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Zwischen Libanon und Tirol: Aus einer Reportage über die Graffitiszene in Beirut wird eine Reise in die dunkle Vergangenheit der eigenen Familie. Ein Roman von stiller Wucht! Größer könnte der Kontrast nicht sein: Gerade noch in Beirut, kehrt der Mann, der hier erzählt, in das Bergdorf in Tirol zurück, aus dem er stammt. Die Wintersaison ist vorbei, alles ist wie ausgestorben, in Ruhe will er an seiner Reportage über die Kunstszene im Libanon arbeiten. Doch Rami, ein Sprayer, den er auf seiner Reise getroffen hat, ruft in ihm Erinnerungen wach, die bis in seine Kindheit zurückreichen: an Lenz, einen einarmigen Maler aus Berlin, der 1944 in das Dorf kam, um zu bleiben. Damals stellte er keine Fragen, jetzt will er es genauer wissen: Und er erfährt von einem Lager für Zwangsarbeiter im Dorf, einem Versteck von Deserteuren in den Bergen und den Verstrickungen seines Großvaters Ludwig, einem der Lagerwärter. Hat Ludwig etwas mit dem Verschwinden eines ukrainischen Gefangenen zu tun, der mit der Schwester seines besten Freundes ein Verhältnis hatte?
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Seitenzahl: 186
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Robert Prosser
Roman
Jung und Jung
Durch die Zweige glimmen die erhellten Fenster eines Hauses weit weg. Der Wind greift in das Astwerk, und die Lichter tanzen, der Frühling lässt sich schon erraten. Flo steht über das Schloss der Kellertür gebeugt, ich passe auf, dass uns niemand entdeckt. Richtung Westen öffnen sich die Berge zum Inntal hin, ein breiter Einschnitt im Felsmassiv. Früher, wenn ich spätnachts auf den dunklen Talschluss zuging, zuwankte, mit jedem Schritt tiefer im Schwarz und näher daheim, drehte ich mich manchmal um und glaubte beim Blick auf diese Lücke im Gebirge, dass ich da hindurch einmal verschwinden würde, in die Welt hinaus. Mittlerweile haben die Orte sich vertauscht. Ich verschwinde hierher zurück, an einen Ort, an dem die Seelen tanzen wie Lichter zwischen Zweigen, einen Ort, an dem hinter Lichtern wie diesen sich Seelen verbergen. Ich könnte nicht sagen, was das sein soll, eine Seele, es ist so wenig greifbar wie der Wind. Er riecht nach Frühling, ja, aber trägt auch noch den Winter vom Joch herab.
Tage zuvor schlug mir in einem anderen Haus kalter Zigarettenrauch entgegen. Ich konnte das Verbot noch so oft einmahnen, geraucht wurde immer. Auf dem Schuhregal lag ein aus Ästchen geflochtenes Nest, darin ein rohes Ei, die Schale mit schwarzem Edding beschriftet: Frohe Ostern. Nicht das Sonderbarste, was mir bisher hinterlassen worden war; unter den letzten Gästen hatte sich offenbar jemand gelangweilt.
Mit Ende der Osterferien schloss das Schigebiet, und bis zu Sommerbeginn die Wanderer kamen, herrschte die fünfte Jahreszeit, die Zwischensaison. Wochen des Übergangs, der Stille, der öden Ereignislosigkeit, in denen mir das Ludwig-Haus zur Verfügung stand. Der Name ging auf meinen Großvater zurück. Noch im hohen Alter vergaß er nicht zu erwähnen, beim Bau selbst viel beigetragen zu haben. Die gemauerten Ziegel, das gerodete Waldstück, die Schotterstraße, überall war seinen Erzählungen zufolge die eigene Hand im Spiel gewesen. Den Großteil des Jahres wurde das Haus, in dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht hatte, von fremden Menschen bewohnt. Weil ich es als Feriendomizil vermietete, konnte ich ein halbwegs ungebundenes Leben führen; dieser Umstand verschaffte mir den nötigen Gleichmut, als ich unter dem Sofa ein benütztes Kondom fand und es mithilfe des Schürhakens zum Mistkübel trug. Ich musste die Spuren der Urlauber beseitigen, bis dahin wäre meine eigene Reise noch nicht vorbei. Nicht mit dem Erreichen des Dorfes, dem Wandern von der Busstation hoch.
Ich riss die Fenster auf. Aus dem Schuppen holte ich Brennholz, heizte in der Stube den Kachelofen ein. Am Kühlschrank hatte mir der alte Aufacher eine Liste allfälliger Reparaturen hinterlassen. Die Wasserleitung im Garten ist eingefroren – weiter las ich nicht, das reichte für den Anfang. Aufacher war in meiner Abwesenheit Ansprechpartner für die Urlauber, kontrollierte die Ankünfte, legte im Postkasten den Schlüssel bereit. Am Küchentisch lag das Gästebuch. Die zwei ersten Einträge stammten von mir selbst, mit leicht verstellter Handschrift, um die Besucher zu animieren. Unter den jüngsten fanden sich Julia und Tom aus Hamburg, sie schwärmten vom Sternenhimmel, und Chris aus Den Haag erwähnte Rehe am Waldsaum. Von der Faszination, der Liebe, die viele Urlauber dieser Gegend gegenüber empfanden, müsste man sich etwas abschauen, dachte ich mir.
Ich packte das Gästebuch in eine Lade, aus dem Keller holte ich den Wäschekorb, darin mein Bettzeug. Ich warf einen Blick in die Werkstatt, sie war voller Flaschen, Plastiksäcke, Altpapier und Kartonagen, Müll, der sich die Saison über angesammelt hatte. Seit Aufacher der Führerschein abgenommen worden war (zwei Promille, nach einer Weihnachtsfeier), fiel die Entsorgung auf mich zurück. Und ich musste das Holz aufhacken, Erle und Fichte, grob zerschnittene Stämme lagen seit letztem Herbst unter einer Plane im Garten. Ich räumte in der Küche den Geschirrspüler aus, ich schloss die Fenster, stellte das Fässchen mit Weihrauch auf den Herd. Der harzige Duft schlich in den ersten Stock, ich folgte ihm. Oben gab es zwei Schlafzimmer, ich wählte das nach Osten gelegene. Nachdem das Bett neu bezogen war, konnte ich mich Wichtigerem zuwenden; ich rückte im Flur den Kasten zur Seite und sperrte die dahinter verborgene Tür auf.
Früher das Zimmer von Ludwig, diente die Kammer nun als mein Archiv. Hier verwahrte ich Unterlagen, Festplatten, USB-Sticks, Angesammeltes aus den vergangenen Jahren, das in meiner Wohnung in Wien keinen Platz hatte. Über der Kommode ein Spiegel und darin mein müdes Gesicht. Ich brauchte eine Dusche. Als ich mich frühmorgens in einem anderen Spiegel betrachtet hatte, im fünften Stock eines Hotels in Beirut, sagte ich mir, dass ich dieses freiere Bewusstsein, das durch eine Reise möglich wurde, nützen wolle. Ich hatte nicht nur den Stoff für eine Reportage zur libanesischen Kulturszene nach Tirol mitgebracht, sondern noch etwas anderes, oder besser: noch jemand anderen. Sein Name stand auf einer der Schachteln, die sich in der Kammer stapelten: Lenz. Während des Zwischenstopps in Antalya, bei der Ankunft am Flughafen München, im Zug nach Kufstein und weiter nach Wörgl, hatte ich an Lenz gedacht. Und an Rami natürlich. Ohne Rami hätte ich die Schachtel nicht hervorgesucht und runter in die Küche getragen.
*
Vor uns, an der Corniche von Beirut, das Rauschen des Meeres, hinter uns, von Palmen getrennt, das Rauschen des Verkehrs. So hatte es angefangen. Rami sprach schnell, sprunghaft, es war nicht leicht, ihm zu folgen, und ich legte meine Hand auf seinen Unterarm und sagte: Ana mish fahem, ich verstehe nicht. Er lachte, überrascht von der Phrase und meinem Akzent. Je ne comprends pas, I don’t understand, damit kam man in Beirut durch, glaubte ich.
Die arabische Wendung verdankte ich dem Taxifahrer, einem schlaksigen Mann Ende fünfzig, der mich vom Flughafen zum Hotel chauffiert hatte. Er musterte mich über den Rand seiner Sonnenbrille hinweg. Ob ich Deutscher sei, fragte er. Österreicher, sagte ich. Er zuckte mit den Schultern, zählte seine Stationen auf, Dortmund und Frankfurt, immer am Bau. Erstes Mal in Beirut?, fragte er, und ich verneinte, fünf Jahre zuvor war ich bereits einmal hier gewesen. An den Fingern seiner Rechten zählte der Taxifahrer auf, was seither geschehen war. Massenproteste, Wirtschaftskrise, die ausufernde Korruption, das kollabierte Bankensystem; er lachte, könne das alles selbst nicht glauben. Und die größte Katastrophe, sagte er und sah mich erwartungsvoll an. Die Hafenexplosion, sagte ich, und er wiederholte: Die Hafenexplosion, ja, mehr als zweihundert Tote und Tausende Verletzte. In einer Lagerhalle war an einem Tag im August Ammoniumnitrat in Brand geraten, ich dachte an die Videos, online von Augenzeugen gepostet, Aufnahmen einer riesigen Rauchsäule und wie es darin zu blitzen begann, als aus dem Inneren des dichten Qualms hervor eine Druckwelle losbrach, die über die Stadt hinwegraste und sich durch das Meer wühlte, die Erschütterungen der Detonation waren noch in Zypern zu messen. Die Hand des Taxifahrers schwebte über dem Schalthebel, als wir über Gaza sprachen. Wer weiß, ob der Libanon in diesen neuen Krieg hineingezogen wird. Was auch immer geschieht, sagte er, wir haben schon Schlimmeres durchgemacht. Kannst du Arabisch?, wollte er wissen, und ich sagte ein paar Vokabeln auf, Allerweltswörter. Mumkin, vielleicht, Shukran, danke. Er erklärte mir etwas in seiner Muttersprache, warte, unterbrach ich ihn: Ich verstehe nicht. Ana mish fahem, übersetzte er, merk dir das.
An einer Straßenecke schlug er ein Kreuz, kratzte sich mit derselben Bewegung im Hemdausschnitt. Früher war hier die Grüne Linie, sagte er, seine Hand fuhr durch die Luft. Zwischen den Muslimen und uns, im Bürgerkrieg, grün, von wegen. Er rief durchs Fenster den Katzen zu, die auf Müllsäcken kauerten, miez, miez, und dann erzählte er von den Hunden. Über die Grüne Linie sei viel geschmuggelt worden, Raki und Nachrichten und Menschen, und er rieb die Fingerspitzen aneinander, alles Geschäft. Das Niemandsland war Hunderevier, und selbst wenn man noch so viele Köter umlegte, Nacht für Nacht kehrten sie zurück, auf der Jagd nach den Toten und den Lebenden. Von seinem Posten aus habe er das Winseln und Knirschen gehört, wenn sie etwas zum Fressen entdeckt hatten, das Jaulen, wenn sie aufeinander losgingen. Er spuckte durch das offene Seitenfenster und bekreuzigte sich erneut, sah anstelle der Katzen in ihrem Schatten vielleicht die Hunde. Und wieder kratzte er sich an der Brust, als wüchse ihm unter dem Hemd ein Stück räudiges Fell.
*
Ich hatte mit Rami ein Treffen an der Corniche vereinbart, nicht weit vom Hotel. Der wagemutige Köpfler eines Jungen von einem Wellenbrecher in das aufgepeitschte Meer, eine Straßenverkäuferin mit Rosen, Zahara?, Flowers?, und ich verneinte, pas des fleurs? Über Inlineskatern ein Banner der Hisbollah, bärtige Männer in Turban, in ihrer Mitte das Emblem der Miliz, eine Faust, die eine Kalaschnikow in die Höhe reckt. Ein Pärchen spazierte vorbei, biss abwechselnd in rosarote Zuckerwatte, als würden sie aus ihren Zukunftsträumen klebrige Stücke reißen. Löwenhunger nach Romantik, Möwenkrächzen, der Duft einer Shisha, Erdbeere. Zahara, Blume, ich wiederholte mir das neue Wort. Beirut schien aus vier Sprachen zu bestehen, und ich bewegte mich zwischen diesen Sprachen, wie ich mich durch die Stadt bewegte, neugierig und tastend.
Rami lehnte an der Promenadenmauer. Ich entschuldigte mich für die Verspätung, und er schnalzte mit der Zunge, was ihm eine auffällige Arroganz verlieh. Ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig, drahtig wie er war, das Gesicht bartlos, kantig, man könnte es wie eine Scherbe porträtieren, dachte ich. Mit der Fußspitze stieß er die Tasche neben sich an, darin leere Weinflaschen. Er habe seine Runde durch die Hotels und Restaurants gerade beendet. Die Zigarette im Mundwinkel holte er eine der Flaschen hervor, sie schillerte in der Sonne. Ob er Altglas sammle, fragte ich, und er verschüttete die letzten Tropfen, antwortete: So was in der Richtung.
Die Tasche schulternd ging er neben mir her. Entlang der Corniche zur Zeitoun-Bucht und von dort ins Stadtinnere, Richtung Märtyrerplatz, ich kannte den Weg von früher. Während dieser Tage in Beirut traf ich Leute aus der Kulturszene, unter anderem eine Sängerin und einen Theaterschauspieler, geplant war eine Reportage über ein Land in der Krise und wie Künstler die ungewisse Zukunft verhandelten. Durch Rami erhoffte ich mir Einblicke in die Graffitiszene. Er zeigte mir Mauern, Hauswände, die wiederkehrenden Namen und Parolen, die von den Protesten, die nach der Hafenexplosion über Wochen angehalten hatten, geblieben waren. Am Ende einer Straße blitzte das Meer auf, und mich überkam dasselbe Gefühl wie fünf Jahre zuvor, eine Verlorenheit, die ich damals nicht losgeworden war und auch gar nicht loswerden wollte. Sie war nicht quälend, sondern bloß das Eingeständnis, dass ich nicht verstehen konnte, wie diese Stadt funktionierte, zu überfordernd wirkte sie.
Ein Kontrollposten der Armee hinter Sandsäcken und Stacheldraht, vom anderen Ende her betrachtete uns eine Katze. Wo waren die Hunde, Nachfahren der Köter, von denen der Taxifahrer gesprochen hatte? Gelangweilte Soldaten, streunende Katzen, ihnen gehörten die Tage. Und die Nächte? Eines von Ramis Graffitis prangte oberhalb eines Dachvorsprungs, ich konnte die explosiven Linien in Schwarz und Weiß nicht enträtseln. Was es bedeute, fragte ich, und er sagte: Hawk. Saqr, Faucon. Und der Junge neben mir, der sich Falke nannte, schob sich das Baseballcap in den Nacken und führte mich zu einer weiteren Wand, komm, ich zeig dir, was ich aktuell so mache.
*
Das Schablonenbild eines bärtigen Mannes, über dem linken Auge eine Klappe, es war an etlichen Orten zu finden: das Porträt von Abu Subaida, einem staatenlosen Palästinenser. Subaida habe Hollywood geliebt, erzählte Rami, besonders Filme wie Rambo, und wie John Rambo sei er in den Neunzigern nach Afghanistan gegangen, um für die Mudschahedin gegen die Sowjets zu kämpfen. Er überlebte die Detonation einer Granate, verlor dabei aber sein Gedächtnis. Die Erinnerung kehrte nur bruchstückhaft wieder, wie in Blitzen, und er schrieb sie auf, Fetzen und Bilder, Tausende Seiten, ich übertreibe nicht, so Rami. Die CIA schnappte ihn, er sei das Mastermind hinter 9/11 und sein Tagebuch voller Pläne für die Vernichtung der USA. Seine Notizen, Unzusammenhängendes und Fragmentarisches, Zitate aus Hollywoodfilmen und Popmusik, die aus eigenen Erlebnissen und Träumen fabulierten Ereignisse, all das wurde zum Beweis einer Verschwörung umgedeutet. Subaida hatte in Afghanistan ein Auge verloren und später, von der CIA gejagt, einen Hoden, zuletzt verlor er durch die Folter auch den Verstand, immer noch sitzt er in Guantanamo ein. Rami wollte aus Beirut eine Galerie solcher kaputter Existenzen machen, Porträts der Gescheiterten, Gefolterten, Verrückten. Die Stadt, das musste ich zugeben, eignete sich für dieses Vorhaben.
Aber es ging ihm um mehr, das verstand ich, als wir in das Viertel gelangten, in dem Rami die Flaschen ablieferte. An der Straße hockten Typen auf Barrikaden, wie in einer Verkehrung des Armeepostens kontrollierten sie die einfahrenden Autos. Auch uns betrachteten sie neugierig. Rami scherzte mit ihnen, schob mich schnell weiter, die Tasche fest umgriffen. An den Mauern Poster mit den Porträts von Männern, die ähnlich aussahen wie jene an der Sperre. Wer das sei, fragte ich. Märtyrer, antwortete Rami. Hisbollah, sagte er, der ist in Syrien gefallen. Aber wen interessierts, sollen sie sich abknallen.
Wir querten einen Markt. Ein Shop war behängt mit den Shirts von Real Madrid und Bayern München, darunter saß auf einem Schemel, zwischen den Trikots fast verschwunden, die Verkäuferin. Kalash nannte Rami die Waffe, die auf einem Tisch lag, von Regen und Sonne ausgebleichtes Kinderspielzeug. Ein Stand mit Halsketten und Armreifen, der Schmuck so golden wie die Kalash im Schoß eines weiteren Märtyrers, von Flammen gerahmt. Dieses Bild zeigte einen Jungen Anfang zwanzig, sein Grinsen breit, es war nicht schwer, sich vorzustellen, wie auch er mit der Zunge schnalzte. Zwischen Toten wie ihm tauchte Subaida auf. Ohne Feuer und Kalash, eine auf das bloße, gepeinigte Gesicht reduzierte Verkörperung der Abgründe hinter den Heldensagen.
*
Wir gelangten zu einem Wohnblock, die Balkone wie kleine Höhlen, wabenartig. Hier ist es anders als sonst überall, sagte er. Unten leben die Reichen, die mit den Shops, und oben am Dach, da wohnen die Armen.
Eine Betontreppe führte in den sechsten Stock; der sechste von zehn, was mochte das über seine Bewohner aussagen? Ein Surren war zu hören, Rami öffnete die Tür, und das Surren wurde höher, kreischender. Eine Küchenzeile, links davon ein Sofa, ein Fenster, an den Wänden gestapelte Kartons. Eine weitere Tür, von dort kam der Lärm. Rami drückte die Klinke. Ein winziger Raum, fast zur Gänze von einer Werkbank ausgefüllt. Ein pummeliger Typ im Jogginganzug hob die Hälfte einer grünen Flasche vom Band des Schleifapparats. Rami schrie etwas, stellte die Tasche zu Boden. Der andere deutete sich auf das Ohr, aus dem Watte quoll. Er rückte sich die Schutzbrille zurecht, und das Glas senkte sich wieder auf das drehende Band.
Aus dem Strandgut Beiruts, das Rami sammelte, schliff er Aschenbecher und Trinkgläser, die bis nach Istanbul und Amman verkauft wurden. Rami klappte eine der Schachteln auf, die sich an der Wand stapelten, hielt mir einen bernsteinfarbenen Kelch hin. Für seine Arbeit lebe sein Freund hier gratis, ein Deal mit dem Chef, der zugleich der Wohnungsbesitzer war. Ein Klappbett und daneben zwei Plastiktaschen mit Kleidung, ich hatte das Gefühl, mehr Einblick in das Leben des Glasschleifers zu erhalten, als mir zustand, und trat zum Fenster. Auf dem Dach des Nebenhauses ein Taubenschlag, ein Mann dirigierte mithilfe zweier Fähnchen den Schwarm. Die Vögel vereinigten sich zu einem Flirren, zogen hoch zum Himmel. Als sie in einem weiten Bogen herabkamen, füllte sich das Zimmer mit den aufgeregten Schatten Hunderter Taubenflügel.
An den Küchenschränken klebten Poster, Tupac, Nas, Dr. Dre. Ich fragte, ob er so was höre. Nein, sagte Rami, die Poster habe er zu Hause ausgegraben, damit es hier etwas wohnlicher werde. Ihn interessiere gerade mehr, was tamilische Rapper auf Sri Lanka machen. Auch dort habe es einen Krieg gegeben, und selbst wenn er die Sprache nicht verstehe, die YouTube-Videos würden eine Energie vermitteln, die er in sich selber spüre, diese unbestimmte Wut. Um sie zu kanalisieren, nütze man in Beirut wie in Jaffna offenbar dieselben Mittel.
Ich setzte mich auf das Sofa, durch das Surren fragte Rami, ob ich immer noch aktiv sei. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass er von Graff sprach. Irgendwann ist man zu alt dafür, entgegnete ich, mir fiel keine bessere Antwort ein. Er schüttelte den Kopf, konnte sich nicht vorstellen, dass man das Sprayen einfach bleiben ließ. Aber war es nicht immer dasselbe? Die Linien und Farben, die Effekte, nichts als Wiederholungen von Dingen, die ich mir in Hip-Hop-Magazinen von den Szenegrößen abgeschaut und so gut wie möglich nachgemacht hatte. Irgendwann hatte es mich ermüdet. Oder war das bloß eine Ausrede? Weil ich Buchstaben gemeistert, am menschlichen Körper aber gescheitert war? Um die inneren Bilder aufs Papier zu bringen, reichte das Können nicht. Wie wenn man Melodien im Kopf hat, sie aber nicht zu spielen vermag, weil man kein Instrument gut genug beherrscht. Doch ich hatte ähnliche Abenteuer wie Rami erlebt, war auf Vordächer und über Zäune geklettert, um an exponierten Stellen einen Schriftzug zu hinterlassen. Den Kitzel, der ihn antrieb, den kannte ich, und diese Gemeinsamkeit war bestimmt nicht die schlechteste Voraussetzung, um in Beirut ein paar Stunden miteinander zu verbringen.
Ich erzählte ihm, dass mir das Sprayen die Möglichkeit geboten hatte, dem Dorf zu entkommen, in dem ich aufgewachsen war. Es hätte auch eine Liebschaft sein können, verschossen in eine Urlauberin, der ich in die Niederlande oder nach Wales gefolgt wäre. Bei mir aber war es eine Spraydose, und der erste Strich setzte etwas in Gang, das mich aus Tirol wegführte. Ich versuchte, ihm das zu umreißen, die Berge, die Langeweile, die Ausflucht, die mir Graff geboten hatte, da war über dem Werkstattlärm ein anderes Surren zu hören. Ein Schlag, und sämtliche Lichter erloschen, das Kreischen aus dem Nebenzimmer verstummte. Khara, rief jemand in die unerwartete Stille, ein Fluch vermutlich. Rami warf verärgert die Hände in die Luft, der Strom war weg. Jeden Tag dasselbe. Um Benzin zu sparen, wurde der Generator nur sporadisch angeworfen.
Die Tür ging auf, der Glasschleifer ließ sich auf den freien Platz neben mich fallen. Omar, stellte Rami ihn vor. Auf dem Shirt und in seinem Bart funkelten Glassplitter. Mit verdreckten und von Staub schimmernden Fingern zog er sich die Schutzbrille vom Kopf und die Watte aus den Ohren. Omar stammte aus Damaskus und war im Libanon, um nicht in Assads Armee dienen zu müssen. Er wollte ausharren, bis sich die Situation änderte und er heimkönnte, bis er die paar Tausend Dollar beisammenhatte, um sich vom Dienst freizukaufen, oder bis er zweiundvierzig war und legal wieder einreisen durfte. So oder so, konstatierte Rami, es wird noch dauern. Er redete auf Omar ein, der Glasschleifer deutete auf die Kartons eines Fast-Food-Restaurants unter dem Couchtisch. Ich hab ihm gesagt, dass er raussoll, erklärte mir Rami. Und er? Es müsse reichen, wenn er sich einmal am Tag dieses beschissene Essen hole. Traut sich nicht auf die Straße, Syrer sind nicht sonderlich beliebt. Paranoid sei Omar. Als ob die Hisbollah im Auftrag von Assad die Deserteure und Regimegegner einfängt und zurück nach Syrien verfrachtet!
Ich versuchte, mir seinen Alltag auszumalen, die winzige Wohnung, der Lärm der Schleifmaschine, der Glasstaub, die Schattenmanöver der Tauben. Darauf zu warten, wieder nach Hause zu können. Ich tappte durch dieses Leben, wie wenn man sich in einer fremden Sprache versucht. Die Glühbirne an der Decke begann zu flackern, und von nebenan ertönten die Stimmen einer TV-Sendung. Der Generator war angeworfen worden, es gab wieder Strom. Omar klaubte vom Couchtisch die Watte auf, steckte sie sich in die Ohren, und mit einem Wink kehrte er in die Werkstatt zurück.
*
Wie wars mit dem Sprayer?, fragte Patricia, als wir uns am nächsten Tag in einem Café trafen. Um es zu zeichnen, hätte ihr Gesicht einen sonnengelben Strich verlangt, ich dachte an zerzaustes Gestrüpp, vielleicht, weil sie bei unserem Kennenlernen fünf Jahre zuvor erklärt hatte, dass ihre Eltern aus dem Süden des Libanon stammten, sie selbst aber in Marseille aufgewachsen war. Die Erwähnung der französischen Mittelmeerküste hatte in mir die Vorstellung von Wind und Blätterrascheln geweckt, ich dachte an Zerbrechliches, zugleich Widerständiges.
Als Folge der Geschehnisse, die mir der Taxifahrer aufgezählt hatte, waren alle, die ich von damals kannte, auf der Suche nach einem besseren Leben fortgegangen. Alle außer Patricia.
Wie schön, dass du noch da bist, sagte ich.
Ich würde gern behaupten, dass es an Beirut liegt, sagte sie. Aber unter uns: Mir hat es die Ersparnisse aufgefressen.
Wieder war sie als meine Fixerin tätig, der Kontakt zu Rami stammte von ihr. Fünf Jahre zuvor, als ich für eine Reportage zu humanitären Organisationen recherchierte, die im Libanon die Auswirkungen des Syrienkriegs abzufedern versuchten, hatte sie mir ebenfalls geholfen und Zugang zu einem Netzwerk verschafft, zu Informationen und Geschichten.
Gerade sei Muttertag gewesen, erzählte sie, eine traurige Angelegenheit. In ihrem Appartementblock, wo sie mit knapp fünfzig nun die Jüngste war, habe eine bedrückende Stille geherrscht. Wer die Chance habe, setze sich ins Ausland ab.
Wir bestellten Prosecco, um unser Wiedersehen zu feiern. Patricia hob das Glas: Willkommen zurück in der verstörenden Gleichzeitigkeit von Party und – sie dachte nach – von Party und Elend.
Als Fixerin und Journalistin bewegte sich Patricia zwischen diesen Polen, doch eigentlich war sie Literaturwissenschaftlerin, was ihr aktuell aber wenig nützte. Während unserer Zusammenarbeit damals hatte sie mir anvertraut, an einem Essay zu schreiben, eine letzte Verbindung in die akademische Welt, die sie nicht abreißen lassen wollte.
Wie läuft es mit Genet, fragte ich, bist du schon fertig?
Bald, sagte sie, so bald wie schon vor fünf Jahren.
Jean Genet, Schöpfer einer durchgeknallten und perversen Sprachwelt voller Stricher, Mörder und Diebe, verehrte Arafat und pries den Kampf der Palästinenser. Er war nach großen Erfolgen als Autor lange Zeit verstummt, aber die Erfahrung des Bürgerkriegs, den er in Beirut miterlebte, zwang ihn schließlich wieder zum Schreiben. Bis zu seinem Tod arbeitete er an einem Buch, in dem der Libanon eine bedeutende Rolle spielte. Patricias Interesse für den alten, kränklichen Dichter hatte sich zu einer Beschäftigung mit Schatila ausgewachsen, einem ehemaligen Palästinenserlager, in dem sich an einem Tag im September 1982 ein Massaker ereignete, nachdem der libanesische Präsident Bachir Gemayel durch eine Bombe getötet worden war. Man machte die PLO für das Attentat verantwortlich, aber Arafats Truppe hatte sich bereits nach Syrien und Jordanien abgesetzt, zurück blieben die Frauen, Kinder, Alten und jene Männer, die sich nicht an den Kämpfen beteiligten. Sie alle wurden Opfer der Rache. Gedeckt von der israelischen Armee, überfielen Phalangisten, eine christliche Miliz und Anhänger des ermordeten Präsidenten, das Lager. Rund sechsunddreißig Stunden dauerte ihr Wüten, es war immer noch fraglich, wie viele umgebracht worden waren, vermutlich an die dreitausend.
