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In einem Bergdorf in Tirol herrscht am Ende der Wintersaison gespannte Stille: Zwei Einheimische sind von einer Lawine verschüttet worden. Während die junge Frau um ihr Leben kämpft, fehlt von ihrem Freund vorerst jede Spur. Auch Xaver beteiligt sich an der Suche im Unwegsamen, zuerst als einer der vielen Freiwilligen, dann auf eigene Faust. Als Heranwachsender hatte er erleben müssen, wie der geliebte Großvater in den Bergen verschwunden war. Erst der Hinweis von Mathoi, eines Heilers, der sich hoch oben über dem Tal als Einsiedler versteckt hält, führte Xaver und seine Mutter zu ihm – zu spät allerdings, der Großvater war tot. Hätte Xaver ihn retten können? Und was kann er jetzt tun, um sich von den Zweifeln an seiner Schuld zu befreien? Er macht sich auf die Suche nach Mathoi. Doch dazu muss er erst seine Mutter finden, die sich nach dem Zerfall der Familie, vom Alkohol und der Arbeit im Tourismus gezeichnet, ins Hochgebirge zurückgezogen hat. Aber wo ist Xavers Platz? Wo liegt sein Glück? Und ist mit der Lawine endlich seine Chance gekommen, beides zu finden und sich zu beweisen?
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2023
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© 2023 Jung und Jung, Salzburg
Alle Rechte, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung,Bearbeitung und Übersetzung, bleiben vorbehalten
Umschlagbild: SOL_H-2012, 35 x 25cm © Conrad Jon Godly
Umschlaggestaltung: BoutiqueBrutal.com
eISBN 978-399027-192-6
ROBERT PROSSER
Roman
Für Kilian
Für Jeremias
These words are everythingor maybe words are just my only thing
Jonwayne
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Wenige Stunden waren seit der Lawine vergangen. Am Himmel kreiste ein Reiher, in flachen Strahlen fiel die Abendsonne durch Wolkenfetzen. Wind brachte Bewegung ins Tal: Schneewirbel, flirrendes Licht.
Xaver wählte die Abkürzung über das Feld, machte kleine Sprünge. Wachsame Blicke, zwanzig Prozent Vogel. Laut dem Buch, das er gerade las, zählte zu den grundlegenden Übungen der Schauspielkunst, ein Tier mit der eigenen Persönlichkeit zu mischen, fünfzig Prozent, sechzig, derart gewöhne man sich die für eine Rolle nötige Achtsamkeit an. Der Reiher, eben durch die Luft gekreist, hüpfte nun einen Feldpfad entlang. Vielleicht half es, sich für die bevorstehende Messe als ein Tier zu imaginieren, das meist alleine blieb, still am Bach ausharrte; ein gleichmütiger Räuber.
Das anfängliche Gerücht – oder vielmehr war es eine Beobachtung gewesen, ein Rettungshubschrauber zwischen zwei Gipfeln, das Rattern aus der Ferne kaum hörbar – hatte sich rasch bestätigt: An einer abgeschiedenen Flanke des Greits, dieses höchsten Berges, seien zwei Schifahrer verschüttet worden, Jugendliche aus dem Ort, und schließlich erreichte Xaver, der an diesem Tag an der Gondelstation arbeitete, die Nachricht, dass es sich um seine Nichte und deren Freund handle. Wie konnte man im freien Gelände nur so leichtsinnig sein, dachte er in hilflosem Ärger und ließ das Springen bleiben. Aber, sagte er sich dann, knapp vor Frühlingsbeginn, eine der letzten Gelegenheiten, die Spur in einen Hang zu ziehen … Von der Terrasse des Hotel Tyrol reckte ein Mann neugierig den Kopf zur Kirche, fotografierte die am Vorplatz versammelten Menschen. Hier der Tourist, der ahnte, dass sich etwas Besonderes zutrug, dort die Einheimischen, die so taten, als gäbe es den Beobachter nicht. Xaver querte die Straße, trat in die Menge. Das gesamte Dorf schien sich eingefunden zu haben, er sah vertraute Gesichter und solche, die ihm höchstens vage bekannt waren. Zwölf Prozent, fünf, wie gebärdete sich bloß ein Reiher? Krächzte er, schnatterte, war das überhaupt ein Einzelgänger? Würde er grüßend mit dem Schopf rucken? Nein, einen fernen Punkt anvisieren. Xaver schüttelte das Mantelgefieder, glaubte sich dabei von Kopf bis Fuß gemustert: Grübchen im Kinn, fuchsigbraune Haare, ist das nicht der … Da tönte die Turmglocke; die Gespräche wurden ein Wispern.
Xaver hatte sich vom Dienst abgemeldet und war in das Krankenhaus der nächstgelegenen Stadt gefahren. Bleich und schmal, ausgebrannt zu einem flüchtigen Rest, hatte ihn seine Schwester erwartet, in ihren Augen etwas Fremdes, Neuartiges. Angst, begriff er. Danke, dass du kommst, sagte Marlen, doch dürfe kein Besuch auf die Station. Sie sprach von einer gequetschten Lunge und Schädeltrauma, dem Halswirbel. Er umarmte sie, ihr Flüstern im Ohr, sie drehe fast durch, die Tochter auf der Intensiv und der Bub noch vermisst. Das wird, hatte er gesagt, wird sicher alles gut. Was für idiotische Phrasen.
Stehen, knien, sitzen. Aus allen Mündern: Amen. In der ersten Reihe hockten die Eltern des Jungen. Das Murmeln im Rücken, das Rascheln der Kleidung, bewies ihnen die vereinte Unterstützung. Zur Kommunion bildeten sich zwei Reihen, eine vor dem Pfarrer, eine vor dem Diakon. Am Weg zurück wurde Xaver wieder von links wie rechts betrachtet. Er blickte zu Boden, löste mit der Zunge die Hostie vom Gaumen. Er dachte an die Lawine. An dieses Phänomen und was es bedeutete. Das Knacken, als ob ein jagendes Wesen aus dem Gebüsch bricht, der Riss im Schnee, sekundenschnell wächst eine Gewalt, die abwärts stürzt und alles frisst, auch die Luft zum Atmen.
Man möge Noah und Tina in die eigenen Gebete aufnehmen, bat der Pfarrer zuletzt und machte über dem Altar das Kreuzzeichen. Die Gemeinde erhob sich, strömte hinaus. An der Ecke zur Totenkapelle lehnte Flo, ihre Blicke begegneten sich. Mit den Fingern formte Flo eine Pistole, zielte auf Xavers Stirn. Er ahmte die Geste nach, wollte sich eben zu seinem Freund drängen, als durch die Sakristei eine dunkel gekleidete Gruppe ins Freie kam. Noahs Familie. Ein Junge von etwa zehn Jahren hatte dieselben hohen Wangenknochen wie der Abgängige, bestimmt war es der kleine Bruder. Xaver wandte sich um, denn schon im Spital hatte er nichts Sinnvolles hervorgebracht. Flo war von der Menge geschluckt worden, und er selbst tappte verunsichert über den Kies, ein Reiher im falschen Revier.
Xaver wanderte hinauf zum Haus der Schwester, über dem Dorf am Nordhang gelegen. Auf dem Esstisch zwei Teller mit Schnitzelresten, graues Fleisch unter vertrockneter Panier; die Nachricht hatte Marlen und ihren Mann beim Mittagessen überrascht. Er räumte das Geschirr in den Spüler, schichtete Holz in den Kachelofen der Stube und suchte, während das Feuer loderte, Tinas Zimmer. An einer Tür im zweiten Stock klebte ein dreieckiges Schild, ein Totenkopf und die Warnung: Keep out. Das musste es sein, vorsichtig drückte er die Klinke. Wie wenig er von seiner Nichte wusste, dieser Gedanke ließ ihn seit dem Spitalsbesuch nicht los. Auf dem Teppich lagen Schulbücher und Kleidungsstücke verstreut; zwischen Kakteen standen am Regal gerahmte Fotografien, Tina am Berggrat, die Schistöcke wie ein Geweih an den Helm gehalten, oder bei der Feier zu ihrem Geburtstag: eine Baiser-Torte, darauf in Gold die Zahl 16, ihr lachendes Gesicht, umringt von Freunden. Über dem Bett waren die gesplitterten Hälften eines auffällig breiten Schis an die Wand genagelt. Seit letztem Winter hatte Tina einen Sponsor, eine Sportmarke, die Kleidung und Material bereitstellte, darunter diese Bretter, fast zwei Meter lang, Bambuskern, und an den Enden aufgebogen; damit fährst du durch den Tiefschnee wie ein Zug, hatte sie Xaver vorgeschwärmt. Schau, wie leicht die sind.
Zerbrochen war der Schi während eines Wettbewerbs, nicht weit von der Gondel. Juroren bewerteten die riskantesten Linien, vom Gipfel die Klippen hinab. Die Arbeit ließ Xaver genug Freiheit, um einige Läufe zu verfolgen. Er war ein sogenannter Springer, half bei den Liftstationen aus oder kümmerte sich um den Zustand der Pisten, eine Schaufel geschultert, um Eisbrocken wegzuräumen. Im Zielgelände war zwischen flatternden Werbefahnen ein DJ am Werk, eine Hand an der Laptoptastatur, die andere zum Beat wippend in die Luft gestreckt. Xaver versuchte, den winzigen Punkt zu verfolgen, der in einer Felsrinne verschwand, mit einem Satz wieder auftauchte, als er von einem drahtigen Jungen angesprochen wurde. Du bist der Schauspieler, sagte er, als würde Xaver nicht in der auffälligen, rotgelben Arbeitsmontur stecken. Er sei Noah, Tinas Freund, habe die eigene Abfahrt schon hinter sich. Wie ein Großteil des Publikums trug auch er eine weit geschnittene, neonfarbene Jacke und auf der Stirn eine Brille mit verspiegelten Gläsern. Die Kleidung erinnerte Xaver an das Snowboarden seiner Jugend. Sogar die Musik war annähernd dieselbe, mit Electro aufgepumpter Rap. Noah lachte darüber. Nur die Alten snowboarden noch, so Vierzig plus, sagte er, aber sorry, keine Ahnung, wie alt du bist.
Xaver öffnete die Balkontür. Ein Eiszapfen hing vom Dachbalken; einmal angetippt und der Zapfen fiel auf die Terrasse, zersplitterte. Der Blick Marlens. Wie sie ihn angesehen hatte bei seiner Ankunft im Warteraum. Er nestelte das Smartphone aus der Tasche, nach kurzem Läuten hob sie ab. Dass sie gerade von der Besprechung kämen, erzählte sie, Tinas Werte seien stabil, kein Wirbel gebrochen, und er schloss die Augen, atmete erleichtert aus. Das Schnippen eines Feuerzeugs war zu hören, ein Paffen und vielleicht, Xaver horchte angestrengt hin, ein unterdrücktes Weinen. Sie lehnt an einer Mauer, stellte er sich vor, in den Fingern die Zigarette, und konzentriert sich ganz auf seine Stimme, die eine Art Stütze sein kann. Der Geschirrspüler läuft, sagte er. Eingeheizt hab ich auch.
Er ging durch das Zimmer, über den Flur. Die Stufen hinab schimmerte im Dunkel ein Gamsgeweih. Er könnte die über alle Stockwerke verteilten Trophäen ansprechen: Dein Mann ist nicht gerade zierlich, wie schafft er es denn auf einen Hochstand? Vielleicht half eine Stichelei, um seine Schwester abzulenken, für einen Moment zumindest. Im Spital hatte sich die Schiebetür zur Intensivstation geöffnet, und Paul war durch die Schleuse getreten. Auch er erschöpft, oder nein, verkümmert. Nichts mehr da von seinem einschüchternden Gehabe. Er hatte Marlen an sich gezogen und sie geküsst; dass seine Schwester auf eine solche Vertrautheit zählen konnte, beruhigte Xaver.
Paul, Bauunternehmer und Spross des Veithofs, eines der größten Hotels der Gegend; Marlen, die hiesige Tierärztin: ein Paar, das die Geschicke des Dorfes mitgestaltete, es spiegelte sich in der Geschäftigkeit, die im Haus für gewöhnlich herrschte. Wie sonderbar verlassen es hier nun war. Kein Geräusch außer dem Knistern des brennenden Holzes, das aus der Stube drang.
Gibt’s Neuigkeiten von Papa?, fragte Marlen, und er berichtete vom letzten Telefonat. Die Bar, die er in einem Münchner Vorort führte, sei wie eine Alm eingerichtet, Mittwochabend gebe es Karaoke und die Shots hätten Namen wie Kesse Liese.
Ich muss ihn anrufen, sagte Marlen.
Und Mama?
Wie denn, hat ja kein Handy.
Hast sie mal gesehen?
Lass mich denken, sagte Marlen mit vom Rauch gedrückter Stimme. Im Herbst bin ich an der Hütte vorbei, aber sie war nicht da.
Für einen Moment spürte Xaver einen Stich, verletzter Stolz oder ein trotziger Impuls, weil die Mutter sich einfach davongemacht hatte, zurückgezogen in irgendeinem Winkel am Greit hauste.
Soll ich noch die Patienten versorgen?, fragte er und erhielt ein bejahendes Räuspern zur Antwort.
Entlang der Kellerwand, neben gestapelten Säcken Milchpulver, eine Reihe von Käfigen. Umrisse bewegten sich, Xaver wurde von einem erwartungsvollen Bellen begrüßt. Nur zwei der Käfige waren besetzt. Eine bettelnd mauzende Katze mit eingegipstem Hinterlauf, deren Besitzer die Rechnung nicht zahlen wollte, und ein Dackel, der in einem Hotelzimmer zurückgelassen worden war. Xaver füllte Wasser nach, schüttelte die Futtermischungen aus Kartons. Während er die Katze streichelte, berichtete er Marlen von der Messe. Durch eine Metalltür gelangte er in die Ordination. Es erinnerte an ein Bühnensetting: Auf den Ablagen Schachteln mit Einweghandschuhen, in einer Ecke Gummistiefel, mistschwarze Strohhalme klebten an den Sohlen, Poster zeigten kuschelnde Meerschweinchen, galoppierende Pferde; ein Schreibtisch, an der Wand eine Collage aus verschiedenen Fotos, in der Mitte ein Tisch aus Edelstahl. Er klemmte das Smartphone zwischen Schulter und Wange, nahm den weißen Kittel vom Haken. Dr. House vielleicht oder Dr. Meredith in Grey’s Anatomy? Eben hatten die Proben für das nächste Stück begonnen, zum vierten Mal machte Xaver mit. Wie viel Freude ihm das Spielen bereitete, davon könnte er Marlen erzählen. Sie aber war schneller: Ich fürchte, jemand kommt noch um ein Medikament vorbei. Hättest du Zeit? Verzeih, dass ich dich um so viel frag, hab vergessen, abzusagen.
Kein Problem, ich bin da.
Er betrachtete das Gemälde, das neben dem Fenster hing. Steinbock auf Felsbrocken, die Hörner drohten dem gewittrigen Himmel, ein klassisches Sujet.
Das Bild kenn ich gar nicht, sagte er, wo hast denn das her?
Ist von Paul, sein neues Hobby.
Schön.
Er verkniff sich eine gehässige Bemerkung, Marlen aber hatte aus seinem Tonfall die Absicht erraten.
Sie kicherte, sagte: Kein Dreieck, trotzdem.
Einmal war er mit einer Freundin hier gewesen. Fasziniert vom Ausblick auf den Greit hatte sie, die Touristin aus Dortmund, Marlen gebeten, ihre Staffelei aufbauen zu dürfen. Bei ungewöhnlich klarer Luft waren Geröllhalden und Felszacken mit freiem Auge sichtbar. Schließlich zeigte die Leinwand ein Dreieck. Schwarze, fette Striche, wie mit dem Lineal gezogen. Xaver fand es beeindruckend. Nicht weil er verliebt war (das war er), sondern weil es eine Bedeutung darstellte, die über das Symbol eines Berges hinausging. Das Kunstwerk bewies die durchschlagende Kraft der unmittelbarsten Geste; eine innere Wahrheit, auf das Allernötigste, eine rätselhafte Form reduziert, gleich einer chinesischen Kalligrafie (rückblickend musste er zugeben, wirklich sehr verliebt gewesen zu sein).
Tagelang Malen, sagte Marlen, und am Ende ist aus dem Greit nichts als ein Dreieck geworden. Verkaufen sich ihre Bilder wenigstens?
Bestimmt. Also, wer kommt vorbei?
Er betrat das Kabinett, das Marlen als Depot diente. Knisternd zuckte die Röhre an der Decke.
Ich bin mir sicher, sagte Marlen, dass du wegen der Künstlerin diesen dummen Schnauzer trägst, den hast du dir doch damals wachsen lassen.
Er lachte auf und öffnete den Schrank. Tablettenpackungen, säuberlich gestapelt, daneben Fläschchen aus bernsteinfarbenem Glas mit dunklem, flüssigem Inhalt.
Die Ampullen, sagte sie, sind mittig rechts, drittes Fach, nimm die grüne Packung. Das ist wichtig, unbedingt die grüne. Die Spritzen sind in der Lade, eine genügt.
Er wartete draußen. Das Dorf ein Nest heller Punkte in der schwarzen Talsenke. Scheinwerferlicht warf Schneisen über die Feldhänge. Verschwand im Wald, tauchte aus der Kurve wieder auf. Ein Fiat Panda hielt vor der Garage. Xaver erwiderte das Lächeln der alten Frau, die hinter dem Steuer saß.
Servus, Moserin.
Fescher Doktorkittel, sagte sie und tippte beim Aussteigen auf den geblümten Schurz, der unter ihrer Jacke hervorlugte: Fast so fesch wie meiner.
Sie drehte sich eine Zigarette, bot ihm den Tabak an. Hab mir gedacht, ich schau her, sagte die Moserin entschuldigend, ich kann nicht länger zuwarten, eins meiner Viecher erholt sich nicht.
Passt schon, sagte er und gab Marlens Anweisungen weiter: Ampulle schütteln, aufziehen, in den Hals spritzen. Sollte gegen die Lungenentzündung helfen, aber falls es nicht besser wird, nimm die zweite Ampulle.
Sie nickte. Arme Tina. Aber wird sicher wieder.
Wird wieder, sagte Xaver und reichte ihr Medikament und Kanüle.
Hoffen wir, dass der Bub zurückkommt.
Hoffen wir.
Rauchend standen die beiden nebeneinander. Kalt ist’s, sagte er, und sie brummte zustimmend. Dein Großvater, sagte sie, um die Stille zu überbrücken, hat meinem Mann früher gern mit der Polizei gedroht. Der hat oft Jauche in den Bach geleitet. Ein Sauhund war er, muss ich zugeben.
Xaver spähte nach dem Friedhof. Unten im Tal das rote Glimmen der Grabkerzen. Zwei Jahrzehnte ruhte man dort, nach Ende dieser Frist wurden die Gräber aufgelöst, um Platz für die neuen Verstorbenen zu schaffen. Konrad blieb noch etwas Zeit. Xaver wandte sich um, sah auf das Haus, die einstige Pension Guna, nach der Familie benannt und beworben mit gemütlichem Ambiente, sonniger Lage. Wo jetzt die Ordination war, hatte sich Großvaters Tischlerei befunden. Das Dach erhöht, die Terrasse erweitert, das Innere entkernt, Marlen hatte die Vergangenheit gründlich beseitigt. Für Xaver aber flackerte das alte Gebäude weiterhin durch das jetzige, eine geisterhafte Erscheinung: Ganz oben die eigene Wohnung, im zweiten und ersten Stock je einmal Bad und Toilette sowie drei Fremdenzimmer; im Erdgeschoss Speisekammer, Küche und die Stube für Frühstück und den allabendlichen Umtrunk; im Keller die Werkstatt, in der Konrad nach dem Pensionsantritt noch kleinere Möbelstücke fertigte. Samstags der Wechsel, die vorigen Gäste verabschiedeten sich, frische trafen ein, dieser Rhythmus diktierte Xavers Aufwachsen. Ein holländisches Paar wusste um seine Begeisterung für Dinosaurier und brachte im nächsten Winter eine T-Rex-Figur mit, und der Deutsche, dem er wieder und wieder von dem Musketierfilm erzählt hatte, schickte per Post ein Zorro-Kostüm für den Fasching.
Anna ermahnte ihn, die Urlauber nicht zu belagern. Er hatte leise, ja unsichtbar zu sein. Wie ungerecht, die Fremden konnten tun, was sie wollten. Diese vorauseilende Sorge wurde besonders bei den Stammgästen deutlich. Stand eine solche Ankunft bevor, saugte Anna die Treppe, scheuerte Badewanne und Waschbecken und putzte alle Fenster für die perfekte Aussicht, die Handtücher wusch sie bei sechzig Grad. Reisten sie nicht im eigenen Auto, erwartete Vinz die Urlauber an der Bushaltestelle hinter der Kirche, um sie das letzte Stück zu chauffieren. Konrad stieg mit der Zither aus der Werkstatt herauf. Die Stimmung war so gespannt wie zu Weihnachten, bloß kam anstelle des Christkinds der Zahnarzt aus Frankfurt, dessen Ehefrau einen waldgrünen Trachtenjanker und um den Hals ein weinrotes Seidentuch trug.
Als Willkommensessen wurden Forellen aus der Kühltruhe geholt und von Anna in Butter gebraten. Schurz umgebunden, Pfanne in der Hand, trat sie in die Stube. Ihr müsst mit der Messerspitze die Wangen rauslösen, sagte sie, es ist das beste, zarteste Fleisch, ein Gedicht. Konrad versprach, zum Dessert die Saiten zu zupfen, und nachdem Anna die Teller mit den Fischgräten abserviert hatte, war Vinz an der Reihe; der Herr des Hauses, verkündete er, Schnapsflasche und Stamperlgläser auf einem silbernen Tablett balancierend. Er stammte aus einer niederbayrischen Kleinstadt, und bei manchen sorgte das für Irritation, schmälerte das Vergnügen, in einem Tiroler Haushalt zu urlauben. Wenn Vinz jedoch beim Spiel der Zither erzählte, als Kellner ein unstetes Leben geführt zu haben, ehe er sich in die Tochter eines musikalischen Tischlers verliebte, hatte er alle Sympathien wieder gewonnen.
Die Moserin sagte: Ich weiß noch, wie Anna einem eurer Gäste so den Kopf verdreht hat, dass der gar nicht mehr heimgefahren ist.
Der Ausdruck in ihrem Gesicht war schwer zu deuten, bewundernd und missgünstig in einem: Der Trottel wollte sich hier als Schilehrer durchschlagen, damit er in ihrer Nähe ist. Dein Vater hat das gar nicht mitbekommen, obwohl er noch im Haus war. Versonnen zog sie an der Zigarette. Was treibt der eigentlich?, fragte sie.
Xaver erzählte, dass Vinz sich als Barbesitzer selbstständig gemacht habe. Demnächst dürfe er in Rente. Aber wer nichts wird, wird eben Wirt, und das bis zum Tod. Das sage er selbst.
Ist hier nie heimisch geworden, dein Vater.
Leider.
Hat ihm offenbar nicht bei uns gefallen, sagte die Moserin und schnippte die Zigarette fort.
Nachdem sie sich verabschiedet hatte, hängte Xaver den Arztkittel zurück in die Praxis. Im Stubenofen war das Feuer heruntergebrannt, er schloss das Türchen. Ein letzter Kontrollgang, ob auch alle Lichter gelöscht waren. Seine Wohnung lag Richtung Gondelstation, zwei Zimmer mit Einbauküche. Er musste die Straße hinab, zurück zur Kirche, von dort zu Fuß eine gute Viertelstunde weiter.
Hinter dem Haus, Wiesenhang und Wald überragend, die Umrisse des Greits. Verdichtetes Dunkel, in den Himmel geschoben, und der Grund für Xavers Nervosität. Er wusste, was die Familie von Noah durchmachte. Sein Großvater war ebenfalls verschwunden. Nicht im Winter, sondern im Sommer, nicht im Schnee, doch auch auf diesem Berg. Xaver dachte an die damaligen Messen, die mitleidigen Blicke und Beteuerungen, dass Konrad bald zurückkehre … Als wären seither nicht Jahre vergangen, spürte er im Bauch dieselbe Ohnmacht. Wie gut ein Körper Erinnerung speichert. Zum Warten verdammt. Zum Hoffen. Auf eine Nachricht, die Erlösung von der Ungewissheit.
Es hatte alltäglich begonnen: Er trank in der Küche ein Glas Wasser, draußen knallten Freunde den Fußball gegen das geschlossene Garagentor; das Telefon klingelte, eine Verwandte aus dem Nachbartal erkundigte sich nach Konrad. Nach einer Hochzeitsfeier habe er bei ihr geschlafen und sei morgens los, um entlang der Forstwege zurückzuwandern. Ich wollte, dass er mit dem Bus fährt, aber auf mich hört er nicht, sagte sie. Sei so gut und schau nach, ob er schon eingetroffen ist.
Xaver ging in die Werkstatt, doch da war niemand. Abends schnappte er Fetzen eines anderen Telefonats auf: Sie sei sich nicht darüber im Klaren, sagte Anna, ob man zweiundsiebzig Stunden warten müsse, doch, ja, er werde vermisst, das wolle sie anzeigen. Mitte Achtzig, aber rüstig, vielleicht war er auch einfach nur in einem Gasthaus hängen geblieben.
Der nächste Morgen. Nebel und der Geruch nach verbranntem Holz. Xaver warf sich die Arbeitsjacke über. Knallrot, diagonal ein Streifen in blitzendem Gelb, auf dem Rücken der silberne Schriftzug des hiesigen Schigebiets.
Das Auto verröchelte etliche Male. Lass mich nicht hängen, flüsterte Xaver und tätschelte, als der Motor des Opel Kadett endlich startete, zufrieden das Armaturenbrett. An der Kirche zweigte er in Richtung Höhenstraße ab. Vorbei an Marlens Haus und weiter bis zu einem Forstweg. Auf der gegenüberliegenden Talseite wölbten sich hinter einem der Gipfel riesige Wolken, ein zorniges Grau, von dem sich die Liftsäulen und schwebenden Gondeln abhoben. Wie verwunderlich, in jeder dieser Winzigkeiten hockten maximal acht Wintersportler. Zwischen braunen Wiesenflächen das weiße Band des Kunstschnees, ein grässlicher Anblick. Langsam, um Schlaglöchern auszuweichen, durchquerte Xaver den Wald. Am Ende der Schotterstraße die Alm. Davor stand Peter, in Gummistiefeln und blauem Mantel.
Wirst nicht glauben, was ich erfahren hab, sagte er und deutete auf die moosigen Schindeln des Stalldachs. Eternit, haben doch alle verwendet. Aber jetzt heißt’s, es ist Asbest drin und muss entsorgt werden, ohne dass es staubt. Wie soll das klappen, wer soll das zahlen?, fragte er.
Muss sein, du willst doch nicht mit Gift leben.
Aus dem Handschuhfach kramte Xaver das Messer, eine lange, hauchdünn geschliffene Klinge.
Als ob ich je krank bin, erwiderte Peter. Vierundsechzig werde ich, aber nichts fehlt mir. Die Brunnerin bringt Arnikatinktur, mehr braucht es nicht.
Das Messer legte Xaver auf die Mauer vom Misthaufen. Er schob den Riegel der Stalltür zur Seite, die Glocken der Ziegen klangen schreckhaft auf. Geruch nach frischen Spänen, im tierwarmen Dunkel schimmerte der Boden; Peter hatte gerade ausgemistet. Ein Schwall eigentümlich dichten Gestanks wallte ihnen entgegen. Über den Brettern eines Verschlags war ein tieferes Schwarz zu erkennen, eine Gestalt mit langen, geschwungenen Hörnern. Peter drückte den Schalter, und an der spinnwebverhangenen Decke leuchtete die nackte Glühbirne auf. Am Rand des Lichtkegels das graue Tier.
Hallo Lex, grüßte Xaver und kraulte die Stirn des Bocks. Der schüttelte sich, Schatten der Hörner zuckten über die Wände. Ein freilaufendes Kitz sprang Xaver an, verspielt bäumte es sich auf. Er nahm es hoch, streichelte das braune, weiß gemusterte Fell.
