Das grenzgeniale Pseudo-Kidnapping - Les Edgerton - E-Book

Das grenzgeniale Pseudo-Kidnapping E-Book

Les Edgerton

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Beschreibung

Wegen illegaler Sportwetten wird Baseballspieler Pete Halliday aus der Profiliga verbannt. Er strandet in New Orleans. Der ewige Sommer, das gute Essen und die leichten Mädchen haben es ihm angetan. Nachdem er hohe Wettschulden bei seinem italienischen Buchmacher angehäuft hat und die Luft dünner wird, lässt er sich mit Tommy LeClerc ein, einem zwielichtigen Cajun mit einem Hauch indigenen Blutes, der sich für eine echte "Rothaut" hält. Seine Coups scheitern zwar heillos, doch für den ganz großen Zahltag kann er Pete zu einer grenzgenialen Entführung überreden: Sie wollen den Boss der Cajun-Mafia kidnappen! Um das Chaos perfekt zu machen, verliebt sich Pete auch noch in die Teilzeit-Nutte und Kellnerin Cat Duplaisir, bei der er untertauchen kann, während sowohl der Cajun-Mob als auch die italienische Mafia hinter ihm her sind … US-Autor Les Edgerton ist ein an Überraschungen reiches Potpourri aus düsterer Krimikomödie und Pulp-Parodie gelungen, ein rasanter Trip durch die Unterwelt des Big Easy, wo jeder jeden übers Ohr hauen will.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das grenzgeniale Pseudo-Kidnapping
Les Edgerton
2003
ENDSTATION OHNE SEHNSUCHT
Der erste Haken an der Sache zeigte sich sofort. Bei der Feinabstimmung des Entführungsplans, als Tommy verkündete, wir sollten dreiteilige Anzüge tragen wie Versicherungsvertreter. Falls schon einer der Nachbarn auf den Beinen wäre, denen es seltsam vorkommen könnte, dass zwei Männer, die aussehen wie Krab­ben­fischer, so früh am Morgen beim Haus dieses Typen herumlungerten. Ich hatte keinen dreiteiligen Anzug, nicht mal einen zweiteiligen. Und wenn ich genau darüber nachdachte, hatte ich noch nicht mal ein Jackett. Und auf Nachfrage bei Tommy stellte sich heraus, dass er ebenfalls nichts davon besaß. Ich war dafür, einfach so angezogen, wie wir waren, ans Werk zu gehen, aber das ließ Tommy nicht gelten. »Herrgott noch mal, Pete. Das können wir nicht machen. Dieser Typ lebt in einer Gegend, wo alle eine Riesenkohle haben. Die haben Swimmingpools hinterm Haus, falls du verstehst, was ich meine. Wenn wir da so ankommen, wie wir sonst immer aussehen, wird sofort irgendein Schwachkopf von gegenüber die Cops anrufen, wegen der zwei Typen, die wie Einbrecher aussehen.« Es stellte sich heraus, dass er bereits einen Plan hatte, wie wir an ein paar Kröten für die Anzüge kommen könnten. Die Idee war absurd genug, sodass ich glaubte, sie könnte sogar funktionieren. Schätze, man musste dabei gewesen sein. Damals hat sich das gar nicht so verkehrt angehört. Ich meine, der Typ war schließlich Indianer ...
***
Eine Stunde später saßen Tommy und ich in der Straßenbahn, im St. Charles Streetcar, an der Haltestelle beim Zoo, wo der Club 4141 ist, und beobachteten die Leute, die vorne einstiegen. Als Letztes kam ein Touristenpärchen im Partnerlook mit gelben Bermudashorts.
»Cool«, meinte Tommy, »Touristen. Die haben wenigstens Geld bei sich.« Er zog an seiner Zigarette. Er saß direkt unter einem Schild, auf dem Rauchen verboten stand, und hielt die Kippe aus dem Fenster.
Ich widersprach ihm nicht. Im Wagen befanden sich vielleicht fünfzehn Leute, dazu noch wir und der Fahrer. Gar keine so schlechten Aussichten. Da könnten schon ein paar Tausender für uns rausspringen. Und Anzüge, die nicht vom Grabbeltisch im Kaufhaus stammten.
»Siehst du das?« Ich folgte seinem Blick, der sich an der vollbusigen Touristin festgesetzt hatte – ein echter Hingucker.
»Ja. Na und?«
»Na, das.« Er hob seinen Unterarm und tat so, als ob er sich darin verbeißen würde.
»Davon kannst du doch nur träumen«, sagte ich grinsend.
»Ja, ja. Ich hab was, was ihr Freund da nicht hat.«
Ich lachte laut los: »Klar, Tommy. Du bist hässlich. Aber ich schätze, sie ist vielleicht eine von diesen spinnerten Weibern, die eher auf Intelligenz und gutes Aussehen stehen, oder zumindest auf eins von beiden.«
Tommy drehte sich um und sah mich an. »Ich rede hier von Technik«, sagte er. »Ich habe nämlich die Technik drauf.«
»Technik?«
»Ja, Technik.«
»Was denn für eine? Wie es drauf geht und dann wieder runter, oder was?«
»Nee, Mann«, sagte er und schüttelte dabei den Kopf, als könne er nicht glauben, wie dämlich ich bin. »Das ist wie mit einem großen Schwanz. Den hat ja jeder.«
Ich kicherte: »Ich kann mich gar nicht erinnern, dass du in dieser Hinsicht so gut weggekommen wärst.«
»Na ja, da war es ja auch kalt. Wir sind gerade aus dem See gestiegen, was erwartest du denn? Schau mal, Pete, um ein Champion beim Sex zu sein, muss man es ge­nauso machen wie beim Basketball. Du musst ihn jederzeit versenken können.«
Hinter uns saß eine junge Frau, der ich ansah, dass sie sich Mühe gab, das, was Tommy sagte, so gut wie möglich zu überhören. Sie rutschte auf ihrem Sitz hin und her und starrte aus dem Fenster, auf die prächtigen Villen, an denen wir vorbeikamen.
Ich konnte es nicht abwarten, etwas über Tommys »Technik« zu erfahren und fragte nach.
»Ich pisse in sie rein.«
Das Mädel hinter uns schnappte sich die Handtasche, schnaubte hörbar und setzte sich drei Reihen weiter nach hinten.
»Leck mich, Lady«, murmelte Tommy. »Wenn dir unsere Unterhaltung nicht gefällt, dann setz dich halt woanders hin.«
Ich musste lachen. »Hat sie ja gemacht. Also, was hat es jetzt mit der Pisserei auf sich?«
Ich sah das Straßenschild aufblitzen. Wir kamen in die Gegend, wo wir unser Ding durchziehen wollten. Die Ecke, wo die St. Charles auf die Carrollton Avenue abbog, beim Camelia Grill. Drei Blocks von der Stelle entfernt, wo wir Tommys Chevy Nova als Fluchtwagen abgestellt hatten.
»Vergiss es«, sagte ich. »Wir sind da. Bist du bereit?«
»So bin ich doch schon zur Welt gekommen«, meinte Tommy. Er stand auf und griff in seinen Hosenbund.
Das Mädel, das sich umgesetzt hatte, brüllte: »Der Mann hat eine Pistole!«
Scheiße.
Die Leute in der Straßenbahn drehten durch. Die Hölle brach los – Fahrgäste schrien auf, die Bremsen quietschten, als der Fahrer in die Eisen ging. Die Touristenfrau vor uns heulte auf wie am Spieß – Ayyyiiiiieaaahhhh! Ein einziger langer Schrei, der nur unterbrochen wurde, wenn sie Luft holen musste.
Iiiiiiiiiaaaaaayaaaaah! Ayaayaaya! Aaaaaaaayaiiiie!
»Halt’s Maul!«, schrie Tommy zurück. »Halt verdammt noch mal die Fresse!«
Er sah runter zu mir. Ich saß immer noch da, wie vom Blitz getroffen.
»Machst du gerade ein Päuschen, oder was ist los, Pete?«
Ich glotzte ihn nur an. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Er sah von mir hoch, und ich folgte seinem Blick zu dem Mädel in der letzten Reihe, das uns verraten hatte. Sie hatte eine Pistole gezogen und hielt sie, mit beiden Händen umfasst, auf ihn gerichtet, ganz wie man es aus dem Fernsehen kennt. Ich war wie gelähmt. Es war nicht so, dass mein ganzes Leben vor meinen Augen vorbeizog, aber ungefähr 26 Jahre und drei Monate davon.
»Mir kommt gerade die Kotze hoch, das ist los«, antwortete ich ihm. Worauf hatte ich mich da nur eingelassen?
»Dann solltest du dir die Zähne putzen, bevor du wieder eine Braut küsst.«
Tommy hob seine Pistole und zielte auf die Frau in der letzten Reihe, auch er hielt die Waffe mit beiden Händen. Unentschieden. Mexican Standoff.
Er neigte den Kopf leicht zu mir, hielt seinen Blick aber immer noch auf die Frau gerichtet. »Erschieß sie!«, befahl er. Jetzt war alles am Arsch.
»Du hast doch die Knarre, du Superhirn«, entfuhr es mir schließlich, »erschieß du sie doch.«
Statt mir zu antworten oder zu schießen, bewegte er sich rückwärts auf die Einstiegstür zu, die Waffe immer noch auf die Frau gerichtet. Ich stand auf, um ihm zu folgen. Es kam noch schlimmer. Hinten zogen vier Leute ihre Waffen und richteten sie auf uns.
»Scheiße, scheiße, scheiße!« Mehr fiel Tommy nicht ein. Besser hätte ich es auch nicht sagen können.
Aber eines musste ich ihm lassen: Er verlor nicht den Kopf.
»Hört zu, Leute«, sagte er, »wir werden jetzt ganz einfach aussteigen und euch alle in Frieden lassen. Nur die Ruhe.«
Einer der bewaffneten Fahrgäste am hinteren Ende stand auf. »Nix da! Jetzt bist du dran, Cowboy!«
Mir war, als würde ich gleich ohnmächtig.
Der Fahrer öffnete per Knopfdruck die hintere Tür und stand auf. »Lasst sie laufen«, sagte er, »ich will kein Blutvergießen in meiner Karre!«
Dem Typen mit der Pistole gefiel das nicht besonders. »O Mann«, lamentierte er mit nörgeliger Stimme, »man darf diese Kriminellen doch nicht einfach laufen lassen. Wir müssen uns wehren. Wir sind hier in New Orleans, nicht im schwuchteligen New York. In dieser Stadt werden keine Gefangenen gemacht.«
»Hör mal zu, Dirty Harry«, sagte der Fahrer. »Das hier ist meine Straßenbahn. Und ich mache hier die Regeln. Hinsetzen, Maul halten und die Leute durchlassen!«
Tommy rannte zur Tür, ich folgte ihm schneller als sein Schatten, sprang eine Nanosekunde hinter ihm aus der Bahn. Und dann hetzten wir über die Straße.
Das Großmaul und die Frau aus der letzten Reihe feuerten los, ich drehte mich nicht um, rannte nur, so schnell ich konnte, aber ich hörte Glas splittern, Leute schreien und das Pop-pop-pop von Handfeuerwaffen. Etwas zischte knapp an meinem Ohr vorbei. Ich war mir ziemlich sicher, dass es kein Moskito war, denn die gab es nicht in diesem Kaliber. Dann erwischte mich ein Auto. Ich prallte auf die Motorhaube, stürzte, stand auf, rannte weiter. Meine Rippen brannten wie Feuer. Jede Sekunde rechnete ich damit, dass sich ein glühend heißes Stück Stahl in meinen Schädel oder andere Weichteile bohrte. Aber noch schneller traf mich die Reue. Wie immer in solchen Stressmomenten fragte ich mich, wann sich eigentlich zum ersten Mal abgezeichnet hatte, dass der liebe Gott meinen Fall ad acta gelegt und sich lieber zu einem Nickerchen hingelegt hatte.
1993
Zehn Jahre bevor wir aus dem Straßenbahnwagen springen mussten, befand ich mich in Scottsdale, Arizona, im Stadion der Giants, saß im Bullpen und genoss des letzte Spiel des Frühlingstrainings, bevor wir uns auf den Weg nach Norden machen würden. Auf den Weg zur ganz großen Show. Und noch besser: Ich war gerade dabei, einen Riesenhaufen Kohle für die Partie zu gewinnen, die wir gegen die scheiß Dodgers spielten. Na ja, zumindest genug Geld, um mein Konto bei meinem Buchmacher auszugleichen, denn dafür brauchte es schon eine ganze Wagenladung. Und dann war da noch die heiße Braut auf der Tribüne, die mir immer wieder zeigte, dass sie an diesem Tag vergessen hatte, ihre Unterwäsche anzuziehen. Sie zeigte mir ihr Lächeln zweimal: horizontal und vertikal.
Zwei Outs weniger, noch ein Inning nach diesem, und dann hätten wir den Sieg über diese Arschlöcher in der Tasche. Ich war mir meiner Sache schon sicher. Nur ein Spieler, der Catcher Mike Piazza, hatte die Base mit einem Walk erreicht. Piazza hatte die zweite und danach sogar die dritte Base gestohlen. Das machte uns stinksauer. So etwas gehörte sich nicht für einen Catcher.
Im Bullpen klingelte das Telefon, Dusty war dran. Ich konnte ihn sehen, wie er auf den Stufen des Dugout stand und sich den rechten Arm rieb. Dick Pole, unser Bullpen-Coach, nahm den Hörer ab.
»Halliday!«, rief er. »Pete, mach dich warm.«
Scheiße. Seit dem zweiten Inning hatte ich immer mal wieder an einer Halbliterflasche Southern Comfort genippt, ich wusste ja, dass ich nicht spielen würde. Warum zur Hölle musste denn Piazza auch die dritte Base stehlen?
Ich wusste, warum Baker mich einwechseln wollte.
Es war nämlich so, dass ich ein einmaliges Talent hatte. Als Einwechsel-Pitcher war ich so, naja, ganz in Ordnung. Ich meine, ich war gut genug, um für einen Major-League-Club zu spielen. Ich hatte genug Kraft im Arm, um ein Inning oder zwei durchzustehen, wenn die Zeit runtergespielt werden musste, aber spezialisiert war ich darauf, den Gegner aus dem Spiel zu nehmen.
Ich rede hier von meinem Pick-off-Move. Es gab eine Zeit, da hatte ich wahrscheinlich den besten Pick-off-Move der ganzen Baseballwelt. Zumindest in der National League. Na ja, um es präziser zu sagen: in unserer Division. Gut, vielleicht einen der besten. In unserem Club jedenfalls. Vielleicht.
Ich wusste, was Dusty von mir erwartete: Ich sollte mir Piazza vornehmen, damit wir das Inning hinter uns bringen. Er wollte noch nicht mal, dass ich zu Jody Reed, dem zweiten Baseman der Dodgers, warf. Schnapp dir Piazza, hieß es. Man muss bedenken, dass Piazza damals noch völlig unbekannt war. Es war in seinem Rookie-Jahr 1993, und keiner konnte ahnen, dass er mal so gut werden und im selben Jahr noch die Auszeichnung »Rookie of the Year« abstauben würde. Damals war er nur ein bescheuerter Catcher, und Dusty war angepisst, weil er eine Base gestohlen hatte, nein, sogar zwei.
Das war also der Plan. Statt des Pitching Coach war es Dusty, der rauskam und mir den Ball überreichte.
»Hast du getrunken, Halliday?«, fragte er und schnüffelte an mir herum, als er mir den Ball gab.
Bevor ich noch lügen konnte, sagte er: »Egal. Nimm dir Piazza vor. Du hast einen Pitch. Ich will nicht, dass du zu Reed wirfst. Wenn du auch nur einen Pitch zu Reed wirfst, wirst du viel Zeit haben, dir in Valdosta die Holzsplitter aus dem Arsch zu puhlen.«
»Alles klar, Käpt’n«, antwortete ich und zeigte ihm mein strahlendstes Lächeln und meine unverhohlene Freude. »Ich weiß Ihr Vertrauen in meine Fähigkeiten zu schätzen.«
Kirk Manwaring, unser Catcher, der die ganze Zeit nichts gesagt hatte, schüttelte angewidert den Kopf, rotzte einen dicken Klumpen auf den Mound, wo ich mich immer postierte, und ging zurück zur Plate.
Reed kam aufs Feld und wackelte mit seinem Schläger, als ob er dachte, er sei Henry Aaron. Manwaring gab mir das Zeichen. Er zeigte mir den Mittelfinger, was nicht zu unserem üblichen Handzeichenrepertoire ge­hörte. Ich nickte und entschied mich für die Stretch-Wurfposition, obwohl das nicht nötig gewesen wäre, weil niemand auf der ersten Base stand, aber diese Position schien mir geeigneter für das, was ich vorhatte, als ein Windup. Ich warf und erwischte Piazza, der nur gut zwei Meter gelaufen war. Niemand im Park hätte erwartet, dass er versuchen würde, eine Base zu stehlen. Das passte gut in meinen Plan. Betont langsam machte er kehrt, um wieder zur Base zurückzugehen … und klappte im Sand zusammen.
Ich hatte ihn in die Nüsse getroffen, Sekunden bevor er sich umgedreht hatte.
Schon beim Wurf hatte ich geschrien: »Bäm! Erwischt!«
Plan A.
Ich hatte nie vorgehabt zu unserem Mann an der dritten Base zu werfen. Ich traf mein Ziel genau, wie ich es mir ausgemalt und wie Dusty es von mir erwartet hatte. Ein ganz normales kleines Ungeschick in der Baseballwelt.
Piazza ging zu Boden, zuckte wie jemand, in den plötzlich der Heilige Geist gefahren war und kreischte so, als ob er in vielen Zungen spräche, wie man es eben aus manchen Kirchen kennt. Unser Mann an der dritten Base, Matt Williams, griff sich den Ball und taggte Piazza.
»Out!«, schrie der Schiedsrichter, und zu mir gewandt: »Halten Sie Ihr Mundwerk im Zaum, Pitcher.« Dann machten wir uns alle auf den Weg zum Dugout und scharten uns um Tommy Lasorda, der rausgekommen war, um die Schiedsrichterentscheidung anzufechten. Mit dem üblichen Ergebnis, dass Tommy gehen durfte und so früher an den Hotel-Pool zurück konnte, wo er an seinem Teint arbeiten und sich dem Lasagne-Büffet widmen würde.
Als der Mann in Blau den Arm hob, brach auf den Rängen die Hölle los. Neben unserem Dugout kippte ein alter Knacker mit einem Herzanfall um. Wir waren schließlich in Scottsdale, einer als Gottes Wartezimmer bekannten Gegend, und wenn der Typ nicht jetzt schon den Löffel abgegeben hätte, dann wäre es wahrscheinlich am nächsten Tag auf der Hunderennbahn passiert, wenn er von einem Zwei-Dollar-Gewinn erfahren hätte.
Die Zuschauer hatten noch nicht genug, alle waren aufgestanden und brüllten. Auf meinem Weg zum Dugout hatte ich noch mal nach der heißen Braut geschaut, und sie hatte mir mit einer geübten Cheerleader-Bewegung zugewinkt. Auf der Tribüne waren alle auf den Beinen, bis auf einen Mann im blauen Anzug, der zwei Reihen hinter dem Dugout saß. Der einzige Mann auf der Tribüne, der keine Freizeitklamotten trug. Seltsam. Der Organist stimmte die Ouvertüre aus »Wilhelm Tell« an.
Das Inning war vorbei. Eins noch.
Alle sprinteten sie zum Dugout, während ich mit der Haltung eines Königs dorthin schlenderte. Könige rennen nicht. Ich achtete darauf, nicht auf die Foul Line zu treten, ich wollte kein Pech heraufbeschwören.
Die Zuschauer standen immer noch und schrien sich die Seele aus dem Leib. Alle bis auf den Kerl im blauen Anzug, das bemerkte ich, als ich mich noch einmal dem Publikum zeigte.
Kurz bevor ich die Stufen des Dugout erreichte, tippte ich mir noch mal an das Schild meiner Kappe, um dem Publikum erneut einen Beifallssturm zu entlocken. Es ließ sich nicht lange bitten.
Als Erster kam mir Dusty Baker auf den Stufen entgegen und legte den Arm um mich: »Mann, Pete! Das hat denen ganz schön die Partie vermiest! Ein perfekter Wurf!«
Wir gingen zusammen die Treppe herunter. Dusty grinste und sagte: »Ich wünschte nur, du hättest so viel Ballkontrolle bei deinen Würfen zum Mitspieler.«
Ich grinste zurück: »Capt’n, ich weißt doch, warum du mich liebst. Ich sorge dafür, dass die Tribünen nicht leer bleiben.«
Baker schüttelte den Kopf und stieg die Treppe wieder hoch, weil Will Clark an der Reihe war, um mit dem letzten Inning zu beginnen.
Ich ging an den anderen Spielern vorbei zum Dugout-Telefon und wählte eine Nummer.
Dusty schaute zu mir herab. »Wen rufst du an, Halliday? Du hast an dem Telefon nichts zu suchen.«
Ich wollte erst auflegen, besann mich dann eines Besseren: »Äh, meine Vermieterin, Cap. Ich glaube, ich habe die Fenster offen gelassen, und es sieht nach Regen aus.« Ich drehte mich weg und sprach leise in die Muschel: »Yo, Fat. Ich bin’s, Pete. Gib mir einen Riesen auf Oakland. Und das Gleiche noch mal auf die Red Sox. Clements ist morgen dran, richtig?« Er sagte etwas. Ich wartete. »Hey Mann, ich steh für die Kohle gerade. Dieses Mal räume ich richtig ab. Du weißt, ich–«
Ich deckte die Sprechmuschel ab, als ich bemerkte, dass Dusty mich beobachtete, und fuhr dann mit lauter Stimme fort: »Ja, genau. Das Fenster im Schlafzimmer.« Ich legte auf und grinste Dusty ins Gesicht.
Er starrte mich nur an und sah seltsamerweise hoch zu dem Mann im blauen Anzug zwei Sitzreihen hinter dem Dugout. Der Mann schien sich mit einem Gerät in seinem Ohr zu beschäftigen, von dem ein Kabel bis in eine Anzugtasche führte.
In dem Moment haute Will Clark, unser erster Batter, einen Ball raus, von dem jeder im Stadion wusste, dass er nicht mehr zu holen war. Als ich mit meinen Mannschaftskameraden zum Rand des Dugout stürmte, um Will anzufeuern, sah ich aus dem Augenwinkel, wie Dusty, während er Wills Spaziergang von einem Homerun begutachtete, sich zu dem Mann auf der Tribüne umdrehte. Der Mann nickte, zog das Gerät aus dem Ohr und stopfte es in die Tasche. Dusty schmiss angewidert seine Line-up-Karten hin.
Was war denn da los?
***
Mit der Braut von der Tribüne traf ich mich direkt nach dem Spiel. Es stellte sich heraus, dass sie Wendi hieß. Was für eine Überraschung. »Mit einem i«, betonte sie. »Bei meiner Geburt war es ein y, aber ich habe es ändern lassen.« Sie quietschte vor Freude, als ich sie fragte, ob sie vielleicht statt eines Punkts ein kleines Herzchen auf das i malte, wenn sie ihren Namen schrieb. Ich glaube, das hat sie davon überzeugt, dass ich übersinnliche Kräfte hatte. »Wie wär’s wenn wir uns im Cowboy and Goat Roper’s Saloon treffen?«, fragte ich, »vielleicht so gegen neun heute Abend?«
»Klar«, antwortete sie so schnell, dass ihr der Kaugummi aus dem Mund hüpfte und an meiner Brust runterkullerte. Ihr war das nicht mal peinlich – was ich als gutes Zeichen wertete.
Seit dem Spiel war eine Stunde vergangen. Mein Trikot hatte ich ausgezogen, aber meine restlichen Sportklamotten hatte ich noch an, als ich mit Salomon Torres am Billardtisch ein paar Kugeln versenkte. Die Stimmung im Clubhaus war nicht gerade gut. Die Dodgers waren im letzten Inning zurückgekommen und hatten acht vorgelegt. Und mit einem Mal war es aus mit dem Frühlings­training. Das galt natürlich auch für mein Vorhaben, die Schulden bei meinem Buchmacher auszugleichen, aber scheiß drauf, morgen früh ging es nach San Francisco. Ich hing nur noch im Clubhaus ab, für den Fall, dass er vorbeikam und eine Anzahlung wollte – oder Schlimmeres.
Torres machte den Anstoß und versenkte eine weitere Kugel, danach gehörte der Tisch mir. »Yes!«, rief ich und zeigte ihm meine »Ka-ching«-Triumphgeste. Torres verzog das Gesicht und überreichte mir einen Zwanzig-Dollar-Schein, wobei sich seine Miene noch weiter verfinsterte. Dusty steckte den Kopf aus der Bürotür.
»Halliday! Reinkommen.«
Ich sah mich unter den wenigen Mann­schafts­kameraden um, die noch da waren. »Wetten, ich krieg ’nen Bonus vom Trainer. Oder vielleicht einen besseren Vertrag.«
In der Ecke reckte sich Barry Bonds auf seinem Liegestuhl, wo er damit beschäftigt war seine eigenen Hochglanz-Pressefotos zu bewundern und grinste: »Ja, du bist die Nummer eins, Pete.« Die anderen Spieler lachten.
Ich eilte in Dustys Büro, glücklich wie ein auf die Transferliste gesetzter New York Yankee, küsste den Schein, den ich Torres gerade abgenommen hatte, und steckte ihn in die Tasche.
»Hinsetzen«, sagte Dusty. Er zeigte auf den Stuhl vor dem Schreibtisch des Managers.
Es war noch jemand anders im Büro. Ich hatte ihn nicht ins Büro gehen sehen, er musste durch den Hintereingang gekommen sein. Es war der Typ im blauen Anzug.
»Unterschreiben«, sagte Dusty.
»Was ist das?« Ich beugte mich vor, um den Wisch zu betrachten, den Dusty mir zuschob.
»Ihre fristlose Kündigung.«
Ich war platt. »Was soll der Scheiß? Ich hab kein einziges Handsignal übersehen, Cap. Das war doch letzte Woche. Sogar Clark übersieht mal was. Bonds schaut gar nicht erst hin.«
Dusty seufzte, nahm seine Brille ab und rieb sich die Nase. »Sie sind aber nicht Clark, mein Junge, und erst recht nicht Bonds. Aber damit hat es auch nichts zu tun, sondern mit der Zockerei.«
»Zockerei? Was für ein Arschloch behauptet, ich wür­de zocken?« Ich drehte mich zu dem Mann im blauen Anzug um und warf ihm einen bösen Blick zu. Irgendwie musste er hinter all dem stecken.
»Ich«, meldete sich der Mann. »Ich sage, dass Sie ge­zockt haben.«
»Und wer zum Teufel sind Sie?«
»Vernon Strassler vom Liga-Ausschuss. Wollen Sie die Aufzeichnung hören?«
 Unwillkürlich stöhnte ich und sank in meinem Stuhl zusammen. Strassler stellte ein kleines Bandgerät auf den Tisch und drückte einen Knopf.
Eine tiefe Stimme ertönte: »Fatman am Apparat.« Ich hörte meine Antwort: »Yo, Fat. Ich bin’s, Pete. Gib mir einen Riesen auf Oakland. Und das Gleiche noch mal auf die Red Sox. Clements ist morgen dran, richtig?«
Die tiefe Stimme sagte: »Bezahl deine Schulden, Halliday, dann lass ich mit mir reden. Bis Freitag. Und damit meine ich alle Schulden, du Spezialist.«
Ich musste erneut stöhnen, diesmal sogar noch lauter, als ich meine Stimme sagen hörte: »Hey Mann, ich steh für die Kohle gerade. Dieses Mal räume ich richtig ab. Du weißt, ich–« Dann hörte man ein Klicken, gefolgt von Stille, dann: »Ja, genau. Das Fenster im Schlafzimmer.«
Strassler stellte das Gerät ab.
Dusty schüttelte traurig den Kopf. »Tut mir leid, Junge. Unterschreiben Sie hier wegen Ihrer Abfindung.«
Ich richtete mich auf. »Dusty, ich wette fünf zu eins, wenn Sie mir noch mal eine Chance geben, werden Sie mich nie wieder beim Zocken erwischen. Ich–«
»Der Scheck ist auf zehntausend Dollar ausgestellt, Pete. Das haben Sie mir zu verdanken, der Verein wollte Ihnen nur fünftausend geben. Wir werden die Sache aus den Zeitungen raushalten, und von Ihnen erwarten wir das Gleiche.«
Ich hatte hier nichts mehr verloren. Ich griff nach dem Scheck und sah ihn mir an. Erst wollte ich noch was sagen, aber dann habe ich nur noch den Kopf geschüttelt, mir den Stift gegriffen und die Vertragsaufhebung unterschrieben.
Dusty stand auf, ich folgte seinem Beispiel und ergriff die Hand, die er mir entgegenstreckte: ein letzter Handschlag. »Wissen Sie was, Junge?« Dusty setzte zu seiner Schluss­bemerkung an: »Mich geht es ja nichts an, aber vielleicht sollten Sie mal genauer betrachten, was Sie aus Ihrem Leben gemacht haben. Das Glücksspiel hat Sie Ihre Frau und nun auch den Baseballsport gekostet.«
****
Am nächsten Morgen stand ich in aller Frühe am Bankschalter. Die Kassiererin zählte mir die Scheine vor und steckte sie in einen Umschlag, den sie mir übergab. Ich dankte ihr, schob den Umschlag in meine Tasche und verließ die Bank.
Ich ging gerade die Stufen aus dem Gebäude hinab, als sich zwei Männer näherten, einer davon ein gewaltiger Fleischberg, der andere ein schmächtigerer südländischer Typ. Sie nahmen mich in die Mitte, schnappten mich bei den Ellenbogen und schoben mich die Treppe hinunter in eine Seitenstraße neben der Bank, auf zwei Müllcontainer zu.
Der Riese wirbelte mich herum und nahm mich in den Schwitzkasten. Der Kleinere zerrte den Umschlag aus meiner Tasche, riss ihn auf und zählte das Geld. »Verdammt, wo sind die anderen fünf Riesen?«
Ich legte die Stirn in Falten. »Die sind noch in der Post? Nehmt ihr mir das ab?«
Der Kleinere steckte sich das Bündel Scheine in die Jackentasche und nickte seinem Kollegen zu, der daraufhin seinen Griff um meinen Hals verstärkte. »Bist ein Klugscheißer, was?«, meinte der Kleine.
»Na ja, meinen Schulnoten hat man’s jedenfalls nicht angemerkt. Weißt du was? Du kommst mir irgendwie bekannt vor. Ah, jetzt weiß ich’s: deine Mutter.«
»Meine Mutter?«, fragte der kleine Schläger.
»Genau«, antwortete ich, »deine Mutter. Wir sind zu­sammen ausgegangen. Wenn ich mal ’nen Zwanziger übrig hatte. Ich liebe es, wenn sie ihr Gebiss rausnimmt. Weißt du ...«, fuhr ich fort, »vielleicht könnte ich sogar dein Stiefvater werden. Meinst du, Sie würde sich mir zuliebe einen Oberlippenbart wachsen lassen?«
Der Kleine stürzte los und verpasste mir einen Schlag in die Magengrube. Ich sank zusammen. Nach Luft schnappend und mit einiger Mühe versuchte ich, mich wieder aufzurichten.
»Ja«, keuchte ich mit rasselndem Atem, »du schlägst auch so ähnlich zu wie deine Mutter. Da merke ich doch gleich, dass ihr verwandt seid. Ich nehme an, als Nächstes wirst du mir einen blasen wollen?«
»Du Drecksau!«, schrie der Kleine und schlug erneut zu. Während ich zusammenklappte wie ein japanischer Weltkriegssoldat, der unvermutet dem Kaiser begegnete, schnappte sich der Kleine meine Hand und klemmte sie zwischen seinem Arm und seiner Brust ein. Er bog vier meiner Finger nach hinten um, bis sie brachen. Hörbar. Fast so laut wie der Schrei, den ich von mir gab. Ich kam mir vor wie das letzte Weichei, aber ich konnte nichts dagegen tun.
****
Als ich wieder erwachte, lag ich in einem Kran­ken­haus­bett. Meine Hand war geschient und ein­gegipst, und ich fühlte mich ungefähr so, wie sich die Pennymünzen gefühlt hätten, die wir als Kinder auf die Eisenbahnschienen gelegt haben, die als Nervenstränge durch das Gesicht von Lincoln verliefen. Nur schlimmer.
Wenigstens war es nicht meine Wurfhand. Obwohl das auch keinen Unterschied mehr gemacht hätte.
Zwei Männer saßen neben meinem Bett, ein Weißer und ein Schwarzer.
Es waren meine Mannschaftskameraden Rod »Shooter« Beck und Willie McGee.
Willie sagte: »Dusty wollte eigentlich auch kommen, Pete, aber da haben die von der Vereinsführung einen Anfall gekriegt.«
»Geht nichts über gute Freunde, was? Na ja, wenigstens seid ihr gekommen.« Die beiden sahen sich an.
»Schöne Scheiße, Pete. Da hättest du es fast geschafft, und dann so was. Was hast du jetzt vor?«, wollte Rod wissen.
Bis zu der Sekunde hatte ich noch gar nicht darüber nachgedacht. Die Entscheidung fällte ich auf der Stelle: »Ich werde nach New Orleans zurückgehen.« Ich zwang mich zu einem Grinsen. »Dieser kleine Rückschlag ist doch nur eine geringfügige Verkehrsbehinderung auf meiner Straße zum Reichtum.«
»Du willst also weiter zocken, Pete?«, fragte Rod. »Das solltest du dir vielleicht noch mal überlegen.« Willie stimmte ihm zu und nickte.
»Nee, damit bin ich durch. Es ist an der Zeit, dass ich mal meine geistige Beweglichkeit gewinnbringend einsetze.«
»Hast du denn nicht vor, etwas gegen deine Spielsucht zu tun?«, fragte Willie.
2003
WEIL IN SUPERMÄRKTEN EBEN DAS GELD LIEGT ... (Um mal ein berühmtes Zitat von
Willie Sutton abzuwandeln)
All diese Ereignisse führten also unweigerlich zu der unschönen Situation in New Orleans, als ich mit Tommy LeClerc nur um Haaresbreite davongekommen bin, und mich dann zu Tommys schwachsinnigem Plan habe überreden lassen, den alten Deneuvé zu kidnappen, und auf eine völlig neue, nie dagewesene Art derart ausgeklügelt Lösegeld zu erpressen. Aber es war ja auch nicht das erste Mal, dass meine Hirnströme von einem Kurzschluss lahmgelegt wurden. Vielleicht sollte ich deswegen fairerweise auch einen Teil der Schuld an dem, was schiefging, auf mich nehmen.
Andererseits ... habe ich überhaupt keine Lust, fair zu sein.
Schließlich wäre ich von allein niemals auf so eine schwachsinnige Idee gekommen. Nein, der einzige Mensch in der Stadt, der in der Lage war, eine Idiotie dieser Größenordnung auszuhecken, war Tommy.
Und der einzige Mensch in der Stadt, der dumm genug war mitzumachen, war ... niemand anderer als ich.
Der alte Deneuvé, im Volksmund allgemein bekannt als »der König der Cajun-Mafia«. Was für jeden, der auch nur annähernd so viel Gehirnschmalz wie eine Banane besitzt, ja schon Anlass genug sein müsste, ein paar Kilometer Abstand zu dem Mann zu wahren. Von dem Versuch, ihn zu erpressen, ganz zu schweigen.
Aber das galt natürlich nicht für uns Genies, nicht für Tommy LeClerc und Pete Halliday.
Vielleicht wäre das alles nicht passiert, wenn ich beim Baseball geblieben wäre. Ich will ja nicht sagen, dass ich in der »Hall of Fame« gelandet wäre, neben Walter Johnson und Bob Feller und den ganzen anderen Baseball-Legenden. Auf der anderen Seite: Wer weiß, warum denn nicht? Ohne Quatsch, ich hatte schon Talent, und wenn ich statt fürchterlichem Pech auch mal etwas Glück gehabt hätte, dann würden Sie bei Ihrem Besuch in Cooperstown meinen Handschuh bestaunen, neben dem von Warren Spahn. Na ja, vielleicht meine Mütze. Oder meinen Sackschutz?
Die Sache war die: Statt in der World Series zu spielen, wie ich es mir ausgemalt hatte, fand ich mich in New Orleans wieder, in der Fat City genannten Gegend von Metry, wo das echte, nicht touristische Nachtleben zu Hause ist, ein Spielplatz für gestandene Party-Profis, und wo Sachen, auf die ich keinen Einfluss habe, einfach so passieren. Ich steckte bereits wie die anderen Säue bis zu den Knien mittendrin, bis mir klar wurde, dass wir zur Schlachtbank geführt werden sollten. Wenn das mal keine ziemlich passende Beschreibung des Lebens überhaupt ist!
Und dabei habe ich auch Cat kennengelernt. Das werde ich Tommy einerseits nie verzeihen, andererseits, schätze ich, kann ich mich gar nicht genug bei ihm bedanken. Ich liebe sie sehr und werfe ihr nur ganz selten mal vor, dass ich meines unbeschwerten Junggesellendaseins verlustig gegangen bin. Hätte auch nicht viel Sinn, das vorzubringen. Mit Sicherheit würde ihr darauf die passende neunmalkluge Erwiderung einfallen, die etwa in die Richtung ginge, ich sei ja ganz schön keck für jemand, dessen Leben sie gerettet habe. Das ist ja wohl dermaßen typisch Frau, so etwas immer wieder aufs Tapet zu bringen und einen andauernd selbst an den kleinsten Gefallen zu erinnern, den sie einem mal getan hat, den gaaanzen lieben langen Tag lang. Aber ich liebe sie, auf jeden Fall, und es gibt Sachen in meinem Leben, die ich mehr bereue, als mit ihr Bungalow und Bett zu teilen.
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Vielleicht fing alles damit an, dass ich meinen Namen änderte ...
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Pete ist nämlich gar nicht mein richtiger Name. Na ja, eigentlich schon, aber nur mein Zweitname, nicht der, bei dem man mich als Kind rief oder als 1,84 Meter großes und 143 Pfund schweres Baseball-Phänomen, nicht der des 19-Jährigen, der in Marietta in der Single A den Leuten die Bälle um die Ohren donnerte und dabei die ganz große Liga im Auge hatte. In Wirklichkeit heiße ich Evan. Als ich beim Baseball rausgeflogen bin und mir so langsam das Offensichtliche klar wurde, nämlich, dass ich niemals die ganz großen Sponsorengelder würde einstreichen können, entschied ich mich für Big Easy, um dort mein Glück zu versuchen. Schätze, ich hätte mich auch in San Fran niederlassen und mir einen anständigen Job suchen können, schön mit Frühstücksdose und so, aber das entsprach halt nicht meiner Natur in dieser Phase meines Lebens. Mir waren gerade der ganze Ruhm und das Geld durch die Lappen gegangen, die einem Major-League-Spieler praktisch zufliegen – ich war so nah dran –, jetzt konnte ich mich nicht einfach so in die Welt der schweigenden Mehrheit eingliedern. Ich brauchte Aufregung, Trubel, ich suchte meine Chance – in erster Linie die Chance, einen Haufen Geld zu machen und jede Menge Spaß zu haben. Bei einem Job in einer Fabrik oder einem Büro schienen die Chancen in dieser Hinsicht eher rar gesät. Hier und da ein krummes Geschäft und eine kriminelle Karriere schienen mir da verlockender.
Noch dazu hatte ich einen Plan. Ein Ziel. Etwas, das ich wie verrückt haben wollte. Was noch nie jemand in meiner Familie gehabt hat:
Unabhängigkeit. Wahre Unabhängigkeit. Wie man sie niemals bekommt, wenn man für jemand anderen arbeitet. Mein großer Luftschloss-Traum war es, Unternehmer zu werden, ein Geschäftsmann. Genauer gesagt: Ich träumte davon, mein eigenes Po-Boy-­Restaurant zu ha­ben. Nichts Großes oder Nobles, einfach Po-Boy-Sandwiches, Shrimps, Po-Boys mit Austern, und dazu Bier aus der Flasche. Vielleicht würde ich auch noch Boudin selbst machen oder Andouille für die Cajun-Kundschaft. »Wenn du für andere arbeitest, wirst du höchstens einen Gehaltsscheck kriegen. Arbeitest du für dich, dann kannst du reich werden«, hat mein Alter immer gesagt. Und recht hat er gehabt: Er hat immer für andere gearbeitet und ist weiß Gott nie reich geworden. Und selbst beim Gehaltsscheck haben sie ihn oft genug beschissen. Zumindest war es das, was er meiner Mutter erzählt hat. Ich glaube ja eher, dass er ihn auf dem Nachhauseweg verlegt hat, möglicherweise irgendwo in der Nähe der Rennbahn.
»Tut mir leid, Liebes, Mr. Brown sagt, er sei diese Woche etwas knapp bei Kasse, deswegen könne er vor nächsten Dienstag meinen Lohn nicht auszahlen. Es war ein hartes Jahr für Farmer.«
Vielleicht hat auch irgendein Buchmacher den Scheck gefunden und ihn behalten. Mir war klar geworden: Wenn ich irgendeinen normalen Job annehmen würde, würde mir das Geld genauso schnell unter den Fingern zerrinnen wie meinem Dad. Nein, der einzige Weg, wie ich meine Träume würde wahr machen können, hatte bestimmt nichts mit legalen Mitteln zu tun. Die Menge Geld, die ich dafür brauchte, hatte nur ein Verbrecher zur Verfügung, und das war einer der Hauptgründe, warum ich mich eher abseits des Gesetzes umgesehen habe. Außerdem hat es Spaß gemacht. Diese ganzen krummen Geschäfte waren mir das reinste Vergnügen.
Nur habe ich gleich bemerkt, dass ich mich von meinem Namen Evan verabschieden musste, wenn ich mir Respekt verschaffen wollte. Obwohl ich zugeben muss, dass er mir eigentlich ganz gut gefallen hat, der hatte schon irgendwie Pep. Jeden Tag saß ich dicht an dicht an der Bar neben Knalltüten, die auf »Billy« oder »Bobby Joe« oder so was Ähnliches hörten, und dachte, man sollte eigentlich meinen, ein erwachsener Mann, der sich zweimal am Tag rasiert, würde sich mal von diesem Ypsilon am Ende verabschieden und aufhören, auf einen Kindernamen wie aus der Hamburger­werbung zu reagieren. Und wegen solcher Clowns machte ich mir Gedanken, ob die über meinen Vornamen lachen? Allerdings behielt ich diese Einschätzung für mich, da ich mir ziemlich sicher war, dass die Anwesenden sie nicht nachvollziehen konnten.
»Was? Wie heißt du? Evan? Ha, ha, was ist denn das für ein schwuchteliger Name?«
Als ich noch gespielt habe, war es noch nicht ganz so schlimm. Es gab ein paar College-Typen bei den Teams, im Verglich zu denen war ich mit Evan noch gut weggekommen. Aber unter den abgerissenen Gestalten, mit denen ich es nach meinem kleinen Missgeschick bei den Giants im Big Easy zu tun bekam, war garantiert niemand mit einem Stipendium. Abgesehen vielleicht von Monk dem Buchhalter, einem Kredithai, der aber auch nicht durch den Besuch einer höheren Schule zu seinem Namen gekommen war, sondern weil er so zielsicher Quoten und Verzugszinsen ausrechnen konnte und da­bei immer auch sofort das richtige Wechselgeld zur Hand hatte.
Ich habe gleich gewusst, dass der Vorname Evan hier im Land der Magnolien und von Popeye’s Spicy Fried Chicken ein stetiger Quell des Verdrusses werden wür­de. Zu meinen Erfolgszeiten hatte ich es ja auch schon mitbekommen, wenn die Leute auf den billigen Plätzen in Scottsdale losblökten: »Hey, Eh-vannn, Schätzchen! Was soll das eigentlich für ein Name sein, mein Süßer? Kein Wunder, dass dein Earned Run Average dreimal so hoch ist wie das Gewicht deiner Schwester. Bei deinem tuntigen Fastball bleibst du immer in deinen Röcken hängen!« Bemerkungen dieses Kalibers waren es, die dafür sorgten, dass niemals große Lücken in meinem Terminkalender entstanden, musste ich mich doch mit den örtlichen Bierkutschern unter den Tribünen herumschlagen.
Als ich oben im Norden spielte, war es nicht ganz so schlimm, aber dort war ich nicht sehr oft, einmal in Columbus und ein paar Monate in Rochester, meistens aber eher in abgelegenen Käffern wie Waycross, Valdosta oder Tarpon Springs, die noch nicht mal groß genug waren, um zwei Huren mit einem letzten Rest von Selbstrespekt Arbeit zu bieten.
Das einzige Mal, dass mein Name nicht für Gelächter und Amüsement bei den Fans sorgte, war, als ich auf eine Kaffeetassenlänge – na ja, vielleicht auf einen kleinen koffeinfreien Latte – bei den S.F. Giants unterkam, am Ende meiner letzten vollen Saison, in dem Jahr, als Dusty mich im Frühjahrstraining rausschmiss. Die Penner auf der Stehtribüne kamen gar nicht dazu, Kommentare zu meinem Vornamen abzugeben, waren sie doch viel zu beschäftigt damit, mich für ein paar spielerische Fehlgriffe zu beschimpfen, die ich ihrer Meinung begangen hatte. Ich sage ja nicht, dass sie unrecht hatten, vielleicht waren ein oder zwei dieser Bälle tatsächlich so kraftlos, dass selbst meine Mutter sie gefangen hätte, in ihrem Schaukelstuhl auf der Veranda, während sie mit der einen Hand grüne Bohnen zupfte und sich dabei auf eine Soap Opera im Radio konzentrierte. Dort oben in San Francisco, wo der rosa Flamingo als Wappenvogel angesehen wird, kam Evan sogar ganz gut an. Na ja, so ist das halt in S.F., wo die Leute Namen tragen wie Darryl oder Spencer oder so.
Außerdem: Hey, ich war ein Pitcher und kein Short­stop. Von Greg Maddux in Atlanta mal abgesehen, wen interessiert das, ob ein Pitcher mal bei einem scharfen Ground Ball versagt, oder auch bei zweien.
Jedenfalls war ich jetzt in New Orleans, schlug mich so durch, hier ein bisschen Poolbillard, dort ein paar älteren Touristenladys die Hotspots im French Quarter näherbringen, so ein Zeug halt. Warten auf die große Chance. Als ich vor zehn Jahren hierher kam, landete ich gleich bei den richtigen Jungs, und die nahmen mich unter ihre Fittiche, ich war ja schließlich so eine Art Promi, hatte den Nationalsport Nummer eins ausgeübt und war vom gleichen Club ausgewählt worden wie Will Clark, und Will Clark zählte hier mehr als der liebe Gott oder sogar der Sheriff von Jefferson Parish, Harry Lee, höchstselbst. Will Clark und ich hingen nicht viel miteinander rum, wir hatten verschiedene Karrierepfade eingeschlagen und verschiedene Agenten, zumindest hatte er einen, und im Major-League-Team waren wir nie länger als ein paar Wochen zur gleichen Zeit. In der Minor League auch nicht. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, hat er eigentlich auch nie Minor League gespielt. Aber ich habe ihn spielen sehen. Mann, der hat die Pille geradezu zerdrückt! Und den Blick, den er dabei draufhatte, Mann! Bei seinem Mörderblick hat selbst der Ball die Flucht auf die billigen Plätze angetreten.
Man könnte also sagen, die Einheimischen haben mich adoptiert, weil ich ein Star war, und ich habe von ihnen allerhand Nützliches gelernt. Wie man ein Würfelspiel verschiebt, wie man beim Poker auf der Siegerstraße bleibt, wie man ein Schneeballsystem aufbaut, allzu vertrauensselige Narren um ihr Geld bringt – man könnte sagen, ich war wieder dabei, mich in die oberen Ligen zu spielen und ein paar neue Tricks zu lernen.
Es lief ziemlich gut. Ich hatte regelmäßig was zu essen, und mit der Miete war ich meistens auch nur ein oder zwei Monate hintendran, und New Orleans war die großartigste Stadt zum Leben, ganz besonders für jemanden wie mich, der zwar nicht auf den Kopf gefallen ist, aber nichts Anständiges gelernt hatte. Ich war ordentlich rumgekommen, seit ich ein kleiner Knirps war, im Norden, Süden, Osten und Westen. Mein Papa war Pilot und bekam meistens Jobs als fliegender Schädlingsbekämpfer. Das hieß, wir mussten überall dahin, wo die Ernte war, je nach Saison. Weizen in Kansas, Zitrusfrüchte in Florida und Sellerie in Kalifornien. Es gab keine Gegend im Land, in der ich nicht mindestens sechsmal gewesen bin, aber in dem Moment, als wir nach New Orleans kamen, ich war im Highschool-Alter, wusste ich, dass ich meine Heimat gefunden hatte und niemals wieder woanders leben wollte. Dort stimmte einfach alles. Das Wetter war herrlich heiß, schwül, feucht und sexy. Eine Menge Leute, selbst die, die in New Orleans geboren waren, hassten das Wetter dort, aber ich nicht. Ich liebte es, gab mich ihm hin, befummelte es, ließ es über mich hereinbrechen, mich aufweichen, mich durchnässen. Es war für mich wie die Rückkehr in den Mutterleib. Innerlich fühlte ich mich einfach gut in der Hitze von New Orleans. Bei dem Wetter hatte ich keine Gliederschmerzen und meine Knochen knackten nicht. Wenn du mitternachts draußen spazieren gehst in New Orleans, dann schrumpfen deine Eier nicht zusammen wie in Chicago oder Des Moines, weil sie Angst vor dem Frost haben. In Chicago verschrumpeln deine Eier selbst im August nachts zu Rosinen. Aber nicht in New Orleans! Wenn du in New Orleans nachts draußen rumläufst, dann wachsen deine Cojones, als ob sie auf Steroiden wären. Sie werden zu Kokosnüssen. Sie werden doppelt so groß wie überall sonst auf dem Planeten, weil sie nicht nur das feuchte, warme Klima zum Wachsen haben, sondern auch noch die ganze Zeit heißes und scharfes Essen bekommen. Sie fühlen sich so gut an, dass du dir einfach alle fünf Minuten dorthin greifen und sie massieren musst, aus Dankbarkeit und um sie wissen zu lassen, wie fantastisch sich dein restlicher Körper in der Hitze anfühlt, all die Körperteile und Organe, Gelenke und Flüssigkeiten, die losjubeln, sich bedanken, ein Hosianna hören lassen, weil es ihnen so gut geht. Das ist schon ein Wetter dort, Bruder!
Und das Essen erst! Red Beans and Rice, die es traditionell am Montag gibt, wenn in Louisiana Waschtag ist, sind so würzig und scharf, dass du kaum abwarten kannst, bis der Sonntag endlich vorbei ist! Gibt es überhaupt noch eine Mahlzeit auf der Welt, die sich mit Red Beans and Rice vergleichen lässt? So höllisch scharf, dass du nur einen, zwei, höchstens vier Bissen runterkriegst, bevor du nach einem eiskalten Bier greifen musst und es in einem einzigen Schluck runterstürzt, damit du deinen Gaumen kühlen kannst. Und könnte es etwas Besseres geben, als dabei über den Tellerrand auf eine schwarzhaarige Cajun-Hexenmeisterin mit grünen Augen zu starren, deren bebende weiße Brüste ihr fast aus dem roten Kleid purzeln, wenn sie sich zu dir herunterbeugt und dir mit ihrem verheißungsvollen blütenweißen Lächeln den Korb mit dem echten französischen Weißbrot reicht? Diese wunderschöne sündige Göttin hat das exquisite Festmahl zubereitet und mit so vielen Gewürzen gespickt, dass du spürst, wie sie dir direkt in den Unterleib fahren – können Sie sich das vorstellen? Und nachdem Sie so etwas gesehen haben, könnten Sie diesen Ort jemals wieder verlassen, um dann in Boston, Fort Wayne, Kalamazoo oder Salt Lake City zu leben?
Glaube ich kaum.
Ich könnte es nicht.
New Orleans ist wie ein Voodoo-Zauber.
New Orleans ist eine wunderschöne, verzaubernde, heimtückische, furchtbare Geliebte.
Die Stadt zieht dich in ihren Bann, verhext dich und macht dich zu ihrem Sklaven.
Sie ist wundervoll.
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Wie ich bereits erwähnte, hat alles mit Tommy und seinem Entführungsplan angefangen. Das war, bevor ich herausfand, dass Tommy, was seine kriminellen Fähigkeiten anging, ungefähr so hell war wie eine 15-Watt-Birne mit Fliegenschiss drauf. Zu diesem Zeitpunkt unserer Zusammenarbeit genoss er allerdings den Ruf eines Meisterkriminellen, der geniale Coups ersann. Alle redeten sie davon, was für ein erfolgreicher Schwindler Tommy war, und von den brillanten Plänen, die er auskochte, um andere Leute zu erleichtern. Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen, weil ich ein Jahr zuvor schon mal was mit ihm durchgezogen hatte, eine Sache mit Parkuhren. Und die hatte nicht gerade gut geklappt – ich hatte Geschlechtskrankheiten gehabt, die erfolgreicher verlaufen waren –, aber wahrscheinlich dachte ich, wir hätten bei der Sache einfach nur etwas zu viel Pech gehabt. Ich konnte ja nicht wissen, dass das Pech an Tommy klebte wie der nächtliche Körpergeruch an einer Hure, die Überstunden macht. Ganz hinten in meinem Kopf schrillten die Alarmglocken, aber ich überhörte sie und schenkte ihm mein Vertrauen. Ich muss wohl ge­meint haben, er trage seinen Ruf zu Recht, und dass unser kleines Desaster nur ein Ausrutscher war, wie er ab und zu mal passieren konnte.
Tommy behauptete, er sei ein kriminelles Genie, weil Indianerblut in seinen Adern fließe. Und deswegen könne er Leute besser durchschauen als die Bleichgesichter, zumindest war das seine Meinung. Ob’s stimmte? Wie die Indianer, die man aus den Filmen kennt, hat er sich jedenfalls nicht verhalten.
Eines Abends spielte ich Pool im Swamp Room in Metry, trank ein Barq’s Root Beer und nahm gerade einen Typen von einer Bohrinsel aus, der bereits besoffen genug war, mich zu seinem Alleinerben zu bestimmen, als Tommy hereinkam und mir ein Zeichen gab. Ich wollte die Partie nicht unterbrechen, weil der Trottel sein Geld gar nicht schnell genug verlieren konnte und noch dazu die Drinks spendierte, aber da ich immer noch fälschlicherweise der Meinung war, Tommy sei ein ausgekochter Verbrecher, war ich mir sicher, dass er niemals eine Geschäftstransaktion wie jene, die sich ganz offensichtlich vor seinen Augen abspielte, unterbrechen würde, wenn er keine triftigen Gründe dazu hatte. Ich ging rüber zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr, was ich gerade am Laufen hatte, falls er es nicht mitbekommen haben sollte. Hatte er jedoch. Er sagte: »Vergiss den Dorfdeppen, Pete. Ich habe was richtig Großes vor und brauche dabei einen Partner.«
Wie ich bereits erwähnte, wusste jeder, dass Tommy ein gestandener Typ war, der sich niemals mit Kleingeld aufhielt, deswegen war ich schon mal ganz Ohr, auch wenn weit hinten in meinem Kopf der gesunde Menschenverstand die Warnglocken läutete. Ich stimmte also zu, als er vorschlug, wir sollten uns in einem kleinen Schuppen in Fat City zusammensetzen, wo wir uns in Ruhe unterhalten könnten. Bevor ich ging, musste ich allerdings noch mal sehen, was ich aus Festus rausholen konnte. Ich ging also wieder zu dem Typen von der Bohrinsel und meinte: »Wie wär’s noch mal mit ’nem letzten Spielchen für ’nen Hunderter? Ich würde ja gern noch bleiben, aber das da drüben ist mein Bruder, und er hat mir erzählt, dass es unserer Mutter nicht gut geht. Sie liegt im Charity Hospital und wird vielleicht diese Nacht nicht überstehen, deshalb muss ich gleich hier weg.«
Er legte die Kohle schneller auf den Tisch als ein Seemann bei seinem ersten Date. Auf einmal war ich mir gar nicht mehr so sicher, wer hier wen ausnehmen woll­te, aber letztendlich hatte ich den Bauerntrampel doch richtig eingeschätzt: Er war wie eine gemeinnützige Organisation, die gar nicht schnell genug in die roten Zahlen kommen konnte.
Jetzt ging es ums richtige Geld. Wir spielten um den Anstoß, wer die Kugel am nächsten an die Bande platzieren konnte. Die Ehre fiel mir zu, wobei mir bereits schon vorher klar gewesen war, dass es so kommen würde. Er machte den Anfängerfehler, die Kugeln im Dreieck zu eng beieinander aufzusetzen, was ich ausnutzte und schließlich die schwarze Acht in der linken Ecke versenkte, so wie es mir gut sieben von zehn Mal gelingt, wenn der Aufbau so vorteilhaft für mich ist. Also musste er in die Tasche greifen und einen weiteren Hunderter zücken, denn so besagen es die Regeln des 9. Marquess von Queensbury auf der ganzen Welt: Wenn je­mand vom Anstoß weg alles abräumt und die schwarze Acht versenkt, dann wird der doppelte Einsatz fällig. Und in so mancher Bar mit fachkundigem Publikum, so wie das hier eine war, konnte man dafür auch die Finger gebrochen bekommen, aber ich hatte es zu eilig, um die Fassade aufrechtzuhalten und setzte der Sache ein schnelles Ende. Vielen Dank, junger Mann, waren wohl einige Glückstreffer dabei, sagte ich, und zog mich zurück, in der Hoffnung, dass ihm erst ein Licht aufging, wenn ich mich schon woanders auf der Welt befand.
Tommy und ich verließen den Laden beschleunigten Schrittes, denn ich hatte das Gefühl, dass Festus gleich das Grinsen vergehen und er eins und eins zusammenzählen würde, und dann wäre es nicht gerade vorteilhaft für mich, wenn ich noch vor Ort wäre. Vom Swamp Room würde ich mich wohl eine Zeit lang erst mal fernhalten müssen, und noch länger sollte ich mir einprägen, wie der Ölbohrer ausgesehen hatte, schließlich stand er mit seinen gut zwei Metern ohne den Ansatz eines Bierbauchs ziemlich gut da.
Wir kamen unbeschadet vom Parkplatz weg, hinter uns stoben Kiesbelag und zerquetschte Austernschalen in die Luft, wir hatten es ja eilig, und machten uns auf nach Fat City. Kurz hielten wir noch an einem Stand von Pascalé’s Tamales an der Straße, an denen ich nicht vorbeifahren kann, ohne mir was zu holen. Tommy er­klärte mir alles im Hinterzimmer des Speakeasy, während ich mir die fettigste und köstlichste mexikanische Mahlzeit reinschob, die je erfunden wurde. Mann, Pascalé weiß genau, wie man die Tamales so fies und lecker macht, dass sie dir den Magen in Stücke reißen, bis du heiße Luft furzt, aber trotzdem noch zehn Stück davon verschlingen willst.
Tommy hatte den Plan bereits zu Papier gebracht: Formeln, Zahlen, war alles da. Und es klang alles plausibel, so wie bei einer Lebensversicherung, wenn der Typ mit dem Polyestergrinsen dir gegenüber am Küchentisch sitzt. Ein ähnliches Gefühl wie bei diesen Gelegenheiten be­schlich mich auch jetzt, was mir Warnung genug hätte sein sollen. Und klar, bereits zehn Minuten, nachdem ich ihn verlassen hatte, konnte ich mich schon gar nicht mehr an irgendwelche Einzelheiten des Plans erinnern, außer dass ich meine Nächte zukünftig in einem zwei auf dreieinhalb Meter großen designergrau gehaltenen Raum mit Gittern an der Nordseite verbringen würde, wenn etwas schieflaufen sollte.
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»Wenn Leute mit einem Überfall schnell zu Geld kommen wollen, wo holen sie es sich dann?«
Ich wusste nicht, was er von mir wollte, und auf die Spur brachte er mich auch nicht, stattdessen wiederholte er immer wieder die gleiche Frage. Ich hasse es, wenn jemand eine Frage stellt, deren Antwort er bereits kennt, aber dich immer weiter damit belästigt, damit er dir zeigen kann, was du im Vergleich zu ihm für ein Hasenhirn bist.
»Was weiß ich«, sagte ich schließlich, »sie überfallen ’ne Tankstelle? Oder ’nen Schnapsladen?«
Klar wusste ich, dass das die falsche Antwort war. Offensichtlich. Aber es war die Antwort, die Tommy hören wollte, damit er zeigen konnte, wie clever er war, und dass ich nichts in der Birne hatte. Ich spielte mit, damit er sich mir überlegen fühlen konnte. Da kam immer einer von Tommys Wesenszügen zum Vorschein, auf den ich gut hätte verzichten können.
»Junge, Pete«, seufzte er tief. »Du bist genau wie alle anderen. Kein Wunder, dass du Pool um Kleingeld spielen musst.«
»Eine Bank? Einen Juwelier?« Ich wurde langsam sauer: »Warum sagst du mir nicht einfach, was du hören willst, Tommy? Wir können uns so ’ne Menge Zeit sparen.«
»Eine Bank! Ich dachte mir, dass du sagen würdest: eine Bank. Das hab ich genau gewusst. Wenn du’s nicht ge­sagt hättest, hätte mich der Schlag getroffen und ich wäre auf der Stelle abgenippelt!«
Er war völlig begeistert, mit welchem bemerkenswerten Scharfsinn er meine Berechenbarkeit durchschaut hatte.
»Tommy, warum machst du nicht endlich das Maul auf und sagst mir, was du willst?«
»Okay, Pete. Reg dich ab, Kumpel. Ich wollte nur mal einen Punkt verdeutlichen. Genau daran denken die meisten Leute, wenn sie ein Ding planen, an Tankstellen, Schnapsläden, Banken. Weißt du, wo der Fehler bei dieser Denke liegt?«
Ich stellte mich dumm. Zu diesem Spiel gehörten zwei, und ich hatte nicht vor, hier Tommys Stichwortgeber zu spielen. Er starrte mich eine zähe Minute lang an, und ich starrte zurück. Ich gewann: Er stieß einen lang gezogenen Seufzer aus, der mir sagen sollte, ich sei zum Überleben zu dämlich, und er voller Mitleid, dass er sich im Dunstkreis eines solchen Ignoranten befand. Manchmal wünschte ich, Tommy wäre unter Panto­mimen aufgewachsen. Unsere Unterhaltungen wären besser, wenn er dabei nicht reden würde.
»In Schnapsläden gibt es kein Geld zu holen, Pete. Und auch nicht bei Tankstellen und Juwelieren. Nicht mal bei den Banken gibt es Geld. Jedenfalls kein richtiges Geld. Das liegt im Tresor mit einem Zeitschloss, und der geht erst nachts auf, wenn die Bank geschlossen ist und 47 Wachmänner dabeistehen, so was in der Art. Bei ’ner Bank kannst du höchsten fünf- oder zehntausend holen, vielleicht zwanzig, wenn du Glück hast, Peanuts halt!«
Mir hätte die Hälfte eines 20.000-Dollar-Beutezugs gereicht, aber ich kapierte, was er mir sagen wollte, und er hatte recht damit. Nicht nur gab es bei Tankstellen und Schnapsläden nichts zu holen, auch bei Banken nicht, und noch dazu schlugen dort bei einem Überfall die ganze Zeit Abertausende von versteckten Alarmsystemen an, deshalb kam auch niemand damit durch. Eine Bank war das reinste elektronische Wunderland.
»Weißt du, wo es noch ernsthaft Kohle zu holen gibt?« Endlich kam er mal zur Sache. Er ließ mir aber Zeit, das Ganze zu verdauen.
»Bei ’nem Geldtransporter?«
»Pete, du denkst genau wie die ganzen anderen Verlierer auch. Mit Geldtransportern ist es doch exakt das Gleiche wie mit Banken. Die sind gesichert wie ... Geldtransporter. Ich sag’s dir jetzt einfach, ich merk schon, dass du von allein nie auf die richtige Antwort kommst: in Supermärkten.«
»Supermärkte?«
»Gibt es ein Echo hier drin? Ja, Pete, in Supermärkten. Die haben alles Geld der Welt. Die nehmen hunderttausend in der Stunde ein, an ’nem schlechten Tag. Und wenn’s voll ist? Das kannst du dir nicht mal vorstellen! Und mindestens die Hälfte davon ist Bargeld, das ist das Beste daran.«
»Du willst also einen Supermarkt überfallen?«
»So ungefähr.«
»Was zum Teufel soll denn jetzt ›so ungefähr‹ heißen? Entweder du überfällst einen Supermarkt, oder du lässt es. Oder hattest du an einen Einbruch gedacht? Die haben doch diese Riesensafes, oder nicht? Hast du schon mal ’nen Safe aufgemacht? Ich jedenfalls nicht, und ich wette, du auch nicht. Wie sollen wir das denn machen? Einfach das Schätzchen hochheben und auf dem Rücken raustragen? Da wird sich aber der eine oder andere einen Bruch gehoben haben, bevor wir das Ding überhaupt hochkriegen. Ist schon ein Weilchen her, dass ich in der Muckibude war und 600 Kilo gestemmt habe. Das gilt auch für dich, könnte ich wetten. Tommy, wir sind Betrüger, wir machen keine Überfälle und keine Einbrüche. Wir gebrauchen unseren Verstand, nicht unsere Muskeln, zumindest einer von uns, und von dir hatte ich es eigentlich auch gedacht.«