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Es sieht vielleicht aus wie ein Sargdeckel, ist aber ein Sprungbrett. Wir alle kennen Geschichten, die das Leben schreibt, bei denen man den Autor am liebsten verfluchen möchte. Und wir alle befinden uns gelegentlich in Situationen, in denen uns ein 'Ist nicht wahr!' herausrutscht. Doch natürlich ist es wahr und jeder Versuch, die Realität zu leugnen oder einen anderen zum Verantwortlichen zu machen, erschwert den Weg hinaus aus dem Chaos. Wie mobilisieren wir hier unsere Kräfte, was machen wir mit den manchmal unbewältigbar scheinenden Herausforderungen des Lebens und wie hilft uns Tina Turner dabei? Das Goldilocks-Prinzip zeigt Ihnen, wie Sie aus vermeintlicher Scheiße Gold machen, ob es sich dabei um Probleme in Ihrer Familie, Ihrem Job oder mit sich selbst im stillen Kämmerlein handelt. Dieses Buch ist für all jene, in deren Leben auch mal etwas schief läuft, die ihre eigene Kraft wiederentdecken wollen und die humorvolle, herzliche und gleichzeitig klare Wege zurück zu ihrem echten Ich suchen. Für all die also, die sich selbst und den kommenden Generationen ein erfülltes Leben ermöglichen wollen.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2019
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A book is a dream that you hold in your hands.
Ein Buch ist ein Traum, den wir in unserenHänden halten.
Für alle, die weiter wachsen wollen.
Vorwort
Warum dieses Buch?
Warum dieser Titel? – Das Goldilocks-Prinzip™
Führung und Verantwortung
3.1 Wir alle sind Führungskräfte
3.2 Der Ehrenkodex guter Führungskräfte
3.3 Die Maslowsche Bedürfnispyramide
3.4 Wirkungskreise
3.5 Start with I – Beginne bei Dir
Wenn der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, bleibt er dann für immer da liegen?
4.1 Warum wir sind, wie wir sind – Konditionierung und Prägung
4.2 Unser Schmerz- und Glückslevel
4.3 Wie wir einen Unterschied machen
4.4 Don’t waste your pain – der Turner Point™
4.5 Evolution durch Revolution
4.6 The best way out is always through. – robert frost
Was nicht Goldilocks ist, wird Goldilocks gemacht – Wie wir werden, wer wir sind
5.1 Der Fisch fängt vom Kopf an zu heilen
5.2 Falls ihr mich sucht – ich bin im Wandel. Das ABC-Modell™
5.3 Die Führungs-Trinität™
5.4 F.A.M.I.L.I.E.™ – sieben Werte für gelungene Kommunikation in Beziehungen
5.5 Die Rolle unserer Gefühle
5.6 Darf ich das fühlen?
5.7 Was wir vom Fußball lernen können
5.8 Die Macht unserer Gedanken
5.9 Die Sache mit den Krebsen im Eimer – Widerstand
Energie
6.1 Warum Ihre Haltung und Absicht entscheiden
6.2 Was ist dran an den sich selbsterfüllenden Prophezeiungen?
6.3 Warum denken wir so gerne in Schubladen?
6.4 Energie im Alltag
6.5 Energie und Liebe
6.6 Energie und Kommunikation
6.7 Energie und Gene
Zurück zum Ich
7.1 Her mit dem schönen Leben!
7.2 Achtsamkeit und Meditation
7.3 Medien-Detox
7.4 Fake it until you make it – Visualisierung erschafft Realisierung!
7.5 Elf Fragen
7.6 Alltagstaugliche und goldilaktische Tipps für Ihr echtes Ich
7.6.1 Dankbarkeitstagebuch
7.6.2 Der Mensch ist, was er isst, und er geht, wie es ihm geht
7.6.3 Rituale statt Routinen
7.6.4 Bewegung
7.6.5 „Ja, nein, ich mein‘ – Jein!“ – fettes brot
7.6.6 Wenn Sie jetzt vor lauter Bäumen – Oh, schau mal, ein Ball!
Anhang
Danke
Wenn Du das Buch, das Du suchst, nicht
findest, musst Du es selbst schreiben.
Wenn sich das Wunderland nicht zeigt,
von dem Du weißt, dass es existiert, dann
musst Du es Dir selbst bauen. Es gibt
keinen anderen Weg. Du bist der Weg.
Deine Wahrheit. Und Dein Leben. Du bist
kein Opfer. Nicht einmal ein Überlebender.
Du bist ein Schöpfer, verdammt noch mal.
andréa balt
Liebe Leserinnen und Leser,
endlich ist es da! Über 38 Jahre hinweg habe ich Erfahrungen und Erkenntnisse gesammelt, neun Jahre lang recherchiert, vier Jahre das Verfassen von Artikeln als Schreibprobe genutzt und über ein Jahr in die Entwicklung von Trademarks und Konzepten gesteckt. Das alles, um Ihnen nun in diesem Buch eine Möglichkeit aufzuzeigen, wie Sie Ihr Leben erleichtern und auf eine komplett neue Ebene bringen können.
Sie halten ein Werk in den Händen, das ein Konzept für Führungskräfte beinhaltet. Der Begriff „Führungskraft“ bezieht sich dabei nicht nur auf die Rolle im unternehmerischen Sinn, sondern auch auf die Rolle eines Vaters oder einer Mutter, eines Pädagogen/einer Pädagogin und die als Verantwortliche/r in Ihrem eigenen Leben. Denn jedes Individuum stellt für sich eine Führungseinheit dar. Das passte zwar keinem der Verlage, denen ich mein Konzept vorstellte, ins Programm, doch – Self-Publishing sei Dank – existiert dieses Werk nun allen Ängsten der Branche zum Trotz. Denn: Wenn man in keine der vorhandenen Schubladen passt, baut man sich am besten seine eigene.
Mir ist es ein Anliegen, zwischen privaten und beruflichen Welten Parallelen zu ziehen und Ihre Ressourcen vom einen in den anderen Bereich mitzunehmen. Wenn in diesem Buch also von Führungskräften die Rede ist, so ist damit eben dieser Hintergrund gemeint. Sämtliche Erkenntnisse und Methoden, die dieses Buch zusammenfasst, lassen sich auf alle Lebensbereiche beziehen. Beginnend bei der eigenen Lebensführung, dem Führen einer Partnerschaft, der Kindererziehung, dem Führen von Mitarbeitern bis hin zur Gestaltung des Schulunterrichts und zu den Irrungen und Wirrungen der Politik. Dieses Konzept zeigt, wie wir Führungsleitlinien und Grundsätze auf alle Bereiche übertragen können. Denn die Dinge sind im Kleinen wie im Großen – und das machen wir uns zu Nutzen.
Entgegen der Meinung der Buchbranche, man müsse einen Führungsratgeber auf das Berufsleben begrenzen, um damit in einen bestimmten Regalmeter einer Buchhandlung zu passen, bin ich der festen Überzeugung, dass wir davon profitieren, uns beim Thema Führung nicht nur in einer Rolle zu sehen. Stattdessen können und sollten wir in unserem Leben jeden Millimeter Parkett, den wir betanzen, nach unseren Werten gestalten. Schließlich geht es auch beim Tanz um das gekonnte Führen und Loslassen sowie das kunstvolle Ausschmücken.
Es ist eine bewusste Entscheidung, sich in seinem Mikrokosmos als Führungskraft zu verstehen und Verantwortung zu übernehmen. Wir halten alle Fäden unseres Lebens in der eigenen Hand. Es ist nur die Frage, ob und wie wir unseren Einflussbereich verantwortungsvoll nutzen.
Seien Sie der Marionettenspieler Ihres Lebens – nicht die Marionette.
Die Motivation für meine Arbeit war und ist stets diese: Ich wünsche mir, dass Erwachsene ihren Mikrokosmos, ob in ihrer Familie, mit ihren Kindern, Freunden und Kollegen, im Beruf, in der Politik oder ganz profan im Gespräch mit dem Nachbarn, selbst aktiv gestalten und sich nicht darauf verlassen, dass sich ihr Leben von selbst oder durch jemand anderen verschönert. Ich wünsche mir, dass wir Er-Wachsenen die Chancen unserer Zeit nutzen und unsere persönlichen Revolutionen starten. Nur so sind nachfolgende Generationen frei von unseren Marotten, können eigene, neue Fehler machen und wiederum aus diesen lernen. Kurz: Ich wünsche mir, dass wir Evolution leben.
Andernfalls driften wir weiter und weiter in eine politische Landschaft, die aus Angst vor Neuem und Unbekanntem lieber alte Strukturen zurück in die Gegenwart holt, anstatt den Sprung in das Neue, die Freiheit und Authentizität zu wagen und sich all ihren Unsicherheiten zu stellen. Ein Beispiel ist unser Gesundheitssystem, das seine Institutionen Krankenhäuser und Krankenkassen nennt, weil es schließlich an der Krankheit und nicht an der Gesundheit verdient. Oder auch unser Schulsystem, dessen Strukturen einer Zeit entstammen, die am Ende fleißige Fabrikarbeiter und keine innovativen Freigeister benötigte.
Wenn wir Erwachsenen es schaffen, die kommenden Generationen frei und stark zu erziehen, indem wir unsere Wunden heilen und so unsere Verletzungen und Begrenzungen nicht weitergeben, dann stellen alte Parolen und rückschrittliche Ideen, Ausbeutung und Machtmissbrauch bald keine Versuchung mehr dar.
Wir bereiten eine Revolution vor. Nicht nur das Abendessen. florynce kennedy
Denn:
Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. berthold brecht
Inmitten von Schwierigkeiten liegen Möglichkeiten. albert einstein
Dieses Buch konnte nur entstehen, weil ich in meinem Leben schwierige und herausfordernde Ereignisse erlebt habe, die mich zum Nachdenken brachten und die meinen Ehrgeiz weckten, die Dinge anders zu sehen und zu tun, als ich sie bis dahin betrachtet und getan hatte.
Eine der bedeutendsten Reisen war die Suche nach geeigneten Führungskräften, von denen ich Inspiration und Ideen erhalten würde. Während ich zwar viele weniger geeignete Exemplare erlebte, gab es auch etliche besonders gute, deren Eindrücke mich bis heute begleiten. Die für mich schlechteste Führungskraft war ein Professor in Betriebswirtschaft, der die erste Vorlesung mit den Worten begann: „Schauen Sie einmal nach links und einmal nach rechts – nächstes Jahr wird nur noch einer von Ihnen hier sein.“ Die beste hingegen und auch die, an die ich mich am liebsten erinnere, war Herr Schmitt in Makroökonomie. Er ließ nichts unversucht, um die Dendriten unseres Gehirns durch sein Rumgekasper vor, an und mit der Tafel zu öffnen. Es war die einzige Vorlesung, für die ich nichts nachbereiten musste, da die Inhalte bereits in der Vorlesung vermittelt wurden. In Erinnerung blieb mir vor allem ein Gespräch mit ihm über seine ausgefallenen Lehrmethoden, die sehr an Robin Williams in „Der Club der toten Dichter“ erinnerten. Genau so etwas wollte ich auch machen. Ich wusste nur noch nicht, was der Ort dafür sein sollte, wenn nicht die klassischen Lehranstalten.
Außerdem war ich im Alter von 27 Jahren auf der Suche nach einigen Antworten in meinem Leben und fand dabei lange Zeit nicht die gewünschte Unterstützung. Ich suchte Therapeuten und Coaches aus den unterschiedlichsten Fachgebieten auf und verzweifelte an den pessimistischen Aussichten, die sie mir prognostizierten. Jahrelange Therapien und Antidepressiva sollte ich über mich ergehen lassen? Keine festgelegten Ziele, keine Perspektive – reden und ein bisschen was ausprobieren, dann würde man mal schauen? Schief schauend lehnte ich ab.
Ich stellte mir die Frage: Ist das wirklich notwendig? So dermaßen kompliziert fand ich mein Leben nicht, als dass ich zehn Jahre mit dessen Lösung vertun wollte. Sollte ich mein Leben in dieser Zeit auf Halt stellen? Ich wechselte die Therapeuten, mal nach einer Sitzung, mal nach zwei Jahren. Doch mit jedem Jahr, das aufgrund solcher Langatmigkeit verstrich, wurde der Pessimismus wahrscheinlicher. Vor allem aber stiegen meine Zweifel an meiner eigenen These, dass das Leben recht logisch ist. Psycho-logisch sozusagen. Schließlich verließ ich die Therapeuten, die mit zielloser Arbeit eher ihrem Portemonnaie einen Gefallen taten als mir. Ich stieg außerdem aus unglücklichen Beziehungen aus und sorgte dafür, dass mein Optimismus die Festigkeit erlangte, aus der er heute besteht.
Zum Glück gewann langfristig meine innere Stimme, die sagte: „So kompliziert kann das alles nicht sein!“ Ich stellte meine Ernährung um – damit begann tatsächlich eine meiner größten persönlichen Revolutionen – und fing dann an, mit schnellen und ergebnisorientierten Methoden meine inneren Blockaden zu beseitigen. Von Tanz und Yoga über Kinesiologie zum bisher krönenden Abschluss durch die Rapid Transformational Hypnotherapy (RTT), die ich heute selbst praktiziere. Ich ließ nichts unversucht, um jene Stolpersteine zu beseitigen, die mich davon abhielten, ein erfülltes Leben zu führen und darin mein ganzes Potential auszuschöpfen. Und zwar mit den Menschen, von denen ich instinktiv wusste, dass es sie gab, ich sie nur noch nicht alle gefunden hatte. Und mit einer körperlichen Verfassung, von der mir die Ärzte sagten, dass ich sie nie wieder erlangen würde.
Bis zu diesem Zeitpunkt meines Lebens hatte ich einige Fehler immer wieder gemacht. Als wollte ich auf Nummer sicher gehen, dass bestimmte Dinge und Menschentypen wirklich nichts für mich sind. Geschichten wiederholen sich eben so lange, bis man eine Lösung für sie gefunden hat. Da ist das Leben gnädiger als jede Klausur. Und ich habe ein paar Runden gedreht, bis ich mir schließlich eingestanden habe, dass ich eine ganz andere Form von Miteinander, Unterstützung, Arbeitsethos und Professionalität in sämtlichen Lebensbereichen von mir und anderen brauche und den Glauben in mir festigte, dass mir dies auch zustand.
Für meine eigene Arbeit hatte das zur Folge, dass ich Methoden fand und schließlich eigene zu entwickeln begann, welche die Effizienz und Klarheit besitzen, die ich mir selbst immer gewünscht hatte. Denn das Leben und die menschlichen Lebenswege sind logischer konzipiert, als wir oft vermuten. Im Herzen bin ich nun einmal Pragmatikerin und spätestens seit meinem betriebswirtschaftlichen Studium ist Zeit für mich ein äußerst wertvolles Gut, das ich gezielt und effektiv nutzen möchte. Mein Weg von der Diplom Medienwirtin (Kopf) zur Familienberaterin und Hypnotherapeutin (Herz) zeigte mir, wie wichtig es für mich war, eine gute Mischung aus beidem zu entwickeln. Ich entwickelte Konzepte, die für mich, meine Klienten und im Idealfall nun auch für Sie, lieber Leser, liebe Leserin, nachvollziehbar und realisierbar sind. Denn ich schätze spirituelle Ansätze als Inspiration und für das Herz sehr. In der Anwendung bin ich jedoch ein Mensch, der klare und strukturierte Konzepte benötigt, die in meinem durchaus getakteten Alltag leicht umsetzbar sind.
Es ist mir daher ein Herzensanliegen, Ihnen mit diesem Buch die Illusion zu nehmen, mit Ihnen stimme etwas nicht oder Ihr Leben und Sie seien übermäßig vertrackt. Sie müssen nicht erst bestimmte Anforderungen erfüllen, um gut genug für die Liebe, Ihren Traumjob oder andere schöne Dinge zu sein. Die einzige Hürde sind Ihre eigenen Gedanken über sich und die Welt. Ich wünsche Ihnen, dass Sie nicht so viel Zeit auf dem Weg in Ihr freies, erfülltes Leben verbringen, wie es Ihnen vielleicht als Prognose diagnostiziert wird.
Aus diesem Grund ist meine Geschichte gleichzeitig die Basis für meinen Erfolg. Weil ich selbst etliche Umwege genommen habe, gibt es kein Thema meiner Klienten, das ich heute scheue. Trotzdem oder gerade wegen meiner Geschichte empfinde ich mich als absoluten Glückspilz. Es war also schon immer alles gut so, wie es war, auch wenn die Annahme dieser Tatsache manchmal etwas länger gedauert hat.
Und so begann sie, meine Reise zur Entdeckung des Goldilocks-Prinzips, das ich in diesem Buch mit Ihnen teilen werde.
Am Ende ist alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende. oscar wilde
Ich wollte immer Lehrerin sein. Menschen dabei zu helfen, ihren Weg zu gehen, fand ich bereits verlockend, als ich meinen selbst noch suchte und finden musste. Der Grund dafür, dass ich mich jedoch bereits in der 10. Klasse gegen diesen Beruf entschied, war die Tatsache, dass in Deutschland der Wechsel von einer zu einer anderen Schule nicht ohne weiteres vollzogen werden kann. Geschweige denn, dass man das Bundesland bei Interesse mal eben wechseln darf oder ohne Umwege im Ausland lehren kann. Allein der Gedanke an diese fehlenden Möglichkeiten der Entwicklung nahm mir die Luft zum Atmen. Ebenso waren viele Beobachtungen und Erfahrungen in meiner eigenen Schulzeit verantwortlich dafür, dass ich alles an ein gutes Abitur setzte, um ganz sicher nicht einen Tag länger in der Schule bleiben zu müssen, als es unbedingt notwendig war.
Ich brauchte unkonventionellere Wege, damit ich meiner Leidenschaft des Lehrens weiterhin nachgehen konnte. Meine Chance kam, als ich in Hessen als Vertretungslehrerin arbeiten durfte. Und ich ergriff sie. Mit meinem Diplom in der Tasche wollte ich mit meinem Studienschwerpunkt Personalentwicklung und Kommunikation etwas Sinnvolles anfangen. Doch als ich mit 25 Jahren vor dieser zweiten Klasse stand, brachte mir auch mein Diplom nichts. Auch nicht meine Babysittererfahrungen oder die Tatsache, dass ich ein bereits zehnjähriges Patenkind hatte. Was man für eine Klasse mit gut 20 aufgeweckten und neugierigen Kindern braucht, stand in keinem Lehrbuch: Wie führt man diese kleinen Menschen?
Im Gegensatz zu einer von mir durchaus geschätzten Politikerin des Landes bin ich nicht der Meinung, dass man einfach in das Lehren hineinwächst und es nun einmal gute und schlechte Führungskräfte gibt. Ich bin eine Verfechterin des Erlernens guter Führungsqualitäten – und das am besten bevor man Zugriff auf die beeinflussbaren Gehirne besonders von kleinen, aber auch großen Menschen hat.
Ohne eine Antwort auf diese Frage zu haben, wie ich mich der Klasse gegenüber nun am besten verhalten sollte, begann die Unterrichtsstunde. Ich wollte meine Aufgabe erfüllen und die Arbeitsblätter mit den Kindern erledigen. Die Sache schien wichtig und ich wollte nachher nicht gefragt werden, was ich mit den Kindern denn gemacht hatte, wenn nicht die mir übertragenen Aufgaben. So stellte ich die Beziehung zu den Kindern hinten an und legte den Schwerpunkt auf die Zielerfüllung. Das war mein erster Fehler. Nachdem die Schüler in der ersten Stunde zufrieden waren, mich musterten und mir aufmerksam zuhörten, tauten sie in der zweiten Stunde auf. Sie begannen, mit ihren Stühlen zu wackeln, lauter zu werden und Fragen über mein Leben zu stellen. Ich wiegelte die meisten Dinge ab, doch ich kam gewaltig ins Schwitzen. Ich mochte die Kinder, aber die Kluft zwischen Soll erfüllen und dem, was ich gerne mit ihnen gemacht hätte, war immens. Als ein Junge schließlich so heftig mit dem Stuhl wackelte, dass ich ihn in Gedanken schon mit einem Loch im Kopf ins Krankenhaus abtransportiert werden sah und die restliche Klasse laut tuschelte, ergriff mich die Frage: „Bin ich dem Ganzen hier gewachsen?“ Dann lief es reflexartig: Noch bevor ich mir über diesen Gedanken wirklich bewusst war, hörte ich mich laut durch den Raum schreien: Er solle sofort mit dem Stuhlwackeln aufhören und ich wolle ihn für den Rest der Stunde bei mir vorne haben.
Zum Glück konnte ich dem Jungen noch erklären, dass ich Angst um ihn hatte, doch mit meiner Unsicherheit darüber, ob die Schule gegen solche Unfälle versichert wäre und was wohl in diesem Fall hier los sein würde und auch mit dem Schreck über meine eigene Reaktion, musste ich alleine klar kommen.
Am Ende meiner Zeit mit dieser Klasse angekommen saß ich hinter dem Lehrerpult – man unterschätze nie ein stabiles Stück Holz hinter dem man sich verschanzen kann – als eine Schülerin auf mich zukam. Gut gelaunt und fröhlich fragte sie mich: „Gell, du magst das nicht?“ Verdutzt schaute ich sie an. „Oh je!“, dachte ich, „natürlich mag ich sie und die Klasse, wie kommt sie nur darauf?“ Auf meinen ratlosen Blick meinte sie: „Na, Rumschreien!“ Bevor ich ihr darauf antworten konnte, hüpfte sie schon aus der Klasse, hinaus in die Pause zu den anderen. Und lies mich in meiner Not als angehende Führungskraft alleine.
Sie ersparte mir mit dieser rhetorischen Frage und herzlich ehrlichen Antwort etliche Therapiesitzungen, wie Kinder das nun einmal gerne machen. Denn sie hatte so Recht: Rumschreien wollte ich wirklich nicht. Aber was war die Alternative zu diesem abgespulten, kopierten Verhalten aus meiner eigenen Schulzeit?
Es war der Startschuss, mich auf die Suche zu begeben, nach Alternativen zum Schreien und zum werteorientierten Führen. Schnell merkte ich, dass sich das, was ich herausfand, auf alle Lebensbereiche übertragen ließ und dass Hürden beim Umsetzen dieser Ideale immer mit dem Einzelnen zu tun haben. Diese Hürden sind außerdem sehr berechenbar und abhängig von dem, was ein Mensch erlebt hatte.
Von den Antworten, die ich fand, und den Erfahrungen und Begegnungen, die ich als Coach und Beraterin machte, handelt dieses Buch. Davon, dass inmitten aller Schwierigkeiten, Schweiß und Tränen eben auch all das Schöne verborgen ist.
Wir alle kennen Geschichten, die das Leben schreibt, bei denen man den Autor am liebsten verfluchen möchte. Wir alle befinden uns gelegentlich in Situationen, in denen uns ein „Ist nicht wahr!“ herausrutscht. Doch natürlich ist es wahr und jeder Versuch, die Realität zu leugnen oder einen anderen zum Verantwortlichen zu machen, erschwert den Weg hinaus aus dem Chaos. Es hätte mir damals nichts gebracht, davon auszugehen, dass die Kinder einfach nur unerzogen und nicht fähig waren, still zu sitzen. Stattdessen hatte ich als Führungskraft Wege zu finden, wie ich den Menschen die Dinge, von denen ich überzeugt war, beibringen konnte. Meine Arbeit als Führungskraft hatte ich einer Überprüfung zu unterziehen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger hat mir diese Situation gezeigt. Das ist das Goldilocks-Prinzip. Das ist es, was es für mich bedeutet, aus Scheiße Gold zu machen.
Wie kommt das Goldilocks-Prinzip auf die kühne Behauptung, dass alles gut ist, wie es ist, auch wenn es sich anfühlt, riecht und aussieht wie ein Haufen Scheiße? Weil jeder dieser Haufen ein persönlicher, ganz auf Sie und Ihre Persönlichkeit zugeschnittener Weckruf ist. Entweder, um Ihnen zu zeigen, dass Sie mit einem Gedanken oder einer Aktion vollkommen auf dem Holzweg sind, oder weil Sie eine Erkenntnis – sehr wahrscheinlich zum wiederholten Male – einfach „nicht wahr haben wollten“, die sehr wohl Realität ist und nach einer Veränderung oder einem Perspektivwechsel ruft.
Dass die Beziehung (in meiner Geschichte die zu den Schülern) immer Vorrang hat, habe ich unzählige Male in anderen Lebensbereichen erfahren – oft, weil ich es vergeigte. Ich spürte zwar, dass beispielsweise ein Arbeitsblatt nie wichtiger sein kann als eine spielerische, gute Atmosphäre, in der wir auf eine wohlwollende Art und Weise miteinander sein und lernen können, hatte aber damals noch keine Alternativen im Kopf, wie ich dies hätte realisieren können.
Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich mit meinem damaligen Freund eine Gardinenstange aufhängte. Es war mir unglaublich wichtig, dass dieses Teil akkurat angebracht wurde und der Stoff so fiel, wie ich mir das in meinem Kopf bereits detailliert ausgemalt hatte. Der Stress, den ich durch diese engstirnige Fokussierung allerdings auslöste, machte die Operation Gardinenstange fast unmöglich. Wir stritten uns heftig. Ich war genervt, wenn seine Arme zuckten, weil er die Stange ewig hochhalten und justieren musste. Mein Freund hingegen fühlte sich nicht gut genug, wobei er alles tat, um die Schrauben dort in die Wand zu jagen, wo sie hinsollten. Aus verschiedenen Gründen sind wir heute nicht mehr zusammen. Einer meiner Anteile war, dass ich oft in diesem Pragmatismus steckte, statt die Leichtigkeit und den Spaß der Dinge zu sehen und einfach im Moment in dieser Beziehung zu sein. Denn wie alle Eigenschaften hat auch der Pragmatismus Vor- und Nachteile. Man muss beide Seiten entdecken – die stabile Klarheit und die liebevolle Gelassenheit – um in der eigenen Mitte zu sein.
Das von mir entwickelte Goldilocks-Prinzip soll Ihnen dabei helfen, diese Leichtigkeit zu leben und sich einen positiven Umgang mit herausfordernden Momenten anzueignen, ohne deren Bedeutsamkeit zu leugnen oder zu verdrängen. Der Begriff eignet sich hervorragend als salonfähige Beschreibung für unsere Persönlichkeitsentwicklung. Nach diesem Prinzip zu leben bedeutet, wirklich jeden Moment des Lebens als genau richtig zu erkennen und gleichzeitig die Bereitschaft zu zeigen, sich dem Erlebten aktiv hinzuwenden. Selbst wenn das beinhaltet, sich mit Chaos, Schmerz, Krankheit, Wut, Angst und Trauer auseinandersetzen zu müssen, um darin die eigene Verantwortung, den eigenen Wirkungsbereich zu erkennen. Alles ist gut und von dort machen wir es noch besser.
Wir wollen doch seh’n, ob nicht die allermeisten
sogenannten ‘unübersteiglichen
Schranken’, die die Welt zieht, sich als
harmlose Kreidestriche herausstellen.
lou a. salomé
Wie geht das und was braucht es dafür?
Um sich das Goldilocks-Prinzip anzueignen, ist es zunächst notwendig, eine Situation bewusst anzunehmen und eine positive Perspektive darauf einzunehmen. Das bedeutet auch die Aufgabe sämtlicher inneren Widerstände gegen die Realität und die Annahme von allem, was ist. Erst dann können wir aus der vermeintlichen „Scheiße“ Gold machen. Es handelt sich also um einen eingenommenen Blickwinkel, eine Haltung, die von tiefem Vertrauen in sich selbst geprägt ist, in das eigene Leben und in dessen Verlauf. Mit diesem Grundvertrauen gehen wir davon aus, dass es das Leben gut mit uns meint und es keinen Moment gibt, der falsch ist, auch wenn er durchaus schmerzhaft sein kann. Dass jede schwierige Situation, in der wir uns wiederfinden, für unser Wachstum gedacht ist. Dass das Leben für uns spielt und nicht gegen uns. Was auch immer uns geschieht, passiert mit dem Ziel, uns auf die Sprünge zu helfen. Um uns zu zeigen, wo wir dringend tätig werden müssen und welche Umstände eines kleinen oder größeren Remakes bedürfen, damit wir auf unserem Weg weiterkommen.
Da ist unser Körper, mit dem wir erst unseren Frieden machen müssen, bevor wir uns liebevoll einer passenderen Ernährung und Lebensform widmen, mit der wir ihn in die gewünschte Form, Gesundheit oder Fitness bringen. Das verpatzte Vorstellungsgespräch für den vermeintlichen Traumjob, das uns zur Rekalibrierung zwingt und uns schließlich den Lerneffekt erkennen lässt. Die schmerzhafte Trennung, die uns zeigt, was wir wirklich wollen und was wir bereit sind zu geben.
There’s a crack in everything – that’s how the light gets in. leonard cohen
(Alles hat einen Riss – so kommt das Licht hinein.)
Jeder Mensch erlebt im Laufe seines Lebens schmerzhafte Dinge. Wir verlieben uns und müssen vielleicht lernen, dass diese Liebe nicht erwidert wird und sie somit auch nicht die für uns richtige Liebe ist. Wir erhalten eine Diagnose, die unser Leben vollkommen auf den Kopf stellt und uns zu einem wichtigen Lebenswandel bringt. Wir verlieren geliebte Menschen und sind gezwungen, Möglichkeiten zu finden, die Schönheit, die wir durch sie erfuhren, anders zu erleben. Erkenntnis und Veränderung kommen zwar in allen Momenten des Lebens, besonders jedoch in den herausfordernden. Und hier kommt es auf unsere Fähigkeit an, diese Momente als Goldilocks – als genau richtig – zu betrachten, um sie in Gold verwandeln zu können.
Hätte die Erfinderin des Goldilocks-Prinzips sein können: Kintsugi-Schüssel aus Japan. Die Risse der vermeintlich defekten Schüsseln werden mit einer mit Gold versehenen Kittmasse aufgefüllt. Das macht jede Schüssel zu einem besonderen, individuellen Unikat und wertvoller als zuvor. Wissen Sie, dass Sie auch ein solches Exemplar sind?
Dafür ist es zunächst notwendig, dass wir uns der Situationen annehmen und uns überlegen, was wir an uns verändern wollen. Welche Eigenschaften und Angewohnheiten wollen wir loswerden oder ausbauen, welche Rituale Alltag werden lassen? Wo will ich mich aus der Komfortzone heraustrauen? Welche alten, limitierenden Glaubenssätze über mich und das Leben sollen endlich über Bord geworfen werden? Wichtig ist hierbei, zu erkennen, dass wir auf nichts anderes außer uns selbst und die Dinge, die wir tun oder unterlassen, einen Einfluss haben. Für nichts anderes tragen wir die Verantwortung. Und nur das ist es, was es braucht. Denn würden wir alle kräftig vor der eigenen Haustüre kehren, wäre die Welt ein anderer Ort.
With great power comes great responsibility. spiderman
(Mit großer Macht geht große Verantwortung einher.)
Wenn wir nun davon ausgehen, dass alles gut so ist, wie es ist, dann dürfen wir alle mal kurz aufatmen. Die miserablen politischen Zustände in vielen Teilen dieser Welt? Wir werden wählen gehen und uns in unseren Kreisen für ein besseres Miteinander einsetzen. Die vier Kinder in der Schulklasse, die auf finanzielle Hilfe angewiesen sind, um an der Klassenfahrt teilzunehmen? Wir organisieren das schon. Der eigene Partner, der gerade seine Visionen verliert und droht, sich mit dem erstbesten Job zufriedenzugeben? Wir halten ihm den Spiegel vor und erinnern ihn an die vielen weiteren Möglichkeiten, die er hat, um an sein Ziel zu kommen.
Auf diese Weise leben wir in unseren kleinsten Mikrokosmen das, was wir im großen Ganzen, dem globalen Makrokosmos, sehen wollen. Es beginnt daher alles mit uns und unserer Lebensführung, mit unserer Familie, unseren Freunden und Kollegen.
Diese These sorgt immer wieder für Wirbel in meinen Vorträgen und Seminaren. Manchmal, weil Eltern keine Führungskräfte sein wollen, ein anderes Mal, weil berufliche Führungskräfte sich um ihren Status beraubt fühlen. Fakt ist, dass wir alle Einflussbereiche haben, in denen wir Verantwortung leben können. Ob als Freunde, Partner oder Partnerin, als Vorgesetzte, Nachbarn, Eltern, Verwandte oder Bekannte. Allein der Akt Ihrer Tagesgestaltung besteht aus vielen kleinen und großen Entscheidungen und somit Gestaltungsmöglichkeiten für Ihre individuelle Lebensführung.
Aus diesem Grund befasse ich mich in diesem Buch mit den, wie ich finde, wichtigsten Führungsrollen, die wir einnehmen können. Der Führungskraft, die wir in unserem Leben sind. In der besonderen Verantwortung, die Eltern und Pädagogen eint, aber auch in der Rolle als Teil einer Partnerschaft, die schließlich die Basis für eine Familie bildet, sowie als unternehmerische Führungskräfte, die unsere Welt mit bedeutsamen Hebeln aktiv gestalten.
In all diesen Mikrokosmen sind Menschen aktiv. Menschen, die jeden Tag die Wahl haben, ob sie ihre Rolle als Führungskraft wahrnehmen oder diese Chance verstreichen lassen und stattdessen andere ihre Wirklichkeit und unter Umständen die vieler Menschen gestalten lassen. Es ist also unser aller Aufgabe, Herausforderungen als Momente der Führungschance zu begreifen und sie nicht verstreichen zu lassen oder in die Hände Dritter zu geben.
Nur im Mikrokosmos der Selbstwirksamkeit fühlen wir uns wertvoll – was essentiell ist für unser Wohlbefinden. Nur kluge Überlegungen sind noch hilfreich, solange sie nicht die Schwelle zum energieraubenden und zermürbenden Grübeln überschreiten. Destruktiv, da absolut nicht lösungsorientiert und fernab jeder Möglichkeit Dinge gestalten zu können, ist das Gejammere in Stammtischmanier.
Eine Führungskraft erkennt man deshalb nicht daran, dass in ihrem Leben immer alles glatt läuft, sich jeder Wunsch erfüllt oder es keine Widrigkeiten gibt. Eine Führungskraft ist jemand, der nicht aufhört, nach Antworten und Lösungen zu suchen, wenn er mit dem eigenen Latein am Ende ist. Deshalb nenne ich all meine Klienten Führungskräfte. Sie sind mutige Führungskräfte, denn sie machen beides: Sie streben – trotz manchmal widriger Umstände – nach Persönlichkeitswachstum und sie suchen nach neuem Input, weil sie ihr eigenes Gedankenkarussell nicht mehr weiterbringt.
Führungskräfte erkennt man nicht an einem aalglatten Lebenslauf. Man erkennt sie an ihrer Fähigkeit, das Steuer zu übernehmen und Lösungen zu finden. Und daran, Unterstützung zu suchen, wenn sich das eigene Lösungsrepertoire erschöpft hat.
Take care of your staff first. The rest will follow. richard branson
(Kümmere Dich zuerst um Deine Mitarbeiter – der Rest kommt von alleine.)
Dass das Führen einen relativ schlechten Ruf besitzt und es sich zu einem fast schon heißen Eisen entwickelt hat, kam nicht über Nacht. Während es bis in die Fünfzigerjahre einen klaren Konsens bezüglich Führung gab – in der Familie wie auch im Unternehmen wurde das Regiment mit strenger, meist männlicher Hand geführt – schlug die Gegenbewegung die komplett konträre Richtung ein. Die Achtundsechziger hielten ein „Nein“ für eine Verletzung an der Seele. Man setzte auf Gemeinschaft, Diskurs und Einbeziehung und merkte dabei nicht, wie handlungsunfähig man oft durch fehlende Strukturen und Verantwortlichkeiten wurde und wie sehr diejenigen, die auf kompetente Führung angewiesen waren, darunter litten. Wie sehr das Schwimmen ohne erkennbaren Rahmen sie haltlos machte.
Nun geht es natürlich nicht darum, das Mitspracherecht abzuschaffen, einen klugen Dialog oder Austausch ad acta zu legen und die Zügel so straff zu ziehen, dass einem die Luft wegbleibt. Es geht vielmehr darum, dass die vorhandenen Rollen einen stabilen und verlässlichen Rahmen erhalten, in dem sie sich entfalten können. Für moderne Führung bedeutet das, sich als Eltern nicht mehr auf Biegen und Brechen nach einem Nachschlagewerk zu sehnen, in dem steht, wie viel Hausarbeit ein Zehnjähriger mitzugestalten hat oder wie lange eine Teenagerin mit 16 Jahren auf einer Party bleiben darf. Es geht auch nicht darum, festzuschreiben, ob jeder Lehrer Freiarbeit und Projektarbeit auf dem Lehrplan hat oder der Unternehmer jeden seiner Mitarbeiter per se duzen sollte. Sondern darum, zu erkennen, dass jede Führungskraft vor solchen Entscheidungen steht und dass es das Ziel ist, einen authentischen Weg zu finden, um den Rahmen nach den eigenen Werten zu gestalten.
Das Regelwerk, das einem von meist rechts angesiedelten Parteien mittlerweile wieder versprochen wird, ist eingestaubt und wäre ein Rückstatt ein Fortschritt. Freiheit bedeutet eben auch, vor einer großen Auswahl an Optionen zu stehen. Beim Milchkauf, bei Wahlen, aber auch beim Führen des eigenen Lebens im Kleinen wie im Großen. Das kann man unbequem finden, weil man darüber nachdenken muss, was man denn jetzt eigentlich will. Oder aber man erfreut sich daran, dass einem diese Freiheit zuteil wird und wählen kann. Und zwar nach seinen eigenen Vorstellungen, die man mitunter erst einmal entdecken und formulieren lernt. Denn das bringt Freiheit mit sich: Die Auseinandersetzung mit sich selbst.
Ein paar Punkte im Ehrenkodex gelungener Führung gibt es jedoch, die wir schon zu Beginn dieses Buches festlegen können und die das Verständnis von Führung etwas klären.
So verfügt eine gute Führungskraft im Idealfall vor allem über Weitsicht. Weitsicht ist die kluge Kombination aus Erfahrung, Wissen, Empathie und Intuition. Eltern wissen im Idealfall, wie viel Zeit vor dem Fernseher für ihre älteste Tochter gut ist und ob der jüngere Bruder ebenso lange auf einer Party bleiben sollte wie seine ältere Schwester, als diese im gleichen Alter war. Eine unternehmerische Führungskraft ist sich im Idealfall über die Konsequenzen weiterer Kürzungen, Einstellungsstopps oder Gehaltserhöhungen für das gesamte Unternehmen bewusst und setzt diese Instrumente entsprechend klug ein. Und ein Lehrer oder Seminarleiter weiß, ob zuerst Konflikte geklärt und angesprochen werden müssen, bevor man mit den eigentlichen Inhalten beginnt.
Gute Führungskräfte überlassen die Atmosphäre ihres Mikrokosmos nicht dem Zufall oder gar denjenigen, die auf sie zählen. Sie wissen, dass die Beziehungen zu den Mitarbeitern (Schülern, Kindern, Partnern) entscheidend sind, um Ziele und Erfolge zu erreichen, seien diese wirtschaftlicher, bildungspolitischer oder emotionaler Natur. Dazu gehört auch die liebevolle Beziehung zu sich selbst, worauf wir im Laufe des Buches immer wieder und besonders im Kapitel „Zurück zum Ich“ sehr intensiv eingehen werden. Eine Aufgabe steht daher nie über der Beziehung mit den Menschen, die an ihr beteiligt sind. Wir sehen das auch daran, wie viel Geld es das Unternehmen kostet, wenn einer ihrer Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen eine Scheidung durchlebt. Unsere Beziehungen bilden die wichtigste Basis für unser Leben.
Wir sollten in Interaktionen das Hauptaugenmerk immer auf die Beziehungsebene legen. Nur mit gelungenen Beziehungen gelingen auch unsere Aufgaben und wir erreichen unser Ziel. Das kann auch bedeuten, dass man bemerkt, dass eine Beziehung am Ende angekommen ist und man mit ihr keine gemeinsamen Ziele mehr erreichen kann. Doch das Wie ist auch bei einer Trennung entscheidend.
Wie einer ist, ob man ihn kennt, merkt man dann, wenn man sich trennt. wilhelm busch
So verlassen Mitarbeiter in den meisten Fällen keine Unternehmen, sondern ihre direkten Führungskräfte. 60 Prozent aller Mitarbeiter haben laut einer Gallup-Studie zudem bereits innerlich gekündigt, während sie weiter in ihrem Unternehmen arbeiten. Die damit einhergehenden Einbußen sind emotional und schließlich finanziell nicht zu unterschätzen. Nur wenn die direkten Beziehungen und somit das Arbeitsumfeld stimmen, sind Menschen bereit, ihr Bestes zu geben. Denn die Qualität unserer Beziehungen bestimmt über unser empfundenes Lebensglück.
Ein Arbeitsblatt in der Grundschule ist daher nie so wichtig wie die Atmosphäre in der Klasse. Das bedeutet nicht, dass die Kinder machen dürfen, was sie wollen. Ihre seelische (und natürlich körperliche) Unversehrtheit ist jedoch die Voraussetzung für die Öffnung ihrer Dendriten und somit der Fähigkeit, überhaupt etwas zu lernen, zu verstehen und zu verinnerlichen. Stress, langweilig verpackte Inhalte und das Gefühl von Abwertung sind dabei das Hinderlichste, was wir Lernenden und Arbeitenden antun können.
Die meisten Menschen verbinden mit den Schlagworten „gute Atmosphäre“ und „Beziehung“ das Loben im Übermaß. Kinder sollen gelobt werden, Mitarbeiter wollen sich ebenfalls gesehen und gehört fühlen und ihre Arbeit soll daher positive Beachtung finden. Doch so pauschal ist es nicht. Es gibt kein Regelwerk darüber, wie oft Sie Ihrem Partner sagen sollen, dass Sie ihn oder sie lieben. Es geht hierbei um zwei wichtige Tatsachen: Zum einen müssen Sie, wenn Sie nicht wollen, dass sich ein Lob abnutzt, dafür sorgen, dass Sie fühlen, was Sie sagen. Wer pauschal und ohne die Verbindung zu seinem Herzen lobt und den anderen mit emotionalen Ausbrüchen überschüttet, fühlt sich selbst leer und hat nichts dazu beigetragen, dass der andere sich wirklich wertgeschätzt und gesehen fühlen kann. Hinter der Aussage steckt keine Energie. Die Beziehung wird dadurch nicht gestärkt, sondern im Gegenteil eher geschwächt, weil das Lob einen Anklang von Zynismus erhält. Zum anderen ist es hilfreich zu wissen, dass eine Beziehung – ob beruflicher oder privater Natur – eine gutes Fundament benötigt, um Streitigkeiten, Missverständnisse und Differenzen verkraften zu können. Nur eine stabile Partnerschaft hält Krisen aus.
Daher macht es Sinn, das Konto zwischen positiven und kritischen Momenten im Verhältnis 5:1 zu halten. John Gottman, der Papst unter den Paarberatern, hat dieses Verhältnis in seinen Untersuchungen mit Liebespaaren aufgestellt, es ist jedoch für alle Beziehungen relativ konstant. Auch für die Beziehung zu sich selbst.
Um eine gute Beziehung mit sich und anderen zu führen, benötigt es ein Verhältnis von mindestens 5:1 von schönen, verbindenden Momenten miteinander und den Auseinandersetzungen im Falle divergierender Meinungen und Ansichten.
