Das geraubte Glück - Rukiye Cankiran - E-Book

Das geraubte Glück E-Book

Rukiye Cankiran

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Beschreibung

Zwangsverheiratung und Ehrenmord sind in unserer Gesellschaft noch immer präsent. Vor allem in türkischstämmigen Familien sind diese Phänomene anzutreffen. Warum zwingen Eltern ihre Kinder zu einer Ehe? Warum wehren sich die Töchter und Schwiegertöchter nicht gegen diese Form der Gewalt? Warum beugen sich Söhne und Schwiegersöhne? Warum betrachten Männer Frauen als ihren Besitz? Und wie kommt es zu Ehrenmorden? In ihrem Buch klärt Rukiye Cankiran über ein dunkles Geheimnis auf.

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Rukiye Cankiran

Das geraubte Glück

Zwangsheiraten in unserer Gesellschaft

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2019

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Gestaltungssaal, Rosenheim

Umschlagmotiv: © AnnaPoguliaeva/iStock

E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, Torgau

ISBN Print 978-3-451-38266-6

ISBN E-Book 978-3-451-81566-9

Inhalt

1. Unsere Verantwortung: Warum wir nicht wegschauen dürfen

2. Falsche Toleranz: Warum wir extreme Entwicklungen ablehnen müssen

3. Zwangsverheiratung – Zwangsheirat – Arrangierte Ehe: Versuch einer Definition

4. Geraubte Menschenwürde: Die rechtlichen Grundlagen

5. Die Bürde der Tradition: Warum Eltern ihre Kinder in eine Ehe zwingen

6. Die verlassene Braut: Warum sich Töchter nicht wehren

7. Der Zwang der Männlichkeit: Zur Rolle der Söhne

8. Das Gebot der Jungfräulichkeit: Warum es Kinderbräute gibt

9. Die getöteten Töchter: Wie es zu Ehrenmorden kommt

10. Der lange Weg: Ein Ausblick

Literatur

Über die Autorin

1. Unsere VerantwortungWarum wir nicht wegschauen dürfen

In den letzten Jahren waren die Themen »Zwangsverheiratungen« und »Kinderehen« in den deutschen Medien und in der gesellschaftlichen Diskussion hierzulande so präsent wie nie zuvor. Spätestens seit dem Mord an Hatun Sürücü im Februar 2005 in Berlin wird in der Mitte der Gesellschaft über den »Ehrenmord« diskutiert. Morsal Obeidi wurde 2008 in Hamburg von ihrem Bruder ermordet, weil sie ihr Leben nicht so gestalten wollte, wie es ihre Familie für sie vorgesehen hatte. 2015 sorgte der Fall der 35-jährigen Jesidin und Mutter von sechs Kindern Hanaa S. aus Nordrhein-Westfalen für Aufsehen. Ihr Tod wurde von ihrem Sohn (20), ihrem Exmann und ihrem Schwager geplant und durchgeführt, nachdem sie sich von ihrem Gatten getrennt und ein neues Leben begonnen hatte. 2016 wird die 19-jährige Jesidin Shilan Hassan aus dem Irak von ihrem Verlobten, der die Auflösung der Verlobung nicht akzeptieren wollte, auf einer Hochzeit in Niedersachsen erschossen. Diese spektakulären Fälle haben dafür gesorgt, dass in allen Schichten und Milieus der Bevölkerung in Deutschland über »Morde« dieser Art und damit über patriarchale Familienstrukturen, Zwangsverheiratungen und extreme Formen von Gewalt gegen Frauen diskutiert wird. Eine Studie des Bundeskriminalamtes von 2015 ergab, dass 131 Frauen von ihren Partnern getötet wurden, mehr als 100 000 waren von Gewalt betroffen. 2017 wurden 149 Frauen von ihrem Partner bzw. Expartner getötet, jeden Tag gibt es einen solchen Mordversuch. Gewalt gegen Frauen nimmt auch hierzulande zu. Sogenannte Ehrenmorde werden in keiner Statistik gesondert aufgeführt. Eine Studie des Bundeskriminalamtes von 2011 ergab, dass von 1996 bis 2005 jährlich zwölf Fälle von Mord im Namen der Ehre gerichtlich erfasst wurden.

Das Thema Zwangsverheiratung ist hierzulande nicht neu, im Gegenteil: Viele Frauen, die als Gastarbeiterinnen in den 1960er-Jahren etwa aus Südostanatolien nach Deutschland kamen, wurden in den Dörfern ihrer Heimat zwangsverheiratet oder fanden durch arrangierte Ehen einen Mann. In vielen Regionen der Türkei, aber auch weltweit sind solche Ehen bis heute Alltag. Mit dem Zuzug von Flüchtlingen nach Europa, deren Zahl 2015 ihren Höhepunkt erreichte, kamen ca. 800 000 bis eine Million Menschen nach Deutschland. Einen großen Teil von ihnen bilden junge Männer, aber auch Familien haben hier Asyl gefunden. Die Tatsache, dass viele junge geflüchtete Frauen minderjährig verheiratet sind und teilweise auch schon Kinder haben, hat mich sehr erschüttert. Rund 1500 verheiratete Schutzsuchende unter 18 Jahren, davon fast ein Drittel sogar unter 14 Jahren, waren Anlass für eine bundesweite Diskussion. 2017 hat der Bundestag das Mindestheiratsalter in Deutschland auf 18 Jahre gesetzt. Wenn auch in der Übergangsphase in den nächsten Jahren von bereits verheirateten Minderjährigen im Einzelfall entschieden und vorgegangen wird, können seit Juli 2017 keine neuen Ehen mehr mit Minderjährigen geschlossen werden. Auch religiöse und traditionelle Trauungen von Minderjährigen wurden verboten und werden mit hohen Bußgeldern geahndet.

All diese Themen – Zwangsverheiratung, Ehrenmord, Kinderehen – sind Phänomene, bei denen wir nicht wegschauen dürfen, auf die wir reagieren müssen. Eine Ehe ist sicherlich ein sehr intimes, individuelles Thema, bei einer Zwangsverheiratung geht es aber auch um Menschenrechte, um unser Grundrecht und um die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Dieses Thema betrifft einerseits das Schicksal von Einzelpersonen, andererseits betrifft es die ganze Gesellschaft.

Ich bedaure sehr, dass in der öffentlichen Diskussion lediglich Extremfälle behandelt werden – zudem sehr emotional und mit der Tendenz zur Skandalisierung. Natürlich bin ich froh, dass einzelne mutige Frauen ihre Schicksale der Öffentlichkeit präsentieren. Doch diese äußerst persönlichen Lebensgeschichten sind zuweilen sehr einseitig geschrieben und bedienen nicht selten bereits vorhandene Klischees. Zu einer direkten Lösung der Probleme tragen sie kaum bei. Man kann nicht in das Leben von Familien eindringen, die fest in archaischen Traditionen verhaftet sind, deren Lebensformen aus einer aufgeklärten europäischen Perspektive bewerten und mit extremen, modernen Methoden bekämpfen. Pauschale Aussagen erhöhen nur die Distanz, und indem sich die Fronten verhärten, erschwert man das Lösen der Probleme. Vor allem den jungen Mädchen ist damit nicht geholfen, im Gegenteil: Wenn aufgeklärte, frei denkende und privilegiert lebende Menschen traditionelle, weniger gebildete Familien kritisieren, wenn sie ihren konservativen, die Mädchen benachteiligenden Lebensstil pauschal ablehnen, provoziert das eine prinzipielle Abwehr. Es ist lobenswert, dass es Menschen gibt, die an diesem Thema interessiert sind. Aber es reicht nicht aus, die »Opfer« zu bemitleiden, sich zu empören und die eigenen Vorurteile bestätigt zu sehen. Entscheidend ist es, dass auf allen Ebenen über unser demokratisches System aufgeklärt wird und dass Kenntnisse über rechtliche Grundlagen, insbesondere über die Gleichstellung und Gleichberechtigung von Frauen in die Köpfe aller Familienmitglieder dringen. Auf diese Aufklärung, auf eine klare Ablehnung von sozialer und struktureller Benachteiligung im Alltag von Frauen und das Recht auf freie Wahl der Lebensgestaltung sollte der Schwerpunkt gelegt werden. Ein gutes Beispiel für das Recht auf Bildung sind etwa die verpflichtenden Integrationskurse für alle Zugewanderten. Der Weg in ein freies Leben erfordert Unabhängigkeit, Bildung und gute Netzwerke, die das Individuum stärken.

Seit 2011 gibt es endlich einen eigenständigen Strafgesetzparagraphen, der »Zwangsverheiratung« unter Strafe stellt, wobei eine solche Verheiratung schon zuvor als »besonders schwerer Fall der Nötigung« bestraft worden ist. Umso trauriger, dass sowohl in den Medien als auch unter den meisten Bürgern die Meinung vorherrscht, das Phänomen der Zwangsverheiratung sei erst seit kurzem zu beobachten. Bereits in den 1980er-Jahren waren insbesondere »türkische Frauen« in der Literatur und Wissenschaft Thema. Es wurde über »Die verkauften Bräute« (Andrea Baumgartner-Karabak / Gisela Landesberger) berichtet, und der Film »40 Quadratmeter Deutschland« von Tevfik Başer zeigte in aller Deutlichkeit das Schicksal vieler importierter Bräute aus Anatolien. Doch diese Hinweise wurden geflissentlich übersehen, da die damalige »Ausländerpolitik« auf Rückkehrförderung baute. Mittlerweile sind die Probleme allerdings nicht zuletzt aufgrund der demographischen Entwicklung in die Mitte der Gesellschaft gerückt, und plötzlich gehen sie uns alle an. In den Reihen der Betroffenen und ihren Familien muss eine Bewusstseinsänderung stattfinden. Und es liegt an uns Bürgern, an jedem Einzelnen von uns, in unserer Familie, unserer Nachbarschaft, unserem Stadtteil für die Rechte der jungen Mädchen zu kämpfen. Denn wenn einem Mädchen die Freiheitsrechte verwehrt werden, dann ist das nicht allein Gewalt an den Töchtern, sondern auch ein Angriff auf unsere Demokratie und unsere hart erkämpften Freiheitsrechte.

Ich will in diesem Buch zeigen, welche Gründe es gibt, dass noch immer viele Familien ihre Kinder früh verheiraten, dass sie Ehen arrangieren und dazu bereit sind, mit größter Härte durchzugreifen. Wozu auch zählt, dass es einige Familien in Kauf nehmen, ihre Töchter zu töten, sollten sie nicht bereit sein, sich der von der Familie vorgeschriebenen Lebensweise anzupassen und sich mit der patriarchalen Ordnung zu arrangieren.

Ich möchte auch beleuchten, warum sich viele junge Menschen nicht gegen die ihnen aufgezwungene Lebensweise wehren, auch wenn sie mit der Entscheidung ihrer Eltern alles andere als glücklich sind. Als Projektmitarbeiterin und -koordinatorin, als Beraterin, Vertrauensdolmetscherin und freiberufliche Referentin habe ich im Rahmen von Seminaren und Vorträgen sowohl ehrenamtlich wie hauptberuflich dieses Thema behandelt, ich habe zahlreiche kontroverse Diskussionen geführt und viele junge Frauen beraten und begleitet. Und auch als Journalistin habe ich mich mit diesem Thema beschäftigt, wobei es mir jahrelange Recherchen und Interviews ermöglichten, viele Frauen und ihre Familiengeschichten kennenzulernen. Meine Rolle als Beraterin und Journalistin in einer Person war immer ein großer Vorteil. Und im Laufe der Zeit ist diese Angelegenheit zu meinem Herzthema geworden. Für Frauenrechte engagiere ich mich auch bei Terre des Femmes. Kontroverse Diskussionen und konstruktive Kritik finde ich großartig. Meine Erfahrungen, die ich auch durch meine persönliche Herkunft und Familiengeschichte gesammelt und durch Tätigkeiten in Migrantinnenvereinen angereichert habe, ermöglichen es mir, ehrlich, aufrichtig und Partei ergreifend für die Frauen und ihre Rechte zu kämpfen.

In diesem Buch möchte ich diese Erfahrungen und meine Sichtweise der Dinge wiedergeben. Ich möchte verschiedene Aspekte aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten und dazu beitragen, vor allem mit dem schwierigen Thema »Zwangsverheiratungen« sensibler umzugehen. Mit den Flüchtlingen, die seit 2015 vermehrt nach Europa kommen, haben die Themen Zwangsverheiratung und Kinderehe eine neue Dimension erreicht. Damit meine ich weniger, dass es mehr Fälle gibt, sondern dass diese Fälle weiter in unsere Nähe gerückt und somit sichtbarer geworden sind. In den letzten zwei Jahren habe ich mit geflüchteten Familien gearbeitet. Sie kamen aus Syrien, Afghanistan, dem Sudan, Iran und auch dem Irak. Die Problematik ist bei allen Betroffenen dieselbe. Ich glaube, dass Außenstehende es sich häufig sehr einfach machen, wenn sie Kritik üben, Missstände anprangern und Argumente nennen, die die betroffenen Frauen überhaupt nicht erreichen und für deren Leben keine Option darstellen. Wie so häufig spricht man über Menschen und ihr Leben, ohne dass man diese Menschen in die Diskussion mit einbezieht. Das Thema »Zwangsverheiratung in türkischen bzw. kurdischen Familien« gab es in Deutschland, seit diese Familien hier ihren Lebensmittelpunkt gegründet haben. Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, sich die Strukturen der betroffenen Familien genau anzusehen, die Lebensumstände und Rollen der einzelnen beteiligten Mitglieder zu beleuchten. Nur so kann man nachvollziehen, warum bestimmte Entscheidungen getroffen werden. Erst wenn die Strukturen analysiert und durchschaut sind, besteht die Chance, effektive Änderungskonzepte zu entwickeln und umzusetzen, wie es z. B. mit dem Verbot der Ehe für Minderjährige im vergangenen Jahr geschehen ist.

In den folgenden Ausführungen möchte ich zunächst versuchen, die Begriffe »Zwangsverheiratung« und »arrangierte Ehe« voneinander abzugrenzen und die Grauzone zwischen diesen beiden Phänomenen zu beleuchten. Danach werde ich versuchen, die Perspektive der Eltern zu erläutern. Schon sehr oft wurde ich gefragt: »Wie können Eltern ihre Kinder oder Töchter in eine Ehe zwingen?« Und: »Warum wehren sich die Töchter nicht gegen diese Form der Gewalt durch die Eltern?« Bei meinem Versuch, Antworten zu finden, werde ich mich langsam an die Position der Eltern herantasten, da das ein sehr schwieriges Thema ist.

Lösungsansätze sollen nicht zu kurz kommen. Hierzu zitiere ich aus Studien und Handlungskonzepten, die ich allen Lesern ans Herz legen möchte. Natürlich beschäftigen sich bereits viele Fachleute wie SoziologInnen oder PsychologInnen mit diesem Thema, aber meines Erachtens muss sich auch die Gesellschaft, also jeder von uns als NachbarIn, FreundIn, ArbeitskollegIn damit auseinandersetzen, darüber diskutieren und vor allem viel Wissen weitergeben. Denn eines ist klar: Es wird sich nichts an den Problemen der jungen Frauen ändern, wenn nur Wissenschaftler ihr akademisches Wissen, ihre Forschungsergebnisse und Statistiken präsentieren und ein Fachpublikum diese Informationen analysiert und kommentiert. Alle gesellschaftlichen Schichten und Milieus müssen über die Zusammenhänge dieser Traditionen sachlich informiert werden, auch wenn möglicherweise diese Themen in ihrem Alltag nicht relevant sind. Es ist von großer Bedeutung, über gesellschaftliche Veränderungen zu diskutieren, da sie langfristig uns alle betreffen. Gesellschaftlicher Wandel bringt auch gesetzliche und strukturelle Veränderungen mit sich. Nur wenn wir über sachliches Wissen verfügen, können wir im Alltag klar sagen, warum wir bestimmte Traditionen ablehnen, die unseren Grundrechten widersprechen.

Beim Thema Zwangsverheiratung ist mangelnde Bildung ein zentrales Problem. Bildung bedeutet nicht nur schulische und berufliche Bildung, sondern umfasst auch das Wissen über unseren Alltag. Bildung und Information müssen in jeden denkbaren Raum Zugang finden, sie müssen also auch in die vier Wände sogenannter »bildungsferner« Familien eindringen. Nur in einer aufgeklärten und modernen Gesellschaft, die Frauen als gleichberechtigte Menschen akzeptiert und nicht in ihre traditionelle Rolle als Ehefrau und Mutter drängt, die Kindern das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben zugesteht und es zulässt, dass sie ihr Leben individuell gestalten und ihren persönlichen Weg gehen, kann das Phänomen »Zwangsverheiratung« beseitigt werden.

Das ist kein leichter Weg, da es bei diesem Thema auch um Macht geht und wir wissen, dass Mächtige ungern ihre Macht abgeben oder Veränderungen zulassen, die ihre Privilegien und ihren gewohnten Lebensstil gefährden könnten. Ein mächtiges traditionelles männliches Familienoberhaupt wird seine Privilegien kaum aufgeben. Es wird es vielmehr genießen, über das Leben seiner Ehefrau und Töchter, aber auch über das seiner Söhne zu bestimmen. Seine Vorstellung von Familie und Gesellschaft wird es mit allen Mitteln verteidigen, um die Strukturen zu erhalten, die seine Macht sichern. Wenn etwa eine Tochter oder Ehegattin sich aus ihrer Ehe löst, wenn sie ein neues Leben beginnt und die Familie verlässt oder sich weigert, einen für sie vorgesehenen Mann zu heiraten, ist die gewohnte Ordnung in Gefahr, und es wird eine Reaktion des Familienoberhauptes geben. Umso wichtiger ist es, alle Ziele, Wünsche und Ängste, die mit dem Thema verknüpft sind, zu beleuchten. Denn mit einer einseitigen Herangehensweise werden wir das Problem der Zwangsverheiratung nicht lösen können. Jede einzelne Person ist aufgefordert, ihren Beitrag zu leisten. Gerade in einer Zeit, in der wir weltweit eine Rückentwicklung erleben, was die Situation und Rechte der Frauen betrifft, müssen wir uns noch vehementer für unser höchstes und wertvollstes Gut, die Freiheit, einsetzen.

Ich selbst stamme aus einer Familie, die von Anatolien nach Deutschland zugewandert ist, um hier das Fundament für ein besseres Leben zu legen. Viele solcher Familien haben ihre Werte, Normen und das gewohnte traditionelle Frauenbild mit nach Deutschland gebracht. An etlichen Beispielen habe ich erfahren, wie schwer es ist, europäische Moderne mit anatolischer Tradition zu vereinbaren. Zu groß sind die Unterschiede und zu wenig wurde von Seiten der Politik dafür getan, damit die Menschen ihre engen Kreise verlassen, sich vermischen, voneinander lernen oder übereinander informiert werden. Da es in Deutschland lange keine wirkliche »Integrationspolitik« mit Willkommenscharakter oder einen normalen Umgang mit Migranten gegeben hat und viele der Zuwanderer mit niedriger Bildung nicht fähig und verantwortungsbewusst genug waren, die Dinge selber in die Hand zu nehmen, stehen wir heute vor etlichen Problemen, die in den Mittelpunkt unserer Wahrnehmung gerückt sind. Eines dieser Probleme sind die »Zwangsverheiratungen«.

Ich möchte niemanden verurteilen, ich möchte auch niemanden entschuldigen, ich will allein auf Tatsachen, Inhalte und Unterschiede hinweisen. An dieser Stelle nenne ich das Thema »Interkulturelle Kommunikation«: Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen haben Kontakt zueinander, sie leben und arbeiten miteinander, begegnen sich im Alltag. Interkulturell sensible Kommunikation kann uns helfen, Probleme zu lösen oder zumindest große Konflikte zu entschärfen. Genau hier möchte ich ansetzen und einen Beitrag leisten. Es gibt nicht »das Gute« und »das Böse«, in der Andersartigkeit stecken die Probleme und Missverständnisse. Diese Andersartigkeit muss diskutiert werden, wir versuchen, uns auf gemeinsame Werte zu einigen. Wenn dies nicht gelingt, müssen wir unsere Gesetze und Errungenschaften verteidigen. Gesetze, die Demokratie und Gleichberechtigung garantieren, Errungenschaften, die Frauen Wege und Türen geöffnet haben. Viele Europäer tun jedoch so, als wäre es schon immer selbstverständlich, dass es emanzipierte Frauen gibt, die ein selbstbestimmtes Leben führen. Dies ist aber bei weitem nicht so. Man denke etwa an die Zeiten, in denen Frauen nicht studieren durften, oder den »Basta-Paragraphen«, mit dem ein Mann bis weit in die 1970er-Jahre seiner Gattin das Arbeiten verbieten konnte.

Aufgrund mangelnder Bildung, traditioneller Sozialisation und gesellschaftlicher Zwänge, aber auch aufgrund mangelnder Netzwerke haben viele Migranten und vor allem ihre Kinder es besonders schwer, Zugang zu vielen Bereichen zu bekommen, die für die Mehrheitsgesellschaft selbstverständlich sind, z. B. gute Ausbildung, politische Partizipation und kulturelle Angebote. Wir brauchen Wege, um diese Familien zu erreichen und ihnen deutlich zu zeigen, dass das Leben hier anders »funktioniert« als in einer Stammesgesellschaft in einem dörflichen Umfeld. Es reicht nicht, dass wir erst dann nach Menschenrechten und Gleichheit der Frauen rufen, wenn das Opfer nicht mehr am Leben ist. Wir müssen im Alltag zeigen, dass wir einen Lebenswandel, der Frauen Männern unterordnet, verachten und unter keinen Umständen dulden. Wir müssen dabei sachlich bleiben, denn wichtig ist eine Veränderung der Zustände, nicht eine Erfüllung unserer Wünsche. Ich möchte auch dann auf Missstände aufmerksam machen, wenn keine großen Massen von der Problematik betroffen sind; gerade dann, wenn es Möglichkeiten gibt, gesellschaftliche Entwicklungen mitzugestalten, aufzuklären und Verantwortung zu tragen, sodass bereits präventiv Maßnahmen gegen Zwangsverheiratungen und Kinderehen getroffen werden.

Als Kulturwissenschaftlerin sehe ich meine Aufgabe darin, auf gesellschaftliche Probleme hinzuweisen und sie zu beleuchten. Mein Schwerpunkt ist die Bildungs- und Aufklärungsarbeit oder, anders gesagt, der Dialog und Austausch. Aus meinen Erfahrungen weiß ich: Die Schicksale vieler junger Frauen könnten einen guten Lauf nehmen, wenn man sich die ganze Familie ansehen und dort an den Mängeln und Problemen arbeiten würde. Ich habe deshalb meine Kapitel nach den häufigsten Fragen aufgebaut, die mir bei Vorträgen gestellt wurden, und versuche, sie so eingehend wie möglich zu beantworten.

Da ich insbesondere mit türkischen und kurdischen Familien aus der Türkei gearbeitet habe und auch durch meine Herkunft und die sprachlich-kulturelle Nähe diese Bevölkerungsgruppe am besten kenne, beziehen sich viele meiner Beispiele auf diese Community.

Mein Buch erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf wissenschaftliche Genauigkeit. Vielmehr möchte ich mein Statement, das sich nach über zehnjähriger Arbeit speziell zu diesem Thema entwickelt hat, der Leserin und dem Leser präsentieren.

2. Falsche Toleranz Warum wir extreme Entwicklungen ablehnen müssen

Die erste Generation der türkischen Einwanderer in Deutschland kommt langsam in die Jahre. Während einige dieser Generation noch immer zwischen der Türkei und Deutschland hin und her pendeln, verbringen andere ihren Lebensabend gänzlich in der alten Heimat. Sie sind in ihr Dorf zurückgekehrt, leben an einem schönen Ort am Meer oder in einer Großstadt. In jedem Fall versuchen sie, ein Zuhause zu finden. Viele dieser »Gastarbeiterinnen« (und teilweise auch ihrer Ehemänner), die in ihrem Heimatdorf bereits früh verheiratet wurden, waren als Analphabetinnen nach Deutschland gekommen. Doch weder ihre neuen Arbeitgeber noch ihre Nachbarn oder die deutschen Behörden haben sich jemals daran gestört, dass ihnen ein grundlegendes Menschenrecht, das Recht auf Bildung, verwehrt worden war. Ohnehin dachten alle, dass diese »Gastarbeiter« nach einigen Arbeitsjahren in ihre Heimat zurückkehren würden. Und auch dass diese Familien ihre Kinder früh mit Partnern aus der Heimat verheirateten, wurde toleriert. Eine dörfliche Denkweise, die darauf zielt, Sexualität zu kontrollieren und persönliche Freiheit der Kinder einzuschränken, wurde hingenommen, selbst wenn der Preis, den die Kinder häufig dafür zahlen mussten, der Abbruch von Schule oder Ausbildung war. Von dieser nächsten Generation wird hierzulande erwartet, dass sie sich mit der Mehrheitsbevölkerung vermischt und sich so weit integriert, dass sie ein Teil der Bevölkerung des Landes wird. Das ist trotz der widrigen Umstände zum großen Teil tatsächlich gelungen, denn inzwischen sind viele junge Türkeistämmige in der Politik aktiv, sie arbeiten in qualifizierten Jobs und tragen als Selbstständige zum wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands bei. Gleichzeitig aber erwarten konservative Familien von ihren Kindern und Enkelkindern, dass sie die Traditionen der Großeltern weiterführen und sich auch mit der ursprünglichen Heimat ihrer Familien identifizieren. Das ist das Dilemma der Generation, die mit zwei Kulturen aufgewachsen ist. Inzwischen lebt die dritte und vierte Generation dieser ehemaligen Gastarbeiterfamilien hier, teilweise weiterhin jung verheiratet mit EhepartnerInnen aus der Heimat. Aber es gibt auch eine kleine Minderheit, vielleicht sind es drei bis fünf Prozent der Türkeistämmigen (also Kurden oder Türken), die immer wieder für Schlagzeilen in den Medien sorgt, sei es, weil ein »Ehrenmord« geschah, sei es, weil andere Formen unfassbarer, extremer Gewalt an Familienmitgliedern die Menschen schockieren.

Zu einer sachlichen Diskussion dieses Themas gehört es, zu benennen, dass Gewalt gegen Frauen alltäglich ist – weltweit. In allen Details berichten die Medien über sogenannte »Ehrenmorde«, »gewöhnliche« Beziehungstaten, wie sie in unserer Gesellschaft gang und gäbe sind, werden jedoch von vielen kaum beachtet. Dabei sind auch diese Taten Gewalt an Frauen, und auch hier sind der verletzte Stolz des Mannes und seine Wut bzw. Frustration der Auslöser für die Tat. Auch wenn kein Familienclan hinter solch einer Tat steht, ist doch der Grund meist eine von der Frau initiierte Trennungssituation. Auch hier spielt also der Kampf der Frauen um Befreiung, Selbstbestimmung und um die Entscheidung über das eigene Leben eine wichtige Rolle. Anders formuliert: Es gäbe wahrscheinlich insgesamt wesentlich mehr Morde, würden Frauen verschiedene Formen der Gewalt in ihrer Beziehung nicht ertragen. Viele Frauen sind finanziell oder emotional von ihren Partnern abhängig, sie finden einen Weg, ihre Beziehung weiter zu führen und tun dies häufig wegen der Kinder. Dies gilt weltweit für sehr viele Frauen. Es ist bedauerlich, dass Journalisten sogenannte Ehrenmorde bis ins Detail hinterfragen und darüber ausführlich berichten, dass sie aber all die anderen Morde und Gewalttaten an Frauen als Normalität in einer Gesellschaft abtun. Natürlich ist der durch einen Clan legitimierte und in einem Akt der Selbstjustiz in Auftrag gegebene Ehrenmord in keiner Hinsicht zu verharmlosen. Und dennoch gilt: Wir dürfen all diese Formen von Gewalt in unserer Gesellschaft nicht tolerieren.

Die Lebenssituationen türkischer MigrantInnen sind äußerst vielfältig. Man findet sie überall; sie sind mehrheitlich in der hiesigen Gesellschaft angekommen. Und das, obwohl viele von ihnen aufgrund ihrer Herkunft und der Migrationsgeschichte ihrer Eltern schlechte Startbedingungen in Schule und Beruf hatten. Etliche wurden aufgrund ihrer Religion, ihres Aussehens, ihrer Sprache oder Herkunft diskriminiert, immer wieder hatten sie mit Vorurteilen zu kämpfen, und mancherorts ist das bis heute so. Ein großer Teil der gläubigen Türkeistämmigen bejaht die Vereinbarkeit von Islam und Europa, und zwar in Form eines liberalen Islam, den viele hierzulande frei ausleben können. Massive Probleme haben die Menschen, und zwar auch die Türkeistämmigen selbst, mit den strenggläubigen, rückständigen und politischen Islamisten, die westliche Werte und demokratische Strukturen ablehnen und entsprechend ihre Familien gegenüber allem öffentlichen Leben abschotten.

Damit gemäßigte und moderate junge Muslime nicht aus Frustration oder Perspektivlosigkeit zu den Extremisten abdriften, ist es besonders wichtig, dass sie Zukunftschancen bekommen. Dazu gehören Bildung und Ausbildung, die Integration auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, die Anerkennung der Vielfalt, eine Kultur, die fördert und fordert, kurz gesagt: Normalität. Das kann nur auf Augenhöhe gelingen, die Menschen müssen ernst genommen werden. Gleichzeitig müssen wir klar kommunizieren, welches Verhalten und Denken die hiesige Gesellschaft nicht duldet, weil es gegen demokratische und freiheitliche Grundsätze verstößt. Nur so können Menschen auch zeigen, dass sie Verantwortung für eine gemeinsame friedliche Zukunft übernehmen wollen. Eine Kultur des Schweigens toleriert Extremismus.

Es muss klar definiert werden, wo die Grenzen der Toleranz liegen. Ein anschauliches Beispiel hierfür sind die Kopftücher und Schleier, die viele praktizierende Musliminnen tragen. Ein legeres, dunkles oder buntes Kopftuch, ein Schleier oder ein konservatives Gewand werden ohne große Probleme in weiten Teilen Europas akzeptiert. Aber ein Niqab (bedeckt den ganzen Körper und die untere Gesichtshälfte, wird insbesondere auf der Arabischen Halbinsel getragen) oder eine Burka (bedeckt den Körper und zusätzlich das Gesicht mit einem undurchsichtigen Gitter, wird in Afghanistan getragen), die den Frauen das Gesicht nehmen und die sie tragen sollen, um sich so zu schützen, sind für Europa nicht akzeptabel. Selbst in Iran, wo das Leben den Regeln der Scharia gehorcht, wird kein Gesichtsschleier getragen, was schon sehr viel aussagt, da in vielen anderen Bereichen Freiheiten und Rechte, insbesondere der Frauen, eingeschränkt werden. Zurzeit kämpfen Frauen in Iran um die Abschaffung des Kopftuchzwanges, wobei sie häufig ihr Leben riskieren.

Die Ablehnung des Extremen muss deutlich artikuliert werden, auch wenn es im ersten Moment wie eine Diskriminierung klingt und viele Muslime meinen, sie würden in ihrer Religionsausübung eingeschränkt. Gemeinsam in Frieden zu leben bedeutet, dass beide Seiten aufeinander zugehen und Kompromisse eingehen müssen. Im Streitfall müssen gemeinsame Werte ausgehandelt werden. Gesellschaften unterliegen einem Wandel, der sich nicht aufhalten lässt. Daher ist es umso wichtiger, dass alle Beteiligten diesen Wandel gemeinsam gestalten. Wenn verschiedene Weltanschauungen und Wertesysteme aufeinanderprallen, bleiben Konflikte nicht aus. Und diese Konflikte zu bewältigen, ist eine zentrale Herausforderung in gemischten Gesellschaften. Eine gemeinsame Basis von Recht und Ordnung, aber auch klar definierte Freiheiten müssen für alle gelten. Bezogen auf mein Thema ist der Punkt der Gleichberechtigung von Frauen von großer Bedeutung. Ihnen soll genauso wie Männern die Möglichkeit gegeben werden, ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen.

Immer häufiger vermitteln uns die Medien die Existenz einer »islamischen Parallelgesellschaft«, die sich hermetisch abschottet. Die Familienmitglieder, so heißt es, schirmten ihren kleinen gesellschaftlichen Kreis ab. Insbesondere die Frauen sprächen kaum Deutsch, hätten keinen Kontakt zu Deutschen und lebten wie Sklavinnen. Die Freiheiten, die europäische Frauen nach langen Kämpfen für sich errungen haben und die inzwischen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft selbstverständlich sind, gälten kaum für muslimische Frauen, die in strenggläubigen und traditionellen Familien leben. Und tatsächlich, solche Strukturen gibt es leider, aber sie bestimmen nicht die Mehrheit der hier lebenden Muslime. Dies zu betonen finde ich wichtig, damit wir die modernen MigrantInnen als MitstreiterInnen für den Kampf um ein demokratisches, freies und unabhängiges Leben gewinnen. Denn insbesondere moderate Muslime werden weltweit und auch hierzulande von Islamisten immer wieder angegriffen und zurechtgewiesen. Ein aktuelles Beispiel ist die Anwältin und Menschenrechtlerin Seyran Ateş, die anlässlich der Gründung ihrer liberalen Moschee in Berlin fast täglich Morddrohungen erhält, von den Beleidigungen ganz zu schweigen.

Es dringt nur das äußerliche, oberflächliche Bild einer solchen strenggläubigen und traditionellen Familie in die Öffentlichkeit, die eigentlichen Probleme und Schwierigkeiten liegen auf einer viel tieferen Ebene. Zunächst ist hervorzuheben, dass nicht nur die Frauen in den Zwängen ihrer Gesellschaft gefangen sind, sondern auch die Männer. Dies fällt bei ihnen nicht so sehr auf, da die Männer die Familie nach außen vertreten und somit mehr Freiheiten genießen als die Frauen. Doch gegen die Übermacht der Familientraditionen, die gesellschaftlichen Zwänge und die ungeschriebenen Gesetze können auch sie sich nicht wehren. So wird für den Sohn auch dann eine Braut aus der Heimat ausgesucht, wenn er in Deutschland eine andere Frau liebt und vielleicht sogar schon ein uneheliches Kind mit ihr hat. In diesem Fall muss sich der Mann dem Willen der Familie beugen und die ausgewählte Braut aus der fernen Heimat heiraten. Die Macht der Familie und der hierarchischen Strukturen ist so groß, dass es einer einzelnen Person unmöglich ist, sich erfolgreich dagegen aufzulehnen. Eine Veränderung bedarf eines langen Prozesses mit vielen Beteiligten und ebenso vielen Unterstützern. Die Umwälzung von jahrhundertealten Traditionen kann nicht von einem Tag auf den anderen geschehen. Die Betroffenen leben in einer Umbruchphase. Und ein Wesensmerkmal von Umbrüchen ist es, dass es Konflikte zwischen unterschiedlichen Interessen gibt. Entweder geschieht die Veränderung gewaltsam in Form einer »Revolution«, oder sie ist das Ergebnis einer langsamen, kontinuierlichen Entwicklung mit vielen Verhandlungen. Anstrengend ist eine solche Veränderung in jedem Fall. Deshalb ist es besonders wichtig, darauf hinzuweisen, dass es in Deutschland bereits viele Kämpfe für die Rechte des Einzelnen gegeben hat und niemand es dulden wird, wenn sie irgendwelchen Bürgerinnen verwehrt werden, unabhängig davon, woher sie oder ihre Familien stammen.