückkehrte. Und doch: Wie viel wohler wäre ihr jetzt, wüsste sie die Freundin bereits wieder sicher auf dem Falkenhorst.
Xenia kletterte vorsichtig die Steinblöcke hinab, von denen einige mit Eis überzogen und so glatt waren, dass sie beim Darübergleiten die Augen schloss.
»Xenia!«, klagte der alte Mann, der sie unten erwartete. »Musst du so halsbrecherisch herumklettern?«
»Ich habe nach Florine Ausschau gehalten, Großvater«, entgegnete das Mädchen, zog den Mantel wieder fester um sich und hakte sich bei ihm unter. Sie gingen über den mit Steinen übersäten Winkel des Henkershofes, der nicht vom Burgfried unter sich begraben worden war, hinüber zum unversehrt gebliebenen großen Hof. Das spärliche Licht einiger weniger Fackeln bildete gelbe Inseln auf dem ansonsten dunklen Boden.
»Leise, Xenia«, mahnte Horatius Tyk seine Enkelin. »Es muss nicht jeder wissen.«
»Aber Großvater«, flüsterte Xenia, »wenn jemand lauscht, dann erfährt er doch auch nur, dass Florine unterwegs ist und nicht warum oder wohin.«
»Das mag ja sein. Aber wer nicht weiß, dass sie weg ist, wird sich auch nicht fragen, warum sie weg oder wohin sie geflogen ist.« Er lauschte auf die Geräusche ringsum. Doch es war nichts außer dem Hufschlag einiger Pferde zu hören, die die Burg eben verlassen hatten, und den Schritten eines Soldaten, der oben am Wehrgang entlanglief. »Komm jetzt, ich möchte gerne ein Wort mit Don Basilico reden. Lass uns kurz in der Küche vorbeischauen und dann zu deiner Großmutter gehen.«
Schweigend gingen sie über den großen Hof und unter einer niedrigen Tür hindurch ins Gebäude. Es war ein verwinkeltes System von Gängen, das die Burg durchzog. Wer es nicht kannte, konnte sich leicht verlaufen, wer aber wusste, wie die Wege miteinander verbunden waren, der konnte dieses Netz gut nutzen, um ungesehen von einem Ort zum anderen zu gelangen. Xenia kannte vielleicht mehr heimliche Gänge und Winkel als irgendjemand sonst auf der Burg. Das rührte von ihrer Freundschaft zu Golo her, dem alten Hofnarren, der jedoch vor einigen Wochen mit den Gauklern fortgegangen war.
Xenia führte ihren Großvater vorsichtig die steilen Stufen hinab. Der alte Mann hatte den größeren Teil seines Augenlichts im Kerker verloren, wo er viele Jahre in völliger Finsternis verbracht hatte. Nach wenigen Schritten waren sie bei einer niedrigen, breiten Tür angekommen, hinter der Scheppern, Klirren und Fluchen zu hören war.
Horatius Tyk lächelte. »Wenn man sich nicht an den Gerüchen der Küche orientieren könnte, man bräuchte nur dem Lärm nachzugehen.«
Xenia öffnete vorsichtig die Tür und geleitete ihren Großvater über die Schwelle. »Ah! Meister Tyk!«, ertönte freundlich die Stimme des Kochs, die man eben noch fluchend und schimpfend hatte vernehmen können.
»Don Basilico«, erwiderte der alte Mann, »es duftet wieder köstlich bei Euch!«
»Zu viel der Ehre!« Man konnte den Stolz in Don Basilicos Stimme hören. »Was darf ich Euch anbieten?«
Horatius Tyk entzog sich Xenias Arm und tastete sich zu einem der Stühle vor, die an dem riesigen Tisch in der Mitte des Raumes standen. »Vielleicht hättet Ihr eine Schale von Eurer wundervollen Walnusssuppe mit ein wenig Schmalz?«
»Aber ja doch, Meister Tyk, gerne!« Der Koch gab dem Küchenjungen ein Zeichen, dass dieser eine irdene Schale aus dem Geschirrschrank nehmen solle, und rückte einen kleineren Kessel über die Feuerstelle. »Habt Ihr Euch gut eingelebt, Meister Tyk?«, wollte er wissen.
»Bestens, lieber Don Basilico. Bestens. Mir geht es so gut wie überhaupt noch nie!« Ein Höllenlärm ließ ihn herumfahren. »Was zum Teufel ...!«, rief Don Basilico wütend, während der Küchenjunge mit rotem Gesicht stotterte: »T-t-t-ut m-m-mir l-l-leid. I-i-ich ...« Hilflos wedelte er mit den Händen über dem Haufen Scherben zu seinen Füßen.
Xenia sprang auf und nahm eine noch im Geschirrschrank verbliebene Schüssel. »Kein Problem«, sagte sie leichthin, als wäre nichts passiert. »Hier ist eine Schüssel.«
»Hm«, machte der Koch und runzelte die Stirn.
»Und das räume ich rasch mit Ludovico weg«, versicherte Xenia ihm und beeilte sich, einige Scherben in ihrem Rock zu sammeln, während der Küchenjunge langsam wieder aus seiner Verlegenheit herausfand und nun ebenfalls die Reste der kaputten Schale zusammenräumte. »Danke«, nuschelte er.
»Keine Ursache«, sagte Xenia. »Du bist ja noch so neu hier in der Küche. Da passiert so was schon mal.«
Ludovico nickte und schaute aus den Augenwinkeln zu seinem Meister hinüber, der inzwischen die Suppe gebracht hatte. Sein Gesicht war immer noch rot, auch wenn die Verfärbung sich langsam mehr zu den Ohren hin zog.
Xenia beobachtete ihn. Ludovico war ein, zwei Jahre jünger als sie. Sie schätzte ihn auf zehn. Nachdem sein Vorgänger Emerald im Kerker arbeiten musste und Marius keine Lust gehabt hatte, auf Schloss Falkenhorst zu bleiben, hatte es Ludovico erwischt. Nicht dass Küchenjunge eine schlechte Aufgabe gewesen wäre, nein, ganz und gar nicht, aber es war eben doch eine Arbeit, die sehr anstrengend war – und man musste ein wegen Don Basilicos aufbrausender Natur dickes Fell mitbringen. Xenia bezweifelte, ob Ludovico das hatte. Sie hatte zwar bisher nicht viel mit ihm zu tun gehabt, doch schien es ihr, als sei er ein wenig zarter als die anderen Jungen auf der Burg.
»Was für ein wundervolles Süppchen, Don Basilico«, seufzte Horatius Tyk, strich sich über den langen, weißen Bart und schob die geleerte Schüssel von sich. »Ihr seid ein Meister der Genüsse, Lukullus’ würdigster Priester.«
»Zu liebenswürdig«, entgegnete der Koch und hielt sich liebevoll den Bauch, als hätte das Kompliment diesem gegolten.
»Doch ich habe Euch nicht nur Eurer kulinarischen Meisterschaft wegen aufgesucht«, erklärte Horatius Tyk. »Ich wollte auch ein Wort im Vertrauen mich Euch sprechen.«
»Ein Wort im Vertrauen?« Der Koch trat nah an ihn heran. »Jederzeit gerne, Meister Tyk.«
Doch der alte Mann rückte nicht sogleich heraus mit der Sprache, sondern nickte, kaum merklich, zu dem Küchenjungen hinüber, der immer noch einen roten Kopf hatte – oder waren es nur noch die Ohren, die rot waren?
Don Basilico verstand sofort. Ein Wort im Vertrauen brauchte keine Zuhörer. Und gerade mit neugierigen Küchenjungen hatte er alles andere als gute Erfahrungen gemacht... »He, Bursche«, rief er Ludovico zu. »Sieh zu, ob du die Teller und Schüsseln aus dem Palas wieder einsammeln kannst!«
Ludovico richtete sich auf, legte die Scherben beiseite, die er in der Hand hielt, und nickte. »Sehr wohl, Meister.« Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging in die Speisekammer. Es dauerte einen Augenblick, ehe er wieder auftauchte und den Weg zur Küchentür suchte. »Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Don Basilico.
»Mhm«, murmelte der Junge und schlüpfte nach draußen.
»Ich weiß nicht«, grübelte der Koch. »Bisher war er eigentlich recht aufgeräumt und zuverlässig.« Dann wandte er sich wieder dem alten Mann zu, der nach wie vor an seinem Tisch saß und plötzlich sehr betrübt wirkte. Es war, als hätte er eine Maske abgelegt. »Nun erzählt«, forderte ihn Don Basilico auf. Horatius Tyk nickte und atmete tief durch. Dann sagte er leise, aber so eindringlich, dass Don Basilico schlagartig eine Gänsehaut über den Rücken lief: »Ich fürchte, lieber Don Basilico, wir haben ein ernstes Problem hier auf unserer Burg, nein, eigentlich im ganzen Reich. Und wenn wir es nicht schnell lösen, könnte es sein, dass wir alle hier in große Schwierigkeiten geraten.« Die Augen des Alten huschten im Raum umher, als könnten überall heimliche Lauscher verborgen sein.
»Aber wie soll das zugehen?«, fragte der Koch und setzte sich neben den alten Schreiber, der erst seit kurzem auf der Burg lebte.
»Der Herzog ...«, begann Tyk, doch Xenia hob die Hand. »Pst!«, mahnte sie und machte leise ein paar Schritte auf die Tür zu. Jetzt erst fiel dem Koch auf, dass das Mädchen noch in der Küche war. Keine Frage, nach allem, was in letzter Zeit auf der Burg geschehen war, durfte sie jederzeit ins Vertrauen gezogen werden und es war kein Wunder, dass der alte Tyk sie dabeihaben wollte. Schließlich hatte sie maßgeblich dazu beigetragen, dass er nach langen Jahren aus dem Kerker der Rabenburg befreit und dass ein Krieg der beiden Reiche von Herzog Friedbert und Fürst Heinrich verhindert worden war.
Xenia meinte, auf der anderen Seite der Tür zu hören, wie jemand tief Luft holte. Vorsichtig drückte sie auf den Riegel und das Schloss öffnete sich lautlos. »Was ist denn, Kind?«, fragte Horatius Tyk.
In diesem Augenblick stieß Xenia mit aller Kraft die Tür auf und ein markerschütternder Schrei drang herein, gefolgt von einem dumpfen Aufschlag.
»Was machst du hier?«, rief Xenia, obwohl es offensichtlich war. »Äh«, versuchte es Ludovico und machte dann weiter mit einem lang gezogenen »Ohhhh ...« Er hielt sich den Kopf mit beiden Händen, während er zu Xenia aufsah.
»Du hast gelauscht!«, hielt ihm das Mädchen vor. Mein Gott, dachte sie, er schielt ja! Tatsächlich konnte der Küchenjunge nicht gerade schauen. Eine seiner Hände wanderte nun vom Kopf zur Nase, die offenbar ebenfalls unangenehme Bekanntschaft mit der Tür gemacht hatte.
»T-t-tut mir l ...«
