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Einfach zu dick? Fettfeindlichkeit als daily business Faul, schwach, undiszipliniert – das sind nur einige der gängigen Vorurteile gegenüber mehrgewichtigen Menschen. Fettfeindlichkeit gehört zu ihrem Alltag. Dicke Personen haben es in allen Lebensbereichen schwerer: im Beruf, in Beziehungen, in der Freizeit. Unsere Welt ist für diejenigen gestaltet, die der vermeintlichen Norm entsprechen. Wie unsere Gesellschaft tickt, zeigt sich auch in der Gesundheitsversorgung. Dicke Patient*innen werden stigmatisiert und nicht ausreichend behandelt. Die Autorinnen Dr. Johanna Maria Brix und Dr. Bianca-Karla Itariu erklären: Wir müssen in einem wertschätzenden und offenen Rahmen über die Vielfalt dicker Körperbilder reden und Körperformen als einen wertfreien Einblick in das Menschsein selbst betrachten. Über Bodyshaming, die historische Entwicklung von Körperidealen und eine notwendige Revolution des Gesundheitssystems Wenn mehrgewichtige Patient*innen mit einer Axt im Kopf zu Ärzt*innen kämen, hieße es, sie sollten zuerst abnehmen, dann ginge es ihnen besser – so die beiden Autorinnen und Expertinnen auf dem Gebiet Adipositas. Doch worauf basiert diese Dickfeindlichkeit, die unsere Gesellschaft prägt und bis in die Arztzimmer und Krankenhäuser reicht? Und wie hängt sie mit Misogynie zusammen? Brix und Itariu blicken zurück auf die historischen Entwicklungen zu Körperformen und -idealen, und sie plädieren für eine gesunde Auseinandersetzung mit Gewicht und Krankheit. Weshalb Diskriminierung in der Medizin uns alle betrifft Die Autorinnen und Ärztinnen kämpfen für geeignete medizinische Behandlungen, für Anerkennung und die Zerschlagung von Fettfeindlichkeit. Für einen würdevollen Umgang, der einer humanistisch-solidarischen Gesellschaft angemessen ist. Sie beschreiben Lösungswege, Ideen zur Veränderung und Visionen, machen deutlich, warum Respekt und Mitgefühl wichtiger sind als Abnehmtipps. Denn: Ein Gesundheitssystem in Sozialstaaten darf kein Gesundheitssystem sein, in dem mehrgewichtige Personen, Frauen oder auch arme Menschen ausgeschlossen werden. Dieses Buch ist eine feministische Streitschrift, die besagt: Schluss mit der Tabuzone Fett!
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Beim Erarbeiten dieses Buches ging es mir vor allem darum, mehr Wissen und damit auch Verständnis über das Thema Gewicht zu verbreiten, denn ich glaube fest daran, dass Wissen und Bildung unsere größten Stärken sind. Daher widme ich dieses Buch meinem unerreichbaren Vorbild in Bezug auf Güte, Toleranz und Menschlichkeit – meiner Mutter!
Außerdem hoffe ich, dass es all den Menschen, die sich betroffen fühlen, Kraft und Mut schenkt und vielleicht ein paar andere zum Nachdenken anregt. Wir sollten nie vergessen, dass jeder von uns einzigartig ist und faire Chancen verdient hat – unabhängig von seiner Größe, seinem Gewicht oder seiner Hautfarbe.
Johanna Maria Brix
Für meine Patientinnen und Patienten, in Anerkennung ihrer Geschichten und für einen unbedingten Zusammenhalt mit allen.
Bianca-Karla Itariu
Content-Note siehe Seite 264
Prolog
Teil 1
Wie von Faszination und Ansehen Spott für dicke Körper übrigblieb
Eine kleine, dicke Steinfigur als Projektionsfläche unserer gemeinsamen Menschlichkeit
XL oder XXL? Sie werden staunen, welche Größe Maria Theresia wirklich hatte
Mit dem Schutzpanzer durch das Minenfeld der Fettfeindlichkeit
Teil 2
Jenseits des BMI – dick ist nicht gleich krank. Adipositas verstehen.
Die Definition von Adipositas als chronische Krankheit und die Schwächen des BMI als Diagnoseinstrument
Adipositas ist KEINE Blickdiagnose und auch kein Stempel
Vielfältige Körper, einheitliche Hindernisse: Adipositas und das Gesundheitssystem
Schwere Kindheit – Wie gesellschaftliche Normen um das Körpergewicht die Eltern-Kind-Beziehung verformen und wie Stigmatisierung in der Kindheit mitwächst
Das Mädchen mit der Fettgewebserkrankung
Hilfe – ich bin dick wegen meiner Blutgruppe!
Teil 3
Schrödingers dicke Katze – Adipositas zwischen gesund leben und ungesund gelten
Identität zwischen Bikini-Fotos und Nährwerttabellen
Das Gewicht der Vorurteile – Krankheit als moralisches Urteil
Body Positivity als Widerstand gegen Fettfeindlichkeit
Mit Hausverstand und Willensstärke werden wir Adipositas nicht behandeln – von den Lebensrealitäten dicker Frauen
„Mein Gewicht, ihre Meinungen“ – Stigma in der Medizin: ein strukturelles Problem
Der Körper als öffentliches Statement – Selbstdisziplin als moralisches Kapital
Gewicht als Bürde – Bias, Bodyshaming und innere Schweinehunde
Zwischen Verbot und Begierde – Wie Fettfeindlichkeit unsere Beziehung zu Nahrung beeinflusst und wie die Diätologie diese Beziehung prägt
DIE ABNEHMSPRITZE: Wie Adipositas-Medikamente einen gesellschaftlichen Wandel in Bezug auf das Gewicht unserer Körper bewirken
„Mit dem Messer wird’s besser“ – über die metabolisch-bariatrische Chirurgie
Sind kulturelle Kontexte rund um Gastfreundschaft eine Form des Passiv-Rauchens-Essens?
Dicke Körper, große Fragen – Was unsere Gesellschaft aus dem Umgang mit Adipositas über sich selbst lernen kann
Rezeptpflichtige Medikamente in der Apotheke einlösen – ein Trauerspiel
Teil 4
Das Schreiben über Probleme schafft Probleme. Das Schreiben über Lösungen schafft Lösungen.
Das Gewicht unserer Würde – Acht Wege für eine bessere Gesundheitsversorgung und Solidarität in der Gesellschaft
1. Adipositasmedizin als neues medizinisches Fach (medizinische Spezialisierung)
2. Adipositas-Medikamente – von der Negativliste in die regelrechte Erstattung
3. Würde kennt kein Gewicht: Für eine inklusive Gesundheitsversorgung
4. Der Ekel muss die Seiten wechseln
5. Berichterstattung in den Medien – die wahren „Alarmglocken“ um das Thema Gewicht
6. Das Gewicht des Patriarchats durch Empowerment für Frauen mit Adipositas reduzieren
7. Body Positivity und medizinische Selbstbestimmung sind vereinbar
8. Das Adipositasministerium für eine Welt zum Wohlfühlen mit jedem Gewicht
Epilog – Das Ende der Anfänge
Danksagung
Literaturverzeichnis
Glossar der Abkürzungen
Über die Autorinnen
Content Note
„Ich habe eine Nichte in Tirol, die ist ein ordentliches Bröckerl. Ihre Mutter ist auch so dick. Beide können sich einfach nicht halten.“ Solche Geschichten hören wir oft, wenn Menschen erfahren, dass wir uns medizinisch mit dem Körpergewicht befassen. Wenn wir versuchen zu erklären, wie komplex die Regulierung des Gewichts ist und dass es in einer kalorienreichen Umgebung nicht einfach ist, nicht zuzunehmen, stoßen wir auf Misstrauen. „Komplex hin oder her, die Leute sollen sich einfach mal a bisserl halten. Sie sollen weniger essen, sich mehr bewegen. Sie sollen sich mal anschauen.“ In einer Zeit, in der die individuelle Verantwortung für die eigene Gesundheit nahezu juristische Konsequenzen hat, wird eine Erkrankung, für die jemand, der sich in den Augen der Öffentlichkeit nicht halten kann, „selber Schuld“ ist, fast wie eine Straftat gesehen. Therapien werden vorenthalten, Chancen auf gute Jobs und Mietwohnungen sowie Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe werden gestrichen.
Mit „Therapien werden vorenthalten“ meinen wir nicht nur, dass Medikamente zur Gewichtsreduktion in Österreich nur im Ausnahmefall von der Sozialversicherung erstattet werden, da diese gemäß § 351c Abs. 2 ASVG grundsätzlich nicht erstattungsfähig sind1 – was schon schlimm genug ist –, sondern dass jemand, der zu dick ist, keine Herz-Lungen-Maschine erhält, wenn er oder sie diese braucht.2 Oder dass Menschen, die auf eine Organtransplantation warten, nicht gelistet werden, bis sie abnehmen.3 Oder dass viele Orthopäd*innen sagen: „Nehmen Sie erst mal ab, bevor Sie Ihre Gelenkersatzprothese bekommen können.“ Mit mehr Gewicht zu leben, bedeutet für viele Menschen, ein höheres Gesundheitsrisiko zu haben und früher zu sterben – aus zwei Gründen: Einerseits kann zu viel Fett krank machen, andererseits werden dicke Menschen im Gesundheitssystem stigmatisiert und diskriminiert.
Wenn wir in der Medizin von dicken Menschen reden, haben diese Menschen die Diagnose Adipositas, was so viel heißt wie „krank, weil zu dick“. Aber Adipositas ist keine Diagnose, die jemand aufgrund seines Aussehens gestellt bekommen sollte. Nicht jede*r Dicke ist krank, nicht jede*r hat einen medizinischen Grund, um abzunehmen. Aber diejenigen, bei denen ein medizinisches Problem durch Gewichtsreduktion wahrscheinlich besser wird, haben ein Recht auf evidenzbasierte Therapieoptionen, statt nur zu hören „dann nimm doch ab“.
Vor ein paar Jahren kam ein junger Mann in der Nacht in die Notaufnahme, als Bianca Dienst hatte. Er hatte Herzrhythmusstörungen, auch Vorhofflimmern genannt. Bianca und das medizinische Personal behandelten ihn mit Medikamenten, woraufhin sein Herz wieder in einen normalen Rhythmus zurückfand. „Ich weiß, ich bin zu dick, aber Sie sind die erste Ärztin, die mir nicht gesagt hat, dass ich abnehmen muss.“ Er sprach das Wort „dick“ aus, als wollte er sich entschuldigen – für seinen Körper, für seine Existenz. „Die Behandlung von Vorhofflimmern in der Notaufnahme hat nichts mit Gewichtsabnahme zu tun“, erwiderte Bianca, „das ist kein notfallmedizinisches Thema, aber wenn Sie über das Gewicht reden wollen, überweise ich Sie an die Adipositas-Ambulanz.“ – „Wissen Sie“, sagte der Patient, „Dicke könnten mit einer Axt im Kopf ins Spital kommen, und der Arzt wird sagen: ‚Nehmen’S ab!‘“ Diese Begegnung hat Bianca lange nicht losgelassen.4
Die in diesem Buch erzählten Geschichten basieren auf realen Begegnungen und Erfahrungen. Um die Privatsphäre der betroffenen Personen zu schützen, wurden Namen, biografische Details und auch Kontexte verändert oder verfremdet. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind daher zufällig.
In diesem Buch geht es nicht ums Abnehmen. Die Medizin hat es geschafft, durch Medikamente und Operationen das Gewicht unserer Körper dramatisch zu reduzieren, aber um wirklich Leben retten zu können und den Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen, müssen wir darüber hinausgehen. Wir müssen über Konsum, Körperwahrnehmung, gesellschaftliche Normen und über die Erfahrungen von Menschen mit Adipositas nachdenken. Sie werden mit uns das Gewicht des Körpers im Museum, im medizinischen Alltag, im Forschungslabor und in der philosophischen Praxis auf vielfältige Weise betrachten und verstehen, wie wenig Sie bisher möglicherweise gewusst haben, wie falsch Ihre Annahmen über dicke Menschen waren, und dass die Nichte aus Tirol mehr braucht, als sich nur beim Essen zu halten, um gesund und in Würde zu leben.
1 Sozialversicherungsträger Hdö. Liste nicht erstattungsfähiger Arzneimittelkategorien gemäß § 351c Abs. 2 ASVG – Punkt 12 – Arzneimittel zur Unterstützung von gewichtsreduzierenden Maßnahmen, insbesondere: Appetitzügler, Resorptionshemmer – Begründung: „Arzneimittel zur Unterstützung von gewichtsreduzierenden Maßnahmen dienen nicht zur Behandlung einer der Übergewichtigkeit allenfalls zugrundeliegenden körperlichen oder geistigen Störung. Sie werden daher nicht zur Krankenbehandlung im Sinne des § 133 Abs. 2 ASVG eingesetzt. Nachhaltige Gewichtsreduktionen können durch diätische Maßnahmen und Lebensstiländerungen erzielt werden.“ Freigabe zur Abfrage: 31. März 2004. In: 2004 https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Avsv/AVSV_2004_0034/AVSV_2004_0034.pdfsig; Stand: 2004
2 Lantry III JH. Obesity, Mortality, and ECMO. In: 2025 https://www.sccm.org/blog/obesity-mortality-and-ecmo; Stand: 2025/07/23
3 Mayo Clinic offers kidney transplant to patients with high BMI who were previously considered ineligible. In, Mayo Clinic Medical Professionals (Transplant Medicine News): Mayo Clinic; 2021 https://www.mayoclinic.org/medical-professionals/transplant-medicine/news/mayo-clinic-offers-kidney-transplant-to-patients-with-high-bmi-who-were-previously-consideredineligible/mac-20507217; Stand: 2021/02/05
4 Pötsch M. Internistin: „Dicke können mit einer Axt im Schädel ins Spital kommen, und der Arzt wird sagen, nehmen S’ ab!“. In: 2023 https://www.derstandard.de/story/2000145697865/internistin-dicke-koennen-mit-einer-axt-im-schaedel-ins-spital; Stand: 2023/05/13
Kleine, dicke Frauen waren schon immer die bescheidenen Herrscherinnen des Universums. Dies mag zumindest die Auffassung der Menschen vor mehr als 30 000 Jahren gewesen sein, als sie die eindrucksvolle Venus von Willendorf schufen. Diese prähistorische Kalksteinskulptur, auch bekannt als die „Frau von Willendorf“, zählt zu den ältesten Kunstwerken der Menschheit und fasziniert durch ihre vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten. Dennoch wird ihre wahre Bedeutung wohl für immer ein Rätsel bleiben.1
Die Frau, nach deren Form die Figur möglicherweise geschaffen wurde, hätte heutzutage Probleme. Ihre Umgebung in der Jetztzeit würde sie als faule, dumme, widerliche Witzfigur beschreiben, sie würde weniger verdienen, wäre der Gesundheitspolitik ein Dorn im Auge, ihr Selbstbild wäre so zerrüttet, dass sie wahrscheinlich Antidepressiva nehmen müsste.
Und diese Abwertung beginnt früh: Eine Lehrerin (geschätzte Kleidergröße S oder M) erzählte uns, dass sie von einigen Schülern – Volksschulkinder wohlgemerkt – als „dick“ beschimpft wurde. Das Wort diente nicht der Beschreibung, sondern der abwertenden Verspottung. Was sagt es über uns aus, wenn schon Kinder lernen, dass ein Körper so nicht sein darf?
Beim Arztbesuch würde die Venus ununterbrochen und ungefragt zu hören bekommen, dass sie abnehmen muss, auch dann, wenn sie nur wegen eines Nagelpilzes ärztlichen Rat sucht. Selbst wenn sie keine gesundheitlichen Gründe hätte abzunehmen und sich pudelwohl fühlen würde, gingen alle davon aus, dass sie krank ist, und würden sie mit unaufgeforderten Ratschlägen, wie sie abnehmen kann und soll und muss, beglücken. Wenn sie ein echtes medizinisches Problem hätte, wäre die Chance, dass dieses übersehen werden würde, recht hoch, da sich viele an ihrem hohen Gewicht aufhängen würden. Wenn sie einen plötzlichen Herzstillstand erleiden würde, stünden ihre Überlebenschancen schlecht – schlechter als jene schlankerer Menschen. Erstens, weil die Qualität der Wiederbelebung nicht so gut ist, und zweitens, weil dicken Menschen eine Behandlung mit einer Herz-Lungen-Maschine verwehrt wird, wenn ihr Gewicht eine gewisse Grenze übersteigt. Wenn sie eine Nierentransplantation oder ein anderes Organ brauchen würde, würde sie es aufgrund ihres Gewichts nicht bekommen. Selbst wenn sie nur einen einfachen Eingriff bräuchte, zum Beispiel wegen eines gut operierbaren Tumors, könnte sie die Operation aufgrund eines erhöhten ‚Narkoserisikos‘ nicht bekommen.
Was, wenn die Frau, die die Venus inspiriert hat, heute leben würde? Wäre sie eine dieser lebenslustigen Nana-Figuren, Inspiration oder Witzfigur? Vielleicht hätte sie schon dreißig Diäten hinter sich. Oder sie würde darüberstehen. In unserer Zeit wissen wir nicht wirklich, wie wir mit einem Körper wie ihrem umgehen sollen – außer ihn zu verändern.
Der*die Schöpfer*in der Venus von Willendorf hatte es hoffentlich gut mit ihr gemeint. Für ihre Zeitzeug*innen war die Bedeutung dieser Figur klar. Wir Menschen der Jetztzeit haben nur die Möglichkeit, ihre Bedeutung im Kontext unterschiedlicher Zeitalter zu verstehen: von einem Fruchtbarkeitssymbol über eine Göttin bis hin zur Großmutterfigur – alles ist möglich. Rund 30 000 Jahre nach ihrer Entstehung verbringt sie ihre Zeit im Naturhistorischen Museum in Wien, ausgestellt in einer Vitrine aus Panzerglas – eine Einladung, um über dicke Körperformen nachzudenken.
Seit ihrer Entdeckung 1908 genießt sie eine ähnliche Publicity wie die verstorbene Prinzessin Diana, allerdings ohne das Drama. Die 11 cm hohe Skulptur stellt eine dicke, nackte Frau mit kräftigen Kurven dar. Ihr Kopf ist groß, bedeckt von einer Frisur mit vielen kleinen Locken oder einer Mütze, die die Frau aufgrund des großen Detailreichtums möglicherweise als hervorragende Textilhandwerkerin identifiziert. Ihr Gesicht ist unter den Locken oder der Mütze versteckt. Die üppigen Brüste reichen bis zum Bauchnabel und stützen ihre Arme, sie strahlt Friedlichkeit aus. Das Gesäß und die Hüften sind breit, der Bauch ist groß und rund, die Vulva unübersehbar. Die realistische Darstellung der Beine und insbesondere der Knie erstaunt und wirft Fragen zur möglichen Kenntnis der Künstler*innen über mehrgewichtige Frauen auf. Denn: Die Darstellung der Knie in dieser Weise wäre nicht möglich, ohne anatomisch getreue Vergleiche zu kennen.
Die Frau von Willendorf vereint realistische Elemente und kulturelle Vorstellungen aus ihrer Entstehungszeit. Andere Venusfigurenfunde in Europa und Asien zeigen, dass die Darstellung von übergewichtigen Frauen bereits in der Steinzeit existierte und somit keineswegs eine moderne Erscheinung ist. Die Modelle, von denen diese Figuren abgeleitet wurden, könnten aufgrund ihres Körperbaus vielleicht sogar zum Fortbestand der Menschheit beigetragen haben. In einer im Jahr 2011 im Journal of Anthropology veröffentlichten Arbeit wird die These aufgestellt, dass Darstellungen korpulenter Frauen mittleren Alters keine „Venusfiguren“ im klassischen Sinn und somit erotische oder göttliche Weiblichkeit symbolisieren, sondern die Hoffnung auf Langlebigkeit, Überleben und den Fortbestand gut ernährter, fruchtbarer Gemeinschaften verkörpern.2 Die körperliche Fülle sowie die Figur der Frau werden jedoch auch von Autor*innen der Gegenwart missverstanden. Die Verwendung der Ausdrücke „Die fette Frau in Wien“ oder „Die fette Venus“ durch die Journalistin Karin Bojs in ihrem Buch Mütter Europas: Die letzten 43 000 Jahre lenkt von der kulturellen und historischen Bedeutung dieser faszinierenden Figur ab und reduziert sie auf eine oberflächliche Körperbeschreibung.3 Es sei der Autorin jedoch nicht unterstellt, eine allgemeine Fettfeindlichkeit zu propagieren. Die Fragestellung, warum die Figur einen hohen Körperfettanteil aufweist, ist durchaus diskussionswürdig. Die Autorin zweifelt auch nicht die Existenz von Frauen an, „die aus heutiger Perspektive als übergewichtig bezeichnet werden würden“. Sie kann diese Körperform allerdings nicht einordnen, wenn sie schreibt: „Das ist paradox, wenn man bedenkt, dass die Menschen in den Gesellschaften, in denen die Venusfiguren hergestellt wurden, im Allgemeinen schlank und muskulös waren. (…) Offenbar gab es auch Personen“, so schreibt sie weiter, „die ihr Leben eher stillsitzend verbrachten und viel Körperfett ansetzen konnten.“ Dabei wird die Frau von Willendorf nicht im Fauteuil, sondern stehend dargestellt! Diese Annahme, dass ein Mangel an Bewegung das Gewicht der Venus determiniert hat, basiert lediglich auf einer Vermutung, ist wissenschaftlich nicht haltbar und ungefähr so spekulativ wie die Behauptung, dass die Körperform der Frau in der Venus-Darstellung darauf zurückzuführen sei, dass sie keine Turnschuhe besaß. Genauso spekulativ wäre es übrigens zu behaupten, dass die Darstellung der Venus als dicke Frau ein Zeichen für Reichtum und Macht sei, weil nur sehr wohlhabende Menschen es sich leisten konnten, so viel zu essen. Frauen wie die Venus hatten aber deutlich höhere Chancen, durch einen mageren Winter zu kommen als primär dünne Menschen. Die Venusdarstellung bleibt dennoch vielmehr Ausdruck kultureller Werte und Ideale, deren Bedeutung sich unserer modernen Logik weitgehend entzieht.
Wir bleiben in der Nähe der Venus von Willendorf und springen einige 10 000 Jahre nach vorne. Da taucht ein weiteres Denkmal einer machtvollen Frau auf, das seine Körperfülle nicht verhehlen kann: das Maria-Theresien-Denkmal gegenüber dem Naturhistorischen Museum. Die „erste Dame Europas“ genießt auch Jahrhunderte nach ihrem Tod ein hohes Ansehen. Das Denkmal löst bei vielen Betrachter*innen Respekt und Ehrfurcht aus, einige Menschen liegen der Kaiserin sogar zu Füßen und lassen sich gerne vor dem Denkmal fotografieren.
Auch die Venus von Willendorf bringt ihre Besucher*innen zum Staunen. Fasziniert von ihrer schönen Form, wird sie von vielen Menschen fotografiert. Die Begegnung mit ihrer Figur in Lebensgröße würde vermutlich andere Reflexe auslösen und vielfach in Beschimpfungen und Belehrungen münden.
So erleben wir es auch, wenn wir unseren Blick auf kleine, dicke Frauen der Gegenwart richten. In den Medien sind sie so unsichtbar wie das Gesicht der Venus. Ihr Körper wird selten gezeigt, und wenn doch, dann nur als „kopflose Dicke“ – als Bildmaterial in Zeitungen oder bei wissenschaftlichen Vorträgen.4 Die Gesellschaft betrachtet sie oft als minderwertig, und ganze Industrien zielen darauf ab, ihren Körper zu formen und zu optimieren. Diese Frauen bekommen vermittelt, dass sie nicht gut genug sind, sondern faul, willensschwach, hässlich und unwürdig. Fettfeindlichkeit und die Stigmatisierung mehrgewichtiger Menschen sind diskriminierende Praktiken, die noch immer salonfähig sind.5
Das Leben formt unseren Körper, und die Zeit, in der wir leben, bestimmt, wie diese Form gewertet wird.
In diesem Buch möchten wir dazu einladen, umzudenken. Wir wollen mehrgewichtige Menschen so zeigen, wie sie sind, und dazu ermutigen, die eigene Einstellung zu hinterfragen. Wir wollen ein Ende der Fettfeindlichkeit in die Gänge bringen.
Der gegenwärtige Umgang mit dicken Körpern ist nicht nur unhöflich und problematisch, sondern auch gesundheitsschädigend. Die negativen Erfahrungen vieler Menschen mit Mehrgewicht zeigen, dass eine Veränderung unabdingbar ist. Eine andere Einstellung kann zu einer besseren Gesundheitsversorgung für alle führen, davon sind wir überzeugt. Ein Zugewinn für unsere Gesellschaft als Ganzes, ähnlich wie die Entdeckung des Feuers vor sehr langer Zeit oder die Reformen der Maria Theresia.
Um dieses Ziel zu erreichen, nehmen wir Sie mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Es ist wichtig, zu sehen, wie die Menschheit im Lauf der Zeit mit Körperformen umgegangen ist. Wenn wir in der Gegenwart ankommen, werden wir uns fragen, wie es passieren konnte, dass Menschen so unwürdig behandelt werden, nur weil sie anders aussehen. Die Venus von Willendorf wird dabei zur Ausgangsstation. Wir wollen sie zum Anlass nehmen, in einem wertschätzenden und offenen Rahmen über die Vielfalt dicker Körperbilder in unserer Gesellschaft zu sprechen, denn wir haben uns nichts Geringeres vorgenommen, als Sie, liebe Leser*innen, einzuladen, Körperformen wertfrei zu betrachten, sei es im Museum oder in alltäglichen Begegnungen. Dieses Buch soll ein Plädoyer für Mitgefühl und Respekt sein.
1 Antl-Weiser W. Die Frau von W. – Die Venus von Willendorf, ihre Zeit und die Geschichte(n) um ihre Auffindung. Wien: Verlag des Naturhistorischen Museums; 2008
2 Dixson A, Dixson B. Venus Figurines of the European Paleolithic: Symbols of Fertility or Attractiveness? Journal of Anthropology 2011; 2011. doi:10.1155/2011/569120
3 Bojs K. Mütter Europas. München: Verlag C.H. Beck; 2022
4 Cooper C. Headless Fatties. In. London: Charlotte Cooper’s Fat Writing; 2007 https://charlottecooper.net/fat/fat-writing/headless-fatties-01-07/; Stand: 2007
5 Puhl RM, Heuer CA. Obesity stigma: important considerations for public health. American journal of public health 2010; 100: 1019–1028. doi:10.2105/ajph.2009.159491
Die Venus von Willendorf ist nicht nur für Künstler*innen oder Historiker*innen von großem Interesse, sondern auch für Mediziner*innen, insbesondere Ärzt*innen, die Menschen mit krankhaftem Übergewicht (Adipositas) behandeln. In der medizinischen Forschung wird sie als Beispiel für die kulturelle und historische Variabilität des Körpergewichts und der Körperwahrnehmung angeführt. Ihr Bild wird häufig bei Vorträgen oder als Logo verwendet, von wissenschaftlichen Fachgesellschaften wie der Österreichischen Gesellschaft für Adipositas- und Metabolische Chirurgie, aber auch in Kunstkatalogen, Büchern, auf Postkarten, Puddingformen und Keksausstechern.1 Jeder Anblick gibt uns Anlass zu einer Auseinandersetzung mit ihrer Form. Ist sie eine Darstellung von Fruchtbarkeit, Schönheit, Überleben oder etwas anderem? Wie hat sich der Blick auf und die Bewertung von Körperfülle im Vergleich zur heutigen Zeit verändert?
Einige Forscher*innen sind der Meinung, dass Übergewicht in manchen Zeiten und Regionen als attraktiv oder vorteilhaft angesehen wurde und nicht als negativ oder ungesund. Der Neurowissenschaftler Javier DeFelipe interpretiert die Venus als ein Beispiel für die Fähigkeit zur Abstraktion, die Menschen erreichen konnten, um Ideen in Form zu bringen.2 In einer weiteren Interpretation wird sie als ideales Symbol für Überleben und Schönheit während Hungersnöten und Klimawandel im paläolithischen Europa gesehen3, eine Deutung, die wiederum andere Expert*innen ablehnen.4 Diese Auseinandersetzung ist es, was uns an Wissenschaft so gut gefällt. Gleichzeitig haben wir einen immensen Respekt vor anderen Forschungsfeldern. Beim Verlassen des eigenen Fachgebiets wollten wir uns nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Wir dachten, die Forschung hätte eine klare Antwort darauf, was die Venus für die Menschen der damaligen Zeit bedeutet hatte, und wollten die Meinung von Expertinnen mit ins Buch aufnehmen.
Für uns Autorinnen beginnt das Buch also im Naturhistorischen Museum in Wien. An einem grau verregneten Vormittag trafen wir Dr.in Caroline Posch, Kuratorin der Sammlung Steinzeit der Prähistorischen Abteilung, und Dr.in Walpurga Antl-Weiser, Kuratorin der alt- und jungsteinzeitlichen Sammlung der Prähistorischen Abteilung. Die beiden Kuratorinnen konnten in einem offenen Gespräch alle Vorurteile zu dieser Figur auflösen, vielleicht auch unsere Erwartungshaltungen crashen und uns dadurch eine neue, ungeahnte Perspektive ermöglichen.
Dr.in Caroline Posch begleitete uns zum Venus-Kabinett, und wir standen in einem dunklen Raum, erfüllt von Ehrfurcht vor diesem runden Menschenbild aus Oolith-Gestein. Seit dem Paläolithikum scheinen Menschen von ihrer eigenen Körperform fasziniert zu sein und versuchen, sie darzustellen. Wurde Körperfülle zelebriert? Wie haben die Menschen in der Steinzeit gelebt und sich ernährt? Wie wurden Geschlechterrollen wahrgenommen? Vorurteile und Klischees über Steinzeitfrauen sind nicht nur bei Familie Feuerstein zu sehen, auch in der Forschung fand sich lange ein anachronistischer Sexismus. Ein Beispiel: In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde ein steinzeitliches Skelett gefunden, mit stämmigen Knochen und Waffen beerdigt. Dem Skelett wurde ein männlicher Name verliehen. Erst als die Genanalyse häufiger (und erschwinglicher) wurde, konnte gezeigt werden, dass dieser Mann in Wahrheit eine steinzeitliche Frau gewesen war. Beide Forscherinnen erklären uns, dass man heute eher davon ausgeht, dass die Menschen je nach ihren körperlichen und (geistigen?) Fähigkeiten eingesetzt wurden und nicht nach vom Geschlecht vorbestimmten Rollen. Ein schöner Gedanke!
Wir spazieren weiter durch die Gänge und bewundern Objekte, die vor Tausenden von Jahren in anderen Händen wichtige oder triviale Funktionen hatten. Fundstücke aus der Steinzeit sind wie eine Brücke über Jahrtausende zwischen damals und jetzt. Fremd und verbunden zugleich fühlen wir uns beim Anblick der Figur mit jenen Menschen, die sie vor über 20 000 Jahren auch betrachteten.
„Die Entdeckung der Venus-Figurinen begann 1864 im heutigen Frankreich“, sagt Dr.in Antl-Weiser, „mit der sogenannten ‚Venus impudique‘, aufgrund ihrer nackten Darstellung auch als unkeusche Venus bekannt.“ Seitdem wurden immer wieder Figuren gefunden, wobei die berühmteste die Willendorfer Figur ist. Diese Figuren, die derselben Kultur wie die Venus von Willendorf angehören, sind zwischen 22 000 und 30 000 Jahre alt. Die Funktion dieser Figuren bleibt bis heute unklar, die Interpretationen reichen von Sexsymbol bis Kinderspielzeug. Fest steht, dass unsere Interpretation unsere Gedanken, Erziehung und Weltanschauung widerspiegelt. Ursprünglich wurden die Figuren fast ausschließlich von Männern betrachtet und erforscht, was zu einer rein männlichen Perspektive führte. Die nackten Frauen wurden mit Fruchtbarkeit gleichgesetzt, auch diese uralten Objekte wurden somit dem „male gaze“ unterworfen (Der „male gaze“ ist ein Begriff aus der feministischen Theorie, der beschreibt, wie Frauen und die Welt in der Kunst und Literatur aus einer männlichen, heterosexuellen Perspektive dargestellt werden, als sexuelle Objekte für das Vergnügen des männlichen Betrachters. Dadurch werden Frauen entmenschlicht, sexualisiert und unterworfen, die Vielfalt und die Perspektiven anderer Geschlechter und Sexualitäten werden dabei ignoriert oder ausgeschlossen).5 Moritz Hörner, Gründer der Prähistorischen Lehrkanzel an der Universität Wien, interpretiert die Figur pointiert im Kontext altsteinzeitlicher Jäger als Aussage der paläolithischen Kunst: „Dickes, fettes Weib, großer Bison, starker Bison.“ Für ihn ist die rundliche Venusfigur genauso wichtig wie die mächtigen Tiere der Altsteinzeit. Als mögliches Symbol für Stärke, Fruchtbarkeit und Überleben war sie ebenso bedeutsam wie die stärkste Beute der Jäger*innen.6 Die frühen Funde wurden von männlichen Forschern oft als „schamlos“ gedeutet. Die erste entdeckte Figur erhielt, wie weiter oben schon kurz erwähnt, den Namen „Venus impudique“, die „unkeusche Venus“. Das sagt mehr über das damalige Frauenbild aus als über die tatsächliche Bedeutung der Figur. Interessant ist, dass Männerfiguren aus der Antike weder als unkeusch noch als Lustobjekte interpretiert wurden.
Diese Sichtweise galt später durch differenziertere Forschungsergebnisse als überholt. In den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts kam hingegen eine neue Interpretation der Figurinen hinzu. Sie wurden als „Hüterinnen der Stelle“ gedeutet, „die man immer wieder aufgesucht hat. Als Beschützerin des Ortes wurden sie dort auch wieder zurückgelassen“, erklärt Dr.in Antl-Weiser. Hamcha ist ein Begriff aus dem sibirischen Schamanismus. Es bezeichnet eine heilige Stätte oder einen Kraftort. Die Venus-Figurinen wurden möglicherweise an solchen Orten aufgestellt, um sie zu schützen und zu segnen. Sibirische Frauen spielten dabei eine besondere Rolle als Vermittlerinnen zwischen den Menschen und den Geistern. Diese These stützt sich auf ethnografische und archäologische Hinweise. Allerdings ist auch das nur eine von vielen Interpretationsmöglichkeiten. Die Idee, dass die Figuren verschiedene Gottheiten repräsentierten, wurde verworfen. Im Paläolithikum spielten Gottheiten keine Rolle.
Was sind also die Herausforderungen und Chancen bei der Interpretation prähistorischer Kunst im Kontext moderner Diskussionen über Körperbilder und Schönheit? Dr.in Antl-Weiser kann sich für die Steinzeit zwar keine spontanen Modeerscheinungen vorstellen, aber Menschen in verschiedenen Regionen waren jedenfalls unterschiedlich geschmückt. Aus den Überresten der Kleidung können wir heute noch Rückschlüsse ziehen und regionale Unterschiede feststellen. In Süddeutschland etwa wurde Elfenbeinschmuck bereits vor circa 40 000 Jahren hergestellt, aber später dann wieder weniger verwendet. Zu der Zeit, als die Venus von Willendorf entstand, war Elfenbein-, Muschel- und Schneckenschmuck wieder „in“.
Dr.in Posch sieht die Bedeutung der Figur heute auch in den vielen Anfragen, die das Museum bekommt. Für Kunstprojekte zu Body Positivity, aber auch als Brustkrebsvorsorge wurde die Venus in wunderschönen Werbekampagnen thematisiert. Prähistorische Kunst zeigt, dass wir das Menschliche von Menschen verstehen und greifbar machen können. „Wir zeichnen, wir formen und bilden uns ab. Die Darstellung der Knie, das Motiv des Berührens: Es ist etwas zutiefst Menschliches, das zu zeigen.“ Die Venus ist eine wunderbare Projektionsfläche! Wir werden nie endgültige Antworten auf unsere Fragen zu ihr erhalten, aber das macht sie umso faszinierender. „Und ich denke, solange das in einem wertschätzenden und offenen Rahmen passiert, ist es sicher eine Chance“, ergänzt Dr.in Posch.
Ähnlich sieht es die französische Paläontologin, Philosophin und Historikerin Claudine Cohen. Sie stellt in ihren Büchern fest, dass wir Menschen uns seit dem Paläolithikum für die Form unseres eigenen Körpers begeistern und versuchen, sie darzustellen. Die Willendorfer Figur zeigt einen Teil der Diversität, die schon im Paläolithikum üblich war: Es gab dicke, dünne, abstrakte und zeichenhafte Teildarstellungen. Die Vielfalt von Körpern bildet sich in realistischen Elementen ab, wie die präzise geformten Knie, mit bewusst überzeichneten Körperformen. Damit spiegeln sie sowohl die beobachtete Diversität als auch die kulturellen Vorstellungen darüber wider, was in dieser Zeit wichtig war. „Wir alle sind auf gewisse Weise auch Kinder unserer Wissenschaften. Besonders die Archäologie ist ein Kind des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, in dem die Interpretation eine große Rolle spielte“, stellt Dr.in Posch fest.
Laut Dr.in Posch gab es in Willendorf, an der Ausgrabungsstätte, nicht nur eine Venus, sondern eigentlich die Venus I, II und III. Die beiden anderen sind längliche Figuren aus Elfenbein. Eine der Figuren ist sehr klein und erinnert in abstrakter Form an einen Menschen. Die andere ist eine schlanke, große Figur mit weiblichen Attributen. Es gibt also verschiedene Darstellungen in Willendorf und die unterschiedlichen Figurformen wurden bewusst repräsentiert. Warum finden dann alle die Venus von Willendorf so besonders? Warum kennt sie jedes österreichische Schulkind, die Venus II und III aber nicht? Dr.in Antl-Weiser und Dr.in Posch bringen es auf den Punkt: „Weil sie so schön geformt ist und von Anfang an gute PR hatte.“ Außerdem war sie die erste Figur, die so vollständig und genau dokumentiert wurde.
Dominik Leiter, ein österreichischer Archäologe und ehemaliger Leiter der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien, ließ kurz nach dem Fund gute Fotos von der Venus machen. Er hielt Vorträge und verfasste wissenschaftliche Arbeiten zum Thema. Schon 1909 gab es erste Repliken der Figur. „Die Entdecker sind mit ihr sehr gut hausieren gegangen“, sagt Dr.in Posch. Seit 1910 ist sie eigentlich in der Kunstgeschichte der Welt aufgenommen. Sie ist das am häufigsten dargestellte prähistorische Kunstobjekt, quasi die Prinzessin Diana des Paläolithikums.
Die Geschichten der Steinzeitfiguren wurden durch die Projektionen ihrer Entdecker ersetzt. Während Männer mit Speeren posieren durften, galten also Frauenfiguren als schamlose Fruchtbarkeitssymbole. Auf einem idealisierten Steinzeitgemälde im Naturhistorischen Museum Wien finden sich 35 Figuren, davon drei Frauen und der Rest Männer in gepflegten Cocktailkleidern. Vielleicht war die Steinzeit ja gleichberechtigter, als wir es heute wahrhaben wollen. Umso tragischer, dass der Körperfettanteil von Frauen bis heute zur moralischen Kategorie wird. Wir wagen allerdings zu bezweifeln, dass Bodyshaming wirklich so alt ist wie die Menschheit.
Als Bianca im dunklen Kabinett vor der Venus von Willendorf stand, dachte sie an ihre Großmutter. Rund, stark, lustig und lebendig, ein heiteres Wesen, das ihr Leben großteils für andere lebte. Wie mag es gewesen sein, als dicke Omi in einer Zeit zu leben, in der solche Körper künstlerisch verewigt wurden?
Die Kunstgeschichte repräsentiert durch Körperbilder zeitabhängige Vorstellungen von Schönheit, Tugend und Wohlstand: Das Bäuchlein wird immer dünner, dann wiederum üppiger, aber von der Altsteinzeit bis zur Gegenwart lässt sich kein Trend erkennen. Wohlstand und Reichtum bedeuteten im Barock, Körperfett als Zeichen von Luxus zu zeigen, während dünn zu sein nach dem Zweiten Weltkrieg als luxuriös zelebriert wurde. Dr.in Antl-Weiser erinnert sich an ihre Kindheit, als sich Leute im Dorf gefreut haben, wenn Kinder etwas übergewichtig waren, weil es gezeigt hat, dass sie gut ernährt waren. In ländlichen Gegenden wird Schönheit häufig anders gedeutet als in der Stadt. Auch heute noch gibt es Regionen in der Welt, insbesondere in Gegenden, wo Menschen lange als Nomaden gelebt haben – wie zum Beispiel im Nahen Osten –, wo Mehrgewicht mit Wohlstand gleichgesetzt wird. Die persönlichen Erfahrungen mit unterschiedlichen Körperbildern trägt jede*r von uns mit sich. Die Überzeugungen dazu leider auch. Der Körper eines Menschen ist während seiner Lebenszeit im Wandel und kann sich in alle Richtungen ändern. „Ich war als Kind so dünn, dass sich meine Eltern Sorgen gemacht haben und zum Arzt gegangen sind – und es ist nichts davon übriggeblieben“, schmunzelt Walpurga Antl-Weiser.
Die Venus von Willendorf und weitere Funde aus der prähistorischen Zeit verdeutlichen, wie vielfältig die Vorstellungen von Körperbildern bereits damals waren. Ein fülliger Körper wurde dabei keineswegs negativ dargestellt. Walpurga Antl-Weiser und Caroline Posch haben uns vor allem gezeigt, wie wichtig es ist, die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen und mit offenem Blick zu forschen.
1 Antl-Weiser W, Poppenwimmer F. Die vielen Gesichter der Venus von Willendorf. In, derStandardat; 2021 https://www.derstandard.at/story/2000127463865/die-vielen-gesichter-der-venus-von-willendorf; Stand: 2021-06-17
2 Defelipe J. The evolution of the brain, the human nature of cortical circuits, and intellectual creativity. Frontiers in neuroanatomy 2011; 5: 29. doi:10.3389/fnana.2011.00029
3 Johnson RJ, Lanaspa MA, Fox JW. Upper Paleolithic Figurines Showing Women with Obesity may Represent Survival Symbols of Climatic Change. Obesity (Silver Spring, Md) 2021; 29: 11–15. doi:10.1002/oby.23028
4 Klaric L. Female Figurines, Climate Sensationalism, and Archaeological Shortcomings. Obesity (Silver Spring, Md) 2021; 29: 781. doi:10.1002/oby.23144
5 Vanbuskirk S. Understanding the Male Gaze and How It Objectifies Women Perception and sexualization. In: 2024 https://www.verywellmind.com/what-is-the-male-gaze-5118422; Stand: 2024/05/14
6 Antl-Weiser W, Kern A, Lammerhuber L. Venus. Baden bei Wien: Edition Lammerhuber; 2008
Wenn man in Wien zwischen dem Kunst- und Naturhistorischen Museum durch den Park geht, thront genau in der Mitte Kaiserin Maria Theresia, im Gedächtnis vieler Österreicher*innen so etwas wie eine nationale Landesmutter. Bereits in der Volksschule wird gelehrt, dass sie die Pflichtschule eingeführt hat, versucht hat, Deutsch als Verwaltungssprache im Vielvölkerstaat Österreich zu etablieren und vieles mehr. Sehr häufig wird Maria Theresia als gütige, füllige ‚Mutter der Nation‘ präsentiert.
Maria Theresia war dafür bekannt, dass sie gerne viel und eher fetthaltige Sachen gegessen hat. Bei dem Arbeitspensum ist natürlich auch die Bewegung zu kurz gekommen, selbst wenn man weiß, dass Maria Theresia mit einem Schreibbrett, welches sie sich um den Hals gehängt hatte, im Garten spazieren ging. Van Swieten, Maria Theresias Leibarzt und Begründer der Ersten Wiener Medizinischen Schule, ist in Geschichtsbüchern unter anderem mit folgender Anekdote verewigt: Van Swieten war unzufrieden mit der Speisenauswahl sowie mit dem Tempo, mit dem Maria Theresia gegessen hat. Er ließ sich also einen Kübel bringen und hat im gleichen Tempo, in dem Maria Theresia ihre Speisen verzehrte, das Essen in den Kübel geworfen.1 Dann soll er zu Maria Theresia gesagt haben: „Majestät, so sieht es in Ihrem Magen aus.“
