Das Gezeiten–Modell - Phil Barker - E-Book

Das Gezeiten–Modell E-Book

Phil Barker

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Beschreibung

Das Gezeitenmodell von Phil Barker und Poppy Buchanan-Barker umschreibt eine recovery-orientierte psychiatrische Dienstleistung, deren Ausgangspunkt die menschliche Erfahrung psychischer Erschütterungen ist. Im Zentrum stehen nicht Diagnosen, sondern die persönlichen Geschichten und Erfahrungen von Menschen mit psychischen Lebensproblemen. Mit diesem Modell können Fachpersonen ihre Angebote personenzentriert umsetzen. Im ersten Teil wird, nach einem Interview mit den Autoren, in das Gezeiten-Modell eingeführt. Es werden die 10 Verpflichtungen, die Überzeugungen für gezeitenorientierte Praktiker sowie die 20 sich daraus ableitenden Befähigungen und die dem Modell zugehörige Live-Dokumentation dargestellt. Die folgenden drei Teile widmen sich den drei Dimensionen: des Selbst, in der der Schwerpunkt im Aufbau einer brückenschlagenden Beziehung und der Erstellung eines persönlichen Sicherheitsplans liegt, der Dimension Welt, in der ein ganzheitliches Assessment erfolgt und der Dimension der Anderen, deren Hauptaugenmerk auf Gruppenarbeit liegt. Die praktische Umsetzung und wissenschaftliche Verordnung des Gezeiten-Modells schließen sich im letzten Teil an. Neu in der 2. Auflage finden sich ergänzende Beiträge zur Anwendung des Modells in der Akutpsychiatrie, der ambulanten psychiatrischen Pflege und der gerontopsychiatrischen Pflege. Das Original recovery-orientierter psychiatrischer Pflege von Barker - Menschen mit psychischen Lebensproblemen als Erfahrungsexperten verstehen, ihren Geschichten zuhören und mit ihnen nach Wegen psychischer Unterstützung suchen.

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EPUB

Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Das Gezeiten-Modell

Das Gezeiten-Modell

Phil Barker, Poppy Buchanan-Barker

Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Pflege:

Jürgen Osterbrink, Salzburg; Doris Schaeffer, Bielefeld; Christine Sowinski, Köln; Franz Wagner, Berlin; Angelika Zegelin, Dortmund

Phil Barker

Poppy Buchanan-Barker

Das Gezeiten-Modell

Der Kompass für eine recovery-orientierte, psychiatrische Pflege

2., überarbeitete und erweiterte Auflage

Aus dem britischen Englisch von Michael Herrmann

Deutschsprachige Ausgabe herausgegeben von Gianfranco Zuaboni, Christian Burr und Michael Schulz

unter Mitarbeit von

Sabine Brüchmann

Esther Indermaur

Johannes Kirchhof

Michael Theune

Phil Barker Prof. h.c. Dr., PhD, RN, FRCN, ist Pflegefachmann, Künstler, Psychotherapeut und Prof. h.c. der School of Medicine, Dentistry and Nursing der Universität Dundee, Schottland.

Poppy Buchanan-Barker ist Sozialarbeiterin und Direktorin von Clan Unity International PLC, AG, Schottland.

Gianfranco Zuaboni (dt. Hrsg.). Dr. rer. medic RN, dipl. Psychiatriepfleger FH, Pflegeexperte und Pflege- und Gesundheitswissenschaftler, Dozent, Leiter der Abteilung Pflegeentwicklung und Recovery-Beauftragter des Sanatorium Kilchberg.

[email protected]

Christian Burr (dt. Hrsg.). RN, MScN, dipl. Pflegefachmann, Pflegeexperte (APN) und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum klinische Pflegewissenschaft an der UPD, Bern.

[email protected]

Michael Schulz (dt. Hrsg.). Prof. Dr. habil. Krankenpfleger, Pflege- und Gesundheitswissenschaftler, Honorarprofessor an der Fachhochschule der Diakonie in Bethel.

[email protected]

Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien und Vervielfältigungen zu Lehr- und Unterrichtszwecken, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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Anregungen und Zuschriften bitte an:

Hogrefe AG

Lektorat Pflege

z.Hd.: Jürgen Georg

Länggass-Strasse 76

3012 Bern

Schweiz

Tel. +41 31 300 45 00

[email protected]

www.hogrefe.ch

Lektorat: Jürgen Georg, Michael Herrmann, Linnéa Hölterhoff, Lena-Marie Klose

Herstellung: René Tschirren

Umschlagabbildung: Getty Images/pjclark

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Illustration (Innenteil): Esther Indermaur (PPT), Jürgen Georg (Fotos)

Satz: punktgenau GmbH, Bühl

Format: EPUB

Das vorliegende Buch ist eine Übersetzung aus dem Englischen. Der Originaltitel lautet «The Tidal Model» von Phil Barker und Poppy Buchanan-Barker.

© 2007. Phil Barker und Poppy Buchanan-Barker; Psychology Press (Taylor & Francis Group)

2. überarbeitete und erweiterte Auflage 2020

© 2020 Hogrefe Verlag, Bern

© 2013 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96034-0)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76034-6)

ISBN 978-3-456-86034-3

http://doi.org/10.1024/86034-000

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Diese Bestimmungen gelten gegebenenfalls auch für zum E-Book gehörende Audiodateien.

Anmerkung:

Sofern der Printausgabe eine CD-ROM beigefügt ist, sind die Materialien/Arbeitsblätter, die sich darauf befinden, bereits Bestandteil dieses E-Books.

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Danksagung und Widmung

Widmung der deutschen Herausgeber

Vorwort der deutschen Herausgeber

Interview mit Phil Barker und Poppy Buchanan-Barker

Rückforderung – Die Kunst des Möglichen

1. Das Gezeiten-Modell – Die ersten 10 Jahre Entwicklung und Wandel

Klinik oder Gemeinde – klinische oder häusliche Pflege

Normale Sprache

2. Was ist das Gezeiten-Modell?

3. Einführung

Was ist das Problem?

Probleme menschlichen Lebens

Die zentrale Gezeiten-Frage

Komplexe Probleme – und einfache Lösungen

Von der Person lernen

Leben mit dem Chaos – Lernen aus Erfahrung

Der fürsorgende Lebensretter

Der Strom des Wandels

Das wechselnde Antlitz des Wassers

Die Gezeiten-Metapher

Hören Sie auf, so hart zu arbeiten

4. Die 10 Verpflichtungen

Gezeiten-Werte

Die 10 Verpflichtungen und ihre Befähigungen

5. Das Gezeiten-Modell im Überblick

Gezeiten-Überzeugungen

Die Gezeiten-Metapher

Weitere zentrale Fragen

Das Pflegekontinuum

Die Notwendigkeit unmittelbarer Betreuung

Die Notwendigkeit für Wachstumsbegleitung

Übergangspflege

6. Die drei Dimensionen

Die Dimension Selbst

Die Dimension Welt

Die Dimension Andere

7. Die Macht der Live-Dokumentation

Die Vorteile des «In-situ»-Dokumentierens

Vorteile der Live-Dokumentation

Die Dimension des Selbst – Entwickeln emotionaler Sicherheit

8. Brücken schlagen

Das Leben und seine vielen Risiken

Brücken schlagen – Aufbau emotionaler Sicherheit

Von Beziehungen zu Partnerschaften

Beobachtung und Risiko

Von Begegnung zum Brückenschlagen

Brückenschlagen – Was Sie sehen, bekommen Sie auch!

Der Zweck des Brückenschlagens in psychiatrischen Dienstleistungen

Brückenschlagen – Einige einfache Beispiele

Die «Hochrisiko»-Situation

Die signifikante Risikosituation

Die risikoarme Situation

Die «gefahrenfreie» Situation

Mensch sein – kreativ sein

9. Das Monitoring-Assessment

Emotionale Bedrohung erkunden

Das Assessment im Überblick

Die Wahl des Zeitpunkts

Charakteristische Merkmale

10. Der persönliche Sicherheitsplan

Von der Pflege zur Selbsthilfe

Sicherheit und Geborgenheit

Anschauliches Beispiel

Die Dimension Welt

11. Das ganzheitliche Assessment

Das Erzählen der Geschichte

Wie lauten die Zielsetzungen des ganzheitlichen Assessments?

Wie lauten die Zielvorgaben des ganzheitlichen Assessments?

Wann sollte das Assessment ausgefüllt werden?

Wie sollte das Assessment durchgeführt werden?

Wie sollte das Assessment dokumentiert werden?

Wer sollte das Assessment ausfüllen?

Sollte noch jemand anderes am Assessment beteiligt sein?

Wie oft sollte das Assessment wiederholt werden?

Ausfüllen des ganzheitlichen Assessments

Einführung

Übersicht des Problems oder Bedürfnisses

Anschauliche Beispiele

Ursprünge des Problems («So begann alles»)

Anschauliche Beispiele

Frühere Problemfunktion («So wirkte es sich auf mich aus»)

Anschauliche Beispiele

Frühere Emotionen («So fühlte ich mich zu Anfang»)

Anschauliche Beispiele

Entwicklungsverlauf

(«So haben sich die Dinge mit der Zeit verändert»)

Anschauliche Beispiele

Beziehungen («So beeinträchtigte dies meine Beziehungen»)

Anschauliche Beispiele

Aktuelle Emotionen («So fühle ich mich jetzt»)

Ganzheitlicher Inhalt («Was bedeutet das meiner Ansicht nach?»)

Anschauliche Beispiele

Ganzheitlicher Kontext («Was sagt all dies über mich als Person aus?»)

Anschauliche Beispiele

Erfordernisse, Bedürfnisse und Wünsche («Was muss jetzt geschehen/was möchte oder wünsche ich, das als nächstes geschieht?»)

Anschauliche Beispiele

Erwartungen

Anschauliche Beispiele

Evaluieren des Problems (S. 4)

Persönliche Ressourcen

Wichtige Menschen

Wichtige Gegenstände

Die wichtigen Vorstellungen über das Leben

Lösung des Problems oder Bedürfnisses

Woran erkenne ich, dass das Problem gelöst oder das Bedürfnis befriedigt wurde?

Was muss sich ändern, damit dies geschieht?

Abschluss des Assessments

12. Die Einzelsitzung

Zurückfordern der Geschichte

«In-Gang-Bringen» der Person

Zweck

Anschauliches Beispiel

Kooperation, Pflege und Kommunikation

Die Dimension der Anderen – Gruppenarbeit nach dem Gezeiten-Modell

13. Die Gezeiten-Gruppe

Menschsein allgemein

Die drei Gezeiten-Gruppen

Die Entdeckungsgruppe

Die Moderatoren

Die gesprächsorientierte Struktur

Beispielfragen

Timing der Entdeckungsgruppe

Die Informationsgruppe

Organisieren der Gruppe

Timing der Informationsgruppe

Die Lösungsgruppe

Organisation der Gruppe

Gruppenstruktur

Menschen «in Gang bringen»

Erlaubnis einholen

Gruppenempathie und -sympathie

Der Beginn einer Lösung?

14. Noch einige Gedanken

Gezeiten-Modell – Umsetzung und Diskurs

15. Die praktische Umsetzung der 10 Verpflichtungen

Wie alles begann

Erste Schritte

Das Projekt

Die Arbeit mit den Verpflichtungen und Befähigungen

Die Besprechungen

Das Arbeitsblatt

Ablauf der Besprechungen

Rückschau

Vorschau

Abschluss

Dokumentation

Ergebnisse

Schlussrunde der Tidal-Besprechungen

Projekttagebuch

Literatur

16. Das Gezeiten-Modell im Spiegel der wissenschaftlichen Diskussion

Zwei konträre Denkschulen – der Barker-Gournay-Diskurs

Das Gezeiten-Modell in der wissenschaftlichen Literatur

Das Gezeiten-Modell im Bereich der Pflege in der Jugendpsychiatrie

Das Gezeiten-Modell im Bereich der Pflege in der Forensik

Das Gezeiten-Modell im Bereich der Pflege von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen

Praxisberichte über die Arbeit mit dem Gezeiten-Modell

Zusammenfassung

Literatur

17 Erfahrungen mit dem Gezeiten-Modell

Zielsetzung

Zeitpunkt und Zeitraum

Wer füllt die Assessmentbögen aus?

Rahmenbedingungen und erforderliche Kompetenzen

Anpassungen/Limitationen

Die einzelnen Bestandteile des Assessments

Monitoring

Persönlicher Sicherheitsplan

Das Aufnahmeassessment

Entstehung und Auswirkung

Bedeutung

Evaluieren des Problems

Ressourcen

Zielformulierung

Protokoll der Einzelsitzung

Wirkung

Literatur:

18 Das Gezeiten-Modell in der ambulanten Psychiatrischen Pflege (APP)

Was motivierte die Entwicklung und Gestaltung des Gezeiten-Modells?

Der Aspekt des Verstehens und die doppelte Handlungslogik

Der Pflegeprozess und die Evidenz

Die Dualität von Theorie und Praxis

Psychiatrisch Pflegende und das Profil des Tuns

Gute Psychiatrische Pflege

Transfer in die Berufspraxis

Der Kreis zwischen Praxis und Theorie schließt sich

Zusammenfassung

Literatur

Die Gerontopsychiatrie

Recovery im Alter

Wohlbefinden im Alter

Das Gezeiten-Modell bei Menschen mit Demenz

Zusammenfassung und Fazit

Anhänge

Anhang 1Das ganzheitliche Assessment

Anhang 2

Die Einzelsitzung

Anhang 3Das Monitoring-Assessment

Anhang 4Der persönliche Sicherheitsplan

Anhang 5Schnupperkreuzfahrt durch das Gezeiten-Modell

Weiterführende Literatur und Filme zum Gezeiten-Modell und Recovery-Ansatz

Bücher

Fachzeitschriftenartikel

Filme

Links

Weiterführende Literatur zur Psychiatrischen Pflege im Hogrefe Verlag

Lehrbuch/Praxishandbuch

Gerontopsychiatrische Pflege

Konzepte

Klassifikationen

Pflegeprozess

Settings

Interventionen/Techniken/Skills

Patientenedukation

VIPS/Classics

Professionelle Selbstpflege

Fachzeitschrift

Verzeichnis der Autoren und Herausgeber

Sachwortverzeichnis

Danksagung und Widmung

Im Laufe der Jahre haben wir mit vielen Menschen zusammengearbeitet. Sie haben großzügig von sich gegeben und uns ihre Geschichte erzählt, um das Gezeiten-Modell entwickeln zu helfen.

Diese Menschen sind zu viele, um sie einzeln zu erwähnen, aber der Erfolg des Gezeiten-Modells gehört ihnen.

Wir danken ihnen allen. Wir stehen für immer in ihrer Schuld.

Dieses Handbuch widmen wir den Tausenden von Pflegenden und anderen Berufskolleginnen und -kollegen, die im Laufe der Jahre mit uns gearbeitet haben, uns mit ihrem Engagement für humane Fürsorge inspiriert haben. Sie wissen, wer sie sind, wir haben es ihnen gesagt.

Mögen sie an Zahl zunehmen und möge ihr Fürsorgeengagement letztlich anerkannt werden.

Poppy und Phil

Widmung der deutschen Herausgeber

Zum Andenken an Chris Abderhalden

Vorwort der deutschen Herausgeber

Wie können Menschen mit psychischen Lebensproblemen unterstützt werden? Was zeichnet eine gute Pflege und Betreuung aus? Wie organsiert man eine psychiatrische Dienstleistung? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen treibt Fachpersonen an, die bestehenden Angebote der Psychiatrie stetig zu verbessern. Wie dies konkret aussehen könnte, beschreibt das Gezeiten-Modell von Phil Barker und Poppy Buchanan-Barker.

Mit der ersten deutschen Publikation in Psych.Pflege Heute im Jahre 2003 (Barker, 2003), in der das Modell skizziert wurde, und dem darauffolgenden Beitrag von Phil Barker und Poppy Buchanan-Barker auf dem Dreiländerkongress 2007, erwachte auch im deutschsprachigen Raum ein reges Interesse an diesem Modell.

Einen Vorläufer findet das Gezeiten-Modell im Interpersonalen Pflegemodell von Hildegard Peplau aus dem Jahre 1953. Auf der Grundlage ihres Modells entwickelte sich ein Verständnis von psychiatrischer Pflege, das auch über 60 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung nichts an Relevanz und Aktualität eingebüßt hat.

Für Peplau steht die Beziehung zwischen der Patientin beziehungsweise dem Patienten und der Pflegefachperson im Mittelpunkt der pflegerischen Tätigkeit. Dieser spricht sie therapeutische Wirkung zu. Die Gestaltung von Beziehungen auch unter schwierigsten Voraussetzungen gilt seither als Kernkompetenz der professionellen psychiatrischen Pflege. Dank der Arbeit von Peplau können die Pflegefachpersonen ihre anspruchsvolle Tätigkeit in einem theoretischen Bezugsrahmen reflektieren und weiterentwickeln.

Wie diese Beziehungen in der Praxis gestaltet werden können, wird in den Publikationen von Peplau detailliert und praxisnah beschrieben. Dieses Wissen gilt als Basisstoff der pflegerischen Grundausbildung. Der Transfer in die Praxis ist dem Peplauschen Modell jedoch nur bruchstückhaft gelungen. Eine Erklärung dafür ist in der Dominanz naturwissenschaftlicher Modelle zu finden, die nicht nur innerhalb des psychiatrischen Diskurses, sondern auch in der Gesellschaft breit abgestützt sind.

Das erfolgreichste und alles überragende naturwissenschaftliche Modell ist sicherlich das medizinische. Die Vormachtstellung dieses Modells hält auch im psychiatrischen Bereich weiterhin an, trotz einiger grundlegender Probleme, die sich bei der Umsetzung zeigen. Solch ein Mangel manifestiert sich in der psychiatrischen Diagnostik. Im Unterschied zum somatischen Bereich, wo Krankheiten mit Tests nachgewiesen werden können, fehlen vergleichbare Tests für psychische Erkrankungen. Für die naturwissenschaftlich ausgerichteten Mediziner ist dieser Umstand aber problematisch, da man grundsätzlich anhand objektiver und gesicherter Anzeichen einer Erkrankung die Diagnosen ableiten und die Therapien aufbauen möchte. Die Suche nach Biomarkern, auf deren Grundlage Tests entwickelt werden sollten, ist daher von zentraler Bedeutung für die Vertreter der biologisch ausgerichteten Psychiatrie.

Eine weitere Schwierigkeit zeigt sich in den medizinischen Therapien psychischer Erkrankungen. Die eingesetzten Psychopharmaka können die Erkrankungen nicht heilen, sondern im besten Fall nur die Symptome lindern.

Das medizinische Modell hat seine Stärken, aber – wie gezeigt – auch seine Schwächen. Diese Tatsache gilt es in der Praxis zu berücksichtigen und die Dienstleitungen entsprechend auszurichten.

Was bedeutet dies nun für die Pflege? Im stationären Setting findet sie sich häufig in einem Spannungsfeld zwischen der eigenen Berufsauffassung und dem Übergewicht an defizitorientierten, medizinischen Interventionen wieder.

An diesem Umstand setzt das Gezeiten-Modell an. Es beschränkt sich nicht nur darauf, die Tätigkeit psychiatrischer Pflege zu beschreiben. Inspiriert von Peplaus interpersonalem Ansatz beschreibt das Gezeiten-Modell eine psychiatrische Dienstleistung, deren Mittelpunkt das Erleben und die Erfahrungen des einzelnen Individuums sind. Die grundlegende Annahme des Modells ist, dass die Patientin beziehungsweise der Patient der eigentliche Experte ist und die Aufgabe der Fachpersonen, ob Pflegende oder andere Therapeuten, darin liegt, begleitend und beratend zur Verfügung zu stehen. Die Frage lautet nicht, was die Fachperson für die einzelne Person tun kann, sondern was gemeinsam getan werden muss. Es gilt dabei, Situationen zu fördern, die es dem Individuum ermöglichen, sich mit seinen psychischen Lebensproblemen auseinanderzusetzen, damit vertrauter zu werden und sie schlussendlich zu überwinden. Die im Modell beschriebenen praxisrelevanten Prozesse zielen darauf ab, eine sichere Dienstleistung anzubieten, die auf Wachstum und Zuversicht aufbaut.

Im vorliegenden Buch werden das Modell und seine Werkzeuge prägnant beschrieben. Es war uns ein Anliegen, dass die Darstellung des Modells und seines wissenschaftlichen Diskurses durch konkrete Praxiserfahrungen ergänzt wird. Diese dienen dazu, Fachpersonen einen Weg zu zeigen und sie zu ermutigen, den ersten Schritt hin zu einer recovery-orientierten psychiatrischen Dienstleistung zu wagen.

Poppy Buchanan-Barker und Phil Barker, die Autorin und der Autor des Gezeiten-Modells, sind diesen Weg schon einige Jahre gegangen. In dem aufgezeichneten Interview mit ihnen berichten sie von einigen ihrer Erfahrungen.

Es freut uns sehr, mit dem vorliegenden Buch die zweite Auflage präsentieren zu dürfen. Wir sind überzeugt, dass engagierte Fachpersonen mit diesen Grundlagen die psychiatrischen Dienstleistungen positiv weiterentwickeln werden.

Die Herausgeber

Gianfranco Zuaboni

Christian Burr

Michael Schulz

Die Bezeichnung «Pflegekraft» wurde an manchen Stellen belassen, um die Pflegefachperson besser sprachlich von der Person des Klienten unterscheiden zu können. Inhaltlich gefragt ist in allen Situationen jedoch primär die Person und die Persönlichkeit der professionellen Pflegefach«kraft».

[Anm. d. Lek.]

Interview mit Phil Barker und Poppy Buchanan-Barker

Das Gespräch mit den beiden Autoren wurde im Vorfeld dieser Publikation geführt. Die Fragen wurden vom Herausgeberteam gestellt.

Lieber Phil, liebe Poppy

Die erste Veröffentlichung des Gezeiten-Modells liegt nun einige Jahre zurück. Was ist in der Zwischenzeit geschehen?

Seit Erscheinen der ersten Gezeiten-Publikation im Jahre 1998 sind 15 Jahre vergangen. Seither ist viel geschehen. Die wichtigsten Entwicklungen drehen sich um den philosophischen Kern:

Wir haben die Definition von Recovery vereinfacht, die wir nun als «Wieder-in-Gang-Kommen» beschreiben. Damit wird berücksichtigt, dass das zentrale Merkmal, nach dem wir bei dieser Person suchen, eine Art «Vorwärtsbewegung» ist. Wir erkennen jedoch an, dass die Person, wie bei den Gezeiten, «zurückfallen» kann und den Prozess der «Vorwärtsbewegung» wieder ganz von vorn beginnen muss.Mit der Entwicklung der 10-Gezeiten-Verpflichtungen haben wir auch die zentralen philosophischen Merkmale des Gezeiten-Modells klarer definiert. Sie stellen «Überzeugungen» dar, die jeder gezeitenorientierte Praktiker haben müsste. Diese Verpflichtungen könnten jedoch auf beliebig viele Weisen zum Ausdruck gebracht oder in die Praxis umgesetzt werden. Dies hat geholfen, dass sich Menschen stärker bewusst machen, dass das Gezeiten-Modell flexibel ist, was den Praktiker zu Kreativität ermutigt.Auf Bitten eines Pflegedirektors, dessen Dienstleistung sich an dem Gezeiten-Modell orientierte, entwickelten wir 2003 die 20 Gezeiten-Befähigungen. Er wünschte sich einen einfachen Weg, um zu beurteilen oder einzuschätzen, ob die Fachpersonen die 10-Verpflichtungen umsetzten oder nicht. Die 20 Gezeiten-Befähigungen wurden durch die Leitungen von Einrichtungen – zusammen mit den 10-Verpflichtungen – weithin eingesetzt, um auf diese Weise Pflegepolitik oder die Recovery-Philosophie insgesamt innerhalb der Einrichtung zu vertiefen.In den vergangenen 15 Jahren haben wir auch einige Aspekte der Gezeiten-Praxis – vor allem unsere Beschreibung der «Einzelsitzung», des «Sicherheitsplans» und der drei Arten von Gruppenarbeit – verfeinert. Diese unterscheiden sich alle deutlich von den Prozessen, die wir erstmals in den späten 90er Jahren entwickelten. Wir halten sie jetzt für viel einfacher oder eleganter.Das Gezeiten-Modell wurde ins Japanische und ins Dänische übersetzt und erlaubt Fachpersonen, die der englischen Sprache nicht mächtig sind, das Modell in ihrer Praxis zu studieren und anzuwenden.Ursprünglich wurde das Gezeiten-Modell für den Einsatz in akutpsychiatrischen Einrichtungen und kommunalen Settings entwickelt. In den vergangenen 15 Jahren wurde es in Programme der Forensik, der Rehabilitation und des Drogen- bzw. Substanzmissbrauchs eingeführt. Es wurde auch in Einrichtungen für Menschen mit psychiatrischen Diagnosen aller Art, für Menschen mit Lernbehinderungen, mit Erkrankungen des autistischen Spektrums und in Frühstadien der Demenz angewandt.Ursprünglich wurde das Gezeiten-Modell als Pflegemodell entwickelt. In den vergangenen 15 Jahren hat eine Reihe anderer Berufsgruppen der Gesundheitsversorgung und der Sozialfürsorge das Modell in ihre Praxis übernommen, z. B. Ergotherapeuten, Sozialarbeiter, Berater, Physiotherapeuten und Psychiater. Wir sind uns darüber im Klaren, dass das Gezeiten-Modell zunehmend auch auf nichtstaatliche Settings eingesetzt wird, in denen viele praktisch Tätige keine formale Qualifikation zur Gesundheitsversorgung oder Sozialfürsorge haben, darunter Projekte, in denen die Mitarbeiter unter Umständen zuvor «Patienten» oder «Klienten» der psychiatrischen Versorgung waren.Seit dem Erscheinen von Dr. Nancy Brookes Kapitel über das Gezeiten-Modell in Nursing Theorists and Their Work (Alligood, 2017)1 wird das Gezeiten-Modell weithin auf Postgraduiertenniveau (Master) studiert, vor allem in den USA und in einigen südamerikanischen Ländern, wo Pflegemodelle und -theorien seit langem geschätzt werden.

Wie erklärt Ihr Euch das große Interesse am Gezeiten-Modell?

In der Pflege scheint das zunehmende Interesse am Gezeiten-Modell mit der Art zusammenzuhängen, in der es Pflegenden zu klären hilft, wie sie personenzentrierte Pflege leisten könnten:

Viele Pflegende sagen uns, man lehre sie die Theorie der «personenzentrierten Pflege», brächte ihnen aber nur selten bei, «wie» man sie praktiziert. Das Gezeiten-Modell scheint jenen Pflegenden zu helfen, den Zusammenhang zwischen der zentralen Philosophie, der Theorie und der Praxis zu erkennen. Am häufigsten sagen uns Pflegende: «Das Gezeiten-Modell erinnert mich daran, warum ich eigentlich mit Pflege begonnen habe.» Viele Pflegende haben uns erzählt, ihre ursprüngliche Berufung habe darin bestanden, Menschen zu helfen, dass es ihnen besser gehe. Zunehmend stellten sie jedoch fest, dass ihre Arbeit letztlich darin bestand, sich auf Dokumentation, das Verfassen von Berichten und Verwaltungstätigkeiten zu konzentrieren. Die eigentliche pflegerische Tätigkeit hat eher beaufsichtigenden Charakter angenommen, indem Medikamente ausgegeben und Türen verschlossen werden, in dem Versuch, leidende Menschen zu kontrollieren und in Gewahrsam zu halten. Solche Aspekte der Rolle mögen zwar wichtig sein, haben aber jeden Versuch, «therapeutisch» zu sein, überlagert. Auch hier sagen uns Pflegende, man habe sie zwar die «Theorie» von «therapeutischen Beziehungen» gelehrt, jedoch hätten sie nur wenig spezifische Anleitung erhalten, «wie» man sie praktiziere.Das Gezeiten-Modell stützt auch Pflegende und andere Praktiker, die an einer recovery-orientierten Praxis interessiert sind.In den meisten Settings der psychiatrischen Gesundheitsdienstleistungen sind Pflegende zahlenmäßig die größte Berufsgruppe. Oft wurde jedoch die therapeutische Rolle der Pflegenden ausgehöhlt, mit der Folge, dass andere Mitglieder des Teams die «Therapie» leisten, während die Pflegenden nur unspezifische Versorgung oder Unterstützung leisten. Das Gezeiten-Modell bietet einen Weg, auf dem Pflegende ihre therapeutischen Rollen wieder einfordern können, indem sie eine therapeutische Form der Versorgung leisten, welche die von anderen Teammitgliedern geleistete Versorgung oder Behandlung ergänzen kann.Andere Berufsgruppen haben erkannt, dass sie in der Praxis des Gezeiten-Modells eng mit Pflegenden zusammenarbeiten können. Ein Professor für Psychiatrie sagte: «Es sind nicht nur Pflegende, die ‹caring› betreiben – ich bin Arzt und auch ich betreibe ‹caring›2.» Dieser Psychiater hat geholfen, das gesamte Team – Pflegende, Ärzte und verschiedene Therapeuten – zu ermutigen, in der praktischen Anwendung des Gezeiten-Modells eng zusammenzuarbeiten. Dies hat zu einem stringenteren Teamansatz geführt. Auch die Ansichten der Menschen, die «Patienten» oder «Klienten» der Einrichtung sind, waren extrem wichtig für das zunehmende Interesse am Gezeiten-Modell. Bei allen Projekten, an denen wir beteiligt waren, war die Unterstützung von «Patienten» sehr bedeutsam. In den Settings, in denen formelle Auditierungen oder Forschungsevaluationen durchgeführt wurden, ergab sich eine Menge aussagefähiger Belege, die den Wert verdeutlichen, den Patienten und deren Familien dem Gezeiten-Modell beimessen. Der einzigartige Schwerpunkt des Gezeiten-Modells, die eigenen Worte der Person zu verwenden, wird von Patienten und deren Familien sehr geschätzt und würdigt, dass Menschen geholfen werden kann, ihre eigenen Lösungen für ihre gegenwärtigen Schwierigkeiten zu finden.

Viele Fachpersonen, die das Gezeiten-Modell in ihre tägliche Arbeit integrieren möchten, stehen vor der Frage: «Wie kann ich mit dem Modell zu arbeiten beginnen? Was ist der erste Schritt und wo liegen die Stolpersteine?»

Zuerst einmal müssen Fachpersonen daran interessiert sein, auf personen- und recovery-orientierte Weise zu arbeiten. Wir haben stets gesagt, dass es nicht das Gezeiten-Modell ist, das «arbeitet». Es geht vielmehr darum, wie die Fachpersonen das Gezeiten-Modell einsetzen.

Viele Fachpersonen möchten dem Patienten einen Rat geben oder auf ihre gegenwärtigen Probleme eingehen. All solche Ambitionen müssen Fachkräfte zur Seite legen, da sie jeden Versuch stören, der Person beim Verstehen ihrer eigenen Probleme und beim Entdecken ihrer eigenen Lösungen zu helfen. Fachkräfte müssen von der Person lernen, was «funktioniert» oder «hilfreich ist», statt zu versuchen, zu beraten oder Anweisungen zu geben.

Praktisch gesprochen muss als Erstes das Handbuch des Gezeiten-Modells studiert werden. Als Nächstes müssen Praktiker Aspekte des Gezeiten-Modells aneinander üben, um allmählich zu lernen, wie man auf diese Weise arbeitet, und um allfällige Probleme zu lösen, bevor sie mit vulnerablen Patienten zu arbeiten beginnen. Wenn man Autofahren lernt, beginnt man in einer ruhigen Straße mit Unterstützung eines erfahren Fahrers. Niemand lernt Autofahren als Erstes auf der Autobahn!

In unseren Workshops ermutigen wir Fachpersonen stets dazu, in Übungssitzungen ihre eigenen persönlichen Erfahrungen von Leid oder Alltagsprobleme zu verwenden. Auf diese Weise können sie einen echten Eindruck gewinnen, wie das Gezeiten-Modell «funktioniert». Sie können allmählich einen Eindruck davon gewinnen, wie diese Erfahrung für den Patienten sein könnte.

Die größte Falle besteht vielleicht darin, dass viele Praktiker zu früh aufgeben. Für viele Patienten ist das Erlebnis, «auf den Fahrersitz gesetzt zu werden», befremdlich. Sie sind es gewohnt, dass man ihnen sagt, was zu tun ist, dass man ihnen rät oder Anweisungen gibt. Zuerst fühlen sich Patienten unbehaglich beim Erzählen der eigenen Geschichte, unter der Erwartung, selbstständig zu sein. Der Prozess des «Rückforderns» der Geschichte kann für den Patienten belastend sein, da er schmerzliche Erfahrungen erneut durchleben oder sich Dingen stellen muss, vor denen er sich versteckt hat. Viele Praktiker fühlen sich angesichts solchen Leidens unwohl. Viele glauben, sie würden die Situation des Patienten verschlimmern und versuchen, die Dinge zu glätten und bieten Trost oder Beruhigung.

Es braucht Zeit, um Menschen zu helfen, schwierige Erfahrungen durchzuarbeiten. Eine der größten Fallen gegenwärtiger psychiatrischer Versorgung besteht darin, dass oft nicht ausreichend Zeit gegeben ist. Infolgedessen werden Menschen oft rasch entlassen, nachdem sie nur wenig oder gar nicht an ihren Problemen gearbeitet haben. Es überrascht daher nicht, dass dies zum Phänomen der «Drehtür»-Psychiatrie beiträgt, da die ursprünglichen Probleme nicht adäquat angegangen werden.

In vielen Ländern kam es in den vergangenen Jahren dazu, dass sich Pflegende auf Dokumentation – Ausfüllen von Formularen, Eingabe von Daten in Computer – konzentrierten, mit der Folge, dass sie auf zwischenmenschlicher Basis immer weniger Zeit mit Patienten verbrachten. Auch das Gezeiten-Modell beinhaltet schriftliche Dokumentation. Dabei handelt es sich jedoch um einfache Arten des Dokumentierens des Geschehenen zum Vorteil des Patienten und anderer Teammitglieder. Der Schwerpunkt liegt primär auf dem Engagement der Pflegeperson gegenüber dem Patienten – nicht auf dem Ausfüllen von Formularen.

Und abschließend ist klar, dass in erheblichem Maße Gelegenheit zu Konflikten besteht, wenn sich das Team nicht zur Praxis des Gezeiten-Modells verpflichtet sieht. Selbst ein einziges Teammitglied kann, vielleicht subtil, die Bemühungen des übrigen Teams untergraben. Daher ist es wichtig, dass die Bemühungen des Teams koordiniert und alle potenziellen Konflikte zwischen Teammitgliedern bearbeitet werden.

Gibt es Einschränkungen hinsichtlich der Settings, in denen das Gezeiten-Modell implementiert werden kann (z. B. Forensik, Geriatrie etc.)?

Hinsichtlich des Spektrums von Settings, in denen das Gezeiten-Modell praktiziert werden könnte, scheint es keine erkennbaren Einschränkungen zu geben. Auch wenn wir unsere Arbeit mit dem Schwerpunkt auf den akutpsychiatrischen Dienstleistungen und ambulanten Settings begannen, haben unsere Kollegen die Anwendung in den vergangenen 15 Jahren auf ein viel breiteres Spektrum von Settings ausgeweitet. Die zentralen Voraussetzungen sind eindeutig:

Patienten müssen kommunizieren können. Einige unserer Kollegen haben erfolgreich mit Menschen in Frühstadien der Demenz und mit Menschen mit leichteren Formen von Lernstörungen (geistigen Behinderungen) gearbeitet. Es scheint jedoch klar, dass Menschen sich nur sehr begrenzt auf die Prozesse des Gezeiten-Modells einlassen können, sobald sie eine ernstere Form der Demenz oder geistigen Behinderung entwickeln und nicht effektiv kommunizieren können. Patienten müssen sich beteiligen wollen. Diese Voraussetzung ist jedoch motivationsbedingt, das heißt, Menschen können zur Teilnahme motiviert werden. Dies hängt sehr stark davon ab, wie die Fachperson an die Person herantritt. Es gibt eine Menge Belege, die verdeutlichen, dass die positive Einstellung der Pflegeperson der zentrale Faktor war, um einen «unwilligen» Patienten zu ermutigen, schließlich am Gezeiten-Modell teilzunehmen. Eine nordamerikanische Patientin erzählte uns, sie hätte sich sehr gegen das Gezeiten-Modell gewehrt. Sie hegte tiefes Misstrauen gegenüber der Pflegeperson und wies diese verbal mit ziemlichen Schimpfworten zurück. Ihre Meinung änderte sie schließlich dadurch, dass «die Pflegeperson wiederkam … immer und immer wieder, und versuchte, mich zum Sprechen zu ermutigen». Dies ist ein klassisches Beispiel dafür, wie man sogar «widerspenstigen» Patienten helfen könnte, sich zu beteiligen. Wo sich Patienten in einem Zustand akuten Leidens befinden, vielleicht «florid psychotisch» oder «tief depressiv», müssen Fachpersonen als Strategie Fürsorge und Unterstützung bieten, bis der Patient wieder zu kommunizieren vermag. Es kann keine starren Regeln dafür geben, «wann» man mit der Anwendung des Gezeiten-Modells beginnt. Vielmehr müssen Fachpersonen auf den Patienten eingehen und darauf vorbereitet sein, zu warten, bis die Person bereit scheint, sich auf etwas einzulassen, das wahrscheinlich in einer Reihe anstrengender therapeutischer Gespräche bestehen wird.

Wie würdet Ihr antworten, wenn Mitarbeitende eines psychiatrischen Dienstleisters sagten, sie hätten weder Zeit noch Geld, um mit diesem Modell zu arbeiten?

Dies ist eine heikle Frage. Wenn man uns – in Workshops – diese Frage stellt, antworten wir: «Womit verbringen Sie Ihren ganzen Arbeitstag?» Die Antwort lautet gewöhnlich, dass man viel Zeit mit Administration, dem Weitergeben von Informationen an andere Fachpersonen, mit Besprechungen, dem Entgegennehmen von Anrufen etc. verbringt. Wenn wir dann fragen: «Wie helfen diese Tätigkeiten der Person zu genesen?», lachen die Menschen gewöhnlich, weil diese Tätigkeiten eindeutig zum Nutzen des Teams oder der Einrichtung sind – nicht zum Nutzen der Patienten. Die Frage lautet nicht, wie viel Zeit vorhanden ist, sondern wie das Team diese Zeit nutzt.

Auch die Frage des Geldes ist irrelevant. Wir haben uns mit Hunderten von Einrichtungen in vielen verschiedenen Ländern befasst, die allesamt das Gezeiten-Modell implementiert hatten. Keine davon hatte vor Einführung des Gezeiten-Modells zusätzliche finanzielle Mittel erhalten. Vielmehr arbeiteten alle mit ihren vorhandenen Mitteln. Auch dies ist ein Beispiel dafür, wie Teams im Einsatz ihrer verfügbaren Ressourcen kreativ waren. Diejenigen, welche Entschuldigungen dafür vorbringen, «warum» sie das Gezeiten-Modell nicht einführen können, haben vielleicht einen psychologischen Widerstand dagegen – entweder gegen das Gezeiten-Modell oder, tief greifender noch, gegen einen Wandel ihrer Praxis.

Mit einiger zeitlicher Verzögerung ist der Recovery-Ansatz nun auch im deutschsprachigen Raum angekommen. Wo liegen die Ähnlichkeiten, wo die Unterschiede zwischen dem Gezeiten-Modell und dem Recovery-Ansatz?

Das Konzept «Recovery» ist in den meisten westlichen Ländern etabliert und in vielen von ihnen bedient man sich bei der Definition der Arbeit des Boston Center for Psychiatric Rehabilitation. Unser Konzept von Recovery begannen wir in den frühen 80er Jahren zu entwickeln, lange bevor wir auf die Arbeit der Bostoner Schule stießen. Noch wichtiger ist, dass jetzt zwar viele Menschen von «Recovery» sprechen, aber nur wenige beschreiben, «wie» sie sich realisieren ließe. Im Gezeiten-Modell versuchen wir zu verdeutlichen, «wie» solch ein vages Konzept für den Patienten zur lebendigen Realität werden könnte. Darüber hinaus haben wir deutlich gemacht, dass es keine Definition von Recovery geben könne – diese wäre von der Person zu definieren, und das ist der Patient. Infolgedessen richteten sich all unsere Bemühungen im Rahmen des Gezeiten-Modells darauf, der Person zu helfen, uns zu sagen, was «Recovery» bedeuten könnte, was anders sein müsste, damit Recovery möglich wird.

Bedarf es einer Weiterentwicklung des Modells?

Wie erwähnt, ist «Recovery» in fast jedem westlichen Land Teil der Politik und Gesetzgebung in Bezug auf psychiatrische Einrichtungen geworden. In vielen Settings hat «Recovery» aber immer noch nur theoretische Bedeutung und muss erst noch Teil der Routinepraxis der Einrichtung werden.

Wie wir in verschiedenen Veröffentlichungen beschrieben haben, wird das Gezeiten-Modell nun von vielen Einrichtungen in zahlreichen Ländern eingesetzt. Gegenwärtig sind wir der Ansicht, dass das Gezeiten-Modell ein abgeschlossenes Modell für die Praxis ist und keiner erkennbaren Modifikation oder Entwicklung bedarf. Die Herausforderung scheint hauptsächlich darin zu liegen, wie vor allem Pflegende das Gezeiten-Modell praktizieren können, besonders in Settings, in denen die Rolle der Pflegeperson auf eine Unterstützung anderer Berufsgruppen festgelegt wurde oder in denen das primäre Ziel der Einrichtung eher in Kostenreduktion und im Organisieren einer raschen Entlassung der Patienten besteht, statt sich auf die eigentlichen Bedürfnisse des jeweiligen Patienten zu konzentrieren.

Lieber Phil, liebe Poppy

Vielen Dank für das Gespräch!

1 Alligood, M. R. (2017). Nursing Theorists and Their Work (9th ed.). Amsterdam: Elsevier.

2 Der Begriff «caring» kann mit «fürsorglich» oder «mitfühlend» übersetzt werden. «Care» wird häufig als pflegerische Kernkompetenz genannt, im Gegensatz zu «cure» (dt.: heilen), die der medizinischen Kompetenz zugeschrieben wird.

Rückforderung – Die Kunst des Möglichen

Zusammenbrüche geschehen nur selten über Nacht. Ebenso tritt auch Genesung nicht plötzlich ein, sondern entwickelt sich in dem der Person eigenen Tempo, je nach ihren Umständen.

Wir verstehen, dass Genesung lange Zeit brauchen kann. Wir sind wie jemand, der nach einer großen Überschwemmung aufwischt. Wir wissen, dass dies unsererseits und vielleicht auch von anderen Menschen erheblicher Anstrengung bedarf. Vor allem vermuten wir, dass nichts wieder so sein wird wie vorher.

«Aufwischen» ist jedoch genau das, was getan werden muss. Wir räumen auf und bauen die Leben, die durch die Flut (fast) zerstört wurden, wieder auf. Dies wird unsere wichtigste Tätigkeit.

Durch diese Arbeit können wir unsere menschliche Natur zurückfordern. Wir tun, was getan werden kann, und nicht mehr. Wenn wir das tun können, gewinnen wir die verloren geglaubten Leben unter Umständen tatsächlich zurück.

Alle Menschen sind nicht mehr als ihre eigene Lebensgeschichte – die Geschichte, die sie sich selbst und anderen erzählen, und die Geschichte, die andere über sie erzählen.

Im Gezeiten-Modell helfen wir Menschen, die Geschichten ihres Zusammenbruchs, ihres Leidens und ihrer Schwierigkeiten zurückzufordern, um ihre Erfahrung wieder besitzen zu können.

Indem sie über sich sprechen, werden Menschen sich stärker bewusst, wie sie «leben» – und indem sie «tun, was getan werden muss», könnten sie vielleicht über ihre Probleme hinausgelangen in eine neue, von ihnen selbst gestaltete Geschichte.

1. Das Gezeiten-Modell – Die ersten 10 Jahre Entwicklung und Wandel

Das Gezeiten-Modell wurde zwischen 1995 und 1997 entwickelt und die erste formelle Gezeiten-Studie wurde zwischen 1997 und 1999 in England durchgeführt. Dieses Handbuch ist eine vollständig überarbeitete Version des ursprünglichen Leitfadens für die Praxis des Gezeiten-Modells, der zuerst 1997 verfasst und nach Abschluss der ersten vollständigen Studie im Jahre 2000 veröffentlicht wurde.

Wer das ursprüngliche Handbuch – The Tidal Model: A recovery based approach to mental health care3 – gelesen hat, wird die zahlreichen Entwicklungen in der Gezeiten-Praxis im Laufe des vergangenen Jahrzehnts zu schätzen wissen. Das Setting für die ursprüngliche Gezeiten-Studie lieferte eine herkömmliche Station der stationären Akutversorgung und viele der Praxisvorlagen für das Modell waren auf jenes Setting zugeschnitten.

Seit 2000 wird das Gezeiten-Modell jedoch in einem breiten Spektrum kommunaler, klinischer und ambulanter Settings eingesetzt, die den öffentlichen und den privaten Sektor der Psychiatrischen Pflege ebenso wie ehrenamtliche und gemeinnützig finanzierte Dienste umfassen. Wir haben viele unserer Praxisvorlagen und Illustrationen überarbeitet, um einige der zentralen Entwicklungen wiederzugeben, die uns so beeindruckt haben.

Diese Fort- und Weiterentwicklung des Modells steht im Einklang mit den zentralen Prinzipien der Gezeiten-Theorie. Nichts ist von Dauer! Wir hoffen, in weiteren 10 Jahren festzustellen, dass sich die Gezeiten-Praxis auch weiterhin fort- und weiterentwickelt hat, indem Praktiker andere Wege entdecken, um die Gezeiten-Theorie in die Tat umzusetzen.

Klinik oder Gemeinde – klinische oder häusliche Pflege

Das Gezeiten-Modell liefert eine Struktur zur Entwicklung einer personenzentrierten, gemeinschaftlichen Pflege in jedem Setting. Es kann bei jemandem zuhause eingesetzt werden, wo der Schwerpunkt darauf liegt, eine Krise im Leben der Person anzugehen, um eine mögliche Einweisung zur stationären Pflege abzuwenden. Es kann ebenso leicht in einem Wohnheim-Setting angewandt werden, wo der Schwerpunkt darauf liegt, wohlbekannte Probleme, wie die Vorbereitung zur Rückkehr der Person nachhause, zu lösen.

In allen Settings ist der Zweck derselbe, nämlich dieProbleme des Lebens zu identifizieren, welche die Quelle für das Leiden oder die Störung der Person sind, damit die Person und die professionellen Helfer (und Familie und Freunde) gemeinsam beginnen können, zu erkunden, was getan werden muss, um sie zu beseitigen oder der Person zu helfen, sich damit zu arrangieren.

Normale Sprache

Das Gezeiten-Modell würdigt die Verwendung normaler Sprache mit dem Ziel, mit derselben Stimme wie die hilfsbedürftige Person zu sprechen. Dies steht in deutlichem Gegensatz zur typischen Psychiatrischen Pflege, in der medizinisch-psychologische oder bürokratische Sprache oft die Wasser der fürsorgenden Beziehung trüben.