Das Große und Ganze – verschwimmend - Stephan Opitz - E-Book

Das Große und Ganze – verschwimmend E-Book

Stephan Opitz

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Beschreibung

Stephan Opitz fordert in seinem Beitrag eine Reformierung der Kulturpolitik: Die konkrete Ausgestaltung von Projektförderungen, institutionelle Förderungen und auf gesetzlicher Grundlage stattfindende Finanzierungen anstatt unverbindliche Gesetze und undefinierte Maßnahmen. Er tritt leidenschaftlich für eine staatliche Förderung jener Produktionsmittel ein, die politisch ermöglicht, aber weniger politisch kontrolliert werden sollten.

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Seitenzahl: 25

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Stephan Opitz Das Große und Ganze – verschwimmend

Über Kunst- und Kulturförderung aus Steuermitteln

Kultur ist – irgendwie – alles. Oder auch nichts. Oder – irgendwie – irgendwas dazwischen. Kulturpolitik steht uneingeschränkt für Kultur und für Kunst schon gar – wer gegen Kulturförderung als Ergebnis von Kulturpolitik ist, ist ein Trottel oder ein Finsterling oder beides zugleich.

Da ist was dran. Kulturpolitik abzulehnen entspräche einer Ablehnung von Gesellschaftspolitik. Und damit einer Verneinung aller anderen Politikfelder. Weder Innen- noch Verteidigungs- noch Wirtschafts- oder Umweltpolitik sind ohne Kultur zu denken. Und Bildungspolitik zumal ist stets Kulturpolitik. Die Kultur ist das diskursive Obersystem einer Gesellschaft, sie ist das am weitesten zu fassende Verständigungssystem einer Gesellschaft über sich selbst. Der Prozess, der diesem Verständigungssystem in jeder Gesellschaft zugrunde liegt, ist eine dynamische Angelegenheit. In und mit ihr ändert sich einerseits im Zweifelsfalle stündlich etwas. Im Verständigungssystem Kultur überdauern Geschichten oder Bauwerke oder Musik oder Bilder andererseits Jahrtausende und Jahrhunderte. Was mit der Frage nach kulturellen Standards, nach Ritualen und Symbolen und den mit allem zusammenhängenden Metaphern sehr eng zu koppeln ist. Welche (zum Beispiel Bildungs-)Systeme bedingen welche kulturellen Standards, welche Rituale gelten innerhalb welcher Gruppen, Regionen, Gesellschaften, welche Symbole tragen das Ganze und machen es erkennbar wie auch vermittelbar, und wie entwickeln die jeweiligen Sprachen jene Metaphern, die ein komplexes Verständigungssystem über sich selbst notwendigerweise zur Verfügung haben sollte? Und welche Rolle spielt in diesem Prozess die Kunst, spielen die Künste, spielen Texte, Bilder, Töne?

Die Kulturpolitik in Deutschland schwankt zwischen Emphase und Resignation, zwischen glanzvoller Selbstdarstellung und glanzlosem Durchwursteln, zwischen Überfluss und Mangel. »Kultur schafft Willkommensräume«, erklärt die Kulturpolitische Gesellschaft am 11. September 2015 per Pressemitteilung in Bonn und textet weiter: »Kultur steht für uns für die humane Identität einer ganzen Gesellschaft. Sie fördert und ermöglicht soziales Miteinander, gesellschaftliche Kommunikation, die Artikulation von Bedürfnissen und Wünschen, die Reflexion von Erfahrungen, die Entfaltung von Empowerment sowie das Denken und Leben in neuen Zusammenhängen. Deshalb wollen und müssen sich Kulturpolitiker, Kulturschaffende und -vermittler in die Gestaltung von menschenwürdigen Lebensbedingungen von Asylsuchenden und Migranten aktiv einbringen. Politik und Verwaltung sind aufgefordert, dies durch unkomplizierte Zugänge, Fördermöglichkeiten und Strukturen zu ermöglichen. Das beeindruckende Engagement vieler Menschen auch im Kulturbereich zeigt, dass eine Willkommenskultur möglich ist und Kunst und Kultur dafür ein Medium sein können.«

Dass Kultur für Kultur (die jetzt mit Willkommen zu tun hat) ein Medium sei, leuchtet ebenso wenig ein, wie die gute Absicht der nominalkompositorischen Formulierung »Willkommenskultur« mehr als deutlich ist. (Ginge es auch eine Nummer kleiner? Was spräche gegen eine Formulierung, die für Freundlichkeit, Bürgersinn und Nächstenliebe beim Empfang der Flüchtlinge wirbt?) Was soll man gegen die Prämisse einer Erklärung der immerhin wichtigsten zivilgesellschaftlichen Vereinigung für Kultur in Deutschland vorbringen, wäre da nicht