Das Haus an der Landstraße - Gab Robe - E-Book

Das Haus an der Landstraße E-Book

Gab Robe

0,0

Beschreibung

Willma hat reich geheiratet und sieht es als ihre erste Pflicht an, ihren gesellschaftlich anerkannten Mann immer und überall zu unterstützen. Steama ist ein kleinkrimineller Junkie. Loreen verdient ihr Geld im Escortservice und manchmal auch als Domina. Die drei sitzen zusammen im Sammeltaxi, um mal eben zurück in die Stadt zu fahren. Dass sie vom Fahrer wegen drohender Lenkzeitüberschreitung über Nacht im Haus seines Schwagers einquartiert werden, finden die drei lästig, aber überhaupt nicht unüblich. Bald merken sie, dass das Fehlen einer Türe durch die sie das Haus wieder verlassen können, nicht die einzige Überraschung ist, die das Haus für sie bereithält. Auf sehr unterschiedliche Weise müssen sich die drei mit einigem von dem auseinandersetzen, was bisher in ihren Leben passiert ist. Dass sich darunter auch ein Ereignis verbergen könnte, das sie besonders eng aneinander bindet, kommt keinem der drei in den Sinn.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Das Buch

Willma hat reich geheiratet und sieht es als ihre erste Pflicht an, ihren gesellschaftlich anerkannten Mann immer und überall zu unterstützen.

Steama ist ein kleinkrimineller Junkie.

Loreen verdient ihr Geld im Escortservice und manchmal auch als Domina.

Die drei sitzen zusammen im Sammeltaxi, um mal eben zurück in die Stadt zu fahren. Dass sie vom Fahrer wegen drohender Lenkzeitüberschreitung über Nacht im Haus seines Schwagers einquartiert werden, finden die drei lästig, aber überhaupt nicht unüblich.

Bald merken sie, dass das Fehlen einer Türe durch die sie das Haus wieder verlassen können, nicht die einzige Überraschung ist, die das Haus für sie bereithält. Auf sehr unterschiedliche Weise müssen sich die drei mit einigem von dem auseinandersetzen, was bisher in ihren Leben passiert ist.

Dass sich darunter auch ein Ereignis verbergen könnte, das sie besonders eng aneinander bindet, kommt keinem der drei in den Sinn.

Zwischen den Welten

Dies ist das vierte Buch aus der Reihe „Zwischen den Welten“. Der wesentliche Unterschied zu den drei Vorgängern ist, dass ich erst jetzt gemerkt habe, dass „Zwischen den Welten“ eine gute Überschrift für diese Bücher ist.

Mehr dazu auf http://gabrobe.jimdo.com/

Inhaltsverzeichnis

Sammeltaxi

Zwischenstopp

Neuer Tag, neues…

Haushaltshilfe

Kartoffeln schälen

Es gibt noch andere

Das Studium

Kakao

Banja

Lasso

Zerplatzte Träume

Elisa

Tomatensuppe

Grünkohl mit Mettwürsten

Ein kleiner Ausflug

Feiertag

Willma kommt in Fahrt

Unerwarteter Besuch

Irgendwie geht es immer weiter

Und sonst so?

Sammeltaxi

„So ein Glück, dass ich Sie erwischt habe. Ich war gar nicht darauf eingerichtet, mich selber um meine Rückfahrt kümmern zu müssen.“

Die mehr teuer als geschmackvoll gekleidete Dame nahm auf dem Beifahrersitz des Großraumtaxis Platz.

„Kennen Sie das Musikantenviertel? Meine Adresse lautet Goethestrasse 15. Ja, fangen Sie gar nicht erst an, mir zu erzählen, dass Goethe selbstverständlich ein Schriftsteller und kein Musiker oder Komponist war. Leider hatte bei der Gemeinde irgendjemand eine sehr erhebliche Bildungslücke oder er wollte einfach mal einen Akzent setzen. Ich habe das nie herausgefunden und habe das bestimmte Gefühl, dass ich es auch nicht mehr erfahren werde.“

Sie schaute den Taxifahrer, der den Wagen über die verlassene Landstraße steuerte, von der Seite an.

„Sie sehen gar nicht aus wie ein Taxifahrer. Wohl eine unvorhergesehene Wendung in Ihrem Leben? Oder wie kommt das, dass Sie in einem Anzug arbeiten, der perfekt für einen Opernbesuch geeignet ist? Zumindest wenn man zu den Menschen gehört, die wissen wann man was zu tragen hat. Nicht so wie diese jungen Leute, die vollkommen orientierungslos durch ihr Leben stolpern. Das hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben. Ja, wir waren auch wild, aber immer in geordneten Bahnen. Von uns hat sich keiner so gehen lassen.“

Hinter dem Seitenfenster flog die Landschaft in der aufkommenden Dämmerung vorbei. Gruppen groß gewachsener dunkler Tannen wechselten sich mit hochstehenden Wiesen ab, über denen sich die Feuchtigkeit bereits zu kleinen Dunstwolken vereinte.

„Nun sagen Sie schon. Warum haben Sie so einen eleganten Anzug an? Ich bin mir sicher, dass der Anzug perfekt sitzt. Habe ich Recht? Natürlich habe ich Recht. Ich sehe so etwas. Maßgeschneidert. Keine Frage.“

„Nehmen Sie es einfach als eine Verbeugung Ihnen gegenüber.“

Für den Bruchteil einer Sekunde zog sie missbilligend die Augenbrauen zusammen.

„Also, um das mal festzuhalten: Ich bin froh, Sie überhaupt erwischt zu haben, aber fangen Sie jetzt nicht an, mir zu erzählen, Sie hätten mich an dieser gottverlassenen Kreuzung stehen sehen und sich dann gedacht: Ah, da ist ja eine Dame der gehobenen Gesellschaft. Dann will ich mir mal schnell meinen besten Anzug anziehen. Halten Sie mich nicht für blöd. Halten Sie mich niemals für blöd. Da sind schon ganz andere auf dem Bauch gelandet. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt?“

„Selbstverständlich gnädige Frau. Es liegt mir fern irgendwelche Späße auf Ihre Kosten zu machen. Es ist nur meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich meine Fahrgäste wohl fühlen. Wenn mir dies durch den Anzug gelungen ist, dann ist es mir eine Freude.“

Die Dame warf einen zufriedenen Seitenblick auf den Fahrer. Dass sie so etwas noch einmal erleben würde, hätte sie kaum zu träumen gewagt. Man erlebt doch sonst immer viel zu viele negative Überraschungen und Enttäuschungen.

„Perfekt, guter Mann. Perfekt. Ich frage mich nur, wann diese elende Straße endlich mal zu Ende ist. Sie wissen doch hoffentlich, wo wir sind, und wie Sie fahren müssen? Nehmen Sie es mir nicht übel, aber manche Ihrer Kollegen haben mich schon vollkommen unnötig in der Gegend herumgefahren. Natürlich habe ich denen das Trinkgeld verweigert. Wäre ja noch schöner. Einmal bin ich sogar von einem Griechen gefahren worden. Um politisch korrekt zu sein, stelle ich zunächst gerne fest, dass ich überhaupt nichts gegen Griechen an und für sich habe. Ich habe sogar lange Zeit in Griechenland gelebt und dort sehr korrekte Menschen kennengelernt. Nur dieser Grieche, der mich da chauffiert hat, gehörte bedauerlicherweise nicht zu den korrekten Griechen. Stellen Sie sich nur vor. Der hat über den Funk mit einem Kollegen über mich gesprochen. Auf Griechisch. Er würde da gerade so eine überkandidelte, neureiche Tusse herumfahren. Ja, Sie haben richtig gehört. Er hat mich Tusse genannt. Und dann hat er seinem Kollegen noch mitgeteilt, dass er ein paar Umwege einstreuen würde. Er müsse schließlich auf seine Kosten kommen.“

Als der Fahrer hierzu nichts sagte, erklärte die Dame, dass sie dem Mann dann in perfektem Griechisch ihre Sicht der Dinge dargelegt hätte.

„Am Ende hat er mich umsonst zu meinem Ziel gebracht. Als Gegenleistung habe ich ihn nicht angezeigt. Man muss ja auch mal Mensch sein.“

In Erinnerung an das Erlebnis prüfte die Dame im Spiegel der Sonnenblende, ob ihre Frisur noch korrekt saß.

„Neureich! Als ob ich neureich wäre. Mein Mann blickt auf einen langen Stammbaum einflussreicher und sehr vermögender Vorfahren zurück. Unglaublich. Vielleicht hätte ich ihn doch anzeigen sollen. Wegen Beleidigung. Was meinen Sie?“

Der Fahrer ließ sich Zeit mit der Antwort.

„Manchmal ist der Gang der Welt ein langer ruhiger Strom. Manchmal ist der Gang der Welt ein kleiner zaghafter Bach, der zu versickern droht. Manchmal ist der Gang der Welt ein reißender Strom, der sich seinen Weg mit gewaltigem Getöse durch die Felsen des Gebirges bahnt.“

Routiniert überspielte die Dame, dass sie mit der Antwort überhaupt nichts anfangen konnte: „Sie beeindrucken mich. In Ihnen steckt ja ein richtiger Philosoph. Oder haben Sie das etwa nur aufgesagt und dann vergessen mir mitzuteilen, von wem Sie das haben?“

„Selbstverständlich würde ich mich nie mit fremden Federn schmücken, gnädige Frau. Es kam mir tatsächlich gerade in den Sinn.“

Der Fahrer setzte den Blinker und brachte das Fahrzeug neben einem Anhalter zum Stehen.

„Den wollen Sie doch wohl nicht ernsthaft einpacken?“ wollte die Dame mit unüberhörbarer Missachtung in der Stimme wissen. „Schauen Sie sich nur die abgerissene Kleidung an. Der stinkt bestimmt und am Ende wird er uns noch alle bestehlen. Fahren Sie weiter! Fahren Sie um Gotteswillen weiter!“

Verärgert musste sie feststellen, dass ihre Aufforderung ignoriert wurde. Die Schiebetüre zu den hinteren Sitzen öffnete sich bereits geräuschvoll.

„Cool Alter, dass ich dich hier noch erwische. Ich war schon drauf und dran, mich hier irgendwo in die Büsche zu schlagen und was zum Pennen zu suchen. Ich bin auf dem Weg zu einer Freundin. Im Städtenamen-Viertel. Und weißt du was das Beste ist? Die wohnt in der Moldaustraße. Wo das doch ein Fluss ist. Bescheuert oder?“

„Moldaustraße? Kein Problem. Das liegt sogar auf dem gleichen Weg, den ich für meinen anderen Fahrgast eingeschlagen habe.“

„Cool. Hey, ich bin übrigens Steve-Marc. Du kannst mich aber auch einfach Steama nennen. Haben meine Kumpels erfunden. Denen war Steve-Marc irgendwie zu blöde. Steama find ich selber auch irgendwie lustiger. Kommt vom englischen. Heißt Dampf. Also Steam meine ich.“

„Wir sind nicht blöd junger Mann“, wies ihn die Dame zurecht. „Englischkenntnisse sind in der heutigen Zeit die Grundlage jeglicher Bildung.“

„Upps. Wen hast du dir da denn eingeladen?“ wollte Steama von dem Fahrer wissen. „Die sieht eigentlich eher wie jemand aus, der sich von irgend so einem livrierten Typen im fetten Rolls durch die Gegend kutschieren lässt.“

Erst jetzt musterte Steama den Fahrer genauer.

„Ne, oder? Sach jetzt nich, dass du der Privatfahrer von der guten Frau neben dir bist. Seit wann tragen denn Taxifahrer so einen feinen Fummel?“

„Dieser Herr“, antwortete die Dame anstelle des Fahrers, wobei sie immer noch starr nach vorne schaute, „steht nicht in meinen Diensten und dieses Fahrzeug gehört demzufolge auch nicht mir. Dies ist auch der Grund warum“, sie rang einen Moment mit sich und beschloss dann, dem heruntergekommen jungen Mann das eigentlich selbstverständliche ‚Sie’ zu verweigern. Durch ihre Überlegungen aus dem Redefluss gekommen, räusperte sie sich und setzte neu an. „Um es klar auszudrücken: Dass der gepflegte Herr neben mir nicht in meinen Diensten steht, ist der Grund, dass du überhaupt einsteigen durftest. Sei versichert, dass ich dich hätte stehen lassen, wenn ich die Macht dazu gehabt hätte.“

„Ja, ja. Hab ich schon kapiert. Wobei euer Hochwohlgeboren noch etwas an der flüssigen Rede arbeiten könnte. Die Botschaft jedenfalls, dass Leute wie ich nich ins Weltbild von Madame passen, ist angekommen. Madame kommen höchstens mal auf so ner Charityveranstaltung in die Nähe von Typen wie mir. Da kommt Madame dann mit großem Tamtam kurz vor den Presseleuten an und schaut dann, dass Sie möglichst schnell wieder verschwindet. Hauptsache ein bisschen in die Kamera grinsen.“

„Junger Mann! Was redest du denn da? Das sind große gesellschaftliche Anlässe. Dort nur für ein paar Minuten zu erscheinen, ist der denkbar schlechteste Umgang mit dem Gastgeber, den man sich nur leisten kann. Ein Affront. Aber wem sage ich das? Du hast ja ganz offensichtlich nicht die Bildung und das Format.“

„Was Madame doch für ein gut geschultes Auge haben. Und das, obwohl Madame mich noch nich mal anschauen.“

„Dem einen ist es gegeben. Dem anderen ist es nicht gegeben. Ich gehöre zur ersten Gruppe, du gehörst zur letzteren Gruppe. Arrangiere dich damit.“

Im Scheinwerferlicht tauchte eine Frau auf, die sichtbar bemüht war, sich irgendwie gegen die aufkommende Nachtkälte zu wehren. Als sie näher kamen erkannten sie, dass die Kleidung der Frau aus irgendeinem eng anliegenden, sehr dünnen Stoff bestand.

„Wird das hier eine Gruppenreise gescheiterter Existenzen?“ wollte die Dame wissen, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. „Schauen Sie sich nur diese Stiefel an. Widerlich. Da kann den Leuten ja nur noch billiger Sex in den Kopf kommen. Und dann das Makeup. Nein, nein, nein. Wie kann man nur so die Kontrolle über sein Leben verlieren? Wissen sie was?“ fügte sie flüsternd hinzu. „Das ist eine Nutte.“

„Hallo, danke, dass Sie angehalten haben. Das ist echt das erste Highlight heute. Alles andere ist so schief gegangen, wie es nur schief gehen konnte.“

Anders als erwartet, hatte die junge Frau eine sehr angenehme Stimmlage.

„Falls es keine Umstände macht, am Fischviertel vorbeizufahren? Ich wohne in der Delphingasse 12.“

„Ha!“ ließ sich die Dame vernehmen. „Delphine sind keine Fische. Das sind Säugetiere. Aber so wie du aussiehst, wirst du das nicht wissen.“

Die frisch zugestiegene Frau schien die Belehrung gar nicht mitbekommen zu haben. Sie schaute zu Steama rüber.

„Hi, ich bin Loreen.“

„Steama. Schön, dass unser Fahrer dich aufgegabelt hat. Wie bist du denn in dem Outfit in so einer Gegend gelandet?“

Steama drehte sich zu Loreen hin. Zum einen, weil er sich so besser mit ihr unterhalten konnte und zum anderen, weil er der seltsamen Frau auf dem Beifahrersitz keine Möglichkeit bieten wollte, sich einzumischen.

„Ach“, winkte Loreen ab. „Lange Geschichte. Die muss ich erstmal selber verdauen. Im Moment bin ich einfach nur froh, dass dieser Chaos-Tag scheinbar doch noch ein gutes Ende nimmt.“

„Wie hoch sind die eigentlich?“ Steama deutete auf die Absätze.

„Zwölf so in der Kante.“

„Ich hab das noch nie verstanden, wie man auf so was gehen kann. Du kannst das jedenfalls. Sah überzeugend aus.“

„Danke. Gelernt ist gelernt. Und so hoch ist das mit etwas Übung dann auch wieder nicht.“

„Gelernt ist gelernt? Bist du ein Fotomodel oder so was?“

„Klar. Wir sehen alle so aus, wenn wir privat unterwegs sind“, grinste Loreen, wobei Steama nicht verstand, ob das ein abfälliges oder ein frustriertes Grinsen war.

„Naja, ich dachte, halt nur so. Is mir auch klar, dass es wohl kaum jemanden gibt, der in dem Outfit auf einer einsamen Landstraße rum rennt. Aber darüber willst du ja nich reden. Okay. Hab aber trotzdem deutlich mehr Lust, mich mit dir zu unterhalten, als mit der aufgetakelten Tante da vorne.“

„Deine Tante? Echt?“ Diesmal grinste Loreen eindeutig fröhlich.

„Bloß nich. Man kann sich seine Verwandtschaft zwar nicht aussuchen, aber die ist es glücklicherweise nich. Nee. Die ist auch nur Fahrgast. So wie wir beide. Hält sich aber scheinbar für was Besseres.“

„Zumindest scheint sie Geld zu haben. Ich tippe mal mehr als wir beide zusammen. Oder bist du einer von den Millionären, die lieber in Klamotten mit starken Abnutzungserscheinungen herumlaufen, damit erst gar keiner auf die Idee kommt, dass bei dir irgendwas zu holen ist?“

Steama machte einen gespielt erschrockenen Gesichtsausdruck.

„Woher weißt du das? Du bist tatsächlich die Erste, die meine Tarnung durchschaut. Aber mal ehrlich. Ich bin echt nicht der Anzugtyp. Hab ich schon bei meiner Kommunion nich gemocht. In dem Alter lässt man das ja noch mit sich machen.“

„Und? Womit hast du deine Millionen gemacht?“

„Börse. Ich bin einer von denen, die im Jahr 2000 früh genug ausgestiegen sind.“

„Du verarschst mich“, lachte Loreen, „2000 warst du doch noch gar nicht geschäftsfähig.“

„Danke. Ich nehm das mal als Kompliment.“

„Du spinnst. Wie alt musst du denn sein, wenn du 2000 schon mindestens achtzehn gewesen sein willst? Vierunddreißig! Und eigentlich müsstest du ja noch älter sein. Weil mit ein paar Euro Fünfzig an die Börse gehen und im gleichen Jahr schon die erste Million haben… Naja. Ich habe zwar keine Ahnung davon, aber wäre schon ziemlich ungewöhnlich.“

„Da vorne können Sie übernachten.“

Die unerwartete Ankündigung des Fahrers, der auf ein einsam stehendes großes Haus zeigte, setzte dem Gespräch ein abruptes Ende.

„Ich hatte erwartet, dass Sie durchfahren würden“, kritisierte die Dame. „Auf Übernachten bin ich auch gar nicht eingerichtet. Nein. Das geht nicht. Sie müssen unbedingt weiterfahren. So weit kann das doch auch gar nicht mehr sein. Ich zahle Ihnen gerne das Doppelte. So ein gepflegter und wohlerzogener Mann wie Sie hat das ohnehin verdient.“

„Tut mir leid, gnädige Frau - die Lenkzeiten! Ich bin gezwungen meine Pausen einzuhalten. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Das Haus gehört meinem Schwager. Es ist alles vorbereitet. Es wird Ihnen an nichts fehlen.“

Zwischenstopp

„Also, wenn ihr mich fragt, dann würde ich mal sagen, dass unserer Fahrer uns versetzt hat“, stellte Loreen fest.

„Ich verbitte mir diese vertrauliche Anrede. Mein Name ist Schneider. Es ist nicht zu viel verlangt, wenn du mich mit Frau Schneider ansprichst. Und was deine Aussage zu unserem Fahrer angeht, er wird sicherlich bald zu uns stoßen. Wie soll das denn bitte sonst funktionieren? Schließlich darf man ein vernünftiges Abendessen erwarten. Hier ist weit und breit kein Personal. Er muss also kommen.“

„Frau Schneider.“ Loreen sprach den Namen mit dem Respekt aus, den sich die Dame erhofft hatte.

„Liebe Frau Schneider. Da ich bereits volljährig bin, darf ich von Ihnen erwarten, ebenfalls mit ‚Sie’ angesprochen zu werden. Ich darf mich vorstellen? Loreen Dubois. Ich finde Dubois ist ein ganz wunderbarer, klangvoller Name. Nicht so einfach wie Schneider. Dubois ist schon fast eine Melodie. Finden Sie nicht? Frau Schneider?“

Die Dame brauchte Steamas Kichern nicht, um zu merken, dass sie gerade auf den Arm genommen wurde. Natürlich gelang es ihr trotzdem mühelos Haltung zu waren. Seit sie das Haus betreten hatten, saß sie in dem bequemsten Sessel des Salons. Die Selbstverständlichkeit mit der die beiden gescheiterten Existenzen in dem Haus herumgelaufen waren, konnte sie nicht nachvollziehen. Schließlich war man hier zu Gast. Selbst wenn sich kein Gastgeber zeigte, war das noch lange kein Grund dafür, sich so zu bewegen, als ob einem alles gehören würde. Diese letzte Dreistigkeit von dieser Loreen konnte sie allerdings nicht unbeantwortet lassen.

„Respekt muss man sich verdienen. Und du hast ihn dir nicht verdient. Schau doch einfach mal in den Spiegel. Was für eine primitive sexsüchtige Erscheinung zeigt sich dir da? Lackstiefel, Lackminirock der so kurz ist, dass er den Namen Rock eigentlich gar nicht verdient. Und dann diese unsägliche Korsage. Von dem Schmuck, den du trägst will ich gar nicht erst reden.“

„Wow“, grinste Loreen, „was du für ein gut geschultes Auge hast. Nur in einem Punkt muss ich dich korrigieren. Es ist keine Korsage. Es ist ein ausgewachsenes Korsett. Übrigens maßgeschneidert. Auf Maßgeschneidertes stehst du doch, wenn ich mir den Fummel so anschaue, den du trägst. Nur leider ist dein Schneider einfach nur ein Schneider und kein Modedesigner. Wahrscheinlich dein Mann? Deswegen auch der Nachname?“

„Sofort entschuldigst du dich! Das ist ja wohl das Letzte. Ich muss mich von so einer billigen Nutte nicht so ansprechen lassen!“

„Ooh“, mischte sich jetzt Steama in die Diskussion ein. „Da ist die edle Dame jetzt aber mal richtig in Fahrt gekommen. Respekt. Ich glaube, wir schlottern hier alle schon vor lauter Angst, was jetzt als nächstes kommt.“

„Das wird Konsequenzen haben, junger Mann. Das wird Konsequenzen haben. Erst bekommst du dein Leben nicht in geordnete Bahnen gelenkt und dann musst du auch noch unverschämte Bemerkungen machen, wenn du mal jemandem begegnest, der weiß, wie es funktioniert.“

„Ich weiß ja nicht, wie es euch geht“, wollte Loreen wissen, „aber bevor wir uns hier noch die Köpfe einschlagen, würde ich lieber mal schauen, dass wir was in den Magen bekommen. Wie sieht’s aus? Bin ich die Einzige, die Hunger hat?“

„Essen ist immer gut“, stellte Steama fest, während er sich in seinem Sessel gemütlich zurechtsetzte.

„Wir sind hier zu Gast“, erinnerte Frau Schneider. „Es gehört sich nicht, einfach in die Küche zu gehen. Selbstverständlich werde ich warten, bis sich der Gastgeber zeigt und für uns sorgt.“

Loreen verdrehte die Augen.

„Jetzt lass doch mal diese blöde Nummer Frau Schneider. Selbst du müsstest doch langsam mal merken, dass das hier kein Hotel oder so was ist. Schon alleine die Art, wie wir drei eingesammelt worden sind, war irgendwie… Ich weiß auch nicht. Eigentlich bin ich noch nie in einem Sammeltaxi gefahren, das einfach so die Leute an der Landstraße aufpickt. Davon gehört hab ich schon. Aber wo und wann weiß ich auch wieder nicht. Komisch eigentlich.“

An den Blicken der beiden merkte sie schnell, dass sie keine Antwort erwarten durfte. Sie konnte das sogar gut verstehen. Genaugenommen hatte sie selber nicht so richtig verstanden, was sie hatte sagen wollen.

„Naja. Wie dem auch sei. Ich gehe jetzt jedenfalls in die Küche und schau nach, was sich da regeln lässt.“

„Keine Ahnung wovon die gerade geredet hat“, meinte Steama mehr zu sich, als zu der im Raum verbliebenen Frau Schneider. „Der Fahrer durfte nich mehr weiterfahren und hat uns hier für die Nacht geparkt. Was ist daran so seltsam?“

„Ist ohnehin eine komische Frau“, ergänzte Frau Schneider. „Keine vernünftige Frau läuft in solcher Kleidung herum. Kein Wunder, dass sie sich mit so einer Übernachtung nicht zurechtfindet.“

Keiner der beiden hatte Interesse, noch mehr zu sagen. Also saßen sie einfach schweigend auf ihren Sesseln und starrten die Wand an. Kurz danach schlief Steama ein.

Für Frau Schneider war das die Gelegenheit, ihn das erste Mal in Ruhe zu betrachten. Wie es ihre Art war, machte sie das systematisch. Die Haare trugen die Reste von mehren unprofessionellen Färbungen. Nicht nur das zeugte in ihren Augen von Kontrollverlust. Es war zudem kaum zu übersehen, dass die letzte gewissenhafte Haarwäsche wohl schon einige Zeit zurück lag. Sie konnte sich sogar sehr gut vorstellen, dass die Haare im ganzen erbärmlichen Leben des jungen Mannes noch nie gewaschen oder professionell geschnitten worden waren. Einfach nur grauenhaft.

Der Rest des Kopfes war in keinem besseren Zustand. Überall waren Hautunreinheiten zu erkennen. Der Bartwuchs war lückenhaft und wirkte an den Stellen, an denen sich Haare zeigten, verfilzt.

Dem Shirt, das der junge Mann trug, gab sie höchstens noch ein oder zwei Tage. Dann musste es unausweichlich zu Staub zerfallen.

„Will jemand was zu essen haben? Ich hab Pfannekuchen gemacht.“

Loreens Stimme riss Frau Schneider so überraschend aus der Betrachtung von Steamas Zustand, dass sie erschrocken zusammenzuckte.

„Oh, eine echte Gefühlsregung“, stellte Loreen amüsiert fest. „Endlich mal etwas ohne übertriebene Selbstkontrolle. Ja. Wie sieht es aus? Wir werden die Nacht wohl ohne das von dir so sehr herbeigesehnte Personal auskommen müssen. Pfannekuchen? In der Küche ist ein schöner gemütlicher Tisch. Du musst nur rüber kommen. Ich habe genug Teig gemacht und kann dir gerne einen in die Pfanne schmeißen. Du musst nur sagen, was du drauf haben möchtest.“

Eigentlich lag Frau Schneider schon ein ‚nein danke’ auf der Zunge, aber sie schluckte es herunter und setzte stattdessen ein Lächeln auf.

„Gut. Ich nehme das Angebot an.“

„Tatsächlich? Um ehrlich zu sein, hätte ich damit gar nicht gerechnet. Umso schöner. Dann darf ich dich in die Küche bitten, Frau Schneider.“

„Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal in der Küche gegessen habe. Oder eigentlich doch“, korrigierte sich Frau Schneider, als Loreen den mit angeschmolzenem Käse belegten Pfannekuchen vor sie auf den Tisch stellte.

„Das war bei meiner Großmutter. Sie konnte unglaublich gut kochen. Ich habe nie gesehen, dass sie auch nur einmal in ein Kochbuch geschaut hätte. Ich habe auch nie erlebt, dass sie beim Einkaufen einmal irgendetwas vergessen hätte. Bei ihr sah das immer so unglaublich einfach aus. Bei ihr gab es übrigens auch ab und zu solch einen Pfannenkuchen. Selbstverständlich besser als deiner.“

Frau Schneider benutzte Messer und Gabel, während Loreen ihren Kuchen einfach zusammengerollt hatte und herzhaft in die Rolle biss.

„Deine Oma und die Kochkunst deiner Oma in allen Ehren“, stellte sie um einen freundlichen Tonfall bemüht fest, „an Pfannkuchen kann man allerdings wirklich nicht viel falsch machen. Aber eines wüsste ich schon mal ganz gerne: Warum musst du eigentlich immer so komische Texte produzieren? Du kannst doch einfach sagen: ‚Lecker’ oder ‚hast du gut gemacht, Loreen’. Deine Augen haben dich nämlich verraten. In Wirklichkeit schmeckt es dir genauso gut wie bei deiner Oma.“

Frau Schneider schaute irritiert zu Loreen, legte dann Messer und Gabel sorgsam auf den Teller und stand auf. Loreen schaute ihr dabei genervt zu.

„Was ist so schwer daran, mal einfach jemandem zu sagen, dass er etwas gut gemacht hat? Wenn ich jetzt irgendso eine bescheuertes Strickkostümchen und dicke Perlenohrringe tragen würde, dann hättest du vermutlich nicht so reagiert, sondern in deiner affektierten Art angefangen, mir irgendeine blöde Konversation über den Pfannekuchen an und für sich aufzuzwingen.“

„Wenn du vernünftig gekleidet wärest, würde ich dir in der Tat anders begegnen. So ist das leider unmöglich. Kleider machen Leute.“

„Und den faulen Kern des Apfels erkennst du erst, wenn du ihn aufgeschnitten hast“, fügte Loreen spontan an.

Frau Schneider, die bereits halb auf dem Weg zurück in den Salon war, blieb überrascht stehen.

„Was soll das bitte heißen?“

„Genau das, was ich gesagt habe. Sollte sich doch auch in deinen Kreisen herumgesprochen haben, dass Anzugträger und Edelkostümträgerinnen nicht immer so toll sind, wie sie aussehen.“

„Du stellst ernsthaft in Frage, dass ich einen durch und durch sauberen Charakter mit klaren Wertvorstellungen habe? Jemand, der so aussieht wie du?“

„Gerade jemand, der so aussieht wie ich stellt das in Frage. Was meinst du wieviel stinkreiche Typen zu mir kommen und sich darüber ausheulen, dass ihre frigiden Frauen lieber einen auf Wohltätigkeit machen, statt sich mal um ihren eigenen Mann zu kümmern.“

„Du unverschämte Person. Mein Mann ist ein vielbeschäftigtes, sehr angesehenes Mitglied unserer Gesellschaft. Ohne solche Männer würde hier alles zu Bruch gehen.“

„Ich könnte kotzen, wenn ich so was höre. Wahrscheinlich verdient dein Mann mehr im Monat, als die meisten seiner schlecht bezahlten Beschäftigen in ihrem ganzen Leben. Kannst du mir mal auch nur ansatzweise erklären, warum das richtig sein soll? Bist du ernsthaft der Meinung, der würde auch nur einen Bruchteil dessen erwirtschaften, wenn er selber mal was zusammenbauen oder entwerfen müsste? Stattdessen läuft der von Sitzung zu Sitzung und führt dich ab und zu in die Oper aus, nur um da auch wieder mit anderen wichtigen Menschen zu reden. Und einmal in der Woche kommt er zu Frauen wie mir und ist dabei endlich mal für ein paar Stunden entspannt und glücklich.“