Das Geschenk der Freiheit - Josef Römelt - E-Book

Das Geschenk der Freiheit E-Book

Josef Römelt

0,0

Beschreibung

Die Orientierung in Fragen der Ethik ist heute schwer geworden. Durch den gesellschaftlichen Pluralismus wird die Vielfalt der Einstellungen auch auf dem Feld der Moral bewusst. Alles scheint erlaubt zu sein. Verbindliche Gebote gibt es nicht mehr. Doch es ist wichtig, auch heute Mut zu festen moralischen Überzeugungen zu machen. Es geht nicht um Fundamentalismus, sondern um die Erfahrung, dass ein Mensch ohne Ideale heimatlos ist und irgendwie traurig. Der Glaube an Gott ist eine Hilfe, eine Antwort zu finden in der Frage danach, was Gewissen, moralische Normen und ethische Orientierung für die gegenwärtige Bewältigung des Lebens bedeuten können. Selbst der Umgang mit der dunklen Erfahrung der Schuld wird leichter: zu unterscheiden, wo es darum geht, realistisch zu sein, Verantwortung zu übernehmen und mit den Möglichkeiten und Grenzen des eigenen Lebens kreativ und vernünftig zu leben. Dann wird deutlich, dass die Freiheit nicht nur schwierig zu gestalten ist, sondern dass sie ein großes und wunderbares Geschenk ist.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 136

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



JOSEF RÖMELT

DAS GESCHENK DER FREIHEIT

CHRISTLICHER GLAUBE und MORALISCHE VERANTWORTUNG

Band 3 der Reihe „Spiritualität und Seelsorge“, die von P. Martin Leitgöb und P. Hans Schalk im Auftrag der Ordensgemeinschaft der Redemptoristen herausgegeben wird.

Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

2011

© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung: stadthaus 38, Innsbruck

Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag, Innsbruck

Druck und Bindung: FINIDR, Tschechien

ISBN 978-3-7022-3110-1 (gedrucktes Buch)

ISBN 978-3-7022-3274-0 (E-Book)

E-Mail: [email protected]

Internet: www.tyrolia-verlag.at

INHALT

VORWORT

EINLEITUNG

Freiheit als Geschenk?

VERTRAUEN IN DIE FREIHEIT UND IN DAS GESCHENK DES LEBENS – MUT UND OPTIMISMUS DER BIBEL

Größe und Grenzen der Freiheit – Ethik des Alten Testamentes

Die Gottesbeziehung als Mitte

Geschenkte Identität

Gerechte soziale Beziehungen

Größe und Grenzen der Freiheit

Die Freiheit zur radikalen Liebe – Das Neue Testament

Endgültige Nähe Gottes

Gottes Handeln prägt das Handeln des Menschen

Eine äußerste Souveränität der Freiheit

Die bedingungslose Zusage, dass Freiheit und Leben gelingen können

ORIENTIERUNG AUS DER MITTE DES HERZENS – DAS GEWISSEN ALS KOMPASS DER FREIHEIT

Im Gewissen spricht die Vernunft

Im Gewissen sprechen die Mächtigen

Im Gewissen spricht Gott

Das Gewissen hat unterschiedliche Schichten

Gewissen – der geduldige Weg der lernenden Freiheit

DEM LEBEN FESTIGKEIT GEBEN – DER BEFREIENDE SINN DER MORALISCHEN NORMEN

Freiheit ohne Normen?

Die Ordnung der Natur

Normen und Gebote behindern, wenn sie einfach falsch sind

Freiheit als Verantwortung für die Normen und Verantwortung vor den Normen

SCHULDERFAHRUNG MUSS NICHT IMMER NUR BELASTEND SEIN – DER WEG ZUR REIFEN FREIHEIT UND VERANTWORTUNG

An der Schulderfahrung verzweifeln

Was heißt theologisch Erlösung und Befreiung von Schuld?

Die Freiheit des Menschen

Die Unfreiheit

Die Verweigerung gegenüber Gott

Das bedrückende Netz der Schuld und die Treue Gottes

Freiheit, die sich der Schuld stellt – Schritte der Aufarbeitung und Übernahme von Verantwortung heute

Verdrängen hat keinen Sinn

Über Schuld muss man sprechen dürfen

Das Geschenk der Bewältigung von Schuld und seine Schritte

SCHLUSS

Im Gebet das Geschenk der Freiheit erfahren

Quellennachweise

Weiterführende Literatur

Für Hilda und Erich Lanzmit Benedikt, Barbara und Johannes

VORWORT

Der Gründer des Redemptoristenordens, Alfons von Liguori, musste schon in seiner Zeit, in der Welt des 18. Jahrhunderts, auf die Fragen nach der moralischen Orientierung und nach dem sinnvollen Gebrauch der Freiheit eine Antwort geben. Der erste Band der Reihe „Spiritualität und Seelsorge“ hat diese Zusammenhänge eingehend geschildert. In seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung und pastoralen Arbeit hat Alfons der Moraltheologie große Aufmerksamkeit gewidmet. Er hat ein sehr erfolgreiches Handbuch geschrieben und ein überaus ausgewogenes System der Ethik im Horizont des Glaubens entworfen, das besonders dem Gewissen einen großen Freiraum eingeräumt hat. So hat er für die damalige Gesellschaft und Kirche das christliche Verständnis der Freiheit in einem ganz tiefen Sinn erschlossen. Er ist deshalb zum Patron der Moraltheologen und Beichtväter geworden. Und daher ist die Auseinandersetzung mit den ethischen Fragen bis heute ein wichtiges Arbeitsfeld der Redemptoristen.

Darum darf in der Reihe „Spiritualität und Seelsorge“ ein Band nicht fehlen, der sich mit diesen Problemen auseinandersetzt. Dabei geht es um einen Zugang, der gerade die professionelle Reflexion der Ethik mit dem pastoralen Umgang in aktuellen Fragen der Moral zu verbinden sucht. Auch im Mittelpunkt dieser Überlegungen soll dabei – in Treue zum Lebenswerk des heiligen Alfons – die Freiheit stehen: das große Geschenk Gottes an den Menschen, das zu Vertrauen und Übernahme von Verantwortung einlädt. Die vorliegenden Gedanken versuchen in diesem Sinne, grundlegenden Fragen der theologischen Ethik nachzugehen.

Josef RömeltErfurt, im Januar 2011

EINLEITUNG

FREIHEIT ALS GESCHENK?

Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem ein Joch der Knechtschaft auflegen! Gal 5,1

Ist die Freiheit ein Geschenk? Wenn man an die Wiedervereinigung Deutschlands denkt, an die Demonstrationen, Lichterketten und den Fall der innerdeutschen Mauer, an die Sehnsucht nach Freiheit, welche sich in dem Ruf „Wir sind das Volk“ ausgedrückt hat, dann kann man nur aus vollem Herzen sagen: Ja! Freiheit ist ein großes und wunderbares Geschenk! Sie ist Ziel der tiefsten Träume menschlicher Lebensgestaltung, geradezu die Bedingung für ein erfülltes und menschliches Leben in Sicherheit und Glück!

Und doch ist die Freiheit auch eine schwere Aufgabe, eine Herausforderung. Nicht selten kann man den Seufzer hören: Wenn es doch nicht so viel Unordnung gäbe, so viel Chaos! Wenn sich Kinder und Jugendliche mehr an Regeln und Vorgaben hielten! Wenn in Wirtschaft und Politik moralische Maßstäbe wieder ernst genommen würden, dann wäre das Leben menschlicher und Verantwortung würde wieder großgeschrieben!

Freiheit ist so gesehen tatsächlich ein schwieriges Geschenk. Sie ist Voraussetzung für ein unbeschwertes und erfülltes Leben. Zugleich aber muss sie mit moralischer Fantasie und ethischem Ernst übernommen werden. Diese Gestaltung der Ethik jedoch ist heute zu einem Problem geworden. Viele Zeitgenossen ziehen sich gegenwärtig in diesem Punkt eher auf eine gewisse Resignation zurück, mit der sie im Leben zurechtzukommen versuchen, denn es ist so schwer, mit großen Idealen zu leben: sich zum Beispiel als Arzt, Krankenschwester oder Altenpfleger selbstlos um seine Patienten zu kümmern. Das wird häufig durch die komplizierten Fragen nach Wirtschaftlichkeit, durch die Ansprüche der Angehörigen des Kranken und die Bedürfnisse der eigenen Familie in der Praxis schwierig. Oder: Zwischenmenschliche Aufrichtigkeit erscheint fast schon veraltet, und Ehrlichkeit im Berufsleben wird oft als Dummheit verlacht.

Ist es nicht vielmehr so: Anstatt sich an große ethische Ziele und moralische Programme zu halten, geht es gegenwärtig eher darum, im Leben wendig genug zu sein, damit man Erfolg hat und auch für andere nicht allzu sehr zur Belastung wird. Freiheit scheint vor allem in dieser Wendigkeit zu bestehen. Wer zugibt, dass er nicht perfekt ist, wer die vielfältigen Chancen des Lebens heute für sich nutzt, der hat die Wirklichkeit auf seiner Seite und überanstrengt nicht die Möglichkeiten des realen Lebens. Großartige moralische Appelle lassen allzu schnell das Gefühl der Heuchelei aufkommen. Sie scheinen die Schwäche menschlicher Freiheit, die Bedürfnisse und die notwendige Befriedigung unzähliger Wünsche, auf die der Einzelne angewiesen ist, zu vergessen oder sogar zu verdrängen. Wie frei ist der Mensch in seinen persönlichen Beziehungen, in der Partnerschaft, in der Erziehung der Kinder tatsächlich? Kann man heute noch feste Freundschaft durchhalten? Vermag der Einzelne die Einflüsse von Radio und Fernsehen, von staatlicher Macht und globaler Wirtschaft noch zu durchschauen? Kann man wirklich etwas mit seinem persönlichen umweltbewussten Verhalten zur Bewältigung der weltumspannenden ökologischen Krise beitragen? Gibt es Fairness im beruflichen Leben? Sind Kollegen nicht vielmehr Konkurrenten? Hat es einen Sinn, an ethische Ideale und moralisches Bemühen zu glauben? Kann man überhaupt tatsächlich „gut sein“?

Wer für diese Fragen eine hilfreiche Klärung sucht, der könnte pointiert sagen: Die Antwort, die der heilige Alfons auf die Sorgen seiner Zeit zu geben versuchte, hat auch heute noch ihre Gültigkeit. Der christliche Glaube war für ihn ein tiefer Halt mitten in den moralischen Konflikten und Auseinandersetzungen des Alltags. Und so brauchen wohl auch wir den christlichen Glauben, um Freiheit und Menschlichkeit wirklich angemessen zu entfalten. Denn der Glaube erschließt Ressourcen, die Verlässlichkeit und eine Heimat für die Seele schenken. Er ist nach dem Verständnis der Bibel die Mitte einer Freiheitsgestaltung und Ethik, die ganz von der Hoffnung getragen sind.

Hoffnung, das heißt: Die Schriften des Alten und Neuen Testamentes machen eine Einstellung zugänglich, die dem Leben fest vertrauen kann. Diese Einstellung hält selbst in den verwirrenden Widersprüchen des Alltags eine tiefe Zuversicht für den rechten Umgang mit den Möglichkeiten und Grenzen der Freiheit, für ein gelingendes Leben aufrecht (Kapitel: Vertrauen in die Freiheit und in das Geschenk des Lebens – Mut und Optimismus der Bibel). Die Sorgen und oft ganz harten Probleme des gewöhnlichen Tages sind damit nicht einfach gelöst, vergessen oder verdrängt! Aber diese Hoffnung macht Mut, sich moralisch trotz der oft heftigen Spannungen zu orientieren, ja, seinem Leben eine innere Ausrichtung zu geben, die realistisch ist und zugleich tief zufrieden und glücklich macht. Sie macht bewusst, dass jeder ganz tragende Fähigkeiten hat, die es ihm ermöglichen, mit seiner Freiheit in einem guten Sinne zurechtzukommen.

Zunächst ist das Gewissen auch heute die echte gestaltende Kraft zur menschlichen Lebensführung! Wir haben in unseren Herzen eine unbestechliche Stimme, die uns hilft und führt, unserem Leben eine tiefe Ausrichtung zu geben, von der wir überzeugt sind. Sie redet von wirklicher Menschlichkeit, Begegnung ohne falsche Verstellung, von gegenseitiger Zuwendung in Liebe und Achtung! Sicherlich ist sie in ihrer konkreten Ausprägung dem alltäglichen Suchen nach dem Ziel des Lebens ausgesetzt: Sie ist geprägt von den Einflüssen der Eltern, von den Stimmungen in der Gesellschaft, vom Zeitgeist, wenn es darum geht, das konkrete Handeln daraufhin zu beurteilen, ob etwas gut oder böse, richtig oder falsch ist. In der Auseinandersetzung mit der Lebenserfahrung muss jeder selbst um seine Reife und ethische Stärke ringen. Und doch ist das Gewissen in seiner Tiefe gerade dafür eine Gabe – eine Befähigung, mithilfe derer der Einzelne den Sinn seines Lebens, für den er das Geschenk der Freiheit erhalten hat, entdecken kann. Etwas abstrakter gesagt: Durch sie findet er seine moralische Identität in der Begegnung mit Gott (Kapitel: Orientierung aus der Mitte des Herzens – Das Gewissen als Kompass der Freiheit).

Auch die ethischen Gebote, Verbote und Normen erschließen sich als Halt. Die Fähigkeit, sie selbst in den raschen Wandlungsprozessen des modernen Lebens zu erkennen, ist ein großes Talent des Menschen auf seinem Lebensweg. Gebote und Normen geben bei der Frage nach der verantworteten Entfaltung der Freiheit viel Stütze und Richtung. Freilich sind sie nicht einfach der mühseligen Suche nach der sinnvollen Freiheits- und Lebensgestaltung enthoben. Man muss sie finden und formulieren. In der gegenwärtigen pluralistischen und demokratischen Gesellschaft bedarf die Bestimmung der moralischen Werte, nach denen wir leben sollen, der offenen Auseinandersetzung und Diskussion. Das ist gerade eine wichtige Aufgabe der freiheitlichen Kultur. Ja, auch schon im ganz alltäglichen Leben der Familie spielt diese Frage nach gültigen Regeln, an die sich alle zu halten haben, eine große Rolle. Die Debatten darüber mit den Kindern brauchen oft viel Zeit und Kraft – davon können Eltern ein Lied singen. Und doch lassen sich die Zehn Gebote in die komplizierten Herausforderungen der modernen Welt übersetzen. Mit ihrer Hilfe kann man auch für das heutige Leben tragende moralische Vorgaben und Wertvorstellungen ausdrücken (Kapitel: Dem Leben Festigkeit geben – Der befreiende Sinn der moralischen Normen).

Und schließlich können und dürfen wir trotz all unserer Schuldbedrohtheit an die Macht der Vergebung glauben. Die Fähigkeit, schuldig werden zu können, ist sicherlich die bedrückendste Konsequenz unserer vielfach bedingten Freiheit. Es ist die traurige Gefährdung menschlicher Geschichte, die bis in die dämonischen Abgründe menschlicher Destruktivität reicht. Doch nach christlichem Verständnis ist auch diese Seite des Lebens von der Gegenerfahrung des Kreuzes Christi erfasst. Diese Gegenerfahrung muss helfen, sich ohne Angst den eigenen Fehlern und der eigenen Schuld zu stellen, dort, wo es notwendig ist. Es geht dabei nicht um Skrupulosität und Fixierung auf das Negative. Das Ziel ist vielmehr eine gelassene und realistische Auseinandersetzung mit dem tatsächlichen Versagen, das uns selbst und die Gemeinschaft behindert. Nur so kann das Leben in seiner Herausforderung zu moralischer Konsequenz und Verantwortung tatsächlich vollkommener und reif werden (Kapitel: Schulderfahrung muss nicht immer nur belastend sein – Der Weg zur reifen Freiheit und Verantwortung).

So versucht der christliche Glaube Mut zu machen, dass der Weg der Gestaltung des Geschenkes der Freiheit – trotz der vielfachen Begrenztheit, die der Einzelne in seinem Leben erfährt – in der gegenwärtigen Zeit möglich ist. Das Leben der Gesellschaft und die persönliche Biografie können nach christlichem Verständnis auch heute, in einer wirklich kompliziert gewordenen Lebenswelt und Wirklichkeitserfahrung, ja in menschlicher Begrenztheit und Schuldverhaftetheit tatsächlich gelingen. Freiheit endet nicht in Chaos und Verlorenheit! Sie ist das große Geschenk Gottes, in dem der Mensch zu Lebensfülle und Reife findet. Unsere Gestaltungsversuche der Freiheit können eine sinnvolle Gestalt gewinnen: weil Gott seine bleibende Nähe verspricht und schenkt.

VERTRAUEN IN DIE FREIHEIT UND IN DAS GESCHENK DES LEBENS – MUT UND OPTIMISMUS DER BIBEL

Die Bibel vermittelt für die Suche nach der richtigen Freiheitsgestaltung und nach Orientierung eine ganz tiefe Hoffnung, ja ein unzerstörbares Vertrauen. Es ist eine Zuversicht, die nicht einfach Illusion und Träumerei ist, sondern sie ist überaus realistisch und vernünftig. Die Bibel möchte nämlich ein Gespür für die menschliche Freiheit erschließen, welches gerade auch mit ihren Grenzen unbefangen umgehen kann. Und aus dieser Gelassenheit heraus ermöglicht sie ein Leben, das moralisch Schwung hat, ohne zu überfordern, unehrlich zu werden oder gar zur bloßen Last.

Hintergrund dieser von der Hoffnung getragenen Ethik ist die Beziehung zu Gott. Das Alte und das Neue Testament sprechen vom Vertrauen in das Leben, weil es als Geschenk aus der Hand Gottes stammt und von Gott vollendet wird. In diesem umfassenden Bogen der Beziehung zwischen Gott und Mensch ist die biblische Deutung der Wirklichkeit begründet. Und auch das Verständnis der menschlichen Freiheit ist von hierher geprägt. Die Erfahrung der Freiheit des Menschen verbindet sich dabei auf der einen Seite mit der Würde seiner Gottebenbildlichkeit, die jeder Einzelne besitzt. Aber auch die Solidarität mit der Natur sowie der Halt in der sozialen Bindung an die Gemeinschaft sind auf der anderen Seite Teile dieses Vertrauens. Ja, die Nähe Gottes reicht dabei nach dem Verständnis der Bibel bis in die Abgründe von Tod und Schuld hinein.

So entsteht eine Ethik, welche die Chancen und Grenzen der Freiheit nüchtern und doch mutig und optimistisch bestimmt. Ihre Würde zeigt sich darin, dass der Mensch in der Beziehung zu Gott zum freien Subjekt wird. Das heißt, er darf sein Leben im antwortenden Gegenüber zu Gottes Anruf offen entfalten. Aber er bleibt auch eingebunden in die Schöpfung und darf diese nicht zerstören. Ja, er ist in die Pflicht genommen, seine Freiheit für die Gemeinschaft einzusetzen und in der Bindung an seine soziale Umwelt zu leben. Und gerade deshalb wird der Glaube zum Ursprung einer umfassenden Zuversicht, die selbst alle moralische Begrenztheit des Menschen umschließt: Das Versagen und das Sterben werden theologisch gesehen von der Gegenmacht der Erlösung umfasst. Die Erfahrung der Begrenztheit wird so in den Horizont einer Erfahrung des Geschenkt- und Befreitseins hineingenommen.

Die Bibel versucht mit dieser Sicht inhaltliche Orientierung zu geben, aber nicht nur das, sondern als Sinnerfahrung des Glaubens eine tiefere Annahme der Widersprüche des Daseins zu ermöglichen. Sie bietet uns für den rechten Umgang mit der Freiheit ein Bild von unserem Leben an, in dem wir mit dem Zwiespalt, moralisch begrenzt und doch unabweisbar verantwortlich zu sein, auf Gott verwiesen sind. Von Gott zur Antwort gerufen, sollen und können wir uns bemühen, den ethischen Herausforderungen inmitten aller Widersprüche realistisch zu entsprechen – selbst angesichts der bedrückenden Dunkelheit der Erfahrungen, dass wir schuldig werden können und sterben müssen.

GRÖSSE UND GRENZEN DER FREIHEIT – ETHIK DES ALTEN TESTAMENTES

Die Gottesbeziehung als Mitte

Wenn man sich fragt, woher der Mut und der Optimismus der Bibel im Umgang mit der Freiheit im Gegensatz zu den großen Unsicherheiten der Gegenwart kommen, dann bleibt nur der Verweis auf die Beziehung zu Gott, die schon in der Mitte des alttestamentlichen Lebens und Glaubens steht. Im Gegenüber zu Gott erschließt sich für die Lebenserfahrung im „Ersten“, Alten Testament eine Festigkeit, die radikal sammelt. Die Erfahrung der Zuwendung Gottes engagiert den Menschen in der Bibel zu einer unmittelbaren Antwort. In der Fachterminologie der Ethik gesagt: Der Mensch erfährt sich im Gegenüber zu Gott als sittliches Subjekt. Das heißt: Er wird fähig, seine Freiheit zur Gestaltung seines Lebens bewusst zu übernehmen. Er erfährt sich unter dem Anspruch der Verwirklichung moralischer Ziele. Das Ziel ist die Gestaltung des Lebens in Menschlichkeit unter dem Anruf und der Zuwendung der Liebe Gottes.

Hinter dieser Sichtweise steht eine ganz konkrete Erfahrung mit Gott: Es ist das gegenseitige Vertrauensverhältnis, das sich in der Geschichte Israels zwischen Jahwe und seinem Volk entfaltet. Dieses Vertrauen ist der Grund für die ethische Kraft und Orientierung im Ersten Testament. Das tragende Fundament der Beziehung Jahwes und Israels sind dabei die Heilstaten Gottes, vor allem die Befreiung aus Ägypten. Am Anfang des Textes, der die Zehn Gebote überliefert, ist diese Erfahrung im Wort Gottes an Israel ausgedrückt:

„Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“

Ex 20,2