Das große Los - Meike Winnemuth - E-Book

Das große Los E-Book

Meike Winnemuth

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Beschreibung

Bei Jauch gewinnen, völlig frei sein, um die Welt gondeln. Wie ist es, wenn man das Leben führt, von dem alle träumen?

Sie wollte eigentlich bloß finanziell ein bisschen unabhängiger sein. Mehr dürfen, weniger müssen. Deshalb hat Meike Winnemuth bei "Wer wird Millionär?" mitgemacht. Zu ihrer Verblüffung räumt sie groß ab: 500 000 Euro. Und nun? Einfach weitermachen wie bisher? Sie entscheidet sich, 12 Monate frei zu nehmen und um die Welt zu gondeln. Es wird ein unglaubliches Jahr. Eines, das ihr Leben umkrempelt. Und das Beste: das viele Geld hätte sie dazu gar nicht gebraucht.

Doch was passiert, wenn man wirklich alles darf? Weiß man dann, was man will? Wie ist es, wenn man das Leben führt, von dem alle träumen? Meike Winnemuth erzählt von einer unglaublichen Reise in 12 Städte auf allen Kontinenten: Sydney, Buenos Aires, Mumbai, Shanghai, Honolulu, San Francisco, London, Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba, Havanna. Mit Tempo, Humor und viel Gespür für die Besonderheiten der Städte und ihrer Bewohner beschreibt Meike Winnemuth ihre Erfahrungen.

Vor allem aber geht es in "Das große Los" um Aha-Erlebnisse, Kulturschocks, den Rausch der Freiheit, das Glück des Zufalls und die Überraschungen, die man nicht zuletzt mit sich selbst erlebt.

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Seitenzahl: 407

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Meike Winnemuth

DASGROSSELOS

Wie ich bei Günther Jauch

eine halbe Million gewann

und einfach losfuhr

Knaus

Vorwort

Ich habe gerade 500000Euro bei Wer wird Millionär? gewonnen. Glaube ich jedenfalls.

»Da geht’s raus«, sagt Günther Jauch, und im Abgehen stolpere ich, geblendet von den Scheinwerfern, fast in die Kulisse. Wirklich ungemein realistisch, dieser Traum.

Ein Mädchen mit Klemmbrett führt mich zu einer schwarzen Ledercouch unterhalb der Zuschauerränge. »Herzlichen Glückwunsch. Hier können Sie sich den Rest der Sendung ansehen.«

Auf dem Monitor vor mir: fünf neue Kandidaten, Auswahlfrage, eine junge Frau schafft es auf den Stuhl– hundertmal gesehen. Habe ich da wirklich selbst gerade gesessen? Unmöglich. Absurd.

Ein anderes Mädchen kommt mit einem weiteren Klemmbrett, reicht es mir und sagt betont sachlich: »Können Sie hier mal bitte Ihre Kontonummer draufschreiben?«

Da habe ich es dann wirklich geglaubt.

Wenn einem so etwas passiert, ist es erst mal gar nicht das große Glücksgefühl, wie man immer denkt, sondern eine einzige Überforderung. Das Hirn ist Matsch, der Magen ein Knoten, ich schwanke zwischen angestrengter Coolness, hysterischem Kichern und stummem Kopfschütteln. Eine Stunde später, im von RTL gebuchten Bahnhofshotel, hocke ich wie betäubt auf dem Bett, zu Tode erschöpft von diesem Emotionsgewitter.

»Was mache ich denn jetzt bloß?«, frage ich meine mitgereiste Freundin Katharina. »Was bedeutet das alles? Was will das Geld von mir?«

Sie sagt, was alle besten Freundinnen in solchen Situationen sagen sollten: »Wir gehen jetzt erst mal Spaghetti essen. Der Rest ergibt sich.«

Dabei war die Antwort auf meine Frage eigentlich ganz leicht, ich hatte sie ja sogar schon während der Sendung gegeben, als Jauch mich fragte, was ich mit einem Gewinn machen würde. Ein Jahr lang raus aus Deutschland, hatte ich gesagt, und jeden Monat in einer anderen Stadt wohnen. Zwölf Monate in zwölf Städten, die ich mir schon immer mal angucken wollte. Städte, in die ich es nie geschafft hatte, obwohl anscheinend sonst schon jeder da war (Barcelona, San Francisco), Städte, in denen ich nur kurz war und die ich besser kennenlernen wollte (Sydney, Kopenhagen), und Städte, die immer in Hans-Albers-Liedern vorkommen und die allein deshalb schon Pflichtprogramm für eine Hamburgerin sind (»einmal noch nach Bombay, einmal nach Shanghai«). Zwölf Städte, immer am Ersten hin und am Einunddreißigsten weg und zwischendurch nicht nach Hause kommen: Das würde ich machen, lieber Herr Jauch.

Aber so was sagt sich leicht in einer Sendung; es dann auch wirklich zu tun, ist eine ganz andere Geschichte. Ich wüsste zu gern, wie viele Jauch-Gewinner ihre Pläne tatsächlich in die Tat umsetzen. Man träumt laut von einer Neuseeland-Reise oder einer Fesselballonfahrt und steckt die Kohle dann doch in etwas Vernünftiges wie eine Hypotheken-Sondertilgung oder neue Vorhänge. Darüber habe ich natürlich auch nachgedacht. Und trotzdem entschieden: Eine solche Summe hat einen gewissen Aufforderungscharakter. Die verpflichtet dazu, mit ihr etwas Großes anfangen, etwas Unvergessliches. (Die Vorhänge habe ich aber trotzdem gekauft.)

Zudem war ich neugierig: Wie wäre es, ein Jahr lang genau das Leben zu führen, das ich mir selbst ausgesucht habe? Ohne Verpflichtungen, ohne Routinen, ohne Kompromisse? Ein Jahr lang nur tun, was ich will?

In Musils Mann ohne Eigenschaften ist an einer Stelle die Rede vom Staat Kakanien, »der sich selbst irgendwie nur noch mitmachte, man war negativ frei darin, ständig im Gefühl der unzureichenden Gründe der eigenen Existenz.« Sich selbst irgendwie nur noch mitzumachen, aus purer Gewohnheit und ohne Ahnung, wie es anders ginge, dieses Gefühl kannte ich so gut wie jeder andere, obwohl ich als Journalistin natürlich den schönsten, abwechslungsreichsten Beruf der Welt habe. Das Glück, so scheint es oft, findet im Konjunktiv statt: Man müsste mal. Wie wäre es wohl, wenn. Man trottet so durchs Leben, das sich manchmal anfühlt, als ob’s ein anderer für einen geplant hätte. Kein schlechtes Leben, überhaupt nicht. Aber diese leise Stimme, die sagt: Da geht noch was, das war noch nicht alles– die ist immer da. Wie wäre es wohl, der einfach mal zu folgen?

»In 20Jahren wirst du dich mehr über die Dinge ärgern, die du nicht getan hast, als über die, die du getan hast«, so beginnt ein berühmtes Zitat von Mark Twain. In 20Jahren werde ich über 70 sein und ein großer Teil des Ärgers würde dann darin bestehen, viele Dinge nicht mehr tun zu können, weil ich als alte Schachtel schlichtweg nicht mehr die Treppen hochkäme. »Also wirf die Leinen los und segle fort aus deinem sicheren Hafen. Fange den Wind in deinen Segeln. Forsche. Träume. Entdecke«, schreibt Twain weiter.

Genau das wollte ich tun. Wegfahren, um mir ein paar Fragen zu stellen: Wer bin ich, was will ich, was soll das alles hier überhaupt? Nichts, was man nicht auch zuhause versuchen könnte zu beantworten, aber in der Ferne weitet sich der Blick, dort kriegt man, je nach Bedarf, eine neue Lupe oder ein neues Fernglas in die Hand gedrückt und damit auch ein paar andere Perspektiven serviert.

Wie plant man nun so eine Reise? Indem man es lässt. Am Tag nach der Sendung habe ich die Namen von zwölf Städten auf einen gelben Post-it-Zettel geschrieben; in neun davon bin ich dann auch tatsächlich gelandet, der Rest hat sich ergeben. Die Wahl der Städte war spontan, instinktiv, zufällig. Nicht viel nachdenken, nicht lange planen, nicht vernünftig sein: Auch das war eine Form von Freiheit, die ich mir gönnen wollte.

Warum nicht New York, warum nicht Paris, wurde ich oft gefragt: weil ich die schon kenne, recht gut sogar. Auf die Liste sollten mir unbekannte Orte, die mich einfach angesaugt haben– Sehnsuchtsorte, nie gesehene Lieblingsstädte. Ich wollte, wo immer es ging, in möblierten Wohnungen leben, um ein möglichst alltägliches Leben zu führen; Unterkünfte für die ersten drei Monate waren schnell über das Internet gefunden.

Weitere Vorbereitungen? Keine. Einen zweiten Pass beantragt, meine Wohnung untervermietet, einen handtaschenkleinen Laptop und einen Fotoapparat gekauft, wie verrückt meinen Schreibtisch leergearbeitet, ein Reise-Weblog eingerichtet. Das war’s. Keine drei Monate nach der Sendung, am 1. Januar 2011– gibt es ein besseres Datum als den 1.1.11 für den Start in so ein Jahr?–, saß ich im Flugzeug nach Sydney. Mit einem kleinen Koffer und einem großen Bibbern.

In diesem Buch soll es darum gehen, wie man aus einem unglaublichen Glücksfall– dem großen Los, das ich plötzlich gezogen hatte– einen noch größeren Glücksfall macht: das große Los!, das Mark Twain empfiehlt. Losfahren, sich vom Gewohnten lösen und dann schauen, was passiert. Mir hat gut gefallen, was mir gegen Ende des Jahres eine Psychologin sagte, die zufällig neben mir im Flugzeug nach Havanna saß: »Glückwunsch. Das Wichtigste, was Sie getan haben: Sie haben sich selbst die Erlaubnis zu dieser Reise gegeben.«

So ist es. Ich habe mir die Erlaubnis gegeben, streunen zu gehen und für ein Jahr den ewigen sehnsüchtigen Konjunktiv– Ich würd’ so gern– in einen ganz simplen Indikativ zu verwandeln: Das mache ich jetzt einfach. Und dabei die verblüffendsten Entdeckungen zu machen, zum Beispiel: Das Geld von Jauch hätte ich gar nicht gebraucht.

Ein Wort noch zur Form dieses Buchs: Reisen ist eine schrecklich subjektive Sache. Wie man eine Stadt erlebt, hängt von derart vielen Zufällen ab, dass es eigentlich verboten sein müsste, ein Buch darüber zu schreiben. Denn links und rechts des Weges hätte es eine Million anderer Pfade gegeben, andere Versionen desselben Orts.

Noch schlimmer wird es, wenn man Weltreiseheimkehrers Lieblingsfrage beantworten soll: »Na, wie war’s?«

Wie es war und wie es ist, das ändert sich schon während des Reisens oft von Tag zu Tag, von Laune zu Laune und nicht zuletzt von Frager zu Frager– jedem erzählt man eine etwas andere Variante dessen, was man erlebt hat. Deshalb besteht dieses Buch aus zwölf Briefen aus zwölf Städten an zwölf verschiedene Menschen in meinem Leben. Wer allein reist, braucht umso dringender ein Gegenüber bei dem Bemühen, die Flut der Eindrücke zumindest ein bisschen zu kanalisieren– wobei es nichts Schöneres gibt, als dabei hin und wieder unterzugehen. (Wer der Reise live auf meinem Weblog www.vormirdiewelt.de gefolgt ist, wird einiges wiedererkennen, anderes nicht.)

Unter den Empfängern der Briefe sind alte Freunde, neue Freunde, Ex-Lover, meine Eltern. Aber auch Menschen, die mir unterwegs begegnet sind, wie Professor Carl Djerassi, der 89-jährige Vater der Antibabypille, in dessen Londoner Wohnung ich einen Monat lang gelebt habe. Einer dieser vielen Zufälle, die… ach, das sehen Sie dann schon. Natürlich geht auch ein Brief an denjenigen, dem ich diese Reise zu verdanken habe: an Jonas, meinen Publikumsjoker bei der 500000-Euro-Frage, der all die Zufälle überhaupt erst ins Rollen brachte.

Und jetzt los.

Januar

Sydney,

Australien

Liebe Rose,

eigentlich könnte ich meine Koffer gleich wieder packen und nach Hause kommen, denn besser kann es gar nicht werden. Mir Sydney als erste Station auszusuchen, war das Beste und das Blödeste, was ich tun konnte. Wie leicht die Stadt es einem macht, sich in sie zu verlieben! Und wie verdammt schwer es sein wird, hier wirklich nur einen Monat lang zu bleiben.

Das mit der Liebe ging ganz schnell, das passierte gleich in den ersten Minuten, auf der Taxifahrt vom Flughafen in die Stadt. Mich wunderten die leeren Straßen an einem Montagmorgen, und der Fahrer sagte: »Heute ist Feiertag.«

»Der 3. Januar, ein Feiertag?«

»Ja, weil der 1. auf einen Samstag gefallen ist«, sagte er. »Wir lassen uns doch nicht einfach um einen arbeitsfreien Tag bringen, wo kämen wir denn da hin?«

Also wird der einfach nachgeholt. Schon mal gut, fand ich, schon mal sehr entspannt.

ZweiterMoment der Liebe: dieses Schild am Eingang des Botanischen Gartens.

Please walk on the grass. Rasen betreten erbeten, und das in einem der schönsten botanischen Gärten der Welt. Unglaublich, oder? In diesem Moment wurde mir klar, dass ich wirklich zehn Zeitzonen von Deutschland entfernt war. »Außerdem sind Sie herzlich eingeladen, an den Rosen zu riechen, die Bäume zu umarmen, mit den Vögeln zu reden und auf der Wiese zu picknicken«– genau so ist die ganze Stadt, eine ständige Aufforderung zum Genuss bei gleichzeitigem Pfeifen auf die Gepflogenheiten. Sie wissen genau, dass sie’s schön haben hier, und sie teilen es gern, diesen Eindruck habe ich an jeder Straßenecke. In der Oxford Street ist neben einem Kosmetikladen ein Handcreme-Spender an die Hauswand gedübelt, zur freundlichen Bedienung im Vorübergehen und ohne jeden Pröbchenterror von Beautytussis– solche Ideen findest Du hier überall.

Auf den Rasen des Botanischen Gartens sollte man übrigens wirklich ganz unbedingt gehen, er ist weich wie Moos, stellenweise sinkt man knöcheltief ein. Eine riesige grüne Matratze. Kein Wunder, dass so viele aus den umliegenden Büros ihr Mittagsschläfchen im Park machen: Wann immer ich hier liege, schnarcht es gemütlich links und rechts neben mir, während die wilden Ibisse um uns herumspazieren. Du musst Dir Sydney wie ein gigantisches Freiluftgehege vorstellen: Was man sonst nur aus dem Zoo kennt, läuft hier einfach über die Straße. Kreischbunte Papageien sitzen auf meinem Balkongeländer, in den Bäumen hängen kopfüber Flughunde, die abends auf der Suche nach Beute in die Vororte fliegen, und Spinnennetze von eineinhalb Metern Durchmesser, deren Urheber man lieber nicht kennenlernen möchte. Großstadtdschungel, aber wie! Bestimmt gewöhne ich mich an den Anblick so schnell wie an den von Tauben und Spatzen zuhause, aber vorerst habe ich das überhaupt nicht vor.

War es also ein Fehler, mit dieser Stadt zu beginnen? Auf keinen Fall. Ich halte es für eine gute Idee, ein Langzeitprojekt wie dieses mit einem Ort zu beginnen, der einem wie ein Schuhlöffel den Einstieg erleichtert. Ein Ort, wo man die Sprache versteht, das Klima verträgt, die Mentalität mag. Es wird noch anstrengend genug werden, sicher in Shanghai, wo ich kein Wort sprechen und kein Zeichen lesen kann. So schwer wollte ich es mir nicht gleich am Anfang machen. Dann lieber erst mal in das Nichtschwimmerbecken des Weltreisenden: nach Sydney. Um den Preis, dass ich hier nicht wieder weg will.

Egal. Das Problem löse ich am Ende dieses Monats.

Aber ich fange lieber vorne an.

Silvester in Istanbul mit Dir und den anderen, das war die beste Art, in dieses Abenteuer zu starten. Das war entspannt und familiär und lustig, gleichzeitig schon mal ein Vorgeschmack auf die weite Welt. Wie schön, dass Ihr mich auf die Abschussrampe geschoben habt! Doch je länger der Countdown lief und je näher meine Abreise rückte, desto klammer wurde mir. Am Neujahrstag war es ganz schlimm. Silvesterkater mischte sich mit Abschiedskater, ich packte mit dicker Birne meinen Koffer und wusste: Ich sehe Euch ein Jahr nicht wieder, ab jetzt muss ich allein für den Spaß sorgen. Auf dem Weg zum Flughafen wurde mir mulmig und immer mulmiger. Jetzt geht es wirklich los. Allein. Ein Jahr. Verdammt.

Was ich nicht bedacht hatte: Losfahren hat auch mit Loslassen zu tun. Vor einem dreiwöchigen Sommerurlaub muss man sich nicht groß verabschieden; man ist ja gleich wieder da. Ein Jahr hingegen ist eine lange Zeit, die mir plötzlich eine Nummer zu groß erschien. Wie würde es sein, eine ganze Runde auszusetzen? Was würde ich zuhause verpassen, was vermissen? Kann ich danach einfach so weitermachen oder würde alles anders sein?

20Flugstunden später war es immer noch nicht besser. Ich stand morgens um neun auf dem Balkon meiner angemieteten Wohnung, vor mir den traumhaften Blick über die glitzernde Elizabeth Bay, links die Oper, rechts der Ozean, in der Hand ein Glas eiskalten Rotwein aus der angebrochenen Flasche, die meine Vormieterin im Kühlschrank gelassen hatte.

Ja, um neun Uhr morgens. Nein, es ging nicht anders.

Ich stand da und trank und guckte und dachte: Dies ist phantastisch, dies ist wunderschön. Aber was zum Teufel will ich hier eigentlich? Ich fühlte mich wie ein Zootier, das in der Savanne ausgewildert werden soll und sich aus Furcht vor der Freiheit nicht aus der Transportkiste traut.

Habe ich mich einfach zu schnell und zu schlecht vorbereitet in diese Reise gestürzt? So ganz ohne Anlauf, einfach aus dem Stand losgesprungen: Wie weit würde ich damit kommen? Reicht es für den großen Satz oder nicht doch nur für einen kleinen Hopser?

Jetlag, wirst Du sagen. Ja, klar. Aber vor allem emotionaler Jetlag. Meine Gefühle kamen einfach nicht hinterher, aus der Vorfreude der letzten Monate war noch keine Freude geworden. Die hing vermutlich noch über dem Indischen Ozean fest.

Nachts war ich hellwach, aß ein Pfund Kirschen (im Januar! Aber hier ist Hochsommer, auch die Jahreszeit hat Jetlag), kochte mir einen Becher australischen Billy Tea und tat dann etwas entsetzlich Heimwehkrankes. Lach nicht: Ich habe die Silvesterfolge vom »Traumschiff« in der ZDF-Mediathek geguckt. Ich sagte, lach nicht.

Am nächsten Tag habe ich erst mal Inventur gemacht.

»Meike Winnemuth aus Hamburg, 50, ledig, Single, keine Kinder«, so hatte mich Jauch in der Sendung vorgestellt. 50, ledig, Single, keine Kinder– wie trostlos das klingt, habe ich damals gedacht. Bin ich das, beschreibt mich das? So was wäre mir nie eingefallen, wenn ich mich Leuten vorstellen müsste. Vielleicht eher so: Meike Winnemuth, 50, deutlich jünger aussehend und sich auch so fühlend, neugierig, mutig, tendenziell faul mit Energieschüben und dem Talent zu schnellen Entschlüssen, unneurotisch, verspielt, verlässlich. Einzelgängerin mit hoher Sozialkompetenz. Bockig, wenn sie etwas wollen soll, das ihr nicht einleuchtet. Experimentierfreudig. Hat sich noch nie im Leben gelangweilt.

Das sind ziemlich gute Voraussetzungen für das Reisen, finde ich. Und natürlich ist auch singleledigkeinekinder eine Spitzenvoraussetzung dafür, wenn man es übersetzt mit: frei. Unabhängig. Kann machen, was sie will.

Das war nicht immer so, wie Du weißt. Fester Job, feste Beziehung– und dann halt doch nicht so fest wie gedacht. Nichts ist für immer – manchmal leider, manchmal Gott sei Dank. Deshalb weiß ich auch, dass meine momentane Freiheit möglicherweise ebenfalls endlich ist. Also nichts wie weg, jetzt oder nie– wer weiß, wann es noch mal so schön passt.

Unsere langzeitreiseerfahrene Freundin Sabine hatte mir geweissagt, dass sich die ersten Wochen noch anfühlen würden wie ganz normaler Urlaub. Erst nach ein paar Monaten würde ich verstehen, dass ich ein ganzes Jahr Zeit hätte. Wahrscheinlich hat sie recht, und vielleicht habe ich mir deshalb am Anfang die Tage so vollgeballert. Einerseits, weil mein innerer Duracell-Hase nicht so schnell zum Stillstand zu bringen ist, andererseits aus unbändiger Lust auf nie Getanes.

Gleich an meinem ersten Samstag bin ich um 3Uhr morgens aufgestanden und im Stockdunkeln zur Harbour Bridge gefahren. Von den Bridge Climbs hast Du bestimmt schon gehört: Man kann den Stahlbogen hochklettern und hat dann von ganz oben einen unglaublichen Blick auf die Oper und die Stadt. Einmal im Monat geht das auch im Morgengrauen. Musste ich mitnehmen, klar.

Der Bridge Climb ist zunächst mal kein Vergnügen. Man wird in einen merkwürdigen Strampelanzug gesteckt und mit einem Sicherungsgürtel versehen, bekommt Stirnlampe, zusammengefaltete Regenjacke und Kopfhörer für die Anweisungen des Guides angeklippt, muss in ein Alkoholtestgerät pusten, unterschreiben, dass man selbst schuld ist an allem, was ab sofort passiert, und sein gesamtes Leben in einem Schränkchen verschließen: Handys, Fotoapparate, Uhren, Schmuck, alles muss am Boden bleiben. Weil es sonst vermutlich sowieso dorthin fiele. Schluck.

Dann schlängelt man sich hintereinander über schmale Stege durch das Stahlgerüst, steigt steile Stufen hinauf, hoch und immer höher. Bis wir endlich den eigentlichen Brückenbogen erreichten, waren schon gut zwei Stunden vergangen, und inzwischen verstand ich auch die Startzeit in der Dunkelheit. Denn jetzt passierte plötzlich etwas Unerhörtes: Es ward Licht.

Ich musste an meinen alten Kumpel Clemens denken. Der hatte mal während unseres Thailand-Trips die Theorie entwickelt, dass in den Urlaubsorten jemand von der Tourismusbehörde hinterm Baum steht, Uuund Action! in ein Walkie-Talkie spricht und damit Fischerboote in genau dem richtigen Moment von links nach rechts durch die orangerote Sonne fahren lässt. Ich glaube, wir dümpelten gerade im lauwarmen Meer vor Ko Phangan, jeder ein eiskaltes Chang-Bier in der Hand (es könnte auch das zweite gewesen sein), da kommt man schon mal auf solche Theorien. Jedenfalls: In der Morgendämmerung auf die Harbour Bridge zu steigen, sehr weit unter mir die Oper und dahinter die Stadt zu sehen, plötzlich von einem heftigen Regenschauer begossen zu werden, fünf Minuten später im Trockenen die Sonne aufgehen zu sehen– und mich dann umzudrehen und den größten Regenbogen aller Zeiten über mir zu erblicken, das war einer der besten Uuund Action!-Momente meines bisherigen Lebens. Ich habe ja ohnehin gerade den Eindruck, jemand hat mir die Hauptrolle in einem ziemlich tollen Blockbuster gegeben, und Mannomann, der versteht was von Special Effects.

Dies ist das offizielle Bridge-Climb-Foto, das der Guide von mir gemacht hat. Siehst Du die Oper da unten zwischen den Streben? Und den Regenbogen in meinen Augen?

Gefrühstückt habe ich danach bei Harry’s Café de Wheels, nach Oper und Brücke drittwichtigste Sydneysider Sehenswürdigkeit. Eine rollende Imbissbude am Hafen, die es seit 1945 gibt und die inzwischen unter Denkmalschutz steht. Hier hat schon jeder gegessen: Frank Sinatra, Marlene Dietrich, Robert Mitchum, dokumentiert durch Fotos, die an die Seitenwand genagelt sind. Das Menü ist seit Jahrzehnten unverändert: Pies, darauf einen Schlag Erbsenpüree und Bratensauce. Seit 1970 gibt es außerdem Hot Dogs– eine Revolution damals!–, unter anderem in Form der Hausspezialität Hot Dog de Wheels mit Chili con carne, Erbsenpüree, Knoblauch-Zwiebeln, Käsesauce und Chili-Sauce. Ganz recht, alles zusammen oben drauf. Man kriegt das Ding formlos auf einem Stück Pergamentpapier in die Hand gedrückt und setzt sich damit an die Mole, umkreist von Möwen. Danach war ich erstens satt, zweitens wach und drittens noch glücklicher.

Inzwischen war es später Vormittag. Jetzt schnell nach Hause, um eine letzte Trainingseinheit an der Ukulele zu absolvieren, denn am Nachmittag war mein großer Auftritt im Hyde Park.

Ich sehe schon, dieser Satz wirft gleich mehrere Fragen auf. Erstens: Hyde Park? Ja, gibt es auch in Sydney. Viel kleiner als der in London, aber mindestens so idyllisch. Zweitens: Ukulele? Auftritt? Jawohl. Zum Start des Sydney Festivals sollten Hobby-Ukulelespieler zusammen mit der Aborigine-Sängerin Ali Mills und den Ukeladies die inoffizielle australische Nationalhymne »Waltzing Matilda« spielen. Jeder konnte mitmachen, die Veranstaltung heißt »You can Ukulele«. Super, bin ich natürlich dabei. Eine Ukulele aufzutreiben war gar nicht so schwer, die hat mir der sechsjährige Sohn von Nataschas Großcousin geliehen. Dessen Nummer hatte sie mir noch schnell in Istanbul zugesteckt, grüß sie mal bitte von mir!

Auf der Kinderukulele habe ich dann tagelang den Song geübt. Vier Saiten, drei Akkorde, C, G, F, was kann daran so schwer sein? Alles. Für eine unmusikalische Stümperin wie mich war das wie Gehenlernen. Stolpern, auf die Nase fallen, aufstehen, ein paar Schritte machen, wieder hinfallen. Es war, mit einem Wort, großartig. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt mit so viel Hingabe bei der Sache war. Denn das Wunderbare daran, von etwas überhaupt keine Ahnung zu haben: Du machst rasend schnell Fortschritte. Von geht überhaupt nicht zu geht schon ein bisschen ist es nur ein winziger Schritt, aber ein riesiges Glücksgefühl.

Nachmittags um vier war es so weit. Vor der Bühne im Hyde Park stand neben dem Erste-Hilfe-Zelt ein zweites für Ukulele-Anfänger, die sich von Profis das Instrument stimmen lassen konnten. Ein bärtiger Herr mühte sich mit meiner ab (»she’s a bit touchy«), eine Dame in Hawaii-Hemd wies mich in die Philosophie der Ukulele ein (»such a happy little instrument, isn’t it?«) und erklärte mir, dass Waltzing nichts mit Walzer zu tun hat, sondern damit, auf der Walz zu sein, und dass Matilda ein zusammengerollter Schlafsack ist. Könnte doch glatt meine eigene Hymne für dieses Jahr werden, oder?

Ich stellte mich neben Clarence, einen 70-jährigen Maori aus Neuseeland mit gelbgrüner Perücke und Blumenkette, der mir noch eine Runde Last-Minute-Unterricht gab. »C, dann G.G!«

Und dann ging es los. Hunderte von Ukulele-Spielern standen auf dem Rasen und spielten »Waltzing Matilda«, und ich mittendrin. Ich habe ein bisschen geheult, ist es zu fassen? Pure Rührung. Es war für mich so ultimativ australisch: Leute kommen an einem entspannten Samstagnachmittag zusammen, um mit hoher Ernsthaftigkeit etwas hinreißend Albernes zu machen. Please play your ukulele on the grass.

Hinterher habe ich noch ein bisschen mit Clarence geplaudert. Er drückte mir einen Zettel mit der Überschrift »Grandparents on tour« in die Hand: Er bricht im April mit seiner Frau zu einer achtmonatigen Wohnmobil-Reise durch Australien auf und spielt auf der Ukulele Charity-Konzerte für Opfer des Entlaubungsmittels Agent Orange, das eine geschätzte halbe Million Vietnamesen mit Dioxin vergiftet hat.

»Ich bin Vietnam-Veteran«, sagte er. »Das ist das Wenigste, was ich tun kann.«

Und damit war der Tag immer noch nicht zu Ende. Ich erspare Dir den Rest, ich will nur sagen: Der Ankommensblues hat sich in Luft aufgelöst, gehört aber vermutlich dazu bei so einem Projekt: »Jedem Anfang wohnt ein Zaudern inne«, wie mir jemand so hübsch schrieb. Doch auch jeder zauderhafte Anfang hat ein Ende, und inzwischen liebe ich jede Minute hier.

Zwischendurch habe ich mich ein paar Tage an den Schreibtisch gesetzt, um meine Aufträge abzuarbeiten und meine Kolumnen zu schreiben. Du weißt ja: Urlaub ist dies nicht, ich arbeite weiter. Ich schätze, es wird pro Monat auf zehn bis zwölf Tage Schreibtisch und 20Tage Herumstromern hinauslaufen– der Goldene Schnitt von Angenehmem und Nützlichem. Viele haben sich gewundert, dass ich den Stift nicht einfach für ein Jahr fallen lasse. Aber es geht mir ja nicht darum, nichts zu tun. Es geht mir darum, das, was ich tue, woanders zu tun. Letztlich ist, was ich hier mache, ein einjähriger Laborversuch: Ich tauche in zwölf unterschiedliche Umgebungen ein und schaue, was die Städte mit mir machen. Wie sie mich verändern oder nicht, wie sie vielleicht auch meine Arbeit inspirieren.

Hinzu kommt mein Reiseblog, das ich fast täglich schreibe. Geplant hatte ich es eigentlich nur als Postkartenersatz für meine Lieben daheim, aber auch als… wie soll ich das sagen– Rückzahlung? Begleichung meines Karma-Kontos? Ich hatte so ein unverschämtes Glück, da ist es nur fair, andere auf diese Weise teilnehmen zu lassen. Außerdem kennst Du ja mein legendär schlechtes Gedächtnis: Ich hoffe, ein öffentliches Weblog wird mich unter Druck setzen, die Reise halbwegs regelmäßig zu dokumentieren. Damit ich nicht schon im Juni vergessen habe, wo ich im Januar war.

Womit ich nicht gerechnet hatte: dass so ein Blog in zwei Richtungen funktioniert. Ich bekomme zuhauf Ausflugs- und Restauranttipps von Leuten, die schon mal in Sydney waren, das Blog entwickelt sich zum interaktiven Reiseführer– für mich. Eine Petra schrieb mir etwa: »Du bist sicher schon am Coolest Butcher Shop in Australia in der Queen Street vorbeigekommen.«

Nein, bin ich nicht. Aber jetzt natürlich sofort. Rose! Du wärest in Ohnmacht gefallen, wenn Du das gesehen hättest! Victor Churchill ist die mit Abstand schönste Metzgerei, die ich je gesehen habe. Metzgerei? Quatsch, eine Fleisch-Boutique, eine Steak-Galerie, ein Rollbraten-Museum aus Marmor, Zebranoholz, Leder und Kupfer, mit einem verglasten Kühlraum, in dem feinstes grasgefüttertes Rind vor einer golden schimmernden Wand aus Himalayasalz abhängt. Der Laden hat schon alle Designpreise abgeräumt, man möchte auf der Stelle einziehen.

Aber das Beste: Freitagabends nach Feierabend bieten sie Metzgerkurse für Laien an. Vier Männer und ich– David, Spezialist für Gefäßerkrankungen, Stuart, Medizintechniker, Mark, Hotelier, Luke, Weißichnicht– wurden in der hohen Kunst des Fleischhauens angelernt, praktisch erklärt von einem der Victor-Churchill-Metzger. Roastbeef, T-Bone-Steak: Wo sitzt das, wie kriegt man das aus einem Hinterviertel geschnitten? Wir haben Messerschleifen und Schlachterknoten gelernt, damit der Braten schön in Form bleibt. Und auch, wie lange ein Steak nach dem Braten ruhen muss, damit sich die Säfte setzen. Nämlich laaaaaange. So lange, dass man denkt, es wird kalt. Wird es nicht, es wird nur gut.

Mein plötzliches Interesse am Fleisch, das mir in Buenos Aires bestimmt noch nützlich wird, habe ich übrigens ebenfalls meinem Blog zu verdanken. Ich hatte neulich meinen ersten kleinen Shitstorm nach einem Eintrag darüber, dass ich mir ein Kängurufilet aus dem Supermarkt gebraten habe (in Kräuterbutter, begleitet von einem kleinen Cabernet Sauvignon aus dem Barossa Valley). Im Kühlregal gibt es hier nämlich tatsächlich eine eigene Känguru-Sektion, gleich neben den Rindersteaks. Der Beitrag hat mir 53Kommentare beschert, teils von wutschnaubenden Vegetariern, die mich dafür beschimpften, etwas so Niedliches wie Skippy in die Pfanne zu hauen. »Grässlich! Widerlich! Würden Sie denn auch Hunde essen? Ich schäme mich für Sie!«

Alles Argumentieren half nicht, dabei finde ich Kängurufleisch wirklich eine erstklassige Alternative zu Rind: Anders als Kühe oder Schafe zerstören Kängurus nicht die Böden, sie brauchen weniger Futter und produzieren kein Methan, vergrößern also nicht das Ozonloch. Kängurufleisch hat nur zwei Prozent Fett, ist BSE-frei und stammt nicht aus Massentierhaltung. Im Gegenteil, das Vieh hüpft hier als Landplage durch die Gegend und schadet den Ernten der Bauern. Die Regierung hat Abschussquoten festgelegt, aber längst nicht alle Tiere landen dann auch auf dem Teller, die Nachfrage ist noch zu gering. Was ich aus genannten Gründen schade finde.

Ich muss zugeben: Durch die Känguru-Affäre hatte ich erst richtig Lust bekommen, mich mit dem Thema Fleisch zu beschäftigen. Nicht um die Vegetarier zu ärgern, warum auch? Sondern um herauszufinden, was herauszufinden ist. Das ist für mich bisher das Schönste an diesem Monat und hoffentlich diesem Jahr: Es mag Dir furchtbar erratisch vorkommen, was ich gerade so treibe– Ukulele spielen, metzgern lernen–, aber ich genieße ganz unglaublich, einfach mal meiner Neugier folgen zu dürfen. Klar kann ich das als Journalistin ohnehin leichter als andere (deshalb bin ich es ja auch geworden), aber so völlig verwertungsfrei und absichtslos eben doch nicht.

Ich fühle mich wie von der Leine gelassen, ich darf frei über die große Hundewiese sausen und an allem mal schnüffeln, was interessant riecht– was für ein Luxus! Und das, ohne einem Herrchen darüber Rechenschaft ablegen zu müssen! Das unzensierte, unkommentierte Leben (es sei denn, ich schreibe über Känguruschnitzel), das liebe ich gerade wirklich sehr.

Wohin es mich treibt, ist dabei komplett zufallsgesteuert, und auch das mag ich gern. Ich lebe mein Leben mit Genuss als kleine Flipperkugel, die– ding-ding-ding-ding!– durch eine blinkende Welt geschossen wird. Wer weiß, wohin als Nächstes. Das Gefühl, oft beim Aufwachen noch nicht zu wissen, wohin es mich an diesem Tag verschlagen wird, ist für mich derzeit das Größte.

Theoretisch könnte ich natürlich vieles von dem, was ich in Sydney mache, auch zuhause tun. Ich falle mir hier nur nicht so oft in den Arm. Das große »Ja, aber«: weg damit. Gestern zum Beispiel war ich bei einem gastronomischen Buchclub, über den ich in einem Stadtmagazin gestolpert bin. Zuhause hätte ich gesagt »Das wäre mal ganz nett, nur…« und hätte es auf den großen Irgendwann-mal-Stapel gepackt, der, wie die Lebenserfahrung lehrt, in Wahrheit ein Niemals-Stapel ist.

Hier habe ich sofort zum Telefon gegriffen und mir damit einen todschicken Abend beschert. Fünfzehn lustige Frauen von der Psychiaterin bis zur Weinvermarkterin saßen auf den tiefen Sofas der Präsidentensuite im feinen Observatory Hotel und debattierten über den neuesten Roman einer hiesigen Bestsellerautorin, der uns vorab hübsch verpackt nach Hause geschickt worden war. Wir tranken Lychee-Martinis und aßen Canapés, zwischendrin verpassten uns zwei extra angeheuerte Kosmetikerinnen eine Maniküre oder eine Armmassage. Mit anderen Worten: Es war göttlich. Und hinterher hatte ich wieder ein paar Visitenkarten mehr in der Tasche.

Denn eines, meine Liebe, bin ich als Alleinreisende nicht: allein. Es sei denn, ich will es. Es ist ja unfassbar leicht, neue Leute kennenzulernen: Tu, was dir gefällt, und du wirst dabei auf Menschen treffen, die dir gefallen.

Zudem sind gerade Hamburger Bekannte in der Stadt, die ich schon in meiner Wohnung bekocht habe, ich werde zu Freunden von Freunden geschickt (»Wenn Du in Sydney bist, musst Du unbedingt Alan treffen«)– und ich traue mich auch einfach mehr, wildfremde Leute anzuhauen. Sehr unhamburgisch, aber ich war ja losgezogen, um mir von den Städten ein paar neue Tricks abzugucken.

Oft kommt es mir auch so vor, als ob ein gut gelaunter Gott genau die richtigen Leute vorbeischickt: Bei einem Theaterabend in einem Pub kam ich mit meiner Sitznachbarin ins Plaudern und lud sie kurzentschlossen hinterher zu einem Drink ein. Spannende Frau– Michelle hat zwei Staatsbürgerschaften, pendelt zwischen London und Sydney und arbeitet sowohl als Rechtsanwältin wie auch als Schauspielerin.

»Nicht, weil ich das eine mit dem anderen finanziere, sondern weil ich beides gern mag und beides gut kann«, sagte sie. »Die zwei Pole bringen mich ins Gleichgewicht.«

Was sie von ihrem Leben erzählte, beginnt in mir zu arbeiten. Früher habe ich immer geglaubt, dass eine Entscheidung für etwas eine Entscheidung gegen alle anderen Optionen ist. Nicht notwendigerweise, stelle ich inzwischen fest. Ich kann reisen und arbeiten, ich kann woanders sein und dank Skype und E-Mails trotzdem Kontakt zu meinem alten Leben halten. Ich stelle fest: Es ist gar nicht so schwer, alles unter einen Hut zu bekommen.

Und noch eine Begegnung mit Folgen: Mein Ex und ich haben doch vor elf Jahren mal diesen kleinen doofen Sommerroman »Auf und davon« geschrieben. Für den hatte ich eine Nebenfigur namens Terry Durack erfunden, einen fetten Wiener Kochbuchautor. Terry Durack gibt es wirklich, nur ist er Restaurantkritiker beim Sydney Morning Herald. Ich hatte mich damals in sein Kochbuch Yum verguckt, eine Ode an die Verfressenheit und der Grund für meinen Namensraub: Sein Autorenfoto zeigte ihn mit vollem Mund. Jetzt rief ich beim Herald an, ließ mir seine Mailadresse geben, schrieb ihm, beichtete die Geschichte und lud ihn zum Essen ein– ich fand, ich schuldete ihm eins. Er antwortete sofort, fand’s gottlob lustig und nahm die Einladung an (»an offer I can’t refuse«).

Das Essen in seinem Lieblingsrestaurant Universal war köstlich. In jeder Hinsicht. Tolle Gerichte (ich sage nur: Lakritzmousse mit Aperol-Gelee, karamellisiertem Fenchel und rosa Grapefruit), und der Typ ist so klasse, wie ich ihn mir ausgedacht habe– immer schön, wenn die Wirklichkeit die Phantasie bestätigt. Später setzte sich noch die Küchenchefin, Christine Manfield, zu uns. Stellt sich heraus: Erstens fliegt sie nächsten Monat nach Mumbai, um dort für ihr nächstes Kochbuch zu recherchieren, und selbstverständlich hat sie tausend Tipps für mich, wenn ich im März dort bin. Und zweitens wohnen wir in derselben Straße.

Im selben Haus.

Im selben Stockwerk.

Genau nebeneinander. Sie in Apartment 7C, ich in 7B.

Irrer Zufall. Und schon habe ich ein Date für einen Feierabendwein in den nächsten Tagen. Kaum war ich zuhause, kam schon eine Mail von Christine mit Restauranttipps für Mumbai und einem Artikel, den sie mal über Buenos Aires geschrieben hat– mein nächstes Ziel. Man muss sie lieben, die Australier: Sie quatschen nicht nur, sie machen auch gleich.

Ich erzähle Dir diese Geschichte deshalb so ausführlich, weil sie ziemlich typisch dafür ist, wie ich mich durch diesen Monat bewegt habe: Ich treffe jemanden, der gibt mir gute Tipps oder einen Kontakt, daraus ergibt sich das Nächste. Ich schwinge mich von Liane zu Liane, von Zufall zu Zufall, und finde es herrlich.

Es gibt im Englischen das hübsche Wort serendipity, glücklicher Zufall. Ich spüre schon nach diesem ersten Monat, dass serendipity ganz wichtig werden wird in diesem Jahr. Überraschend auf etwas Unbekanntes zu stoßen und die Zeit und Muße zu haben, diesem Unbekannten neugierig zu folgen, das ist der große Luxus, den ich mir gönnen darf. Zuhause habe ich mich oft in einem schulterbreiten Korridor des Funktionierenmüssens gefangen gefühlt, da gab es kein Ausscheren nach rechts oder links, kein Stolpern, kein Innehalten. Keine Zeit für Spielereien und Unsinn. Ich hab’s am Ende nicht mal mehr vermisst, muss ich zugeben. Wat mutt, dat mutt, das kennst Du ja. Aber jetzt merke ich, dass sich gerade irgendwas in mir lockermacht und ganz zart die ersten Flausen zu blühen beginnen.

Meine Strategie für dieses Jahr lautet also »Ja, gern«. Die Welt macht mir Vorschläge und ich nehme sie dankend an. Yes is more, das ist mein neues Motto.

Als mich zum Beispiel meine Hamburger Ex-Kollegin Julica, die schon seit Jahren in Sydney arbeitet und nebenbei ehrenamtliche Rettungsschwimmerin ist, in den Bondi Icebergs Club zu einem Charity-Schwimmen zugunsten der Opfer einer Flutkatastrophe in Queensland einlud, war ich natürlich auch da. (Klassischer Aussie-Humor übrigens: Schwimmen für Flutopfer.) Das Icebergs ist der schönste Swimmingpool, den ich kenne: ein türkisgrüner Salzwasserpool, direkt ans Meer angrenzend, das gelegentlich dramatisch ins Becken brandet. Der legendäre Schwimmclub wurde 1929 von einigen Rettungsschwimmern gegründet, die auch im Winter trainieren wollten. Um Clubmitglied zu werden, musste man sich strengen Regeln unterwerfen: fünf Jahre hintereinander an drei von vier Sonntagen Rennen schwimmen, dann war man drin.

An diesem Tag aber durfte jeder ins Becken: Da trat eine Vierjährige gegen Mitglieder der Basketballmannschaft Sydney Kings an, alte Damen mit Dauerwelle gegen schrankförmige Brechertypen. Ich guckte den buntgemischten Schwimmern zu, die sich zusammen ins Wasser warfen, egal wie, nur zum Spaß. So wie ich mich in dieses Jahr geworfen habe, dachte ich. Ohne Plan, aber mit dem Urvertrauen, dass es mich schon tragen würde. Erinnerst Du Dich an die Szene in einem Indiana-Jones-Film, in der Harrison Ford an einem Abgrund steht, einen Schritt ins Nichts macht und unter seinen Füßen eine Brücke wächst? Ungefähr so fühle ich mich gerade. Der Weg entsteht beim Gehen. Mal sehen, wohin er führt.

So sehr ich mich zu Beginn dieses Monats noch gefürchtet habe, nichts mit mir und diesem Jahr anfangen zu können, so erleichtert bin ich über die schöne Räuberleiter, die mir Sydney gebaut hat. Freiheit ist erst mal eine Zumutung, niemand von uns hat gelernt, wie das geht. Wenn einem niemand die Entscheidung abnimmt, womit der Tag zu füllen ist– kein Boss, keine Familie, keine Institution–, und man völlig ohne Strukturen lebt, ist das ebenso berauschend wie beunruhigend. Man muss regelrecht trainieren, freihändig zu gehen. Denn man verlässt mit dem engen heimischen Gehege eben auch die stabilen Geländer, an denen man sich immer entlanggehangelt hat.

Ich beglückwünsche mich jedenfalls gerade dazu, kaum etwas vorbereitet zu haben. Es gibt die Liste meiner Städte, ich weiß, wo ich die nächsten beiden Monate unterkomme, der Rest wird sich finden. Vor Heimweh habe ich keine Angst: Es gibt Mails, es gibt Skype, und ein paar Leute haben jetzt schon angekündigt, mich unterwegs besuchen zu wollen. Katharina kommt nach Barcelona, eine Kollegin nach Havanna, meine Eltern für ein Wochenende nach Kopenhagen. Auf Dich und unsere zehn Tage in Rajasthan freue ich mich besonders, ich merke gerade, wie gut es tut, mal mit einer Freundin alles zu sortieren, was gerade auf mich einprasselt. Wir sehen uns im März, mein Herz, lass es Dir bis dahin gut gehen!

Liebe Grűße in die Heimat, Deine Meike

10 Dinge, die ich in Sydney gelernt habe