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Im Herbst 1993, während eines mehrtägigen, ungewöhnlich dichten Nebels, verschwindet die Familie Benninghaus spurlos von ihrem Wohnsitz, der Beekwarf. Eine Untersuchung durch die Polizeidi-rektion Husum bleibt ergebnislos und sie bittet das Landeskriminalamt Kiel um Unterstützung. Der Einsatz der LKA-Beamten führt ebenfalls nicht zu einer Aufklärung der Ereignisse, endet aber mit dem rätselhaften Verschwinden der leitenden Hauptkommissarin und eines weiteren Polizeibeamten. Einer der Zeugen dieses Vorfalles ist Andreas Thorensen vom Polizeirevier Husum. Gemeinsam mit Kriminalhauptkommissar Michael TenDegen vom LKA Kiel, der im Folgenden die Untersuchungen leitet, versucht er, den Fall aufzuklären. Die beiden verbindet ein privates Interesse an übersinnlichen Erscheinungen. Sie kommen bald zu dem Schluss, dass es sich bei Ursache für die Ereignisse auf der Beekwarf um das Wirken von Geistern handelt. Mit Hilfe eines Mediums gelingt es ihnen, eine Verbindung zu ihnen herzustellen, und sie erfahren einen Teil der Ereignisse, die in grauer Vorzeit an diesem Ort stattfanden und die bis in die heutige Zeit nachwirken. Bei seinen weiteren Nachforschungen gerät TenDegen in Kontakt mit jenseitigen Mächten, die ihn am Ende sein irdisches Leben kosten. Fünfzehn Jahre später zieht das Ehepaar Steinwinkel aus Hamburg mit ihren beiden Kindern in das Haus auf der Beekwarf. Ihre Anwesenheit setzt eine Reihe von geisterhaften Erscheinungen in Gang, die am Ende die Familie von der Beekwarf vertreiben. In all den Jahren haben Andreas Thorensen, der inzwischen beim LKA in Kiel arbeitet, die Vorfälle auf der Beekwarf nicht losgelassen und es gelingt ihm, mehr über die Hintergründe der Geisterakti-vitäten auf der Beekwarf herauszufinden. Er erfährt von einem Fluch, der die Geister an diesen Ort fesselt. Nur unter bestimmten Bedingungen können sie von diesem Bann erlöst werden, doch deren Eintreten erscheint unmöglich. Unerwartet ergibt sich diese Gelegenheit, als das Ehepaar Steinwinkel den Mut aufbringt, noch einmal auf die Beekwarf zurückzukehren. Dass sie im letzten Augenblick aus größter Gefahr gerettet werden, verdanken sie der Aufmerksamkeit von Andreas Thorensen. Und schließlich erfüllt sich das Schicksal jener Geister und der Beekwarf.
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Seitenzahl: 573
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Hans Nordländer
Das Geisterhaus auf der Beekwarf
Ein Geisterkrimi aus Schleswig-Holstein
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Inhaltsverzeichnis
Titel
I. Rangdredd
Verschollen im Nebel
Der Geist des Schamanen
Rangdredd
Spuk im Landeskriminalamt
Begegnung mit Odrin
Im Bann der Geister
Eine unheilvolle Hinterlassenschaft
II. Geisterdämmerung
Neue Eigentümer
Erste Schatten
Ingmar Helburg
Geisterhafte Begegnungen
Die Schrecken beginnen
Geistererwachen
Warten in Ungewissheit
Flucht
Ein verhängnisvoller Einbruch
Rettung in letzter Sekunde
Der Fluch des Missionars
Impressum
I. Rangdredd
Verschollen im Nebel
Langsam rollte das Postauto die schmale Zufahrt zum Anwesen der Familie Benninghaus hinauf. Der Weg bestand lediglich aus zwei parallelen Bahnen roter Backsteine, die teilweise beachtliche Unebenheiten aufwiesen, in denen sich in regenreichen Zeiten tiefe Wasserpfützen bildeten. Obwohl es Herbst war, gemeinhin also eine regenreiche Jahreszeit, hatte es in dieser Saison bis dahin kaum Niederschlag gegeben und so war der Weg zwar trocken, aber doch sehr holperig.
Zu beiden Seiten des Weges wucherte mannshohes Reetgras. Am Ende stieg der Weg zu einem Vorhof an, denn die Warf tat das, was Warfen stets tun, sie erhob sich einige Meter aus den umgebenden Marschwiesen.
Das Anwesen mit dem Namen »Beekwarf« lag inmitten weiten Grünlandes zwischen zwei Flutgräben und etwas abseits von der Deichstraße, die, wie ihr Name schon verriet, an einem Deich entlangführte. Ein Saum beachtlicher Pappeln umhegte das Grundstück. Rund um das alte Reetdachhaus mit seinem großzügigen Garten wuchsen eher wild als gepflegt Sträucher und Büsche. Dazwischen breitete sich ein unpassend kurz geschnittener Rasen aus. Hinter einer niedrigen Hecke lag ein ordentlich geführter Gemüsegarten.
Der Ring aus Pappeln, die wildwachsenden Sträucher, das mächtige Reetdach, die niedrigen, weißgetünchten Mauern mit den hellblauen Fenstern und einer ebenso farbigen Haustür - all das verlieh dem Anwesen den rauen Charme der nordfriesischen Landschaft.
Es war der erste Tag, nachdem sich ein fast eine Woche lang schwer über der Landschaft lastender Nebel verzogen hatte und die blasse Herbstsonne durch die aufgelockerte Wolkendecke blinzelte und die Welt wieder etwas freundlicher erscheinen ließ.
Als der Briefträger Hauke Tvist durch die nicht abgeschlossene Eingangstür ins Haus eintrat und laut seine Ankunft ankündigte, für den Fall, dass die Bewohner ihm ihre Post mitgeben wollten, was zuweilen vorkam, bekam er keine Antwort. Stattdessen stellte er auf der Diele eine erschreckende Unordnung fest, wie er es bis dahin in diesem Haus noch nie gesehen hatte. Aber das ging ihn nichts an. Da die Haustür nicht verriegelt war, sollte eigentlich irgendwer in der Nähe sein. Er legte die beiden Briefsendungen auf eine Kommode auf der Diele, verließ das Haus und ging einmal prüfend durch den Garten, aber auch dort entdeckte er niemanden.
An diesem Tag dachte sich Hauke noch nichts dabei und fuhr wieder davon. Einige Zeit später erinnerte er sich daran, weder die beiden Hunde noch die anderen Hoftiere, ein paar Hühner und Enten und einen alten Kater, bemerkt zu haben. Das war dann doch etwas sonderbar.
In den folgenden Tagen war es überraschenderweise nicht anders. In dieser Zeit führte die Arbeit Hauke Tvist noch zweimal auf das Anwesen, aber er traf nie irgendwen dort an und auch die Haustür war jedes Mal unverschlossen. Er kannte die Familie recht gut und allmählich machte sich in ihm eine zunehmende Besorgnis bemerkbar, denn er wusste, dass Frau Benninghaus nicht arbeiten ging und wenigstens ihr hätte er in dieser Zeit das eine oder andere Mal begegnen müssen. Vor dem Nebel, während dieses herbstlichen Wetters war er nicht auf die Beekwarf gekommen, hatte sie ihm gegenüber auch nicht erwähnt, dass die Familie die Absicht hatte, für einige Tage zu verreisen. Das tat Frau Benninghaus in so einem Fall meistens, damit er nicht den Umweg zur Beekwarf machen musste. Irgendwer von ihnen holte die Post später auf dem Amt ab. Außerdem hätten die Benninghaus´ in dem Fall bestimmt nicht die Haustür unverschlossen gelassen und alle ihre Haustiere mitgenommen. Und beide PKW der Familie standen auch noch in ihren Garagen. Aber jedes Mal, wenn Hauke wieder auf das Grundstück kam, waren nur die Spuren seines Postautos vor dem Haus zu sehen. Anscheinend waren die Autos der Familie in der Zwischenzeit nicht benutzt worden.
Seinen seit einiger Zeit schwelenden Entschluss, die Polizei über die merkwürdigen Zustände auf der Beekwarf zu benachrichtigen, setzte Hauke schließlich aus dem Grund in die Tat um, weil der wachsende Stapel Post auf der Kommode unangetastet blieb und der Anrufbeantworter des Telefons neben den Briefen in den vergangenen Tagen einige Anrufe aufgezeichnet hatte, die offensichtlich nicht abgehört worden waren. Also war auch zu den anderen Tageszeiten niemand von der Familie in dem Haus gewesen. Hauke Tvist wusste zwar nicht, was er von der Sache halten sollte, aber Gründe zur Annahme, dass irgendetwas nicht mit rechten Dingen zuging, gab es alle Mal.
Noch am gleichen Tag kam eine Polizeistreife aus dem nahegelegenen Husum vorbei und fand alles genauso vor, wie es der Postbote berichtet hatte.
Als die beiden Beamten aus dem Auto ausstiegen, blieb Polizeiobermeisterin Karola Herbst kurz, aber auffällig wie angewurzelt stehen und ein unerwarteter Schauer lief ihr den Rücken hinunter.
„Was ist?“, fragte ihr Kollege, Polizeihauptmeister Bernd Niewald. „Was hast du?“
„Was? Ach nichts“, erwiderte sie nur. „Ich dachte nur ....“
Sie ließ ihre Gedanken unausgesprochen und ging weiter. Ihr Kollege folgte ihr kommentarlos.
Die beiden Polizisten drangen nun tiefer in das Haus ein, als Hauke Tvist es gewagt hatte. Aber auch sie trafen niemanden an, weder tot noch lebendig. Die Räume waren erfüllt von einer geradezu gespenstischen Stille. Falls sich dort, was nicht auszuschließen war, ein Verbrechen ereignet hatte, so war es auf jeden Fall nicht auf dem ersten Blick erkennbar. Die beachtliche Unordnung ließ bei den beiden Polizisten anfangs zwar diesen Verdacht aufkommen, aber es gab keine Anzeichen für eine gewaltsame Auseinandersetzung oder einen Überfall. Es herrschte nur ein allgegenwärtiges Chaos. Und bei dem auf der Diele blieb es nicht. Alle Zimmer im Erd- und Obergeschoß waren davon mehr oder weniger stark betroffen. Doch je länger sie sich in dem Haus aufhielten, desto deutlicher wurde ihr Eindruck, es mit einem ausgesprochen unheimlichen Ort zu tun zu haben.
Die Aufzeichnungen auf dem Anrufbeantworter waren von alltäglicher Natur, nur ein Anrufer hatte sich in einem Abstand von zwei Tagen noch einmal gemeldet, weil er ein Treffen vereinbaren wollte. Anscheinend hatte er es dann aufgegeben, als auch auf den zweiten Anruf keine Antwort folgte. Wenn man davon ausging, dass aufgezeichnete Nachrichten nach dem Abhören gelöscht wurden, dann war dieser Anrufbeantworter schon seit über einer Woche nicht mehr abgehört worden.
Was die beiden Polizisten in den Zimmern vorfanden, war, wie schon der Zustand auf der Diele, schwer zu deuten. Es war nicht das typische Durcheinander einer über die Maßen unordentlichen Familie. Die Möbel standen anscheinend alle an ihren Plätzen oder waren nur wenig verschoben, aber einige der Schubladen und Türen der Schränke standen offen. Ein Teil des Inhaltes lag in den Räumen verstreut. Das musste noch nicht unbedingt ein Hinweis auf den Ordnungssinn der Bewohner dieses Hauses sein. Bei Zwangsräumungen von Wohnungen wurden solche Zustände immer wieder offenbar, aber dort fand man in diesen Fällen dann auch Berge von Müll. Hier aber war weder Müll noch anderer Dreck im Spiel. Herbst und Niewald stellten bald fest, dass es sich bei den verstreuten Dingen nur um Haushaltsinventar handelte, und das war sauber.
Noch merkwürdiger war, dass diese unglaubliche Unordnung in allen Räumen herrschte, die sie betraten. Die Möbel schienen unberührt, aber ein Teil ihres Inhaltes lag weit verstreut auf dem Fußboden.
Dann entdeckte Karola Herbst den einzigen Hinweis auf Unsauberkeit. In der Stube lagen zwei Weingläser auf dem Tisch. Sie waren benutzt worden, bevor sie umfielen, denn in ihnen klebte noch angetrockneter Rotwein und zwei Lachen waren in die Tischdecke eingedrungen. Auch sie waren bereits eingetrocknet, was darauf schließen ließ, dass die Gläser schon einige Tage so herumlagen. Aber sie waren nicht irgendwie umgefallen, sondern lagen wie ausgerichtet nebeneinander, so, als wäre der Stoß von einer Seite gekommen, oder jemand hätte die Gläser absichtlich in dieser Weise auf die Seite gelegt. Dabei waren sie nicht einmal zerbrochen. Dass ein oder zwei Gläser umfielen, kam vor, aber wer würde sie einfach dort liegenlassen, noch dazu ohne den Wein aufzuwischen?
In diesem Augenblick wurde Bernd Niewald auch klar, was ihn an dem Anblick der verstreuten Dinge störte, auch wenn es ihm nicht sofort aufgefallen war. Nichts lag wild durcheinander, sondern alles war in einer bestimmten Richtung angeordnet. Diese Richtung war in jedem Raum etwas anders, innerhalb eines jeden Raumes aber gleich. Es sah fast so aus, als wäre ein heftiger Windstoß durch die Zimmer gefegt, in jedem aus einer etwas anderen Richtung, und hatte alles, was er erfassen konnte, geordnet über den Fußboden verteilt. Aber die Fenster waren alle geschlossen. Außerdem wäre ein derartig gleichgerichteter Windstoß selbst bei geöffneten Fenstern und Türen in dieser Dauer und Stärke absurd. Noch seltsamer kam ihnen vor, dass nichts an den Wänden, die sich gegenüber den Fenstern befanden, aufgehäuft worden war. Wie ein gewöhnlicher Einbruchdiebstahl sah das alles jedenfalls nicht aus.
„Dort“, machte Karola Herbst ihren Kollegen aufmerksam und zeigte in eine bestimmte Ecke der Stube.
„Ich sehe nichts. Was soll da -, du meinst -?“
Es war nicht sofort ersichtlich, was die Polizeiobermeisterin meinte, aber dann fiel auch Bernd Niewald der seltsam formlose Schatten auf. Im gleichen Augenblick wurde er aber durch die Sonnenstrahlen, die durch ein Fenster fielen, als sich kurz eine Wolkenlücke auftat, wieder aufgelöst.
„Ich weiß es nicht“, sagte sie. „Ich will nur wissen, ob du es auch gesehen hast.“
„Nur ein Schatten“, erwiderte er.
„Ja, nur ein Schatten. Aber wovon? Er war gestaltlos, wie ich finde, aber deutlich. Und er war entstanden, als die Sonne von Wolken verdeckt war und ist verschwunden, als sie wieder hervorkam. Findest du das normal?“.
Der Polizeihauptmeister schüttelte mit dem Kopf. Eine Antwort fiel ihm aber auch nicht ein.
„Ich glaube nicht an Geister, aber verlassen wir lieber den Raum.“
„Das wollte ich gerade vorschlagen.“
Bernd Niewald glaubte, ein leichtes Zittern in der Stimme seiner Kollegin zu hören. Und auch er selbst spürte, wie sich die Atmosphäre befremdlich verändert hatte.
Nachdem die beiden Polizisten sicher waren, nichts mehr im Haus entdecken zu können, was ihnen die Umstände erklärte, entschlossen sie sich, auf dem Grundstück nach irgendwelchen Spuren zu suchen. Beide waren froh, das Haus wieder verlassen zu können, denn die unerklärliche Beklemmung und die allmähliche Ahnung der Anwesenheit von etwas, was sie nicht sehen konnten, verstärkten sich, je länger sie sich dort aufhielten. Keinem von beiden fiel auf, dass sie unbewusst vermieden, den Keller zu untersuchen. Es machte noch nicht einmal einer den Vorschlag, da hinunterzugehen.
Es bestätigte sich, was sie bereits vermutet hatten. Gewaltsam war niemand in das Haus eingedrungen. Fensterrahmen und die wenigen Fensterläden, die das Wohngebäude noch besaß, waren wie die Haustür unversehrt. Dort gab es also auch keinen Hinweis darauf, was geschehen war. Ebenso erfolglos blieb die Besichtigung der kleinen Nebengebäude. Auffällig war hier nur, dass sie nicht von der Unordnung, wie sie in dem Wohnhaus herrschte, betroffen waren. Alles war sehr rätselhaft und, ohne dass ein handfester Grund dafür vorlag, furchteinflößend. Wie der Postbote richtig berichtet hatte, war nicht nur die Familie Benninghaus verschwunden, sondern auch alle ihre Haustiere.
Die beiden Beamten waren schon dabei, das Grundstück mit ungewöhnlich zügigen Schritten wieder zu verlassen, als Bernd Niewald seine Kollegin auf eine etwas entferntere, aufgewühlte Stelle im Rasen hinwies, die anscheinend frisch aufgeworfen worden war, aber im Schatten eines mächtigen Rhododendron-strauches lag, weshalb sie ihm auch nur zufällig aufgefallen war. Karola folgte ihm widerstrebend.
Der Ort entpuppte sich als flacher Trichter, etwa einen halben Meter tief und einen Meter im Durchmesser. Das Erdreich war am Rand gleichmäßig zu einem kleinen Wall aufgeworfen worden und dahinter noch ein Stück sternförmig verstreut. Das war noch ein Rätsel, denn es gab keine typischen Grabespuren, fast so, als wäre der Trichter nicht von Menschenhand entstanden, sondern von innen heraus. Die Trichterwand war erstaunlich gleichmäßig gestaltet.
Auch diesem Geheimnis kamen die beiden Beamten nicht auf den Grund und keiner von ihnen hatte Lust, in dem Trichter zu graben.
„Lass uns weggehen“, bat Karola Herbst ihn jetzt beinahe beschwörend.
„Ja, du hast Recht. Irgendetwas stimmt hier nicht.“
Karola sah ihren Kollegen an.
„Seit wann spürst du es?“ fragte sie.
„Seit der Begegnung mit diesem Schatten in der Stube, so flüchtig er auch war. Ich möchte es aber nicht als spüren bezeichnen, es ist eher eine düstere Ahnung. Hast du deshalb gezögert, als wir vorhin ausstiegen?“
Karola Herbst nickte. Dann verließen sie das Grundstück.
Bei ihrem Einsatz hatten die beiden Polizisten zwar wenig herausgefunden, aber genug gesehen, um vorschlagen zu können, auf der Beekwarf mit einer größeren Zahl von Beamten eine gründlichere Untersuchung durchzuführen. Vielleicht war es sogar ein Fall für das LKA, aber dessen Benachrichtigung war sicher noch nicht der nächste Schritt.
Zu diesem Zeitpunkt gab es noch Hoffnung, dass die Familie Benninghaus wieder lebendig auftauchen würde, wo immer sie sich zu dieser Zeit aufhielten. Alle ihre Eindrücke und Sinneserfahrungen ließen sie jedoch ganz andere, zu diesem Zeitpunkt noch unerklärliche Umstände befürchten, denn die Tatsache, dass sie auf der Beekwarf von unerwarteten, ihnen für gewöhnlich unbekannten Gefühlsregungen betroffen waren, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität, ließ den Schluss zu, dass Dinge im Spiel waren, denen sie bei ihren bisherigen Polizeieinsätzen noch nie begegnet waren.
Mit dem anhaltenden Nebel zu der Zeit, als die Familie verschwand, brachten sie das Ereignis nicht in Verbindung. Ein solcher Zusammenhang wäre ihnen auch vollkommen abwegig erschienen.
„Glaubst du an Gespenster?“, unterbrach Karola das Schweigen. Für einige Zeit hatte jeder von ihnen seinen Gedanken nachgehangen. Das war eine überraschende Frage von einer Ordnungshüterin.
Bernd Niewald wandte den Blick nicht von der Straße, aber sie wusste, dass er sie verstanden hatte. Ein kurzes Lächeln flog über sein Gesicht, es sah aber alles andere als belustigt aus.
„Wenn du mir diese Frage gestern gestellt hättest, hätte ich vermutet, dass du mich auf den Arm nehmen willst“, entgegnete er. Und nach eine kurzen Denkpause: „Und es darf eigentlich auch jetzt nicht anders sein, aber nach allem – ich weiß es nicht.“
„Du schließt die Möglichkeit aber nicht aus?“
„Ich kenne allein schon aus meiner Familie drei oder vier Gespenstergeschichten, erzählt von meiner Großmutter und einer Tante. Kindergeschichten, wie ich vermute, und als Kind war ich davon auch ziemlich beeindruckt. Aber ehrlich – ich weigere mich heutzutage einfach, an so etwas zu glauben. Und was wir auf der Beekwarf erlebt haben – reicht das tatsächlich schon für eine Gruselgeschichte mit Gespenstern?“
„Da hast du auch wieder recht“, gab Karola zu und war zu einem gewissen Grad erleichtert. Hätte ihr Kollege ihre Beobachtungen und Empfindungen unumwunden mit der Gegenwart von Geistern erklärt, wäre sie in gewisse Nöte geraten. Auch Karola hatte einige wenige solcher Geschichten gehört, war ihnen aber stets mit verständlichen Vorbehalten begegnet. Doch ihre unbegreiflichen Erfahrungen an diesem Tag ließen Zweifel an dieser Haltung gegenüber übersinnlichen Erscheinungen aufkommen. Vielleicht gehörten ja nicht einmal unbedingt Begegnungen mit sichtbaren Geistern dazu. Andererseits konnten sie ihre Empfindsamkeit unter Umständen darauf zurückführen, dass sie zur dieser Zeit einfach etwas überarbeitet waren, denn in den letzten Wochen hatten die beiden tatsächlich mehr Einsätze gehabt als üblich, und dazu noch wenig geschlafen.
„Außerdem macht sich ein Hinweis auf übersinnliche Erscheinungen nicht gut in unserem Bericht“, fand der Polizeihauptmeister.
Karola lächelte und nickte zustimmend. Wie sollten sie auch etwas in Worte fassen, was sie nicht erklären konnten und von dem sie nicht einmal überzeugt waren, ob es überhaupt existierte und nicht ihrer Einbildung entsprang?
Über ihre seelischen Befindlichkeiten würden die beiden Polizisten wohl schweigen können, aber nicht über die gemachten Beobachtungen. Und die ließen einige Fragen unbeantwortet. Beide mussten zugeben, dass sie weder die Anordnung des »Streugutes« in den Zimmern noch die Entstehung des rätselhaften Trichters im Garten erklären konnten. Noch weniger hatten sie herausgefunden, was mit der Familie Benninghaus geschehen war. Zusammengenommen gab es nur Fragen, aber keine Antworten. Somit waren sie der Aufklärung dieses Falles auch noch lange nicht nähergekommen.
Eine zweite Untersuchungsmannschaft des Polizeireviers Husum mit spezialisierteren kriminalistischen Kenntnissen wurde zu dem Anwesen geschickt. Doch auch sie stand den örtlichen Gegebenheiten ratlos gegenüber. Karola Herbst und Bernd Niewald hatten nach ihrer Rückkehr nur von den offensichtlichen Beobachtungen gesprochen, nicht jedoch von den eventuellen psychisch belastenden Besonderheiten dieses Ortes. Deshalb waren die Mitglieder der zweiten Gruppe umso überraschter, als einige von ihnen unerwartete Gemütsveränderungen an sich feststellten. Besonders in der Nähe des Erdtrichters wurden sie deutlich. Auf dem Anwesen schienen geheimnisvolle Kräfte am Werk zu sein, die niemand auszudrücken vermochte. Unerklärliche Schatten begegneten ihnen im Haus jedoch nicht.
Wenn sie auch keine unmittelbare Gefahr für sich erkannten, so machten sich doch die beklemmenden Gefühlsregungen unangenehm bemerkbar. Und eine Kollegin, Polizeihauptmeisterin Christina Dörl, wurde von der beunruhigenden Ahnung erfüllt, die ganze Zeit von einem unsichtbaren Wesen beobachtet zu werden, das sich in ihrer Nähe aufhielt. Selbst die anfänglichen Zweifel einiger ihrer Kollegen brachte sie nicht von dieser Überzeugung ab, die sie in der Folge aber für sich behielt.
Die Aufklärung psychischer Phänomene gehörte genauso wenig zu dem Arbeitsfeld dieser Einsatzgruppe wie zu dem der beiden Streifenpolizisten. Doch inzwischen konnte diese Eigenschaft des Anwesens nur noch mit einer gewissen Einfältigkeit verleugnet werden. Einer der Beamten, die dieses Mal auf dem Anwesen ermittelten, Polizeihauptmeister Andreas Thorensen, beschäftigte sich in seiner Freizeit gelegentlich mit übernatürlichen Dingen, was im allgemeinen einen mehr oder weniger wohlwollenden Spott hervorrief, wenn er es erwähnte, weshalb er aus verständlichen Gründen vermied, es zu tun. Zumal eine solche Neigung nicht zum Bild eines den Tatsachen zugewandten Polizisten passte, dessen Entscheidungen doch eher von »objektiven Fakten« abhängen sollten. Doch in diesem Fall erfuhr er eine unerwartete Unterstützung von einigen seiner Kollegen, die ihn begleiteten.
Auf seine Überlegung hin, es an diesem Ort unter Umständen mit bemerkenswerten psychischen Erscheinungen zu tun zu haben, erhoben sie verblüffender Weise keinen Einspruch. Auch sie, im Allgemeinen von jeglicher psychischen Sensibilität unbelastet, stellten eine unklare seelische Beeinflussung, bis hin zu einer gewissen Furcht, an sich fest. Keiner von ihnen, nicht einmal Thorensen selbst, wollte von Spuk und Gespenstern sprechen, aber das Anwesen einen Ort bemerkenswerter geistiger Kräfte zu nennen, wagte er schon. Nach einer diesbezüglichen Befragung von Karola Herbst und ihres Kollegen, bei dem Karola schließlich auch den mysteriösen Schatten erwähnte, konnte kaum noch daran gezweifelt werden, es mit einem außergewöhnlichen Ort zu tun zu haben.
In einer, diesem zweiten Einsatz, der sie einer Klärung des Falles auch nicht näher gebracht hatte, folgenden Beratung, kam ein Vorfall zur Sprache, den die betroffene Polizistin, Polizeikommissarin Verena Rothenbaum, aus gutem Grund verschwiegen hatte, denn er war dazu geeignet, an ihrer mentalen Verfassung zu zweifeln. Und nur sie allein war Zeugin dieses Vorgangs gewesen, er konnte also von niemandem bestätigt werden.
„Es war in einem der Schlafzimmer im Obergeschoß“, begann sie zögernd. „Gerd sah sich noch am Ende des Flures um. Als ich in der Tür stand und durch das Fenster nach draußen sah, schien es plötzlich auf mich zuzukommen, begann sich zu drehen und wurde schließlich zu einer blassen Spirale. Dann war es genauso plötzlich wieder vorbei, wie es angefangen hatte.“
Niemand regte sich. Alle schwiegen und blickten betont unbeteiligt auf den Tisch oder aus den Fenstern. Keiner von den Anwesenden lachte, wusste aber genauso wenig, wie er oder sie auf Verenas Äußerung reagieren sollte. Es herrschte ein erkennbare Ratlosigkeit. Andreas Thorensen hätte vielleicht etwas dazu sagen können, aber auch er enthielt sich zunächst jeder Bemerkung. Für derartige Gedanken war es auch noch zu früh.
Nach einer ungemütlichen Gesprächspause fragte Harm Hansen, der Dienststellenleiter, auch weil ihm nichts Besseres einfiel:
„War dir schwindelig?“
„Ich wusste, dass eine solche Bemerkung fallen würde“, meinte Verena barsch. „Jetzt frage mich nur noch, ob ich Medikamente nehme oder meine Tage habe. Ich -.“
„Nein, so habe ich es nicht gemeint“, unterbrach Hansen sie lächelnd. „Ich meinte, wurde durch diese Erscheinung ein Schwindel ausgelöst?“
„Weder vorher noch nachher. Und Medikamente nehme ich nicht.“
„Das glauben wir dir ja.“
„Ich habe nichts Ungewöhnliches an Verena festgestellt“, sagte Polizeioberkommissar Gerd Treesen, der mit ihr zusammen das Obergeschoß untersucht hatte. „Ich habe aber auch nichts von dem Vorfall bemerkt.“
„Als du `reinkamst, war der Spuk ja auch schon wieder vorbei“, sagte Verena ein wenig trotzig.
Es war ihren Worten nicht zu entnehmen, ob sie diesen Ausdruck nur als allgemeine Redewendung benutzt hatte, oder ob sie ihm eine wohlbedachte Bedeutung beimaß.
Die Angelegenheit zeigte einige Aspekte, die ihn zu einem ungewöhnlichen Fall werden zu lassen schienen, aber noch wussten sie zu wenig darüber. Im Folgenden drehten sich die Beratungen darum, wie man weiter vorgehen wollte. Es stand außer Frage, dass die Familie Benninghaus gefunden werden musste. Manche hofften, dass ihr Verschwinden nichts mit den sonderbaren Umständen auf dem Anwesen zu tun hatte, obwohl alle argwöhnten, dass das eine wohl nicht von dem anderen zu trennen war. Und wie es schien, war der Fall auch nicht mit der herkömmlichen Routine aufzuklären.
Bei den Beamten setzte sich allmählich die Überzeugung durch, es mit dem mysteriösesten Vorgang zu tun zu haben, dem sie jemals gegenüberstanden. Und sie kamen ebenso zu dem Schluss, das Rätsel mit ihren Mitteln nicht lösen zu können. Also würden sie Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Und die musste zunächst vom LKA kommen.
„Das ist ja alles richtig“, fand Gerd Treesen. „Aber was werden sie sagen, wenn wir ihnen erklären, dass hier eine vierköpfige Familie spurlos verschwunden ist und paranormalen Erscheinungen auf ihrem Grund und Boden nicht auszuschließen sind?“
„Was heißt hier »nicht auszuschließen«?“, fragte Christina Dörl. „Auch wenn dort unerklärliche Dinge vorgehen, so sind sie doch Tatsachen, oder? Schließlich waren einige von uns von den Auswirkungen betroffen.“
„Christina hat recht“, unterstützte Andreas Thorensen die Polizeihauptmeisterin. „Hätte nur einer von uns eine außergewöhnliche Beobachtung gemacht, hätte man sie einfach mit einer vorübergehenden Überspanntheit, nenne ich es jetzt einmal, abtun können. Aber fast jeder, der dort war, war in irgendeiner Weise betroffen. Sollen sie sagen, was sie wollen, das ist eine Angelegenheit, die wir allein kaum lösen werden können. Auch wenn es an unserer Ehre kratzt, das zugeben zu müssen“, fügte er mit einem Lächeln hinzu.
Schließlich kamen sie überein, das zu tun, was sich sowieso nicht vermeiden ließ. Harm Hansen ließ einen Bericht anfertigen, mit dem er die Anforderung einer Untersuchungskommission beim LKA begründete, obwohl er schon ahnte, wie zurückhaltend die Verantwortlichen dort darauf reagieren würden. Und wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er an deren Stelle ebenfalls nicht vorbehaltlos an den Fall herangegangen wäre. Aber diese Reserviertheit konnte sich schließlich nur auf die Rahmenbedingungen beziehen. Der objektive Grund für das Hilfeersuchen war und blieb das unerklärliche Verschwinden der Familie Benninghaus.
Selbstverständlich wurden auch die naheliegenden Maßnahmen ergriffen. Noch bevor sich die zweite Untersuchungsmannschaft auf dem Anwesen umsah, wurde Verbindung mit einigen Verwandten, Bekannten und Freunde der Benninghaus-Familie aufgenommen, soweit sie ausfindig gemacht werden konnten. Ausnahmslos war niemandem etwas von dem Schicksal der Familie bekannt. Nicht einmal kurz vor ihrem Verschwinden hatte sie irgendetwas von Urlaubsplänen oder Ähnlichem verlauten lassen. Genauso wenig hatte sie sich jemals in irgendeiner Weise über unheilvolle Ereignisse in ihrer Umgebung beklagt, die ihr Verschwinden mit einer möglichen Flucht erklären konnten, was jedoch der Umstand, dass die beiden Autos zurückgelassen worden waren, eher als unwahrscheinlich erscheinen ließ. Und in so einem Falle wäre sicher gewesen, dass sie sich bei irgendwem gemeldet hätte. Aber nichts dergleichen war geschehen, jedenfalls bis zu diesem Zeitpunkt nicht.
Eine Suche in der näheren Umgebung der Beekwarf blieb ebenfalls erfolglos. Die Familie war wie vom Erdboden verschluckt.
Natürlich begannen sich die Angehörigen und Freunde Sorgen zu machen, nachdem sie von dem rätselhaften Verschwinden der Familie Benninghaus erfahren hatten. Aber für sie hatte es kaum einen Sinn, ohne genauere Kenntnisse eine Suche zu beginnen. Man musste eben abwarten, was die Polizei herausfand oder bis sich die Familie von selbst wieder meldete. Noch am gleichen Tag wurde die Familie zur Fahndung ausgeschrieben und auch die Fernsehzuschauer wurden um Mithilfe gebeten.
Revierleiter Harm Hansen kannte die Geschichte bisher nur aus den Berichten seiner Mitarbeiter, und es gehörte nicht zu seinen regelmäßigen Aufgaben, bestätigte oder vermutete Tatorte zu besuchen, aber dieses Mal wollte er sich selbst ein Bild von der Sache machen. Sie war zu verworren, um sich ausschließlich auf die Aussagen seiner Leute zu verlassen, wenn er ihnen auch für gewöhnlich vertraute. Dabei war er noch nicht einmal sicher, ob er mehr herausfinden würde. Harm Hansen wurde begleitet von Andreas Thorensen und Karola Herbst. Weder Christina Dörl noch Verena Rothenbaum waren geneigt, noch einmal einen Fuß auf das einsame Gehöft zu setzen. Auch das war ein Hinweis darauf, dass dort irgendetwas Beunruhigendes vor sich ging, denn keine der beiden Frauen galt als besonders ängstlich.
Es war ein kalter, stürmischer Nachmittag und immer wieder trieben Regenschauer über die an diesem Tag lieblose Marschlandschaft. Eigentlich war es eher ein Wetter, um am Ofen zu sitzen und Tee zu trinken, als im Garten auf geheimnisvolle Weise verschwundener Leute nach der Erklärung paranormaler Rätsel zu suchen, falls sie denn überhaupt existierten.
Wie nicht anders zu erwarten, obwohl Hansen von der Hoffnung erfüllt war, dass sein Ausflug ein anderes Ergebnis zeitigen würde, blieb auch ihm eine Antwort verwehrt, sowohl bei der Untersuchung des Erdtrichters im Garten, der inzwischen halb voll Wasser stand, als auch bei der Besichtigung des Hauses.
Es war alles noch so, wie die Polizisten es verlassen hatten und der Revierleiter musste zugeben, dass die Anordnung des Inhaltes der Schränke und Schubladen auf dem Fußboden der Räume zumindest bemerkenswert war und auch ihm kam sofort der Gedanke an eine Windböe. Aber das war vollkommen widersinnig: ein Sturm im Inneren eines Hauses, von dem dazu nur die Inhalte der Möbel betroffen waren, aber kaum die Möbel selbst - so etwas gab es einfach nicht.
Schließlich fand auch Harm Hansen nichts anderes heraus, als sie schon wussten, oder eben auch nicht. Obwohl er seinen Leuten glaubte, dass sie alles so erlebt und empfunden hatten, wie sie berichteten, blieb ihm eine derartige Erfahrung erspart. Dabei war ihm nicht recht klar, ob er darüber froh oder damit unzufrieden sein sollte.
Bevor sie das Haus verließen hörten sie noch den Anrufbeantworter ab, wie es schon mehrmals durch die anderen Beamten geschehen war. Aber inzwischen war eine neue Aufnahme hinzugekommen.
Zunächst war nur ein auf und abschwellendes Rauschen zu hören, wie es bei keinem anderen der aufgezeichneten Anrufe der Fall gewesen war. Doch dann wurden Stimmen hörbar. Wie es schien, sprachen mehrere Menschen durcheinander. Diese Stimmen wurden lauter, dann wieder schwächer, hörten sich einmal näher, einmal ferner an, waren aber ständig in das Rauschen eingebettet. Es waren die Stimmen von zwei Kindern und zwei Erwachsenen.
„... Sturm ... vorbei“, stellte ein Mann fest. „Woher ... er verdam ... Sturm?“ „Wir ... hören sollen“, sagte eine Frau. „... Beekwarf verlassen ...“ Ihrer Stimme klang verzweifelt. „... zu spät“, erwiderte der Mann. „Oh! Johannes, was .... da ... Mönche?“, fragte die Frau. Es entstand ein starkes Störgeräusch. „... weg“, sagte sie. „... Karsten.“ „Ich ... nur ...“, sagte ein Kind. „... Wächter, glaube ich. Sie sollen ... bewachen“, sagte Johannes. Rauschen und Pfeifen, wie bei einem gestörten Radioempfang, überlagerten die nächsten Worte, dann: „Wo sind wir ...?“, fragte ein weiteres Kind. „Das ... nicht ... Beekwarf.“ Es war eine Mädchenstimme. „Ich weiß es doch ..., Mirja“, erwiderte der Mann mit dem Namen Johannes. „Der Sturm und der Schamane ...“ Wieder entstand eine Lücke mit einer anscheinend atmosphärischen Störung. „... der Schamane überhaupt?“, fragte die Frau. „... Mönche ...“ „Ich höre etwas. ... ruhig“, sagte Johannes. Es folgte ein erneutes Rauschen. „Dort!“, sagte Mirja mit erschrockener Stimme. „Da kommt ....“ „Es ist ... Schamane“, rief die Frau aus. „... Schwert in der Hand.“ Jetzt kam eine ruhige, aber bedrohliche Stimme mit einem unbestimmbaren Dialekt ins Spiel. Das musste die des Schamanen sein. „Ich bin ... zurückgekommen, um ... zu begrüßen und ... nicht, ... willkommen ... Ihr ... auf uns gehört. ... Warnungen ..., Rangdredd ... verlassen. Es gehört uns ... zurückholen.“ „Das Grundstück ... uns. Wir ... gekauft“, erwiderte Johannes. Antwort des Schamanen: „Ihr ... begriffen ... Man ... nicht besitzen, was einem ... gehört. Aber ... an einem ... Ort. Und ... mehr ... Rangdredd ... Geschichte ... Folgt ...“ Johannes rief entsetzt „... umbringen! Ihr wollt ...!“.
Die Stimme verlor sich jetzt vollends in einem Rauschen. Dann war die Aufzeichnung zu Ende, weil das Band voll war.
Harm Hansen, Karola Herbst und Andreas Thorensen sahen sich ratlos an. Jeder von ihnen spürte eine mehr oder weniger deutliche Gänsehaut, die aber eher durch die gespenstischen Hintergrundgeräusche als durch die bruchstückhaften Sätze verursacht wurde. Die Worte schienen einerseits von sehr weit her zu kommen, aber gleichzeitig auch unmittelbar aus ihrer Nähe.
„So etwas gibt es nur in Gruselfilmen“, stellte Hansen nach einer kurzen Zeit des nachdenklichen Schweigens fest. „Das erinnert mich an den Film »Der Poltergeist«.“ Er schüttelte sich unwillkürlich.
„Ja, es hat eine gewisse Ähnlichkeit“, bemerkte Karola unbehaglich. „Wen immer wir gehört haben, er kennt auf jeden Fall den Namen dieses Anwesens. Das war aber unmöglich ein Anruf und wenn doch, dann ist es der seltsamste, den ich je gehört habe.“
„Das können wir herausfinden“, meinte Hansen. „Zugegeben, er ist seltsam, aber was anderes als ein Anruf kann es denn sonst sein? Man müsste ihn zurückverfolgen können. Außerdem sollten wir eine Sprachanalyse vornehmen lassen. Vielleicht lassen sich die Sätze dadurch vervollständigen.“ Er schüttelte mit dem Kopf. „Ein Schamane, was soll das?“
Karola schwieg. Sie konnte genauso wenig etwas mit der Aufzeichnung anfangen wie ihr Chef. Nur Andreas Thorensen hatte inzwischen eine vage Vorstellung von dem, was sie gehört hatten. Und wenn sie der Wahrheit halbwegs nahe kam, dann hatte Karola Herbst nicht nur recht, sie hatten es auch mit etwas Unglaublichem zu tun. Es war kein Anruf, da war auch Thorensen ziemlich sicher. Aber wie kamen die Worte dann auf den Anrufbeantworter? Vielleicht hatte diese Aufzeichnung gar nichts mit dem Fall zu tun. Vielleicht hatte sich irgendwer damit einen, wenn auch unpassenden Scherz erlaubt. Aber sollte es sich als eine echte Aufnahme herausstellen, wäre das Rätsel um die Familie nur umso größer geworden.
Nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass die mysteriöse Unterhaltung auf dem Anrufbeantworter dauerhaft gespeichert war, nahmen sie ihn mit aufs Revier. Sie selbst hatten keine Möglichkeiten, die Aufnahme zu untersuchen, aber dem LKA sollte es keine Schwierigkeiten bereiten, denn es war technische weit besser ausgestattet.
„Eigentlich bin ich ganz zufrieden“, meinte Harm Hansen, als sie sich auf dem Rückweg und in der Sicherheit einer größeren Entfernung zur Beekwarf befanden.
„Das freut mich“, erwiderte Andreas Thorensen. „Und warum?“
„Jetzt kann ich ebenfalls behaupten, dass es auf der Beekwarf spukt.“
„Wie kommst du darauf?“, fragte Karola Herbst.
„Nun, warten wir die Untersuchung des Tonbandes ab.“
Der Geist des Schamanen
Die Leitung der Untersuchungskommission des LKA wurde der Kriminalhauptkommissarin Sabine Hainbusch-Vieth übertragen. Sie war im Polizeirevier in Husum nicht unbekannt. Ihr allseits bekannter Mangel an Humor machte den Umgang mit ihr nur unwesentlich schwieriger. Unangenehmer waren ihr scharfer Verstand und ihre penetrante Vorliebe für Details, was sie zu einer erfolgreichen, aber selbst unter den eigenen Kollegen unbeliebten Ermittlerin machte. Einerseits ließ die Ankündigung des LKA, dass Hainbusch-Vieth die Untersuchungen führen würde, hoffen, den Fall bald lösen zu können, andererseits gab es andere Ermittler, die eine angenehmere Zusammenarbeit versprochen hätten.
Ein nicht mehr bekannter Vorfall in dem Polizeidienst der Hauptkommissarin hatte ihr den etwas unpassend klingenden Spitznamen »Schwarze Witwe« eingebracht. Für jemanden, der Sabine Hainbusch-Vieth nicht kannte, verbanden sich zwangsläufig bestimmte Charaktereigenschaften mit diesem Spottnamen, und damit kam er der Wirklichkeit auch ziemlich nahe. Der Ursprung dieses nicht sehr schmeichelhaften Titels war zwar nicht mehr gegenwärtig, aber er hatte sich in bestimmten Polizeikreisen herumgesprochen, und die reichten bis ins Polizeirevier Husum.
Ob Hainbusch-Vieth wirklich eine Witwe war, wusste keiner. Sie hatte es stets verstanden, ihr Privatleben den Kollegen vorzuenthalten. Aber ihre große, hagere Gestalt und die ihr eigenen spinnenhaften Bewegungen sprachen für diese Namensgebung. Und vielleicht hatte sie ja noch eine ganz andere Bedeutung. Natürlich hütete man sich, die Bezeichnung »Schwarze Witwe« in ihrer Anwesenheit zu benutzen. Trotzdem war sie ihr im Laufe der Zeit nicht verborgen geblieben. Sabine Hainbusch-Vieth ertrug sie nicht nur mit Gelassenheit, sondern duldete sie sogar mit einer gewissen Genugtuung, verhinderte dieser Ruf doch ein zu persönliches Verhältnis zu ihren Mitarbeitern.
Als sich die Kriminalhauptkommissarin zusammen mit zwei Kollegen auf den Weg nach Husum machte, war sie weder überzeugt von den angeblich geheimnisvollen Phänomenen auf der Beekwarf noch hielt sie das Verschwinden der Familie Benninghaus für einen unlösbaren Fall. Wenn sie nicht ausdrücklich dazu aufgefordert worden wäre, der Sache nachzugehen, hätte sie keinen weiteren Gedanken daran verschwendet. Mit verhaltener Verachtung dachte sie über das Versagen der Husumer Polizisten, die vermisste Familie ausfindig zu machen. Aber noch verächtlicher urteilte sie über ihre Behauptung, auf der Beekwarf gehen merkwürdige Dinge vor.
Paranormale Erscheinungen, und darauf liefen die Schilderungen hinaus, hatten keinen Platz in ihrem Weltverständnis. Und plötzlich sollte sie einen solchen Fall untersuchen. Es war zwar nicht außergewöhnlich, rätselhaften Dingen zu begegnen. Sie gehörten zu ihrer täglichen Arbeit. Aber vermeintliche Rätsel solcher Art waren kein Gegenstand polizeilicher Aufgaben. Was jenseits davon über angebliche Spukerscheinungen und Gespenster zu hören und zu lesen war, konnte man getrost als Auflagen- und Publikumsbringer in die Mülltonne werfen. Gerüchteweise hatte auch die Polizei schon mit der einen oder anderen Angelegenheit dieser Art zu tun gehabt. Glücklicherweise war sie aber von solchen Fällen bisher verschont geblieben.
Allerdings ließen die Gepflogenheiten bei der Polizei nicht zu, dass sich Hainbusch-Vieth geringschätzig über ihre Kollegen äußerte. Sie war aber sicher, dass ihre skeptische Einstellung auch hier wieder von Vorteil war. Sabine Hainbusch-Vieth war davon überzeugt, diesen Fall mit ihrer sachlichen Sichtweise der Dinge bald lösen zu können. Und vermutlich dachten ihre Vorgesetzten genauso. Warum sonst war er ihr übertragen worden?
Wahrscheinlich hatten sich die Husumer Kollegen, aus welchen Gründen auch immer, in eine Angelegenheit verrannt, die man mit ganz einfachen Erklärungen, noch dazu vernünftigen Erklärungen, beantworten konnte. Anschließend musste nur noch die Familie gefunden werden und sie konnten nach Kiel zurückfahren, um sich wieder wichtigen Dingen zuzuwenden.
Doch so einfach, wie es sich die Hauptkommissarin vorstellte, war dieser Fall dann doch nicht zu lösen.
Zur Enttäuschung aller kam sie nur mit zwei weiteren Beamten auf das Polizeikommissariat Husum. Sie stellte die beiden als die Kommissare Björn Andresen und Veith Tolkien vor. Bei dem Namen des letzteren wurde nicht nur Christina Dörl aufmerksam.
„Sind Sie verwandt mit J.R.R. Tolkien, dem Autoren des »Herrn der Ringe«?“, fragte sie erstaunt.
Veith Tolkien musste lachen.
„Na ja, der Verdacht liegt nahe und diese Frage wird mir nicht zum ersten Mal gestellt. Aber ich muss Sie enttäuschen. Von einer Verwandtschaft ist mir nichts bekannt. Allerdings kommt meine Familie aus Angeln und vielleicht sind einige von ihnen im frühen Mittelalter mit den Angelsachsen nach Britannien ausgewandert. Es kann also sein, dass da irgendeine Beziehung besteht. Leider ist nichts von dem Ruhm dieses Schriftstellers auf meine Familie ausgestrahlt.“
„Nun gut“, unterbrach Sabine Hainbusch-Vieth die Unterhaltung. „Fangen wir mit der Arbeit an.“
Ihrer Stimme war anzuhören, dass sie von dieser Plauderei nicht viel hielt. Tolkien zuckte zu Christina Dörl gewandt kaum merklich mit den Schultern und lächelte schwach.
Alle hatten angenommen, dass die LKA-Beamten sich sogleich mit dem Fall des Verschwindens der Familie Benninghaus beschäftigen würden, doch zu ihrer Enttäuschung und auch zum Ärger einiger, begannen sie ihre Ermittlungen nicht etwa auf deren Anwesen, sondern unter den Beamten des Polizeireviers, und auch nicht zu dem angezeigten Fall Benninghaus, sondern sie schien vielmehr die ihrer Meinung nach irrigen Schlussfolgerungen über die Zustände auf der Beekwarf widerlegen zu wollen. Die Kriminalhauptkommissarin war nicht einmal bemüht, ihre nur wenig überraschenden Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Aussagen der untersuchenden Polizisten zu verhehlen.
Mit so einer Reaktion hatten sie im Hinblick auf den Ruf der Hauptkommissarin zwar rechnen müssen, trotzdem hätten sie erwartet, dass diese Zweifel ein wenig rücksichtsvoller vorgetragen würden.
Es folgte eine Reihe von Befragungen, die nicht immer in aller Harmonie verliefen, denn die Geduld der Polizisten des Husumer Polizeireviers wurde arg strapaziert. Wenn es etwas herauszufinden gab, dann würde es eher auf der Beekwarf sein, als auf ihrem Polizeirevier. Gewiss waren die Erklärungen der Husumer Kollegen notwendig, um sich ein Bild von der Lage zu machen, aber die Befragung durch die Kriminalhauptkommissarin grenzte schon an Verhören.
Schließlich blieb ihr nichts anderes übrig als festzustellen, dass die Aussagen der Husumer Kollegen schlüssig waren, was die gemeldeten Verhältnisse auf der Beekwarf wohl doch als nebulös erscheinen ließ. Und nach der Vorführung der Aufzeichnungen des Anrufbeantworters gab Hauptkommissarin Hainbusch-Vieth widerwillig zu, dass es sich bei dem Fall wohl tatsächlich um eine außergewöhnliche Angelegenheit handelte. Das Tonband aus dem Anrufbeantworter wurde zu einer genaueren Untersuchung ins KTU-Labor nach Kiel geschickt.
Sich auf der Beekwarf umzuschauen, hatte die Kriminalhauptkommissarin natürlich von Anfang an vorgehabt. Aber eigentlich sollte es nicht mehr als eine kurze Visite sein. Keine Familie verschwand, ohne Hinweise zu hinterlassen. Anders konnte es dieses Mal auch nicht sein. Und wenn die Husumer Polizisten nichts Diesbezügliches entdeckt hatten, dann lag es einfach daran, dass sie in solchen Dingen keine einschlägige Erfahrung hatten. Die Beamten des LKA dagegen besaßen fraglos die geübteren Augen.
„Ich glaube, es war ein Fehler, den Anrufbeantworter mitzunehmen“, meinte Harm Hansen in einem vertraulichen Gespräch mit Andreas Thorensen, bevor sie sich zum Anwesen der Benninghaus´ aufmachten.
„Wie kommst du darauf?“
„Nun, es ist nur so ein Gefühl, aber vielleicht haben wir deswegen die Aufnahme weiterer Gespräche verhindert. Möglicherweise sogar die Aufnahme von -.“ Er zögerte.
„Du meinst Botschaften?“, ergänzte Thorensen weniger befangen.
Hansen nickte.
„Ja.“
„Glaubst du also auch nicht daran, dass es eine versehentliche Aufzeichnung eines Gespräches war, oder der Scherz irgendwelcher Witzbolde, die wissen, wo sich die Familie aufhält und mit einem mysteriösen Anruf versucht, die Polizei an der Nase herumzuführen?“
Hansen lachte auf.
„Beides wären gute Erklärungen, wenn sie sich als richtig erweisen würden.“
„Aber die zweifelst daran?“, vermutete Thorensen.
„Ja, zumindest solange, bis wir der Aufnahme tatsächlich eine Telefonnummer zuordnen können. Aber ich glaube, das wird nicht der Fall sein. Was wäre das alles für ein Aufwand, nur um die Polizei in die Irre zu führen, und warum? Das Chaos im Haus, das spurlose Untertauchen der Familie ohne erkennbares Gepäck und noch dazu mit all ihren Haustieren. Wenn das ein Spaß sein soll, dann steht der Aufwand in keinem Nutzen dazu, finde ich.“
„Und natürlich die unerklärlichen Phänomene im Haus und auf dem Grundstück“, ergänzte Thorensen.
Hansen zögerte, dann nickte er.
„Gut, meinetwegen auch die. Davon konnte ich mich selbst zwar nicht überzeugen, aber es gibt zu viele Aussagen von euch, um sie zu ignorieren. Du verstehst mich aber. Es wäre grotesk, dass alles als inszenierten Scherz zu betrachten, besonders die Aufnahme auf dem Anrufbeantworter.“
„Was ist es deiner Meinung nach dann?“, forschte Thorensen.
„Bleibt das unter uns?“
„Mein Wort darauf. Ich glaube, in dieser ganzen Geschichte muss jeder mit dem vorsichtig sein, was er offen sagt.“
„In letzter Zeit sind merkwürdige Dinge passiert“, begann Harm Hansen. „Ich bekam gestern und vorgestern zwei Bücher in die Hand, die sich mit paranormalen Phänomenen befassen. Seltsam, dass das gerade jetzt passiert ist, nicht? Zu allem Überfluss hat mir meine Frau beiläufig erzählt, dass sie eine Frau kennengelernt hat, die von sich behauptet, ein Medium zu sein. Das ist doch auch seltsam, oder?“
Dazu sagte Thorensen nichts. Was die Bücher betraf, hielt er ihr Auftauchen für einen Zufall. Der Markt wurde förmlich von solcher Literatur überschwemmt. Bestimmt hielt jeder irgendwann ein Buch, das sich mit Übernatürlichem beschäftigte, in den Händen. Das hatte also kaum etwas mit diesem Fall zu tun. Außerdem zweifelte er stark an der Aussage der Bekannten von Hansens Frau. Ohne sie zu kennen, hatte Thorensen genug Gründe dafür, ihre Behauptung als Wichtigtuerei zu entlarven. Aber er wunderte sich, mit welchen Gedanken sich sein Chef trug.
„Hast du deiner Frau von diesem Fall erzählt?“, fragte Thorensen.
„Kein Wort. Und sie weiß, dass sie mich auch nicht über meine Arbeit ausfragen kann.“
„Na gut“, meinte Thorensen. „Aber was hat das mit dem Anrufbeantworter zu tun?“
„Ich habe angefangen, ein wenig in diesen Büchern zu lesen und beide weisen mehr oder weniger tiefgreifend darauf hin, dass sich paranormale Phänomene unter bestimmten Umständen in technischen Apparaturen manifestieren können.“
Thorensen blickte Hansen fragend an.
„Manifestieren – darstellen oder zeigen.“
Thorensen nickte.
„Ja, ja, schon klar. Dann stellen wir doch einen anderen Anrufbeantworter in dem Haus auf, oder ein anderes Gerät, bei dem wir hoffen können, dass es Spukerscheinungen aufnehmen kann“, schlug er vor.
„Ich dachte daran -.“
Plötzlich öffnete sich die Tür und Christina Dörl trat ein. Sie sah die beiden an und fing an zu lachen.
„Was ist denn so lustig?“, beschwerte sich Hansen leicht verärgert.
„Eure Gesichter“, erklärte sie. „Ihr seht aus, wie zwei erwischte Verschwörer.“
Das war sicher übertrieben, aber ganz falsch war der Eindruck Christinas wohl auch nicht. Als sich so unvermittelt die Tür öffnete, waren beide unmerklich erschrocken zusammengezuckt. Anscheinend hatten sie sich in der Kürze der Zeit ziemlich weit in ihr Gespräch vertieft. Woran Hansen gedacht hatte, blieb ungesagt, denn Christina Dörl teilte ihnen mit, dass die LKA-Beamten jetzt soweit waren loszufahren.
Später einmal wunderte sich Thorensen darüber, dass Hansen ausgerechnet mit ihm über seine Überlegungen im Hinblick auf die Bandaufzeichnung gesprochen hatte. Und er wunderte sich noch mehr darüber, in welche Richtung diese Überlegungen gingen, denn in der Folge zeigte sich, dass Hansen gegenüber übernatürlichen Dingen skeptisch blieb, auch wenn Thorensen für kurze Zeit etwas anderes vermutete. Hansens Vorbehalte wichen auch nicht nach den kommenden Ereignissen im Zusammenhang mit dem Fall Benninghaus.
Hauptkommissarin Hainbusch-Vieth und ihre beiden Kollegen fuhren in der Begleitung von Andreas Thorensen und Verena Rothenbaum zur Beekwarf hinaus. Nachdem sich die Kommissarin das letzte Mal gegen einen erneuten Besuch des Anwesens gesträubt hatte, wollte sie sich jetzt keine Blöße vor den Beamten des LKA geben.
Als sie aus den Autos ausstiegen, schauten sie prüfend auf das Gelände, das Haus und den Garten. Alles kam ihnen ruhig und friedlich vor und nichts deutete darauf hin, dass dort etwas möglicherweise Unerklärbares am Werke war, was im Widerspruch dazu seiner Enträtselung harrte. Dass alles so merkwürdig friedlich erschien, lag sicher auch an dem windstillen, sonnigen Tag.
Und trotzdem – im gleichen Augenblick, als sie vor dem Haus standen, stieg in Verena wieder das undeutliche Gefühl einer Bedrohung auf. Es war sogar noch intensiver als das letzte Mal. Wäre sie allein gewesen, hätte sie auf der Stelle kehrt gemacht, ohne die Türschwelle auch nur zu überschreiten.
Verena wunderte sich erneut über ihre ungeahnte Sensibilität, die sie im Zusammenhang mit diesem Anwesen zum ersten Mal in ihrem Leben an sich feststellte, denn eigentlich hielt sie sich für Reize dieser Art für nicht sehr empfänglich. Das machte sie ziemlich sicher, dass dort außerordentliche Kräfte wirksam waren.
„Es ist stärker geworden“, stellte Thorensen mit einer gewissen Beklemmung fest. Er spürte es also auch.
Beide warfen prüfende Blicke auf die drei LKA-Beamten. Sie schwiegen, aber ihr Gesichtsausdruck verriet, dass die Besonderheit dieses Ortes auch an ihnen nicht spurlos vorüberging.
„Nun?“, fragte Thorensen, um ihnen eine Reaktion zu entlocken.
Sabine Hainbusch-Vieth drehte sich zu ihm um. „Wir gehen rein, was dachten Sie denn“, erwiderte sie entschlossen.
Thorensen nickte nur. Er ging voraus und öffnete die Haustür. In diesem Augenblick flogen laut schreiend zwei Rabenkrähen über das Anwesen.
Im Haus herrschte buchstäblich eine Grabesstille. Vielleicht hätten sie nicht diesen Vergleich gezogen, wenn sie nicht die jüngste Vorgeschichte gekannt hätten. Nicht einmal die drei LKA-Beamten konnten sich dieses Eindrucks erwehren, obwohl natürlich jedem bewusst sein musste, dass es in einem leerstehenden Haus gar nicht anders sein konnte. Verena Rothenbaum fand die ganze Atmosphäre düsterer als bei ihrem ersten Besuch. Diesem Eindruck konnten sich auch die hell durch die Fenster fallenden Sonnenstrahlen nicht gegenanstemmen.
Die Kommissarin und ihr Kollege führten die LKA-Beamten durch die Zimmer des Erd- und Obergeschosses. Nichts war verändert worden. So kamen auch Hainbusch-Vieth und ihre beiden Begleiter zu der Ansicht, dass die Anordnung der herumliegenden Dinge merkwürdig war. Eine Geruchsprobe an den Weingläsern lieferte die überflüssige Bestätigung, dass aus ihnen tatsächlich Rotwein getrunken worden war, bevor sich die noch ungeklärten Ereignisse zugetragen hatten. Über die Qualität des Weines ließ sich nach der langen Zeit an der Luft jedoch kein Urteil mehr fällen.
„Waren Sie auch im Keller?“, fragte Hainbusch-Vieth.
„Das erschien uns unnötig“, antwortete Verena Rothenbaum. „Es gab ja keinen Hinweis darauf, dass sich jemand dort unten aufhielt.“
Im gleichen Augenblick merkte sie selbst, wie dürftig ihre Begründung war, und wie fahrlässig dieses Versäumnis. Natürlich hätte eine Besichtigung des Kellers unbedingt zu ihren Untersuchungen des Geschehens gehört. Doch niemand von ihnen hatte auch nur den Vorschlag gemacht. Verena konnte sich diese Unterlassung nur mit der Befangenheit erklären, die alle damals ergriffen hatte. Aber sie zweifelte daran, dass die Hauptkommissarin das als Begründung akzeptieren würde.
Wenn Hainbusch-Vieth über diese Nachlässigkeit verärgert war, zeigte sie es nicht unmittelbar, aber der Klang ihrer Stimme, als sie entschied, auch diese Räume zu untersuchen, ließ darauf schließen.
Kaum hatten sie die Wohnstube verlassen, als sich ein nur schwach wahrnehmbarer Schatten, der entfernt einer menschlichen Gestalt ähnelte, durch den Raum bewegte. Er kam aus der Außenwand des Hauses und verschwand neben der Zimmertür in die Innenwand.
Die Kellertreppe begann in einem kleinen Verschlag unter der Treppe zum Obergeschoß und wurde durch eine trübe Birne beleuchtet. Eine muffige Kühle schlug ihnen entgegen, als sie die Stufen hinabstiegen.
Dieser Keller unterschied sich nicht erkennbar von anderen Kellern in alten Häusern. Die Decken waren niedrig, die Räume klein und feucht und wurden nur unzureichend durch schwache Glühbirnen beleuchtet. Es war gerade hell genug, um Dinge aus den Regalen zu nehmen oder dort etwas einzulagern. Es war offensichtlich, dass dort unten schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr geputzt worden war. Überall hingen dicke, verstaubte Spinnenweben und genauso verstaubt war ein Teil der Einrichtung.
Die Familie hatte eine beachtliche Menge an Essenvorräten gehortet, die in Einweckgläsern und Konservendosen zwei große Regale füllten. Im Heizungsraum entdeckten sie gewaschene Kleidungsstücke, die dort über Leinen zum Trocknen hingen. Ihr Zustand bewies, dass sie sich schon seit einiger Zeit in diesem Raum befanden.
Die Begehung des Kellers mit seinen wenigen Räumen dauerte nur ein paar Minuten. Dabei wurde bald ein bemerkenswerter Umstand erkennbar, der ohne die Zustände in den oberen Räumen kaum nennenswert gewesen wäre. In den Kellerräumen lag zwar viel Staub, aber es herrschte keine Unordnung. Was immer schuld an dem Durcheinander in den oberen Stockwerken war, es hatte dort unten nicht gewirkt.
Wenn keine weiteren Räume durch Vermauern unzugänglich gemacht worden waren, dann war das Haus nur zur Hälfte unterkellert. Und vielleicht lag das daran, dass wegen des oftmals hohen Grundwasserspiegels in der Marsch die Zahl der Kellerräume in manchen Häusern auf ein Mindestmaß beschränkt war. Der Zustand der Außenwände zeugte davon, dass sie mehr als einmal gründlich durchnässt worden waren, obwohl das Haus auf einem Wohnhügel stand. Aber diese Tatsache erklärte die hohe, ungemütliche Luftfeuchtigkeit.
„Nichts“, stellte Veith Tolkien fest. „Zumindest nichts auf den ersten Blick, was uns zunächst weiterhelfen könnte.“
„Na ja, zumindest war wohl keine Zeit mehr, die Wäsche von der Leine zu nehmen“, erwiderte Verena Rothenbaum. „Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass alles sehr schnell ging.“
„Das ergibt sich doch schon aus der Verfassung der oberen Räume“, meinte die Hauptkommissarin.
Plötzlich zuckte Verena zusammen.
„Habt ihr das auch gefühlt?“, fragte sie.
„Was?“, fragte Sabine Hainbusch-Vieth ungerührt.
„Mir war so - ach nichts.“
Die drei Männer hatten anscheinend nichts bemerkt, zumindest gaben sie es nicht zu. Aber Verena war sicher, einen kurzen, kalten Luftzug gespürt zu haben, obwohl sich in diesem Augenblick keiner von ihnen bewegt hatte. Und es gab kein Kellerfenster, durch das Wind von außen hätte hineinblasen können. Wenn es aber nur ihr aufgefallen war, dann war es vielleicht besser, es für sich zu behalten, solange die Kriminalhauptkommissar in ihrer Nähe war. Ihr Zweifel an Verenas Wahrnehmung war offenkundig. Später konnte sie ja immer noch Andreas Thorensen fragen, ob er wirklich nichts bemerkt hatte, oder es nur ebenfalls nicht in der Gegenwart der Hauptkommissarin zugeben wollte.
Sie gingen nach oben und Verena atmete unmerklich auf, als sie wieder auf der etwas freundlicheren Diele standen.
Das Gefühl der Sicherheit war nur von kurzer Dauer, und was kurz darauf so überraschend über sie hereinbrach, konnte keiner, der diesem Ereignis entkam, später erklären. Es wurde das schaurigste Erlebnis ihres bisherigen Lebens und stellte einige ihrer Anschauungen über die sogenannte Wirklichkeit auf den Kopf.
Kaum hatten sie die Absicht gefasst, als nächstes noch ein weiteres Mal die oberen Räume zu untersuchen, entfesselte eine unsichtbare Kraft auf der Diele einen Sturm, der sie fast umzuwerfen drohte. Er kam so plötzlich und so heftig, dass sie sich gegenseitig und am Treppengeländer und Garderobenhaken festhalten mussten. In ihrem Schrecken und ihrer Fassungslosigkeit versuchten sie sich, bis zur Haustür zurückzuziehen, um diesem übernatürlichen Orkan zu entrinnen. Ein ohrenbetäubendes Brausen und Brüllen erfüllte die Räume und Staub und umherfliegende Dinge zwangen die Polizisten, ihre Augen zu schützen.
Doch mit dieser Erscheinung hatten die Schrecken noch kein Ende.
Hauptkommissarin Hainbusch-Vieth und Kommissar Tolkien waren schon ein Stück voraus gewesen, als das Unglück über sie hereinbrach und jetzt gelang es ihnen nicht, die anderen drei zu erreichen. Der Sturm ließ es nicht zu. Während die beiden LKA-Beamten verzweifelt versuchten, zu den anderen aufzuschließen, die ihrerseits versuchten, die Haustür zu erreichen, tauchte hinter ihnen plötzlich eine übermächtiger Schatten auf, der Verena, Andreas und Björn Andresen das Blut in den Adern gerinnen ließ.
Andreas Thorensen fasste sich als erster. Verzweifelt schreiend bemühte er sich, Hainbusch-Vieth und Tolkien, die mit dem Rücken zu dem Schemen gewandt gegen den Sturm ankämpften und ihn deshalb noch nicht bemerkt hatten, zu warnen.
Der Schatten wurde deutlicher, die Umrisse klarer und es bildete sich eine Gestalt heraus, wie sie noch keiner von ihnen gesehen hatte. Es war ein Riese und seine Kleidung und seine Ausstaffierung, bestehend aus verschiedenen Amuletten und urtümlich anmutenden Halsketten, aber besonders der Federschmuck um seinen Hals und über der Brust, ließen ihn einem Indianer oder einem nordeuropäischen Schamanen gleichen. Zunächst stand er bewegungslos da, sichtbar unberührt von dem unnatürlichen Sturm. Sein raues Gesicht wirkte ernst, fast grimmig, und in seinen schwarzen Augen glomm etwas, das zwischen Zorn und tiefer Gefühllosigkeit schwankte. Thorensens warnende Worte erstickten. Er, Verena und Björn starrten wie gelähmt auf das, was dann geschah.
Das Phantom hob nicht etwa beschwörend seine Arme, wie man es von einer solchen Gestalt vielleicht erwarten konnte, sondern stürzte sich mit zwei schnellen Schritten auf die Hauptkommissarin und den Kommissar, die trotz der entsetzten Reaktion ihrer Kollegen immer noch nichts von ihm bemerkt hatten, und packte sie an den Schultern. Ihre Hilfeschreie gingen in dem Lärm des tobenden Sturmes unter. Im nächsten Augenblick waren sie mit dem Indianer, oder was es immer war, verschwunden. Alles ging so schnell, dass sie nicht einmal verblassten. Dort, wo sie gestanden hatten, dehnten sich in quälender Langsamkeit jenseits der Gewalten des Sturmes zwei feine Schleier aus, die dünner wurden und schließlich verschwanden. Dann, so plötzlich, wie er begonnen hatte, war der Sturm vorüber.
Noch wütete das Tosen des Sturmes in den Ohren der anderen drei Polizisten und es verging eine Weile, bis sie die Totenstille bemerkten, die jetzt das Haus erfüllte. Und genauso dauerte es eine Weile, bis sie sich aus ihrer Lähmung befreien konnte.
„Raus! Raus hier!“, schrie Andreas Thorensen, der auch dieses Mal wieder als erster seine Fassung zurückgewann.
Er rüttelte an seinen beiden Kollegen und unendlich langsam, wie es ihm vorkam, brachte er sie dazu, seinem Befehl zu gehorchen.
Es waren nur wenige Schritte bis zur Haustür. Er riss sie auf und die anderen ins Freie. Wie in Trance taumelte Verena Rothenbaum als letzte nach draußen, immer noch keiner Äußerung fähig.
Von dem sonnigen Wetter war nichts mehr geblieben. Dichter Nebel, auf den vor kurzer Zeit noch nichts, aber auch gar nichts hingedeutet hatte, lag über der Beekwarf und ließ kaum die Umrisse der Polizeiautos erkennen, obwohl sie nur zwanzig Meter entfernt standen.
Thorensen war überzeugt davon, immer noch nicht in Sicherheit zu sein und brachte seine beiden Kollegen dazu, so schnell sie konnten zu den Autos zu rennen. Sie stürzten sich auf die Sitze und noch bevor Björn Andresen als letzter die Tür zuschlug, setzte Thorensen auch schon zurück und raste mit irrwitziger Geschwindigkeit die Ausfahrt hinunter zur Deichstraße. Mehr als einmal schlugen Funken unter dem Wagen hervor, als er auf den Buckeln der Fahrspuren aufsetzte.
Als sie die Deichstraße erreichten, umgab sie der merkwürdige Nebel immer noch und sie hatten Glück, dass in diesem Augenblick kein anderes Fahrzeug vorbeikam. Nach zwei oder drei Kilometern irrsinniger Raserei hielt Andreas ziemlich ruppig an und atmete tief durch. Den Nebel hatten sie hinter sich zurückgelassen und um sie herum herrschte wieder eine klare Sicht.
Thorensen drehte sich zu den beiden anderen um, die mit blassen Gesichtern dasaßen. Ihnen allen stand das blanke Entsetzen im Angesicht und es fehlten ihnen immer noch die Worte. Erst, als sich bei Verena mit einem Weinkrampf die Spannung löste, beruhigten sich auch ihre beiden Kollegen. Verenas Fassungslosigkeit war verständlich, schließlich waren sie alle nur knapp mit dem Leben davongekommen, wie es schien.
„Was um alles in der Welt war das?“, brachte sie schluchzend hervor.
„Wir wissen auch nicht mehr als du“, erwiderte Andreas scharf, weil auch er ratlos war. „Und ich schätze, wir haben das gleiche gesehen.“ Er reichte ihr ein Papiertaschentuch, die sie immer im Wagen mit sich führten. „Ich frage mich, woher so plötzlich der Nebel gekommen ist. Man könnte fast meinen, er wäre nicht natürlich.“
„Das ist doch Unsinn“, sagte Björn Andresen entschieden.
Thorensen lachte bitter auf.
Er wandte seinen Blick kurz zur Beekwarf, die immer noch unter einer Nebelglocke lag.
„Scheint eng begrenzt zu sein“, stellte er mehr in Gedanken fest. Dann sagte er: „Natürlich wäre das Unsinn, ließe man alles andere außer Acht.“
„Ja, der Sturm in dem Haus, das Phantom und das Verschwinden von Hainbusch-Vieth und Tolkien? Auch alles Unsinn?!“, fragte Verena aufgebracht.
Andresen schwieg. Noch war es zu früh, überhaupt eine Meinung zu dieser ganzen Sache zu haben. Doch eins stand fest, oder sollte feststehen - das, was sie erlebt hatten, gab es eigentlich nicht. Und vielleicht gehörte der verdammte Nebel auch mit dazu.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Andreas Thorensen unentschlossen.
Sie ahnten, worauf er hinauswollte. Sie hatten die Beekwarf überstürzt und kopflos verlassen, was leicht zu erklären war. Jetzt jedoch machte sich die Erkenntnis breit, dass sie nicht einmal versucht hatten, die beiden Kommissare wiederzufinden. Vielleicht befanden sie sich noch in dem Haus und brauchten ihre Hilfe. Sie mussten also wieder zurück.
„Oh nein!“, sagte Verena entschieden. „Ich setze jetzt wirklich keinen Fuß mehr in dieses - dieses Geisterhaus!“
Keinem der Männer war über diese Bemerkung zum Lachen zu Mute. Dort schien es alles andere als mit natürlichen Dingen zuzugehen. Vielleicht hatten sie tatsächlich einen Geist gesehen.
„Und wenn wir es mit einem Schabernack zu tun haben?“, schlug Andresen vor. „Vielleicht ist das alles mit einer bösen, technischen Spielerei zu erklären.“
„Glaubst du das wirklich?“, fragte Verena ärgerlich. „Womit soll dieser Schabernack, wie du sagst, durchgeführt worden sein? Und wozu? Außerdem ist Schabernack wohl auch das falsche Wort. Vielleicht haben wir es schon mit sechs Toten zu tun, falls die Familie auf die gleiche Weise verschwunden ist. Welch ein krankes Gehirn soll sich so etwas ausdenken und warum?“
„Alles berechtigte Fragen“, gab Björn zu. „Und trotzdem habe ich schon einiges gesehen. Und ich weigere mich, an übersinnliche Dinge zu glauben.“
Andreas Thorensen kratzte sich am Kinn. Beide hatten Recht oder konnten Recht haben. Es fiel ihm schwer, sich jetzt schon ein Urteil zu bilden. Doch was auf der Beekwarf los war, konnten sie nur herausfinden, wenn sie das Grundstück gründlich umkrempelten. Andererseits waren sie schon drei Mal dort gewesen, ohne auch nur den Hauch einer Erklärung zu entdecken. Nichts sprach bisher für irgendeine technische Einrichtung, geschweige denn für den Sinn einer solchen. Und einen echten Spuk wollte er spätestens jetzt auch nicht mehr ausschließen.
Thorensen hatte zwar ein ausgeprägtes Interesse an übersinnlichen Dingen, aber darüber zu lesen oder zu reden war etwas anderes, als selbst an einem übersinnlichen Ereignis teilzuhaben, zumal einem von solch überwältigender Art. Und wie es dazu kommen konnte, wenn es so war, überstieg auch seine Vorstellungskraft. Andererseits war er nicht sicher, ob dieser »unmögliche« Sturm und die Erscheinung des Phantoms tatsächlich ausgereicht hätten, sie so zu erschüttern. Vielleicht hatte die ganze Sache noch einen psychischen Aspekt, eine geistige Beeinflussung oder so etwas. Er schüttelte unwillkürlich mit dem Kopf. So ein Quatsch.
Wie immer man es betrachtete, ein Umstand war auf jeden Fall bemerkenswert. Warum waren nur Sonja Hainbusch-Vieth und Veith Tolkien betroffen? Warum hatte das Phantom sie nicht alle geholt? Damit, dass es nur zwei Hände hatte, war diese Frage bestimmt nicht beantwortet.
Auch in ihm sträubte sich alles, noch einmal auf das Grundstück zu fahren, aber trotzdem mussten sie wenigstens einen Versuch unternehmen, um herauszufinden, ob die Hauptkommissarin und ihr Kollege nicht doch noch dort waren. Sie konnten es kaum vor Harm Hansen rechtfertigen - und noch weniger vor dem LKA - jeglichen Rettungsversuch unterlassen zu haben. Der immer noch dichte Nebel über der Beekwarf machte eine Entscheidung nicht leichter.
„Wir müssen-“, begann Andresen.
„Ja, ja, ich weiß“, unterbrach ihn Thorensen bedrückt. „Wir müssen da wieder hin.“
„Das ist doch nicht dein Ernst?“, fragte Verena, alles andere als angetan von dieser Absicht.
„Hör zu“, meinte Thorensen. „Ich werde dich nicht überreden, mit ins Haus zu kommen. Und wir werden dort nicht allein hineingehen.“
Er nahm den Hörer des Sprechfunkgerätes in die Hand, überlegte kurz, und funkte dann das Polizeirevier in Husum an, mit der Bitte um Verstärkung. Der Funkspruch verursachte einen gewissen Unglauben, denn er gab ohne Gründe an, dass jetzt auch die Hauptkommissarin Hainbusch-Vieth und der Kommissar Veith Tolkien auf unerklärliche Weise verschwunden waren. Mit der angeforderten Verstärkung wollten sie nach ihnen suchen. Aber schließlich wurden ihnen eine weitere Streifenwagenbesatzung zugesagt.
Es kamen sogar zwei Streifenwagen. Sie stießen an der Einfahrt zum Anwesen auf die drei wartenden Polizisten. Inzwischen hatte sich der Nebel etwas gelichtet und es sah so aus, als würde er dieses Mal nicht so lange anhalten wie damals, als die Familie Benninghaus verschwand. Da zu diesem Zeitpunkt noch niemand den plötzlich aufgetretenen Nebel mit den Ereignissen in dem Haus in Verbindung brachte, kam auch keiner auf den Gedanken, dass er zu sehr lokal begrenzt war, um natürlich entstanden zu sein. Und deshalb ahnte auch niemand, dass dieser Nebel perfider Weise auch vollkommen unbemerkt in einem natürlichen entstehen konnte.
Polizeioberkommissar Gerd Treesen stieg aus, um zunächst einmal zu erfahren, was denn überhaupt geschehen war. Der Funkspruch war eher verwirrend als erklärend gewesen. Mit ihm kamen Polizeiobermeister Peter Kemenke, Polizeihauptmeister Bernd Niewald und Polizeihauptmeisterin Christina Dörl. Fast der ganze Außendienst, wie Thorensen belustigt festgestellt hätte, wenn ihm zum Lachen zu Mute gewesen wäre. Jeder von ihnen war natürlich interessiert daran zu hören, worum es eigentlich ging und ob es stimmte, dass die beiden Kommissare tatsächlich verschwunden waren.
Noch bevor Treesen seine Fragen stellen konnte, stellte er fest, dass sich Andreas Thorensen, Verena Rothenbaum und Björn Andresen seelisch in einem sichtlich angegriffenen Zustand befanden. Ihre Gesichter hatten ihre Leichenblässe zwar inzwischen schon wieder verloren, aber es war nicht zu übersehen, dass sie irgendetwas Unvorstellbares erlebt hatten.
„Was ist denn mit euch passiert?“, fragte er entgeistert.
Thorensen brachte es fertig, schwach zu lächeln.
„Etwas, das uns, wenn wir versucht hätten, es über Funk zu erklären, geradewegs in die Klapsmühle gebracht hätte“, meinte er.
„Ich verstehe nicht.“
„Wir verstehen es ja selbst nicht. Richtig ist aber, dass Hauptkommissarin Hainbusch-Vieth und Kommissar Veith Tolkien sich vor unseren Augen mit dem Phantom eines Indianers aufgelöst haben.“
Die Blicke der vier dazugekommenen Polizisten bestätigten, was Thorensen über die Wirkung einer ausführlicheren Erklärung über Funk vermutete.
Zunächst war ihr Bericht etwas wirr und es dauerte einige Zeit, bis sich die Ereignisse einigermaßen klar darstellten. Aber das machte sie nur noch rätselhafter und unglaublicher.
„Es ist so schnell gegangen, dass Hainbusch-Vieth und Tolkien vermutlich überhaupt nicht begriffen haben, was mit ihnen geschah“, meinte Andreas Thorensen abschließend.
Keinem aus der Verstärkung fiel etwas dazu ein. Es war die merkwürdigste, ja unsinnigste Geschichte, die sie je gehört hatten.
„Also gut“, sagte Gerd Treesen schließlich. „Schauen wir uns die Sache einmal an.“
