Das Glück der Sonnenstunden - Marcia Willett - E-Book

Das Glück der Sonnenstunden E-Book

Marcia Willett

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Beschreibung

Hughs Liebe zu der schönen Lucinda wird überschattet von einem tragischen Unfall. Die lebenslustige Pippa hat zwar einen süßen Sohn, aber einen Mann, der ihr das Leben zur Hölle macht. Und dem sympathischen Max fehlt einfach der Kick, um sein Leben endlich in Schwung zu bringen. Wie gut, dass es da noch die warmherzige Annie gibt, die mit dem ein oder anderen Rat dem Glück auf die Sprünge zu helfen weiß ...

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Seitenzahl: 540

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Inhalt

CoverInhaltÜber die AutorinTitelImpressumWidmungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36

Über die Autorin

Marcia Willett wurde 1945 als jüngste von fünf Schwestern in Somerset geboren. 1969 heiratete sie einen Marineoffizier, ein Jahr später wurde Sohn Charles geboren. Inzwischen lebt Marcia Willett mit ihrem zweiten Ehemann Rodney und einem Neufundländer in Devon, wo sie sich hauptsächlich dem Schreiben von Romanen widmet.

Marcia Willett

Das Glück derSonnenstunden

Roman

Aus dem Englischen vonMichaela Link

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © 1997 by Marcia Willett

Titel der englischen Originalausgabe: »Starting Over«

Originalverlag: Kensington Books

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2014/2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Einbandgestaltung: Bianca Sebastian

Titelbild: Alamy Images

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-0146-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Cate

1

Der Zug aus Penzance hatte Verspätung, verkündete die Ansage über Lautsprecher. Hugh Ankerton sah seine Begleiterin an und zog die Augenbrauen in die Höhe. Lucinda zuckte mit einem kläglichen Lächeln die Schultern. Während Hughs erstem Jahr an der Universität von Bristol hatten sie reichlich Gelegenheit gehabt, eine gewisse Duldsamkeit gegenüber den Kapricen der britischen Eisenbahn zu entwickeln.

»Du rufst am besten deine Mum an«, schlug Hugh vor, »und danach gehen wir irgendwo einen Kaffee trinken.«

Er sah ihr nach, als sie zur Telefonzelle ging, und staunte einmal mehr darüber, dass dieses hübsche, schlanke, zauberhafte Mädchen von all den Männern, die es hätte haben können, ausgerechnet ihn gewählt hatte. Lucinda war bei Jung und Alt gleichermaßen beliebt. Ihre Eltern himmelten sie an, und er wusste, dass seine Mutter sie mit offenen Armen als Schwiegertochter willkommen geheißen hätte.

Hugh runzelte die Stirn und wandte sich dem Bahnhofscafé zu. Unglücklicherweise hatte es während der Woche, die er mit Lucinda im Bauernhaus seiner Eltern in Dartmoor verbracht hatte, Spannungen zwischen ihnen beiden gegeben. Seiner Mutter war das nicht verborgen geblieben, und er vermutete, dass sie darüber auch sprechen würde. Er bestellte zwei Tassen Kaffee und ging damit zu einem Ecktisch hinüber. Zu dumm, dass er nicht in der Lage war, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten, überlegte Hugh. Diese Schwäche hatte bereits zu Ereignissen geführt, die er niemals würde vergessen können. Seine Schuld schien sein Leben zu vergiften, und langsam gab er jede Hoffnung auf, dass er jemals wieder frei davon sein würde.

Lucinda ließ sich auf den Stuhl ihm gegenüber sinken, und Hugh schob seine Gedanken beiseite und lächelte sie an.

»Alles in Ordnung?«

Sie nickte und griff nach ihrem Kaffee; dabei fiel ihr der lange, blonde Zopf nach vorn über die Schulter. Wie immer nahm sie seine Stimmung sehr genau wahr, aber sie war fest entschlossen, ihren Abschied nicht von irgendwelchen Misstönen begleiten zu lassen.

»Ich habe mit Mummie gesprochen. Sie will vorher nochmal nach der Verspätung fragen, bevor sie mich am Bahnhof abholen kommt. Sie lässt dich schön grüßen.«

»Nett von ihr«, murmelte Hugh geistesabwesend – dann rief er sich im Stillen zur Ordnung und riss sich zusammen. »Du wirst mir fehlen. Es wird ein seltsames Gefühl sein, wenn du so weit weg bist.«

»So weit ist es gar nicht bis nach Eastbourne.« Lucindas Stimme klang munter, doch auf ihrem Gesicht stand ein sorgenvoller Ausdruck. »Du wirst mir auch fehlen, aber wir können die meisten Wochenenden zusammen verbringen.«

Hugh rang mit widersprüchlichen Gefühlen. Lucinda, die während seines ersten Jahres in Bristol ihre eigenen Pläne auf Eis gelegt hatte, wollte jetzt in einem College mit Wohnheim in Eastbourne einen einjährigen Hauswirtschaftskursus belegen. Obwohl er wusste, dass er sie schrecklich vermissen würde, fühlte er sich gleichzeitig beinahe erleichtert.

Obgleich sie sich große Mühe gegeben hatte, ihm bei der Überwindung seiner Schuldgefühle zu helfen, war es ihm unmöglich, sie an seinen geheimsten Gedanken teilhaben zu lassen – eine Situation, die sich im Laufe der letzten Monate noch verschlechtert hatte. Und dennoch sehnte er sich danach, sie an sich zu ziehen und sie nie wieder loszulassen.

Lucinda sah sein sorgenvolles Gesicht und unterdrückte ein Seufzen. Sie kannte diesen düsteren Ausdruck, den Charlottes Schatten über seine Züge warf. Der Gedanke, ihn in dieser Stimmung allein zu lassen, war ihr schrecklich, und sie überlegte, wie sie ihn aufmuntern konnte. Sie griff nach seiner Hand, und er drückte ihre Finger, lächelte sie an und wünschte sich verzweifelt, es könnte zwischen ihnen wieder alles gut werden.

»Ich schreibe dir, sobald ich mich eingelebt habe«, sagte sie in der Hoffnung, eine Atmosphäre der Vertrautheit in dem kleinen, lauten Café zu schaffen. »Gib mir deine neue Telefonnummer, sobald du sie weißt, ja?«

»Natürlich.« Er klang beinahe fröhlich, und ihr Herz zog sich zusammen.

»Ach, Hugh«, seufzte sie und strich ihm über die Wange. »Ich liebe dich wirklich.«

»Ach, Lu.« Er umfasste ihre Hand ein wenig fester. »Ich weiß. Und du weißt, dass ich dich auch liebe. Es ist nur ...«

»Ja, ja«, meinte sie schnell, denn sie wollte nicht noch einmal all die Gründe – oder Vorwände – durchgehen, mit denen Hugh das eigentliche Problem zwischen ihnen zu bemänteln versuchte. »Mir ist klar, dass wir noch jung sind und so weiter. Ich möchte nur, dass du es weißt.«

Der Lautsprecher erwachte knisternd zum Leben, die Einfahrt des Zuges wurde angesagt, und Lucinda raffte ihre Sachen zusammen. Hugh und sie hielten einander eng umschlungen und küssten sich beinahe verzweifelt, bevor sie in den inzwischen wartenden Zug stieg und sich einen Platz am Fenster suchte. Normalerweise genoss sie die Fahrt durch das West Country, aber heute fesselte die Landschaft ihre Aufmerksamkeit nur oberflächlich. Ihre Gedanken konnten sich nicht von Hugh lösen. Seit sie ihm bei der Verlobungsparty seiner Schwester das erste Mal begegnet war, hatte sie das seltsame Gefühl gehabt, dass sie zusammengehörten. Der Umstand, dass sie beide noch sehr jung waren, war für sie ohne Belang. Sie wusste einfach im Innersten ihres Herzens, dass sie füreinander bestimmt waren.

Während der Zug Plymouth hinter sich ließ und landeinwärts fuhr, kämpfte Lucinda mit dem Gefühl, dass sie bei Hugh an Boden verlor. Wenn sie nur von Anfang an die Wahrheit über Charlotte Wivenhoe gekannt hätte, wäre sie ganz anders an die Sache herangegangen. Aber wie hätte sie auch ahnen können, dass Charlottes jugendliche Schwärmerei für Hugh von solch tragischem Ausmaß gewesen war? Sie hatte Charlotte auf derselben Verlobungsfeier kennen gelernt wie Hugh, ein schüchternes, unbeholfenes Mädchen voller Hemmungen. Nachdem sie ein paar Mal versucht hatte, sie in ein Gespräch zu verwickeln, war es Lucinda barmherziger erschienen, Charlotte in Ruhe zu lassen. Später hatte Hugh ihr dann erzählt, dass sie die Tochter eines Nachbarn sei, mit der er gelegentlich ausritt und die eine große Zuneigung zu ihm gefasst hatte. Noch heute und trotz der Schwierigkeiten, die Charlotte zwischen ihnen gestiftet hatte, musste Lucinda lächeln, wenn sie daran dachte, wie zurückhaltend Hugh ihr davon erzählt hatte. Er hatte sich nicht ein einziges Mal über Charlottes Verliebtheit lustig gemacht oder damit geprahlt, sondern vielmehr versucht, ihr, Lucinda, die schreckliche Schüchternheit und die Unsicherheit des Kindes begreiflich zu machen.

Seine Güte und Empfindsamkeit hatten Lucinda gerührt, rührten sie immer noch, doch damals war sie zu sehr mit ihrer eigenen Freundschaft zu Hugh beschäftigt gewesen, um allzu viel über ein fünfzehnjähriges Schulmädchen nachzudenken.

Wenn ich es doch nur begriffen hätte!, dachte sie, während der Zug am Rand des Moors hinter Ivybridge entlangfuhr und seinen Weg ratternd über das Viadukt fortsetzte, das den Besitz der Nethercombes überspannte. Wenn ich das alles doch nur noch einmal machen könnte!

Rückblickend sah sie genau, wo ihre Fehler gelegen hatten. Sie hatte Charlotte einfach nicht ernst genommen und Hughs schlechtes Gewissen mit einem Lachen zu beschwichtigen versucht. So sehr sie sich auch bemüht hatte, war es ihr nicht gelungen, ihn dazu zu bringen, die Dinge nüchtern zu betrachten. Während ihres Aufenthalts bei den Ankertons hatte sich die Situation dann endgültig zugespitzt, als Hugh mit ihr einen Spaziergang zum Steinbruch hinauf unternommen hatte, wo Charlotte gestorben war. Wieder einmal waren die alt vertrauten Fragen zur Sprache gekommen. War Charlotte in dieser stürmischen Nacht absichtlich mit ihrem Pony diesen gefährlichen Weg entlanggeritten? War es ein Unfall oder Selbstmord gewesen? Wäre es auch dann zu der Tragödie gekommen, wenn Charlotte sie nicht unerwartet zusammen in Bristol gesehen hätte? Lucinda wusste, dass Hugh ihr vorwarf, sich bei dieser Gelegenheit wenig einfühlsam gezeigt zu haben. Im Steinbruch hatte sie ihn daraufhin bezichtigt, er sei morbide. Sie hatten sich wieder einmal gestritten, und obwohl sie sich schnell versöhnt hatten, wusste sie, dass Frances – Hughs Mutter – die Spannung zwischen ihnen gespürt und sich Sorgen gemacht hatte.

Lucinda seufzte und setzte sich ein wenig bequemer hin. Vielleicht war diese Trennung am Ende doch eine gute Sache. Möglicherweise fand Hugh ja ein wenig schneller zu sich selbst zurück, wenn sie nicht mehr gar so oft in seiner Nähe war. Man sagte ja, Trennung lasse die Zuneigung wachsen. Lucinda schüttelte den Kopf. Es war ausgeschlossen, dass ihre Zuneigung zu Hugh noch wachsen konnte.

Während der Zug gen Norden brauste, hängte Frances Wäsche auf die Leine, die in dem kleinen Obstgarten hinter dem Hof zwischen zwei Bäumen gespannt war, und grübelte über die Beziehung zwischen Lucinda und ihrem Sohn nach. Sie war überglücklich gewesen, als Lucinda sich in Hugh verliebt hatte. Es war ungemein tröstlich gewesen zu wissen, dass er sein neues Leben in Bristol mit einer guten Freundin an seiner Seite begann; und Lucinda war wirklich ein Schatz. Natürlich wusste Frances, dass es töricht war zu hoffen, die Liebe der beiden könne die Studentenzeit überdauern, aber insgeheim betete sie darum, dass es doch so kommen würde. Sie passten so gut zueinander. Es war ihr schrecklich, die beiden unglücklich zu sehen, und gestern war sie sogar so weit gegangen, Lucinda zu fragen, was die Ursache für die Unstimmigkeiten zwischen ihnen sei. Dann hatte sie voller Bestürzung zugehört, als Lucinda ihr – wenn auch widerstrebend – erzählt hatte, dass Hugh sich immer noch wegen Charlotte quälte, dass er einfach nicht über ihren Tod hinwegkam.

Frances hängte die letzten Wäschestücke auf und setzte sich auf die niedrige Mauer, die den Obstgarten von dem Teil des Grundstücks abtrennte, der früher einmal Ackerland gewesen war. Als sie und Stephen den Hof vor zehn Jahren gekauft hatten, war der größte Teil des ehemals dazugehörigen Landes bereits an die benachbarten Bauern verkauft. Den Ankertons gehörten jetzt noch mehrere Weiden, der Obstgarten und eine weitere kleine Gartenfläche hinter dem Haus. Als ihre Tochter Caroline, damals zwölf und damit zwei Jahre älter als Hugh, sich ein Pony gewünscht hatte, hatte Frances einen Ponyclub eröffnet, in dem auch Carolines Pony und nicht viel später Hughs Pony Platz gefunden hatten. In den Ferien hatten beide Kinder kräftig mit angefasst, aber als Caroline Sherborne besuchte und Hugh Blundell’s, war während der Schulzeit alles an Frances hängen geblieben.

Als die Wivenhoes das Pfarrhaus im Nachbardorf kauften, entwickelte sich eine Bekanntschaft zwischen den beiden Familien, die sich nie ganz zur Freundschaft mauserte. Die Wivenhoes waren eine Marinefamilie und hatten ohnehin schon viele Freunde in der Gegend; vor allem aber konnte Frances sich nie recht für Cass, Charlottes Mutter, erwärmen. Während sie nun in der Vormittagssonne auf der Mauer saß, fragte Frances sich, ob es vielleicht eine Art Instinkt gewesen sein mochte, der sie schon damals vor Cass gewarnt hatte. Frances hatte von Anfang an gewusst, woran sie mit Cass war. Freundlich, großzügig und umgänglich mochte sie sein, doch Frances sah auch, dass sie schön, kokett und gewissenlos war. Da Stephen sofort auf Cass’ bezaubernden Charme ansprang, hielt Frances es für geraten, die Beziehung sehr flüchtig zu halten, und viele der Einladungen, die aus dem Pfarrhaus kamen, wurden abgelehnt, ohne dass Stephen auch nur davon erfuhr.

Tom Wivenhoe war Marineoffizier und häufig auf See, und Frances war sich im Klaren darüber, dass eine Nachbarin wie Cass sehr gefährlich sein konnte. Stephen war ein wohlerzogener, freundlicher, schlichter Mann, und Frances – die durchaus zur Eifersucht neigte – hatte Angst vor schönen, intelligenten, eleganten Frauen. In fünfundzwanzig Jahren Ehe war Stephen nicht ein einziges Mal fremdgegangen, doch Frances blieb wachsam. Cass hätte ihn sofort zum Frühstück verspeist. Als in der Gerüchteküche, die von gemeinsamen Freunden mit großem Eifer versorgt wurde, von Cass’ Affären zu hören war, wusste Frances, dass sie Recht gehabt hatte. Sie hätte liebend gern abgelehnt, als Cass sie fragte, ob Charlotte ihr Pony vielleicht bei den Ankertons unterstellen könne. Unglücklicherweise hatte Cass jedoch an einem Samstagmorgen angerufen, und Stephen hatte das Gespräch entgegengenommen. Frances hörte sein Lachen und seine galanten Erwiderungen und wusste sofort, mit wem er sprach.

»Natürlich!«, hörte sie ihn ausrufen. »Kein Problem, soweit ich das beurteilen kann! Aber eigentlich liegt die Entscheidung nicht bei mir, und ich greife meiner Frau wahrscheinlich vor. Soll ich Ihnen nicht lieber Frances geben? Also abgemacht. Gute Idee! Tun Sie das. Ich freue mich schon darauf.«

Als er in die Küche kam, war Frances am Waschbecken beschäftigt. »Wer war denn das?«

»Cass Wivenhoe.« Er lehnte sich neben sie an die Theke und sah zu, wie die Kartoffelschalen vom Messer glitten. »Sie wollen Charlotte vielleicht ein Pony kaufen, und Cass wüsste gern, ob wir es hier bei uns unterbringen könnten. Sie würden natürlich sehr großzügig bezahlen. Nun, warum nicht?«

»Ich kann mich nicht um ihr Pony kümmern. Ich habe schon genug um die Ohren.«

»Das dürfte wohl kein Problem werden.« Stephen klang verlegen. »Charlotte scheint ganz versessen auf ein Pony zu sein – du darfst nicht vergessen, dass sie kein Internat besucht. Sie kann mit dem Fahrrad herkommen und so weiter. Cass wird später kurz vorbeischauen, um alles mit dir zu besprechen.«

Frances dachte nach. Eins stand jedenfalls fest: Cass war nicht der Typ, der sich um ein Pony kümmerte. Sie würde niemals Futter herbeischleppen, Tröge füllen oder den Stall ausmisten, und Frances war sich ziemlich sicher, dass das Pony, sollte Charlottes Begeisterung erlahmen, wieder wegkommen würde.

Jetzt, fünf Jahre später, drehte Frances sich auf der Mauer ein wenig und ließ ihren Blick über die Felder zu den Hügeln und Felsspitzen von Dartmoor wandern. Es war ein ruhiger, warmer Tag, und der Gesang einer Feldlerche, die hoch über ihr im blauen Äther flog, erfüllte die Luft. Im Geiste sah sie jetzt Charlotte vor sich: mit braunem Haar und braunen Augen wie Tom, aber anders als beide Elternteile scheu und ängstlich. Sie hatte ihr Pony heiß und innig geliebt und war früh aufgestanden, um es zu bewegen, und sie hatte Frances mit ehrlicher Freude bei der harten Arbeit geholfen, die die Pflege der Tiere mit sich brachte. Es war ihr nicht schwer gefallen, das Mädchen lieb zu gewinnen. Nach und nach hatte Charlotte ihre Scheu verloren und über ihre jüngeren Geschwister und Tom geplaudert – die sie alle sehr liebte –, aber Cass fast nie erwähnt.

Es ließ sich nicht mehr genau sagen, wann die Ankertons Charlottes Schwärmerei für Hugh bemerkten. Sie zogen ihn ein wenig damit auf, ignorierten das Ganze jedoch im Wesentlichen. Er war sehr nett zu Charlotte, ritt in den Ferien mit ihr aus und gab vor, gar nicht zu registrieren, wie oft sie in der Nähe war, wenn sie wusste, dass er zu Hause sein musste. Als er dann später erfuhr, dass sie Angst davor hatte, ins Internat zu gehen, wo sie das Abitur machen sollte, nahm er sie ein oder zwei Mal nach Blundell’s mit. Er wollte ihre Furcht beschwichtigen, indem er sie seinen Freunden vorstellte. Dieses Vorgehen hatte erstaunlichen Erfolg, und obwohl Hugh bereits zur Universität ging, als Charlotte auf seine ehemalige Schule kam, verschaffte es ihr doch immenses Ansehen bei ihren Klassenkameraden, dass sie mit diesem beliebten Jungen befreundet war, und ihr Selbstvertrauen wuchs.

Dann ging Frances durch den Kopf, dass Hugh darauf bestanden hatte, Charlotte zu Carolines Verlobungsfeier einzuladen. Starr vor Nervosität und vollkommen unpassend gekleidet, hatte sie Hugh mit ihrer Eifersucht auf die anderen Gäste und insbesondere auf Lucinda den Abend verdorben. Das war der Punkt, an dem der Ärger richtig begonnen hatte, dachte Frances, während sie sich auf den Weg in die große Bauernküche mit den Bodenfliesen und dem deckenhohen Geschirrschrank machte. Gedankenverloren stellte sie den Kessel auf die Wärmeplatte des Agaherds. Wenn Hugh doch nur auf sie gehört hätte! Sie hatte ihn damals davor gewarnt, Charlotte weiter zu ermutigen, doch Hugh war, ebenso wie sein Vater, zu sanftmütig – zu schwach! –, überlegte Frances, während sie nach einem Becher griff. Es wäre so einfach für ihn gewesen, seine Freundschaft mit Charlotte ganz natürlich abklingen zu lassen, nachdem er zur Universität gegangen war, aber nein! Frances schlug verärgert die Kühlschranktür zu. Nein, er hielt Kontakt mit Charlotte und ermutigte sie geradezu, ihm auf die Nerven zu gehen, bis sie ihn eines Tages in Bristol überraschen wollte und ihn mit Lucinda sah.

Frances kochte sich einen Tee und schlenderte dann in den kleinen Garten im Hof hinaus, wo sie sich auf eine Holzbank an der Mauer hockte. Auch vom Hof aus, auf den die schmale Einfahrt mündete, hatte man einen Blick über die Felder bis zum Moor, wenn auch etwas eingeschränkt durch die offene Remise, in der sie alle ihre Autos unterstellten. Frances hatte dem Hof mit Blumenkübeln ein etwas fröhlicheres Aussehen gegeben. Den Teebecher in der Hand, ging sie im Geiste noch einmal ihr früheres Gespräch mit Lucinda durch. Es war ein großer Schock für sie gewesen zu hören, dass Hugh sich die Schuld an Charlottes Tod gab. Ihre tiefe Zuneigung zu Lucinda und ihre sehr reale Sorge um die Beziehung der beiden jungen Leute weckten in ihr ein Gefühl der Feindseligkeit und des Grolls gegen Charlotte und Cass, und als Hugh die Auffahrt hinaufgefahren kam, kochte sie immer noch vor Wut. Er wendete den Wagen in der Einfahrt, und ihr fiel wieder ein, dass er fast umgehend zur Mittagsschicht in den Pub musste, wo er in den letzten Wochen seiner Ferien arbeitete.

Hugh stieg aus und kam über den Hof auf sie zu. Warum war ihr nicht schon vorher aufgefallen, wie dünn er war und wie müde er aussah? Frances krampfte die Finger um den Teebecher und musterte ihren Sohn forschend. In der Zeit zwischen Weihnachten und Ostern hatten die Pläne für Carolines Hochzeit praktisch ihre gesamte Aufmerksamkeit beansprucht. Es hatte so viel zu organisieren gegeben, so viele Details, die beachtet sein wollten, so viel Arbeit. In all dem Trubel hatte sie Hugh wahrscheinlich nicht die Beachtung geschenkt, die er verdiente. Es war so angenehm, ihn um sich zu haben; er fügte sich problemlos ein, legte mit Hand an und war ihr eine große Stütze, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Den größten Teil des Jahres war er natürlich an der Universität, und die Osterferien hatten ganz im Schatten der Hochzeit gestanden. In den ersten Wochen der Sommerferien war er mit einigen Freunden wandern gegangen. Frances überlegte, wann sie sich das letzte Mal näher mit ihm beschäftigt hatte. Sie brauchte nicht lange nachzudenken; es war vor einem Jahr gewesen, nach Charlottes Beerdigung.

»Habt ihr es noch rechtzeitig geschafft?«, fragte sie, eher um überhaupt etwas zu sagen als aus Interesse an der Antwort. Es war ziemlich offensichtlich, dass Lucinda ihren Zug noch bekommen hatte.

»Der Zug hatte Verspätung.« Seine Antwort klang durchaus unbeschwert, aber irgendeine Nuance in seiner Stimme ließ sie aufhorchen.

Er setzte sich neben sie, die Arme vor der Brust verschränkt, den Kopf vorgebeugt. Scharf zeichneten seine Schulterblätter sich unter seiner Kleidung ab. Seine ganze Haltung strahlte Trostlosigkeit aus. Einen Moment lang fragte sie sich, ob sie weiter in ihn dringen oder lieber taktvolles Schweigen bewahren sollte, aber noch während ihr diese Frage durch den Kopf ging, wusste sie, dass sie zu taktvollem Schweigen nicht länger in der Lage war.

»Ich hoffe, ihr habt euch wieder versöhnt, Hugh. Streit ist immer schrecklich, nicht wahr?«

Er zuckte die Schultern. »So ist das Leben eben.«

»Ach, Hugh!« Mit einem Mal konnte sie seine Hoffnungslosigkeit deutlich spüren, und jetzt machte sie sich wirklich Sorgen. »Es tut mir Leid. Ging es um ...?«

Er lächelte ein wenig, als sie zögerte. Sie wussten beide, dass er zu gutmütig war, um ihr zu sagen, sie solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Und gerade auf diese Gutmütigkeit setzte Frances nun, jedoch nur deshalb, weil er ihr so viel bedeutete.

»Ich gehe ihr eben manchmal auf die Nerven«, erklärte er. »Und ich kann nicht behaupten, dass ich ihr daraus wirklich einen Vorwurf mache. Es war in letzter Zeit wahrhaftig nicht leicht, mit mir zu leben.«

»Was um alles in der Welt meinst du damit?« Frances runzelte die Stirn, und einen kurzen Augenblick lang kämpfte mütterliche Voreingenommenheit mit ihrer Liebe zu Lucinda.

Hugh zögerte. »Es ist einfach so, dass wir wegen Charlotte nicht auf einen Nenner kommen«, bekannte er endlich.

»Wegen Charlotte?« Sie ließ sich deutlich anmerken, wie sehr seine Antwort sie überraschte.

Hugh seufzte und vergrub die Hände in den Taschen. »Du weißt, wie ich über ihren Tod denke, Mum. Ich habe es dir seinerzeit erzählt.«

»Aber das ist lange her; damals warst du einfach sehr erregt.« Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf. »Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass Charlottes Tod etwas anderes war als ein Unfall? Gütiger Himmel, Liebling, es ist fast ein Jahr her. Du kannst nicht immer noch darüber nachgrübeln?«

Hugh wandte den Blick von ihr ab. »Du hörst dich an wie Lucinda«, stellte er fest. »Wie wärs mit einer Tasse Kaffee, bevor ich zur Arbeit gehe?«

»Kaffee ist jetzt nicht so wichtig.« Frances bekam langsam wirklich Angst. Der Gesichtsausdruck ihres Sohnes spiegelte Resignation wider, eine Geistesabwesenheit, die von seinen inneren Qualen zeugte, und sie streckte die Hand nach ihm aus. »Hugh«, begann sie flehentlich, »du darfst nicht glauben, Charlottes Tod hätte etwas mit dir zu tun gehabt.«

»Sieh mal.« Er griff nach ihrer Hand, drückte sie kurz und ließ sie wieder los. »Als Charlotte aus Bristol zurückkam, war sie so außer sich, dass sie ein Beruhigungsmittel brauchte ... nein! Lass mich aussprechen! Wenn ich deinen Rat angenommen und ihr erklärt hätte, dass ich viel mit Lucinda zusammen war, dann wäre das Ganze kein solcher Schock für sie gewesen. Ich konnte nur einfach den Gedanken nicht ertragen, ihr wehzutun.«

»Charlotte war schon neurotisch, lange bevor du in ihrem Leben eine Rolle gespielt hast«, protestierte Frances. »Du darfst nicht überreagieren. Ich erinnere mich gut an das schreckliche Theater, weil sie nicht ins Internat gehen wollte, obwohl ihr Bruder und einige ihrer ältesten Freundinnen mit ihr gingen. Sie war schon zu den besten Zeiten scheu und nervös, und dieser schreckliche Autounfall, den sie mit angesehen hat, hat ihr den Rest gegeben.«

»Wenn sie mich nicht in Bristol mit Lucinda gesehen hätte, hätte der Unfall sie nicht derart aus der Fassung gebracht«, wandte Hugh ein. »All diese Dinge haben eine Rolle dabei gespielt. Genau darauf will ich ja hinaus.«

»Hugh!«, rief Frances. »Sie war fünfzehn, das ist alles. Fünfzehn Jahre alt. Also, was ist schon dabei, wenn sie dich mit Lucinda gesehen hat? Sie war viel zu jung, um sich als deine Freundin zu betrachten, und du hast sie in keiner Weise dazu ermutigt ...« Plötzlich kam ihr ein furchtbarer Gedanke. »Oder?«

»Natürlich nicht«, antwortete Hugh empört. »Sie war wie eine kleine Schwester für mich. Aber ich wusste, was sie für mich empfand. Verstehst du nicht? Ich wusste, dass sie labil war, deshalb gibt es keine Entschuldigung für mich. Sie war zum Beispiel fest davon überzeugt, dass Cass dutzende von Liebhabern hatte und dass Tom es eines Tages herausfinden würde. Sie war geradezu besessen von diesem Thema.«

»Ja. Nun, sie könnte durchaus Recht gehabt haben«, sagte Frances. »Aber ...«

»Nein«, widersprach Hugh vehement. »Kein Aber. Wir wussten, dass Charlotte ... nun ja, dass sie labil war. Ich hätte ihr von Lucinda erzählen müssen. Du hattest absolut Recht. Als ich nach Bristol ging, hätte ich sie fallen lassen müssen.«

»Und du glaubst, weil sie dich und Lucinda in Bristol zusammen gesehen hat, ist sie nach Hause gekommen, hat sich bei der ersten Gelegenheit ihr Pony geholt und ist dann aufs Moor hinaus geritten, um sich kopfüber in den Steinbruch zu stürzen?«

Wenn Frances gehofft hatte, Hugh mit einem Schock von seiner Besessenheit heilen zu können, hatte sie sich verrechnet. Er sah sie mit einem Ausdruck des Grauens in den Augen an.

»Ja«, antwortete er. »Genau das glaube ich.« Er stand auf. »Ich muss los. Wir sehen uns nachher.«

Etliche Stunden später hatte Frances noch immer keine zufrieden stellende Lösung gefunden. Es sah so aus, als steigerte Hugh sich von Tag zu Tag mehr in seine Schuldgefühle hinein, und sie machte sich Vorwürfe, dass sie es nicht eher bemerkt hatte. Wenn sie bloß mit der Hochzeit nicht so beschäftigt gewesen wäre ... Frances schüttelte den Kopf. Sinnlose Selbstanklagen halfen ihnen nicht weiter. Jetzt, da sie Bescheid wusste, konnte sie Hugh helfen, sich davon zu befreien. Die Ferien dauerten noch fast einen Monat, und sie musste die Zeit klug nutzen. Sie zweifelte nicht an ihrem Erfolg. Hugh war schon immer ein lenkbares Kind gewesen, bereit, ihr zu vertrauen und ihren Rat anzunehmen.

Frances gestattete sich einen Augenblick des Zweifels. Vielleicht hatte sie ihren Einfluss auf ihn ein wenig zu oft geltend gemacht, und Caroline war eine herrschsüchtige ältere Schwester gewesen. Sie hatte für ihn geantwortet, wenn Erwachsene ihn nach seinem Namen oder seinem Alter gefragt hatten, sie hatte ihm die Jacke zugeknöpft und die Schnürsenkel gebunden, und sie hatte ihn in der Schule beschützt. Es war überraschend, dass Hugh widerspruchslos nach Blundell’s gegangen war und dort ohne sie beide so gut zurechtgekommen war.

Sie fragte sich kurz, wie Cass wohl mit dem Tod ihrer Tochter fertig werden mochte. Wie furchtbar, ein Kind zu verlieren! Frances dachte an die Nacht des Unwetters, als Charlottes Pony ohne seine Reiterin zurückgekommen war und sie im Pfarrhaus angerufen hatte. Keiner von ihnen hatte Charlotte ausreiten sehen, und, um ehrlich zu sein, sie hatte sich selbst eine Weile mit Schuldgefühlen herumgeplagt, obwohl sie unmöglich hätte ahnen können, dass Charlotte bei solchem Wetter ihr Pony aus dem Stall holen würde. Und Cass hatte nie auch nur die geringste Neigung gezeigt, irgendjemandem Vorwürfe zu machen, obwohl Frances ihr seit dem Unfall noch konsequenter aus dem Weg ging und keine Ahnung hatte, was die andere Frau wirklich empfand.

Frances sah auf ihre Armbanduhr. Stephen, der die Abteilung für Forschung und Entwicklung einer Elektronikfirma leitete, wollte heute Überstunden machen, und sie selbst hatte sich mehr oder weniger mit einer Freundin zum Abendessen verabredet. Jetzt beschloss sie, zu Hause zu bleiben und nachher ein Gespräch mit Hugh zu suchen. Wenn er die Mittagsschicht hatte, konnte sie später ein wenig Zeit mit ihm verbringen und seinen zwanghaften Schuldgefühlen auf den Grund gehen.

2

Aber das ist doch verrückt! Ich hatte ja keine Ahnung, dass er so empfindet.« Frances legte gerade Messer und Gabeln auf den Küchentisch, hielt nun jedoch inne, um zu Stephen aufzusehen, der sein Glas in der Hand hielt.

»Wo ist er?«, fragte er, wobei er instinktiv sehr leise sprach.

»Er ist weggegangen. Zu den Webster-Zwillingen.«

»Nun, du machst die Sache jedenfalls nicht besser, wenn du dich derart aufregst.« Stephen lächelte ihr zu und hoffte, dass sie seine Anteilnahme spürte.

»Aber es hätte mir auffallen müssen, dass Hugh sich selbst zerstört ...«, erwiderte sie kläglich.

»Ach, komm schon!« Stephen schluckte eine vorschnelle Antwort herunter und nahm sich zusammen. Zu viele lange Abende bei der Arbeit und fast ständige Kopfschmerzen hatten seinen Geduldsfaden fast zum Zerreißen gespannt. In der letzten Woche hatte er jeden Abend das gleiche Gespräch mit Frances geführt, und obwohl auch er Angst um Hugh hatte, war ihm doch klar, dass sie auf diese Weise nicht weiterkamen. »Ich mache mir Sorgen um euch beide«, gestand er ernst. »Es ist natürlich vollkommen falsch, dass Hugh ständig über Charlottes Tod grübelt, doch vielleicht wird sich das ja mit der Zeit von selbst geben.«

»Zeit!« Frances fuhr sich mit den Fingern durch ihr kurzes, dunkles Haar. »Es ist fast ein Jahr her, Stephen.«

Sie griff nach ihrem Glas, lehnte sich an die Spüle und beobachtete ihn. Wie gern hätte sie sich von seiner Gelassenheit beruhigen lassen, wie schon so oft in ihrer Ehe. Sie war impulsiv, fürsorglich und tüchtig, neigte aber auch dazu, ein wenig herrisch zu sein und leicht die Fassung zu verlieren. Er dagegen war freundlich, vernünftig und geduldig, was jedoch oft dazu führte, dass er die Dinge einfach laufen ließ. Und außerdem konnte er ausgesprochen stur sein. Im besten Fall ergänzten sie einander, sodass ein harmonisches Gleichgewicht entstand; im schlimmsten Fall brachten sie einander auf die Palme. Frances, der es gründlich misslungen war, Hugh seine Besessenheit auszureden, hatte wirklich Angst um ihren Sohn und wünschte sich sehnlichst, Stephen möge jetzt die Sache in die Hand nehmen.

»Ich weiß einfach nicht, was wir sonst noch tun können«, meinte er hilflos. »Du sagst, du hättest die ganze Angelegenheit mit ihm durchgesprochen. Etliche Male, wenn ich mich nicht irre. Ich habe angeboten, mit ihm zu sprechen, aber du bist der Meinung, dass das nichts bringen würde.«

»Er soll nicht wissen, dass wir über ihn reden«, erklärte sie. »Wenn sich das Gespräch einfach ganz natürlich in diese Richtung entwickeln würde ...«

»Nun, das wird es aber nicht«, entgegnete er energisch, zu müde, um den heißen Brei herumzureden. »Das muss dir doch klar sein. Was soll ich denn sagen? ›Gütiger Himmel! Ist das wirklich ein Jahr her, dass Charlotte Wivenhoe gestorben ist?‹ Oder soll ich ihn ganz allgemein nach seiner Meinung zum Thema ›zwanghafte Schuldgefühle‹ befragen? Ich bitte dich, Frances. Sei vernünftig.«

Frances blickte so unglücklich drein, dass er zu ihr hinüberging und ihr einen Arm um die Schultern legte. Sie reagierte nicht auf seine Umarmung, wehrte ihn aber auch nicht ab.

»Ich habe heute mit Lucinda gesprochen«, berichtete sie.

Er trat einen Schritt zurück, um sie anzusehen. »Wie hast du denn das geschafft? Ich dachte, sie wäre nach Eastbourne abgereist.«

»Ich habe mir ihre Telefonnummer aus Hughs Adressbuch herausgesucht, während er im Pub war.« Sie sah ihm trotzig in die Augen. »Ich mache mir wirklich Sorgen, Stephen.«

»Ja.« Er stieß einen tiefen Seufzer aus. »Das merke ich. Und was hatte Lucinda zu sagen?«

»Sie meint, dass ihm anscheinend nichts mehr Freude bereitet. Es ist, als hätte er das Gefühl, kein Recht dazu zu haben. Sie sagt, sie habe alles satt. Mitgefühl, vernünftige Diskussionen, wütende Szenen, sie hat ihn sogar schon ausgelacht, aber nichts funktioniert. Er lebt sein Leben wie auf Autopilot umgeschaltet. Das waren ihre Worte.«

Stephen schloss die Augen und massierte sich mit den Fingern die Schläfen. »Dann weiß sie also auch keine Lösung?«

»Nein. Ich habe versucht, ihm klar zu machen, dass es allein Cass’ Schuld war, doch er will nichts davon hören.«

»Cass’ Schuld?« Stephen runzelte überrascht die Stirn. »Wieso das?«

»Nun, wir wissen doch alle, dass Cass fremdgegangen ist und dass Charlotte davon wusste. Deshalb ist sie so neurotisch geworden, und deshalb ist sie gestorben. Es hatte nichts mit Hugh zu tun. Wenn Cass eine anständige Mutter gewesen wäre, wäre nichts von all dem geschehen.«

»Ich finde, das geht ein bisschen weit, denkst du nicht auch?«, protestierte Stephen. »Schließlich wissen wir nicht ...«

»Oh, ich habe schon damit gerechnet, dass du sie in Schutz nehmen würdest«, fuhr Frances auf.

»Ich nehme sie nicht in Schutz«, entgegnete Stephen gelassen. »Meiner Meinung nach kamen da eine ganze Reihe von Ereignissen zusammen. Es war ein schrecklicher, tragischer Unfall, davon bin ich überzeugt.«

»Dann solltest du Hugh besser auch davon überzeugen«, gab Frances spitz zurück, »bevor er noch beschließt, sich von der Hängebrücke in Clifton zu stürzen.«

»Wenn ich auch nur ansatzweise glaubte, dass diese Gefahr besteht, würde ich bestimmt nicht warten, bis das Thema sich in einem Gespräch von selbst ergibt«, versetzte Stephen wütend. »Entscheide dich. Willst du nun, dass ich mit ihm spreche, oder nicht?«

»Ich weiß es nicht«, rief Frances, die den Tränen nahe war. »Ich weiß nicht, was ich tun soll! O verdammt!«

Das schrille Klingeln des Telefons hatte sie aufgeschreckt, und während sie in den Flur ging, füllte Stephen sich sein Glas wieder auf. Er hatte einfach keine Ahnung, wie er mit dieser Krise umgehen sollte. Wann immer er vorschlug, Hugh auf das Thema anzusprechen, wehrte Frances ab. Gleichzeitig gab sie ihm das Gefühl, ein schlechter Vater zu sein, weil er nichts unternahm. Er vermutete, dass ihre Angst um Hugh ihre natürliche Abneigung gegen Cass noch verstärkt hatte und dass die arme Cass ihr als Sündenbock sehr gelegen kam. Stephen mochte Cass, obwohl seine Gefühle keineswegs in die Richtung gingen, die Frances befürchtete. Die ganze Angelegenheit frustrierte ihn. Sie waren jetzt so viele Jahre glücklich verheiratet, und es bekümmerte ihn, dass Frances immer noch bisweilen zur Eifersucht neigte, aber er wusste nicht, wie er ihr helfen sollte.

»Verflixt und zugenäht«, murmelte er, und genau in diesem Augenblick trat Hugh durch die Hintertür und lächelte ihm zu.

»Hallo!«, sagte er beiläufig. »Du bist ja zur Abwechslung mal früh zu Hause. Problem gelöst?«

»Ja«, antwortete Stephen verblüfft. »Nun, mehr oder weniger jedenfalls. Ich habe in letzter Zeit nicht viel von dir zu sehen bekommen. Wie läufts denn so?«

»Alles bestens.«

Hugh nahm sich ein Glas aus dem Schrank und griff mit einem fragenden Blick nach der Flasche. Stephen nickte und sah seinen Sohn forschend an. Frances hatte Recht, Hugh war tatsächlich sehr dünn, aber andererseits war er immer ein mageres Kind gewesen. Sein braunes Haar fiel ihm über die Augen, die Schildpattbrille schien etwas zu groß für sein Gesicht zu sein, und seine Handgelenke wirkten seltsam verletzlich, als er nun die Flasche über sein Glas hielt. Plötzlich wurde Stephen mit Macht bewusst, wie sehr er seinen Sohn liebte, und sein Herz krampfte sich zusammen bei dem Gedanken, dass er litt.

»Was soll dieses Gerede über Charlotte?«, fragte er, bevor er sich daran hindern konnte, und Hugh sah ihn wachsam an.

»Fang du nicht auch noch damit an, Dad«, bat er. »Ehrlich. Ich muss selbst damit fertig werden. Okay?«

»Aber du wirst nicht damit fertig«, beharrte Stephen. »Oder? Nicht, wenn du denkst, du seiest dafür verantwortlich. Du bist ein intelligenter Junge ... ein intelligenter Mann«, verbesserte er sich hastig. Schließlich war Hugh zwanzig Jahre alt. »Schuldgefühle sind sehr zerstörerisch.«

»Das weiß ich.« Hugh sah ihn störrisch und unnahbar an.

»Nichts geschieht in einem luftleeren Raum«, mahnte Stephen, der mit einem Ohr horchte, ob Frances wieder hereinkäme. »Vergiss das nicht. Ob es eine Tat oder ein Wort ist, alles zieht Konsequenzen nach sich. Eine ganze Kette von Ereignissen, an der eine Menge Menschen beteiligt waren, dürfte zu Charlottes Tod geführt haben. Deine Rolle in dem Ganzen war gewiss nur eine sehr kleine und sollte in der richtigen Relation betrachtet werden.« Er hörte das Klicken, mit dem das Telefon aufgelegt wurde. »Also, was machen die Zwillinge denn so?«, fragte er, als Frances hereinkam. »Fangen sie in diesem Semester mit dem Studium an?«

»Nein, sie machen erst nächstes Jahr Abitur.« Hugh bedachte Stephen mit einem dankbaren Blick und lächelte seine Mutter an. »Wer war denn dran?«

»Es war Caroline.« Frances zwang sich zu einem Lächeln. »Sie wollte nur wissen, was es Neues gibt. Du kommst gerade rechtzeitig zum Abendessen, Hugh. Würdest du wohl den Tisch fertig decken, während ich schon auftrage?«

Hugh fuhr den schmalen Weg hinauf, der vom Bauernhof ins offene Moor hinausführte. Tief in Gedanken versunken, bemerkte er gar nicht, dass die Brombeeren in den Hecken langsam reif wurden, ebenso wenig, wie er Augen für das strahlende Rot der Vogelbeeren hatte. Am Ende des Weges hielt er an. Links und rechts von ihm erstreckte sich das Moor, und hinter ihm lag das Burrator Reservoir. Selbst in seiner gegenwärtigen Stimmung berührte ihn der Anblick der mächtigen Hügel mit ihren bewaldeten Tälern und den hohen Felstürmen. In dem Tal unter ihm spiegelte die stille Oberfläche des Staubeckens den klaren, blauen Himmel wider, während die Schafe auf den Wiesen über ihm friedlich grasten. Einige Ponys liefen ausgelassen an ihm vorbei, als genössen auch sie die Herbstsonne, und Hugh legte wieder einen Gang ein und fuhr weiter in Richtung Meavy.

Während der letzten Monate hatte er in einer Art verzweifelter Resignation gelebt, unfähig, sich das Bild von Charlotte aus dem Kopf zu schlagen, wie sie in dem Wasser am Grund des Steinbruches gelegen hatte. Hatte der Sturz sie sofort getötet? Oder hatte sie verletzt und voller Angst dagelegen und um Hilfe geschrien? Seine Fantasien quälten ihn. Wenn er nur glauben könnte – wie Lucinda und Frances ihm versichert hatten –, dass nichts von all dem seine Schuld war, wäre es möglicherweise leichter zu ertragen gewesen. Dennoch genügte der Gedanke an das Mädchen, das allein und voller Furcht gestorben war, um ihm Albträume zu bescheren. Er träumte, dass er oben auf der kleinen Klippe über dem Steinbruch stand und auf sie hinabblickte. Sie schrie und streckte die Arme nach ihm aus, aber er tat nichts, um ihr zu helfen. Häufig kam auch Lucinda in dem Traum vor, die ihn festhielt und von Charlotte wegzog, so wie sie es in Bristol getan hatte, als sie dem Mädchen unerwartet in der Park Street begegnet waren. Sie hatten vor einem Schaufenster gestanden, und er hatte Lucinda im Arm gehalten und sie geküsst. Einmal mehr sah Hugh in Gedanken Charlottes Gesicht vor sich, das Erschrecken und die Entgeisterung, den Kummer, den sie nicht hatte verbergen können, als Lucinda ihr erklärt hatte, dass sie zu zweit ein Wochenende in der Wohnung ihres Bruders verbrachten. Er hatte zugelassen, dass Lucinda die Zügel in die Hand nahm, und keinen Versuch unternommen, den Schlag abzumildern. Ja, es gelang ihm nicht einmal, seine Erleichterung zu verbergen, als Charlotte erwiderte, Cass habe sie nach Bristol begleitet; dennoch plagten ihn praktisch sofort Gewissensbisse.

»Warum hast du das gesagt?«, fragte er Lucinda, als sie außer Hörweite waren. »Du hättest es ihr nicht zu erzählen brauchen.«

Er verspürte plötzlich den Drang, Charlotte nachzulaufen, doch als er sich umdrehte, war sie verschwunden.

»Irgendwann musste sie es erfahren«, erwiderte Lucinda, sichtlich überrascht darüber, dass Hugh so erregt war. »Wenn es ihr so ernst ist, dann tust du ihr mit Grausamkeit eher einen Gefallen als mit Freundlichkeit. Sonst klammert sie sich immer weiter an dich. Sie muss ihre eigenen Freunde finden.«

Hugh war nach seiner ersten Liebesnacht vor Glück zu benommen, um Einwände zu erheben, aber er schämte sich trotzdem. Sein Studium und Lucinda nahmen ihn derart in Anspruch, dass er die Entscheidung, ob er Charlotte schreiben oder warten sollte, bis er sie wieder sah, auf die lange Bank schob, doch ganz ließ ihn das Problem nicht los. Charlotte hatte ihm vertraut, und er schuldete ihr eine Art Erklärung und die Versicherung, dass sie weiter Freunde sein würden.

Die Nachricht von ihrem Tod erfüllte ihn mit Entsetzen und Ungläubigkeit. Von den Webster-Zwillingen hörte Hugh, dass Charlotte bei ihrer Rückkehr aus Bristol vollkommen hysterisch gewesen war und Beruhigungsmittel gebraucht hatte. Hugh wusste genau, warum sie derart außer sich gewesen war. Es war sinnlos, sich einzureden, dass niemand sich aus einem solchen Grund das Leben nahm. Die Zeitungen waren voller Artikel über labile Menschen, die aus den lächerlichsten Gründen sich selbst oder andere töteten. Charlotte war nicht ganz normal gewesen, und das hatte er gewusst und keinerlei Vorsichtsmaßnahmen ergriffen.

Jetzt parkte Hugh den Wagen neben der Dorfwiese mit der mächtigen Eiche, der der Pub seinen Namen verdankte, und überquerte die Straße. Im ›Old Oak‹ war es dunkel und kühl, und Hugh ging in den Schankraum mit dem Granitboden und dem großen, offenen Kamin, in dem an kalten Wintertagen dicke Holzscheite die Düsternis vertrieben. Während der letzten Wochen hatte er hinter der Theke gearbeitet und sich für das nächste Semester etwas Geld verdient, aber heute war er als Gast hier.

Als er sein Pint in Empfang nahm und es an die Lippen führte, hörte er aus dem Windfang Cass Wivenhoes Stimme. Sie war gerade auf dem Weg in den Gastraum, und Hugh wich hastig zurück, damit sie ihn nicht sah. Die Mutter der Zwillinge, Kate Webster, war bei ihr, und die beiden brauchten ein paar Sekunden, um sich für einen Tisch zu entscheiden und einige scherzhafte Worte mit dem Wirt zu wechseln. Sofort begannen Hughs Finger zu zittern, und er stellte sein Glas auf einen Tisch und rieb sich die Hände. Wenn nun eine der beiden Frauen auf dem Weg zur Toilette an ihm vorbeikam? Die wenigen Einheimischen, die ihm zum Gruß zugenickt hatten, waren tief in ihre Gespräche versunken, und Hugh blickte hastig in die Runde, bevor er sich unbemerkt davonstahl.

Wieder im Wagen, blieb er eine Weile reglos sitzen. Er hatte Cass das letzte Mal bei der Beerdigung gesehen. Er hatte ganz hinten gestanden, weil er nicht gesehen werden wollte, und allein getrauert. Wie würde sie reagieren, wenn sie ihm von Angesicht zu Angesicht begegnete? Würde sie ihm Vorwürfe machen? Es war schwer vorstellbar. Cass war stets so freundlich gewesen, so umgänglich und herzlich, doch jetzt musste sie einfach glauben, dass er mitschuldig am Tod ihrer Tochter war. Die Zwillinge – vor allem Guy – hatten immer gesagt, Charlotte sei verrückt. Einmal hatte er den Mut aufgebracht, mit ihrer Mutter, Kate, über das Mädchen zu sprechen. Kate war der Meinung gewesen, eine ganze Reihe von Umständen hätten zu dem Unglück geführt, von denen die Reise nach Bristol lediglich einer war, und man dürfe nicht einen einzelnen Aspekt des Ganzen überbewerten.

Als Hugh das Dorf hinter sich ließ, war er so verwirrt und unglücklich, dass er am liebsten geweint hätte. Wenn er sich doch nur von diesem schrecklichen Gefühl des Verrats hätte befreien können! Charlotte hatte ihm vertraut, und er hatte sie grausam verraten. Wenn er ihr geschrieben und ihr seine Beziehung zu Lucinda schonend beigebracht hätte, wäre Charlotte vielleicht noch am Leben. In seinen schlimmsten Augenblicken hasste er Lucinda beinahe für ihren Anteil an seinem Verrat, obwohl er tief in seinem Herzen wusste, dass er nur seine eigene Schwäche für das Geschehene verantwortlich machen konnte. Seine Mutter hatte leicht reden, wenn sie behauptete, das Ganze habe nichts mit ihm zu tun und Charlottes Unsicherheit hätte ihre Wurzeln in Cass’ Affären gehabt. Wie konnte sie davon so fest überzeugt sein? Cass und sie waren niemals Freundinnen gewesen, tatsächlich argwöhnte er, dass seine Mutter Cass ablehnte. Und jetzt hatte sie auch noch seinen Vater in die Sache hineingezogen.

Hugh traf einen Entschluss. Er würde früher als beabsichtigt nach Bristol zurückkehren. Das Semester begann erst in einer guten Woche, aber er hatte nicht die Absicht, noch länger zu Hause zu bleiben. Er würde in Zukunft im Studentenheim wohnen, und es gab nicht den geringsten Grund, warum er sich nicht zu seinen Freunden gesellen sollte, die bereits dort waren. Außerdem würde er auf diese Weise Gelegenheit haben, einige der Arbeiten nachzuholen, die er in den Ferien vernachlässigt hatte. Er hatte seine Semesterabschlussprüfungen nur mit knapper Not bestanden und sah dem zweiten Jahr seines Geschichtsstudiums mit Bangen entgegen.

Als er in die Küche kam, hörte er die Stimme seiner Mutter, die im Flur stand und telefonierte.

»... und ich weiß einfach nicht, was ich sonst noch zu ihm sagen könnte, Annie. Er ist vollkommen besessen ...«

Hugh schnitt eine Grimasse und ging rückwärts wieder hinaus. In Kürze würde jeder Bescheid wissen, und er würde überall auf mitleidige Mienen treffen und in taktvolle Gespräche über Schuldgefühle verwickelt werden. Er beschloss, mit dem Packen zu warten, bis seine Mutter ihr Telefongespräch beendet hatte, und stattdessen erst einmal einen Spaziergang zu machen. Langsam schlenderte er durch den Obstgarten und von dort aus weiter über die Felder bis zum Moor.

3

Annie Grayshott legte den Telefonhörer auf die Gabel und warf einen schiefen Blick auf ihren inzwischen kalten Kaffee. Die arme Frances hatte fast eine halbe Stunde lang auf sie eingeredet, und Annie war noch ganz benommen von der Anstrengung, sich zu konzentrieren. Sie goss den Kaffee weg und blieb ein paar Sekunden lang vor dem hohen Fenster stehen, um über die Dächer von Ashburton zu schauen und darüber nachzudenken, ob die Situation mit Hugh wirklich so ernst war, wie Frances berichtet hatte. Andererseits war Frances nicht der Typ, der die Dinge unnötig dramatisierte.

»Ich nehme an«, sagte sie laut – die Tatsache, dass ihr Mann Perry gestorben war, hinderte sie nicht daran, ihre Gespräche mit ihm fortzusetzen –, »die Hoffnung, dass sie übertreibt, wäre reines Wunschdenken. Ich weiß einfach nicht, wie ich ihr helfen soll, und ich fühle mich so schrecklich nutzlos.«

»Sie muss sich die ganze Angelegenheit aus dem Kopf schlagen.« Perrys Schatten schien sich irgendwo in der Nähe der Hausbar aufzuhalten. »Wenn du meine Diagnose hören willst – es handelt sich hier um einen akuten Fall von Trübung der guten Laune, mein Liebling. Du kennst mein Rezept dagegen. Du brauchst einen Drink.«

Annie seufzte und beschloss, seinen Rat zu beherzigen. Sie schenkte sich einen großen Whisky ein und betrachtete versonnen ihr Bild in dem Spiegel neben dem Fenster. Ihr kinnlanges, blondes Haar wies reichlich graue Strähnen auf, und ihre sonnengebräunte Haut war vor allem um die Augen herum ziemlich faltig, aber sie hätte durchaus einige Jahre jünger sein können als die sechzig, die sie war. Sie hatte eine erfolgreiche Laufbahn als Sekretärin des Geschäftsführers einer bekannten Fluglinie hinter sich, und als sie Peregrine Grayshott mit dreiunddreißig Jahren geheiratet hatte, hatte sie weitergearbeitet, aus Furcht, dass Perry mit seinen unternehmerischen Plänen und seinen brillanten Ideen vielleicht nicht immer in der Lage sein würde, sie beide zu ernähren, denn in puncto Sicherheit war Annie durch eine harte Schule gegangen. Ihr Vater, ein verschwenderischer, vergnügungssüchtiger Mann, war gestorben, als sie noch ein Teenager gewesen war, und hatte ihre Mutter ohne einen Penny zurückgelassen. Die Jahre der Armut hatten ihr ihren Stempel aufgedrückt, und Annies Mutter war zu diesem Zeitpunkt eine nervöse, kränkliche Frau gewesen und hatte ihre Furcht vor wachsenden Rechnungen und Räumungsklagen, die ihr Eheleben überschattet hatten, niemals verloren. Annie, die sich gerade eben noch an eine sanfte, glückliche, junge Frau erinnern konnte, die ihre kleine Tochter angebetet hatte, schwor sich, dass ihre Mutter niemals mehr Angst haben würde, solange sie, Annie, das verhindern konnte. Sie arbeitete hart, um ihre Mutter zu unterstützen und sie zu pflegen. Als sie Perry kennen lernte, waren Annies Frohsinn und die ihr angeborene Herzlichkeit hinter ihrer stillen, vernünftigen Art verborgen, und obwohl ihre Mutter inzwischen tot war, hatten die langen Jahre der Verantwortung tiefe Spuren bei Annie hinterlassen.

Perry, den sie bei einem Freund kennen lernte, war fasziniert von der nachdenklichen Schönheit ihrer haselnussbraunen Augen, und er ließ sich von ihrer Zurückhaltung nicht täuschen. Er erkannte die verborgenen Tiefen ihres Wesens und machte es sich zur Aufgabe, sie aus ihrem Schneckenhaus hervorzulocken. Das war leichter, als er zu hoffen gewagt hatte – einfach weil Annie sich in ihn verliebt hatte. Sie öffnete sich ihm weiter als irgendeinem anderen Menschen sonst. Instinktiv wusste sie, dass sie ihm absolut vertrauen konnte, und obwohl die Zeit des Kennenlernens eine langsame, behutsame Entdeckungsreise war, machte ihre Beziehung befriedigende Fortschritte. Perry wusste ihre Zurückhaltung ebenso zu schätzen wie ihre klaglose Aufopferungsbereitschaft, und er war entschlossen, sie glücklich zu machen oder, besser gesagt, ihr zu helfen, ihre eigene Fähigkeit zum Glücklichsein zu entdecken.

Annie begriff langsam, dass Perrys Experimentierfreudigkeit und sein Hang zu neuen Ideen nicht in die gleiche Kategorie fielen wie die verrückten Pläne ihres Vaters. Sie lernte, sich zu entspannen und eine Lebensqualität zu genießen, die nicht unbedingt von einem übertrieben hohen Maß an materieller Sicherheit abhängig war. Bei Perry blühte die spirituelle Seite ihres Charakters, die sie so lange geleugnet hatte, langsam auf, und sie fanden in ihrer Ehe beide eine tiefe Zufriedenheit. Schließlich kauften sie das kleine Cottage, in dem sie ihren lang ersehnten Ruhestand verbringen wollten.

Zwei Jahre später war Perry tot, und Annie sah allein dem Rest ihres Lebens entgegen. Schmerzhaft und sehr langsam gewöhnte sie sich an die Veränderungen. Sie vermisste Perry furchtbar. Er war so ein geselliger Mann gewesen und obendrein sehr attraktiv: hoch gewachsen, schlank, gut aussehend und voller Energie. Perry war ständig von Lexika umringt gewesen, hatte hier etwas nachgeschlagen, sich dort etwas notiert oder irgendeiner faszinierenden Tatsache nachgespürt. Es war ihm fast unerträglich, ohne seine Enzyklopädien, seine Wörterbücher und seinen Pears zu sein. Von seinen Spaziergängen querfeldein durchs Land brachte er Blätter und Blüten mit, um sie mithilfe seiner Pflanzenbücher zu identifizieren, und Insekten wurden unter seiner Lupe genauestens studiert.

Das Cottage war so still gewesen, als seine Stimme nicht länger zu hören gewesen war, aber Annie war dankbar dafür, dass es ihr nach ihren langen Ehejahren möglich war, sich vorzustellen, er sei immer noch bei ihr. Sie sah ihn mit seiner Ehrfurcht gebietenden Sammlung von Büchern am Küchentisch sitzen oder über den Teich im Garten gebeugt, während er ihr von den Fortschritten der Kaulquappen berichtete; sie sah ihn neben sich im Bett liegen, die Brille auf der Nasenspitze, während er ihr vorlas. In ihren fünfundzwanzig gemeinsamen Jahren hatten sie so viel miteinander geteilt, dass es ihr unmöglich erschien, dass er nicht immer noch irgendwo in der Nähe war und darauf brannte, ihr von all den aufregenden neuen Dingen zu erzählen, die er im Jenseits entdeckte. Nach einer Weile hatte sie sich angewöhnt, mit ihm zu sprechen, als wäre er noch bei ihr. Sein Einfluss auf sie war zu seinen Lebzeiten so groß gewesen, dass sie sich immer noch vorstellen konnte, was er ihr in einer bestimmten Situation raten oder wie er sie trösten würde, auch wenn sie ihn nicht länger sehen konnte. Ohne ihn drohte die Gefahr, dass die warme, empfindsame Seite ihres Charakters wieder unter den ruhigen, praktischen Eigenschaften verschwand, die sie brauchte, um ohne ihren Mann zu existieren.

Dieser Umstand machte ihr Angst. Wenn sie es zuließ, würde sie damit ihr ganzes gemeinsames Leben leugnen. Also begann sie, laute Gespräche mit ihm zu führen und sich dabei seine bevorzugten Redewendungen ins Gedächtnis zu rufen, die Worte, mit denen er sie stets ermutigt hatte. Sie konnte einfach nicht glauben, dass er sie im Stich lassen würde – tatsächlich hatte er ihr immer wieder geschworen, nichts würde sie je trennen können –, und dieses Versprechen machte ihr Mut. Die Menschen, die ihr am nächsten standen, gewöhnten sich an die Vorstellung, dass sie Perrys Anwesenheit spürte, und so groß war Perrys Ausstrahlung gewesen, dass die Hälfte dieser Menschen es schließlich selbst glaubte.

Annie wandte sich von dem Spiegel ab und konzentrierte sich wieder ganz auf Frances. Sie kannten einander seit einigen Jahren, nachdem sie sich durch beiderseitige Freunde kennen gelernt hatten. Durch den Umzug der Grayshotts nach Devon war man einander noch näher gekommen, und nach Perrys Tod war Frances zu Annies wichtigster Freundin und Vertrauten geworden. Sie wusste die Anteilnahme und die liebevolle Fürsorge der anderen Frau sehr zu schätzen, und jetzt würde sie ihr Bestes tun, um Frances ihrerseits zu helfen, wenn es in ihrer Macht lag. Das Problem war nur, dass sie nicht wusste, was sie tun konnte. Dies musste jetzt das dritte oder vierte Gespräch gewesen sein, in dem von Hughs Besessenheit die Rede war, doch abgesehen davon, dass Annie ihrer Freundin zuhörte, hatte sie ihr bisher herzlich wenig Trost schenken können.

»Jetzt bist du gefragt«, sagte sie leise zu Perry. »Ich verstehe mich recht gut darauf, praktische Probleme zu lösen, aber du warst immer derjenige, an den die Menschen sich wandten, wenn sie Hilfe in Gefühlsdingen brauchten.«

Sie schlenderte in den Garten hinaus. Das Cottage war fast zur Gänze renoviert worden; man hatte dazu die ursprünglichen Steine verwendet. Jetzt gab es im Haus eine sehr große Küche, ein geräumiges Wohnzimmer, ein winziges Arbeitszimmer und oben noch zwei gut bemessene Schlafzimmer und ein großzügiges Bad. Zuerst hatten Perry und sie befürchtet, das Cottage könne zu klein sein, doch jetzt war sie dankbar dafür, dass sie es gekauft hatten. Da sie nun allein lebte, war es schon eher zu groß für sie, und sie liebte die Küche mit den gläsernen Schiebetüren, die in den Garten hinausführten. Im Sommer wirkte das Grundstück wie eine natürliche Verlängerung des Hauses. Sie konnte in der Sonne sitzen und war in ihrem von hohen Mauern umgebenen Garten vollkommen sicher vor fremden Blicken. Andererseits war die Küche so nah, dass sie jederzeit den Kessel aufsetzen oder sich ein Sandwich zubereiten konnte, und später entzündete sie oft ihren winzigen Grill und sah mit einem Glas Wein in der Hand der untergehenden Sonne zu.

Nachdem sie ihr Leben lang einem festen Zeitplan gefolgt war, genoss sie es ungemein, jetzt die Freiheit zu haben, all die Dinge zu tun, zu denen früher kaum Gelegenheit gewesen war. Sie las und zeichnete, hörte Musik und probierte neue Kochrezepte aus. Aber als Perry gestorben war, waren der Reiz des Neuen und die Freude darüber schnell verschwunden, und es fiel ihr immer noch schwer, sich aus einer gewissen Lethargie herauszureißen.

Annie setzte sich in ihren Korbstuhl und versuchte, sich vorzustellen, was Hugh denken und fühlen mochte. Vielleicht gab es etwas, das er Frances nicht erzählt hatte und das seine extreme Reaktion auf den Tod dieses Mädchens erklären konnte? Bevor sie diesen Gedankengang jedoch weiterverfolgen konnte, klingelte abermals das Telefon, und Annie ging wieder in die Küche, um den Hörer abzunehmen.

»Hallo! Ich bins, Pippa.« Die klare Stimme von Perrys Patentochter drang durch die Leitung. »Wie geht es euch beiden?«

»Uns geht es gut.« Annie wusste, dass Pippa keine Mühe hatte zu glauben, dass Perry vielleicht dicht hinter Annie stand. Annie setzte sich an den Küchentisch und wünschte sich, sie hätte ihren Drink mitgebracht. »Und wie sieht es bei euch aus?«

»Hier ist alles bestens. Nun ja, Robert hat wie immer alle Hände voll zu tun. Du weißt ja, wie er ist. Aber Rowley und mir geht es gut. Rowley will dir gleich noch Hallo sagen. Er muss sich nur erst etwas Mut machen.«

Annie lächelte in sich hinein, als sie an Rowley dachte, wie er argwöhnisch das Telefon beäugte. Mit seinen achtzehn Monaten war er ein sehr niedliches, aber ziemlich scheues Kind. Wenn Pippa sagte, er müsse sich noch »Mut machen«, bedeutete das gewiss, dass sie versuchte, ihn dazu zu überreden, selbst nach dem Hörer zu greifen.

»Erklär ihm, Vorsicht ist besser als Nachsicht«, meinte Annie. »Ich nehme den guten Willen für die Tat. Also, was gibt es Neues?«

»Ich hatte gehofft, dass du uns besuchen kommen würdest.« Pippas Stimme klang sehnsüchtig, und Annie glaubte beinahe, sie vor sich zu sehen, wie sie mit untergeschlagenen Beinen in dem Sessel neben dem Telefon saß, das blonde Haar zerzaust. »Normalerweise bist du doch immer irgendwann im Herbst hier. Wir würden uns so freuen, wenn du es einrichten könntest. Oder wir könnten zu dir kommen. Nur Rowley und ich natürlich. Robert hat zu viel zu tun.«

Annie dachte schnell nach. Mit einer Reise landeinwärts würde sie gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen; sie konnte einigen alten Freunden einen kurzen Besuch abstatten und am Ende ein paar Tage bei Pippa verbringen.

»Ich freue mich schon auf meinen Besuch«, erwiderte sie munter. »Das Wetter ist so wunderbar, dass ich ganz vergessen habe, wie nah der Winter ist. Ich komme gern. Lass mich nur schnell meinen Kalender holen, dann verabreden wir etwas.«

Pippa notierte sich das Datum auf dem Kalender, der in der Küche an der Wand hing, und drehte sich dann strahlend zu Rowley um.

»Sie kommt«, erzählte sie triumphierend. »Ist das nicht schön?«

Rowley saß rittlings auf seinem kleinen, hölzernen Dreirad und beobachtete sie. Er war von Natur aus ein vorsichtiges Kind und schätzte es gar nicht, wenn man ihn zu plötzlichen Reaktionen nötigte. Er schob den Daumen in den Mund und drehte sich nachdenklich eine Haarsträhne um den Zeigefinger.

»Du erinnerst dich doch an Annie«, meinte Pippa ermutigend.

Zu Anfang des Sommers hatten sie Annie auf dem Weg zu ihrem Urlaubsziel in Cornwall einen Besuch abgestattet. Sie waren über Nacht geblieben und hatten sich zu dritt in das Gästezimmer gezwängt. Robert hatte später geschworen, dass er das nie wiederholen würde. Bei der Erinnerung an Roberts Ärger verblasste Pippas Lächeln, und sie stieß einen leisen Seufzer aus. In letzter Zeit schien er überhaupt ständig ungeduldig zu sein; er arbeitete von früh bis spät und hatte kaum Zeit für seine Frau oder seinen Sohn. Er war ungeheuer ehrgeizig und hatte ständig die nächste Beförderung im Auge. Pippa dagegen hatte jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn sie in irgendeinem Punkt seinen hohen Erwartungen nicht entsprach.

Was leider ziemlich häufig der Fall war. So sehr sie sich auch bemühte, sie war einfach keine geborene Hausfrau, und wenn Gäste zu Besuch kamen, führte das häufig zu einer kulinarischen Katastrophe. Am besten verstand sie sich noch immer auf spontane Besuche, denn je länger sie einen Abend planen musste, desto nervöser wurde sie. Robert stand ständig hinter ihr, und am Ende war sie ganz krank vor Angst, sie könnte ihn enttäuschen. Die Steuerberatungs und Buchprüfungsgesellschaft, für die Robert arbeitete, legte großen Wert darauf, die Familien ihrer Angestellten miteinzubeziehen, und obwohl Robert ohne weiteres mit seinen Kunden hätte auswärts essen können, zwang ihn die Tradition der Agentur, eine persönlichere Atmosphäre zu schaffen. Es war üblich, dass leitende Angestellte die von ihnen betreuten Kunden und deren Frauen zu sich nach Hause einluden, und Robert hatte nicht die Absicht, seine Karriere durch Pippas Unfähigkeit zu gefährden.

Um zu beweisen, dass er genau wusste, wie es gemacht wurde, lud er seinen Abteilungsleiter und den Seniorchef mit ihren Ehefrauen zum Essen ein, und da er die Organisation des Abends im Wesentlichen selbst übernommen hatte, lief alles wie am Schnürchen. Pippa hatte hinterher drei Tage lang Migräne, aber Robert fand, dass der Erfolg diese kleine Unpässlichkeit wert gewesen war, und zeigte wenig Mitgefühl. Er kam aus sehr kleinen Verhältnissen und hatte sich von ganz unten hochgearbeitet. Jetzt lebte er in der ständigen Furcht, dass man ihm seine Herkunft anmerken könnte. Da er ausgesprochen intelligent war, hatte er ein Stipendium für eine gute Schule bekommen, an der er die Jungen, die aus privilegierten, gutbürgerlichen Verhältnissen kamen, genau beobachtete und ihr Verhalten und ihre Ausdrucksweise nachahmte. Als er die Universität mit einem Abschluss in Wirtschaftswissenschaften verließ, hätte es schon eines sehr scharfen Auges bedurft, um seine Wurzeln zu entlarven.

Kurze Zeit später lernte er auf einer Party Pippa kennen und beschloss, sie zu heiraten. Sie war hübsch, witzig und Mitglied ebenjener Klasse, in die er vordringen wollte. Außerdem hatte er schnell begriffen, dass sie gutmütig und lenkbar war; ausgezeichnetes Material für die Art Ehefrau, die er brauchte. Er behielt jedoch nur zum Teil Recht. Pippa war insofern lenkbar, als sie Robert liebte und den aufrichtigen Wunsch verspürte, ihn glücklich zu machen.

Obwohl sie, ganz gegen den Trend der Zeit, erpicht darauf gewesen war, Frau und Mutter zu sein, hatte sie sich nach ihrem Schulabschluss dazu überreden lassen, einen Sekretärinnenkursus zu absolvieren. Ihre Hauslehrerin, die eine heimliche Zuneigung zu Pippas ältlichem Vater, einem Akademiker, gehegt hatte, hatte die mutterlose Pippa unter ihre Fittiche genommen und für sie getan, was sie nur konnte. Sie überzeugte sie davon, dass es vernünftig war, einen Beruf zu erlernen. Auch wenn sie früh heiratete, konnte sie schließlich durchaus einmal in die Verlegenheit kommen, sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen zu müssen. Sie könne sich ja nicht darauf verlassen, erklärte die Dame Pippa, dass ihr Vater sie bis in alle Ewigkeit unterstützte. Wie die Dinge lagen, lebte er gerade lange genug, um ihre Heirat mit Robert zu missbilligen, und starb drei Monate nach Rowleys Geburt. Pippa vermisste ihn nicht besonders. Seine Leidenschaft für das Lernen war – anders als bei seinem engen Freund Perry Grayshott – nicht mit dem Wunsch nach menschlicher Gesellschaft verbunden gewesen, und Pippa fragte sich manchmal, ob ihre Mutter vielleicht an Einsamkeit gestorben war.