Das Herz von Irland - Denise Deegan - E-Book

Das Herz von Irland E-Book

Denise Deegan

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Beschreibung

Wo das Schicksal wundersame Wege geht: Der bewegende Sammelband »Das Herz von Irland« jetzt als eBook bei dotbooks. Sanfte grüne Hügel, sturmumtoste Klippen voll wilder Romantik und Herzen, die im gleichen Takt schlagen ... Seit ihr Mann nicht mehr bei ihr ist, fühlt sich Kate wie im freien Fall. Erst zurück in ihrer Heimat Irland findet sie wieder zu sich – aber darf sie den zarten Gefühlen, die sie plötzlich für den undurchsichtigen New Yorker Matt hegt, wirklich trauen? Louisa liebt ihren Freund und ihren kleinen Blumenladen in Dublin über alles. Doch dann erkrankt Rory schwer und selbst nach der Genesung ist er nicht mehr derselbe wie vorher – können sie ihre Liebe noch retten? Unterdessen nimmt die Schriftstellerin Carol Baxter sich eine Auszeit bei ihrer Tante in Irland. Doch warum lässt diese einen Fremden bei sich wohnen – und welches Geheimnis verbirgt der attraktive Künstler Patrick, der immer ganz für sich bleibt? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der gefühlvolle Sammelband »Das Herz von Irland« enthält die Romane »Das Lied von Irland« von Liz Balfour, »Sommerwind in Irland« von Denise Deegan und»Irische Träume« von Susan Hastings. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 1412

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses Buch:

Sanfte grüne Hügel, sturmumtoste Klippen voll wilder Romantik und Herzen, die im gleichen Takt schlagen ... Seit ihr Mann nicht mehr bei ihr ist, fühlt sich Kate wie im freien Fall. Erst zurück in ihrer Heimat Irland findet sie wieder zu sich – aber darf sie den zarten Gefühlen, die sie plötzlich für den undurchsichtigen New Yorker Matt hegt, wirklich trauen? Louisa liebt ihren Freund und ihren kleinen Blumenladen in Dublin über alles. Doch dann erkrankt Rory schwer und selbst nach der Genesung ist er nicht mehr derselbe wie vorher – können sie ihre Liebe noch retten? Unterdessen nimmt die Schriftstellerin Carol Baxter sich eine Auszeit bei ihrer Tante in Irland. Doch warum lässt diese einen Fremden bei sich wohnen – und welches Geheimnis verbirgt der attraktive Künstler Patrick, der immer ganz für sich bleibt?

Eine Übersicht über die Autorinnen finden Sie am Ende dieses eBooks.

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Sammelband-Originalausgabe August 2023

Copyright © der Sammelband-Originalausgabe 2023 dotbooks GmbH, München

Einen Rechtenachweis über die einzelnen Bücher finden Sie am Ende dieses eBooks.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Benjamin B, Phil Darby, Jes2u.photo, Tamara Kulikova, Fab_1

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)

ISBN 978-3-98690-758-7

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Liz Balfour, Denise Deegan und Susan Hastings

Das Herz von Irland

Drei Romane in einem eBook

dotbooks.

Liz BalfourDas Lied von Irland

Wie lange können wir vor den Schatten unserer Vergangenheit davonlaufen? – Das große Glück, es ist so flüchtig: Seit ihr Mann bei einem Unfall gestorben ist, fühlt sich Kate wie im freien Fall. Um wieder zurück ins Leben zu finden, kehrt die junge Frau in ihren Heimatort an der irischen Küste zurück. Hier wird sie mit offenen Armen von ihrer Familie empfangen, von ihrer Jugendliebe Sam – und von Emma, ihrer Schulfreundin, die sie so lange nicht gesehen hat. Gemeinsam knüpfen die beiden Frauen an vergangene Zeiten an, doch Kate spürt, dass etwas schwer auf Emmas Seele lastet. Kann sie ihr dabei helfen, das Unsagbare zu überwinden – oder gibt es Wahrheiten, die besser niemals ausgesprochen werden?

»Liz Balfour versprüht so viel irischen Charme, dass ich am liebsten meine Koffer packen würde! Hier stimmt einfach alles: die Szenerie, die Figuren, der Schreibstil.« herzgedanke.de

Ein Brief

Liebe Kate,

ich hab mich wahnsinnig gefreut, dich nach so langer Zeit wiederzusehen! Weißt du, wie ich dich gefunden habe? Ich werde es dir sagen, aber du musst noch etwas Geduld haben. Erst will ich dir noch so vieles erzählen ... Lass es mich der Reihe nach tun. Ich will, dass du mich verstehst. Du wirst mir wahrscheinlich nie verzeihen können. Aber ich will dir wenigstens beweisen, dass ich keine Sekunde vorhatte, dir wehzutun. Warum musste es trotzdem so kommen? Wie konnte alles nur so entsetzlich schiefgehen?

Dabei hatte ich dich immer im Herzen behalten. Du warst meine beste Freundin seit meiner Geburt, und ich sollte nie wieder eine Freundin wie dich finden. Es klingt vielleicht albern, weil wir nur Kinder waren. Aber du warst und bist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich hätte nie zulassen dürfen, dass wir uns aus den Augen verlieren.

Kapitel 1

Es war einer dieser Tage, an denen die Luft so warm ist, dass man glaubt, sie anfassen zu können. Sie streicht wie Seide über die Haut und umschließt den ganzen Körper. An einem dieser Tage, an denen sich der Himmel unendlich blau über dem Meer spannt, saß ich auf der Mauer, die den Friedhof der St. Multose Church umgab. Ich hatte die Augen geschlossen, um nicht mehr zu weinen. Um mich herum die Musik der kleinen Stadt: Stimmen, Motoren, Möwen, in der Ferne das Meer. Aber dass ich das Meer so deutlich hörte, konnte nur Einbildung sein. Ich stellte es mir vor, weil es mich vom Weinen ablenkte. Und während ich mich darauf konzentrierte, fragte jemand: »Bist du okay?«

Die Stimme fügte sich so selbstverständlich in die Klänge der Umgebung ein, dass ich nicht erschrak. Ich brauchte sogar einen Moment, bis ich merkte, dass ich gemeint war.

Als ich mich umdrehte, sah ich in ein schönes Gesicht mit großen grünen Augen. Er war ungefähr in meinem Alter, lächelte vorsichtig, schob sich seine etwas zu langen dunklen Locken aus der Stirn. »Sorry, ich wollte nicht stören, aber ich dachte ...«

»Alles in Ordnung«, sagte ich.

»Sicher? Ich meine, weil du ...«

»Danke fürs Nachfragen«, fiel ich ihm ins Wort. »Ich komm schon klar.« Er sollte einfach nur gehen, aber er blieb stehen. In beiden Händen trug er volle Einkaufstüten.

»Ist jemand ...«, begann er.

»Meine Großmutter«, sagte ich.

»Mein Beileid.« Sein Blick wanderte von mir zur Kirche. »War heute ...«

»Ja«, sagte ich schnell. »Heute.« Ich atmete tief ein, um nicht wieder loszuheulen.

»Das tut mir leid«, sagte er. »Wirklich. Ich dachte nur, vielleicht ...« Er zögerte, sah sich um, blinzelte gegen die Nachmittagssonne. »Wo sind die anderen? Deine Familie? Freunde?«

»Vorgegangen.« Ich biss mir auf die Unterlippe.

»Verstehe.«

Es klang, als ob er wirklich verstand. Dass ich noch nicht zurück ins Haus meiner Großmutter gehen konnte. Dass ich noch Zeit für mich allein brauchte. Er setzte sich einfach neben mich auf die Mauer und stellte seine Tüten ab.

»Erzähl mir von ihr. Wie hieß sie?«

»Margaret.«

»Wie alt ist sie geworden?«

»Siebzig.«

Er nickte stumm.

»Margaret war immer ... Sie wirkte immer irgendwie heiter, auf eine ruhige Art. Ausgeglichen. Und sie war immer in Bewegung. Sie lebte auch gesund. Niemand hat damit gerechnet, dass sie einfach so einen Herzinfarkt bekommt.«

»Also ganz plötzlich und unerwartet«, sagte er.

»Ich konnte mich nicht mal verabschieden. Als ich sie zuletzt gesehen habe, war sie wie immer. Und vier Tage später ...« Ich schluckte. »Sie hat mich großgezogen.«

»Was ist mit deinen Eltern? Waren sie viel unterwegs?«

»Meine Mutter ist gestorben, als ich zwölf war. Und meinen Vater habe ich nie kennengelernt.« Ich sah hinüber zur Kirche. Die St Multose Church war anglikanisch und gehörte zur Church of Ireland. Die Größe des Gebäudes täuschte: Nicht mal zum Weihnachtsgottesdienst waren alle Plätze gefüllt. Die meisten Iren waren katholisch. Das galt auch für das County Cork. Meine Familie war die Ausnahme gewesen. »Protestantisch und dazu noch ein uneheliches Kind ... So bin ich in Cork aufgewachsen. Mutter dachte wohl, dass sie es in einer Großstadt leichter haben würde.«

»Hatte sie es dort leichter?«

Ich hob die Schultern. »Ich war noch so jung.«

»Und dann bist du mit zwölf wieder nach Kinsale gekommen?«

»Ja, ich zog zu meiner Großmutter. Es war okay, weil ich immer die Ferien bei ihr verbracht und sie oft besucht hatte. Nach der Schule auszuziehen, um in Cork zu studieren, ist mir wirklich schwergefallen.« Ich lachte leise. »Am Anfang bin ich jedes Wochenende nach Hause gefahren. Habe ich nach Hause gesagt? Also, zu ihr.« Warum sprach ich so lange mit ihm? Warum erzählte ich ihm das alles? Es waren so persönliche, fast schon intime Dinge, und doch erschien es mir ganz natürlich, mit ihm darüber zu reden. Er stellte die richtigen Fragen. Ich verstand, dass es genau das war, worüber ich in diesem Moment reden wollte. Ich war ihm dankbar dafür, wie aufmerksam er mir zuhörte.

»Nach Hause«, wiederholte er. »Das klingt aber doch richtig. Oder etwa nicht?«

Ich dachte nach. »Dann habe ich heute mein Zuhause verloren.« Ich bedauerte, dass Margaret und ich unser letztes Beisammensein mit Gesprächen über Nichtigkeiten verschwendet hatten, und wünschte nichts mehr, als die Zeit zurückdrehen zu können. Auch das erzählte ich ihm.

»Dann dreh die Zeit zurück«, sagte er, und ich sah ihn verständnislos an. »Ja, los, lass sie uns gemeinsam zurückdrehen. Du bestimmst, wohin die Reise geht, und ich komme widerspruchslos überallhin mit. Was ist? Möchtest du mich nicht deiner Großmutter vorstellen?«

»Findest du das etwa passend, sich an einem Tag wie diesem über mich lustig zu machen?« Ich stand kopfschüttelnd auf. Doch bevor ich weggehen konnte, hatte er nach meinem Arm gegriffen. Ich schüttelte ihn ab und ging weiter.

»Warte!«, rief er mir nach. »Du hast mich falsch verstanden!«

»Ach ja?«

»Ich wollte nur, dass du mir von ihr erzählst.« Er lief mir quer über den Friedhof hinterher. »Ich sehe doch, wie traurig du bist. Und ... ich dachte, vielleicht hilft es dir, wenn du dich daran erinnerst, wie schön die Zeit mit ihr war.«

Ich schwieg und wartete ab, was er noch zu sagen hatte.

»Na ja, und deshalb ... Also, dafür könntest du doch mit mir auf eine Art Zeitreise gehen.«

Ich drehte mich zu ihm um und schaute wieder in seine grünen Augen in dem sonnengebräunten Gesicht. Er sah ernsthaft erschüttert aus. Ich nickte langsam und ging zurück zur Mauer, wo seine Tüten standen.

»Also gut. Aber erst ... Wie heißt du eigentlich?«

Er setzte sich wieder neben mich. »Brian Richardson.«

»Brian Richardson aus Kinsale.«

»Dublin. Ich bin gerade auf Elternbesuch.«

»Und deine Eltern sitzen zu Hause und warten darauf, dass du ihnen etwas zum Abendessen bringst?« Ich zeigte auf seine Einkäufe.

»Meine Eltern sitzen zu Hause und warten darauf, dass ich mir selbst Essen besorge, weil sie nie etwas im Haus haben, das ich mag. Sie ernähren sich nur von Toast, Baked Beans aus der Dose und Tee. Kommt mir jedenfalls so vor.« Er lächelte, und ich war überrascht von der Wärme, die aus seinem Blick sprach. Er hatte etwas Tröstliches. »Wie heißt du?«

»Kate Riley.«

»Kate Riley aus Cork.«

Ich nickte. »In Kinsale werde ich jetzt nicht mehr so oft ...« Und die Tränen kamen wieder.

Brian räusperte sich, vielleicht weil er nicht wusste, wie er reagieren solle. Doch dann sagte er: »Ich weiß. Du brauchst eine kleine Stärkung. Etwas für den Blutzuckerspiegel.« Er griff in eine seiner Tüten und hielt mir eine Dose Cola hin. »Ich hätte außerdem noch ein bisschen Salat im Angebot. Käse, Milch, Zwiebeln, Tomaten, was für eine Mischung. Warte mal, was hab ich denn da gekauft ... Ah, Knäckebrot. In Dublin esse ich nie Knäckebrot. Nur bei meinen Eltern. Äpfel sind hier noch ... War schon irgendwas dabei, das dich überzeugt hat?«

Jetzt musste ich lachen. Ich wischte mir die Tränen von den Wangen und sah ihn neugierig an. »Du musst dich ganz schön langweilen, wenn du lieber einer Fremden beim Heulen zusiehst, als nach Hause zu gehen.«

»Du hast mich durchschaut«, sagte er. »Es ist der langweiligste Ort auf der ganzen Welt. Deshalb musst du mich retten. Erzählst du mir was Schönes von deiner Großmutter?«

Ich zögerte.

»Weißt du«, fuhr er eifrig fort, »ich denke immer, wenn ich mal tot bin, dann will ich nicht, dass alle herumstehen und weinen. Sie sollen an die guten Zeiten denken und daran, wie viel Spaß sie mit mir hatten, und sich darüber freuen! Würdest du denn wollen, dass alle deinetwegen heulen und unglücklich sind?«

»Ich hab noch nie darüber nachgedacht.«

»Glaub mir. Das willst du nicht. Würde es deine Großmutter wollen?«

Jetzt lächelte ich. »Wohl nicht.«

»Dann mal los.«

Und ja, es funktionierte: Ich redete und redete, bis die Luft kühler und das Licht wärmer geworden waren. Die ganze schöne Zeit, die ich bei Margaret in Kinsale verbracht hatte, kam zurück und versöhnte mich ein wenig mit dem Schicksal. Ich dachte, was für ein gutes Leben sie gehabt hatte, und ich war dankbar, dass sie vor ihrem Tod nicht leiden musste. Wir, die wir zurückbleiben, spüren den Schmerz des Verlustes, aber die Toten haben Ruhe und Frieden. Wir beweinen, was sie alles verpassen, und wir beweinen, was wir mit ihnen versäumt haben, als noch Zeit gewesen wäre. Über all das sprach ich mit Brian, als kannten wir uns schon seit Ewigkeiten. Die Welt um uns herum schien zu versinken. Obwohl die Kirche im Zentrum von Kinsale lag, hatte ich das Gefühl, weit weg auf einer einsamen Insel zu sein. Dann bemerkte ich, dass er einen verstohlenen Blick auf die Kirchturmuhr warf: Fast zwei Stunden waren vergangen.

»Entschuldige, ich hab dich schon viel zu lange aufgehalten. Ich glaube, ich gehe jetzt besser«, sagte ich schnell. »Bestimmt vermissen dich deine Eltern schon. Und meine Familie wird sich auch fragen, wo ich stecke.«

Sie waren alle in Großmutters Haus: Onkel Ralph und seine Frau Mary, meine Cousine Sophie, ein paar entfernte Verwandte, von denen ich noch nie gehört hatte, Nachbarn, Freunde von Margaret. Sie würden bis in die Nacht hinein bleiben, einige auch bis morgen, und wenn es sein musste, noch ein paar Tage, damit ich nicht allein war. Trotzdem war ich noch nicht so weit. Ich konnte nicht zurück in das Haus. Ihr Haus, in dem ich sechs Jahre lang mit ihr gelebt hatte, bis ich zum Studium vor drei Jahren ausgezogen war. Es war mir lange Zeit als der schönste Ort auf der Welt vorgekommen. Ein blau gestrichenes hübsches Häuschen am Hang. Vom Fenster meines Zimmers aus hatte ich den Yachthafen sehen können. Hinterm Haus hatte Margaret einen Blumengarten angelegt, in dem es im Sommer herrlich duftete. Was würde nun daraus werden? Aus den Blumen, dem Garten, dem Haus?

Brian schien zu spüren, wie schwer mir der Gang fiel.

»Weißt du was, ich bring dich hin«, sagte er.

»Und was ist mit deinen Einkäufen?«

Er deutete mit dem Kinn in Richtung Market Square. »Machen wir einen kleinen Umweg? Es ist nicht weit bis zu meinen Eltern. Und ich verspreche dir, du musst nicht mit reinkommen.«

Onkel Ralph war wie die meisten anderen schon ziemlich betrunken. Er umarmte Brian wie einen alten Freund, zog ihn ins Haus und versorgte ihn mit Anekdoten über seine Mutter, meine Großmutter. »Tolle Frau. Ganz tolle Frau«, wiederholte er, sooft man ihn ließ. Brian zwinkerte mir zu, ließ sich zu einem Bier überreden, und als Ralph nach einer guten halben Stunde ein neues Opfer für seine Geschichten gefunden hatte, schlichen wir uns nach draußen, um uns in Ruhe voneinander zu verabschieden. Es war bereits dunkel geworden. Einen Moment standen wir verlegen voreinander. Ich lächelte schüchtern.

»Alles Gute«, sagte er schließlich. »Und immer auf Zeitreise gehen, wenn du traurig wirst. Immer die schönen Tage besuchen.«

»Danke. Ich ... ich hab mich sehr gefreut, dich kennenzulernen.«

Er nickte, druckste herum.

Ich wusste ebenfalls nicht, was ich sagen sollte.

»Also dann«, murmelte er.

»Ja, also ...«, stammelte ich.

»Bis ... irgendwann, oder so.« Es ging ein Ruck durch seinen Körper, als müsste er sich mit Gewalt losreißen. Er nickte mir knapp zu, schob die Hände in die Hosentaschen und ging eilig weg.

Am nächsten Tag hatte er mir einen Brief eingeworfen:

Liebe Kate,

ich dachte, ich gebe dir mal meine Telefonnummer. Nicht dass du sie brachen würdest. Vielleicht willst du sie nicht mal. Aber für den Fall, dass du mir irgendwann erzählen willst, wie es dir geht ...

Hier ist sie.

Darunter hatte er sehr deutlich seine Nummer notiert und mit einem B. unterschrieben.

Es folgte noch ein PS: Der Typ vom Friedhof.

Und darunter ein PPS: Der mit den Einkaufstüten.

Einen Monat später wurden wir ein Paar, und ich wusste, dass ich die große Liebe gefunden hatte. Sie sollte fünfzehn Jahre lang halten.

Kapitel 2

Fünfzehn Jahre und vier Monate später war es kein Friedhof in Kinsale, sondern die Keltische See, auf die eine Jacht von Cobh aus hinausfuhr, und als seine Asche über dem Meer verstreut wurde, verstand ich endlich, dass ich mich von Brian für immer verabschieden musste. Ich war siebenunddreißig Jahre alt und hatte nun zum dritten Mal den wichtigsten Menschen in meinem Leben verloren. Erst meine Mutter, dann meine Großmutter und jetzt Brian. Immer den Menschen, bei dem ich mich nach dem Verlust eines anderen aufgehoben gefühlt hatte. Und wieder hatte ich mich nicht verabschieden können, wieder quälten mich Selbstvorwürfe, weil wir so viel Zeit mit Banalitäten verschwendet hatten. Ich wusste nicht einmal mehr, wann ich ihm zuletzt gesagt hatte, dass ich ihn liebte. Wie hatte das passieren können? Wie hatte unsere Liebe Alltag werden können?

Ich versuchte es mit der Zeitreise wie damals nach der Beerdigung von Margaret. Ich wollte mich zwingen, an die schönen Momente zu denken und dafür dankbar zu sein. Aber diesmal klappte es nicht. Ohne Brian funktionierte es einfach nicht. Meine Gedanken wanderten immer zurück zu dem Tag, an dem er gestorben war – nur einen Monat nach seinem vierzigsten Geburtstag.

Wieder und wieder sah ich, wie ich morgens aufstand, duschte, frühstückte, mich auf den Weg ins Büro machte. Ich ließ Brian schlafen, er hatte mir gesagt, dass er erst am frühen Nachmittag einen Termin hatte. Wie so oft in den letzten Wochen hoffte er, endlich einen neuen Job zu finden. Für mich war es ein belangloser Tag, ich hatte im Büro wenig zu tun, traf mich nach der Arbeit mit Sophie auf einen Kaffee, fuhr nach Hause. Brian war nicht da, aber auch das war nicht ungewöhnlich. Vielleicht war er noch beim Sport oder bei Freunden. Er würde sich melden. Also machte ich mir etwas zu essen, schaltete den Fernseher an, surfte dabei im Internet und schlief ziemlich früh auf der Couch ein.

Ein Klopfen weckte mich. Brian, dachte ich und sah auf die Uhr. Gleich eins. Wahrscheinlich war er im Pub gewesen und hatte den Schlüssel vergessen. Es wäre nicht das erste Mal. Es klopfte wieder, diesmal lauter und drängender. Ich sprang auf und eilte durch den Flur. »Ja, Brian, ich komm ja schon«, rief ich. Dann öffnete ich die Tür. Davor standen zwei Gardaí. Als ich die Uniformen sah, wusste ich sofort, dass etwas Schreckliches passiert war. Ich weiß noch, wie ich statt einer Begrüßung sagte: »O Gott, ihm ist etwas zugestoßen!« Und an ihren Blicken erkannte ich, dass ich recht hatte.

Sie brachten mich zu ihm ins Krankenhaus, damit ich ihn identifizierte. Sie sagten, man hätte alles versucht, um ihn zu retten, aber es sei zu spät gewesen. Die regennasse Straße, die abgefahrenen Autoreifen, die Kurve in der Dunkelheit zu schnell genommen, und definitiv war zu viel Alkohol im Spiel gewesen.

Ein einziger Gedanke schoss mir durch den Kopf: Warum habe nicht ich das Auto genommen? Warum bin ich mit dem Bus gefahren? Er würde bestimmt noch leben, wenn ich ihm nicht das Auto gelassen hätte. Ich wusste doch, dass er es nicht so genau nahm und nach drei, vier Gläsern Bier noch fuhr. »Ich kenn doch den Weg nach Hause«, hatte er immer gesagt, wenn ich ihm deshalb Vorwürfe machte. »Ich kenn den Weg zu dir.«

Die Stunden bis zum Morgengrauen erlebte ich in einem Zustand, als würde ich durch dichten grauen Nebel irren. Als die Polizisten wiederkamen, teilten sie mir mit, dass Brian schwer alkoholisiert gewesen war. Er hatte in einem Pub in Blarney getrunken, allein, wie man ermittelt hatte. Niemand dort hatte gewusst, dass er mit dem Wagen unterwegs war, sonst hätte man ihm den Schlüssel abgenommen, wurde mir versichert. Nach wenigen Kilometern hatte er den Unfall gehabt.

Was sie mir sagten, verwirrte mich noch mehr, denn es ergab überhaupt keinen Sinn. Ich war davon ausgegangen, dass er ein Vorstellungsgespräch in der Nähe des Flughafens gehabt hatte. Ich hatte damit gerechnet, dass er mit Freunden irgendwo in Cork etwas trinken ging. Aber Blarney? Ich verstand nicht, was er dort gemacht hatte.

Ich kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken. Ich musste funktionieren. Familie und Freunde benachrichtigen. Die Beisetzung organisieren. Versicherungen informieren. Papiere unterschreiben. Natürlich hatte ich Menschen, die mir halfen. Aber den wichtigsten in meinem Leben hatte ich verloren. Während der ersten drei oder vier Wochen nach seinem Tod wachte ich jede Nacht mehrmals auf, weil meine Hand nach ihm suchte und ihn nicht fand.

Die Bestattung war der schlimmste Moment für mich. Schlimmer noch, als die Nachricht von seinem Tod zu erhalten, schlimmer auch, als ihn identifizieren zu müssen und schreckliche Gewissheit zu erlangen, dass es wirklich Brian gewesen war, den man in der kalten Novembernacht aus dem Autowrack geborgen hatte. Stundenlang hatten seine Eltern auf mich eingeredet, um mich von der Seebestattung zu überzeugen, die er sich gewünscht hätte, wie sie mir versicherten. Ich konnte zunächst den Gedanken nicht ertragen, kein richtiges Grab zu haben, an dem ich um ihn trauern konnte.

»Er hätte kein Grab gewollt«, sagte sein Vater, und ich konnte dem nichts entgegensetzen. Brian und ich hatten nie über den Tod gesprochen. Nie über unseren eigenen. Außer an dem Tag unseres Kennenlernens. Da hatte Brian mir gesagt, wie er in Erinnerung bleiben wollte. Genau diesen Wunsch konnte ich ihm aber nicht erfüllen, denn meine Gedanken schafften es nicht, zu einem der schönen Tage vorzudringen. Noch nicht.

»H. G. Wells hatte eine Seebestattung«, erklärte mir mein Schwiegervater. Brians Lieblingsschriftsteller. Der Autor seines Lieblingsbuchs, das die Vorlage zu seinem Lieblingsfilm war: Die Zeitmaschine. Darüber hingegen hatten wir oft gesprochen. Von seinem Traum, durch die Zeiten reisen zu können. Dabei war es nicht so sehr die Zukunft, die ihn reizte, eher die Vergangenheit. Teilhaben am Glück eines Forschers, der endlich die Formel für ein lebensrettendes Medikament fand. Dabei sein, wenn neue Tierarten entdeckt wurden. Den ersten Momenten einer großen Liebe beiwohnen. So stellte er sich seine Zeitreisen vor. Bald steckte er mich damit an.

Obwohl das nicht ganz stimmte. Es war kein Funke, der übersprang. Es war mehr eine Gewohnheit, die ich von ihm übernahm. Nächtelang hatten wir gemeinsam herumgesponnen, welchen Moment wir gerne miterleben würden. Das Literaturstudium half mir, um auf neue Ideen zu kommen. Als er mich für meine fantasievollen Vorschläge bewunderte, schlug ich ihm vor, mehr zu lesen. Das lehnte er rundweg ab.

»Nicht lesen, erleben«, sagte er dann.

»Lesen ist eine Zeitreise im Kopf, nichts anderes als das, was du dir immer wünschst.«

»Nein, ich wünsche mir, körperlich dort zu sein. Wenn ich nur darüber lese, deprimiert mich das.«

Genau so war Brian. Wunderbar seltsam auf seine Art. Sein Bücherregal hatte sich seit der Schulzeit nicht nennenswert erweitert, meine Bemühungen prallten an ihm ab. Wenn ich ihm ein Buch schenkte, ließ er es manchmal wochenlang unangetastet neben dem Bett liegen, natürlich nicht ohne jeden Abend mit einem Augenzwinkern zu versprechen: »Bald schau ich da mal rein.« Vielleicht hatte er dahinter die Absicht vermutet, er möge sich etwas mehr bilden. Mir ging es aber nur darum, ihm mehr von mir näherzubringen. Die Geschichten, die ich liebte, das Spiel mit der Sprache. Brian reichte sein H. G. Wells für ein ganzes Leben. Mehr Geschichten hatten in ihm keinen Platz, so sehr füllte sein Lieblingsbuch ihn aus. Ich brauchte Jahre, um das zu verstehen.

Ich bat nun darum, seine zerfledderte Ausgabe von Die Zeitmaschine mit ihm zu verbrennen.

Es war ein kalter, klarer Dezembertag, an dem wir seine Asche dem Meer übergaben. Acht Nächte waren vergangen, in denen ich kaum Schlaf gefunden hatte. Ich hatte Gewicht verloren, und mein Spiegel verriet mir, dass sich die Fassungslosigkeit über das, was geschehen war, in meinen Zügen reflektierte.

Brians Eltern waren seit seinem Tod um Jahre gealtert. Sie hatten immer etwas jünger gewirkt, als sie waren, besonders seit sie nach England gezogen waren, aber nun sah man ihnen ihre knapp achtzig Jahre an. Mein Mann war der Nachzügler gewesen, zwischen ihm und seinen Schwestern lagen zwölf und fünfzehn Jahre. Sie lebten beide ebenfalls in England und waren ohne ihre Männer gekommen. Kinder hatte keine von ihnen. Der Kontakt war nie sehr eng gewesen. Brian hatte sich immer mehr wie ein Einzelkind gefühlt und seine Schwestern eher wie entfernte Tanten wahrgenommen. Sie hatten nie großes Interesse an dem kleinen Bruder gezeigt, und so war es nicht verwunderlich, dass wir uns kaum kannten. Außer einem gemurmelten Beileidsspruch hatten wir uns auch an diesem Tag nichts zu sagen. Wir waren uns fremd, und ihr Bruder war ihnen fremd geblieben. An Weihnachten und Geburtstagen waren gleichgültige Grüße ausgetauscht worden, doch nichts war darüber hinaus geschehen. Als ich Brian gefragt hatte, ob es einen Anlass gäbe, weshalb man sich aus dem Weg ginge, hatte er mich nur verwundert angesehen und gesagt, es sei nun mal nie anders gewesen und ihm fehle auch nichts. Ich sah keine der beiden Frauen weinen. Wenn ich zuvor noch gedacht hatte, Trauer würde die Menschen verbinden, wurde ich nun eines Besseren belehrt.

Tante Mary und Onkel Ralph unterstützten mich, auch meine Cousine und beste Freundin Sophie war mitgekommen. Sie hielt meine Hand, legte den Arm um meine Schulter, gab mir Beistand und Wärme. Brians Eltern hatten Bibelstellen ausgesucht, die verlesen wurden. Ich konnte kaum zuhören. Die tief stehende Sonne blendete mich so sehr, dass ich die Augen zusammenkneifen musste, um etwas zu sehen. Aber was gab es auch schon zu sehen?

Das Verstreuen seiner Asche, dieses letzte Ritual, stürzte mich in einen tieferen Abgrund als alle Verluste, die ich zuvor erlitten hatte. Mein Schmerz schien größer und qualvoller zu sein als nach dem Tod meiner Mutter oder meiner Großmutter. Vielleicht weil man immer damit rechnen musste, die Elterngeneration zu verlieren, aber mit dem Ehemann wollte man die Zeit bis zum eigenen Tod verbringen. Meinen Ehemann so früh zu verlieren war so falsch, so ungerecht. Es konnte doch nicht sein, dass meine Liebe zu ihm, die längst nicht aufgebraucht war, nicht weiterging. Ich hatte noch so viel mit ihm erleben wollen. Jetzt war er fort. Ich konnte nicht einmal auf jemanden wütend sein, weil niemand schuld an seinem Tod war, nur er selbst, und wie könnte ich auf Brian wütend sein?

Noch tiefer als all das aber riss mich in die schwärzeste Dunkelheit, dass ich von nun an nichts mehr von ihm haben würde.

Nicht einmal ein richtiges Grab.

Seine Mutter hatte gesagt, sie würde einen Schrein für Brian errichten, und ich könnte jederzeit vorbeikommen und davor beten. »Das ist viel mehr als ein Grab«, erklärte sie mir, und ich nickte stumm.

Sie hatte keine Ahnung, wie abwegig ich ihren Vorschlag fand, und ich konnte es ihr nicht sagen, weil ich sie und ihren Glauben nicht beleidigen wollte. Was sollte mir ein Schrein in ihrem Haus geben können? Dachte sie wirklich, ich würde nach England reisen, wenn ich mich Brian näher fühlen wollte? Dachte sie, es würde mir Trost spenden, mir alte Fotos und zusammengesuchte Andenken in einer Glasvitrine – davon sprach sie nämlich – anzusehen?

Ich überließ ihr, was sie von ihrem Sohn mitnehmen wollte. Sie entschied sich für das Buch Wenn der Schläfer erwacht, einen dunkelblauen Schal, die Armbanduhr, die sie ihm zu unserer Hochzeit geschenkt hatten (er hatte sie so gut wie nie getragen), den Becher mit seinem verblichenen Namenszug, den er zu Schulzeiten geliebt hatte, und noch ein paar Kleinigkeiten, die ich nicht richtig wahrnahm.

»Jederzeit«, sagte sie, »kannst du ihn bei uns besuchen.« Als würde sie ihn zu sich mitnehmen. Weg von mir. Es war absurd, aber ich hatte den Eindruck, dass sie genau das bezweckte.

Bereits auf der Jacht merkte ich, wie das Sonnenlicht trüb wurde, obwohl keine Wolken aufgezogen waren. Als wir an Land gingen, verschwanden langsam die Farben aus der Welt. Ich musste am Anleger stehen bleiben, damit mein Körper verstand, dass ich mich nicht mehr auf einem schwankenden Boot befand. Sophie stützte mich. Brians Familie verabschiedete sich von uns. Ralph und Mary regten sich flüsternd darüber auf, wie steif und wenig herzlich »diese Leute« waren.

»Ist dir schlecht?«, fragte Sophie. »Du bist ganz grün.«

Ich nickte nur.

»Wollen wir uns setzen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Geht schon.«

»Tief durchatmen. Ein Schritt nach dem anderen. Wir haben Zeit.«

Sie leitete mich sanft zur Straße. Ich konnte kaum noch etwas sehen, und schließlich wurde mir schwarz vor Augen.

Für einen Moment musste ich das Bewusstsein verloren haben, denn als ich wieder zu mir kam, saß ich auf einer Bank. Sophies Arm stützte fest meinen Rücken. Ralph und Mary hatten bereits das Auto vom Parkplatz geholt. Ralph sprach gerade mit einem rothaarigen Mann und einer blonden Frau in einem langen, zu großen Tweedmantel.

»Wer war das?«, fragte ich, weil ich keine Lust darauf hatte zu versichern, dass es mir wieder gut ging und alles in Ordnung sei. Es ging mir schließlich nicht gut, und mir war nicht nach Höflichkeit.

»Sie wollten nur wissen, welche Seebestattung das gerade war. Wollten wohl zu jemand anderem. Die Frau meinte, du kämst ihr bekannt vor.«

»Nie gesehen«, sagte ich matt. »Ich will jetzt ...« Ich stockte. Nach Hause, hatte ich sagen wollen, aber unser Haus in Cork war der letzte Ort, an dem ich sein wollte.

Sophie verstand. Sie sagte ohne zu zögern: »Willst du mit zu mir? Es wird ein bisschen eng, aber das bekommen wir schon hin. Und du hättest es auch nicht weit nach Hause, falls du es dir anders überlegst.«

Ich hob hilflos die Schultern. Sophies Wohnung war winzig. Meine Cousine leitete ein kleines Theater in Cork. Sie arbeitete viel und hart und hatte mehr Stress, als sie zugeben würde, da sie ständig von der Pleite bedroht war. Meistens kam sie erst spät in der Nacht nach Hause. Und dann sollte sie auf Zehenspitzen durch ihr Wohnzimmerchen schleichen müssen, wo ich auf der Couch herumlag und mir die Augen ausweinte?

»Sophie, das ist ganz lieb, aber es ist schon okay. Ich glaube, über kurz oder lang muss ich wirklich für eine Weile raus aus der Stadt. Ich werde das Haus verkaufen und ...« Und dann? Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Mein Kopf war leer.

»Wäre Kinsale weit genug weg?«, fragte Ralph.

Bevor ich noch antworten konnte, spürte ich, wie sich eine merkwürdige Ruhe in mir ausbreitete. Kinsale, das wäre tatsächlich der richtige Ort, um Abstand zu gewinnen. Ich war viel zu lange nicht mehr dort gewesen. Ralph und Mary hatte ich meist in Cork getroffen, wenn sie Sophie besucht hatten, und Brians Eltern lebten schon über zehn Jahre in England. Ganz würde ich mich den Erinnerungen sowieso nie entziehen können. Warum also nicht Kinsale?

Ich umarmte die beiden voller Dankbarkeit, ließ mich zum Auto bringen und sank erschöpft auf die Rückbank.

»Dann fahren wir erst einmal bei dir vorbei, damit du ein paar Sachen einpacken kannst«, sagte Mary.

»Nein. Bitte. Lasst uns einfach direkt nach Kinsale fahren. Ich will nicht mehr zurück.«

Noch am selben Abend musste Sophie zwei große Koffer mit meinen Kleidern und dem Wichtigsten aus dem Haus in Cork geholt und bei ihren Eltern vorbeigebracht haben, denn als ich morgens in ihrem alten Jugendzimmer erwachte, fand ich alles, was ich brauchte. Ich hatte nichts davon bemerkt, so fest hatte ich geschlafen. Trotzdem fühlte ich mich matt und wollte nicht aufstehen.

Diese dumpfe Müdigkeit sollte noch sehr viel länger anhalten. Ralph und Mary kümmerten sich rührend um mich. Sie machten mit mir Spaziergänge durch die eisige Winterluft, fuhren mich nach Dublin, um mit mir die Weihnachtsmärkte zu besuchen, luden mich ins Kino ein, veranstalteten gesellige Abende mit Freunden. Sie taten all das, obwohl sie ein Pub zu führen hatten, und es war nur deshalb möglich, weil der halbe Ort sie – und damit auch mich – unterstützte, wann immer es nötig war.

Ich fühlte mich die ganze Zeit über, als säße ich hinter einer Glasscheibe. Die Welt um mich herum kannte nur noch leise Töne und graue Farben. Sie hatten ihren Duft verloren, und Wärme erreichte mich schon lange nicht mehr. Die Kälte in mir blieb hartnäckig und ließ sich durch nichts vertreiben.

Zu meinem Onkel und meiner Tante hatte ich immer ein herzliches Verhältnis gehabt, und Sophie war seit meinen Teenagertagen meine beste Freundin. Ich fühlte mich bei ihnen gut behütet, aber sie konnten nicht die Leere füllen, die ich in mir trug. Niemand schien es zu können, und auch wenn mir jeder versicherte, dass selbst dieser unermesslich große Schmerz eines Tages immer kleiner werden würde, bis er nur noch als Erinnerung nachhallte, konnte ich nicht glauben, irgendwann etwas anderes zu fühlen.

Als vier Wochen vergangen waren und es mir immer noch nicht besser ging, beschloss ich, meinen Job an der Uni zu kündigen. Weihnachten und Neujahr überstand ich nur, weil mir meine Ärztin ein Beruhigungsmittel verschrieben hatte. Eines Abends hörte ich, wie Mary zu Ralph sagte: »Hoffentlich tut sie sich nicht noch was an, so verzweifelt, wie sie ist.« Sie saßen in ihrem Wohnzimmer und hatten nicht gehört, dass ich mein Zimmer verlassen hatte und auf den Flur getreten war. Ich zog mich leise zurück, setzte mich auf mein Bett und dachte darüber nach. Mich umbringen? War das eine Lösung? Ich musste einsehen, dass ich nicht einmal dazu die Energie hatte.

Mitte Januar riss ich mich zusammen und löste unseren Haushalt auf. Von dem Geld, das ich aus dem Verkauf bekam, zahlte ich unsere Schulden zurück. Was übrig blieb, reichte nicht, um mir eine eigene kleine Wohnung zu kaufen, und Ralph bot mir an, so lange zu bleiben, wie ich wollte. Dass ich ihm Miete zahlte, akzeptierte er nicht, also half ich in seinem Pub, dem Jacob’s Ladder, aus, wo immer jemand gebraucht wurde.

Sophie zwang mich im Februar zu einem gemeinsamen Urlaub auf Madeira, damit ich »mit etwas mehr Licht und Wärme die Winterdepression« austrieb. Was für eine Untertreibung, meinen Zustand Winterdepression zu nennen! Ich ließ mich zwei Wochen lang von ihr über die Insel schleppen, aber ich war nicht in der Lage, die prächtigen Farben, die wunderbaren Gerüche aufzunehmen. Am allerwenigsten hatte ich am Essen Spaß. Es schmeckte immer gleich, egal was man mir vorsetzte, und nach wenigen Bissen ließ ich es stehen. Seit Brians Tod hatte ich mittlerweile acht Kilo verloren. Ich ärgerte mich darüber, dass ich Sophie keine gute Gesellschaft war. Schließlich hatte sie diese Reise nur meinetwegen unternommen. Aber Sophie sagte nur: »Lass dir Zeit. Irgendwann kommt die Sonne bei dir an.«

Die Wochen und Monate zogen an mir vorbei und blieben grau. Sophie mailte mir Fotos, die sie von uns auf Madeira gemacht hatte. Ich konnte mich kaum erinnern, an diesen Orten gewesen zu sein. Sophie war nun die einzige Freundin, die ich noch hatte. Meine Kolleginnen und Kollegen von der Universität hatten außer Beileidskarten nichts mehr von sich hören lassen. Unsere Nachbarn in Cork waren ebenfalls verstummt. Die Bekannten aus meinem Sportclub schickten wenigstens noch zu Weihnachten eine Karte. Mir wurde klar: Die Menschen wollen nichts wissen von Krankheit oder Tod. Sie machen einen Bogen um diejenigen, die es getroffen hat. Und ich brachte die Kraft nicht auf, von mir aus auf jemanden zuzugehen und mich zu verabreden. Ich steckte in diesem Teufelskreis fest, und hätte ich Sophie und ihre Eltern nicht gehabt, ich wäre einsam und verlassen zugrunde gegangen. Später wurde mir klar, dass meine Beziehung zu Brian so eng gewesen war, dass kaum noch Platz für echte Freundschaften gewesen war. Wir hatten einen großen Bekanntenkreis, aber Freunde hatten sich für mich keine darunter gefunden.

Und doch sollte Sophie recht behalten. Zwar nicht mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings, aber immerhin schaffte ich es Anfang Juni zum ersten Mal seit einem halben Jahr, den Tag mit einem Lächeln zu begrüßen. Ich hatte mir den Radiowecker gestellt, weil ich nach Cork fahren und einige Einkäufe für das Pub erledigen wollte. Der Song, der mich weckte, war »There She Goes« von The La’s. In meiner Teenagerzeit war dieses Lied eine meiner Hymnen gewesen, und mein Herz hüpfte, als ich die Melodie erkannte. Sie spielten nicht das Original, sondern eine neue Coverversion. Den ganzen Tag bekam ich den Song nicht mehr aus dem Kopf, und er stimmte mich fröhlich. Ich wurde zurückversetzt in die Zeit der ersten Partys, der ersten durchwachten Nächte, der Lagerfeuer am Strand und der elektrisierenden ersten Küsse. Es war eine Zeit, in der ich mich fühlte, als sei alles im Leben möglich, als stünde mir die Welt offen, als sei ich unverwundbar.

Das Eis auf meiner Seele begann zu tauen.

Am nächsten Morgen öffnete ich das Fenster, sah hinaus auf die grünen Hügel und die Bucht, die sich zur Keltischen See hin öffnete, und fasste einen Entschluss: Ich würde Frieden schließen mit dem Schicksal und Brians Tod akzeptieren. Es war genug Zeit vergangen, und auch wenn der Schmerz noch tief saß, er hatte seine schneidende Kälte verloren. Da draußen in den Wellen war Brians Grab. Dort würde er für immer sein. Und ich konnte ihn besuchen, wann immer ich wollte, ich war in seiner Nähe, sobald ich am Meer war. Endlich wusste ich, dass ich mit meinem Leben weitermachen konnte.

Kapitel 3

»Du siehst gut aus«, sagte Sam.

»Danke, mir geht es auch gut. Besser.« Ich hielt ihm die Tür zur Küche auf, wo er die Gemüsekisten abstellte. Sam wischte sich die Hände an der Jeans ab und sah mich aufmerksam an. »Irgendwas ist anders. Gut anders.«

»Was hast du uns heute mitgebracht?« Ich inspizierte die Kisten. Sam brachte uns alle paar Tage frisches Gemüse und Kräuter für das Pub. Milch, Eier und Fleisch bezogen wir ebenfalls von einem lokalen Bauern. Die Speisekarte von Ralph richtete sich nach dem, was verfügbar war, und nach anfänglichem Gebrummel unter den Gästen hatte er sich schließlich mit seiner Strategie durchgesetzt und verfolgte sie nun seit fast zehn Jahren. Er und Mary waren besonders stolz darauf, schon so »grün« gedacht und gehandelt zu haben, bevor Kinsale offiziell zu einer Transition Town wurde: einer Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiative, deren teilnehmende Städte und Gemeinden ein Leben weg von der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und hin zu einer regionalen Wirtschaftsstruktur förderten.

Sam kannte ich noch von der Schule. Mit vierzehn hatten wir eine Weile schüchtern Händchen gehalten und uns heimlich geküsst. Als die Schulzeit vorbei war, hatten wir uns für fast zwanzig Jahre aus den Augen verloren, und im vergangenen Dezember, nach meinem Einzug bei Ralph und Mary, wiedergesehen. Seitdem begegneten wir uns häufig im Pub, weil er uns belieferte. Er war mir gegenüber zu Beginn schweigsam und zurückhaltend gewesen, und erst langsam hatte er angefangen, etwas von sich zu erzählen. So erfuhr ich, dass er zum Studium nach Dublin gegangen war, weil er »rauswollte«.

»Was ganz anderes machen und die Welt sehen«, hatte er vor einigen Wochen mit einem unsicheren Lachen gesagt. »Aber auf keinen Fall nach England gehen. Oder in die USA. Und Australien war viel zu weit weg. Ganz schön feige, was? Nach vier Jahren Dublin hab ich dann eingesehen, dass ich die große weite Welt nicht brauche.«

»Du warst am Trinity College?«

»Dazu hat’s nicht gereicht. University College. Eingeschrieben für Wirtschaft. Gerade so einen Abschluss hinbekommen. Keine ruhmreiche Zeit.« Sam verzog das Gesicht. »Dann kam ich zurück nach Kinsale, sah, dass der Laden meiner Eltern schlecht lief, kratzte alle meine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse aus dem Studium zusammen, übernahm Einkauf und Buchführung und kam nach ein paar weiteren verschwendeten Jahren zu dem Urteil: Patient tot. Gegen die großen Märkte kommt man auf Dauer nicht an.«

»Und dann hast du umgesattelt?«

»Hey, ich pflanze vielleicht nur Gemüse an, aber ich kann gut davon leben.« Es klang, als würde er sich verteidigen. »Ich hab Angestellte, und ich tu noch was für die Umwelt. Ich bin viel an der frischen Luft, und niemand quatscht mir rein. Nicht mal meine Eltern.«

»Klingt perfekt«, sagte ich.

»Ehrlich?« Er sah mich misstrauisch an. »Weißt du, ich habe durch die Pleite mit dem Laden meiner Eltern eine Menge gelernt. Was Service und so angeht. Kundenbindung. Marketing. Das alles.« Sam machte eine ausladende Handbewegung, und ich nickte: »Du machst das bestimmt ganz richtig.«

Als ich nun an dieses Gespräch zurückdachte, daran, wie wenig Energie ich an diesem Tag gehabt hatte, wie sehr ich mich auf die Worte konzentrieren musste, um zusammenhängend antworten zu können, dann kam es mir vor, als lägen Welten dazwischen. In Wirklichkeit waren es nur ein paar Wochen. Wenn man in einer grauen, bedrückenden Enge gefangen ist, wird ein Monat zu einer Ewigkeit.

Umso mehr freute ich mich darüber, dass er mir die innere Veränderung, die ich spürte, ansah.

»Und? Diese Woche neue Gäste?«, wollte er wissen.

Neben dem Pub hatten Mary und Ralph noch ein paar Gästezimmer. Da Kinsale ein beliebtes Touristenziel und nicht allzu weit vom Flughafen entfernt ist, konnten sie sich über die Auslastung der Zimmer nicht beschweren. Wegen der Krise hatten sie mit den Preisen etwas runtergehen müssen, aber sie kamen immer noch gut über die Runden. Auch im Pub zeigte sich die Rezession nur mäßig. Einige der teureren Restaurants hatten weniger Glück gehabt: Die Gäste blieben aus. Alle sparten, wo sie konnten.

Ich ging zurück zum Tresen, wo ich auf Ralphs Laptop die Anmeldungen sehen konnte. »Das Ehepaar aus Schottland bleibt noch drei Nächte. Heute kommen zwei Deutsche, offenbar nur für zwei Nächte, zwei Frauen aus Belgien, wenn ich das richtig lese ... Ralph macht immer so seltsame Abkürzungen. Und ein einzelner Herr aus den USA. NY? Ja, New York. Natürlich.«

»Um was wetten wir, dass er auf der Suche nach seinen Wurzeln ist?«, spottete Sam. »Wie heißt er?«

»Matthew Callaghan«, las ich vor.

»Bingo. Bei dem Nachnamen sucht er nach Opas Geburtshaus oder so was in der Art. Die Wette hab ich gewonnen.«

»Wir haben noch gar nicht gewettet«, protestierte ich.

»Na gut. Du hast recht. Dann wetten wir ... Ich weiß: Ich wette, dass er über sechzig ist, Akademiker, seine Eltern sind gerade gestorben, und er macht sich auf die Suche nach seinen Wurzeln.« Seine Augen weiteten sich, und er schlug eine Hand vor den Mund. »Oh! Ich bin ein Idiot. Entschuldige!«

»Was?«

»Weil ich ... wegen ...«

»Weil du gesagt hast, die Eltern seien gerade gestorben?«

Sam nickte.

»Damit kann ich umgehen. Keine Sorge. Also, die Wette gilt. Ich sage: Er ist Anfang zwanzig, kommt mit einem Rucksack und will einfach nur ein bisschen rumreisen und Leute kennenlernen.«

»Moment. Um was wetten wir? Du bestimmst den Einsatz.«

Ich überlegte. »Wie wäre es mit ... Kino? Ich war schon hundert Jahre nicht mehr im Kino.«

Sam strahlte. »Wer verliert, zahlt Karte und Getränke. Und Popcorn.« Er hielt mir seine Hand hin, und ich schlug ein. Dann zog er lachend weiter. »Und nicht schummeln, ja?«, rief er zum Abschied.

Ich winkte ihm hinterher. Als er fort war, begann ich, die Spülmaschine auszuräumen. Wie sehr sich Sams Verhalten mir gegenüber in der letzten Zeit doch geändert hatte ... Sein Selbstvertrauen schien gewachsen zu sein. Er hatte wohl gespürt, wie viel Respekt ich für seine Arbeit hatte. Ich nahm mir vor, ihm in den nächsten Tagen zu sagen, dass ich sein Engagement bewunderte. In Kinsale war er nämlich eine angesehene und einflussreiche Persönlichkeit. Er setzte sich intensiv für den Umweltschutz ein und hatte so gut wie alle Landwirte und Viehzüchter auf seine Seite gezogen. Er hatte es geschafft, Politiker davon zu überzeugen, Projekte wie Lachsfarmen direkt vor unserer Küste zu verhindern. Er hatte kleine Unternehmer in Kinsale und Umgebung kostenlos beraten und gecoacht, um sie fit zu machen für den Wettbewerb gegen die großen Handelsketten. Wenn er von sich als einfachem Gemüsegärtner sprach, untertrieb er maßlos. Ich hatte noch nicht herausgefunden, ob er absichtlich tiefstapelte oder ob er sich wirklich so sah.

Wer weiß, was mit Kinsale geschehen wäre, wenn Sam nicht zurückgekommen, sondern in Dublin geblieben wäre, um Unternehmensberater zu werden und astronomische Summen in London zu verdienen. Ich musste grinsen, als ich ihn mir dabei vorstellte, wie er im smarten Anzug, glattrasiert und stylisch frisiert irgendwelchen Vorständen vermeintlich kluges Zeug erzählte.

Ich putzte gerade das Gemüse, als Ralph hereinkam und sagte: »Wenn du so weitermachst, gewöhnen wir uns so sehr an dich, dass du leider nicht mehr gehen kannst.« Es sollte wie eine Warnung klingen, aber etwas Schöneres hätte er nicht zu mir sagen können. Gerade jetzt, da es mir besser ging, tat es so gut, diese Worte zu hören, denn endlich konnte ich sie annehmen. Ein klein wenig zwickte das schlechte Gewissen, weil ich mich immer noch nicht zu einer Entscheidung hatte durchringen können, wie lange ich bleiben wollte.

Ich lächelte ihn an.

»Oh, die Sonne geht auf!«, rief er und zwinkerte mir zu. »Schon jemand da?«

»Nein, alles ruhig. Sonst wäre ich nicht hier hinten.«

Er nickte und spähte in den Gastraum. »Heute Abend wird es wieder wild. Bist du bereit?«

Jetzt musste ich lachen. Jeden Freitag fanden sich Musiker, junge und alte, im Jacob’s Ladder ein und spielten zusammen. Und jeden Freitag war es brechend voll. Die Leute sangen und tanzten, als ginge am Wochenende die Welt unter. Das Jacob’s Ladder war mit Abstand das beliebteste Pub in Kinsale. Dabei hatte es auf den ersten Blick nichts Besonderes. Einfache Stühle und Tische aus dunklem Holz, die Wände bis zur Hälfte ebenfalls mit dunklem Holz getäfelt, darüber grün gestrichen. Ralph hatte, dem Namen des Pubs folgend, Strickleitern an der Decke angebracht, und die Wände waren mit Schiffstauen, Netzen, Steuerrädern und allem möglichen Kram verziert, der den Gästen sagen sollte, was sie längst wussten: dass sie am Meer waren. Die Beliebtheit war auch nicht einfach nur mit der Küche zu erklären. Es gab überall in Kinsale gutes Essen. Die Restaurants versuchten, sich gegenseitig mit ihren Gourmetangeboten zu übertreffen, um den guten Ruf des Städtchens bei den internationalen Touristen zu wahren. Trotzdem gingen die Leute zu Ralph. Vielleicht war es genau das, was Ralph auszeichnete: Er versuchte nicht, Eindruck auf andere zu machen. Er tat einfach, was er für richtig hielt. Das spürten die Menschen.

»Freu mich auf heute Abend«, sagte ich, und es war nicht einmal gelogen.

»Dann freu ich mich auch«, sagte Ralph und tätschelte mir die Schulter. Er war etwas unbeholfen, was das Zeigen von Gefühlen anging.

»Haben die neuen Gäste gesagt, wann sie ungefähr eintreffen?«

Er hob die Schultern. »Wie üblich waren sie sehr vage, haben aber versprochen, bis spätestens sechs Uhr hier zu sein. Mal sehen.«

»Hast du ihre Handynummern?«

»Nein. Ach, wozu auch? Die haben doch unsere Nummer.« Jetzt lachte er. »Junge Frau, du interessierst dich jetzt wohl richtig für meinen Laden! Die Lebensgeister sind erwacht. Was für eine Freude. Also, meine Philosophie ist – und sie wird dir wahrscheinlich nicht gefallen: Entweder die Leute kommen bis um sechs, oder sie kommen nicht. Ganz einfach. So groß ist der Andrang nun leider auch wieder nicht, dass ich bei jeder Buchung zwanzig anderen absagen müsste.« Wieder tätschelte er meine Schulter, dann ging er raus in den Schankraum, und ich schälte kopfschüttelnd Kartoffeln. In etwa einer Stunde würden die ersten Mittagsgäste kommen, und ich hatte noch so einiges zu tun. Es machte mir Spaß zu helfen, zu arbeiten, mich nützlich zu machen. Nicht nur, um Ralph und Mary einen Gefallen zu tun, sondern vor allem auch für mich selbst. Um etwas zu haben, was mir Routine gab und dadurch Halt. Sicherheit.

Ich war ganz versunken in meine Arbeit, als die Tür zum Schankraum aufgestoßen wurde. »Besuch für dich, Kate«, sagte Ralph.

»Für mich? Wer denn?«

»Keine Ahnung, wer es ist, aber sie will dich unbedingt sprechen.«

Ich überlegte, wer mich wohl besuchen würde. Eine Kollegin von der Uni? Eine Bekannte aus Cork? Es gab niemanden, über dessen Besuch ich mich gefreut hätte. Zu lange war nämlich keiner meiner früheren Bekannten für mich da gewesen.

»Ich bin noch nicht ganz fertig«, sagte ich widerstrebend. »Die Karotten müssen noch geputzt werden.«

»Lass mich das machen. Außer ihr ist sowieso noch keiner da.«

Verwundert ging ich raus und sah mich in dem leeren Raum um. Ich entdeckte die Frau in der hinteren Ecke, wo der Durchgang zu den Gästezimmern im oberen Stock war. Sie saß mit dem Rücken zur Wand und trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte herum. Als sie mich auf sich zukommen sah, erhob sie sich langsam. Ihr Gesicht war blass, und sie wirkte unsicher. Aber ihr Lächeln war warm und echt.

Ich begrüßte sie und fragte, ob ich ihr etwas bringen könnte. Sie sah aus, als könnte sie etwas im Magen vertragen.

»Danke, nur ein Glas Wasser«, sagte sie, und ich ging hinter die Theke, um es ihr zu holen.

Sie kam mir nach und setzte sich an die Bar.

»Sie wollten mit mir sprechen?«

»Du erkennst mich nicht mehr, oder?«, sagte sie und trank einen Schluck.

Ich sah sie mir genau an: große blaue Augen, glattes blondes Haar, Stupsnase. Sehr groß und schlank, eigentlich sogar zu dünn, und dennoch trug sie ein weites Kleid, wie um ihre Figur zu verbergen. Oder es war ihr zu groß geworden, weil sie in kurzer Zeit viel Gewicht verloren hatte. Ich kannte das von mir, als ich nach Brians Tod kaum noch etwas gegessen hatte und alle meine Sachen an mir herumschlackerten.

»Tut mir leid, ich weiß wirklich nicht ...«

»Es ist auch fünfundzwanzig Jahre her«, sagte sie. »Ich hab dich aber gleich erkannt. Ich sah dich ... vor einer Weile. Zufällig. Und jetzt war ich gerade in der Nähe und dachte, vielleicht bist du bei deinem Onkel. Oder er kann mir sagen, wie ich dich finde. Ich dachte, ich frag einfach mal. Du erkennst mich immer noch nicht?«

»Nein, wirklich, das ist mir sehr unangenehm, aber ...«

»Emma.«

»Emma?« Ich ging im Geiste alle Emmas durch, die ich kannte. Keine passte. Bis mir einfiel, was sie gesagt hatte: »Es ist auch fünfundzwanzig Jahre her ...« Emma Mulligan. Meine beste Freundin aus Kindertagen.

»Wirklich, du hast dich so verändert, ich hätte dich niemals wiedererkannt!«, rief ich, rannte um die Theke herum und umarmte sie. Unter der weiten Kleidung fühlte ich ihren zerbrechlichen Körper. Ich ließ sie schnell wieder los. »Emma, was machst du hier? Ach, ist das eine schöne Überraschung!« Früher war sie das genaue Gegenteil von mir gewesen. Ich: eine wahre Bohnenstange, lang und dünn, dazu eine unzähmbare Mähne dunkler Locken. Emma: immer etwas kleiner als alle anderen, dazu noch recht pummelig, und ihre blonden dünnen Haare hatten ausgesehen wie abgebrochene Spaghetti, weil ihre Mutter sie nie zum Friseur gelassen, sondern immer selbst geschnitten hatte. Außerdem hatte sie die Kleidung ihrer älteren Schwestern auftragen müssen. Die anderen Kinder in unserer Klasse waren nicht unbedingt aus wohlhabenderen Familien, aber irgendwie schaffte es Emma, gleich in der ersten Klasse in eine Außenseiterposition zu geraten – wo ich ohnehin war. Das uneheliche Kind einer protestantischen Frau, die sich nicht mal dafür zu schämen schien. Weder für ihre Tochter noch für ihren Glauben. Wir waren vorher schon wie siamesische Zwillinge gewesen, in der Schule änderte sich nichts daran. Wir verstanden uns blind.

»Wie gesagt, ich war in der Nähe. Ich muss auch gleich wieder los ... meine Tochter ...« Sie zögerte.

»Du hast eine Tochter? Wie schön! Wie heißt sie?«

»Kaelynn«, sagte sie. Ihre Stimme versagte fast, sie musste sich räuspern. Ihre Augen glänzten, als würde sie gleich weinen.

Ich erschrak. Durch meinen Kopf schossen schreckliche Gedanken: Stimmte etwas nicht mit dem Kind? War es etwa krank? Müsste eine Mutter nicht strahlen, wenn sie von ihrer Tochter spricht?

»Was ist los?«, fragte ich.

Sie schüttelte heftig den Kopf, fuhr sich mit den Händen übers Gesicht und lächelte wieder. »Entschuldige. Schon okay. Ich sollte längst wieder bei ihr sein.«

»Ist mit Kaelynn alles in Ordnung?« Ich hielt den Atem an aus Angst vor der Antwort.

»Ja, natürlich! Sie wurde ein bisschen zu früh geboren und ist noch im Krankenhaus ... und ich fürchte, meine Hormone haben sich noch nicht umgestellt.« Sie lachte auf. »Ich fange dauernd aus heiterem Himmel an zu heulen. Aber es ist wirklich alles in Ordnung. Ehrlich. Und ich freu mich so, dich zu sehen.«

»Wo lebst du? Hier in der Nähe?«

»In Cork. Wieder. Seit ... einer Weile.«

»Mit deinem Mann, oder? Was macht er? Und was machst du?«

»Oh, ich kann mich im Moment nur um meine Kleine kümmern. Aber sag mal, weshalb ich eigentlich gekommen bin – wollen wir uns mal in Ruhe treffen? Nur wenn du willst! Wenn du Zeit hast. Ich weiß, ich überrumple dich hier ...«

»Nein, überhaupt nicht!«, sagte ich. »Natürlich hab ich Zeit für dich. Und ich bin so neugierig, ich will alles von dir wissen! Wann sehen wir uns?«

Emma lachte, umarmte mich und drückte mich dabei ganz fest an sich. »Ich melde mich bei dir, ja? Ich weiß ja jetzt, wo ich dich finde.« Sie ließ mich los, griff in ihre Handtasche und reichte mir einen Zettel, auf den sie bereits ihre Telefonnummer geschrieben hatte. »Visitenkarten habe ich keine«, sagte sie entschuldigend.

Ich nahm den Zettel, riss ein kleines Stück davon ab und notierte in winziger Schrift meine Handynummer darauf. »Ich auch nicht«, sagte ich und grinste.

Sie grinste zurück. »Schön, dich wiederzusehen.«

»Find ich auch.«

»Ich muss leider los. Ich hab kein Auto, und der Bus fährt gleich.« Sie sah auf die Uhr. »Oh.«

»Beeil dich! Und wenn du ihn verpasst, komm wieder her.«

Sie winkte mir zu und lief aus dem Pub. Ich grinste immer noch wie ein kleines Mädchen, als sie längst weg war.

»Ne Freundin von dir?« Ich hatte Ralph gar nicht kommen hören.

»Von ganz, ganz früher«, sagte ich. »Damals war sie noch ziemlich moppelig. Du erinnerst dich vielleicht an sie. Emma. Wir waren in dem Sommer gemeinsam bei Margaret, bevor Mutter ...«

»Oh, ja, Emma!«, rief er, bevor ich die Gelegenheit hatte, über das Wort »starb« zu stolpern. »Trägt immer noch Kleider, als wäre sie moppelig.«

»Sie hat vor Kurzem ein Kind bekommen.«

»Aaah.« Mein Onkel kratzte sich am Kinn und starrte an die Decke. »Ich erinnere mich. Bei Mary hat es ewig gedauert, bis sie ihren Schwangerschaftsbauch loswurde. Ein paar Wochen nach Sophies Geburt wollte sie sich was Neues zum Anziehen kaufen, und die Verkäuferin fragte: ›Wann ist es denn so weit?‹ Kam heulend aus dem Laden gerannt, die Arme. Und bei so einem dünnen Ding wie deiner Freundin fällt das natürlich besonders auf.«

Ich musste lächeln. Onkel Ralph, der schon immer ein Auge für schöne Frauen gehabt hatte, aber seiner Mary immer treu war, wie er behauptete. Und es gab niemanden, der sich etwas anderes vorstellen konnte.

»Zuletzt haben wir uns vor fünfundzwanzig Jahren gesehen. Ich habe sie nicht wiedererkannt, sie hat sich so sehr verändert. Sie ist richtig hübsch geworden!«

»Ihr wart doch damals richtig gute Freundinnen, nicht?«

»Die besten«, sagte ich.

Ralph winkte den ersten Gästen zu, die gerade reinkamen. »Ich koch euch mal was Schönes«, rief er und verschwand in der Küche.

Ich dachte noch lange über Emma nach. So eine Frühgeburt musste schlimm sein, mit vielen Sorgen und Ängsten verbunden. Vielleicht brauchte sie Tapetenwechsel, und es tat ihr gut, mit einer alten – uralten! – Freundin zu reden und ein wenig aufs Meer zu sehen. Früher, wenn Emma und ich uns etwas unbedingt gewünscht hatten, dann hatten wir die Hände ganz fest zu Fäusten geballt, die Augen geschlossen und dreimal hintereinander den Wunsch im Kopf aufgesagt. Ich kam mir albern vor, als ich dieses Kindheitsritual heimlich hinter der Theke wiederholte, aber ich wünschte mir in diesem Moment nichts mehr, als Emma ganz bald wiederzusehen.

Ein Brief

Weißt du noch, unser erstes Schulfest? Ich hatte kein schönes Kleid. Meine Kleider stammten von meinen älteren Schwestern, die jüngste zehn Jahre älter als ich. Und sie hatte schon abgelegte Kleidung aufgetragen. Ich schämte mich jeden Tag, wenn ich zur Schule ging, aber ich gewöhnte mich daran. Als aber das Schulfest, mein erstes großes Fest, anstand, war ich verzweifelt. Du fandest mich heulend in einer einsamen Ecke auf dem Schulhof. Die anderen waren längst nach Hause gegangen, nur du warst noch da, weil du mich gesucht hattest. Wir gingen ja immer zusammen nach Hause. Du kamst also zu mir und konntest nicht begreifen, warum ich weinte, wo die Lehrerin doch an diesem Tag von dem Schulfest erzählt hatte. Ich sagte dir, dass ich nicht hingehen konnte, weil ich nichts zum Anziehen hatte. Und da sagtest du – ich weiß es noch wie heute: »Wieso ist dir denn so wichtig, wie du aussiehst? Mir ist das egal. Willst du mein Kleid haben?«

Dabei hattest du nur ein einziges gutes Kleid für besondere Anlässe. Ihr hattet ja auch nicht viel Geld. Aber du hast es mir gegeben. Ohne deiner Mutter etwas zu verraten. Und du selbst bist in einem deiner Schulkleider hingegangen. Es hat dir nichts ausgemacht, dass die anderen Mädchen mit dem Finger auf dich gezeigt und getuschelt haben. Du hast es für mich in Kauf genommen. Aber du warst auch immer schon die Schönere von uns beiden. Ich glaube, die anderen Mädchen waren neidisch, weil sie sich so rausgeputzt hatten und immer noch nicht hübsch genug waren, um es mit dir aufnehmen zu können. Kate, ich wusste damals noch nicht, wie großartig es war, dich als Freundin zu haben. Ich kannte dich mein Leben lang, es war normal, dass es dich gab. Erst als du weg warst, verstand ich, was Freundschaft wirklich bedeutete. Du hast so viel getan, nur damit es mir gut ging ...

Später, als wir etwas älter waren, dachte ich immer darüber nach, wie ich mich bei dir bedanken könnte. Wir hatten kein Geld, also konnte ich dir nie ein Geschenk kaufen. Ich verschob es immer wieder auf später und träumte davon, dir von meinem ersten eigenen Geld etwas zu kaufen. Weißt du, was ich dir kaufen wollte? Ein neues Kleid natürlich. Und eine wunderschöne gebundene Gesamtausgabe von Jane Austen. Ich wusste ja nicht, wie viel das alles kosten würde. Deshalb dauerte es so lange, bis ich das Geld zusammengespart hatte. Mit zehn fing ich an, von meinem Taschengeld etwas zu sparen, was natürlich lange nicht reichte. Einmal spürte einer meiner Brüder meine Ersparnisse auf. Du erinnerst dich an Jeff? Er beklaute uns dauernd, weil er nie Arbeit hatte und zu viel trank. (Es war natürlich nicht viel, aber für mich erschienen damals zwei Pfund wie ein kleiner Schatz. Heute ist Jeff übrigens verheiratet und trinkt keinen Tropfen mehr. Aber mit dem Arbeiten tut er sich weiterhin schwer.)

Na, und dann warst du ja irgendwann weg.

Würdest du mir glauben, wenn ich dir sage, dass ich wirklich eines Tages die Jane-Austen-Gesamtausgabe gekauft habe? Da hatten wir uns schon acht Jahre lang aus den Augen verloren. Ich wollte sie dir die ganze Zeit schon geben, aber ich konnte nicht.

Kapitel 4

»Der Amerikaner ist nicht gekommen«, rief mir Mary im Vorbeigehen zu, während sie leere Gläser einsammelte. Es war halb acht, und das Pub war zum Bersten voll. »Hier sind zwei Wanderer aus Frankreich oder Spanien oder so, die brauchen ein Zimmer. Zeigst du’s ihnen?«

Ich musste nicht fragen, wer die neuen Gäste waren. Ich erkannte sie an ihren fabrikneuen Wanderoutfits und ihren schmerzverzerrten Gesichtern. Wäre Sam da gewesen, er hätte mit mir gewettet, dass sich die beiden in ihren kaum getragenen Schuhen Blasen gelaufen hatten. Ich zeigte ihnen das Zimmer, erledigte die Formalitäten und ging wieder zurück ins Pub, um Mary hinter der Bar zu helfen.

»Wir haben so ein verdammtes Glück«, raunte sie mir zu. »So ein verdammtes Glück, dass wir nicht schließen müssen.«

»Das sagst du jeden Freitag.«

»Wirklich? Na, es ist auch jeden Freitag so wahr wie am Freitag zuvor.«

»Aber warum sagst du es immer freitags?«

Mary zapfte ein Guinness, und ich dachte schon, sie hätte mich entweder nicht gehört oder wollte nicht antworten, weil sie nichts erwiderte. Aber dann sagte sie: »Freitags sind die Leute anders, weil die Woche vorbei ist. Früher ... Jetzt sage ich schon ›früher‹, wie sich das anhört! Also, vor ein paar Jahren, vor der Krise, kamen sie rein und wollten eine Woche Arbeit hinter sich lassen. Sie haben getrunken, um das Wochenende zu feiern. Heute kommen sie rein, um eine Woche ohne