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Geschichte von drei Abenteurern, die eine verlassene Turmruine erkunden und dabei seltsame Entdeckungen machen. Sie versuchen, das Geheimnis der Ruine zu lüften, indem sie allerlei Nachforschungen anstellen.
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2020
Bernd Oehmig
Das Geheimnisder Turmruine
© 2020 Bernd Oehmig
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-04747-1
Hardcover:
978-3-347-04748-8
e-Book:
978-3-347-04749-5
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Cover-Bild nach einer Foto-Vorlage von Maria Weinmann (Karlsfeld)
Für Leonie
Diese Geschichte spielt in dem kleinen Dorf Pillheim zu Beginn der 1950er Jahre. Damals gab es noch kein Internet, kein Handy, kein Tablet, keine Computer und folglich auch keine Computerspiele und keinen E-Mail-Verkehr. Selbst ein Telefon war keine Selbstverständlichkeit und entsprechend hatten nur wenige Menschen einen Telefonanschluss. Die meisten Leute mussten zum Telefonieren eine Telefonzelle aufsuchen. Man schrieb noch Briefe, oft auf einer alten Schreibmaschine mit Farbband, und musste lange auf eine Antwort warten, und wenn man beim Amt etwas zu erledigen hatte, musste man sich umständlich nach den Öffnungszeiten erkundigen. Der Schulunterricht fand auch am Sonnabend statt. In dieser Welt ohne Navigationsgeräte, Kamera-Drohnen oder Webcams lebten drei Abenteurer, von denen ihr jetzt hört.
In der Schule war die letzte Woche vor den großen Ferien angebrochen und die drei befreundeten Klassenkameraden Holger, von allen nur „Holle“ gerufen, Alex und Leon nutzten die Unterrichtspausen, um zu beratschlagen, was man denn in den Ferien gemeinsam unternehmen könnte. Sie gingen in die kleine Dorfschule von Pillheim am Rande des Klopitschs, einer bewaldeten Erhebung in der Nähe der nächstgelegenen Stadt Fraunhausen. Die Schule besuchten nur wenige Kinder, die auf die Klassen 1 bis 4 verteilt waren. Unsere drei Freunde gingen in die 4. Klasse. Es war gar nicht so einfach, gemeinsame Tage für Ferienunternehmungen zu finden, denn alle drei fuhren mit ihren Eltern in den Urlaub. Alex und Leon konnten in den zwei letzten Ferienwochen, Holle aber konnte nur in der letzten Ferienwoche an Spielen, Ausflügen oder dem Badengehen teilnehmen. Immerhin wussten sie nun, dass sie zumindest die letzte Woche gemeinsam verbringen konnten. Zunächst hatten sie aber keine besondere Idee für etwas Neues, und so stand zuallererst „Baden“ auf dem Programm. Für die drei war es immer eine große Freude, in einem nahe gelegenen Teich schwimmen zu gehen und dann am Ufer auf einer Decke zu liegen und zu quatschen. Das war natürlich kein besonderes Vorhaben, weil sie das schon oft getan hatten, aber Holle war nun auf die Idee gekommen, dass man einmal etwas anderes tun sollte, nämlich den Teichgrund abtauchen. Vielleicht fänden sich dort interessante Gegenstände, die vor langer Zeit in das Wasser geraten oder sogar absichtlich dort versenkt worden waren. Schnell war man natürlich auch bei einem „Schatz“, was die Vorfreude durchaus steigerte. Sie phantasierten von verlorengegangenen Münzen, historischen Dolchen mit Goldgriff, alten Helmen und solchen Dingen.
„Vielleicht finden wir auch ein Skelett“, meinte Leon, aber darüber konnten sie nur lachen, weil es doch zu absonderlich erschien.
Obwohl das nur ein kurzer, eher spaßig gemeinter Einwurf von Leon war, setzte sich bei den Freunden, zumindest für einen Augenblick, im Kopf das Bild eines vermoderten und mit Algen besetzen Gerippes fest. Aber schnell kam man davon wieder ab, weil nun Pläne, wie man am besten vorgehen sollte und wo man mit dem Tauchen anfangen könnte, das Gespräch bestimmten. Tauchen wollten alle drei, aber nur zwei hatten eine Taucherbrille, so dass verabredet wurde, reihum die Brillen zu verteilen, damit jeder zum Zuge kam. Alex wusste, dass eine alte Holzkiste bei ihm zu Hause im Keller stand, die er mitbringen wollte, um darin die Fundstücke sammeln zu können. Der Teich war zwar nicht sonderlich tief, aber doch immerhin so tief, dass man darin nicht stehen konnte. Es gab rings um die Freiwasserfläche einen Schilfgürtel. An einer Stelle war dieser unterbrochen, nämlich dort, wo es eine Badestelle gab. Man beschloss, von der Badestelle aus, ab dem äußeren Schilfgürtelrand den Grund abzusuchen, und wollte auf der linken Seite der Badestelle beginnen. Je mehr sie darüber nachdachten, desto größer wurde die Vorfreude und desto mehr Ideen wurden vorgetragen, z. B. dass man auch sämtlichen Müll herausfischen und dafür vielleicht vom Bürgermeister eine Belobigung ausgesprochen bekommen könnte. Dann würde die ganze Schule von der Aktion sprechen. Aber noch mussten sie sich gedulden, denn erst einmal mussten die Ferien anbrechen und dann mussten sie noch auf ihre Rückkehr aus dem Urlaub mit den Eltern warten.
Sie hatten keinen bestimmten Tag oder eine Uhrzeit nach ihrer Rückkehr festgelegt, was auch nicht nötig war, denn in dem kleinen Pillheim standen ihre Elternhäuser nur wenig entfernt voneinander am Dorfanger. Die Elternhäuser von Leon und Alex standen direkt benachbart und zwischen Leon und Holle stand nur ein anderes Haus. So konnte man jederzeit schnell bei dem anderen klingeln oder ihn sogar rufen, wenn er auf dem Hof war. Zudem standen die Türen im Sommer meist offen – Diebe oder Betrüger waren auf dem Land sehr, sehr selten. Natürlich waren das Ende der Schulzeit und der Beginn der großen Ferien ein Höhepunkt und auch die unmittelbar bevorstehende Urlaubsfahrt mit den Eltern war Grund zur Freude. Leon fuhr mit seinen Eltern mit den Fahrrädern, die reichlich bepackt waren, zu einem See in einigen Kilometern Entfernung, wo ein bescheidenes Boot, das ihnen gehörte, für die kommenden Tage ihr Domizil sein sollte. Sie verbrachten praktisch die gesamte Zeit auf dem Wasser und Leon spielte mit dem Gedanken, hier das Tauchen schon einmal zu üben. Vielleicht könnte er seine Freunde mit einem besonderen Fund überraschen und für extra Spannung auf die kommenden Tauchgänge sorgen. Alex wurde mit seinen Eltern von seinem Onkel abgeholt, der ein altes, klappriges Auto besaß und sie zu einem Zeltplatz in 120 Kilometer Entfernung fuhr, der sich am Rande eines ausgedehnten Waldgebietes befand. Holles Eltern besaßen einen Kleinwagen und wollten bis ans Meer fahren, um dort, in einer Pension wohnend, die Seeluft zu genießen. Und so trennten sich ihre Wege am Ferienbeginn.
Als die Zeit der letzten beiden Ferienwochen gekommen war, trafen sich Alex und Leon, um zusammen zu spielen. Holle war noch mit seinen Eltern unterwegs. Die beiden gingen zum Teich baden, dachten auch an die geplanten Tauchgänge, wollten aber auf Holle warten, bis es endlich losgehen sollte. Als Holle dann am Sonntag vor der letzten Ferienwoche auch wieder zu Hause war, war die Freude groß, denn endlich konnten sie den Plan in Angriff nehmen. Sie verabredeten sich für den kommenden Montagvormittag, packten ihre Badesachen und die Taucherbrillen ein und zogen los. Alex klemmte eine Holzkiste für die Fundstücke auf den Gepäckträger seines Fahrrads. Leon erzählte, dass er es schon bei der elterlichen Bootsunternehmung versucht hatte und dass es gar nicht so einfach war, im tiefen Wasser vom Boot aus zu tauchen. Jedenfalls war er nicht bis zum Grund gekommen und musste das Vorhaben nach mehreren erfolglosen Versuchen schließlich enttäuscht aufgeben. Nun sollte alles anders werden; der große Augenblick war gekommen. Alex und Leon fingen an. Sie wateten durch das Wasser bis zum Außenrand des Schilfes, wo ihnen das Wasser bis zum Bauch stand. Da konnte es nicht allzu schwierig sein, den Grund abzusuchen. Sie blieben nebeneinander und tauchten ab. Das Wasser war grünlich und recht trübe und beim ersten Blick erkannten sie nichts. Der Grund wurde von ihren Füßen aufgewühlt, so dass in kürzester Zeit gar nichts mehr zu erkennen war. Zudem konnten sie die Luft nicht so lange wie gewünscht anhalten und tauchten recht schnell wieder auf. Sie sahen sich an und ahnten, dass ihre optimistischen Pläne sich wohl so schnell nicht realisieren lassen würden. Gleich tauchten sie noch einmal ab, aber das Ergebnis war nicht besser als zuvor.
„So ein Mist!“, rief Leon Holle zu, der gespannt, mit den Füßen im Wasser stehend, auf die beiden wartete.
„Versuch du es einmal mit meiner Brille“, sagte Alex zu Holle.
Holle und Leon tauchten ab. Holle hatte, ohne etwas zu sagen, angenommen, die beiden wären nur nicht richtig vorgegangen, und er wollte es besser machen. Die Enttäuschung war aber groß, denn auch er sah nur eine trübe, grüne Brühe, die kaum einige Zentimeter freie Sicht auf den Grund zuließ. Verärgert zog man sich an das Ufer zurück. Die Jungen setzten sich auf ihre mitgebrachten Decken und sahen sich ratlos an. Der ganze Plan schien im Eimer zu sein. Sie legten sich auf den Rücken, starrten in den Himmel und jeder dachte darüber nach, was nun zu tun sei. Dann folgten einige Ideen, die aber hilflos erschienen. So meinte Holle, dass man mit Stöcken den Grund abstochern könnte, aber wie sollte man damit kleinere Gegenstände finden, die im Modder versunken waren, Münzen zum Beispiel. Eine andere Idee war, den Grund mit einem Netz abzufischen. Leon wusste, dass sein Vater ein solches Netz an einem Bambusrohr besaß. Mit ihm holte man schwerere Fische aus dem Wasser, wenn sie an der Angel hingen. Er wusste auch, wo im Schuppen das Netz lag.
„Hol` es doch, wir versuchen es“, sagte Alex, und Leon lief los.
Der Weg zwischen ihren Häusern und dem Teich war nicht weit, und bald kam Leon freudestrahlend mit dem Netz zurück. Sofort ging man ans Werk. Sie drückten das Netz an der Stange auf den Grund, aber weil der viele Schlamm nachgab, war es nicht einfach einzuschätzen, wie tief man drücken musste. Das erste Ergebnis dieser Aktion war, dass der Modder so aufgewühlt wurde, dass das grünliche Wasser erst bräunlich- und dann schwärzlich-trüb wurde. Als sie das Netz zum ersten Male herausholten, fand sich darin außer einigen abgestorbenen schwarzen Schilfstücken nichts. Die Maschen waren viel zu weit – so konnte man keine Münzen auflesen. Also unternahmen die drei Freunde noch einen Versuch. Sie besorgten sich einen längeren Stock, festen Draht und ein Stück alter Gardine. Der Stock war schnell im Gehölz gefunden, beim Draht mussten sie schon in den elterlichen Schuppen herumsuchen, und noch schwieriger wurde es bei der Gardine. Holles Mutter erinnerte sich, dass uralte abgehangene Gardinenteile noch im Keller liegen mussten, von denen man damals nicht wusste, was man damit machen sollte. So bastelten sie sich eine Konstruktion, die von der Idee her nicht schlecht war, aber in der Umsetzung neue Probleme schaffte, etwa das Anbringen der zugeschnittenen Gardine an dem gebogenen Draht oder die Befestigung des Drahtes an dem Stock. Das Ganze nahm so viel Zeit in Anspruch, dass man von Ferne hörte, wie zum Abendessen gerufen wurde. Folglich verschob man die neue Suche auf den kommenden Tag.
Nach dem Frühstück am nächsten Tag brachen die drei Jungen wieder zum Teich auf. Sie begannen mit derselben Prozedur wie am Vortag, und tatsächlich war das Ergebnis ein anderes, aber leider nicht erfolgreicheres. Strichen sie nur lose über den Grund, war das Netz mit kleinen Pflanzenteilen voll. Drückten sie das Netz tiefer in den Grund, war es so voller stinkenden Modders, dass das Netz beim Herausholen kaputtzugehen drohte. In diesem Modder fanden sie aber auch nichts Verwertbares. Nur einmal gab es eine kurze Aufregung, nämlich als Alex mit dem Fuß an etwas Hartes stieß, das aber dem Gefühl an den Zehen nach eine samtige Oberfläche haben musste.
„Ahh!“, rief er aus und es schauderte ihn etwas, weil er an das Gerede vom Gerippe denken musste.
Das Harte erwies aber nur als ein verzweigter und mit Algen bewachsener Ast. Nach einigen weiteren Versuchen und dem Fund eines halb vom Rost zerfressenen Deckels einer Fischbüchse gaben sie auf. Alles war umsonst – Trübsinn machte sich breit. Keine Münzen, kein Gold, kein Schwert. Und wieder lagen sie auf ihren Decken und starrten in den Himmel. Entmutigt und lustlos setzten sie sich wieder auf, spielten mit den Fingern im Gras oder warfen kleine Steinchen in Richtung Wasser. Ihre leeren Blicke wanderten an den Baumkronen und dem dazwischenliegenden Horizont entlang.
Dann sagte Holle: „Wir könnten ja mal zu dem alten Turm fahren.“
Links vom Teich war in einiger Entfernung am Fuße des Klopitschs der obere Teil einer Turmruine sichtbar, deren Existenz zwar allen im Dorf bekannt war, die aber kaum jemand je aufgesucht hatte. Auch die drei Freunde waren jeweils nur ein Mal mit ihren Eltern vor langer Zeit anlässlich von Spaziergängen mit Verwandtschaftsbesuch schon dort, aber nur deswegen, weil der Besuch nach der Ruine gefragt hatte. Das war schon ewig her und in Vergessenheit geraten. Zu sehen gab es auch nichts Besonderes, zumal der untere Teil des Turmes völlig von Gestrüpp umhüllt war. Allerdings hatten die drei übereinstimmend in Erinnerung, dass ihre Eltern sich früher einmal dahingehend geäußert hatten, dass die Gegend „nicht gut“ sei und dass man da „lieber wegbleiben“ sollte. Es war ein Ort, der irgendwie nie in ihrem Blickfeld war und der sie nie sonderlich interessiert hatte. Der Teich, die umliegenden Wiesen und Wälder waren für die Jungen bisher anziehender als das abgelegene Gemäuer.
Und wie sie so etwas verdrossen auf ihren Decken saßen, meinte Alex: „Vielleicht sollten wir unser Glück noch einmal im alten Turm versuchen.“
Die beiden anderen waren davon nicht sonderlich berührt und Leon sagte: „Na, von mir aus. Wir können es morgen ja einmal versuchen. Da müssen wir aber mit den Fahrrädern hinfahren, zum Laufen finde ich es zu weit.“
So kam man überein, am nächsten Tag die Turmruine aufzusuchen.
Die Turmruine bestand aus einem verfallenen Rundturm, dessen eine Hälfte bereits in Trümmern lag, die von dichtem Pflanzenwuchs überwuchert waren. Die andere Hälfte stand noch, aber die gelben, groben Mauersteine zeigten in den Zwischenräumen größere Lücken von der Verwitterung. Nach oben hin war der Turm offen; die ursprüngliche obere Abdeckung war eingestürzt. Der noch erhaltene halbrunde Turmrest fiel zu beiden Seiten treppchenartig ab und verbreiterte sich nach unten zum Turmfuß hin. Auch der Mauerschutt im Inneren war von kleinen Birken, Holunder, wilden Brombeeren und anderen Büschen überwuchert. Nach oben zeigte der noch erhaltene Turmteil zwei Schießscharten, an der Innenseite Reste ehemaliger Stufen und auf der Turmkrone noch einige Zinnen. Seitlich des Turmes sah man verfallene Reste eines Anbaus, dessen ursprüngliche Verbindung mit dem Turm durch Einsturz unterbrochen war, so dass man den Turm über die Trümmer kletternd umrunden konnte.
Die Jungen hatten ihren Eltern nichts von ihrem Vorhaben gesagt; so war es verabredet, denn sie befürchteten, dass sie den Besuch des Turmes eventuell untersagt bekämen. Sie hatten sich an die negativen Äußerungen der Eltern erinnert.
Allerdings hatte Leons Mutter gefragt: „Was werdet ihr denn heute unternehmen?“
Leon gab die ausweichende Antwort: „Mal sehen, wir wollen ein bisschen mit dem Fahrrad herumfahren.“
Nach der Mutter Ermahnungen zur Vorsicht begab sich Leon um zehn Uhr zum Treffpunkt am Trampelpfad zum Badeteich, der zwischen den Häusern von Holle und Alex von der Dorfangerstraße abzweigte. Leon und Holle hatten Taschenlampen mitgebracht und Alex ärgerte sich, weil er daran nicht gedacht hatte. Er wollte noch einmal zurück und eine holen, aber die beiden anderen meinten, das sei nicht nötig. Vermutlich würde man die Lampen ohnehin nicht benötigen. Sie fuhren also los, verließen die Dorfangerstraße und bogen an der folgenden Straßengabel nach rechts ab. Hier standen die letzten Häuser des Dorfes. Dann wurde die Straße unbefestigt und man bewegte sich zunächst auf einem breiten Feldweg, der sich immer weiter verschmälerte und dann zunehmend unübersichtlicher wurde, da er sich um Büsche und Bäume herumwand. Bei verschiedenen Gabelungen war nicht klar, welcher Weg zum Turm führen würde, aber die Jungen fuhren einfach der vermuteten Richtung nach und gelangten tatsächlich zur Turmruine. Durch das Gestrüpp verdeckt, konnten sie nur Teile des Turmes sehen. An dem Ort herrschte vollkommene Stille. Vor den Büschen stand ein kleiner verrosteter Pfahl mit einem schief hängenden und verwitterten Schild: Betreten verboten! Die drei sahen sich zunächst etwas ratlos an, da kleine Bäumchen und Buschwerk nicht nur die Sicht auf die unteren Mauern, sondern auch den Zugang zum Fuße des Turmes verstellten. Sie lehnten ihre Fahrräder an einen Baum und gingen zu Werke, wobei sie beschlossen, das Betreten-Verboten-Schild nicht gesehen zu haben.
Als sie sich durch die Büsche geschlagen hatten, inspizierten sie die Mauern, den Turmfuß, den Turm selbst sowie den Anbau bzw. die jeweiligen Reste davon. Hier und da ragten einige zerbrochene Balken mit Eisenbeschlägen aus den Trümmern, die ihrerseits mit Moos und Flechten überzogen waren. Als sie Turm und Anbau umrundet hatten und wieder an der Ausgangsstelle standen, sahen sie sich etwas ratlos an.
„Was sollen wir hier suchen?“, fragte Leon.
„Wir dürfen nicht nur so obenhin schauen, wir müssen genauer gucken, mehr so untersuchen und vielleicht auch mal etwas anfassen und beiseiteschieben“, antwortete Holle.
„Dann fangen wir am besten am Turm selbst an“, meinte Alex.
Sie verteilten sich ein wenig und jeder versuchte nun, genauer nach Auffälligkeiten Ausschau zu halten. Alex fing an, einige alte Steine anzuheben und zur Seite zu schieben. Damit kam er aber nicht sehr weit, denn der größte Teil der Steine war so schwer, dass einer allein sie gar nicht heben konnte. Bahnte sich also die nächste Enttäuschung an?
Zunächst arbeiteten sie noch alle eifrig an den von ihnen ausgesuchten Flecken, aber bald mussten sie sich eingestehen, dass unter den Steinen wohl nur noch mehr Steine lagen. Man hätte einen Bagger benötigt. So kamen sie wieder zusammen, setzten sich auf hervorstehende Steine und schauten sich wieder einmal ratlos an – wie damals am See nach den verunglückten Tauchgängen. Sie verließen das Turminnere und setzten sich außen an die Turmmauer. Und wie sie so saßen, lustlos mit kleinen Steinen oder Stöckchen auf andere Steine schlagend, sah Leon an einer Stelle des Turmfußes – sie hatten bisher innen gesucht – eine leichte Vertiefung gegenüber der sonstigen Erdabdeckung, nur eine geringfügige Delle. Er stand auf, ging dorthin und drückte mit dem Schuh in die kleine Absenkung. Dabei gab der Boden plötzlich deutlich nach und man hörte ein Knirschen von zusammengedrückten Steinen.
„Hier ist was!“, rief er, „hier können wir es noch einmal versuchen!“
Die beiden anderen standen eher gelangweilt auf und gingen zu Leon. Tatsächlich, wenn man mit den Schuhen drückte, gab das Erdreich etwas nach. Sie sahen sich an und schon begannen sie, mit bloßen Händen die Erde zu entfernen. Da diese aber mit Schuttsteinen vermengt war, lädierten sie nur ihre Finger und kamen nicht besonders weit.
„Wir brauchen Werkzeug, eine Spitzhacke und Ähnliches“, sagte Holle.
Also beschloss man, doch erst noch einmal nach Pillheim zurückzufahren und Werkzeug zu beschaffen. Jeder suchte im elterlichen Schuppen nach verwertbarem Werkzeug, einem Spaten, einem
