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Maarten Asscher, ehemaliger Verleger, Mitglied im Kulturministerium und Inhaber einer Buchhandlung in Amsterdam, erzählt die Lebensgeschichte seiner jüdischen Großeltern.
Um seiner chronischen Schlaflosigkeit zu entkommen, unternimmt Asscher gedankliche Wanderungen durch das Haus seiner Großeltern in London, in dem er als Kind seine Sommer verbrachte. Mit jeder durchwachten Nacht erinnert er sich genauer: an das von Büchern gesäumte Arbeitszimmer seines Opas, an die immer in Bewegung befindlichen Hände der Oma oder an den kratzsüßen Sirup auf dem Vanilleeis. Doch es bleiben Leerstellen, denn die Vergangenheit der Großeltern ist voller halb erzählter Geschichten. Wie haben sie den Krieg überlebt, waren sie doch in das Durchgangslager Westerbork gebracht worden? Und warum sind sie nach dem Krieg plötzlich nach England gegangen?
Mit einfühlsamem Blick erinnert sich Maarten Asscher an seine jüdischen Großeltern – ein Wechselspiel zwischen liebevollen Details, schwerwiegenden Erkenntnissen und intimen Gedanken.
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Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhalt:
Um seiner chronischen Schlaflosigkeit zu entkommen, unternimmt Maarten Asscher gedankliche Wanderungen durch das Haus seiner Großeltern in London, in dem er als Kind seine Sommer verbrachte. Mit jeder durchwachten Nacht erinnert er sich genauer: an das von Büchern gesäumte Arbeitszimmer seines Opas, an die immer in Bewegung befindlichen Hände der Oma oder an den kratzsüßen Sirup auf dem Vanilleeis. Doch es bleiben Leerstellen, denn die Vergangenheit der jüdischen Großeltern ist voller halb erzählter Geschichten. Wie haben sie den Krieg überlebt, waren sie doch in das Durchgangslager Westerbork gebracht worden? Und warum sind sie nach dem Krieg plötzlich nach England gegangen?
Autor:
Maarten Asscher, geboren 1957 in Alkmaar, studierte Assyriologie und Jura, bevor er sich der Verlagsarbeit und seiner eigenen Tätigkeit als Schriftsteller zuwandte. Als Verleger trug er dazu bei, dass Autoren wie Giorgio Bassani, Marcel Möring, Carlos Fuentes, Primo Levi und Amos Oz in ihrer literarischen Bedeutung in den Niederlanden anerkannt wurden. Er selbst übertrug u. a. Gedichte von Thomas Gry, Paul Valéry und Fernando Pessoa. Von 1998 bis 2003 hatte er ein hohes Amt im niederländischen Ministerium für kulturelle Angelegenheiten inne. Danach war er Geschäftsführer von Athenaeum Boekhandel in Amsterdam, einer der größten unabhängigen Buchhandlungen der Niederlande. Maarten Asscher hat Essays, Erzählungen, Gedichte sowie Romane veröffentlicht.
Maarten Asscher
Roman
Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas
Luchterhand
Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Een huis in Engeland« bei De Bezige Bij.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Das Gedicht »Op het stille strand« / »Am stillen Strand« wurde für diese Ausgabe von Ard Posthuma ins Deutsche übersetzt.
Die Gedichtzeilen, die dem Roman als Motto vorangestellt sind, wurden mit freundlicher Genehmigung von Fitzcarraldo Editions und Literary Matters abgedruckt.
Copyright © der Originalausgabe 2020 Maarten Asscher
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2023
Luchterhand Literaturverlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: buxdesign | München, unter Verwendung eines Motivs von © Ruth Botzenhardt
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-26740-7V001
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Für Erik, et in Arcadia tu
Fiction only triumphs when it fails, when it lets us see the traces of reality.
Alejandro Zambra
Around your small crib, the old woman sings, grow roses and lilies and all pretty things.
Giovanni Pascoli
Seit Langem werde ich früh wach. Zu früh. Wenn ich von Zeit zu Zeit sicherheitshalber den Wecker stelle, bekommt er nie Gelegenheit, das hören zu lassen, wozu er bestimmt ist. Auch wenn ich erst um eins oder um zwei ins Bett gehe statt gegen Mitternacht, werde ich nie später als zwischen fünf und sechs wach, und das unabhängig von den Stunden, die ich mit offenen Augen schlaflos dagelegen habe.
Meiner Mutter zufolge kam ich eine Woche zu spät zur Welt. Kann es etwa sein, dass ich jeden Morgen unbewusst versuche, ein Stückchen dieser gleich am Anfang entstandenen Verzögerung aufzuholen? Mir scheint, dieser Rückstand sollte in den vergangenen Jahrzehnten längst ausgeglichen worden sein. Aber wie erkläre ich meinem Körper, dass er ruhig noch ein wenig länger weiterschlafen darf?
Das Einschlafen am Anfang der Nacht fällt mir im Allgemeinen nicht besonders schwer. Es geht einfach darum, ein paar Minuten still zu liegen und sich höchstens ein- oder zweimal umzudrehen, doch auf das Durchschlafen trifft das nicht zu, geschweige denn auf das Ausschlafen. Sobald der Schlaf weicht – nach höchstens ein paar Stunden – und ein eventueller Traum verflogen ist, ist es vorbei mit der Nachtruhe. Auf Kommando schlafen? Das konnte ich früher nicht und kann es noch immer nicht. Wie schaffen es die Heerführer bloß, sich kurz in die Koje zu legen, um danach mit frischem Mut den Kampf fortzusetzen? Auch von einigen Tierarten ist bekannt, dass sie die benötigte Portion Schlaf in Raten über die Nacht und den Tag verteilen können.
Wenn ich auf dem Rücken liege, ist hinten in meinem Rachen etwas, das mich am ersehnten, regelmäßigen und entspannten Atemholen hindert. Ob sich das wohl wegoperieren ließe? In Seitenlage gelingt es mir buchstäblich nicht, die Augen zu schließen. Meine Lider hören nicht auf zu zucken. So tun, als würde ich völlig entspannt ruhen, bringt nichts; mein Körper lässt sich nichts vormachen. Bei mir fehlt schlicht der Einschlafschalter.
Wohl kommt es ab und zu vor, dass ich erholt aus einem sehr tiefen Schlaf erwache: Na endlich hat es geklappt. Dann aber stellt sich beispielsweise heraus, dass es erst Viertel nach eins ist und ich nicht mehr als anderthalb Stunden geschlafen habe. Statt mich ein paarmal umzudrehen und ganz von selbst wegzudämmern, wie beim Zubettgehen, wälze ich mich endlos hin und her, drehe das Kissen um, zupple behutsam das Bettlaken zurecht, drehe mich noch einmal auf die andere Seite und versuche es erneut, und das alles so, dass der Mensch, der neben mir liegt, möglichst wenig gestört wird.
Jahrelang habe ich mit der frustrierenden Vorstellung gelebt, dass ein Mensch acht Stunden Schlaf braucht, um gesund und fit zu bleiben, ein Drittel von einem Etmal, dessen beide anderen Teile gleichermaßen der Arbeit wie der sogenannten Freizeit vorbehalten sind. Das ist garantiert Unsinn, denn seit Jahrzehnten schaffe ich nicht viel mehr als die Hälfte eines solchen Nachtschlafs, und diese vier, fünf Stunden pro Nacht klaube ich mühsam in zwei oder drei Teilen zusammen.
Der Kern des Problems ist Folgendes: Es gelingt mir einfach nicht, meinen Kopf abzuschalten. Auch – oder gerade – wenn ich mich hinlege, arbeitet er weiter in einer Endlosschleife, es gleicht zwei Mühlsteinen, die sich leer gegeneinander drehen. Wird nichts in Form von Erlebnissen, Eindrücken, Gesprächen oder Lesestoff nachgelegt, dann laufen die beiden Mahlsteine heiß und zerstören sich gegenseitig. Es sei denn, ich springe sofort aus dem Bett. Das mache ich meist, aber nicht immer. Den Arbeitstag um halb sechs beginnen zu lassen, ist machbar. Aber um vier? Oder um drei?
Manchmal bleibe ich liegen, obwohl das ein ebenso hilf- wie hoffnungsloser Zustand ist, in dem die Kette assoziativer Gedanken immer wieder bei denselben unlösbaren, da früher schon ungelösten Fragen landet. Einige davon sind groß (Liebe, Tod, Scheidung, Krankheit, Verlust), andere oft Bagatellen (eine unangenehme Begegnung, ein Fehlkauf, ein scharfer Mailwechsel, eine ungerechtfertigte Rechnung). Wichtig oder nichtig, sobald ich das Bett verlasse, lösen sich diese Fragen schlagartig in Luft auf und der Strom sinn- und nutzloser Grübeleien verflüchtigt sich. Was passiert bloß in liegendem Zustand im menschlichen Gehirn, einem Mahlwerk für die Gedanken, das tagsüber so viel besser den Wünschen des »Haupteigners« gehorcht?
Ich habe versucht, mein Problem zu lösen, indem ich mal den Wecker ignorierte, mal bei weit geöffnetem Fenster schlief, mal am späten Abend keinen Kaffee, Tee oder Alkohol mehr zu mir nahm oder noch einen späten Abendspaziergang machte. Ich habe Baldriantropfen genommen, warme Milch mit Honig getrunken, sogar einen Bananensmoothie ausprobiert. Was man im Internet oder von wohlmeinenden Freunden und Bekannten eben an Tipps bekommt: Bachblüten. Melatonin, Johanniskraut, Kamillentee. Doch nichts half. Nur an chemische Schlaftabletten, an die habe ich mich nie gewagt. Damit würde ich die Kontrolle über mein Bewusstsein abgeben, ohne zu wissen, wann und in welchem Zustand ich es wieder zurückbekäme.
Durchschlafen, das war in meinen Kinderjahren eine Selbstverständlichkeit. Der Rhythmus, tagsüber aktiv zu sein und in der Nacht auszuruhen, verlief mühelos, ganz ohne Nachdenken, eine Art in die Länge gezogenes Ein- und Ausatmen. Und noch besser als in meinem Kinderbett zu Hause schlief ich im Haus von Oa und Oma Roosje, meinen englischen Großeltern väterlicherseits. Ihr Haus stand – es steht zwar noch immer dort, aber das Haus meiner Erinnerung gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr – in Kew in der englischen Grafschaft Surrey, in einem kleinen Vorort von London, Teil der Gemeinde Richmond upon Thames.
Mein eigenes Elternhaus war nie von Dauer. Schon bevor ich in den Kindergarten kam, waren wir zweimal umgezogen. Und es sollte sich noch mehrmals wiederholen, vom Westen der Niederlande über die Mitte in den Osten des Landes, und danach kehrte ich zum Studium wieder in den Westen zurück. Wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme, kann ich eigentlich keine eindeutige Antwort geben. In der Stadt, in der ich geboren wurde, ging ich nicht aufs Gymnasium, und dort, wo ich es besuchte, wohnten wir schon nicht mehr, als ich Abitur machte. Es gibt also kein spezielles Haus, das ich eindeutig als das Haus meiner Kindheit bezeichnen könnte.
Außer dem Haus meiner Großeltern in Kew. Wer weiß, vielleicht schlief ich dort so unfassbar gut, weil ihr Haus immer am gleichen Ort blieb und weil sich dort nie etwas veränderte. Weder die Aufteilung noch die Möbel oder die Bilder, ebenso wenig der Garten oder die nahe gelegenen Royal Botanic Gardens, und vor allem nicht das Gästebett, das Jahr für Jahr während der langen Sommerferien ganz selbstverständlich und unverändert für mich bereitstand. Dieses weiche englische Bett in Kew! Dort zugedeckt zu werden und dann mühelos für den Rest der Nacht – wie man das so nennt – wie ein unschuldiges Kind zu schlafen.
Ich sprach einmal mit meinem jüngeren Bruder Erik über mein Schlafproblem und erzählte ihm von all den Tricks und Mittelchen, die ich im Lauf der Zeit ausprobiert hatte. Wir haben uns dabei prima amüsiert, denn genau genommen ist es ein bisschen lächerlich, mit so etwas Kinderleichtem wie dem Schlafen Probleme zu haben. Irgendwann kam das Gespräch auf unsere Kinderzimmer in den immer wieder anderen Wohnungen, in denen wir aufwuchsen, und auf unsere langen Sommerferien in England, vor inzwischen einem halben Jahrhundert. »Ach ja«, seufzte ich, »wenn ich nur noch einmal in diesem englischen Gästebett in Kew schlafen könnte, wäre ich mit einem Schlag meine Schlafprobleme los.« Daraufhin sagte Erik, er habe etwas für mich. »Nein, nein, keine Pülverchen oder Pillen«, setzte er noch hinzu, als er meinen skeptischen Blick bemerkte, »aber vielleicht bringt es dir was.«
Es ist der 2. Juli, und das Bett steht schon bereit. In England ist wunderbares Wetter, und alles wartet nur noch auf den Besuch aus Holland, so steht es in einem Notizbuch, das Oma Roosje von der ersten bis zur letzten Seite vollgeschrieben hat.
Im Rückblick betrachtet muss es der Sommer gewesen sein, in dem ich mit einer Gruppe sechzehn-, siebzehnjähriger Freiwilliger an einem archäologischen Ausgrabungscamp auf den Weiden des Alblasserwaard teilnahm. Meiner Erinnerung nach stochere ich mehrere Wochen lang mit Gleichaltrigen aus dem ganzen Land im Schlamm herum und muss in der Nacht in einem mickrigen Zelt auf dem Boden schlafen. Tagsüber gießt es mitunter so heftig, dass wir stundenlang in einem Bauwagen hocken und Karten spielen, bis der aufgeweichte Grasbuckel in dem Weideland, wo die Ausgrabung stattfindet, wenigstens wieder annähernd begehbar ist. Am Abend marschieren wir eine halbe Stunde lang durch die triefnassen Wiesen zum Dorf. Dort kann man in der Kneipe eine Flasche Vieux kaufen. Dieser Brandy schmeckt nicht besonders gut – ganz im Gegenteil –, aber ohne ein paar kräftige Züge aus der Flasche gelingt es mir einfach nicht, in einem Zelt auf dem Boden zu schlafen. Nein, dann lieber Kew, dort ist zu der Zeit das wunderbarste Sommerwetter, und das geliebte Haus mit dem großen Garten (und dem weichen englischen Bett) ist für die Ankunft des Feriengasts bestens vorbereitet.
Es ist ein seltsames Gefühl, so viele Jahre später in Omas Aufzeichnungen einen Bericht über mir so vertraute englische Ferienwochen zu lesen, in denen ich aber nicht vorkomme, obwohl der beschriebene Aufenthalt in jeder Hinsicht mit der Erinnerung an meine eigenen Erlebnisse übereinstimmt. Viele Jahre lang habe ich als Kind ein bis drei Wochen der »großen Ferien« in Kew verbracht. Auch darüber muss es solche Aufzeichnungen geben, aber ob die noch erhalten sind?
Wie auch immer, für mich war damit jedenfalls 1974 Schluss, und nun war mein jüngerer Bruder an der Reihe, dort verwöhnt wie ein König Ferien machen zu dürfen. Die täglichen, mit Omas Füllfederhalter in weit ausholender königsblauer Schrift niedergeschriebenen Berichte, die jede Seite bis zum Rand füllen, lassen alles wie von Zauberhand wiederauferstehen. In Gedanken sehe ich sie im Erker ihres Zimmers im oberen Stockwerk am Schreibtisch sitzen, wie sie nach dem Abendbrot das eigens für diesen Zweck erworbene Ferientagebuch aufschlägt und nach ihrem dicken grünen Füller greift.
Am nächsten Tag kommt Erik um halb zwei in der heiß geliebten Adresse 34 Pensford Avenue an, nachdem Oa ihn mit dem Rover am Flughafen Heathrow abgeholt hat. Als Erstes setzen sich die drei zum warmen lunch an den Tisch. Beim Essen erzählt Oa alles Mögliche über das, was Oma Roosje »fotografische Technik« nennt. Am Nachmittag machen sie einen Spaziergang in den Gardens, am Abend gibt es zum supper etwas, das der Bericht begeistert als »köstlichen Leckerbissen« beschreibt, nämlich Matjes, die mein kleiner Bruder in Silberpapier eingewickelt mitgebracht hat. Für Oma, die in den Vorkriegsjahren in Scheveningen nur wenige Schritte vom Meer entfernt wohnte, ist das ein ihr besonders teures Souvenir, eine holländische Delikatesse, die in England nirgendwo aufzutreiben ist.
In den darauffolgenden Sommerwochen geht es ins Freibad von Richmond, im Garten werden Äpfel und Pflaumen aufgelesen, Himbeeren gepflückt und tagtäglich sind die Vögel aus den Obstbäumen zu verjagen, sonst gibt es nichts zu ernten. Das Ferientagebuch erzählt von verschiedenen Verwandtenbesuchen, und wenn es regnet, werden alte Urlaubsfilme vorgeführt. Damit die Stunden an einem grauen Tag angenehm vergehen, gibt es im Fernsehen immer einen Jacques-Cousteau-Unterwasserfilm zu sehen oder ein Sportturnier, obwohl die Wimbledon-Finale in diesem Jahr schon vorbei sind. Mit Oa geht Erik ins Science Museum und in den Lensbury Club, er bekommt Zeichenunterricht, und mit Oma gibt es die regelmäßigen Spaziergänge in den weitläufigen botanischen Parkanlagen von Kew zu den bekannten Highlights: dem Seerosenteich, der Orangerie, dem Bambusgarten, den Steingärten, der Pagode und dem buddhistischen Tempel, dem Rhododendrontal und den Gewächshäusern.
Im Sommer fällt im Garten viel Arbeit an, bei der Erik mithelfen darf, und so steht auch er damals – genau wie ich – mit beiden Beinen in der Erde, er allerdings angenehm von der englischen Sommersonne beschienen. Zu dritt machen sie einen Tagesausflug nach Windsor Castle und Eton, um dort spazieren zu gehen und sich umzusehen. Mein kleiner Bruder bekommt einen Kassettenrekorder geschenkt (obwohl er zu der Zeit gar nicht Geburtstag hat), mit dem er sich bestens amüsiert. Beim Musikhören in Oas Arbeitszimmer kann er jetzt auch selbst Tonaufnahmen machen.
»Es war gut, dass wir heute nicht zum Tower gegangen sind«, schreibt Oma am 17. Juli, »denn es gab dort einen Bombenanschlag mit vielen Verletzten, lauter Touristen. Wir werden von nun an alle public places meiden.« Stattdessen geht sie mit Erik zu einem Familiengeburtstag, wozu Großvater natürlich absolut keine Lust hat, deshalb wird in dem Ferienbericht sehr diplomatisch festgehalten, dass Oa »mit dem Außenanstrich weitermacht«.
Eines Tages gibt es laut Omas Aufzeichnungen am Küchentisch eine Diskussion zwischen den Großeltern über den Bedeutungsunterschied der niederländischen Wörter zoel und zwoel. Im Geiste höre ich, wie die Worte wohlvertraut hin- und herfliegen, wobei Oa bei jeder Runde seinen Standpunkt noch ein wenig lauter wiederholt.
»Es heißt zwoel, nicht zoel.«
»O nein, man sagt zoel. Zwoel ist was ganz anderes.«
»Zwoel.«
»Glaub mir, es ist zoel. Zoel bedeutet lind, zwoel bedeutet schwül. Das sind zwei Paar Schuhe.«
»Zwoel!«
»Echt, du verwechselst die zwei Wörter.«
»ZWOEL.«
»Zoel – st-st-st-hèh!«
»ZWOEL!«
Der Streit wird mithilfe eines aus der oberen Etage geholten Wörterbuchs geschlichtet, aber im Tagebucheintrag wird nicht festgehalten, wer recht hatte. Ich habe so einen Verdacht.
Die Nachrichten geben Oma mitunter Anlass zu düsteren Gedanken: »Die Türken marschieren in Zypern auf, und das Wort invasion macht mir immer Angst, egal wo es fällt.« Ihre eigenen Erinnerungen an die Besatzungsjahre in den Niederlanden klingen in dem nach, was sie über die Gefechte um die zypriotische Hauptstadt Nikosia schreibt. Und dann sind da die troubles at home. Nach zwei Bombenanschlägen der IRA in Heathrow, mit beträchtlichen materiellen Schäden, seufzt sie: »Ich begreife wirklich nicht, warum sie die Iren nicht gehen lassen.«
Im Großen und Ganzen klingt das alles nach den üblichen unbeschwerten Ferien, mit gelegentlichen Ausflügen und Spaziergängen und immer wieder ein paar schönen Stunden in den eigenen vier Wänden. »So vergehen die Tage wie im Flug«, schreibt Oma, oder: »Außerdem ein paarmal Bombenalarm, ansonsten ein wunderbarer Tag.« Darin merkt man einen Hauch der keep calm & carry on-Mentalität, für die die Engländer seit Ewigkeiten berühmt sind.
»Mittags um halb eins Lunch«, heißt es einige Tage später in dem Bericht. Sie erwähnt »Bavaroise mit Sahne« als Nachtisch. Anschließend bekommt Erik Matheunterricht von Oa. »Es ist so schön für Oa, jemanden zu haben, der sich für Mathematik interessiert«, schreibt Oma Roosje. »Was das angeht, hätte er es mit mir nicht schlechter treffen können. Ich hatte schon Probleme mit dem ersten Axiom und war der Meinung, dass durch zwei Punkte viel mehr als nur eine Linie gehen könnte. Einfach alle übereinander weg. Der Lehrer sagte: ›Aber dann sieht man doch nur eine einzige?‹ Worauf ich antwortete, dass ich das auch nicht ändern könne.« Der Schalk in ihren Augen, mit denen sie diese Art von Ignoranz vorspielt, verrät ihre Überzeugung, dass Mathematiker und Ingenieure noch so klug sein können, sie aber, wenn sie ehrlich ist, den ganzen Formelkram gar nicht braucht.
Am letzten Tag der dreiwöchigen Ferien in Kew machen Oma Roosje und Erik noch einmal einen sonnigen Morgenspaziergang in den Royal Botanic Gardens. »Wir haben es beide genossen, auf der kleinen Bank am Seerosenteich zu sitzen«, schreibt sie an diesem Abend auf der letzten Seite des Notizhefts, »wo ich nächste Woche wieder allein sitzen werde. Für einen Penny gehe ich oft dorthin, um ein bisschen zu verschnaufen, away from it all.« Auf dem Rückweg kaufen sie Scones zum Nachmittagstee, wie immer mit homemade Marmelade von Himbeeren oder Pflaumen aus dem eigenen Garten.
Während ich das alles, dank meines Bruders, der mir dieses vollgeschriebene Ferienbuch geliehen hat, lese, kann ich einen Anflug von Eifersucht nicht verkneifen. Dass Erik dort drei Wochen lang allein im Paradies sein durfte! Ich weiß: Mein Neid ist lächerlich, vor allem nach so langer Zeit. Damals hatte ich schon an die fünfzehn dieser langen Sommerferien in Kew hinter mir – oft allein, manchmal zu zweit –, und es hat mir an nichts gefehlt. Außerdem erlebte ich während ebenjenes Sommers die schönste Zeit meines Lebens, dort im archäologischen Morast des holländischen Ackerlands, wo wir Scherben der mehr als viertausend Jahre alten Glockenbecherkultur aus dem Erdreich gruben und dabei den Kiefer eines prähistorischen Elchs im Schlamm fanden, mit nächtlichen Trinkgelagen und flüchtigen Techtelmechteln in den Zelten oder in der großen Bauernscheune auf dem Gelände. Wie niedergeschlagen war unsere ganze Ausgräbertruppe nach dem verlorenen Fußball-WM-Finale Niederlande gegen Deutschland, welches wir, geduckt auf einer niedrigen, den nassen Hunden vorbehaltenen Bank des Bauernhofs sitzend, alle zusammen sehen durften, und wie unvergesslich haben wir unsere Enttäuschung in einem historischen Fress-, Trink- und Tanzgelage bewältigt. Und doch: Offenbar habe ich mich so sehr mit der 34 Pensford Avenue identifiziert, dass ich die ganze Welt dieses Hauses und dieses Gartens als etwas strikt Persönliches zu sehen begann, als ein Paradies, das ganz allein mir gehört und das – am allerwichtigsten – niemals hätte verloren gehen dürfen.
Dieses dünne Ferienheft meiner Oma enthält eine Fassung der prägendsten Kindheitserinnerungen, die irgendwo in meinem Herzen und in meinem Kopf hausen. Statt kleinlicher Eifersucht nachzuhängen – halte ich mir vor –, sollte ich mir lieber überlegen, was ich mit meinen eigenen Erinnerungen anfange. Mit anderen Worten: Sollte dieses innere Kindheitsparadies womöglich noch erreichbar sein, könnte ich es mir vielleicht noch einmal heraufbeschwören? Ich sollte aufhören, meine Schlaflosigkeit mit Mittelchen, Pülverchen oder anderen Kniffen und Tricks zu bekämpfen, und lieber während der vielen schlaflosen Stunden versuchen, meine vergessenen Erinnerungen an Kew an die Oberfläche zu holen, sie auf die Innenseite meiner Lider zu projizieren. Wer weiß, vielleicht lässt sich in diesem über alles geliebten englischen Haus der unbesorgte Schlaf wiederfinden, den ich im späteren Leben verloren habe.
Wenn ich im Bett auf dem Rücken liege und die Augen öffne, ist das Erste, was ich im Dunkel erkennen kann, die Zimmerdecke meines Schlafzimmers. Aber wenn ich sie danach wieder schließe, sehe ich die Decke des großen Gästezimmers im oberen Stockwerk, auf der Rückseite der 34 Pensford Avenue. Ich liege im rechten von zwei altmodischen Holzbetten, die nebeneinanderstehen, mit den Kopfteilen an der Wand, die ans Schlafzimmer meiner Großeltern grenzt. Das linke Bett ist leer, denn selbst wenn mein kleiner Bruder mitkommt, schläft er in dem kleinen Gästezimmer zur Straße hin. Drehe ich den Kopf nach rechts, schaue ich auf die Tür, die zum Korridor führt. Drehe ich den Kopf nach links, sehe ich ein Doppelfenster, dessen Oberlicht Richtung Garten zeigt. Direkt vor mir, am Bettende, befindet sich rechts vom Kamin das Waschbecken, schräg davor ein rot bezogener Stuhl, auf den ich abends meine Kleider lege. Links vom Kamin sind zwei eingebaute Kleiderschränke.
Das obere Paneel der hohen Tür zum Flur ist aus Opakglas mit einem unregelmäßigen Muster. Damit sollen neugierige Blicke durch das Glas verhindert werden, zumindest von dem Moment an, in dem man groß genug ist, das zu tun. Wenn Oma mich abends zugedeckt, mir mit einem geflüsterten God bless you einen Kuss auf die Stirn gedrückt und zur Besiegelung eine Hand daraufgelegt hat, danach das Gästezimmer verlassen und die Tür leise hinter sich zugezogen hat, kann ich nur wegen dieses Milchglasfensters mit seinem wirbelnden Muster das Licht im Flur ausgehen sehen. Es gelingt mir nicht, in den Mattglasriffelungen eine Regelmäßigkeit zu entdecken, und wenn ich es zum x-ten Mal versuche, überwältigt mich der Schlaf meist von selbst.
Rundherum hängt an allen Wänden dieses Zimmers – außer über dem Waschbecken, wo ein Spiegel angebracht ist – auf Augenhöhe eine Serie japanischer Druckgrafiken in dunklen Holzrahmen. Diese Grafiken müssen sich voneinander unterschieden haben, doch wenn ich nun, ein halbes Jahrhundert später, versuche, sie mir genau vorzustellen, sehen alle gleich aus – zwei Figuren in einem Haus mit einem großen Fenster, das Aussicht auf eine ferne Landschaft bietet. Alle Drucke haben dasselbe DIN-A4-Format, und alle sind schwarz, dunkelblau und fahlrot auf einem beigen Untergrund. In die Gemälde unten im Wohnzimmer kann ich mich gewissermaßen leicht »hineinversetzen«, und ich bin in jede dieser gemalten Szenen ausgiebig eingetaucht. Doch die japanischen Blätter im Gästezimmer betrachte ich ausschließlich von Weitem. Sie wollen nicht näherkommen, und sie reagieren ganz und gar nicht auf meinen Blick.
Das Gästezimmer liegt direkt über der Küche und zum Teil auch über dem boiler room. Wenn ich aus dem Bett aufstehe und zum Fenster gehe, kann ich nicht nur in den Garten meiner Großeltern, sondern auch in den der Nachbarn schauen, der bei Weitem nicht so schön ist wie unserer. Der einzige Kontakt mit den Nachbarn besteht darin, dass sich Oa über das Geschrei der Kinder von nebenan ärgert. Er ist sehr verstimmt, wenn es gelegentlich vorkommt, dass der Ball, mit dem sie gerade spielen, über den Zaun hinweg in unseren Blumenrabatten landet. Daheim in Holland gibt es in unserer Straße, nur ein paar Häuser weiter, einen Mann, der manchmal mit dem Brotmesser hinter seiner Haustür steht und darauf wartet, einen Ball, der versehentlich in seinen kleinen Garten gerät, kaputt zu stechen. So schlimm ist es bei Oa zum Glück nicht.
Es ist eine seltsame Vorstellung, dass auch meine Mutter und mein Vater in diesen beiden Betten geschlafen haben. Bin ich je mit meinen Eltern in Kew gewesen? Ich kann mich nicht daran erinnern. Umgekehrt übernachten auch meine Großeltern nie bei uns. Wenn sie ab und an ein paar Tage im Land sind, meist auf der Durchreise von Italien oder der Schweiz nach London, bleiben sie immer in einem Hotel in der Nähe. Meine Eltern und meine Großeltern leben in zwei sehr verschiedenen Welten, aber ich fühle mich in beiden Welten voll und ganz zu Hause.
Auf dem Boden des Gästezimmers liegt ein roter Teppich aus Filz, darüber ein loser Läufer. Am Waschbecken gibt es eine Aussparung für eine Badematte, die ruhig ein bisschen nass werden darf, wenn ich mich dort wasche. Schritte sind in diesem Zimmer nicht zu hören. Im Bett liegend kann ich spätabends noch ein wenig den Geräuschen des Hauses lauschen: etwas, das in der Ferne abgeschaltet wird oder anspringt, ein Lichtschalter, der umgedreht wird, etwas näher das Rauschen von fließendem Wasser und mitunter im Gang jemand, der vorbeiläuft. Es klingt nicht wie Schritte, eher wie das vage Rascheln einer flüchtigen Anwesenheit jenseits der Tür.
Ein Geräusch, das zu hören ist, sobald ich mich in Gedanken in diesem Gästebett auf dem Rücken ausstrecke, sind die Flugzeuge im Sinkflug, auf dem Weg nach Heathrow. Wenn der Wind aus einer bestimmten Richtung weht und besonders wenn das Oberlicht in heißen Sommernächten geöffnet ist, vernehme ich alle paar Minuten das anschwellende Heulen eines heranrasenden Passagierjets. Gelegentlich springe ich noch kurz aus dem Bett, um nachzusehen, ob ich nach dem Gehör den Flugzeugtyp richtig erraten habe: eine Caravelle, eine DC-8, die verlängerte Version davon, oder eine DC-9?
Manchmal ist es schon dunkel, wenn ich zwischen den Vorhängen und dem kühlen Glas am Fenster stehe. In England sieht man viel mehr Sterne als zu Hause; sie leuchten auf, sobald sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Ab und zu blinkt etwas, oder ein kleines Licht schiebt sich durch die Schwärze. Ein Komet, oder vielleicht einfach ein Satellit … oder ein sehr hoch fliegendes Flugzeug.
In den Jahren, als wir noch nicht allein reisen können, werden mein kleiner Bruder und ich nach dem Einchecken in Schiphol von meinen Eltern einer Stewardess übergeben. Sie nimmt uns unter ihre Fittiche, führt uns an der langen Schlange wartender Passagiere entlang am Zoll vorbei und begleitet uns bis zur Flugzeugtreppe. Dort steht eine weitere dieser Stewardessen, die uns mit ins Flugzeug nimmt. Wenn ich allein den Kanal überfliege, fühle ich mich wegen dieser Begleitperson als etwas ganz Besonderes. Von meinem Flugzeugsitz winke ich mit einem eigens mitgenommenen weißen Taschentuch am ovalen Fensterchen noch meinen Eltern zu, die auf der Besucherterrasse der Abflughalle mit dem gleichen weißen Taschentuch für den letzten Abschiedsgruß bereitstehen. Sobald das Flugzeug zu rollen beginnt, bin ich der Gnade der blau uniformierten Stewardess ausgeliefert. Sie setzt sich neben mich, schließt meinen Sicherheitsgurt, und ich bekomme schon vor dem Abheben Pfefferminzbonbons für meine Ohren, und später Limonade, die ich mit einem Strohhalm in kleinen Schlucken trinke. Das hilft tatsächlich.
Die Stewardess sieht streng aus, ist es aber nicht, und sie riecht sehr, sehr gut. Um den Hals hat sie ein Nickytuch gebunden, sie trägt Ohrringe, und ihre Lippen sind so rot, dass ich ständig hinsehen muss. Allerdings fällt es schwer, während des Flugs die Übelkeit zu unterdrücken. Vor allem sobald es in den Sinkflug geht, stellt sich die große Frage, ob wir schnell genug festen Boden erreichen, denn dann ist das schwindlige Gefühl in meinem Bauch schnell wieder verschwunden.
Nachdem wir am Flughafen meinen Koffer wiedergefunden haben, gehe ich mit einer Stewardess durch den Zoll, und an den Türen zur Ankunftshalle übergibt sie mich meinen Großeltern. Das Wiedersehen ist jedes Mal ein Fest. Die Stewardess verabschiedet sich und winkt mir noch nach, als würden wir uns seit Jahren kennen. Oa nimmt meinen Koffer, und ich gehe Hand in Hand mit Oma Roosje den ewig langen Weg zum Auto. Danach fahren wir zu der vertrauten Adresse in Kew. Sobald wir auf der linken Seite in die Straße einbiegen, fühle ich mich eindeutig in England. Ich bin nämlich ein Linkshänder, und deshalb gehöre ich auch ein bisschen nach England. Leider müssen wir in der Schule mit rechts schreiben.
Angesichts dieser Assoziationen mit dem Flug nach Heathrow hören sich für mich die Flugzeuge über der Pensford Avenue angenehm und beruhigend an. Vielleicht denke ich im Halbschlaf darüber nach, wie ich noch ein bisschen näher zu der Stewardess hinrutschen könnte, doch wegen der Flugzeuggeräusche, an die ich denken muss, schweifen meine Gedanken zu den Reklamefliegern von früher über dem sommerlichen Strand von Bergen aan Zee ab. Mit einer sandigen Hand über den Augen versuche ich vom Badehandtuch aus, den Punkt mit dem langen Schweif dahinter am Himmel zu erspähen, doch das Licht ist zu grell, die Sonne zu heiß oder der Himmel zu weit, und so sinke ich wieder auf mein eigenhändig glatt gestrichenes Sandbett zurück und schließe die Augen. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals, das ist mir auch am Nordseestrand liegend immer bewusst, leben meine Großeltern. Manchmal scheint man fern am Horizont gerade noch ein schmales Streifchen Land zu erkennen. Dort, auf der anderen Seite des Wassers, steht das Haus in der 34 Pensford Avenue, Kew, Surrey, England. Sogar die Postleitzahl der geliebten Adresse weiß ich noch auswendig: tw94hp.
Jetzt wäre ich doch beinahe richtig eingeschlafen.
Eines Tages fahren wir in Großvaters dunkelblauem Rover mit dem glänzenden weißen Dach auf einer breiten Ringstraße durch einen Vorort von London. Wie üblich sitzen mein kleiner Bruder und ich hinten, in den tiefen Ledersitzen der Rückbank versunken. Zwischen uns die heruntergeklappte Armlehne, auf der wir uns immer beide mit dem Ellbogen abstützen wollen.
Wie aus dem Nichts sagt Oa plötzlich: »Hier war es. Hier bin ich geboren.«
Befremdet schnellen wir auf und drehen unsere kurz geschorenen Köpfe in alle Richtungen. Durch das Rückfenster sehen wir zu beiden Seiten der Straße Reihenhäuser. Der vierspurige Stadtring scheint mitten durch die Straße verlegt zu sein, in der Oas Geburtshaus stand. Dort wurde er am 5. September 1895 geboren. Den Ort haben wir inzwischen schon ein ganzes Stück hinter uns gelassen.
Viel später erst sollte ich erfahren, und zwar nicht von Oa, dass sein Vater ein nichtjüdisches Mädchen hatte heiraten wollen. Doch mein Ururgroßvater wollte seinen Segen nicht geben. Die beiden Liebenden flüchteten nach Schottland, wo man 1894 auch ohne elterliche Zustimmung heiraten durfte. Ein Jahr später entspross dieser eigenmächtigen Verbindung Benjamin Asschers mit Elisabeth Bree mein in London geborener Großvater.
Obwohl Oa in England geboren wurde, lebten Oma Roosje und er viele Jahre lang zusammen in den Niederlanden. Allerdings vor dem Krieg, deshalb wurden ihre drei Kinder auch dort geboren. Warum sie inzwischen schon so lange in England wohnen? Auf jeden Fall deutet alles darauf hin, dass sich Oa im Land seiner Geburt voll und ganz zu Hause fühlt. Mit einem aufgesetzten, platt-englischen Akzent singt er manchmal: Maybe it’s because it’s because I’m a Londoner / That I love London so-ooo. Folgerichtig ist er auch ziemlich stolz darauf, dass er sein Leben lang neben der niederländischen auch die britische Staatsangehörigkeit besaß.
Zum Glück war in Kew nie Krieg. Als die Deutschen versuchten, England zu erobern, hat Churchill sie mit seinen Flugzeugen verjagt. Die deutsche Besatzung spielte sich anderswo ab, in Europa, und auch in den Niederlanden. In dem Haus in der Pensford Avenue sind, zumindest scheint es so, von der gesamten Kriegszeit keinerlei Spuren zu finden, und wenn diese Zeit überhaupt einmal erwähnt wird, was höchst selten passiert, scheint dort alles wesentlich länger zurückzuliegen als zu Hause.
