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Zwei Freunde aus früheren Bundeswehrzeiten bei den Gebirgsjägern, Sepp Kasdorf – Angestellter einer Sparkasse in Bayern – und Harry Lehn –Kriminalkommissar in Hamburg – gönnen sich einen verlängerten Urlaub, um der Tretmühle ihrer Berufe für vier Wochen zu entgehen. Ziel ist der heilige Berg Kailasch im Himalaya, den sie zu Fuß umrunden wollen. Aufgrund einer vorübergehenden Sperrung der nepalesisch-chinesischen Grenze am Urailpass versuchen sie über eine unbekannte Nebenstrecke nach China auszuweichen. Das wird ihnen zum Verhängnis. Sie verirren sich. In der Hütte eines Einsiedlers stoßen sie auf das alte Tagebuch eines englischen Offiziers, der vor Jahren seine Suche nach einem sagenhaften Kloster beschrieben und diese Suche offenbar mit seinem Leben bezahlt hatte. Der Beschreibung in dem Tagebuch folgend, landen sie in dem abgelegenen Kloster Lao-san am Fuß der Achttausender. Der Beginn eines Albtraums.
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Seitenzahl: 328
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Impressum
Harry Lehn musste sich ein Glas Wasser bestellen, denn der Dry Martini, den die Stewardess von Cathay Pacific Airlines ihm serviert hatte, war ihm zu stark.
»Purer Gin«, krächzte er. »Und so etwas nennen die hier Dry Martini.«
Ein alter Engländer, der auf der anderen Seite des Ganges saß und der auch einen Dry Martini bestellt und bekommen hatte, drehte sich nach rechts zu Lehn und meinte: »Listen! People like you might refer to it as a straight Gin, but for me it is of course a very dry Martini.«
Lehn prostete darauf erst dem Engländer und dann verschmitzt grinsend seinem Freund Sepp Kasdorf zu, der den Fensterplatz in der 747 ergattert hatte.
Lehn war ganz froh über den Platz am Gang, wegen der Beinfreiheit. Man saß nicht ganz so beengt und konnte leichter zur Toilette gehen.
Kasdorf deutete auf Lehns Dry Martini. »Deine Fettleber wird es überleben«, tröstete er ihn. »Wenn ich daran denke, was du beim Bund alles geschluckt hast, wird mir heute noch schlecht.«
Lehn und Kasdorf hatten sich bei den Alpenjagern der Bundeswehr kennengelernt. Eigentlich mehr – sie waren während der achtzehn Monate Wehrdienst Freunde geworden. Freunde, weil sie zusammen gelitten, gelacht und Mist gemacht hatten und hinter den gleichen Mädchen her gewesen waren. Mehrmals waren sie beide vom UvD erwischt worden. Aber sie hatten sich gegenseitig gedeckt. Auf Gebirgsmärschen hatten sie sich über Strecken das MG geteilt, wenn einem die Puste ausgegangen war.
Nach der Grundausbildung hatten beide gewusst, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. Und sie hatten festgestellt, dass sie sich mochten.
Aus diesem »sich mögen« war eine echte Freundschaft geworden, die das Ende ihrer Dienstzeit überstanden und auch in den folgenden Jahren nicht gelitten hatte, als sich ihre Wege räumlich getrennt hatten.
Josef Kasdorf, beim Bund nur Sepp genannt, hatte studiert und war dann zu einer Sparkasse in Süddeutschland gegangen. Harry Lehn hatte sich für die höhere Laufbahn bei der Polizei beworben und war genommen worden.
Auf den ersten Blick zwei völlig verschiedene Lebenswege. Aber immer, wenn sie sich trafen, war es wie damals beim Aufstieg zum Watzmann oder wie auf den endlosen Gebirgsmärschen zum Funtensee. Wie damals gab es eine große Übereinstimmung bei allen Fragen und Problemen, die das Leben so bereithielt.
Nur bei den Frauen hatte Sepp Kasdorf immer die Nase vorn. Immer wieder verstand er es, die schönsten Frauen an sich zu binden, während Lehn auf diesem Gebiet etwas hinterherhinkte. Zugegebenermaßen spielte dabei auch sein Beruf eine negative Rolle. Welche Schönheit mochte sich schon an einen Kriminalbeamten binden, der nie wusste, wann er nach Hause kam, und das bei einem Gehalt, bei dem man sich schon überlegen musste, ob man bei einem Discobesuch einen zweiten Drink bestellen konnte.
Das letzte Mal hatten sich Lehn und Kasdorf auf dem Oktoberfest verabredet. Beide liebten sie die Atmosphäre dieses Megaevents, die Zelte, die bayrische Musik, das Bier, die Gesänge und das Gejohle der Menge.
Aber im letzten Herbst war es zum ersten Mal anders gewesen. Einfach zu voll. Die Kellnerinnen im Schützenzelt waren teilweise nicht mehr durchgekommen, die Musik war dauernd abgeschaltet worden, weil die Polizei das Zelt für überfüllt erklärt hatte, und die Toiletten waren übergelaufen.
Als das Madl von Kasdorf einmal aufgestanden war, um sich die Beine zu vertreten, waren die beiden Freunde zusammengerückt.
»So schön es hier ist«, hatte Kasdorf gegen den horrenden Lärmpegel angeschrien, »aber irgendwie sehnt man sich einmal nach einem Ort auf der Welt, wo es einsam ist und die Luft rein, wo man nachdenken kann und wo man in Ruhe pissen kann, ohne von den Nachrückern an die Rinne geschubst zu werden.«
»Du hast vollkommen Recht«, pflichtete Lehn ihm bei. »Alles hat seine Zeit, wie unsere Schwuchtel in Hamburg so richtig gesagt hat. Vielleicht sind auch wir für das Oktoberfest zu alt geworden.«
Ihm war diese unterschwellige Sehnsucht nach Ruhe und Besinnlichkeit auch nicht ganz fern. Auch er sehnte sich danach, einmal etwas ganz anderes zu machen, als auf St. Pauli das Zuhältermilieu zu beobachten und die drohenden Auseinandersetzungen zwischen Kosovo-Albanern und Wiener Zuhältern möglichst rechtzeitig zu entschärfen, bevor es Tote gab.
So war auf dem Oktoberfest im Herbst des vergangenen Jahres der Gedanke geboren, sich eine Auszeit zu nehmen und ans Ende der Welt zu fahren, dorthin, wo Einsamkeit, Ruhe und Frieden es einem ermöglichten, zu sich selbst zu finden. Auf dem Oktoberfest wäre diese Sinnsuche sicherlich nicht möglich gewesen. Hinzu kam, dass sie beide in ihren Berufen an einem Punkt waren, wo voller Einsatz gefordert wurde und wo bei den jetzigen Anforderungen abzusehen war, dass in den nächsten Jahren keine Zeit für eine längere Reise bleiben würde. Lehn hatte seinen Jahresurlaub, sein prallgefülltes Überstundenkonto und gut die Hälfte seines Bildungsurlaubs geopfert. Kasdorf war in der Warteschleife, die Filiale in Gunzenhausen zu übernehmen, sodass seine Auszeit seinem Arbeitgeber nicht ungelegen kam.
So saßen Harry Lehn und Sepp Kasdorf jetzt in der Maschine von Cathay Pacific Airlines nach Kathmandu in Nepal. Sie hatten in Frankfurt eingecheckt. Zum Verdruss von Lehn war Rauchen verboten.
Lehn verstand nicht, warum die Menschen sich diese Bevormundung gefallen ließen, nicht rauchen zu dürfen. Die Nazis und später die DDR hatten auch die Menschen in ihrem Verhalten bevormunden wollen, wobei es gar nicht um das Rauchen gegangen war. Heute waren die Grünen auf dem gleichen Kurs.
»Spießige Bande!«, murmelte Lehn. Natürlich durfte es nicht zu einer Belästigung derjenigen kommen, bei denen Zigarettenrauch Übelkeit hervorrief. Aber er fragte sich, ob die Geruchsbelästigung von Schweißfüßen, Achselschweiß und gewissen Parfums besser war, und ob nicht der Rauch, diese menschlichen Ausdünstungen gnädig kaschieren konnte.
Kathmandu hatten sie sich als Ziel auserkoren. Kathmandu stand für Fremde, Erlebnisurlaub, einfach für alles, was die Lüneburger Heide oder Rügen nicht boten. Ein Kontrastprogramm. Kontrast pur!
Sie waren zum Zerreißen gespannt, was sie erwartete. Denn ihr Ziel war ja nicht Kathmandu, sondern das Himalaja. Jenes Reich der weißen Majestät. Dieses Gebirge, das letztlich das letzte Refugium war, wollte man der Internetgesellschaft entfliehen. Genauer gesagt war ihr Ziel der heilige Berg Kailash. Die Idee war, den Berg zu Fuß zu umrunden, was immerhin einen Fußmarsch von über fünfzig Kilometern in ziemlicher Höhe bedeutete.
Alles war von Deutschland aus über eine Trekking-Agentur in Kathmandu gebucht. Die Agentur, so hatten sie sich im Internet abgesichert, galt als absolut spitze, was Service, Reisevorbereitung, Beschaffung der Trekking-Permits und das Auto betraf, das sie an den Fuß des Reiches der Achttausender bringen sollte.
Der Airbus setzte sanft auf der Piste des Kathmandu International Airport auf.
»Gekonnt«, rief Sepp Kasdorf Lehn zu und tat so, als prostete er dabei dem Pilot zu. Doch die Gläser waren längst leer und teilweise abgeräumt.
Sie verließen die Maschine über den Finger, ließen die Einreiseschikanen geduldig über sich ergehen und verließen dann das Flughafengebäude.
»Die Luft«, sagte Lehn begeistert. »Atme die Luft ein. Riecht man nicht schon den Schnee des Himalaja?«
Sepp Kasdorf stimmte nur bedingt zu, denn gerade fuhr ein Bus an ihm vorbei, dessen Abgase er voll ins Gesicht bekam. Er musste husten.
Ein Taxi brachte sie zu ihrem Hotel, in dem die Agentur gebucht hatte. Das Hotel hatte den für Nepal treffenden Namen »Yak & Yeti«. Allein die Fahrt durch die Stadt war schon ein Erlebnis. Es wimmelte auf den Straßen von Menschen, den abenteuerlichsten Fahrzeugen und abstrus vielen Mopeds und Fahrrädern. Lehn und Kasdorf konnten sich nicht sattsehen an dem Bild von Leben, das sich ihnen bot.
Als sie einen ziemlich großen Platz passierten, murmelte der Taxifahrer: »Durbar Square. Center of Kathmandu!«
»Thanks for info«, bedankte sich Lehn und fragte, ob es noch weit zum Hotel sei.
Der Fahrer schüttelte den Kopf.
Tatsächlich bog der Fahrer wenig später in eine kleine Nebenstraße und stand schon vor dem Hoteleingang des Hotels »Yak & Yeti«.
Nachdem sie ihre Zimmer bezogen hatten, zog es sie gleich wieder hinaus in das Gewimmel der Straßen. Es war faszinierend. Jetzt, kurz nach 18 Uhr, schien es, als seien alle Einwohner Kathmandus unterwegs per Fahrrad, Moped oder zu Fuß. Die Menschen waren wie Farbtupfer in einer dunkelgelbfarbigen Umgebung, was wohl an der Ockerfarbe des Lehms lag, aus dem die Häuser gebaut waren. Lehn und Kasdorf ließen sich treiben, benebelt von den Gerüchen der Garküchen, die an den Straßenrändern stark frequentiert wurden, und betäubt von dem ohrenbetäubenden Lärm, hervorgerufen von dem ständigen Hupen der Autos und dem Krach der Busse mit ihren altersschwachen Dieselmotoren, die wohl noch nie einen TÜV gesehen hatten, geschweige denn je sehen würden.
Sie ließen sich in der Menge treiben und erreichten die Dharma Path Road und kurz darauf den berühmten Gemüsemarkt. Die Fülle und Farbenpracht war einfach umwerfend für einen Europäer.
Zurück ging es dann durch die legendäre Freak Street, die so überfüllt war, dass die Menschen sich durch die Garküchen und Verkaufsstände nur so schoben.
Langsam spürten sie Hunger. Sie fanden ein kleines Lokal, das ganz nett aussah. Das Essen war gewöhnungsbedürftig aber einige San-Miguel-Bier trösteten sie über das schlechte Essen hinweg. Als sie ihr Hotel erreichten, waren sie so geschafft, dass sie selbst auf einen abschließenden Besuch an der Hotelbar verzichteten.
Am nächsten Morgen wurde es ernst. Sie hatten sich bei der Trekking-Agentur angemeldet, bei der sie von München aus gebucht hatten. Die Agentur lag an der New Road, die etwas moderner war und ansatzweise an europäische Geschäftsstraßen erinnerte. Nach gut vierzig Minuten Fußmarsch standen sie vor der »Himalaja Trekking Agency Ltd«. Von außen machte der Laden einen honorigen Eindruck. Erleichtert betraten sie den Laden.
Die Innenausstattung war das genaue Gegenteil der etwas moderneren, westlich anmutenden Außenfassade. Die Räume waren völlig vollgemüllt mit allem, was das Herz eines Trekkers begehrte: Trekkingschuhe, Essgeschirre, Seile in allen Farben, Haken, kleine zusammenschiebbare Aluleitern, ganze Zelte, Atemgeräte und Winterkleidung in allen Farben und Größen stapelten sich über- und untereinander. Es war unbeschreiblich, aber in gewisser Weise auch ein Traum.
Ein indischer Angestellter begrüßte sie ausgesprochen höflich. Erstaunlich schnell hatte er den Vorgang mit der Bestellung aus München zur Hand.
»Mr. Kasdorf«, sagte er und wandte sich Lehn zu, der dieses kleine Missverständnis aber höflich übersah. »Sie wollen mieten einen Toyota, Wanderstiefel, Thermohosen, Wetterjacken, zwei Schlafsäcke, zwei Rucksäcke mit Inhalt, ein Zelt inklusive Luftmatratzen, ein Satellitentelefon und ein GPS. Doch GPS-Gerätist in Toyota eingebaut. Sie brauchen es doch nicht doppelt? Oder wollen Sie auch richtig trekken? Zu Fuß, meine ich?«
»Doch«, antwortete Lehn. »Wir wollen doch am Berg Kailash zu Fuß wandern, da brauchen wir ein mobiles GPS.«
»Ah«, antwortete der Inder, wobei ein Grinsen über sein Gesicht huschte. »Sie sind Kenner, wahre Trekker, nicht nur so Salontouristen. Gut! Aber langer Weg bis zum Kailash. Toyota bringt Sie dort rauf. Über Urai Pass nach China und dann links auf den Highway 219. Nach einigen Kilometern geht dann die Straße zum Kailash ab. Visum für eine Woche bekommen Sie oben an Grenze!«
Der Inder kramte jetzt in einem Wust vor Formularen. Schließlich zog er eines heraus. »Mietvertrag für Toyota«, sagte er und legte Lehn das Papier vor. »Bitte hier unterschreiben.« Er deutete auf ein umrandetes Kästchen unten rechts auf der Seite.
Lehn überflog den Vertrag. Er verstand gar nichts, außer dass der Vertrag auf Josef Kasdorf ausgestellt war.
»Mein Freund muss unterschreiben«, meinte er und deutete auf Kasdorf.
»Ach, Sie sind Mr. Kasdorf«, entschuldigte sich der Inder. »Konnte nicht wissen.«
Kasdorf unterschrieb. »Wollen Sie meine Driving Licence sehen?«
Der Inder winkte verächtlich ab. »Wissen Sie, Mr. Kasdorf. Ob hier jemand einen Führerschein hat oder nicht, ist völlig egal. Er muss nur einen Toyota unter extremen Verhältnissen lenken können. In der Stadt genauso wie auf dem Land, und schon gar oben im Himalaja. Von Ihrem Können als Fahrzeuglenker hängt von jetzt an Ihr Leben ab. Die Straßen sind, wenn sie nicht asphaltiert sind, unberechenbar. Vor allem bei Regen, denn die Reifen finden bei dem kleinsten Gefälle auf dem schmierigen Untergrund keinerlei Halt.«
»Sie können beruhigt sein«, schaltete sich Lehn in die Unterhaltung ein. »Mein Freund und ich können einen Toyota sicher fahren. Wir bringen Ihnen das Fahrzeug heil zurück.«
»Habe keine Sorgen«, sagte der Inder lächelnd. »Sonst zahlt Versicherung. Und nun bitte um Ihre Kreditkarte und tausend Dollar Depot. Wie vereinbart.«
Da das abgesprochen war, reichte ihm Kasdorf seine AMEXCO-Karte und blätterte tausend US-Dollar in bar auf den Tisch.
Lehn wollte wissen, wo der Toyota übergeben wurde.
»Hinten auf Parkplatz«, sagte der Inder. »Ich zeige Ihnen. Folgen Sie mir!«
Zu dritt gingen sie in Richtung Hinterausgang. Über der Tür war ein großes Schild angebracht, auf dem ein langer Text stand. Interessiert blieb Lehn stehen und las:
»Die Berge des Himalaja bestehen nicht nur aus sonnendurchfluteten Hängen, aus atemberaubenden Bergzinnen, aus gleißenden Firnfeldern und aus schneebedeckten Gipfeln, die den Himmel zu berühren scheinen. Die Berge entwickeln auch todbringende Energien in Form von Lawinen, Steinschlag, Geröll und Wetterstürzen. Der Mensch ist diesen Energien allein ausgeliefert, weil er in den unendlichen Höhen und Hochtälern nicht mit Hilfe rechnen kann. Ist die Route des Menschen nicht bekannt, kann ihm nicht geholfen werden. Er muss sich selber helfen, sonst ist er verloren.«
»Das kann einem zu denken geben«, sagte Lehn, als er zu Ende gelesen hatte.
»Ja«, meinte der Inder. »Wir haben diese Tafel extra hier aufgehängt, weil wir feststellen, dass immer mehr Menschen hierherkommen, die sich völlig überschätzen. Das Himalaja-Gebirge ist mit seiner Natur so gewaltig, dass der Mensch sich nur mit Demut ihm nähern kann. Tut er es nicht, ist er unweigerlich verloren. Tot! Aus!« Der Inder machte eine Geste, als würde sein Kopf abgehackt.
»Schon gut«, meinte Kasdorf, dem das Theatralische nicht so lag.
Der Inder verließ den Laden durch die Hintertür, die auf den hinteren Parkplatz führte.
»Auch wir nähern uns dem Himalaja in Demut«, pflichtete Lehn dem Inder bei, der etwas zurückgeblieben war, und fügte dann hinzu: »Aber auch mit einer gewissen Eile, denn wir wollen und müssen in drei Wochen zurück sein. Dann geht unser Flugzeug nach Deutschland zurück. Unser schöner Urlaub ist zu Ende, und die Maloche beginnt wieder.«
Der Inder hatte offenbar nur wenig verstanden. So ging er ohne zu antworten auf einen silberfarbenen Toyota zu, der zwischen anderen Fahrzeugen auf dem Hof abgestellt war.
»Ihr Toyota«, sagte er höflich und öffnete die Fahrertür. »Die übrigen Sachen haben wir schon in den Kofferraum gelegt.«
Lehn und Kasdorf bedankten sich bei dem freundlichen Angestellten, versicherten noch einmal, die Karre unversehrt zurückzubringen, öffneten die Seitenscheiben und legten den Rückwärtsgang ein, um aus dem engen Hof herauszukommen.
Der Inder verbeugte sich höflich und wünschte noch einmal einen schönen und ereignisreichen Urlaub.
Keiner der drei Anwesenden, die auf diesem engen Hinterhof der Firma Himalaja Trekking Agency Ltd. versammelt waren, konnten in diesem Augenblick wissen, dass das Wort »Urlaub« für die Zeit, die ihnen bevorstand, nicht ganz die richtige Bezeichnung war.
Am nächsten Morgen ging es los. Zünftig um sechs Uhr, wie Sepp Kasdorf gefordert hatte. Das kostete zwar Schlaf, ermöglichte aber eine besinnliche Fahrt durch das noch nicht ganz aufgewachte Kathmandu. Da sie sich nur bedingt auf den wenigen Straßenverkehr konzentrieren mussten, sahen sie im Vorbeifahren den Tempel Seto Macchendranath, genossen den noch ziemlich leeren Durbar Square und wandten sich dann Richtung der Ausfallstraße nach Süden. Kolonnen von voll beladenen Lastwagen kamen ihnen entgegen. Viele mit Holz beladen.
»Für die Scheiterhaufen, zum Verbrennen der Toten«, meinte Sepp Kasdorf.
Lehn lief es kalt über den Rücken. Aber nicht lange, denn es wurde zunehmend wärmer.
Ihr Tagesziel war Lumbini, die Geburtstätte von Siddharta Gautama.
Bei ihrer Reiseplanung waren sie sich einig geworden, dass ein Besuch der Geburtsstätte von Buddha mit dem Heiligen Garten ein absolutes Muss war. Beide hatten sie das Buch von Hermann Hesse verschlungen, und je mehr sie sich nun dem Geburtsort von Siddharta näherten, umso eingebundener in die Lehren des Mahayana-Buddhismus fühlten sie sich.
»Was sagt dir diese Art des Buddhismus?«, fragte Lehn.
»Ich erinnere mich, dass die Buddhisten an die Wiedergeburt glauben. Man kann mit vielen guten Taten das nächste Leben verbessern. Die nennen das Karma. Irgendwo am Ende ist dann das Nirwana, was wohl unserem Paradies nahekommt.«
Dass sie sich in der Zeit verschätzt hatten, wurde ihnen schon mittags klar. Auf Grund der schlechten Straßen, dem hohen Verkehrsaufkommen und der Menge der Lastwagen hatten sie mittags gerade einmal zweihundert Kilometer geschafft.
»Na, das fängt ja gut an«, meinte Lehn. »Aber wir haben wenigstens so diesen Teil von Nepal und den Pokhara Highway kennengelernt.«
»Lass uns in Gorkha übernachten«, meinte Lehn nach dem Studium der Karte.
Gorkha entpuppte sich als ein historischer Ort. Majestätisch über dem Zentrum lag der Palast. Dem Reiseführer entnahmen sie, dass an diesem Ort irgendeine tantrische Göttin residierte. Aber Lehn und Kasdorf waren zu müde, um zu dem Palast hochzuwandern.
Als sich am nächsten Morgen der Nebel lichtete, sahen sie am Horizont die weiße Kette der Achttausender. Der Anblick war umwerfend. Dafür war die Fahrt nach Lumbini weniger spektakulär, um nicht zu sagen ziemlich langweilig.
Am späten Nachmittag kamen sie an. Lumbini gab eigentlich auch nichts her. Wenn nicht Buddha dort geboren wäre, hätte sicherlich niemand Station gemacht. So standen einige Busse herum, und eine überschaubare Zahl von Touristen trottete durch die Gassen.
Noch vor Einbruch der Dunkelheit besichtigten Kasdorf und Lehn den Heiligen Garten von Bodhgaya, in dem Siddharta Gautama geboren worden war. Um einen Moment nachzudenken, setzten sie sich auf eine Bank unter einem der vielen Feigenbäume. Lehn zündete sich eine Zigarette an.
»Musst du gerade hier rauchen?«, fragte Kasdorf.
»Ich gehöre zu den Menschen, die mit einer Zigarette besser aussehen«, erwiderte Lehn trocken.
Während der nächsten beiden Tage lernten sie die Fahreigenschaften ihres Toyotas kennen. In der Ebene zwischen Butwal und Chisapani war die Straße noch einigermaßen in gutem Zustand. Dann aber bogen sie nach Norden in Richtung Urai-Pass. Die kurvenreiche Straße wand sich langsam höher ins Gebirge. Es ging an steilen Hängen entlang, die immer mehr von riesigen Rhododendrenbäumen bewachsen waren. Manchmal waren die Rhododendren so dicht, dass es wie ein Wald war. Zwischendurch aber gab es immer wieder Ausblicke auf die schneebedeckten Berge, die langsam näher kamen.
Lehn und Kasdorf waren fasziniert von der Natur. Immer wieder sprachen sie darüber, wie richtig die Entscheidung gewesen war, nach Nepal zu fahren und diese Natur zu erleben.
Ihr Reiseführer hatte zwischenzeitlich die Beschreibung eingestellt. Der Herausgeber hatte sich wohl nicht vorstellen können, dass man bis in diese entlegenen Ecken der Welt vordringen konnte.
Sie kamen durch zahlreiche Dörfer. Manchmal, wenn es Klöster gab, hielten sie an. Mit ihren Gebetsfahnen und den Glöckchen, die im Wind bimmelten, übten sie eine starke Faszination aus. Die klare Luft tat ein Weiteres. Nicht nur einmal hatten Lehn und Kasdorf das Gefühl, mit etwas Überirdischem konfrontiert zu sein.
Am dritten Tag näherten sie sich dem Urai-Pass. Der Zustand der Straße war schon den ganzen Vormittag erbarmungswürdig gewesen. Einige Lastwagen quälten sich die Passstraße hinauf. An ein Überholen war nicht zu denken. Doch meistens hatten die Fahrer ein Einsehen und ließen den Toyota an Ausweichstellen vorbei. Glücklicherweise war der Gegenverkehr gering. Aber es waren nicht nur Steigungen zu bewältigen. Kilometerlang ging es durch Hochtäler, die hauptsächlich aus Geröll und vereinzelten kleinen Seen bestanden.
Inzwischen machte sich bei beiden die Höhe unangenehm bemerkbar, was nicht verwunderlich war, denn sie mussten inzwischen über dreitausend Meter hoch sein. Vielleicht auch höher. Jedes Mal, wenn sie den Wagen verließen und ein paar Schritte gingen, mussten sie erst einmal ihre Pumpe zur Ruhe bringen.
Vielleicht zwei Kilometer vor der eigentlichen Grenzstation am Urai-Pass passierten sie das »Himalaja Inn«, ein Resthouse, das eher eine Mischung aus Tankstelle, Kneipe und alter Karawanserei war. Nach der Menge der parkenden PKWs und LKWs zu urteilen, ging in dem Resthouse die Post ab. Lehn wollte anhalten und etwas trinken, aber Kasdorf winkte ab. Er hatte sicher Recht, denn auf der chinesischen Seite der Grenze lagen vor ihnen noch viele Kilometer bis zum nächsten Ort. Und man wusste nicht, wie lange sie von den Grenzbeamten aufgehalten werden würden.
Die erste große Enttäuschung auf dieser Reise kam schneller als erwartet. Schon nach vielleicht einem Kilometer hinter dem Resthouse war die Straße mit Lastwagen verstopft. Da sich die Straße in einer leichten Linkskurve vor ihnen am Hang entlangschlängelte, konnte man unschwer erkennen, dass es bis zur Grenze einen Stau von mehr als einem Kilometer gab. Hauptsächlich Lastwagen, manchmal aber auch Personenwagen dazwischen. An ein Weiterkommen war jedenfalls nicht zu denken.
Lehn schaute Kasdorf fragend an. »Was machen wir jetzt?«
Kasdorf zuckte mit den Schultern. »Einer von uns sollte zu Fuß zur Grenze gehen und sich umsehen, was der Grund für diesen Stau ist.«
Das war aber nicht nötig, denn zufällig erschien ein nepalesischer Zollbeamter, der auf Nachfrage in ziemlich gutem Englisch erklärte, dass die Grenze von den Chinesen geschlossen worden sei.
»Und warum?«, fragte Kasdorf entgeistert.
»Wie üblich«, antwortete er, »tibetanische Unruhen. Dann machen sie die Grenze einfach dicht.«
»Und für wie lange?«
Der Nepalese zuckte mit den Schultern. »Einen Tag, zwei Tage, vielleicht auch eine oder zwei Wochen. Keiner weiß es. Am wenigsten wir vom nepalesischen Zoll. Uns sagen die gar nichts.«
»Was würden Sie uns raten?«, unterbrach Lehn.
»Fahren Sie zurück zum ›Himalaja Inn‹«, sagte er. »Es ist immer noch besser, irgendwo ein Bett zu haben, als hier eine Woche in der Schlange zu stehen, im Auto zu schlafen und sich das Essen aus dem Resthouse holen zu müssen. Noch ist kein Lastwagen hinter ihnen, der sie blockiert.«
Lehn blickte in den Rückspiegel. Die Straße hinter ihnen war tatsächlich noch frei.
»Nichts wie weg hier«, sagte er zu Kasdorf, haute den Rückwärtsgang rein und setzte den Wagen bis zu einer Stelle zurück, wo man drehen konnte.
Beim Resthouse angekommen, parkte er den Toyota auf einem der letzten Parkplätze. Die Kapazität des Parkplatzes ging offensichtlich zur Neige.
Sie betraten das Resthouse. Was sie erwartete, war unvorstellbar. Drinnen tobte das pralle Leben. Eine dicke rauchgeschwängerte Luft hing wie bläulich wabernder Nebel unter der Decke. Es roch nach einem Gemisch von Schweiß, Gewürzen, Knoblauch, Motoröl, sonstigen menschlichen Ausdünstungen, Zigarren, Pfeifen und dem eher betäubenden Rauch von Räucherkerzen. Der Fußboden, der wohl aus Kieferndielen bestand, war kaum zu erkennen, da überall etwas herumlag. Es war kein Resthouse, sondern eher eine Karawanserei voll von Lastwagenfahrern, Touristen, Familien, die nach China wollten, buddhistischen Mönchen in ihren roten Kutten und fliegenden Händlern, die auf Pappkartons saßen, in denen wohl ihre Ware verstaut war. Dazwischen einige nepalesische Zollbeamte und Grenzpolizisten, die aufgrund der geschlossenen Grenze arbeitslos waren und wie Falschgeld herumgingen. In dem ganzen Gewusel spielten einige Hunde. Selbst eine kleine Ziege hatte sich durch die offenstehende Tür gedrückt, stand verloren vor dem Tresen und schaute interessiert zu, wie Unmengen von Bier ausgeschenkt wurden.
Der Raum war erstaunlich groß. Die Decke wurde von mehreren Holzpfeilern gestützt. An den Wänden standen Tische. In der Mitte lagerten Waren, Rucksäcke und die sonstigen Habseligkeiten der Gäste.
Kasdorf und Lehn fanden an einem Tisch Platz, an dem schon zwei Lastwagenfahrer, ein buddhistischer Mönch und ein Polizist saßen sowie eine Frau, die zu niemandem zu gehören schien.
Nach der Begrüßung versuchten sich Lehn und Kasdorf in das allgemeine Gespräch einzufädeln. Da alle Nepali sprachen, gelang das nur zögerlich. Aber schließlich hatten es Kasdorf und Lehn mit Liebenswürdigkeit und einigen Runden Freibier geschafft, dass sich alle bemühten, die Weltsprache Englisch anzuerkennen und in dieser Sprache zu kommunizieren. Das war bei den Lastwagenfahrern und dem Polizisten ein geringes Problem, bei dem Mönch war es schwierig und bei der Frau unmöglich. Der Polizist musste ihren mehr als spärlichen Beitrag zur Unterhaltung übersetzen.
Nach zwei Stunden intensiver Gespräche, in die auch andere Gäste einbezogen worden waren, war herausgekommen, dass eigentlich niemand wusste, warum die Grenze geschlossen war. Es gab nur Gerüchte. Diese reichten von einer Revolution in Tibet über den Tod des Dalai Lamas bis zu Erdrutschen auf der chinesischen Seite der Passstraße, die aber nicht so schnell beseitigt werden konnten, weil das schwere Gerät erst wie immer von Paryang herangekarrt werden musste, was eben dauern würde. Wo eigentlich Paryang lag, darauf konnte man sich nicht mit Sicherheit einigen.
Auf Deutsch sagte Kasdorf zu Lehn: »Ich habe das Gefühl, dass mit der Entfernung von der Zivilisation die Vielzahl der Gerüchte im Quadrat steigt.«
»Das Gefühl habe ich auch!«, pflichtete Lehn ihm bei. »Aber wie blöd diese Sperrung der Grenze für uns auch ist – allein diese Karawanserei zu sehen, zu erleben, hier zu sitzen und diese Raupensammlung von Menschen beobachten zu können, ist eigentlich schon die weite Reise wert. Genauso muss es vor hundert oder zweihundert Jahren gewesen sein, wenn man gedanklich die Mercedestrucks durch Yaks und Mulis ersetzt.«
Lehn kam der Gedanke, die Einheimischen zu fragen, ob es keinen anderen Weg nach China gab.
Der Polizist berichtete von einem Pass namens Nanga-La, der gut zweihundert Kilometer weiter östlich lag. Die Grenze dort oben würde nicht sonderlich streng kontrolliert, ganz im Gegensatz zu den Kontrollen am Urai-Paß.
»Aber da kann man nur mit einem PKW mit Vierradantrieb oder einem kleinen LKW rüber«, unterbrach einer der Lastwagenfahrer.
Der andere Lastwagenfahrer nickte zustimmend und erzählte dann, dass die Straße zu dieser Jahreszeit passierbar sei. Die Fahrt sei atemberaubend schön, aber eben schon ein echtes Abenteuer. Die Anstrengung würde sich aber lohnen, da man ständig den Bergen ganz nah sei.
»Und warum ist die Straße nur jetzt passierbar?«, wollte Kasdorf wissen.
Der Lastwagenfahrer grinste. »Es fehlen die Brücken über die Bäche und Flüsse«, erklärte er. »So einfach ist das! Nach heftigen Regenfällen oder gar bei Föhneinbrüchen führen die Bäche so viel Wasser, dass man nicht mehr durchkommt. Ja, so ist das hier nun einmal im Himalaja!«
Nachdem Kasdorf die Autokarte aus ihrem Toyota geholt hatte, bat er den Lastwagenfahrer, die Strecke einzuzeichnen.
Dieser erklärte, man müsse zuerst nach Simikot zurückfahren, dann Richtung Darma. Dort links abbiegen über Nepka, Lapchachaur und dann hoch zum Nanga-La-Pass. Auf der chinesischen Seite träfe man kurz vor Punsum auf den Highway 219. Das sei ein Höllenritt, aber einmalig, was die Natur betreffe.
Lehn und Kasdorf bedankten sich, falteten die Karte zusammen und erhoben sich von ihren Stühlen.
Beim Verlassen des Raums fiel Lehns Blick auf einen Wandkalender. Es war noch einer dieser alten Kalender der italienischen Reifenfirma Pirelli, mit denen die Italiener offenbar alle Tankstellen der Dritten Welt überschwemmt hatten. Zur Freude der männlichen Kundschaft, denn die Kalenderblätter zierten immer besonders schöne und vor allem leicht bekleidete Frauen. Irgendjemand hatte dieses Exemplar mit einem schäbigen, aber aktuellen Abreißkalender bestückt. Das Blatt zeigte Montag, den 21. Mai.
Sie traten nach draußen. Nach den betäubenden Gerüchen in dem Resthouse tat die kalte, aber klare Luft gut. Sie ermöglichte ihnen, wieder klarer zu denken.
Montag, 21. Mai, 7 Uhr morgens
Frankfurter Flughafen, East Wing, Terminal 2, Ebene 4
Büro von CARGO AND MORE
Auf dem Frankfurter Flughafen wurden gegen sieben Uhr morgens an diesem 21. Mai der Chef des Frachtterminals und zwei Vorarbeiter, verantwortlich für die Frachtentladung und die Einlagerung der ankommenden Fracht, dringend zu ihrem Chef, Klaus Niebuhr, gerufen, der im Verwaltungstrakt auf der vierten Ebene des Terminals 2 sein Büro hatte.
Es waren Felix Habermann, Chef des Frachtterminals, und die Vorarbeiter Dieter Wollweber und Eugen Holtkötter.
Nach mehreren gefühlten Kilometern Fußmarsch erreichen die drei die Verwaltungsebene des Flughafens, wo sie sich im Zimmer 258 melden sollten.
Ihr Vorgesetzter begrüßte sie und bat sie, Platz zu nehmen.
Sie waren zu fünft in dem kleinen Büro. Die Luft war schon am frühen Morgen stickig. Außer Niebuhr hielt sich von Anfang an ein weiterer Mann im Raum auf, der offensichtlich gelangweilt an der Wand lehnte. Dieser Mann murmelte nur eine kurze Begrüßung, hielt sich sonst aber im Hintergrund.
Niebuhr klärte die drei Mitarbeiter über den Grund der Unterredung auf.
»Ich habe Sie zu dieser Besprechung gebeten, weil Polizeirat Brinkmann von der Bundespolizei gleich ein paar Worte zu Ihnen sagen möchte.« Er deutete auf den Mann, der immer noch scheinbar gelangweilt an der Wand lehnte. »Zur Einführung möchte ich noch einmal, vor allem für das bessere Verständnis von Herrn Brinkmann, Ihre Tätigkeitsbereiche beschreiben. Herr Wollweber ist mit seinem Team für das Entladen der Frachtmaschinen verantwortlich. Hauptsächlich kleine Container, die in Form und Größe dem Flugzeugrumpf angepasst sind. Der Rest, der zu groß ist oder aus welchen Gründen auch immer nicht in Container passt, ist Stückgut. Herr Holtkötter ist mit seinem Team verantwortlich für die Einlagerung in den Lagerhallen und für die weiterführende Logistik. Jeder der beiden hat ungefähr fünfundzwanzig Mann unter sich.«
Polizeirat Brinkmann trat jetzt neben den Schreibtisch.
»Mein Name ist, wie Sie eben gehört haben, Brinkmann, von der Bundespolizei. Ich bin zu Ihnen gekommen, um mit Ihnen eine außergewöhnliche Aufgabe zu besprechen. Auch ich will mich kurz fassen, denn ich weiß, dass bei Ihnen die Zeit knapp und jede Minute verplant ist.« Er machte eine Pause. »Wie Sie vielleicht gehört haben, haben irgendwelche Abgeordneten des Bundestages beschlossen, die Deutsche Bundesbank zu zwingen, eine Inventur der Goldbestände durchzuführen. Inventur bedeutet nach HGB das Zählen, Begutachten und Aufnehmen der Dinge, die Gegenstand der Inventur sind. Zählen kann man aber nur, wenn man etwas zum Zählen hat. Der Haken ist, dass Teile der Goldbestände gar nicht bei uns in Frankfurt lagern, sondern bei den Zentralbanken in Paris, London und New York. Da kann man also keine Inventur machen, denn die FED würde sich bedanken, wenn irgendwelche deutschen Buchhalter dort erscheinen würden, um die einzelnen Goldbarren zu zählen und wohlmöglich auch noch zu wiegen. Also muss das Zeug nach Frankfurt gebracht werden. Wohl nicht alles. Aber wenigstens ein repräsentativer Teil. Es stellt sich nun die Frage, wie man diese Goldbarren transportiert. Da, wie wir alle wissen, Deutschland von Amerika durch den Atlantik getrennt ist, muss man also ein Schiff oder ein Flugzeug bemühen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Franzosen einen Teil ihrer Goldbestände, die bei der FED lagerten, mit einem U-Boot abholten. Bei uns ist das anders. Unsere Bundesbank zieht den Transport per Flugzeug vor. Und da sind wir schon bei unserem Problem angekommen. Wir bekommen nämlich Mitte Juni einen Goldtransport mit einer Airbus Frachtmaschine A 310-200 aus New York. Geplant sind dreißig Tonnen in Barren. Alles London-Good-Delivery-Standard. Heutiger Wert: knapp eine Milliarde Euro. Ein solcher Goldschatz weckt natürlich in zwielichtigen Kreisen gewisse Begehrlichkeiten, wie Sie sich vorstellen können.«
Alle Zuhörer nickten. Offensichtlich konnten sie sich das auch vorstellen.
»Ich bin heute zu Ihnen gekommen«, fuhr Brinkmann ernst fort, »um das gesamte Umfeld des Frachtterminals zu durchleuchten. Vor allem die Kollegen von Ihnen, die die Entladung vornehmen und die Weiterverladung der Barren koordinieren.«
»Da sind Sie«, unterbrach Niebuhr, »bei den drei Herren richtig.«
Etwas unwirsch über die Unterbrechung fuhr Brinkmann fort: »Ich brauche von Ihnen eine genaue Aufstellung der Arbeiter, die in Ihren beiden Teams arbeiten. Und von Ihnen«, wandte Brinkmann sich an Habermann, »brauche ich die Personalunterlagen von jedem Arbeiter der Teams der Herren Holtkötter und Wollweber.«
»Kein Problem«, entgegnete Habermann hilfsbereit.
Wollweber und Holtkötter nickten auch.
»Und wann erwarten Sie die Maschine aus New York?«, fragte Habermann.
Brinkmann zögerte mit der Antwort. Es war ihm überhaupt anzumerken, dass er so wenig wie möglich die Hosen herunterlassen wollte. Aber da er etwas sagen musste, um die Vorbereitungen nicht zu behindern, nannte er den 14. Juni. Plus/minus zwei Tage.
Habermann, der das Problem viel pragmatischer anging, schlug vor, dass man erst einmal den 14. Juni für die Ankunft der Maschine aus New York einplanen solle. Ideal sei eine Ankunftszeit gegen elf Uhr morgens, meinte er, um genug Zeit zu haben, die Ladung zur Bundesbank zu transportieren.
Das erregte den Widerspruch von Holtkötter. Das sei nicht möglich, da die Frachtmaschinen aus New York ganz früh morgens oder spät abends ankämen. Wegen der Zeitverschiebung.
»Dann haben wir also das erste Problem!«, gab Polizeirat Brinkmann zu. »Der Haken nämlich ist, dass die New Yorker darauf bestehen, dass aus Sicherheitsgründen die Frachtmaschine gleich nach der Beladung den JFK Airport verlässt, was bedeutet, dass die Maschine in Deutschland gegen fünf Uhr in der Nacht landet. Und dieser Forderung müssen wir Rechnung tragen.«
»Müssen wir nicht«, unterbrach Niebuhr. »Dank unserer grünen Politiker haben wir hier in Frankfurt seit Neuestem ein rigides Nachtflugverbot. Wir brauchten also eine Ausnahmegenehmigung für eine Landung vor sechs Uhr morgens, und die werden wir wohl kaum bekommen.«
»Scheiße«, entfuhr es Brinkmann. »Diese Grünen sind der Untergang unserer Gesellschaft. Es ist wie bei den Nazis oder in der DDR. Mit ihrer bornierten Kleinbürgerlichkeit und ihrem Gutmenschentum versuchen sie jeden Fortschritt kaputtzumachen, um ihre spießige Sicht der Dinge den liberal denkenden Menschen aufzuzwingen.«
»Wir könnten«, sagte Niebuhr nach einigem Nachdenken, »die Maschine auf einem anderen deutschen Flughafen zwischenlanden lassen, wo die Nachtflugauflagen nicht so rigide sind und wo man eine Ausnahmegenehmigung bekommt. Was halten Sie von Hamburg?«
»So machen wir das!«, entschied Brinkmann spontan. »Wir lassen die Maschine in Hamburg zwischenlanden, lassen sie auftanken, und CARGO AND MORE soll die Besatzung austauschen, da die Piloten vielleicht sonst zu lange im Dienst sind, was gegen die Ruhezeitenregelung verstößt. Das hätte den zusätzlichen Vorteil, dass man durch die Zwischenlandung in Hamburg hier in Frankfurt verschleiern kann, dass die Maschine in Wirklichkeit aus New York, vom JFK Airport, kommt. Die neue Besatzung kann dann in aller Ruhe in Hamburg gegen zehn Uhr morgens abfliegen, um kurz nach elf Uhr hier zu landen. Dann könnten die Entladung und der anschließende Transport zur Bundesbank sofort beginnen. Wir werden dann die ganze Aktion mit Beamten vom MEK absichern.«
»Was brauchen Sie also genau?«, wandte sich Niebuhr an Polizeirat Brinkmann.
»Zwei Listen von Herrn Wollweber und Herrn Holtkötter, auf denen die Namen der Arbeiter vermerkt sind, die am Tag der Ankunft der Maschine dort im Frachtbereich arbeiten, wobei wir heute vom 14. Juni ausgehen. Wir geben Ihnen 24 Stunden vor der endgültigen Ankunft Bescheid. Dann können Sie die Liste aktualisieren, falls einer der Arbeiter krank geworden ist und durch einen anderen ersetzt wurde. Auf jeden Fall müssen Sie dafür garantieren, dass an der Entladung der Maschine nur Männer beteiligt sind, die von uns überprüft worden sind.«
»Klar doch«, antwortete Habermann. »Das kriegen wir hin!«
»Sie können ganz beruhigt sein«, sagte Wollweber. »Für meine Männer lege ich die Hand ins Feuer.«
»Das glaube ich Ihnen«, sagte Brinkmann. »Aber Vorsicht erspart dem Klugen die Reue!«, fügte er nachdenklich hinzu.
»Auf welchem Weg bekommen wir über das genaue Ankunftsdatum, Zeit und Flugnummer Bescheid?«, wollte Habermann wissen.
»Von mir persönlich«, sagte Brinkmann. »Ich werde hier vor Ort sein und alles koordinieren.«
»Das war es dann, meine Herren«, sagte Niebuhr zu Habermann, Wollweber und Holtkötter. »Halten Sie Ihre Augen auf. Vor allem erwarte ich von Ihnen, dass nichts über dieses Gespräch nach außen dringt. Es wäre nicht das erste Mal, dass etwas vorher durchsickert. Und das sollte in diesem Fall auf alle Fälle vermieden werden. Der Wert der Ladung ist einfach zu hoch, als dass uns Fehler unterlaufen dürfen. Sie verstehen, was ich meine?«
Habermann, Wollweber und Holtkötter nickten und erhoben sich.
Niebuhr begleitete sie zu Tür.
Nachdem die drei den Raum verlassen hatten, fragte Niebuhr den Polizeirat: »Und, was halten Sie von unseren Leuten?«
»Wir werden auch sie durchleuchten müssen. Wir können uns einfach keine Fehler leisten. Aber sie schienen mir ganz in Ordnung zu sein.«
Polizeirat Brinkmann sollte sich geirrt haben. Sein erster Eindruck des Vorarbeiters Wollweber war falsch. Dieter Wollweber war ein sogenannter Schläfer.
Aufgewachsen in kleinbürgerlichen Verhältnissen in einer Kleinstadt im Vogelsbergkreis, war er mit achtzehn Jahren wahrscheinlich aus Liebeskummer vom rechten Weg abgekommen. Die Folgen waren Alkoholkonsum und schließlich Drogen. Danach war er abgetaucht und hatte sich schließlich im Islam wiedergefunden. Er war konvertiert und nannte sich ab sofort Ali Mursi. Als solcher schien er sein Glück gefunden zu haben. Alkohol, Drogen und Frauen waren Vergangenheit. Das gemeinsame Freitagsgebet war sein Inhalt geworden.
Sein Führungsoffizier Ahmed Bin Salid hatte ihm befohlen, auf dem Frankfurter Flughafen anzufangen, wo er auf seltsame Weise schnell einen guten Job bekommen hatte. Da Dieter Wollweber alias Ali Mursi nicht dumm war, war er bald zum Vorarbeiter aufgestiegen.
Die Bedingungen von Bin Salid für seine Hilfestellung bei der Jobsuche waren gewesen: Absolutes Schweigen über seinen Übertritt zum Islam und tägliche Berichterstattung über den ankommenden und hinausgehenden Frachtverkehr, insbesondere mit Ländern im Nahen Osten, besonders aber mit Israel, sowie über besondere Vorkommnisse.
So war Ali Mursi in seinem Berufsleben wieder zu Dieter Wollweber mutiert.
Die »besonderen Vorkommnisse« waren jetzt in der Tat gegeben. Sobald Dieter Wollweber zurück in seinem Büro und allein war, griff er zum Telefon, wählte die Nummer von Bin Salid und verabredete mit ihm ein Treffen in einem Lokal in Sachsenhausen, da er wichtige Neuigkeiten von seinem Arbeitgeber habe.
Das Treffen fand noch am frühen Abend im »Grünen Laub«, einem der größten Lokale in Sachsenhausen statt. Bin Salid hatte einen Tisch gewählt, der in der Nähe des Eingangs stand, aber außerhalb der Hörweite von anderen Tischen. Ali Mursi berichtete jede Einzelheit, die er und Holtkötter bei der Besprechung im Büro von seinem Chef Niebuhr gehört hatten. Man erwarte eine Airbus-Frachtmaschine aus New York mit dreißig Tonnen Gold. Wert: knapp unter einer Milliarde Euro.
Bin Salid stockte hörbar der Atem.
»Wäre das was für uns?«, fragte Ali Mursi alias Wollweber erregt.
»Warum nicht?«, antwortete Bin Salid, nachdem er die Nachricht einigermaßen verdaut hatte. »Es würde der Kasse unserer Bewegung jedenfalls gut tun. Und wir würden Allah zu Diensten sein. Meine Güte, knapp eine Milliarde Euro, und alle unsere Probleme wären für Jahre, wenn nicht für immer gelöst. Allein wenn man bedenkt, welche Waffensysteme wir uns kaufen könnten …«
Er prostete Ali Mursi mit seinem »Äppelwoi«-Bembel zu.
»Wann soll der Transport nach Deutschland über die Bühne gehen?«
»Mitte Juni«, stotterte Wollweber, der erst langsam zu begreifen schien, was Bin Salid mit seiner Bemerkung angedeutet hatte. »Als Datum wurde der 14. Juni plus/minus zwei Tage genannt.«
Sie trennten sich. Bin Salid hatte Ali Mursi alias Dieter Wollweber zum absoluten Schweigen verdonnert.
Bin Salid hatte es eilig, in seine Einzimmerwohnung in Offenbach zu kommen. Er musste so schnell wie möglich diese Neuigkeit weitergeben. Er wählte eine Nummer, die für Notfälle reserviert war. Ohne einen Namen zu nennen, meldete sich eine männliche Stimme. Sie tauschten ein Kennwort aus, das die Garantie war, dass beide frei sprechen konnten. Aufgeregt haspelte Bin Salid seine Neuigkeiten herunter. Er vergaß kein Detail.
»Danke«, sagte die Stimme. »Du und dein Informant haben unserer Sache Ehre erwiesen. Halte dich für weitere Befehle bereit und melde alle Neuigkeiten.«
Damit war das Gespräch beendet.
Mit einem glücklichen Lächeln legte Bin Salid den Hörer beiseite. Er war überzeugt, seinem Vorgesetzten Branko Selic und natürlich Allah gedient zu haben. Besser hätte es nicht laufen können. Dieser 21. Mai könnte zu seinem Glückstag werden.
Noch in der gleichen Nacht telefonierte Branko Selic mit seinem Chef in Islamabad. Nachdem er alles berichtet hatte, wagte er die Prognose, dass al-Qaida bald so reich sein werde, dass man auf Augenhöhe sogar mit anderen Staaten verhandeln könne, sozusagen als gleichwertiger Partner.
Das war vielleicht etwas zu hoch gegriffen, und so würgte ihn sein Chef mit seiner Entscheidung ab: Er würde morgen am 22. Mai mit allen Beteiligten eine Telefonkonferenz schalten, um zu besprechen, wie man weiter vorgehen wolle.
