Das gelungene Selbst - Harry Merl - E-Book

Das gelungene Selbst E-Book

Harry Merl

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Beschreibung

Harry Merl, der „Vater der systemischen Familientherapie“ in Österreich, gibt in diesem Buch einen umfassenden Einblick in den Therapeut:innenberuf. Im Zentrum stehen einerseits der hilfesuchende Mensch, andererseits das Wissen um das Wesen des Menschen. Der Autor führt in die Voraussetzungen ein, die Therapeut:innen erfüllen müssen, um erfolgreich helfen zu können. Die Konzepte, die der Autor darlegt (Ökologie des Lebens, Traum vom gelungenen Selbst, Ich-Haus, Grundbotschaften an zuträglicher Information), basieren auf seiner eigenen, jahrzehntelangen Erfahrung und seinem Wissen aus der Arbeit als Psychotherapeut und werden durch zahlreiche Fallbeispiele aus der Praxis veranschaulicht. Therapeut:innen können die grundlegenden Methoden und Konzepte in ihrer Arbeit einsetzen, um den hilfesuchenden Menschen dabei zu unterstützen, Ressourcen zu erkennen, Hoffnung zu schöpfen, seine „Problemtrance“ zu überwinden und schließlich den „Traum vom gelungenen Selbst“ erfolgreich umzusetzen.

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Seitenzahl: 734

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Harry Merl

Das gelungene Selbst

Ein humanökologisches Modell für therapeutisches Handeln

Der Autor

Univ.-Doz. Dr. Harry Merl, geboren 1934, 5 Kinder; praktischer Arzt und Facharzt für Psychiatrie; ehemaliger Leiter des Instituts für Psychotherapie des Neuromed Campus Linz; Univ.-Doz. für Psychotherapie an der Universität Graz, lehrte außerdem an den Universitäten Salzburg und Wien; Gruppentherapeut und Psychoanalytiker; seit 1969 systemischer Familientherapeut und Supervisor; Einführung der Familientherapie in Österreich 1968; ab 1972 diverse Lehraufträge und Schulungen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der DeutschenNationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Angaben in diesem Fachbuch erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr, eine Haftung des Autors oder des Verlages ist ausgeschlossen.

Der Autor ist Urheber und Rechteinhaber aller in diesem Buch dargestellten Abbildungen.

1. Auflage 2022

Copyright © 2022 Facultas Verlags- und Buchhandels AG

facultas Universitätsverlag, Stolberggasse 26, 1050 Wien, Österreich

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung sowie derÜbersetzung, sind vorbehalten.

Umschlagbild: © RomoloTavani/istock

Druck und Bindung: Facultas Verlags- und Buchhandels AGPrinted in Austria

ISBN 978-3-7089-2206-5 (Print)

ISBN 978-3-99111-645-5 (E-Pub)

Inhalt

Einleitung

Vorwort

1. Teil

1.1 Einleitung: Modelle, Modelle, Modelle …

1.2 In Erwartung der ersten Begegnung – Mein Erfahrungsvorwissen

1.2.1 Was ist mein Wissen?

1.2.2 Ich kann eigentlich nur „Wegweiser“ sein

1.2.3 Was weiß ich schon als Helfer?!

1.3 La condition humaine

1.3.1 Wir Menschen sind Teil des Universums

1.3.2 Die energetische Verbundenheit und ihre Auswirkung

1.4 Die Entstehung von Ereignissen

1.5 Die Auswirkung des Quantenfelds auf menschliche Beziehungen

1.5.1 „Gut“ und „schlecht“ im Quantenfeld

1.6 Ökologie 1

1.7 Genetik und Epigenetik als fortlaufende Wirkungen

1.7.1 Entwicklungsbedingungen

1.7.2 Die 3 Bedingungsfelder und die Ökologie

1.7.3 Die Bedeutung der Epigenese für die Bewältigung des Lebens

1.8 Zustände, Zustände …

1.9 Ökologie 2

1.10 Ökologie 3 – Zuträgliches und Abträgliches im Lebensraum des Menschen

1.11 Was hilft mir das bisher Beschriebene?

1.11.1 Ambivalenz und Optimierung – der Ambivalenzquotient

2. Teil

2.1 Grundsätzliches zum Thema Information

2.1.1 Informationsebenen 1 und 2

2.1.2 „Memetics“ – Informationsebene 3

3. Teil

3.1 Der Traum vom gelungenen Selbst

3.2 Was ist der TGS?

3.3 Zuträgliche und abträgliche Information

3.3.1 Woran erkennt man das Misslingen?

3.4 Die Dynamik der Realisierung des TGS – die 3 Umgangsbereiche

3.5 Der TGS und die Situation des Helfens

3.6 Die 14 + 3 Grundbotschaften und die Grundeinstellungen als Helfer/in

3.7 Sexualität und Liebe – und der TGS

4. Teil

4.1 Die Lebensphasen

4.2 Kinder „allein erziehen“

5. Teil

5.1 Das „Ich-Haus“

5.2 Die einzelnen Abteilungen des Ich-Hauses

5.3 Die Selbstdarstellung

6. Teil

6.1 Grundsätzliches zum Seelenleben: Die neurobiologischen Grundlagen

6.1.1 Das Gehirn

6.1.2 Gehirn und Seele

6.1.3 Die Arbeitsweise der Seele

6.1.4 Funktionen und Leistungen der Seele

6.1.5 Begrenzungen der Seele

6.2 Das soziale Wohlbefinden

6.3 Ökologische Notlagen

6.4 Weitere relevante Funktionen der Seele

6.4.1 Bereinigung

6.4.2 Die Trauerarbeit

6.4.3 Individuelle Faktoren bei der Bereinigung

6.5 Weitere Aspekte der Arbeitsweise der Seele

6.5.1 Der Umgang mit der Zeit

6.5.2 Emotionen und Katharsis

6.5.3 Bewusstsein: bewusst werden – bewusst machen

6.5.4 Dimensionen

6.5.5 Träume, Ahnungen, Visionen

6.5.6 Erkennen und Erklären

6.5.7 „Erkenntnis“

6.5.8 Der Energiehaushalt

6.5.9 Gedankenübertragung

6.5.10 Hoffnung

6.5.11 Die Welt der Erwartungen 1

6.5.12 Ressourcen der Arbeitsweise der Seele

6.5.13 „Herdereignisse“

6.5.14 Das Problem

6.5.15 Das Dilemma – der Konflikt

7. Teil

7.1 Systeme und Netzwerk – Zwischen Ordnung und Chaos

7.1.1 Ich in den Lebensfeldern, Ökologie, Ich-Haus und Gesundheit

7.1.2 Netzwerk und System

7.2 Systeme – Eine Einteilung setzen

7.2.1 Die Variabilität in den Funktionen der Elemente im System

7.2.2 Die Wirkung von Systemkräften

7.2.3 Funktionen in Systemen

7.2.4 Muster

7.2.5 Metaframeworks

7.3 Eigenart und Besonderheiten von Systemen – Zusammenfassung

7.4 Grundregeln der Dynamik der systemischen Veränderung

7.4.1 Veränderung

7.5 Die letzte gemeinsame Endstrecke: Information und Wirkung

7.5.1 Erstmaligkeit und Bestätigung

7.5.2 Physikalische Darstellung der Dynamik von Ökosystemen

7.6 Zum weiteren Verständnis der Systemdynamik

7.6.1 Selbstorganisation

7.6.2 Zusammenhang zwischen System und Netzwerk

7.6.3 Grundlagen der Wahrnehmung – die Interpretation

8. Teil

8.1 Die Begegnung – Was ist zu erwarten?

8.2 Ein Mensch tritt mir entgegen!

8.2.1 Die Innenwelt

8.3 Wie steht es mit der Gesundheit?

8.4 Was können wir also von Menschen erwarten, die um Hilfe kommen?

8.5 Autorität

8.6 Beratung oder Therapie

8.7 Der Dialog – Die Seele in Bewegung bringen

8.8 Der Zustand

8.9 Weitere wichtige Aspekte

8.9.1 Die Problemtrance

8.9.2 Die Frage der Schuld

8.9.3 Verstehen

8.9.4 „Empowerment“

8.9.5 Beziehungsformen und Empowerment

8.10 Im Anfang

8.11 Zusammenfassung der Vorgehensweise im Dialog

8.11.1 Verlauf und Ende eines Dialogs

9. Teil

9.1 Spezielle Situationen: Das Gespräch mit der Familie

9.2 Das Verhältnis von Eltern und Kindern in den verschiedenen Phasen

9.3 Der Umgang mit Psychosen

9.4 Stress

9.4.1 Schock, Trauma und Missbrauch – Die schwersten Formen des Disstress

9.4.2 Die Folgen von Missbrauch

9.4.3 Die Folgen im „Tatort Familie“

9.5 Krisen

9.5.1 Persönliche Krisen

9.5.2 Krisen in Familien

9.5.3 Selbstmordgedanken

9.5.4 Selbstmorddrohungen

9.5.5 Selbstmordversuche

9.5.6 Der Tod nahestehender Personen

9.5.7 Der Selbstmord

10. Teil

10.1 Hilfen

10.2 Allgemeine Hilfen

10.2.1 Ökologisches Orten

10.2.2 Die Skulptur

10.2.3 Zeichnen

10.2.4 Skalieren

10.2.5 Zukunftsperspektiven schaffen – Die „Miracle Question“

10.2.6 „Emotional Freedom Technique“ (EFT) – Klopfakupunktur

10.3 Das Gesundheitsbild und seine Möglichkeiten

10.3.1 Das GB als Hilfe bei der Arbeit mit Problemen und Zielen, Schuld und Vergebung

10.3.2 Das GB stellvertretend erstellen für einen bekannten, nicht anwesenden Menschen

10.4 Zusammenfassung

Nachwort

Literaturverzeichnis

Einleitung

In diesem Arbeitsbuch geht es um Vorkenntnisse für die psychotherapeutische Arbeit. Diese Vorkenntnisse sollen zusätzlich helfen, das bisher Gelernte anzuwenden. Es geht um ein Menschenbild, zunächst unbeeinflusst von psychotherapeutischen Kenntnissen. Nun gibt es wohl niemanden, der kein Menschenbild hat: von sich und von seinen Mitmenschen. Jede/r ist damit auch gleichsam Hobbypsycholog/in und irgendwie auch Therapeut/in, wenn er/sie versucht, sich und andere zu verstehen und nach seinem/ ihrem Verständnis auch zu verändern. All das ergibt sich aus seinen/ihren Anlagen, Dispositionen, Stimmungen, Neigungen etc. und letztlich aus Erfahrungen und wird, wenn jemand sich als Helfer/in der Beeinflussung von Menschen berufsmäßig widmen will, durch entsprechende Ausbildungen überformt.

Nun sind in den helfenden Berufen die anerkannten Ausbildungen lt. Vorschrift lange und auch finanziell aufwendig und prägen die Auszubildenden auf ihre Weise. Gerade in den helfenden Berufen ist der Einfluss der Ausbildung deswegen groß, weil sie dem/der zukünftigen Helfer/in mit seinem/ihrem mitgebrachten Menschenbild ein Modell vermittelt, wie er/sie Menschen helfen kann. Diese Vermittlung geschieht in einer diesem Modell eigenen Sprache mit eigener Terminologie. Dadurch wird automatisch auch eine bestimmte Sichtweise des Menschen – ein Menschenbild – vermittelt, das einen wirkungsvollen Zugang zur Rätselhaftigkeit des Menschen bzw. zu ihrer Aufklärung verspricht, mit dem legitimierten Anspruch, dadurch auch wirkungsvoll helfen zu können, d. h. auch legitimierte Macht über die/den Hilfesuchende/n haben zu dürfen. Diese Aussicht ist für die Person, die sich für die Arbeit mit Menschen entschließt (und sich dadurch auch eine Existenzgrundlage erhofft), verlockend und faszinierend. Immer wieder hört man von Patient/inn/en oder Klient/inn/en (wie sie im nicht medizinischen Bereich genannt werden), die von ihren Helfer/inn/en in Supervisionen und auch auf Kongressen gemäß einem solchen bestimmten Modell zur Begründung einer bestimmten These und darauf begründeten Vorgangsweise oder auch Schwierigkeit beschrieben werden, d. h., ein bestimmtes Modell vermittelt jedem Studenten/jeder Studentin bestimmte „Vorurteile“, die von ihm/ihr nicht als solche, sondern als (besonders durch die Terminologie) wissenschaftlich begründet angesehene Annahmen verstanden werden.1

Demgegenüber steht aber die Erkenntnis, dass sich aus der Beobachtung erfahrener Helfer/innen weniger Unterschiede im praktischen Handeln ergeben als in ihren Diskussionen in ihrer Rolle als Ausbildner/in mit Student/inn/en über einen „Fall“. So musste eine Ausbildungskandidatin im „Katathymen Bilderleben“, die bereits lösungsorientierte systemische Einzel- und Familientherapie praktizierte, bei der Vorstellung eines erfolgreich behandelten und abgeschlossenen Falles systemischer Paartherapie von ihren Ausbildungsleitern hören, dass sie nicht auf die „frühkindliche Störung“ eingegangen sei, dass es (trotz des bereits erreichten Erfolges!) hier auf eine lange dauernde Vorarbeit an der „Primärstörung“ angekommen wäre und die Beziehung zum Partner dabei keine besondere Bedeutung hätte.

Die Frage der Identitätsbildung durch eine bestimmte Schule ist offenbar von viel größerem Gewicht, als es den Anschein haben mag, und zwar für beide Seiten, Ausbildner/in wie Ausbildungskandidaten/-kandidatin. Identität ist ein wesentlicher Faktor des Gefühls, ein „Jemand“ in einem bestimmten Therapeut/inn/enfeld zu sein, dies nicht nur fachlich, sondern auch was die Geltung einer Person in einem bestimmten Kreis betrifft, einem sozialen Feld mit Prestige, in dem Ausbildner/in durch jede/n Auszubildende/n und die Auszubildenden vor ihren Ausbildner/inne/n ihr eigenes Prestige durch sie gewinnen wollen.2

Ausbildungskandidat/inn/en sind also auch in der schwierigen Situation, im Bereich ihres Faches Fuß fassen und ihre „Ehre“ vor ihren Ausbildner/inne/n gewinnen zu müssen – etwas, das nur durch das Erlernen des Modells und des zugehörigen Jargons möglich ist, mit dem man sich dann mit den anderen verständigen und „fachsimpeln“ und so im Dialog mit ihnen seine Identität gewinnen und immer wieder bestätigen kann. Erst mit gefestigter Identität ist die Bereitschaft größer, sich über die Grenzen des Modells hinaus über Gemeinsamkeiten zu verständigen (Levold, 2004).

Dies wird durch die im Laufe der Zeit mit dem jeweils verwendeten Modell gemachten Erfahrungen ermöglicht, d. h. aus der Anwendung eines Modells auf die vielfältig manifestierte Komplexität des leidenden Menschen und aus den Erkenntnissen über Gemeinsamkeiten mit anderen Modellen sowie daraus folgend aus Modifikationen des ursprünglich erlernten Modells. Diese Art Erfahrung kann aber in keiner Ausbildung erlernt, sondern nur durch die Arbeit mit Menschen mit der Zeit erworben werden. Daraus ergibt sich die Brauchbarkeit eines bestimmten Modells bzw. die Notwendigkeit seiner Veränderung, um es brauchbar zu halten, aber auch die Möglichkeit eines Modellwechsels bzw. eklektischen Vorgehens.

Aus alledem entsteht eine interessante Komplikation:

Im Zusammenhang mit dem vielfältigen Angebot an Ausbildungen in verschiedenen Therapiemodellen ergibt sich in den letzten Jahren zunehmend, dass der/die in einem bestimmten Modell kaum fertig ausgebildete oder noch in Ausbildung stehende Kandidat/in sich innerhalb kurzer Zeit in einem oder sogar mehreren weiteren Modellen ausbilden lassen will, ohne noch im ersten Modell „sattelfest“ zu sein. Dies macht der/die Auszubildende, um möglichst viele Arten von Hilfe anbieten zu können, d. h. schon frühzeitig ein/e vielseitige/r Experte/Expertin zu sein, sowie um seine/ihre Identität fast gleichzeitig in vielen Feldern zu gewinnen, was auch die Schilder für die Eigenwerbung zeigen, mit denen die Dienste angeboten werden.3 Viele Ausbildungen bestehen dabei oft in der Teilnahme an wenigen Seminaren, die häufig kurz und konzentriert sind und in welchen die Teilnehmer/innen häufig die Stelle von Klient/inn/ en einnehmen. Daraus ergibt sich aber kein echter Eklektizismus. Die ausbildungsbedingten Voreinstellungen des Ausbildungskandidaten/der Ausbildungskandidatin erscheinen ihm/ihr selbstverständlich, wohl aber der Person nicht, die das Modell und die zugehörige Sprache nicht kennt. Auf die aber, auf die es angewandt wird – und das geschieht sowohl beim Ausbildungskandidaten/bei der Ausbildungskandidatin in der von seiner/ihrer Ausbildung vorgeschriebenen „Selbsterfahrung“ als auch bei dem Menschen, der bei einem/einer in diesem Modell Ausgebildeten Hilfe sucht –, die nichts von der Vielfalt der Modelle wissen und sich einem davon aussetzen, ist es in erster Linie die Konfrontation mit einem Bild ihrer selbst mit allen Erklärungen, die sich daraus ergeben, mit dem sie sich zunächst inhaltlich auseinandersetzen. Sie lernen sich so in erster Linie gemäß dem Modell sehen, mit dem der/die Ausbildner/ in (der/die in der Selbsterfahrung Helfer/innenfunktion hat) bzw. Helfer/in sie sieht, und können, wenn sie diesem verbunden bleiben, zwar Erfahrungen entsprechend der modellgegebenen Ideologie und Begriffswelt machen, nur schwer aber das Modell als nur eine Sichtweise erkennen, die gleichberechtigt neben anderen möglichen Sichtweisen steht. So hatte die sogenannte „Aufstellungsarbeit nach Hellinger“ immer wieder dazu geführt, dass Menschen das, was sie dabei erleben – wie auch von Hellinger propagiert – als „Wahrheit“ über ihre Beziehungen in der Vergangenheit und damit diese als Ursache ihrer Probleme ansehen, und, wenn auch manche sie als hilfreich und als Anstoß zur Veränderung ihres Lebens sehen,4 andere darüber verzweifelt sind, besonders wenn Anmerkungen im Sinne von „Du hast keine Chance“ seitens des Helfers/der Helferin fallen.5 Das zeigt, dass der/die Helfer/in selbst von seinem/ihrem Modell über seine/ihre Überzeugung von dessen Wirksamkeit hinaus „ergriffen“ ist.6 Die Plausibilität einer Methode, der bestimmte theoretische, von den „Modellbildner/inne/n“ meist in Büchern dargelegte Grundannahmen unterlegt werden, die sich vor allem aus den persönlichen Erfahrungen und Einstellungen des Helfers/der Helferin ableiten, macht sie besonders für Leidende suggestiv und dadurch so plausibel.7 Die Hilfesuchenden „unterwerfen“ sich daher oder wehren sich, um dann zu einem/einer anderen Helfer/ in zu wechseln, bei dem/der sie, was dessen/deren Modell betrifft, um eine Erfahrung reicher in die gleiche Situation kommen können.8

Natürlich stellt sich hier die Frage nach der Bedeutung des Modells als Vorurteilsbildner. Meist als voreilig gefälltes Urteil verdammt, das dem „wirklichen Verstehen“ im Wege steht, ist ein Vorurteil doch selbst ein erstes Instrument für jede Situation. Ohne Vorurteil würde sich alles im Alltag enorm verlangsamen, müssten doch Menschen sich erst allmählich und immer wieder ein Urteil bilden, welches wohl auch nichts anderes als ein Vorurteil wäre, betrachtet man den Prozess, wie Information aufgenommen und verarbeitet wird bzw. wie im Rahmen der Verarbeitung – abgesehen von der Bildung und Ausbildung – emotionale und kognitive Erfahrungen, Kenntnisse und „Erkenntnisse“, situative Einflüsse etc. in die Urteilsbildung eingehen. Dabei wird manches als etwas „Bekanntes“ angesehen und relativ unreflektiert als solches verwertet, obwohl gerade dies meist die Tilgung von Information bedeutet, d. h. dass entsprechend der Beschreibung von Piaget (2016) über die kognitive Entwicklung des Kindes „assimiliert“ wird, solange dies nur möglich ist, sodass die Einmaligkeit jeder persönlichen Situation auf „Das kommt mir bekannt vor“ und weiter zu „Das erkenne ich jetzt“ reduziert wird. Etwas Neues sehen zu lernen bedeutet, rechtzeitig zu „akkommodieren“, d. h. die aufgenommenen Erfahrungen nicht nach einem bekannten Schema zu sehen und damit gleich zu „erkennen“, sondern bereit zu sein, bekannte Schemata erweitern oder überhaupt neue schaffen zu müssen. Das bedeutet von Anbeginn an Wachsamkeit gegenüber dem eigenen Erkenntnisprozess.

Eve Lipchik (2004) hat hierfür den Begriff des „Dual Trackings“ geprägt, d. h. des doppelten inneren Dialogs, den ein/e Therapeut/in führen muss, um sich einerseits der eigenen Einstellungen und andererseits der für den Klienten/die Klientin nützlichen Einstellungen bewusst zu bleiben, um nicht in die Falle seiner/ihrer eigenen Erfahrungen zu kommen und die Situation aus dieser Sicht zu bewerten und zu beeinflussen. Dies hat besonders bei der Behandlung von Paarbeziehungen Bedeutung, wo den Klient/inn/en von den Helfer/inne/n oft zur Scheidung geraten wird, „wenn sie es nicht mehr aushalten“, meist aus der eigenen Erfahrung des Helfers/der Helferin, selbst geschieden zu sein.

Nun sind gerade die Modelle, nach denen helfende Berufe arbeiten sollen, schon deswegen informationsreduziert, weil jedes Modell des Menschen immer informationsreduziert ist. Wie viele Beschreibungen kann es geben, die alle denselben Menschen betreffen, aber doch je nach Sichtweise verschieden sind? So wurden 2014 etwa 400 therapeutische Modelle genannt (Sharf, 2014), deren besondere Wirksamkeit von ihren „Vätern“ vertreten und propagiert und mit Erfolgsgeschichten untermauert wird.9 Das alles trägt beim/bei der Helfer/in zu einer Prägung bei, die der Tatsache, dass Menschen niemals vollständig beschreibbar sind, nicht mehr Rechnung trägt, denn: so viele Beschreiber/innen, so viele Ansichten und Sichtweisen. Das ist aber nicht nur ein Nachteil, sondern auch ein – wenn auch unbequemer – Vorteil, erlaubt, ja verlangt er doch von jedem/jeder Helfer/in das, was ich integrative Vielseitigkeit nennen möchte, d. h. die Fähigkeit einerseits die Redundanz, andererseits aber auch die verschiedenen und für ihn/sie neuen und interessanten Ansätze und Akzente der verschiedenen Modelle zu sehen, die doch nur „den einen Menschen“ zu erfassen suchen. Die integrative Vielseitigkeit fordert geradezu heraus, dies zu sehen und zu berücksichtigen.

Das hier Vorgelegte ist ein Ergebnis aus Erfahrung und daraus abgeleiteten Regeln, niedergeschrieben als Theorie. Es soll Ausbildner/innen, Ausbildungskandidat/inn/en sowie (spätere) Helfer/innen auf die Notwendigkeit hinweisen, vielseitig in Hinblick auf die Sicht auf den Menschen zu sein, zu werden und immer zu bleiben. Zudem soll dieses Buch die Diskussion in den Ausbildungsgruppen beleben. Der Mensch ist so! Ist er so? Wenn damit auch Verunsicherung ausgelöst werden kann, so kann das hier Geschriebene auf diesem Wege einen Brückenschlag hin zu einer stärkeren Integration der verschiedenen Modelle bringen. Das würde zwangsläufig zu einem grundsätzlich offenen Supermodell führen. Das ist auch eine asymptotische Absicht des Autors, der damit allerdings auch wieder ein Modell propagiert, aber eines, das sich dank der Offenheit immer mehr – wenn auch asymptotisch – der Realität annähern könnte.

Damit stellt sich natürlich die Frage nach dem Standpunkt des Autors.

Schon während meines Medizinstudiums stark vom psychoanalytischen Denken fasziniert und damit beschäftigt, weil es sich mir als Modell zum Verständnis des Menschen anbot, machte ich zunächst meine Ausbildung zum praktischen Arzt in einem kleinen Krankenhaus, ging anschließend für ein Jahr auf eine Unfallchirurgie, um meinen „Turnus“ abzuschließen, und entschloss mich dann zur Ausbildung zum Psychiater. An allen drei Stationen dieses Weges lernte ich wegen des damals herrschenden Personalmangels möglichst selbstständig zu arbeiten und zu handeln, um zu helfen. Dabei kristallisierte sich gerade durch die Unfallchirurgie allmählich die Erkenntnis heraus, dass alles, was ich tat und tun musste, um zu helfen, die – möglichst weitgehende – Wiederherstellung der Gesundheit zum Ziel hatte. Körperlich gesehen ist das nichts Neues. Aber für den Psychiater geht es um die Wiederherstellung der Seele. Das war und ist noch immer mein Ziel.

In der Zeit meiner psychiatrischen Ausbildung – endlich psychoanalytisch und gruppentherapeutisch im psychoanalytischen Sinn ausgebildet und zertifiziert – habe ich seit dem Jahr 1968 Familientherapie in der Arbeit mit psychiatrischen Patient/inn/ en erlernt, d. h. nur auf Anregung meines verehrten und schon verstorbenen Lehrers Raoul Schindler, der mir dies quasi beiläufig vorschlug, weil er sich selbst mit der Arbeit mit Familien, allerdings in Eltern- und Patient/inn/engruppen aufgeteilt, genannt „Bifokale Gruppentherapie“, beschäftigte. Damals gab es nur amerikanische Literatur, aber keine Seminare und viele Vorurteile seitens der Psychiatrie und der vorherrschenden Psychotherapieideologie, die tiefenpsychologisch geprägt war, dass die Arbeit mit Familien „unmöglich“ sei, weil „die Väter niemals kommen würden“. Es war Lernen aus der Notwendigkeit, und mühsam durch meine vorausgegangenen Ausbildungserfahrungen, und ich habe damit gelernt, „Systeme zu sehen“. So erkannte ich, dass das „Interpretieren“, wie ich es als Psychoanalytiker und „Gruppenanalytiker“ gelernt hatte, so lange nichts nützte, wie es nicht zu einem Anders-Handeln der Betroffenen, zu einem Anders-miteinander-Umgehen und letztlich dadurch zu einem Einander-anders-Sehen geführt hat. Mir wurde dabei klar, dass erst das Miteinander-anders-Umgehen bei den Patient/inn/en bzw. Klient/inn/en zu „Erkenntnissen“ über sie selbst und die anderen führte. Das bedeutete für mich, dass ich, anstatt zu interpretieren, zu diesem Anders-Handeln animieren musste und, um das zustande zu bringen, selbst anders mit den Betroffenen umgehen musste. Dazu wieder musste ich lernen, die Ökologie der Menschen zu bedenken, d. h. ihren Bedarf als Menschen, den sie im gleichzeitigen Umgang mit sich selbst und im Zusammenleben mit den anderen ja decken müssen. Wenn dies nicht gelang, musste ich das Krank- oder Hilflos-Sein als die „bestmögliche Lösung“ für die Existenz der Betroffenen erkennen lernen. Ebenso erkannte ich, dass es für die Klient/inn/en unmöglich erschien, diese „bestmögliche Lösung“ aufzugeben, ohne zu wissen, ob es vielleicht doch eine bessere gab als das, was sie kannten. Da war er wieder, der „Widerstand“, den ich aus der Psychoanalyse kannte. So führte alles bisher Gelernte dazu, „integriert“ denken und sehen zu lernen, nicht auszugrenzen, sondern einzuschließen, Geschichte und aktuelle Situation zu verbinden und abschätzen zu lernen, was nützlich ist, um zu helfen. Das erschien mir letztlich als das vorrangigste Ziel, zeigt doch die Psychiatrie deutlicher als alle anderen Disziplinen der Medizin die Notlagen der Menschen auf, vor allem weil die Menschen als Teil der Behandlung darüber befragt werden und darin verstanden werden müssen.10 Dabei habe ich gelernt, Informationen – so verrückt oder unwahrscheinlich sie erscheinen möchten – nicht einfach als unwichtig oder bedeutungslos zu verwerfen, sondern als oft stark verschlüsselte Aussagen über die Existenz zu sehen. Ich habe auch gelernt, Konzepte zu verbinden und zu erkennen, wie wichtig es ist, alles von verschiedenen Perspektiven aus zu sehen, allen – und nicht nur Klient/inn/en gegenüber, deren Lage so ergreifend und deshalb zur Parteilichkeit verführerisch ist – einerseits „allparteilich“, andererseits „neutral“ gegenüberzustehen,11 gegebenenfalls auch mir bis dahin unvertraute Standpunkte zuzulassen und dann, wenn notwendig, zu entscheiden, was zu tun nützlich ist (Simon & Stierlin, 2004).

Integriert zu denken, was mich zunächst verunsichert hatte, weil ich meine erlernten und daher sicher erscheinenden Standpunkte verlassen musste, wurde immer reizvoller und eröffnete mir das „Universum der Sichtweisen“, das ich betreten hatte.

Mit zunehmender systemischer Erfahrung führte das zu der für die „Schulen“ unangenehmen, für mich aber reizvollen Erkenntnis, dass letztlich alle Psychotherapie als systemische Arbeit anzusehen ist, weil sie unabdingbar im Netzwerk stattfindet, in dem auch Helfer/innen und Klient/inn/en im Hier und Jetzt in einer speziellen Aufgabe mehr oder weniger lange andauernd verbunden sind. Das mag für die Schulen deshalb unangenehm sein, weil sie durch ihr Modell im Netzwerk ja ihre Identität gewinnen und behalten müssen. Sie retten sich ihre Identität dadurch, dass sie sich „systemisch“ – und damit sich abgrenzend – auch einer Schule zuschreiben, anstatt sich selbst als Teil eines nicht wegzudenkenden Netzwerks zu sehen.12

Nun bildet sich jede Schule aus einem Modell der Gründer/innen, das sie aus ihren Erfahrungen entwickelt haben und das hilft, die Komplexität dieses Netzwerks auf ein handhabbares Maß zu reduzieren. Gerade das aber bedeutete für mich, die eigene Ansicht zu relativieren und die eines anderen zu respektieren, gehen doch in dieses Netzwerk alle Faktoren ein, die das Leben der Beteiligten gestalten – zu deren Wohl oder Weh, seien es Therapeut/inn/en oder Klient/inn/en oder deren Angehörige und alle, die sonst noch dazugehören, nicht zuletzt die Umwelt schlechthin. Daher ist es gut, diese Faktoren, die das Netzwerk gestalten und in ihm wirken, so weit sie schon erkennbar sind, möglichst zu kennen, bevor sie in ein Modell gegossen werden, nicht zuletzt um die Begrenztheit eines bestimmten Modells und die Möglichkeit eines anderen zu erkennen und immer neue Faktoren zu erwarten.

Dies hilft diese Faktoren zu relativieren und vor allem den Menschen in seinem Wesen als einmalige körperlich-seelisch-geistige Einheit, der seinen Weg in der Welt sucht und seine Zukunft bestmöglich gewinnen will, im Auge zu behalten, denn: Helfen heißt immer Zukunft zu ermöglichen.

1 Zur Illustration siehe Wolfensberger & Hunter, 2002.

2 Die Ausbildner/innen werden nicht nur zur Bekräftigung des Renommees genannt („Ich bin ein/e Schüler/in von …“), sondern auch zu „Vätern“ bzw. „Müttern“ einer bestimmten Richtung ernannt.

3 Auf den Homepages der Anbieter/innen preisen sich die betreffenden Helfer/innen als Expert/ inn/en in vielem an. In einem Sammelband zur Arbeit mit Familienaufstellungen zeigen die Recherchen, wie viele sich ohne spezielle Therapieausbildung und mit nur wenigen Seminaren in Familienaufstellung auf ihren Homepages als vielfältige Expert/inn/en empfehlen (Goldner, 2003).

4 Die Theorie der Veränderung zeigt, dass alles einen Anstoß zur Veränderung geben kann, wenn es vom System als für seine Lage in einem bestimmten Kontext wichtig angesehen wird (Mücke, 2000).

5 Persönliche Beobachtung des Autors und von anderen Therapeut/inn/en und Zuschauer/inne/n.

6 Das Ergriffensein tritt umso eher ein, als ein Modell scheinbar einfach und „logisch“ ist, wie das auch bei der sogenannten „Urschrei-Therapie“ der Fall war, welche Arthur Janov in seinem Werk „Der Urschrei“ (1970) beschrieb. Die Einfachheit der Modelle veranlasst dann nicht nur viele dazu, Helfer/in zu werden, sondern verführt diese Helfer/innen auch dazu, es freigiebig anzuwenden, sehr oft kritiklos, sodass sie, wenn es bei jemandem nicht „klappt“, oft ratlos davorstehen und ihm gegenüber in ihrer Hilflosigkeit oft brutal abweisend sind.

7 Die Darlegung in Büchern ist im Übrigen etwas, was Ehrfurcht vor den Modellbildnern einflößt, was dem Modell zusätzlich Gewicht verleiht. Sie zu „haben“, d. h. zu besitzen, lässt an deren „Größe“ und Erkenntnis teilhaben. Das zeigt sich dann auch bei Ausbildungsseminaren, in denen die Teilnehmer/innen die Materialien „haben“ wollen, oft ohne sie später jemals zu verwenden oder auch nur anzusehen. Das „Habenwollen“ schmeichelt aber auch dem/der Ausbildner/in und vermittelt ihm/ihr das Gefühl, etwas Wichtiges gesagt oder getan zu haben.

8 So hat eine Untersuchung der Wirkfaktoren der Therapie gezeigt, dass nur 15 % des Erfolgs einer Therapie von einem bestimmten Modell abhängen, während die außertherapeutischen Faktoren 40 % und die Qualität der Beziehung 30 % des Erfolges begründen (Miller et al., 2000).

9 Auf Misserfolge bzw. schlechte Erfahrungen mit seiner Methode angesprochen, war bei einem großen Psychotherapiekongress ein durch sein Modell sehr bekannter Therapeut nicht in der Lage zu antworten, sondern begann sofort mit seinen Erfolgsgeschichten (eigene Erfahrung).

10 Dieses Befragen und Verstehen der Patient/inn/en ist etwas, das sich nur sehr allmählich durchgesetzt hat bzw. noch durchsetzen muss, ist doch die Psychiatrie eine Disziplin der Medizin, die in ihrem Selbstverständnis die Krankheit als Ereignis in einem Menschen sieht – vergleichbar mit den somatischen Erkrankungen –, das man wie bei diesen, nämlich mit „Mitteln“, wieder beseitigen muss. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Ärzte/Ärztinnen und auch Fachärzte/-ärztinnen der Psychiatrie, ohne viel nach der Lebenssituation und deren Bewältigung zu fragen, vermehrt Medikamente einsetzen, in der Hoffnung damit zu helfen. Sie richten sich eher nach den Wirkungen, wie sie die Pharmaindustrie in den Beschreibungen angeführt hat. In einer solchen Beschreibung eines viel angewandten Antipsychotikums (!) wird z. B. unter Nebenwirkungen angeführt, dass diese sich „unter Umständen“ genau so zeigen wie die Erkrankung, die das Medikament behandeln soll.

11 Es mag merkwürdig scheinen, beide Einstellungen zu kombinieren. Da aber „allparteilich“ bedeutet, die Standpunkte aller einzunehmen, und „neutral“ bleibend, sich nicht in die Spiele der Klient/ inn/en einbeziehen zu lassen, ergibt sich aus dieser Verbindung, dass man bei allem Mitgefühl mit jedem Menschen, der um Hilfe kommt, oder wenn man einen solchen begleitet, seinen eigenen Standpunkt in Bezug auf das, was jetzt ist und am besten helfen könnte, behalten muss.

12 Ein Beispiel dafür ist die von den Psychoanalytiker/inne/n der 40er- bis 60er-Jahre von ihren Ausbildungskandidat/inn/en verlangte Kontaktvermeidung mit den Angehörigen, so als ginge es nur um individuelle Entwicklung, welche in der „trauten Zweisamkeit“ der analytischen Situation angestoßen werden sollte. Aber schon länger gab es die Ansicht, dass „die Familie immer unter der Couch sei“ (Greenson, 2016). H. Goolishian berichtet in einem Seminar 1992, wie er als Analytiker sich anfangs vor der Kritik seiner Kolleg/inn/en fürchten musste, weil es verpönt war, Angehörige zu sehen, bis er es wagte, aber damit unweigerlich auch den Weg zur Familientherapie beschritt.

Vorwort

Ich habe mein erstes Buch zu diesem Thema im Jahre 2006 veröffentlicht, mit dem Titel „Über das Offensichtliche oder: Den Wald vor lauter Bäumen sehen“. Während meine Absicht unverändert geblieben ist, haben sich doch neue wichtige Aspekte gezeigt, die für die helfende Arbeit unentbehrlich sind. Was war und ist diese Absicht? Verständlich zu machen, dass man den „Menschen“ genügend kennenlernen muss, bevor man Helfer/in für ihn wird. Das ist dann der nächste Schritt. Es sind auch neue Aspekte hinzugekommen. Diese Aspekte betreffen Erkenntnisse über das Gehirn als Kommunikationsorgan des Menschen und die Bedeutung der Kenntnisse von den Gesetzen der Kommunikation, insbesondere im Zusammenhang mit den Ergebnissen der Gehirnforschung und – für mich besonders wichtig – die Ökologie generell sowie – für das Helfen-Können von höchster Bedeutung – die Humanökologie. Sie ist ein Schlüssel zum Verständnis des „Menschen“ als Lebewesen, mit allem, was das bedeutet. Auch meine Erfahrung hat sich so erweitert, dass dadurch die helfende Arbeit leichter werden kann. All das war wiederum Grundlage für meine Arbeit als Universitätslehrer an der Klinik für Psychiatrie an der Medizinischen Universität Wien und hat bei den Student/inn/en nicht nur großen Anklang gefunden, sondern ihnen auch erfreuliche Erkenntnisse und Erfahrungen mit den Familien gebracht, wie sie in ihrer Abschlussarbeit beschrieben. Besonders wenn sie ihre eigenen Familien beschrieben hatten, berichteten sie meistens, dass sie ihre Einstellungen verändern konnten und sich dadurch die Kommunikation in ihren Familien positiv verändert hat.

Was den Aufbau dieses Buchs betrifft, so bleibt auch er im Wesentlichen unverändert zum vorigen, wird aber in den Kapiteln so ergänzt, dass das, was hinzukommt, in den früheren Text entweder einfließt und ihn entsprechend erweitert oder ihn durch neuen Text ersetzt.

Ich habe manchmal ein Fragezeichen hinter eine Textpassage gesetzt. Das soll Leser/ innen zum Versuch anregen, sich selbst eine Antwort zu überlegen. Die Leser/innen müssen aber letztlich entscheiden, ob das Buch ihnen Hilfe und Erleichterung in ihrer Arbeit mit Menschen vermittelt.

Vorausgeschickt sei, dass alles, was ich hier darlegen möchte, aus meiner eigenen Erfahrung durch mehr als 40 Jahre psychiatrischer und psychotherapeutischer, insbesondere systemischer und dabei familientherapeutischer und supervisorischer Erfahrung mit Supervisand/inn/en verschiedener Ausbildungsrichtungen stammt. Das Konzept dieses Buches besteht darin, ausgehend von der zu erwartenden und schließlich eintretenden Begegnung mit einem Menschen die Gedanken und Überlegungen anzustellen sowie vor allem die Bedingungen vor Augen zu führen, die zu sehen notwendig ist, bevor der/die Helfer/in zu „arbeiten“ beginnt. Es ist ja diese/r andere Unbekannte, der/die mit seiner/ihrer Geschichte, seinem/ihrem Leben und seiner/ihrer aktuellen Situation sowie mit einem bestimmten Anliegen zu mir kommt und von mir Hilfe erwartet. Dasselbe kann auch eine Familie oder Gruppe betreffen, aber auch die Arbeit von Helfer/inne/n mit anderen Menschen in Form von Supervision oder Coaching.

Dass Hilfe freiwillig gesucht wird, ist die normale Ausgangssituation für den/die Helfer/in. Davon abweichend ist z. B. die Situation der Unfreiwilligkeit beim Zustandekommen dieses Kontakts, z. B. auf gerichtliche Weisung, oder die des nicht erwünschten Kontakts und schließlich die des Kontakts in einer Situation, in der der/die Hilfesuchende in einer anderen Realität als ich ist, wie etwa bei Drogenabhängigkeit oder im Fall einer Psychose. Dazu kommt die Arbeit mit Paaren und Familien.

All diese Situationen erfordern von mir die Erkenntnis des/der anderen als Mitmenschen mit aller Komplexität seines/ihres Lebens, denn er ist/sie sind doch mein(e) Mitmensch(en)!13 Wir alle haben unsere komplexen Verhältnisse, jeder auf seine Weise und mit je verschiedenen Auswirkungen auf uns als (Mit-)Menschen. Dass wir trotzdem helfen müssen, ist die faszinierende Arbeit, die wir tun wollen. Dabei soll erst von einer ersten Begegnung zwischen Helfer/in und Klient/in ausgegangen werden.

13 Eine sich wegen einer bipolaren Erkrankung in Psychotherapie befindliche Klientin war sehr erleichtert, als ihr Therapeut ihrer Mutter gegenüber beiläufig erwähnte, dass mehrere seiner engeren Angehörigen dasselbe Leiden hatten bzw. haben. Das wirft im Übrigen das in der Literatur immer öfter erwähnte Problem der „self-disclosure“, der Eröffnung der eigenen Situation und Erfahrung, auf.

1. Teil

1.1 Einleitung: Modelle, Modelle, Modelle …

Jede Begegnung ist eine Begegnung von Modellen (siehe auch „Ich-Haus“, S. 166):

Modelle sind relativ stabile Vorstellungen jedes Menschen von der Welt und davon, wie er darin mit sich und anderen Menschen sowie mit seiner Umwelt überhaupt umgehen kann, um zu leben, zu überleben und seine Ziele zu suchen und zu erreichen. Dies geschieht im Rahmen der Dynamik der Seele und ergibt sich aus allen Lernerfahrungen bis zum Zeitpunkt einer Begegnung und auch in Vorausperspektive. Die Lernerfahrungen sind für die Begegnung von Menschen mit der Welt, speziell mit der Umwelt, und auch mit sich selbst angepasste Sichtweisen, die das Handeln vorbereiten, d. h. das Einleiten einer Handlung und deren erwünscht positiven, d. h. erfolgreichen, Abschluss. Dabei offenbart sich ein vielfältiges Kräftespiel der Seele, das sich auch körperlich in Mimik, Gestik und Haltung zeigt und dem Gegenüber signalisiert, wie es aus seinem Modell nach all seinen Erfahrungen darauf antworten will oder kann. Die Erfahrungen können flexibler oder starrer, realistisch oder unrealistisch sein, d. h. sie äußern sich so in der Begegnung.

Zum Verstehen der Komplexität einer Begegnung gehört auch die Kenntnis der Kräfte, die in der Begegnung die Bewegung auslösen und sichtbar machen. Es sind Energiequanten in Form von allen verbalen und nonverbalen Äußerungen, die im Austausch von Lebewesen – und damit auch von uns Menschen – in Begegnung mit sich selbst und der Umwelt diese Dynamik gestalten, je nachdem auf welche Sensoren sie treffen.

Kennt ein/e Helfer/in die Sensoren so gut er/sie sie kennen kann, kann er/sie durch sein/ihr in sein/ihr persönliches Modell integriertes Helfermodell versuchen, ihm/ihr hilfreich erscheinende Veränderungen im Modell seines/ihres Gegenübers zu bewirken.

Dabei geht er/sie von seinem/ihrem „Modell“ aus, d. h. von seinen/ihren mehr oder weniger komplexen Vorstellungen über die Arbeitsweise des Organismus und speziell der „Seele“ und den daraus abgeleiteten Möglichkeiten, sie positiv zu beeinflussen. Das gilt für jede/n Helfer/in, ob professionell oder nicht.

Was „macht“ jeder mit seinem Modell? Man wirkt als Gegenüber mit Worten, Gesten und Haltungen, mit „Ausstrahlung“ (ja, die gibt es!) und „seinen“ Meinungen, d. h. vorgeformten Ansichten, „seinen“ Hoffnungen und Befürchtungen auf das Gehirn des Gegenübers ein, das als „Hüter seiner Seele“ der Seele über alle Sinne – dazu gehört auch das, was 6. Sinn genannt wird – gefiltert und gestaltet durch dessen Modell Informationen zugänglich macht.

Der/die „Helfer/in“ fühlt sich von Anfang an verpflichtet verschiedene Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, von denen er/sie meint, dass sie dienlich sein könnten.14 Dazu benützt er/sie zusätzlich bestimmte „Tools“ – Werkzeuge, wie sie jedes Modell zur weiteren Zufuhr von Information zur Verfügung stellt –, sodass der/ die auf diese Weise Angesprochene sich in Bezug auf eine bestimmte Situation möglichst verändern kann, genauer: sodass er/sie selbst sich durch die Erfahrung mit alledem, was ihm/ihr an Informationen zugeführt wird, in seinem/ihrem Modell verändern kann. Er/sie soll so wieder in Bezug auf sein/ihr eigenes Leben handlungsfähig werden.

Das Buch soll Anregung und Reflexionsmöglichkeit sein, um mit Vorsicht an die so wichtige, herausfordernde aber auch äußerst interessante und bereichernde Arbeit mit Menschen in Not heranzugehen.

Dabei erschien es mir notwendig, Überlegungen und Ansätze in der Sprache von Theorien darzulegen, aber deren Erweiterung, Veränderung oder auch Verwerfung nach Überprüfung dem/der Leser/in zu überlassen. Die Literaturhinweise, die ich dazu gebe, betreffen die Werke, die ich kenne, aus denen ich gelernt habe und aus denen mir zu lernen wichtig erscheinen würde. Die Literatur ist aber überreich an Modellen und Ansätzen und kann in dieser Fülle niemals vollständig angeführt werden. Dieses Buch soll anregen, anhand der Begegnung mit Menschen überhaupt, nicht nur mit Klient/inn/en bzw. Patient/inn/en, das eigene Wissen zu überprüfen und nicht vorschnell Menschen in eigene Modelle einzupassen („X ist ein typischer Fall von …“).

Schließlich ist die Erfahrung der wichtigste und größte Lehrmeister für alle Erkenntnis und damit für alles mit Theorie unterlegte Geschriebene. Die Erfahrung so unvoreingenommen wie möglich zu sammeln ist wichtig. Dabei soll dieses Buch helfen und seine Brauchbarkeit erweisen.

Der hier dargelegte Stoff, den ich viele Jahre an den Universitäten Graz, Linz, Salzburg und Wien unterrichtet und den Student/inn/en vorgelegt habe, geht von der „Begegnung“ aus und von dem, was von ihr von jedem/jeder Helfer/in bzw. Hilfesuchenden zu erwarten ist.

Begegnung ist also immer Ausgangspunkt, um anderen und gleichzeitig auch sich selbst zu begegnen.

So ist eine Familie eine Gruppe einzelner hilfesuchender Menschen, die einander ununterbrochen begegnen, die eben „Familie“ sind. Ein psychotischer, unfreiwillig zur Behandlung aufgenommener Mensch ist jemand in einem besonderen Zustand, aber im Bestreben, sein Leben zu meistern, ist er auch einer, der begegnen will und Hilfe sucht, in welcher Ausdrucksform oder Funktion auch immer, auch dann, wenn diese Suche manchmal verrückt oder gar kriminell erscheint.

Daher soll auch die Seite des Helfers/der Helferin in der Begegnung zur Sprache kommen, der mit den gleichen Bedingungen ausgestattet, aber hoffentlich erfolgreicher im Umgang damit noch zusätzlich das „Fachwissen“ hat, das ihm/ihr ermöglichen soll, seine/ihre Aufgabe, nämlich zu begegnen, zu bewältigen.

1.2 In Erwartung der ersten Begegnung – Mein Erfahrungsvorwissen

Ich sitze in meiner Praxis15 und habe einen Termin. Ich erwarte einen Menschen, der sich angemeldet hat, von dem ich aber nichts weiß, außer dass er etwas von mir als Helfer will.

D. h.: Ich kann erwarten, dass er in irgendeiner Weise von mir Hilfe erwartet, so wie er sich Hilfe vorstellt. Was wird das sein? Das ist spannend, aber eigentlich auch beunruhigend. Was wird er von mir wollen, und wie wird er es vorbringen?

Ich weiß schon, dass er auf meine Frage, was ich für ihn tun kann oder was er braucht (auf welche Weise auch immer ich es formuliere, um seine Erwartungen an mich „in Erfahrung“ zu bringen), entweder mit einer Geschichte beginnen wird, einer Vorgeschichte eigentlich, oder mit dem Bericht über ein Symptom, das seit Längerem besteht, unter dem er immer noch leide, das sich aber verstärkt habe oder das er schon lange habe, ohne dass es ihn besonders gestört habe, das aber jetzt unerträglich geworden sei, oder dass es ganz plötzlich und unerwartet und unerklärlich aufgetreten sei.

Er könnte aber auch, was eher selten ist, mit einer klaren Formulierung kommen, was er sich von mir als Hilfe erwarte, besonders wenn es um Konflikte in Beziehungen geht, an denen er oder jemand, der ihm wichtig ist, leidet.

Er wird also entweder „nur“ ein Problem direkt als solches präsentieren oder sein Problem in Form eines Symptoms oder indirekt durch die Formulierung einer Erwartung in Bezug zu seiner Situation. Wie auch immer: Er wird ein Betroffener sein, der mit dieser seiner Situation nicht umgehen kann.

Bsp.:

Ein schon betagter Mann kommt wegen starker Herzbeschwerden zu mir und erzählt, dass er ein passionierter Segler im Mittelmeer sei und ihm das besondere Freude bereite. Seine Frau sei aber wegen ihres Alters immer mehr dagegen und wolle auch nicht mehr mitfahren, sodass er allein segeln müsse oder ihr zuliebe zu Hause bleibe. Seine Tochter, die Ärztin sei, mache sich Sorgen wegen seiner Herzbeschwerden, „verstehe“ ihn aber auch.

Was zeigt sich da? Da sind die Herzbeschwerden, der Wunsch, das Segeln nicht aufgeben zu müssen, die Sorge der Frau, die nicht mehr „mitmachen“ will. Das Dilemma zwischen Loyalität und der Sehnsucht, dass es wie früher sein sollte? Wie hängt das mit den Herzbeschwerden zusammen?

Um mit dieser Situation umgehen zu können, darf ich mich nicht, etwa durch Gefühle wie Mitleid für ihn, Verständnis für seine Frau oder den ärztlichen Standpunkt seiner Tochter, aus meiner „Helferbahn“ bringen lassen, sondern muss mich in erster Linie auf mein Wissen besinnen und auf meinen Standpunkt als Mitmensch und Helfer.

1.2.1 Was ist mein Wissen?

Ich weiß, dass er das, was er vorbringen und wofür er Hilfe suchen wird, auch in meiner Terminologie als Problem präsentieren wird: Er wird, so wird er es ausdrücken, ein Problem „haben“, also etwas „auf dem Herzen“, das er wie ein „Ding“ beschreibt, das ihn stört, belastet oder bedrückt und vor allem auf dem Weg durch sein Leben, so wie er es sich vorgestellt hat, behindert. Und er wird wollen, dass ich ihm helfe, dieses „Ding“ aus dem Weg zu räumen, denn es hat bewirkt, dass er auf seinem Weg in seine Zukunft irgendwo „hängengeblieben ist“, vielleicht von Anfang an, vielleicht erst seit längerer Zeit oder vielleicht erst seit Kurzem.

Wie immer sein Weg bisher war, es ist sein Weg gewesen, den er bisher gegangen ist, mit allen Absichten, Erfahrungen und Zielen und auch allen Wechselfällen und Zwischenfällen, die es dabei gegeben hat, die er aber entweder ohne oder mit irgendeiner anderen Hilfe bewältigt hat.

Wo er, was seinen Besuch bei mir betrifft, jetzt hängengeblieben ist, weiß ich noch nicht. Das muss ich erst im Gespräch mit ihm erkunden. Es kann in ihm liegen, an seinen Einstellungen und daran, wie er das Leben angeht, oder an anderen in seinem Lebensfeld, ja auch an gesellschaftlichen Umständen oder an allem zusammen, und es kann sich aus plötzlich eingetretenen Umständen oder allmählich sich ansammelnden Faktoren ergeben haben, die sich schon an früheren Problemen gezeigt haben, oder es ist erst jetzt manifest geworden. Ich weiß, dass seine Lebensbereiche nicht getrennt sind, sondern in ständiger Wechselbeziehung bzw. -wirkung stehen.

Ich weiß aber auch, dass er seinen Weg gehen will, dass er ihn gehen wollte, so gut er es verstand und weitergehen will, so gut er es versteht. Das ist das Bestreben seines – genauer: jedes – Lebens, denn das Bestreben seines – jedes – Lebens ist, einen möglichst gangbaren Weg zu gehen, ist doch das Leben selbst eine Vorwärtsbewegung, für die man – manchmal erst nachträglich – Sinn, Richtung und Ziele finden muss.

Aber wie immer der Weg bisher war, ist es überhaupt der, den er gehen wollte? Oder musste er ihn gehen? Musste er, weil etwas in ihm ihn mit aller Macht in diese Richtung drängte? Oder hat er sich auf diesen Weg drängen lassen: durch andere oder bestimmte Umstände in seinem engeren oder weiteren Lebensfeld? Und möchte er den Weg „eigentlich“ so fortsetzen, wie er bisher war, oder „eigentlich“ einen anderen Weg finden – „wirklich“ seinen Weg? Kann er sich das überhaupt vorstellen? Was war bisher für die Wahl des Weges bestimmend? Es kann sein, dass er seinen Weg, den, der seinem Wesen gemäß wäre, gar nicht kennt oder nur ahnt oder vielleicht nur heimlich davon träumt. Erlaubt er sich überhaupt von einem anderen, von seinem Weg zu träumen? Oder kommt er einfach „bewusstlos“ für einen anderen Weg, z. B. weil er körperlich krank ist, und hofft, wenn er „nur“ wieder gesund ist, seinen Weg wie bisher weitergehen zu können oder auch zu müssen.

Gerade bei Erkrankungen, die medizinisch definiert und bei jemandem bestätigt werden, wird die Krankheit zum vordergründig wahrnehmbaren Hindernis und es geht dabei gar nicht um die Frage eines anderen Weges, speziell wenn danach weder gefragt wird, noch Wissen darüber besteht, dass damit ein Heilfaktor eingeführt werden würde, sondern es geht nur um die Beseitigung der Krankheit, wie dies besonders bei von Krebs oder anderen lebensbedrohlichen oder behindernden Erkrankungen Betroffenen beobachtet werden kann, welche ihre Heilung in erster Linie oder ausschließlich aus der medizinischen Behandlung erwarten, um dann ihren bisherigen Weg fortzusetzen, oft auch weil sie glauben, ihn so fortsetzen zu müssen. Dabei wirkt das manchmal eher geringe Interesse der Behandler/innen an der Möglichkeit zu einem anderen Weg oder Mangel an Wissen darüber mit der Einstellung des Patienten/der Patientin zusammen.16 Gerade bei schweren Erkrankungen zeigt eine bewusste Veränderung der „Lebensführung“ erstaunliche positive Veränderungen, vor allem im Sinn der Heilung.

Bsp.:

Die an Brustkrebs erkrankte Frau S. war bis zu ihrer Erkrankung nicht nur bemüht, ihrem eher zwanghaften Mann eine gute Ehefrau zu sein, sondern war seit ihrer Kindheit eine sehr verantwortungsvolle Tochter. Als die Eltern in finanzielle Schwierigkeiten kamen, riefen sie alle ihre Kinder zusammen und forderten sie auf, Schulden in großer Höhe zu übernehmen. Als Frau S. sich nach den Modalitäten erkundigte, bekam sie nicht nur von den Eltern keine Auskunft, sondern wurde auch von ihren Geschwistern als Egoistin bezeichnet. Sie spricht davon, dass sie sich in dieser Situation wie „lebendig seziert“ vorkam, konnte die Situation aber nicht verlassen, da sie mit einem ihrer Brüder angereist war und sich von der Situation abhängig fühlte. Etwa zwei Monate danach brach die Brustkrebserkrankung aus. Frau S. war erfolgreich operiert worden und suchte von sich aus meine Hilfe. Als die Rede auf den Weg kommt, den sie bisher in ihrem Leben gegangen war und der sie auch in die Situation mit ihrer Familie geführt hatte, und sich die Frage nach einem anderen Weg stellt, den sie quasi im Spiel ausprobieren kann, merkt sie, dass sie sich ganz unsicher fühlt und schon beim ersten Schritt schwindlig wird. Erst allmählich wird der neue Weg gangbarer, wobei sie langsam lernt, die Nähe und Distanz zu ihrer Familie zu regulieren. Sie lernt den Appellen an ihre Loyalität zu widerstehen, auch wenn es sie und auch ihre Familie schmerzt. Aber so wie sie es durchhält, wird das Verhältnis zu ihren Eltern und Geschwistern besser und klarer und sie bleibt über die klinisch vorgesehene Beobachtungsfrist hinaus gesund und kann auch eine weitere äußerst schwierige Situation, die in ihrer Ehe aufgetreten ist und die letztlich zur Scheidung führt, mithilfe ihrer Familie gesund überstehen.

Wenn ich jetzt an den Weg selbst denke: War dieser Weg für diese Person insgesamt oder bis zu einem gewissen Zeitpunkt gut? War er wirklich gut nach meinem Dafürhalten? Was war daran nach meinem Wissen gut? Oder sah sie ihn selbst als gut an, obwohl er nach meinem Verständnis gar nicht gut war? Bahnte sich damit die Entstehung des Problems oder das Kranksein an? Hat sich vielleicht zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens etwas entwickelt, das sich ihr in ihren Weg gestellt hat, sie behindert hat und sie weiter und immer mehr behindert? Hat sie das beobachtet, verstanden?

Bsp.:

In einer Fernsehsendung, in der sich sehr oft ältere Heiratswillige vorstellen, erzählt ein Mann, dass er keine Zeit für seine Beziehung gehabt habe und erst jetzt Zeit habe, nachdem die erste Beziehung gescheitert ist. Das erstaune ihn nicht, denn er habe einen Betrieb aufbauen müssen. Jetzt, da es Nachfolger gebe und „alles laufe“, könne er sich einer Beziehung widmen und alles „nachholen“. Er wünsche sich eine zärtliche Frau, ein „Kuschelding“, denn er liebe das Anschmiegen. Es sei nicht wichtig, dass sie schlank ist. Von seiner Erscheinung her ist er ein kleiner, gedrungener 60-jähriger Mann, auch übergewichtig.

In einer folgenden Sendung erzählt er, dass er die passende Partnerin gefunden habe. Jetzt, da er diese Frau gefunden habe, sei er ganz glücklich und verliebt. Er fühle sich richtig belebt. Jetzt sei er damit beschäftigt, viele Möglichkeiten für Gemeinsamkeit zu planen. („Liebesg’schichten und Heiratssachen“, ORF 2)

Wenn wir wieder zu dem Mann mit seinen Herzbeschwerden zurückkehren:

Sind sie für ihn auf rätselhafte Weise gekommen und hat er versucht, herauszufinden, was das ist, warum es gekommen ist, und warum gerade „jetzt“? Was hat er schon alles versucht?

Was ich vermuten kann: Er hat wahrscheinlich andere gefragt, offen oder indirekt, um sich keine Blöße zu geben, hat möglicherweise auch andere Helfer/innen konsultiert, hat dabei vielleicht Erfahrungen gemacht, die nicht wirklich oder nur kurzfristig hilfreich waren. Kommt er deswegen jetzt zu mir? Wie hat er von mir erfahren? Wie hat er gerade mich ausgewählt? Und warum? Was erwartet er? Und: Was immer er will, wird er über sich sprechen? Oder über andere? Und wenn er über andere spricht, wird er sie beschuldigen, etwa wenn er das Verhalten anderer für sein Problem verantwortlich macht, z. B. seine/n Lebenspartner/in, Vorgesetze/n etc.? Oder wird er besorgt über andere reden, weil ihm die Sorge „Probleme macht“? Etwa so, als ob Eltern unerwartete beängstigende Veränderungen an einem Kind merken? Aber das weiß ich sicher: Was immer er vorbringen wird, er will Hindernisse dieser mächtigen und lebensbestimmenden Vorwärtsbewegung auf seinem Weg aus eigener Kraft aus dem Weg räumen.

Er möchte, dass ich ihm helfe, allerdings nur so, dass es für ihn annehmbar, plausibel ist, ja möglicherweise schon etwas ist, was er sich vielleicht auch schon gedacht hat, aber nicht zu denken oder zu tun wagte. Er wird mir aufmerksam zuhören, was immer ich frage oder sage, und wird es in Hinblick auf das, was er sich von mir erhofft, prüfen, ob er etwas zu hören bekommt, was er im Sinne seiner Erwartung brauchen könnte. Wenn das nicht kommt, wird er sich wahrscheinlich zurückziehen, innerlich oder körperlich, sodass man ihn wieder „zurückholen“ muss.

Und was ich auch sicher weiß:

Er will sein Leben so weit wie möglich in Gesundheit leben, will selbst darüber bestimmen können, wie es weitergehen wird. Er will vor sich selbst und „den anderen“, wer immer diese sind, dastehen als einer, der „was ist“ und „was kann“, und dafür respektiert sein. Mir ist klar, dass es darum sicher auch gehen wird, auch wenn er selbst nicht davon spricht oder es nur vage andeutet oder das so deutlich noch gar nicht zu denken gewagt hat. Und ich denke mir – und das gibt mir Sicherheit und Richtung: Er könnte einiges oder vieles davon oder „alles“ erreichen, was immer das ist, wenn er sich seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten und Grenzen bewusst wäre. Auf die Hinweise darauf muss ich achten und diese hervorheben, damit er allmählich wieder vorwärts schaut, und den, nein, seinen Weg sieht, auch wenn es gravierende Hindernisse gibt: gravierende Hindernisse im körperlichen, seelischen oder geistigen Bereich, die zu bedenken und zu berücksichtigen wären. D. h., auch die muss ich beurteilen. Sind sie so gravierend, wie sie für ihn oder für mich aussehen?

Welche Vorurteile bestehen bei mir? Kann ich wirklich sagen, wie groß solche Hindernisse sind, oder muss ich nicht vielmehr davon ausgehen, dass jedes Hindernis auch ein Ausdruck und auch Ergebnis des bisherigen Weges ist? Und muss ich, wenn ich ein Hindernis sehe, das sich ihm scheinbar wirklich unüberwindlich in den Weg stellt, mich selbst fragen, ob ich genügend Wissen darüber habe? Wie gehe ich mit Hindernissen auf meinem Weg um? Ist es nicht ein mich betreffender Mangel an Wissen, dass ich ein Hindernis als unüberwindlich ansehe? Oder finde ich mich damit ab, zu wissen, was er meint? Bin ich sogar froh, dass ich das annehmen kann, ohne es weiter hinterfragen zu müssen?17Und eröffnet nicht jedes Hindernis auch neue Perspektiven? Gibt es nicht einen Weg mit Chancen?

Was ich auch sicher weiß: Was immer er an Tragischem vorbringt, an Klagen oder Anklagen, es werden sich Zeichen seiner Suche nach seinem Weg zeigen und Hinweise auf Fähigkeiten, ihn zu gehen, aber auch Hinweise darauf, dass manches dabei gelungen ist, wenn auch unscheinbar und durch den Zustand, in dem er jetzt kommt, um Hilfe in Anspruch zu nehmen, verdeckt, von ihm anscheinend vergessen. Sein Leben führt ihn zu mir und wird mich führen, ihm dabei zu helfen, „zu sich zu kommen“, zu seinem Weg, wie viel auch immer davon möglich sein wird. Auf diese Führung muss ich achten, und auf seine „Lebenszeichen“, denn von da kommt die Hilfe, die er sucht, die wirkliche Hilfe.

1.2.2 Ich kann eigentlich nur „Wegweiser“ sein

Das alles kann sein, wenn er kommt. Und ich? Ich bin sein Mitmensch – in erster Linie – und dann ein Spezialist für Hilfe und als solcher Autorität für ihn, ob ich will oder nicht, jedenfalls in seinen Augen und für sein Problem, wie er es nennt. Und ich muss dabei die Augen und mein Herz und mein „Bauchgefühl“ offenhalten, um möglichst nichts zu übersehen, zu überhören oder gefühlsmäßig zu übergehen. Das gelingt ohnehin nie so, wie ich möchte, aber es geht ausreichend, wie ich glaube. Diese Erfahrung habe ich schon gemacht, d. h., ich habe mit der Zeit gelernt, mir, was meine Einfühlung betrifft, zu vertrauen. Aber ich weiß auch, dass ich dabei auf mich achten muss: Ich will etwas für ihn tun, aber nur innerhalb bestimmter Grenzen, die ich einhalten muss. Nichts werde ich tun, was meine Kompetenz, aber auch meine Wertvorstellungen überfordern würde, meinen Respekt für Menschen, für ihn wie für die, die ich nicht kenne und von denen er nur spricht. Auch sie wollen ja ihren Weg gehen und haben dabei „ihre Probleme“ und wollen auch in Gesundheit ihren Weg gehen. Aber innerhalb der Grenzen, die ich für mich setzen will, soll er sich meiner Achtung sicher sein, meines Respekts für seinen Weg, und ich traue ihm viel zu, genauer gesagt eigentlich alles, auch wenn er noch nicht weiß, dass er es kann.

Während der Zeit, in der er mit mir spricht, werde ich ihn beobachten und merken, wie er mich und mein Rundherum – besonders in meinem Arbeitsraum – beobachtet. Wie er sich umsieht, prüft, wie seine Blicke wandern, dann an etwas hängen bleiben, was vielleicht für ihn von Bedeutung ist, d. h. für sein Leben oder für seine Situation oder für den Weg, den er gerne einschlagen würde oder gerne eingeschlagen hätte, oder auch was mich betrifft. Ich werde auch sein Mienenspiel beobachten, wenn er mit mir oder ich mit/zu ihm rede, und seine Körperhaltung und wann er sie ändert. Wie setzt er sich hin, in welcher Entfernung und auf welchen Stuhl? Kann er sitzen bleiben oder muss er zwischendurch aufstehen, vielleicht zwischendurch fragen, ob er rauchen darf? Und wenn ich Nein sage, weil ich das in meinen Arbeitsräumen nicht erlaube, wie wird er reagieren und zu welchem Zeitpunkt unseres Gesprächs hat er diesen Wunsch gehabt? All das ist Teil der Begegnung und Information für mich bzw. ihn, nämlich darüber, wie es weitergehen wird, und Ausdruck seines Wesens in seiner Situation, in der er jetzt und speziell mit mir ist. Mit mir? Ja, da spiele ich auch mit. Denn ich werde ihn ja beobachten. Welche Bilder weckt er bei mir, welche Erfahrungen mit Menschen, die sich so ähnlich verhalten, bewegen, dreinschauen? Welche Meinungen weckt er, wo ich „sicher“ weiß, wie und was er ist und was er „wirklich“ will? Kann ich mich diesem Zustrom von Informationen aus mir selbst entgegenstellen? Offen bleiben? Alles zurückstellen und mich bereit machen zu erfahren, dass alles „vielleicht ganz anders ist“, als ich glaube?

So wird dann, sobald er da ist, für uns beide eine besondere Wirklichkeit entstehen, in der alles spezielle Bedeutung hat. Das wird uns beide führen und wir werden sehen, ob wir diese Wirklichkeit so verändern können, dass er sie wieder mit einer – nämlich seiner – Perspektive auf seinen Weg verlassen kann.

1.2.3 Was weiß ich schon als Helfer?!

Was ich weiß und was mir das Gefühl gibt, ja mich „berechtigt“, helfen zu können, hat sich einerseits aus meinen Erfahrungen als Mensch mit mir selbst und mit anderen Menschen in den verschiedenen Konfigurationen ergeben und andererseits aus meiner Erfahrung als Therapeut, so wie ich Therapie über die Jahre zu verstehen gelernt habe, und ist in Vorstellungen und Konzepten organisiert und in Begriffen, die mir hilfreich erschienen sind, das, was ich erlebt und als Erfahrung gespeichert habe, sowie mich selbst in meiner Arbeit zu verstehen. Dies alles geschieht aber immer erst im Rückblick auf das Erlebte, d. h. im Rückblick auf das im Denken und Fühlen Wahrgenommene und auf meine Weise Verarbeitete. So entstehen Erfahrungen. Damit ich es mitteilen kann, wähle ich Begriffe, d. h., ich versuche mein Denken und Fühlen so in Einklang zu bringen, dass die Begriffe, die ich verwende, mir das Gefühl geben, mit ihnen als „Kürzel“ sagen zu können, was ich erlebt, besser: erfahren habe.18 Dazu kommt als nächster Schritt die Suche nach einem sinnvollen Rahmen, nach einem Konzept, das die Begriffe ordnet und schließlich zu einer Theorie zusammenführt, die mit dem Erlebten möglichst übereinstimmt, es erklärt und im Umgang damit anwendbar macht. Dazu habe ich zu mir passende Konzepte und Theorien vorgefunden, die sich aus den Erfahrungen anderer ergeben haben und von diesen bearbeitet worden sind und die ich aufgrund meiner Erfahrungen prüfe und gegebenenfalls überarbeite, damit sich daraus eine Theorie aus meinem Blickwinkel ergibt.

Das ergibt eine mehrfache Überarbeitung meines Erlebens, die dies alles nur informationsreduziert mitteilen kann. Da ich mich all diesen Überarbeitungen nicht entziehen kann, wenn ich mich mitteilen will, muss ich davon ausgehen, dass alle Begriffe, meine und die anderer, Teil und Ausdruck dieser Überarbeitungen sind, wie das bei denen, die die für mich brauchbaren Begriffe geprägt haben, auch ist, und, was mich betrifft, müsste ich viel erzählen und kann bei Weitem nicht alles erzählen, was ich wirklich erlebt habe, auch weil ich dafür wahrscheinlich nicht alle Worte finden würde.

Das heißt aber für mich, dass neue Erfahrungen mit den bisherigen Begriffen nicht mehr übereinstimmen müssen und es wieder notwendig sein wird, nach neuen Begriffen zu suchen, mit allem, was danach von mir an Überarbeitung folgt, auch damit ich mir selbst treu bleibe und dafür doch irgendwie Zeuge sein kann. So werde ich wieder zum „Präger“ von Begriffen, zusätzlich zu den Begriffen, die von anderen geprägt wurden. Auf diese Entwicklung meines Wissens muss ich vorbereitet bleiben.

Ich kann mich also nur so und mit meinen Erfahrungen als Zeuge für mein Wissen mitteilen. Was ich im Folgenden mit-zu-teilen versuche, wird diese Form haben und jede/r Leser/in wird für sich zu überprüfen haben, ob er/sie mit den Begriffen, Konzepten und Theorien und den Beispielen, die ich anführe, etwas anfangen kann.

1.3 La condition humaine19

Abbildung 1: Netzwerk und Systeme – Systeme im Netzwerk

1.3.1 Wir Menschen sind Teil des Universums

Das bedeutet, dass wir in einem anscheinend grenzenlosen Einflussfeld leben, dessen Elemente aus unserer Sicht „ihren Platz haben“ und sich aus unserer Perspektive innerhalb dieser „Ordnung“ bewegen. Diese „Ordnung“ erscheint uns relativ stabil und ist offenbar energetisch bedingt, d. h. durch fortdauernde energetische Wechselwirkungen, die auch unseren Planeten treffen. Dass es manchmal Störungen gibt, beunruhigt uns meist nicht sehr, sodass – und solange – wir uns in diesem Einflussfeld sicher fühlen. Wir suchen die Wirkungen des Einflussfelds zu erfassen, um unser Schicksal zu verstehen und womöglich vorherzusehen. Wir sind diesem Feld ausgesetzt und müssen es ertragen und jedenfalls so damit umgehen, dass wir darin leben und überleben können. Das zu verstehen, haben sich viele Philosophen/innen und Wissenschaftler/innen bemüht, und so gibt es von beiden Seiten Theorien, die sich auch zu Weltbildern entwickelt haben, die manchmal Glaubens- oder sogar Religionscharakter angenommen haben – alles um die Unsicherheit dieser schier unendlichen energetischen Einflusssphäre zu bannen und dadurch Entscheidungsgrundlagen für Lebensqualität zu schaffen. Dieses Feld schafft aber auch eine Tatsache, die wir manchmal „mahnend“ aufrufen, die uns aber gleichzeitig damit konfrontiert, dass wir als Menschen untereinander und mit allem in diesem Feld dynamisch verbunden sind, nämlich: Was immer wir tun und was an uns getan wird, hat Auswirkungen.

Auf dieser dynamischen Verbundenheit beruhen unsere Beziehungen, sichtbar zu erkennen besonders an guten Beziehungen, für die wir Energie aufwenden, um sie aufrechtzuerhalten, nicht so leicht zu erkennen an schlechten Beziehungen, für die wir Energie aufwenden, um sie zu ertragen oder sie vermeiden zu können (s. dazu auch McTaggard, 2017).

Eine wichtige Folge dieser Verbundenheit ist, dass wir ängstlich darauf bedacht sind, unsere Identität und Eigenständigkeit zu erhalten. Diese Eigenständigkeit wollen wir als Einzelpersonen, als Familien, als Gesellschaft, als Volk, als Nationen erhalten und damit die Illusion, dass wir nicht so sehr verbunden sind. Diese Gegenbewegung zur Verbundenheit dient der Entwicklung und Erhaltung einer Identität, die sich dabei entwickelt. Denn bei aller Verbundenheit zeigen wir uns auch verschieden. Daraus ergibt sich das Dilemma zwischen unentrinnbarem Verbundensein und dem Anderssein als die anderen, das bei Entscheidungen aufgerufen wird und oft genug auch im Weg steht oder zu katastrophalen Lösungen führt, z. B. wenn zwei Menschen, die sich anfänglich freiwillig verbunden haben, sich so anders als der andere fühlen, dass die Trennung unausweichlich scheint und die ehemalige Verbundenheit in der Zeit der „Trennungskrise“ unter dem Aspekt „Wir sind ein Herz und eine Seele gewesen“ außer Acht gelassen wird. Was sich zwischen zwei Menschen abspielt, kann auch zwischen Gruppen, Vereinen, Städten und Nationen eintreten, zu Rivalitäten,20 Kämpfen und bis hin zum Krieg führen, dem die Menschen früher besonders willig gefolgt sind, etwa als es im Ersten Weltkrieg hieß: „Jeder Schuss ein Russ“, „Jeder Stoß ein Franzos“ (Kraus, 1975).

Derzeit erleben Menschen ihre Identität und ihren Selbstwert darin ganz besonders durch Gelegenheiten zum Gewinn von Macht, finanziell durch Reichtum oder durch ihre Leistung oder, wenn nicht anders möglich, durch kriminelles Handeln und Gewalttätigkeit. Erst durch das Bewusstsein für die Katastrophen, die in unseren persönlichen und politischen Situationen jetzt oder „von Natur aus“ eintreten können, wird allmählich zunehmend der Wunsch nach Verbundenheit und auch das Bestreben nach „Solidarität“ aktiv. Und nach vielen bedrohlichen Situationen wird der Versuch zu deren Vorbeugung unternommen (siehe die Entwicklung der Europäischen Union in der Flüchtlingskrise)21, ohne dass das Trennende ganz aufgehoben werden kann oder auch muss. Auch das findet sich zwischen zwei Menschen oder Familien oder Freund/inn/en, weil der Gewinn aus der energetischen Verbundenheit, auf welcher Ebene auch immer, wenn sie gelingt, das Dilemma zwischen Verbundensein und „Anderssein als die anderen“ mit Toleranz zu betrachten, größer ist als der nur vermeintliche Verlust der Identität. Aber es muss auch hier „das Maß“ an Verträglichkeit gewahrt sein. Es ist das Dilemma zwischen „Ich“ und „Wir“. Dieses Dilemma muss immer wieder gelöst werden.

In den vielen Familiengeschichten, die ich zu lesen und zu beurteilen hatte und immer noch habe, die oft Streit und Zwietracht oder auch Krankheit und Sucht beschreiben, ist sehr, sehr oft das Resümee: „Wenn einer von uns in Not ist, halten wir zusammen.“

Da ist sie wieder – ganz erstaunlich: die Verbundenheit. Aber solange Menschen sich von anderen getrennt fühlen oder auch getrennt fühlen wollen, oder auch solange sie es sich leisten können und es andere nicht zu sehr stört, erlauben sie sich jede Demonstration ihres Andersseins bis zur Groteske. Die Verantwortung für den anderen, die sich aus der Verbundenheit notwendigerweise ergibt, geht verloren – bis hin zu Skrupellosigkeit und Grausamkeit. Dies kann auch durch Notlagen eintreten, in denen die Wahrnehmung der Verbundenheit aus Angst um die eigene Existenz, aber auch vor einem eigenen Nachteil bis hin zur Gewinnsucht verloren geht („Mein Hemd ist mir näher als der Rock.“). Verbundenheit kann bedrohlich sein für die eigene Existenz.

So unausweichlich das Dilemma zwischen Verbundenheit und Wahrung und Betonung der eigenen Identität ist und so groß auch die Ambivalenz ist, die darin lauert, so ist sie, wenn man sich der Vor- und Nachteile der zwei Seiten bewusst ist, doch die einzige vorhandene Lösungsquelle, je größer die Krise für die Beteiligten ist, wenn sie nicht „vernichtet“ werden wollen.

Übrigens besteht zu Tieren und Pflanzen am wenigsten Angst vor der Verbundenheit, wohl weil sie deutlich anders als wir sind und wir sie zum Unterstützen unserer individuellen Befindlichkeit verwenden können. Deren Anderssein bzw. das Verbunden-Fühlen und Kennenlernen der Eigenart, die ganz anders ist als die menschliche, erlaubt eine besondere Qualität der Verbundenheit, besonders dann, wenn sie kontrollierbar ist, wahrscheinlich, weil die Andersartigkeit die eigene Identität nicht gefährdet.

1.3.2 Die energetische Verbundenheit und ihre Auswirkung