Das große Buch vom Auge - Helmut Wilhelm - E-Book

Das große Buch vom Auge E-Book

Helmut Wilhelm

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Beschreibung

Das Auge - Unser Fenster zur Welt

Die Augen sind unser wichtigstes Sinnesorgan und Augenkrankheiten (beziehungsweise schwindende Sehkraft im Alter) spielen für fast jeden Menschen irgendwann eine Rolle. Trotzdem fehlt es den meisten an grundlegendem Wissen: Wann muss man den grauen Star operieren? Was nutzen teure »Premiumlinsen«? Macht Makuladegeneration blind? Welche Leistungen sind sinnvoll?

Prof. Dr. med. Helmut Wilhelm erklärt anhand vieler Fotos, Beispiele und Experimente verständlich und anschaulich, wie das menschliche Auge funktioniert, wie Bilder in unserem Gehirn verarbeitet werden und welche Gefahren es für unser Sehorgan gibt. Der Leser wird so auf den neusten Stand der Wissenschaft gebracht. Gleichzeitig widmet sich das Buch praktisch allen Augenerkrankungen, gibt dem Leser Rat und Mut bei Sehbehinderung und drohender Blindheit und macht ihn zum »mündigen« Patienten, der kompetent und selbstbestimmt bei Therapieentscheidungen und eventuellen Operationen mitreden und -entscheiden kann.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Prof. Dr. med. Helmut Wilhelm

DAS GROSSE BUCH VOM AUGE

Erkrankungen und Behandlungen verständlich erklärt

1. Auflage © 2023 by Südwest Verlag, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81637 MünchenDer Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.Hinweis: Die Ratschläge/Informationen in diesem Buch sind von Autor und Verlag sorgfältig erwogen und geprüft, dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Eine Haftung des Autors beziehungsweise des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.Gender-Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Werk auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörter gelten gleichermaßen für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform beinhaltet also keine Wertung, sondern hat lediglich redaktionelle Gründe.

Projektleitung: Hannes Frisch & Philipp Christ

Lektorat und Korrektorat: Claudia Fritzsche

Bildnachweis

Cover: Bild 1007741728: © Shutterstock.com/ Serg Zastavkin

Autorenfoto und sonstige Bilder: © Helmut Wilhelm

Umschlaggestaltung & Innenlayout: Vera Schlachter (Veruschkamia Grafik & Illustration)

Satz: Uhl + Massopust GmbH

Herstellung: Timo Wenda

ISBN 978-3-641-31108-7V001

www.suedwest-verlag.de

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1 Das Auge im Überblick

Die Augenhöhle, die Wohnung des Auges

Die Optik des Auges: Was sind eigentlich Dioptrien?

Kapitel 2 Baufehler und Serienstreuung: die Sache mit den Brillen

Das Auge ist zu lang: Myopie (Kurzsichtigkeit)

Wenn das Auge zu kurz ist: Hyperopie (Weitsichtigkeit)

Wenn der Autofokus versagt: Presbyopie

Wenn die Hornhaut nicht richtig rund ist: Astigmatismus

Wie wird die Brille bestimmt?

Kontaktlinsen

Zum Augenarzt oder zum Optiker?

Warum wir Blau eigentlich nicht richtig sehen können

Kapitel 3 Was ist eigentlich gutes Sehen?

Die Sehschärfe

Das Gesichtsfeld

Kapitel 4 Auge und Gehirn

Wunderwerk Netzhaut

Sehnerv und Sehbahn – vom Auge zum Gehirn

Die geheimnisvolle Welt der Farben

Das Gehirn, mit dem wir sehen

Wie wir unsere Augen bewegen

Vom Schielen und vom Sehen mit zwei Augen

Die Pupille – Blendenautomatik mit Zusatznutzen

Kapitel 5 Augenkrankheiten: Lider, Bindehaut und Hornhaut

Vorab: die augenärztlichen Instrumente

Die Augenlider – Schutz und Reinigung

Die Bindehaut – verbindet Lider und Augapfel

Trockenes Auge – eine Volkskrankheit

Tränendes Auge – nicht nur beim Weinen

Rotes Auge – wann ist es gefährlich?

Die Hornhaut – die empfindliche Frontlinse des Auges

Augenverletzungen

Refraktive Chirurgie – ohne Brille scharf sehen

Kapitel 6 Augenkrankheiten: Iritis, grüner Star, grauer Star

Die Iris – Regenbogenhaut

Der grüne Star, das Glaukom

Der graue Star, die Katarakt

Kapitel 7 Augenkrankheiten: Netzhaut, Sehnerv und Sehbahn

Der Glaskörper – meistens unsichtbar

Netzhautablösung – reparabler Notfall

Epiretinale Gliose – Fältchen im Auge

Makuladegeneration – Gefahr aus der Tiefe

Retinopathia centralis serosa – die Makula unter Stress

Die Netzhaut am Limit: Durchblutungsstörungen

Krankheiten des Sehnervs – manchmal unsichtbar

Krankheiten der Sehbahn – ein Halbseitenausfall

Ganz schwierige Fälle

Zukunftsvisionen

Kapitel 8 Sehbehinderung und Blindheit

Leben mit Sehbehinderung

Blindheit

Nachwort und Danksagung

Weitere Informationen:

Über den Autor

Register

Vorwort

Vieles an unseren Augen ist faszinierend, aber ein bisschen kompliziert. Manches ist sogar ziemlich kompliziert, sodass nicht einmal Experten alles verstehen. Selbst innerhalb der Augenheilkunde hat man sich spezialisiert, unser Wissen ist einfach so enorm gewachsen, dass niemand mehr alle Bereiche der Augenheilkunde wirklich beherrscht. Das geht mir als Autor genauso. Ich musste viele Kollegen um Rat und Hilfe bitten. Es scheint ein vermessenes Vorhaben, Ihnen das Auge zu erklären, und ich bewundere Sie dafür, dass Sie sich trauen und verstehen wollen, was es mit dem Sehen und seinen Störungen auf sich hat. Ich fürchte, ich werde Ihnen allerhand zumuten. Wir werden immer wieder mal Physik und Mathematik brauchen. Wir – damit meine ich mich und die Kolleginnen und Kollegen, die mich beraten haben – wollen, dass Sie verstehen, wie Sehen funktioniert, und wir wollen Sie mit den Krankheiten des Auges bekannt machen. Ich will aber keineswegs eine Art »Reparaturanleitung« verfassen, im Stil von »Jetzt helfe ich mir selbst«. Mein wichtigstes Ziel ist, Ihnen die Faszination des Sehens verständlich zu machen. Wir möchten Ihnen darüber hinaus helfen, mündige Patienten zu werden. Das ist bitter nötig, denn unsere Medizin ist nicht nur Fürsorge, sondern manchmal auch Geschäft. Sie sind nicht nur Patienten, sondern auch Verbraucher und Kunden. Dabei wollen wir Sie ein wenig beraten. Wir wünschen uns mündige Patienten, wohl wissend, dass zwischen dem mündigen Patienten und dem misstrauischen Besserwisser manchmal nur ein schmaler Grat liegt. Deshalb eine Warnung: Wir wissen selbst auch nicht alles. Was ich schreibe, trifft in vielen Fällen zu, vielleicht aber gerade bei Ihnen eben nicht. Und noch etwas: In dem Moment, wo Sie dieses Buch in den Händen halten, ist das eine oder andere, was drinsteht, schon nicht mehr aktuell, schlimmstenfalls sogar überholt. Unser Buch enthebt unsere Kolleginnen und Kollegen nicht der Pflicht, Ihnen zu erklären, was genau bei Ihnen Sache ist.

Beginnen wir mit einem Überblick.

KAPITEL 1 Das Auge im Überblick

Wir haben zwei Augen, sie unterscheiden sich normalerweise nicht. Sie müssen zusammenarbeiten, was aber nicht immer perfekt gelingt. Beruhigend ist es jedenfalls, nicht erblinden zu müssen, wenn einem Auge etwas zustoßen sollte.

Der Augapfel sieht zum größten Teil weiß aus. Das liegt an der Lederhaut (Sklera), die seine äußere Hülle darstellt. Lederhaut ist ein treffender Name, denn sie ist derb und kräftig. Deshalb ist das Auge nicht leicht zu verletzen. Ein Arzt, der eine Wunde an der Lederhaut näht, merkt, dass er dabei eine gewisse Kraft einsetzen muss. Ich bin mir bewusst, die Vorstellung von Eingriffen und Manipulationen am Auge ist für die meisten Leser gruselig, aber jetzt haben Sie sich einmal darauf eingelassen, nun müssen Sie ab und zu da durch. Augenoperationen werden meistens mikrochirurgisch unter dem Operationsmikroskop durchgeführt, sehr filigran und schonend, es fließt kaum Blut. Von einer weit verbreiteten Horrorvision sollten Sie unbedingt Abschied nehmen: Niemals wird ein Auge herausgenommen, operiert und dann wieder eingesetzt. Man kann ein einmal entferntes Auge weder transplantieren noch wieder einsetzen.

Der Augapfel hat einen Durchmesser von knapp 2,5 cm. Es ist also nur ein Äpfelchen, eher eine Aprikose. Vorne weicht das Auge von seiner Kugelform ab, es wölbt sich eine kleine Kuppel aus der Lederhaut. Dort ist die Lederhaut nicht mehr weiß, sondern durchsichtig. Sie heißt da auch nicht Lederhaut, sondern Hornhaut (Kornea), und man kann darunter die Iris, die Regenbogenhaut, sehen. Das Material der Hornhaut ist dem der Sklera sehr ähnlich, es besteht hauptsächlich aus Kollagenfasern, das sind die kräftigsten Bestandteile unseres Bindegewebes. In der Sklera liegen sie kreuz und quer, während sie in der Hornhaut fein säuberlich geordnet sind. Das bewirkt ihre Durchsichtigkeit. Durchsichtig muss die Hornhaut sein, sie ist schließlich die Frontlinse unserer Augenkamera. (Der Autor fotografiert gern, deshalb werden wir immer wieder einmal Anleihen in der faszinierenden Welt der Fotografie machen.) Die Hornhaut ist mindestens so derb wie die Sklera, aber keineswegs spröde wie das Horn der Fingernägel, und es schilfert sich auch nichts davon ab.

Wir halten fest: Das Auge ist knapp 2,5 cm groß, von einer derben Hülle umgeben, die vorne durchsichtig ist.

Die Iris, die Regenbogenhaut, haben wir schon gesehen. Sie hängt zusammen mit dem Strahlenkörper (Ziliarkörper) und der Aderhaut (Choroidea). Diese drei bilden gemeinsam die zweite Schicht des Auges nach innen. Ihr Sammelname ist Uvea. Dafür gibt es keinen gängigen deutschen Begriff, Uvea bedeutet Traube. Mit einem Weinstock hat die Uvea aber wenig zu tun. Ihre wichtigste Funktion, der vor allem die Aderhaut nachkommt, ist die Blutversorgung des Auges. Das Auge ist ein Energie-Großverbraucher, es verbraucht auf sein Volumen gerechnet mehr als Herz oder Gehirn, deshalb hat es dieses luxuriöse Versorgungssystem. Die Aderhaut ist das blutgefäßreichste Gewebe des Körpers. Ihre Aufgabe ist es auch, die mit hohem Energieverbrauch arbeitenden Sinneszellen zu kühlen. Iris und Ziliarkörper enthalten zudem kleine Muskeln, welche die Pupille und die Linse des Auges bewegen.

Wenn wir durch die Lederhaut ins Auge eindringen, treffen wir zuerst auf die Aderhaut, dann folgt die Netzhaut, die Retina, die direkt auf der Aderhaut liegt, was optimal für ihre Blutversorgung ist. Hinten am Augapfel hängt ein Zipfelchen, von unserer Zeichnerin abgeschnitten, der Sehnerv (Nervus opticus). Er tritt an einer 1,5 mm großen Stelle, der Sehnervpapille, aus dem Auge aus und bildet unsere Datenleitung zum Gehirn. Die Stelle in der Mitte der Netzhaut, am hinteren Augenpol, etwa 5 mm von der Papille entfernt, nennt man Makula. Mit vollem Namen heißt sie Makula lutea, auf Deutsch »gelber Fleck«, weil dieser Bereich tatsächlich ein wenig gelblich aussieht, im Vergleich zum eher rötlichen Rest des Augenhintergrunds. Für dieses Rot ist hauptsächlich das Blut in der Aderhaut verantwortlich, die Netzhaut selbst ist durchsichtig. Die Mitte der Makula heißt Fovea (»Grube«, wird später noch erklärt). Sie ist die einzige Stelle, mit der wir wirklich scharf sehen, und deshalb der wichtigste Ort im Auge.

Schließlich müssen wir noch die Linse erwähnen, die am Ziliarkörper aufgehängt ist. Sie ist das zweite optische Glied des Auges und kann ihre Dicke verändern. Auch davon später mehr.

Zwischen Hornhaut und Linse ist einfach nur Wasser. Allerdings: Einfach nur Wasser gibt es in unserem Körper nicht. Es enthält immer auch Mineralstoffe, u. a. Kochsalz und eine ganze Reihe von Proteinen, Vitaminen und weiteren Bestandteilen. Den Raum zwischen Linse und Netzhaut füllt der Glaskörper aus. Den muss man sich als eine Art durchsichtiges Gelee vorstellen mit einem Außenhäutchen. Er ist an einigen Stellen mit der Netzhaut verwachsen.

Abb. 1: Bauplan des Auges

1 Lederhaut (Sklera) 2 Hornhaut (Kornea) 3 Regenbogenhaut (Iris) 4 Strahlenkörper (Ziliarkörper) 5 Aderhaut (Choroidea) 6 Netzhaut (Retina) 7 Makula und Fovea 8 Sehnerv (Nervus opticus) 9 Augenlinse 10 Glaskörper 11 Bindehaut (Konjunktiva)

Die Augenhöhle, die Wohnung des Auges

Das Auge bewohnt eine Höhle. Diese befindet sich weit oben, damit es den Überblick behält. Außerdem braucht es eine kurze, wenig störanfällige Leitung zum Gehirn, also ist der Kopf der logische Platz für das Auge. Der Kopf darf bei uns aufrecht gehenden Menschen aber nicht zu groß und schwer werden, sonst hätten wir Probleme mit dem Gleichgewicht. Deshalb darf das Auge nicht allzu viel Platz für sich beanspruchen. Der Fachbegriff für Augenhöhle lautet Orbita, das bedeutet auf Deutsch so viel wie »Kreis« und beschreibt die Form des Höhleneingangs. Ein perfekter Kreis ist es allerdings nicht, der größte Durchmesser beträgt gut 4 cm. Die Höhle selbst ist 4–5 cm tief und wird nach hinten immer enger. Ihr Volumen beträgt etwas über 25 cm3; ein Schnapsglas würde sie knapp füllen. Aus dem vorherigen Kapitel kennen wir den Durchmesser des Augapfels, er beträgt 2,5 cm. Rechnen Sie mal sein Volumen aus (wahrscheinlich müssten Sie jetzt nachschlagen, hier ist die Formel: 4/3 × r3 × pi). Wir kommen auf 8 cm3. Üppig Platz hat unser Augapfel in seiner Höhle nicht, da er sich bewegen muss und noch einiges an »Zubehör« unterzubringen ist.

Die Augenhöhle schützt den Augapfel. Die berühmte »Faust aufs Auge« trifft meistens die Kante der Augenhöhle, wodurch die Gewalteinwirkung auf den Augapfel zumindest abgeschwächt wird. Gleiches gilt für den Fußball oder Tennisball, beide sind größer als 5 cm und treffen meist nur die Kante der Augenhöhle. Anders ist es mit einem Golfball oder Squashball, diese passen perfekt durch die Öffnung und können deshalb gewaltigen Schaden am und im Auge anrichten. Völlig hilflos ist unser Augapfel auch in einem solchen Fall nicht, denn es sind weitere Schutzmechanismen vorhanden: Die Augenhöhle ist mit polsterndem Fettgewebe ausgefüllt, das den heftig nach hinten schnellenden Augapfel wie ein Airbag abfängt. Wenn auch das noch nicht reicht, können die Knochen der Augenhöhlenwand nachgeben, bis sie brechen. Das hört sich sehr unangenehm an, hat aber den gleichen Effekt wie eine Knautschzone beim Auto: Die Gewalt eines Stoßes wird abgefangen. Tatsächlich sind die Knochen, welche die Augenhöhle begrenzen, recht dünn und brechen leicht. Die Knautschzone ist also eingeplant. Der Arzt spricht von einer Blowout-Fraktur, ein Begriff, der den unschönen Vorgang sehr schön veranschaulicht. Ein Schaden an der Augenhöhlenwand lässt sich meistens wieder richten, ein Schaden im Inneren des Augapfels hingegen ist viel schwerer zu reparieren.

Eine Blowout-Fraktur eröffnet eine Verbindung zu einem weiteren Höhlensystem, das die Augenhöhle umgibt, ich meine die Nasennebenhöhlen. Nach unten geht es zur Kieferhöhle, nach vorne oben in die Stirnhöhle, nach hinten in die Keilbeinhöhle, und zur Mitte hin liegen die Siebbeinzellen. Die heißen nicht »Höhle«, weil sie aus lauter kleinen Kämmerchen bestehen. Nach oben schließt sich dann schon das Gehirn an, insbesondere der Teil, den wir zum Riechen brauchen.

Die erwähnten Nebenhöhlen sind mit dem Nasenraum verbunden. Folglich haben Keime aus der Nase freien Zutritt. Davor muss sich die Augenhöhle natürlich schützen. Schafft es ein Krankheitserreger, über die Nebenhöhlen in die Augenhöhle zu gelangen, ist dort die Hölle los. Eine bakterielle Entzündung der Augenhöhle ist ein lebensgefährlicher Notfall, kommt aber zum Glück sehr selten vor. Selbst bei einer Fraktur der Augenhöhlenwand bleibt eine schützende Haut erhalten und sperrt Gefährder aus den Nebenhöhlen aus.

Könnten wir uns auf 5 mm Größe schrumpfen und eine leere Orbita betreten, böte sich uns ein durchaus imposantes Höhlenerlebnis. Wenn wir uns durch den immer enger werdenden Höhlengang hindurcharbeiten, treffen wir an dessen Ende auf weitere Höhleneingänge. Zwei davon sind für uns wichtig: die Fissura orbitalis superior und der Sehnervkanal. Fissura orbitalis superior bedeutet »oberer Spalt der Augenhöhle«, ist also kein besonders vielsagender Name, nur eine Beschreibung. Es gibt auch einen unteren Spalt, »inferior«, der ist aber für das Auge nicht so interessant. Durch den »superior« verläuft nämlich ein Großteil der Infrastruktur der Augenhöhle: drei Nerven, welche die Augenmuskeln an das Gehirn ankoppeln, zwei Nerven, die für die Tast-, Druck- und Schmerzempfindung des Auges zuständig sind, eine Vene sowie Nervenfasern, sie sind für die Bewegungen der Pupille und der Augenlinse verantwortlich. Die Fissura orbitalis superior ist ziemlich groß, sie braucht den Platz für die vielen Leitungen. Daneben, zur Mitte hin, findet sich ein sehr enger Kanal, er hat nur 3 mm im Durchmesser (wir kämen kriechend gerade so durch). Das ist der Weg des Sehnervs zum Gehirn. Außerdem muss noch Platz sein für die Arterie, die das Auge mit Blut versorgt. Da wird es also sehr eng.

Abb. 2: Orbita

Der Blick von vorn in die Augenhöhle. K zeigt den Sehnervkanal, F die Fissura orbitalis superior.

Unser Konstrukteur hat geschickt vorgesorgt: Das Auge ist in seiner Höhle einigermaßen gut geschützt, sogar mit Knautschzone, der Sehnerv verläuft in Fettgewebe eingebettet und von einer recht derben Hülle umgeben zu seinem Kanal. Dann muss man sich aber wundern. Warum verläuft der Sehnerv nicht durch die Fissura orbitalis superior? Da wäre reichlich Platz. Der Sehnerv muss zusammen mit der Arterie ausgerechnet durch den 3 mm engen Kanal, wo sie gerade so durchpassen. Damit nicht genug, seine derbe Hülle endet am Eingang zum Kanal, mit dem sie fest verwachsen ist. Der Sehnerv kann in seinem Kanal nicht mehr ausweichen. Muss er auch nicht, im Knochen ist er doch geschützt, könnte man einwenden. Die Knochen unseres Schädels sind aber nicht aus Beton oder Stahl, und selbst bei Beton und Stahl könnte es passieren, dass durch einen heftigen Schlag eine Stoßwelle fortgeleitet wird, die den engen Kanal für Sekundenbruchteile noch mehr verengt. Das kann reichen, um den Sehnerv für immer zu schädigen. Ein weiteres Risiko droht im Schädelinneren, wo der Kanal nach einem knappen Zentimeter endet. Bei einer Gehirnerschütterung kann der Sehnerv dort über die Kanalwand geschert werden. Er ist also sehr gefährdet. In Tübingen sind nicht selten Fahrradstürze für derartige Unglücksfälle verantwortlich, oft natürlich wenn die Radler ohne Helm unterwegs sind.

Und es besteht noch eine weitere Gefahr: Bei etwa 5 % aller Menschen findet man kleine Tumoren der Hirnhaut, sogenannte Meningeome. Die sind an sich gutartig und harmlos, es sei denn, sie beschließen, so zu wachsen, dass sie auf etwas Wichtiges drücken. Wächst ein solches Meningeom im oder in den Sehnervkanal, kann es dort mit minimalem Aufwand maximalen Schaden anrichten.

Das Inventar der Augenhöhle

An jedem Augapfel sind insgesamt sechs Muskeln angebracht, die an ihrem anderen Ende ganz hinten in der Augenhöhle an einer ringförmigen Halterung festgemacht sind. Sie bewegen den Augapfel mit hoher Präzision in die Richtung, in die wir schauen wollen. Warum sechs? Reichen denn nicht vier für rechts, links, rauf, runter? Stellen Sie sich vor, Sie wollen nach rechts oben schauen. Dann stünden Ihre Augen schräg. Die vier vertikalen Muskeln wechseln sich darin ab, das Auge zu heben oder zu senken und gleichzeitig die Verrollung zu korrigieren. Das ist ziemlich kompliziert, aber richtig kompliziert wird es erst, wenn wir uns mit der Zusammenarbeit beider Augen befassen. Doch davon später.

Ganz vorne, oben außen, liegt die Tränendrüse (besser gesagt, eine der Tränendrüsen, denn es gibt auf jeder Seite viele davon, in drei verschiedenen Grundtypen, zahllose davon sind klein und versteckt. Darauf gehen wir beim Thema »Trockenes Auge« ein). Die Drüse ganz vorne oben in der Orbita ist jedenfalls mit Abstand die größte. Von ihr bemerken wir wenig, solange sie nicht entzündet ist. Das kommt nur selten vor, meistens tut sie unauffällig ihre Pflicht, gar nicht so selten tut sie mehr als notwendig, dann tränen uns die Augen.

Die Befestigung des Augapfels in der Augenhöhle

Es darf nicht passieren, dass uns die Augen aus dem Kopf fallen, selbst wenn wir etwas ganz Außergewöhnliches sehen. Die Augen sind gut befestigt. Zunächst einmal ist die Augenhöhle mit einer kräftigen Haut verschlossen, dann kommen davor die Lider, die auf ihrer Rückseite mit einer Schleimhaut überzogen sind. Diese nennt man »Bindehaut«, weil sie sich nämlich zum Augapfel hin fortsetzt und diesen mit den Lidern verbindet. Die Lider besitzen kräftige Muskeln. Das spürt jeder, der einem empfindlichen Patienten Augentropfen geben will: Das Auge kann derart fest verschlossen werden, dass es kaum zu öffnen geht, wenn der Patient das nicht freiwillig tut. Oberlid und Unterlid enthalten außerdem eine Art Knorpel, den man mit dem Finger tasten kann. Er dient als weiterer Schutz für den Augapfel. Die höchste Priorität hat der Schutz der Hornhaut, denn wird diese ernsthaft beschädigt, ist es mit dem scharfen Sehen vorbei.

Deshalb ist die Hornhaut außerordentlich empfindlich. Schon die Berührung mit einem feinen Härchen, das man aus einem Wattetupfer zupft, führt zum sofortigen reflexhaften Zukneifen des Auges. Es lässt sich auf kein Risiko ein. Zusätzlich haben wir noch einen interessanten Reflex: Wenn wir das Auge schließen, wird es nach oben gedreht, um die Hornhaut aus der Schusslinie zu bringen, falls eine Gefahr droht. Man kann das fühlen, wenn man den Zeigefinger bei leichtem Lidschluss auf das Auge legt und dann kräftiger zukneift.

Man kann das Oberlid über den Knorpel umklappen. Das ist besonders nützlich, wenn sich unter dem Oberlid ein Sandkörnchen oder eine Mücke verfangen hat. Das störende Objekt mag nur Bruchteile eines Millimeters groß sein, verursacht aber heftige Beschwerden, wenn es beim Blinzeln über die Hornhaut schrammt. Das geht so: Der Patient sitzt und schaut angestrengt nach unten auf seine Füße. Der Helfer (Rechtshänder) greift mit der linken Hand die Wimpern des Oberlides zwischen Daumen und Zeigefinger und zieht das Lid nach unten. Keine Angst, man kann es nicht abreißen. Dann drückt man sanft ein Wattestäbchen, ersatzweise einen Kugelschreiber oder ein Ästchen, an der oberen Kante des Lidknorpels auf das Lid und klappt es darüber um. Die linke Hand hält weiter die Wimpern fest, die rechte Hand mit dem Wattestäbchen ist jetzt frei und kann die Rückseite des Oberlides abwischen. Hat man kein Wattestäbchen, nimmt man den (sauberen) Finger oder ein Taschentuch. Der Ruf als Wunderheiler ist Ihnen gewiss. Es gelingt allerdings nicht immer, die Gewalt, mit der manche Menschen ihre Augen zukneifen können, ist nicht zu unterschätzen. Auch beruhigendes Zureden ist dann oft vergebens, und Schimpfen hilft erst recht nicht. In diesem Fall kann man versuchen, das Oberlid nach unten über die Wimpern des Unterlides zu ziehen, die dann seine Rückseite wie ein Besen kehren und von dem quälenden Fremdkörper befreien.

Unter das Unterlid zu schauen, ist einfacher. Man muss es nur ein wenig nach unten ziehen, dann blickt man in eine Bindehautfalte, eben die Bindehaut, welche die Rückseite des Unterlides und die Vorderseite des Augapfels überzieht. Sie bildet in der Lidspalte einen Sack. Das ist auch der ideale Platz für Augentropfen.

Die Bindehaut ist durchsichtig, deshalb sieht man die weiße Sklera durchschimmern. Die Hornhaut überzieht sie natürlich nicht, sie ist am Hornhautrand fest angewachsen, sonst aber am Augapfel verschiebbar. Das muss so sein, sonst könnte sich das Auge gar nicht bewegen. Die Bindehaut ist nur in geringem Maß berührungsempfindlich. Man kann das mit einem Wattetupfer vor dem Spiegel testen. Man feuchtet diesen am besten etwas an, dann kann man damit die Bindehaut berühren, ohne dass ein Lidschluss erfolgt. Der ist aber nicht zu vermeiden, wenn Sie der Hornhaut zu nahe kommen.

Abb. 3: Umklappen des Oberlids

1) Der Patient schaut nach unten. 2) Der Helfer fasst das Lid an den Wimpern und zieht es ein wenig nach unten. 3) Er nimmt einen Wattetupfer (es kann auch wie hier ein Kugelschreiber oder ein Ästchen sein) und drückt diesen auf den oberen Bereich des Lides, gerade hinter dem Knorpel. 4) Nun klappt man es um, den Wattetupfer bzw. Kugelschreiber kann man nun wegziehen. Jetzt hat man den Blick auf die Rückseite des Oberlids. Man wischt die Lidrückseite mit dem Wattestächen oder mit dem (vorher gereinigten) Finger ab. Das sollte man auch dann tun, wenn man keinen Fremdkörper sieht. Der Störenfried kann winzig klein und unsichtbar sein. Ob der Eingriff Erfolg hatte, merkt der Patient schnell.

Die Optik des Auges: Was sind eigentlich Dioptrien?

Was liegt näher, als das Auge mit einer zeitgemäßen Digitalkamera zu vergleichen? Die Netzhaut entspricht dem Bildsensor, das USB-Kabel zum Computer wäre der Sehnerv und der Computer selbst das bildverarbeitende Gehirn. Anhand dieses Modells kann man sich vieles veranschaulichen. Eine Kamera braucht ein Objektiv, unser Auge ebenfalls, und damit wollen wir uns jetzt eingehender beschäftigen.

Das Objektiv unseres Auges ist ein Zweilinser. Nur ein Zweilinser? wird der Fotograf sich wundern. Ein gutes Normalobjektiv hat 5–7 Linsen, mit nur zwei Linsen erreicht man niemals eine vernünftige Bildqualität. Der Fotograf hat recht. Mit der Optik unseres Auges ist nicht viel Staat zu machen, aber davon später. Zunächst müssen wir sie erst einmal verstehen.

Aufgabe der Optik ist es, ein Bild auf der Netzhaut zu erzeugen, auf der Fovea muss es genau stimmen, das ist die einzige Stelle, mit der wir wirklich scharf sehen. Ein Punkt in der Ferne, etwa der Fußball am Anstoßkreis gesehen aus der letzten Reihe der Fankurve, muss ein scharfes Pünktchen auf der Netzhaut ergeben. Alle Strahlen, die von diesem Punkt ausgehen, müssen sich genau in der Fovea treffen, damit wir ihn scharf sehen.

Die Frontlinse unseres Zweilinsers ist die Hornhaut, dahinter kommt Wasser und dann folgt die Augenlinse, die einen gewissen Einstellspielraum hat, dahinter sitzt der Glaskörper, der ebenfalls im Wesentlichen aus Wasser besteht. Das ist schon mal ein Unterschied zur Kamera. Dort ist Luft zwischen den einzelnen Linsen, sofern sie denn nicht direkt aufeinandergeklebt sind. Die stärkste Lichtbrechung erfolgt an der Hornhaut, weniger stark wird das Licht beim Übergang vom Kammerwasser zur Linse gebrochen. Um den Strahlengang durch das Auge genau zu verfolgen, bedarf es einer beträchtlichen Kenntnis der Optik und würde uns jetzt überfordern. Man braucht auch nicht zu sehr ins Detail zu gehen. Wir tun so, als bestünde die Optik unseres Auges aus einer einzigen Linse, die ein scharfes Bild auf der Netzhaut erzeugen muss. Damit der Strahl in die Fovea gelangt, muss die Linse ihn umlenken. Dieser Vorgang heißt Lichtbrechung. Der Strahl wird dabei nicht unterbrochen, er ändert nur seine Richtung. Brechkraft nennt man die Stärke, mit der eine Linse einen Lichtstrahl umlenken kann. Die Brechkraft wird in Dioptrien (dpt) gemessen.

Und damit sind wir bei einem Thema, das vielen Menschen, auch Ärzten (Augenärzte vielleicht ausgenommen) Probleme bereitet. Was ist eigentlich eine Dioptrie? Die Dioptrie ist schlicht und einfach ein Längenmaß mit der Einheit 1/m. Die Fahrstrecke bis zur Arbeit in Dioptrien zu messen, ist durchaus möglich, allerdings kommen dabei Zahlen heraus, mit denen sich nur schwer hantieren lässt. 5 km entsprächen 0,0002 dpt, 1:5000 m. Sie könnten aber Ihre Kleidergröße in Dioptrien angeben, Hosenweite 32 (= 80 cm, da in Zoll angegeben) wären dann 1,25 dpt. Probieren Sie es mal beim nächsten Jeanskauf!

Die Brechkraft einer Linse hängt von ihrer Brennweite ab. Suchen Sie sich nun eine Lupe, gehen Sie damit ins Freie und bilden Sie die Sonne ab, wenn sie gerade scheint. Wenn Sie Ihre Hand als Bildebene benutzen (wir raten Ihnen, das besser bleiben zu lassen), werden Sie unmittelbar und schmerzhaft verstehen, warum es »Brenn«weite und »Brenn«punkt heißt. Sie können auch ein wenig trockenes Gras als Bildebene benutzen, dann entfachen Sie ein Feuerchen und beeindrucken damit Ihre Kinder (kontrollieren Sie vorher Ihre Haftpflichtversicherung, die Kinder werden dann nämlich ihre Freunde beeindrucken wollen). Das ist übrigens eine gute Gelegenheit, Ihren Kindern zu erklären, dass und warum man auf keinen Fall in die Sonne (oder andere starke Lichtquellen) schauen darf, sonst spielt sich auf der Netzhaut genau das ab, was Sie gerade am Gras beobachtet haben, und es trifft die einzige Stelle der Netzhaut, mit der wir wirklich scharf sehen. Es würde nicht einmal wehtun, die Netzhaut ist nicht schmerzempfindlich. Schauen Sie deshalb lieber auch nicht direkt auf das Bild der Sonne, das Sie mit der Lupe erzeugt haben.

Zurück zu unserem Experiment: Die Strecke zwischen der Linse und dem gleißend hellen Lichtpunkt, dem Brennpunkt, stellt die Brennweite dar. Und diese Brennweite, Sie ahnen es schon, wird in Dioptrien gemessen. Beträgt sie 10 cm, hat Ihre Lupe 10 dpt (1: 0,1 m), beträgt sie nur 5 cm, sind es 20 dpt (1 : 0,05 m). Sie merken, je kürzer die Brennweite, desto stärker bricht die Lupe (und desto schneller geht es mit dem Feuer) – also je höher die Dioptrienzahl, desto stärker die Brechung. Unsere Hornhaut bringt es auf 43 dpt, die Augenlinse auf 18 dpt. Will man die Gesamtbrechkraft des Auges wissen, addiert man einfach beides: 61 dpt, die Brennweite des Gesamtsystems beträgt deshalb etwa 16–17 mm. Dioptrien vereinfachen uns den Umgang mit der Optik des Auges.

Abb. 4: Normalsichtiges Auge

Strahlengang im normalen Auge. Lichtstrahlen, die von einem unendlich weit entfernten Lichtpunkt ausgehen, etwa von einem Stern, werden genau auf der Netzhaut fokussiert.

KAPITEL 2 Baufehler und Serienstreuung: die Sache mit den Brillen