Der Himmel über Irland - Denise Deegan - E-Book

Der Himmel über Irland E-Book

Denise Deegan

0,0

Beschreibung

Eine mutige Frau – eine unmögliche Liebe … Der berührende Schicksalsroman »Der Himmel über Irland« von Denise Deegan jetzt als eBook bei dotbooks. Unendlich weit und strahlend spannt sich der Himmel über dem irischen Städtchen Glenageary, wo die Journalistin Jennifer mit ihrem kleinen Sohn auf einen Neuanfang hofft. Hier, im Haus ihrer Großmutter nahe am Meer, will Jennifer endlich zurück zu ihren Wurzeln finden. Aber die Schatten der Vergangenheit holen sie wieder ein, als plötzlich Simon vor ihr steht: der Mann, den sie seit fünf Jahren nicht vergessen konnte – und doch um jeden Preis vergessen muss. Nun steht Jennifer vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens: Kann sie alles riskieren, um für das zu kämpfen, was sie sich insgeheim schon so lange wünscht? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der bewegende Liebesroman »Der Himmel über Irland« der irischen Bestseller-Autorin Denise Deegan – auch bekannt unter dem Titel »Mein einziger Sonnenschein«. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 507

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über dieses Buch:

Unendlich weit und strahlend spannt sich der Himmel über dem irischen Städtchen Glenageary, wo die Journalistin Jennifer mit ihrem kleinen Sohn auf einen Neuanfang hofft. Hier, im Haus ihrer Großmutter nahe am Meer, will Jennifer endlich zurück zu ihren Wurzeln finden. Aber die Schatten der Vergangenheit holen sie wieder ein, als plötzlich Simon vor ihr steht: der Mann, den sie seit fünf Jahren nicht vergessen konnte – und doch um jeden Preis vergessen muss. Nun steht Jennifer vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens: Kann sie alles riskieren, um für das zu kämpfen, was sie sich insgeheim schon so lange wünscht?

Über die Autorin:

Denise Deegan wurde 1952 in London geboren und arbeitete unter anderem als Krankenschwester, Porzellan-Restaurateurin und College-Dozentin. Heute schreibt sie Romane, für die sie bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, und die unter ihrem Pseudonym Aimee Alexander Bestsellerstatus erlangten. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Dublin, wo sie regelmäßig von Sonnenschein und einem Leben ohne Kochen träumt.

Mehr über die Autorin erfahren Sie auf ihrer englischsprachigen Website: www.denisedeegan.com

Bei dotbooks veröffentlichte Denise Deegan auch ihre Irlandromane »Der Klang unserer Träume« und »Zwischen dir und mir der Himmel«.

***

eBook-Neuausgabe Juni 2020

Dieses Buch erschien bereits 2005 unter dem Titel »Der einzige Sonnenschein« in der RM Buch und Medien Vertrieb GmbH und 2020 unter dem Titel »Die Liebe, die uns bleibt« bei dotbooks.

Copyright © der englischen Originalausgabe 2004 by Denise Deegan

Die englische Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel »Time in a Bottle« bei Tivoli, an imprint of Gill & MacMillan Ltd, Dublin.

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2005 bei RM Buch und Medien Vertrieb GmbH

Copyright © der Neuausgaben 2019 und 2020 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/Benjam B, Natalia van D), Donegal Dreamer

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96148-722-6

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Der Himmel über Irland« an: [email protected] (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.instagram.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Denise Deegan

Der Himmel über Irland

Roman

Aus dem Englischen von Christine Naegele

dotbooks.

Kapitel 1

»KOMM, MAMA!«, RUFT Charlie und rennt vor mir her, während die roten Strahler an seinen Schuhen blinken. Schon ist er an der Tür und hüpft hoch, um die Klingel zu erreichen. Vergeblich. Er versucht es wieder und wieder, schließlich hebe ich ihn hoch. Na endlich.

»Charlie, es reicht, sie werden ja taub«, sage ich, während ich ihn wieder absetze.

»Wo ist sie denn?«, quengelt er. »Es dauert sooo lange. Du musst noch mal klingeln, Mama.« Ungeduldig hüpft er auf und ab. Ich bin versucht, noch einmal zu klingeln oder wenigstens durch die Buntglasscheiben zu spähen, mit denen die Tür eingerahmt ist, aber ich halte mich zurück.

Endlich öffnet sich die Tür.

Alles steht still, sogar die Geräusche. Ich halte den Atem an. In meiner Brust hämmert es. Dort steht er. Es ist fünf Jahre her. Aber er ist es. Was tut er hier? Bin ich im falschen Haus? Nein, ich habe mich ja am Tor vergewissert. Es ist das richtige Haus. Und er scheint hier zu Hause zu sein. Debbie Grace. Mein Gott – seine Tochter!

»Hallo?«, sagt er.

Diese Stimme.

Er hat keine Ahnung, wer ich bin. Gott sei Dank.

»Hallo«, erwidere ich und passe mich seinem Ton an, der klingt wie: Ich weiß zwar nicht, wer Sie sind, aber ich muss wohl höflich sein. »Ich wollte eigentlich zu Debbie. Ich bin Jenny, und das hier ist Charlie ...«

Er entspannt sich. Sein Lächeln zaubert kleine Fältchen auf sein Gesicht. »Ach, hallo. Natürlich, tut mir Leid.« Er kratzt sich hinterm Ohr. »Ich hatte ganz vergessen, dass es um das Babysitting geht. Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu lange warten lassen. Ich dachte, Sie sind eine von Debras Freundinnen, das ist meist der Fall, wenn es klingelt.« Er streckt die Hand aus, und mir bleibt nichts anderes übrig, als sie zu nehmen, sie zu berühren.

Ich überlebe es, und zugleich sterbe ich.

»Ich bin Simon Grace. Simon. Aber kommen Sie rein, kommen Sie rein.«

Charlie drängt sich an ihm vorbei. Der Geruch von Steak hängt in der warmen Septemberluft.

»Nein, lieber nicht, ich sehe, Sie essen gerade. Ich will nicht stören. Wir können im Auto warten. Komm, Charlie. Charlie!«

»Ich möchte auf keinen Fall, dass Sie im Auto warten. Bitte, kommen Sie herein, ich war gerade fertig mit dem Essen, als Sie geklingelt haben.«

»Aber nein, vielen Dank, wir können wirklich draußen warten.« Ich merke, wie ich mich von seiner Höflichkeit anstecken lasse, und fast muss ich lachen. »Es wäre sowieso ganz praktisch, wenn ich das Auto gleich umdrehen würde. Nein, wirklich!«

Er macht ein Gesicht, als ob er sich nicht schlüssig sei, ob ich es ehrlich meine oder nur höflich bin. Schließlich findet er sich damit ab. »Aber warten Sie bitte einen Augenblick.« Damit geht er, poltert die Treppe hinauf und ruft: »Debra! Komm runter, Jenny und Charlie sind hier!«, und verschwindet oben.

Charlie geht zur Treppe.

»Charlie, komm her!«, rufe ich leise. »Du kannst doch nicht einfach bei anderen Leuten im Haus herumlaufen, besonders wenn du sie gar nicht kennst.«

Er bleibt stehen und dreht sich um, seine Hand immer noch auf dem Treppengeländer. »Ich kenne Debbie«, sagt er.

»Ja, aber das Haus gehört ihrem Vater. Und den kennst du nicht.«

»Doch, er heißt Simon.«

Seufzend vergewissere ich mich, dass niemand kommt, dann gehe ich zu ihm, nehme ihn auf den Arm und kehre wieder in den Windfang zurück. »Wir werden hier warten«, sage ich entschieden, und er weiß, dass ich es ernst meine.

Schweigend warten wir, und ich denke darüber nach, wie wenig er sich verändert hat. Simon Grace. Er hat immer noch diesen zerstreuten Gesichtsausdruck, als ob er sich auf keinen Fall anmerken lassen wollte, dass man ihn eigentlich stört. Er wirkt größer und schlanker, als ich ihn in Erinnerung habe. Und ein bisschen nachlässig? Obwohl ein Fünf-Uhr-Bartschatten um diese Tageszeit bei einem so dunklen Mann wohl normal ist. Bei der Erinnerung an sein Gesicht empfinde ich eine Zärtlichkeit, die mich erschreckt, und ich muss mich zur Ordnung rufen. Seine Augen sind traurig – na und? Er wirkt stark und zugleich so verletzlich – na und?

Jetzt poltert es etwas leiser die Treppe herunter. Es ist Debbie.

»Tut mir schrecklich Leid, Jenny«, ruft sie mir entgegen. »Ich habe gerade mein Haar geföhnt und die Klingel nicht gehört. Hallo, Charlie«, sagt sie. Ihre Stimme ist höher, wenn sie mit ihm spricht.

»Hallo, Deb!« Er windet sich aus meinen Armen und läuft zu ihr. »Darf ich hereinkommen?«

Sie lächelt. »Natürlich.«

Er wendet sich zu mir um. »Siehst du«, sagt er.

Ich muss lachen. So ein Früchtchen! Den werde ich mir noch vorknöpfen. Debbie schließt ihn in die Arme und dreht sich mit ihm im Kreis. Charlie quietscht vor Vergnügen. Sie lacht, und ihr glattes schwarzes Haar hebt sich von den Schultern und fliegt wie in Zeitlupe um ihren Kopf. Sie hat seine Farben geerbt – das dunkle Haar, die helle Haut. Aber seine Augen sind blau. Debbie ist der Typ Mädchen, wie man sie aus den Toren der Privatschulen im Süden von Dublin kommen sieht, umringt von einer Schar Freundinnen, und alle mit Hockeyschlägern. Sie wirkt selbstsicher, fit und ausgeglichen. Ganz so, wie man sich eine Babysitterin wünscht. Sie setzt sich Charlie auf die Hüfte, pflanzt einen Kuss auf seine Wange und geht zur Tür. Dort dreht sie sich noch einmal um und wendet sich erst jetzt an ihren Vater, der sich höflich im Hintergrund hält und wartet, bis wir gehen.

»Warum hast du mich denn nicht gerufen?«, flüstert sie anklagend.

»Habe ich doch, Debra.«

»Aber offenbar nicht laut genug. Also, ich gehe jetzt.« Sie wendet sich zur Tür.

»Wann wirst du zurück sein?«, ruft er hinter ihr her.

Sie antwortet nicht, also sage ich: »Ungefähr um elf. Hoffentlich ist das nicht zu spät?«

»Nein, das ist schon in Ordnung, danke«, sagt er. Dann fügt er etwas unsicher hinzu: »Wir haben ja Wochenende.«

»Es wird nicht zu spät werden.«

»Ist gut«, sagt er. »Hast du deinen Schlüssel dabei, Debra?«

»Ja.« Ihr Ton drückt Ungeduld und leichte Gereiztheit aus. Sie geht hinaus, ohne sich noch mal umzusehen.

»Gute Nacht also, und viel Spaß«, versucht er es noch einmal. Keine Antwort.

Ich lächle zum Gruß, aber ohne ihn anzusehen, dann schicke ich mich an zu gehen. Es muss anstrengend sein, mit einem Teenager zu leben. Wenn sie so ist, wie ich damals war, dann ist es die Hölle für ihn. Aber ihre Mutter wird es wahrscheinlich noch schwerer haben. So war es jedenfalls bei meiner Mutter. Man merkt jedoch, dass er sich Mühe gibt. Mehr als meine Mutter, die mich nur immer spüren ließ, im Weg zu sein.

Ich höre, wie sich die Tür leise schließt, und vermute, dass Dr. Simon Grace, pädiatrischer Onkologe, froh ist, wieder seine Ruhe zu haben. Ich bin froh, dass er mich nicht erkannt hat, aber auch befremdet und – ja, ich gebe es zu – etwas enttäuscht. Aber schließlich ist es fünf Jahre her, und ich war ganz anders damals. Die eifrige kleine Spürnase, die Journalistin, die angefangen hatte, die Karriereleiter zu erklimmen, und vor nichts Halt machte. Kontaktlinsen, Stoppelhaarschnitt mit hellen Strähnchen, maßgeschneiderte Hosenanzüge und hohe Absätze, immer hohe Absätze. Nervös, aggressiv, seelenlos. Keine Ähnlichkeit mit der allein erziehenden Mutter, die freiberuflich ein wenig nebenher arbeitet, um die Rechnungen bezahlen zu können und nicht ganz aus der Übung zu kommen. Deren Haar, seit der Geburt ihres Kindes etwas vernachlässigt, ihr jetzt in natürlichen Wellen bis auf die Schultern fällt und sein ursprüngliches Rotbraun wiedergewonnen hat. Die nur zu gern Kontaktlinsen trüge, aber in Ermangelung der dazu notwendigen Zeit eine kleine, randlose Brille trägt. Die Kleider dieser Person sind lässig und ein wenig ausgefallen. Denn obwohl sie fünf Jahre älter geworden ist, zieht sie sich wie eine fünf Jahre jüngere Frau an. Hüftjeans, Poloshirts, abgewetzte Turnschuhe. Die bequemen Klamotten eines Menschen, der nichts beweisen muss, jedenfalls nicht mehr ... Und außerdem, fällt mir jetzt ein, hätte er mich als Jennifer Grey gekannt – der Name, unter dem ich schreibe – und nicht als Jenny Dempsey. Das ist mein richtiger Name, den jeder, auch seine Tochter kennt.

»Tut mir Leid«, bemerkt Debbie.

»Was?«

»Wegen meinem Vater.«

»Was meinst du?«

»Ach, ich weiß nicht.« Sie zuckt die Schultern. »Finden Sie ihn nicht ein bisschen steif?«

»Also ich finde ihn ganz nett«, sage ich zu seiner Verteidigung.

Sie schaut mich an, als ob ich nicht ganz zurechnungsfähig wäre. Ich muss lachen, dann öffne ich die hintere Tür meines klapprigen alten Minis, den ich innig liebe. Charlie klettert in seinen Kindersitz, und ich schnalle ihn fest.

»Setz dich hier hin, Deb, setz dich hier hin!«, schreit er in mein Ohr.

»Klar, Charlie«, sagt sie und lächelt mich an, als ob sie sagen wollte: »Ist er nicht süß«, und rutscht neben ihn auf den Sitz. »Wer ist denn das?«, fragt sie und hebt einen violetten Saurier mit grünem Bauch auf.

»Barney«, sagt er stolz. »Es gibt ihn nur in unserer Fantasie.«

»Oh, ich kenne Barney. I love you, you love me ...«, singt sie. Wenn ihr Vater sie jetzt sehen könnte ...

Ich steige vorn ein, und wir fahren los.

Ich stecke den Schlüssel in die Wohnungstür. Von innen schnüffelt und bellt der Hund, ich höre seine Klauen über den Holzfußboden tappen, dann an der Tür kratzen. Ich stelle mir die Kratzer vor, die er wieder macht, und beeile mich aufzuschließen. Er kommt herausgeschossen und springt an Charlie hoch.

»Runter, Sausage, runter«, sagt Charlie streng.

»Geh ruhig rein, Debbie. Der Hund lässt dich schon vorbei«, sage ich.

Als ich als Letzte den Flur betrete, stelle ich die Alarmanlage ab.

»Er ist nett«, sagt sie ein wenig unsicher und bückt sich zu dem Hund hinunter, um seinen Kopf zu streicheln. Man merkt, dass sie keine Hunde gewohnt ist, sie wirkt etwas zaghaft. Aber Sausage ist das egal, er ist dankbar für jede Zuwendung. Er springt hoch, um ihr Gesicht zu lecken. Sie lacht, steht aber auf und wischt sich mit dem Handrücken übers Gesicht. »Er ist ja sehr liebevoll. Was ist es für eine Rasse – eine Art Beagle?«

»Er ist eine Promenadenmischung«, erklärt Charlie voller Stolz. Der Blick, den Debbie mir zuwirft, sagt erneut: »Gott – ist er nicht eine Wonne?«, und der Blick, mit dem ich antworte, sagt: »Du solltest ihn erst mal von seiner anderen Seite kennen lernen.«

»Willst du Debbie die Wohnung zeigen, Charlie?«

»Okay, mach ich, Mama«, sagt er, indem er ihre Hand ergreift und sie ins Wohnzimmer zieht. »Komm, Deb. Wir haben einen super Fernseher.« Ich folge ihnen.

Debbie sieht sich um, dann wendet sie sich zu mir. »Es ist schön hier. Es muss toll sein, eine eigene Wohnung zu haben.«

»Vermutlich schon. Ich habe sie von meiner Oma geerbt. Sonst könnte ich sie mir nicht leisten.«

Die Wohnung befindet sich in einem dreigeschossigen Ziegelbau aus der Georgianischen Zeit, der in einer breiten, verschlafenen, baumbestandenen Straße steht. Wir wohnen im ersten Stock. Die Gegend hier in Glenageary gehört zu den besseren Adressen, daran werde ich jedenfalls täglich von meinem Redakteur erinnert, der mir das anscheinend nicht verzeihen kann jedenfalls gibt er sich den Anschein. Aber egal, wie Jack darüber denkt, ich beklage mich nicht. Es ist eine schöne Gegend, wenn man ein Kind hat. Sicher, im Grünen und nicht weit vom Meer.

Im ersten Stock ist es wunderbar hell, wenn das Licht durch die Erkerfenster fällt, die vom Fußboden bis zur Decke reichen. In jedem Fenster hängt ein Kristall, in dem sich die Sonnenstrahlen brechen und hier und da kleine Regenbogen auf Wände und Möbel werfen. Die Fußböden sind aus Holz und mit einigen farbenfrohen Teppichen bedeckt. Überall gibt es Blumentöpfe mit Pflanzen und Gräser, sodass die Wohnung fast wie ein kleiner botanischer Garten wirkt.

Hier wohne ich seit meiner Schwangerschaft. Meine Großmutter bestand darauf, dass ich bei ihr einzog. »Du brauchst ein Zuhause, Jen, nicht nur irgendeine Bleibe«, sagte sie mit einem leisen Seufzer und einem versonnenen Blick. »Stell dir das mal vor, Jen – ich als Urgroßmutter.« Und ich kam mir etwas weniger einsam vor. Ich fühlte mich willkommen, ja, in gewisser Weise sogar nützlich. Ich wusste, dass sie eine wunderbare Urgroßmutter sein würde. Ihr Herz war so groß. Und damals fing ich auch an, sie »Great« zu nennen, wogegen sie nichts hatte.

Nein, Einwände waren die Spezialität meiner Mutter. Als sie hörte, dass ich schwanger war, war von einem Zuhause nicht die Rede. Eigentlich war von gar nichts die Rede. Auf jeden Fall nicht in Form einer Unterhaltung. Eher als Monolog. Als ob ich nicht selbst schon gewusst hätte, dass ich erstens unverheiratet war, zweitens »das Kind« vaterlos sein würde und drittens meine Karriere »darunter leiden« würde. Zwar sagte sie es nicht, aber ich wusste auch so, dass es ihre größte Sorge war, wie sich die ganze Sache auf ihr Ansehen als Politikerin auswirken würde. Wo Irland so ein kleines Land ist. Wie oft habe ich diese sieben aneinander gereihten Wörter gehört? Wie oft in siebenundzwanzig Jahren? So oft, dass ich sie zu hassen gelernt habe, besonders, wenn sie von ihren verkniffenen Lippen kamen.

Aber zu Great zu ziehen war einfach großartig gewesen. Zwar war sie die Mutter meiner Mutter, aber innerlich waren sie so weit voneinander entfernt wie A und Z. Ich habe mich oft gefragt, wie Great es fertig gebracht hatte, eine so kalte, machthungrige (Untertreibung – aber genug der Adjektive) Ziege in die Welt zu setzen. Ich habe sie nie gefragt, ob es ihr Leid tat, dass sie kein engeres Verhältnis zu ihrer Tochter hatte – aber als ich Mutter wurde, wusste ich die Antwort.

In den Augen meiner Mutter war Great eindimensional. Sie sah in ihr nur eine potenzielle Peinlichkeit, eine politische Zeitbombe. Great sagte, was sie wollte und wann sie es wollte. Wenn es den Leuten, besonders den Politikern, nicht passte, hatten sie Pech gehabt. Deswegen hatte ich sie so gern. Ich liebte ihre Ehrlichkeit, die unverblümte Art, ihre Meinung zu sagen. Sie hätte nie versucht, sich bei Fremden einzuschmeicheln, um bei der Wahl ihre Stimme zu bekommen. Es war auch lustig mit ihr, und es ging so viel Wärme von ihr aus. Sie interessierte sich für alles und konnte sich für alles begeistern. Sie war die Mutter meiner Mutter. Aber bis auf die Tatsache, dass sie mich nicht geboren hatte, war sie eigentlich meine Mutter. Ich hätte mir gewünscht, dass sie ewig lebte.

Als ich einzog, ertrug sie meinen Nestbauinstinkt mit Fassung. Sie protestierte nicht einmal, als ich ihre Tapeten ablöste und die Wände weiß strich, als ich ihre Teppichböden herausreißen und den Fußboden darunter abschleifen und neu versiegeln ließ. Sie fand die Veränderungen schön, holte ihre Nähmaschine heraus und machte neue helle Schonbezüge für die Sofas. Dann gingen wir zusammen los und schafften uns den Zimmerwald an. Unser neues Leben fing an. Aber diese ganze Betriebsamkeit war meinerseits ein Selbstbetrug, ich wollte mich davon ablenken, dass ich mit dieser Schwangerschaft allein dastand. Wenn ich mich beschäftigte, würde ich es nicht vermissen, dass kein Mann seine Hand auf meinen Bauch legte, um die Bewegungen des Kindes zu spüren. Ich würde mich nicht nach jemanden sehnen, der sagte: »Das ist doch kein Name für einen Mann.« Ich würde mir nicht wünschen, dass jemand sagte: »Ja, Liebling, das Testament ist gemacht, die Pension ist sicher«, wenn ich plötzlich das Gefühl hatte, dass alles abgesichert sein müsste, festgezurrt wie für einen heraufziehenden Sturm. Ich würde nicht sehnsüchtig auf schwangere Paare blicken, die Händchen haltend und die Köpfe zusammensteckend ihre Zukunft planten. Es waren natürlich die Hormone, die an diesen Gedanken schuld waren (denn im Grunde bin ich ein sehr selbständiger Mensch), und ich musste etwas tun, um dem entgegenzuwirken – und das tat ich, indem ich Greats Wohnung ein neues Gesicht gab.

Ich hatte mir vorgenommen, mich etwas von meinem Sohn zu distanzieren, als man ihn mir an jenem frostigen Januartag auf den Bauch legte. Aber es war zwecklos. Ich kapitulierte augenblicklich. Wie hätte ich mich auch verschließen können gegenüber diesem kleinen Kerl mit den klarblauen Augen, die mich ansahen, als ob sie nach etwas suchten? Diese Art von Liebe war etwas völlig Neues. Sie traf mich mit voller Wucht, haute mich um und veränderte mein Leben von Grund auf

Wenn er sich schlecht benommen hätte, wenn er ein kleiner Tyrann gewesen wäre, hätte ich es vielleicht gelernt, ihn auf Distanz zu halten. Aber Schreien war einfach nicht seine Art. Er schrie fast nie und war sogar mit einer vollen Windel noch völlig zufrieden. Er lächelte früh und schlief mit acht Wochen die Nacht durch. Es war fast, als wollte er mich zwingen, ihn zu lieben.

Also entschloss ich mich, es auch richtig zu machen. Ich holte mir Rat bei den Experten. Ich stillte ihn, ich kuschelte, lachte, und schmuste mit dem neuen Mann, der in mein Leben getreten war. Als mein Mutterschaftsurlaub vorüber war, konnte ich nicht wieder fest arbeiten. Ich ging zu meiner damaligen Redakteurin, die zum Glück auch Mutter war, erklärte ihr meine Lage und wartete, ob sie einen Vorschlag machen oder mich entlassen würde. Es dauerte zwei Wochen und bedurfte einiger Verhandlungen, aber schließlich hatte sie genau die richtige Lösung für mich. Bisher war ich für das Medizinressort Korrespondentin gewesen, ab sofort sollte ich zu Hause eine Gesundheitsseite konzipieren und schreiben. Dafür nahm ich eine Gehaltsminderung in Kauf, was sich aber mit meiner veränderten Steuerklasse nicht allzu drastisch auswirkte. Ich hatte großes Glück, denn es passierte gerade zur richtigen Zeit. Die Redaktion der Zeitung plante schon seit einiger Zeit eine Seite über Gesundheit: Wir konnten nicht länger die einzige Tageszeitung des Landes (auch wenn es sich eher um ein Boulevardblatt handelte) ohne dieses Feature sein, das einen immer höheren Stellenwert einnahm.

Meine Redakteurin zielte also geradewegs auf die Achillesferse des Blatts und zerstreute die letzten Bedenken des Chefredakteurs damit, dass ich im Medizin- und Gesundheitsressort schließlich bereits einen Namen hätte. Sie setzte sich durch, und dafür bin ich ihr dankbar.

Ich war begeistert. Der Wechsel von den aktuellen Nachrichten zur redaktionellen Seite lag mir. Es passte zu meinen neuen Interessen, von der großen Politik zum kleinen Bäuerchen sozusagen. Gründliche Interviews, wirkliche Menschen mit wirklichen Schicksalen. Was ihnen widerfuhr und wie sie damit fertig wurden – das alles bedeutete mir weitaus mehr als kurze Meldungen, die jeden Tag durch neue Meldungen überholt wurden und damit der Vergangenheit angehörten.

Der Wechsel von den Nachrichten zum Feature bescherte mir einen neuen Redakteur. Anfangs war ich nicht sehr begeistert, denn ich arbeitete gern mit einer Frau zusammen. Ich kannte Jack durch meinen früheren Verlobten, der auch für die Zeitung schrieb, jedoch wusste ich nicht, wie es sein würde, mit ihm zu arbeiten. Aber er war wunderbar, gelassen und sehr ermutigend. Anfangs war ich sehr höflich und korrekt, aber im Laufe der Zeit stellte sich unser früheres kameradschaftliches Verhältnis wieder ein. Er ließ es sich sogar gefallen, dass man ihn ab und zu auf den Arm nahm, aber schließlich war er im Austeilen auch nicht zimperlich.

Ich arbeitete hauptsächlich abends. Die Leute mochten es ohnehin lieber, wenn ich nach der Arbeit vorbeikam, um sie zu interviewen. Und es passte auch mir gut, denn dann war Charlie im Bett und Great in ihre Kreuzworträtsel vertieft, von wo sie gelegentlich aufblickte und zufrieden lächelte. Es war nicht gerade ein wahnsinnig aufregendes Leben, aber Aufregung hatte ich genug gehabt.

Man sagt immer, dass Kinder viel Arbeit machen, aber ich habe es nie so empfunden. Es mag etwas platt klingen, aber ich behaupte dennoch, dass mein Leben durch Charlie einen Sinn bekommen hat. Manchmal denke ich, dass es mit Charlie eigentlich erst anfing. Doch als Great letztes Jahr starb, war ich völlig verzweifelt, ich fühlte mich unglaublich leer und hilflos. Aber ich hatte Charlie. Und er sorgte dafür, dass ich nach vorn blickte und mich aufs Wesentliche konzentrierte. Ich hatte meinen Jungen noch, und für ihn musste ich da sein.

»Willst du mein Zimmer sehen?« Charlies überschäumende Begeisterung unterbricht meine Träumerei.

»Klar«, sagt Debbie.

»Komm mit!« Er nimmt sie bei der Hand und zieht sie mit sich. Sausage will nicht zurückstehen, schwanzwedelnd und kläffend trabt er auch mit.

»Kinder, ich muss gehen!«, rufe ich.

»Okay, Mama, tschüs!«

»Kriege ich keinen Kuss?«

Er sieht Debbie an, dann mich. »Hab keine Zeit, Mama.«

»Na, dann werde ich dir wohl einen geben müssen, nicht?«

»Okay.«

»Zeigst du Debbie dann, wo alles ist?«, sage ich und drücke ihn an mich.

»Ja, mach ich.«

»Das ist lieb. Also bis später.« Ich gebe ihm einen Kuss auf die Stirn.

»Debbie, ich habe meine Handynummer aufgeschrieben und die Adresse, wo ich bin, falls es Probleme gibt.« Ich reiße die Seite vom Notizblock ab und gebe sie ihr. »Charlie darf noch eine halbe Stunde aufbleiben, dann muss er ins Bett. Ist das klar, mein Herr?«

»Okay, Mama. Du kannst jetzt gehen.«

»Also bis später.« Ich lache, um nicht zu zeigen, dass ich verletzt bin.

Ich gehe zum Auto, nervös mit dem Schlüsselbund rasselnd, und denke daran, wie schnell er groß wird. Er ist gerade in die Vorschule gekommen und hat sich binnen kurzem verändert. Er ist nicht mehr mein Baby, er wird eine eigene Persönlichkeit. Es ist gut für ihn, ich weiß es ja. Ich sollte mir keine Sorgen um ihn machen. Jeder Mensch muss erwachsen werden und sein Leben in die eigenen Hände nehmen. Charlie braucht Freunde, und es ist gut, dass er unabhängig wird. Ich hänge zu sehr an ihm, ich muss ihn langsam loslassen. Deshalb ist es gut, dass ich ausgehe, auch wenn ich eigentlich keine Lust dazu habe. Wann habe ich die Kollegen von der Zeitung zuletzt auf einen Drink getroffen? Es ist Jahre her. Ich habe keine Weihnachtsfeier mehr mitgemacht – weil ich es so wollte. Aber ich muss mein eigenes Leben weiterleben, genau wie Charlie seines auch lebt. Ich fühle mich in den eleganten Sachen aber gar nicht wohl und bedaure auch bereits, dass ich dieses Parfum aufgelegt habe, es passt nicht zu mir. Und außerdem, so vermute ich, ist es schon viel zu alt und hat seinen ursprünglichen Duft verloren.

Kapitel 2

ES IST EIN schäbiger Pub im Zentrum von Dublin. Er ist dunkel, authentisch und traditionell, ohne sich sonderlich darum zu bemühen. Die fast schwarze Mahagonitheke und die Hocker, die Spiegel, die vom Zigarettenrauch der Jahrzehnte gelb geworden sind, und die Ansammlung von typischem Pub-Kitsch der fünfziger Jahre, alles ist echt. Zwar ist der Boden nicht mehr mit Sägespänen bestreut – aber er könnte es ebenso gut sein. Immer noch dieselben alten Barkeeper, welche die ewiggleichen Drinks ausschenken. Hier gibt's keinen Bacardi-Breezer-Schnickschnack, lese ich ihre Gedanken. Nein, hier gibt's Guinness und noch mehr Guinness, und danach – und warum auch nicht – trinken wir ruhig noch ein Guinness!

Hier waren wir so oft, dass es fast unser zweites Büro war. Und deshalb sollte man doch meinen, dass ich mich hier heimisch fühle. Das tue ich aber nicht. Zum ersten Mal komme ich hier herein und zögere. Zum ersten Mal mache ich mir Gedanken darüber, worüber ich mit »diesen Leuten« reden soll. Zum ersten Mal denke ich daran, wie ich aussehe, und werde mir meines gesunkenen Marktwertes bewusst. Am liebsten würde ich mich auf dem Absatz umdrehen und nach Hause gehen.

Da entdecke ich Jack, und im gleichen Moment sieht er mich. Er hat sich nicht sehr verändert. Ein bisschen fülliger, dafür ein paar Haare weniger. Im Anzug, wie immer, aber nicht direkt, geschniegelt. Und jetzt, wo Feierabend ist, ganz entspannt. Sein vertrautes, offenes Lächeln beruhigt mich. Aber dann frage ich mich, ob er mich ähnlich kritisch mustert wie ich ihn. Ob er merkt, wie viel weniger sexy ich aussehe – was aber nicht heißt, dass ich für Jack besonders sexy aussehen will. Nur dass ich, na ja, vielleicht wenigstens nett aussehen möchte. Ich habe zwar ein Kind, aber deshalb muss ja nicht alles vorbei sein, oder?

Er steht auf und wartet, bis ich an den Tisch gekommen bin. »Wie geht's, Jen?« Er klopft mir leicht auf den Oberarm. Das ist der äußerste Beweis von Zuneigung, den ich oder sonst irgendein Mensch von Jack erwarten kann. Am Tisch sehen alle auf. Sie lächeln, nicken oder begrüßen mich mit »Hi, Jenny«. Einige machen alles zugleich. Wovor hatte ich mich gefürchtet? Schließlich kenne ich sie doch. Na ja, jedenfalls die meisten von ihnen. Die neuen Gesichter kommen mir sehr jung vor.

»Schön, dich wieder mal zu sehen«, fährt Jack fort. »Wie geht's dir? Setz dich.« Er nimmt einen Hocker und stellt ihn neben seinen. Die anderen rücken zusammen, um Platz zu machen.

»Danke, Jack.« Ich ziehe meine Jacke aus und setze mich, während ich meine Tasche an das Stuhlbein lehne. »Mir geht's wunderbar. Und dir?«

»Wie gewöhnlich. Und was trinkst du? Das Gleiche wie immer?«

»Nein danke, ich muss ja noch fahren. Aber eine Cola wäre schön.«

»Ach so, ja«, sagt er ein bisschen enttäuscht. Jack hat es gern, wenn man mit ihm mithält.

»Es ist super, dich mal wieder zu sehen, Jack«, sage ich und lege Begeisterung in meine Stimme. Ich möchte ihm zeigen, dass es mir nichts ausmacht – dass ich auch ohne Alkohol ein fröhlicher Kumpel sein kann. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich es auch schaffe. Er tätschelt wieder meinen Arm, steht auf, murmelt etwas Unverständliches und bahnt sich einen Weg durch die Menge zur Bar.

Ted, ein ehemaliger Kollege, oder besser gesagt ein Rivale, sitzt auf der anderen Seite von mir. Wir hatten zur gleichen Zeit angefangen und beäugten uns unaufhörlich, jeder mit dem Ziel, dem anderen möglichst einen Schritt voraus zu sein. Ich vermute, er muss insgeheim sehr erleichtert gewesen sein, als ich aus dem Rennen war, zumal er meinen Posten bekam.

»Hallo, Ted.«

»Jenny, wie geht's dir?«

»Nicht schlecht, und dir?«

»Gut.«

»Der Artikel, den du da gestern über den Untersuchungsausschuss geschrieben hast, ist dir wirklich gelungen.« (Na ja, so gut war er auch wieder nicht.)

»Du liest uns also immer noch?«

»Schließlich schreibe ich immer noch für die Zeitung, Ted.«

»Na ja«, sagt er in einem Ton, in dem anklingt, dass freiberufliches Schreiben nicht wirklich vergleichbar ist mit dem Job eines Redakteurs.

Ich wende mich zur anderen Seite.

Brenda, die Filmbesprechungen schreibt, lächelt mir über den Tisch hinweg zu. »Hallo, du treulose Tomate«, sagt sie.

Wir unterhalten uns über About Schmidt, worüber sie gerade die Besprechung schreibt. Das heißt, sie redet darüber. Ich habe den Film nicht gesehen. Früher ging ich regelmäßig ins Kino, während Great bei Charlie blieb. Damit muss ich wieder anfangen, jetzt, wo wir Debbie haben. Aber nein, ich muss mir einen anderen Babysitter suchen. Ich kann es nicht riskieren, Simon Grace wieder zu begegnen ... typisch, gerade jetzt, wo ich dachte, ich hätte alles gelöst. Es hat lange gedauert, bis ich Debbie fand. Wenn Charlies Rektorin nicht gewesen wäre, suchte ich womöglich immer noch. Ja, ich werde wohl von neuem anfangen müssen. Ich kann es kaum glauben, was für ein Pech ich habe. Nach fünf Jahren muss ich ihm wieder begegnen .

»Gott, es geht zu wie in einem Irrenhaus da vorn«, sagt Jack. »Wenn wir keine Stammgäste wären, würde ich immer noch warten. Hier, Jen, zum Wohl.«

»Danke, Jack. Prost!«

»Sláinte.« Er stößt mit mir an, hält sein Glas einen Moment hoch, dann nimmt er einen langen Zug von seinem Guinness. »Was gibt's Neues?«, fragt er und wischt den Schaum mit dem Jackenärmel von der Oberlippe.

»Neues? Eigentlich nichts. Lass mich mal nachdenken ...« Und dann fällt es mir ein – die einzige aufregende Neuigkeit, die ich habe. »Charlie ist in die Vorschule gekommen.«

»Oh, wie toll. In die Schule, soso, großartig. Das ist schnell gegangen, nicht wahr?«

Man merkt, es ist nicht seine Art von Thema. Er lächelt das Lächeln des toleranten Priesters, der den kleinen Sünden seiner Schäfchen zuhört – den kleinen, uninteressanten wie Lügen und Fluchen.

Ich muss lachen. »Jack, du schläfst gleich ein.«

»Tue ich nicht.« Er ist entrüstet.

»Jack.«

»Okay, du hast schon Recht. Ich habe mit Kindern nicht viel am Hut ... Aber deine Seite ist wirklich gut«, versucht er es jetzt.

Und das ist jetzt für mich langweilig. Ich will nicht über die Arbeit sprechen. Gut, es ist meine Seite, und es macht mir sogar Spaß, aber muss ich mich deshalb darüber unterhalten? Früher war ich nicht so. Aber jetzt sehne ich mich nach meiner Wohnung, nach dem Frieden dort, nach der Stille, wenn Charlie schläft. Nach meiner Kaffeemaschine, meiner kuscheligen Decke und dem Roman, den ich mir gerade gekauft und noch nicht ausgepackt habe. Nach meinem CD-Spieler, der nur darauf wartet, dass ich A Rush of Blood to the Head einlege. Wie Dorothy im Zauberer von Oz würde ich jetzt gern meine Hacken zusammenschlagen und wieder zu Hause sein. Aber meine Schuhe sind nicht rot, und ich wohne nicht in Kansas.

Ich bemerke einen Hut, der sich im Zickzack über die Menge hinweg bewegt. Er sieht aus wie aus einem Kinderbuch von Dr. Seuss, ein etwas zu hoch geratener Zylinder, der auf einer Seite eingedrückt ist und einer schiefen Ziehharmonika ähnelt. Und was noch verrückter ist, er ist schwarzweiß gefleckt wie eine Kuh und aus einem langhaarigen Zottelstoff, ähnlich wie das Krümelmonster. Die Menschenmenge teilt sich, und mit einem Schreck stelle ich fest, dass ich die Hutträgerin kenne. Einen Augenblick lang denke ich daran, mich zu verstecken. Aber sie hat mich schon gesehen. Gerade als ich dachte, dass der Abend schlimmer nicht mehr werden könnte. Es ist Jane. Wie um Himmels willen hat ausgerechnet sie den Job als Modekorrespondentin bekommen? Und was macht sie hier? Es müsste sie doch »ganz furchtbar stressen«, sich hier herumzutreiben, in dieser für sie so ungewohnten Umgebung. Ihre Augen haben sich zu Untertellergröße geweitet – plötzlich scheint sie ein Ziel zu haben, einen Grund für ihr Kommen. Der bin ich. Das ist es also! Sie wusste, dass ich hier sein würde, und möchte den neuesten Klatsch hören. Sie versucht eine Art königliches Winken und kommt auf mich zugestakst.

»Hi, Jenny!«, ruft sie mit einer quietschenden Stimme. »Wie schön, dich wieder zu sehen. Jack, du entschuldigst doch?«, schnurrt sie. »Kann ich mich hier noch dazwischenquetschen? Ich muss einfach etwas mit Jenny plaudern. Du weißt doch, wie es ist!« Sie klappert mit den Wimpern und macht einen Schmollmund, was bei ihm jedoch vergebliche Mühe ist. Er brummt etwas und rückt mit seinem Hocker zur Seite. Ich werfe ihm stirnrunzelnd einen Blick zu, er weiß, dass ich sie nicht ausstehen kann. Aber er zuckt die Schultern, als ob er sagen wollte: »Was kann ich schon dagegen machen?«, um sich dem Bildredakteur auf seiner anderen Seite zuzuwenden; wahrscheinlich ist er erleichtert, dass das wenigstens ein Mann ist.

»Jenny, wie geht es dir?« Wie zwei alte Freundinnen, die nach einer Trennung unter tragischen Umständen endlich wieder vereint sind.

»Gut, Jane. Und dir?«

»Oh, suuuper.« Sorgenfalten erscheinen auf ihrer Stirn. »Du siehst blass aus, Schätzchen. Wahrscheinlich kriegst du mit deinem Sohn nicht genug Schlaf, nicht wahr? Wie heißt er gleich, der kleine ...«

»Er heißt Charlie, und nachts schläft er, genau wie alle Vierjährigen.«

»Wie süüüß ... aber leidest du ein wenig unter Blutarmut, könnte das sein?«

Ich könnte sie mit Vergnügen umbringen.

»Und wie geht es Dave?«

Dave, mein früherer Verlobter. Auf den sie ein Auge geworfen hatte. Ich hatte schon darauf gewartet, wie lange sie brauchen würde, um auf dieses Thema zu kommen.

»Er hat jetzt wirklich einen Namen, seit dem 11. September, nicht wahr?«, schwärmt sie.

»Ich glaube, so würde er es nicht sehen«, sage ich kurz angebunden. Dave berichtete über die Ereignisse am 11. September. Er wurde dafür ausgezeichnet, aber damit hatte er natürlich nicht gerechnet. »Er hat es nicht getan, um Karriere zu machen, Jane.«

Ich sehe sein Bild, das die Berichterstattung begleitete, wieder vor mir. Wie ein Amerikaner hatte er ausgesehen. Gar nicht wie der Dave, den ich kannte. Komisch, wie man beabsichtigen kann, den Rest seines Lebens mit jemandem zu verbringen, und wie sich dann alles so verändern kann, dass diese Pläne in der Zukunft eines Menschen überhaupt keine Rolle mehr spielen. Oder in der Gegenwart. Auch wenn man noch nichts sagende Geburtstags- und Weihnachtsgrüße austauscht, denn die zählen nicht. Ein Ereignis, aber es genügte, dass alle unsere Pläne sich in Luft auflösten. Pläne, die so fest, so sicher schienen, Pläne, an denen ich nie gezweifelt hatte. Ich hoffe, er ist jetzt glücklich, er verdient es. Vielleicht hat er jemand anderes gefunden. Jemanden, der nicht wieder alles zunichte macht.

Bis halb elf bleibe ich noch, dann gebrauche ich die Ausrede vom neuen Babysitter. Ich hatte gewusst, dass es kein guter Einfall gewesen war. Ich muss mir eine andere Unterhaltung suchen. Vielleicht sollte ich einfach wieder allein ins Kino gehen, so wie früher.

Kapitel 3

WIR TRÖDELN DEN Weg zur Schule hinauf, genau wie ich es als Kind immer tat. Charlie lässt keine Pfütze aus, ich bewundere den Flickenteppich aus gelben, orangefarbenen, rostbraunen und weinroten Blättern. Es hat aufgehört zu regnen, und die Sonne blinzelt hinter einer großen, weißen, typisch irischen Wolke hervor. Soll ich hervorkommen oder nicht?, scheint sie zu überlegen. Ich liebe den September mit seiner klaren Luft, dem wunderbaren Licht und den fröhlichen Farben. Charlie fängt an zu rennen, seine Schultasche mit der Aufschrift Monsters Inc. hüpft auf seinem Rücken auf und ab.

»Dara, Dara, warte!«, ruft er, und ich frage mich, seit wann er sich diese amerikanische Aussprache angeeignet hat. Mit seiner dunkelblauen Uniform und dem typischen Haarschnitt eines Schulanfängers, den ich ihm unnötigerweise verpassen ließ, ist auch der letzte Rest von Baby an ihm verschwunden. Verschwunden sind die unschuldigen blonden Löckchen, einfach abgeschnitten, um dunklerem, glatterem Haar Platz zu machen. Erwachsenem Haar. Ich weiß, es war ein Fehler. Und ständig werde ich gefragt: »Was ist denn mit seinen Haaren passiert?« Wie ich es hasse, immer wieder daran erinnert zu werden! Von Leuten im Geschäft, von Nachbarn, von Leuten, die ich nicht einmal kenne. Als ob ich einen Engel verschandelt hätte.

An der Klassentür hole ich ihn wieder ein und helfe ihm mit der Schultasche und dem Mantel. Das orange Mantelfutter ist noch ganz warm von ihm. Ich bleibe damit zurück, während er hinüberrennt und die Arme um seinen neuen Freund legt.

»Ach, hau ab«, sagt Dara. Ein großer Bengel, mindestens fünf mit messerscharfem Stoppelhaarschnitt.

Die beschützende Mutter in mir würde am liebsten ihm sagen, dass er abhauen solle.

»Ich wollte dich doch nur umarmen«, sagt Charlie verwirrt.

»Will ich nicht. Das machen nur Babys.«

»Oh.« Charlies Mund verzieht sich, und ich fürchte schon, dass er anfängt zu heulen. Aber nein, er kommt schon zurecht. Mein tapferer Junge. Ich überlege, ob ich die Lehrerin bitten soll, die beiden zu trennen, aber dann sage ich mir, dass es besser ist, sich nicht einzumischen. Vielleicht könnte ich ihn wieder mitnehmen? Nur heute. Wir könnten an den Strand gehen. Nimm dich zusammen, Jenny.

Charlie versucht, einen anderen Jungen zu umarmen, und bekommt die gleiche Abfuhr. Ich hätte ihn doch erst in den Kindergarten schicken sollen. Hier wird er abgehärtet. Ich will aber nicht, dass er abgehärtet wird.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagt seine Lehrerin leise zu mir, als ob sie mir ein Geheimnis anvertrauen wollte. »Er wird schon fertig damit. Bis später also.«

Ich soll also gehen.

»Tschüs, Charlie!«, rufe ich ihm zu und winke. Er sieht aus wie eine kleine verlorene Boje, die auf einem Meer von fremden Gesichtern treibt. Ich gehe noch mal hinüber zu ihm und flüstere ihm zu: »Mein Schatz, immer wenn du jemanden umarmen möchtest, kannst du zu mir kommen, verstanden?«

»Ist okay, Mama«, sagt er und versucht, tapfer zu klingen.

Ich gehe und bemühe mich ebenfalls, tapfer zu sein. Die Tränen laufen mir übers Gesicht, als ich den Korridor entlanggehe. Bisher habe ich ihn immer beschützen können, jetzt ist er auf sich selbst gestellt.

»Keine Sorge, in ein paar Wochen wird er sich hier wohl fühlen«, sagt eine erfahrene Mutter, die mit ihrer Kinderschar ankommt.

»Danke«, murmele ich und zwinge mich zu einem Lächeln. Ich denke an Great – bitte sie inständig, ihn zu beschützen, von dort, wo sie jetzt ist.

Ich war nie fromm. Man kann nicht ernsthaft eine Rebellin sein wollen (darüber später mehr) und gleichzeitig eine gute Katholikin sein. Aber ... als Great starb, passierte etwas. Etwas, das mir das Gefühl gab, dass es vielleicht doch noch etwas anderes gibt, das nicht alles einfach aufhört, wenn unser Herz aufhört zu schlagen. Als Great im Krankenhaus starb, war ich bei ihr. Und es passierte Folgendes: Ihr Zimmer füllte sich mit einem Rosenduft, der einem fast den Atem nahm, obwohl keine Blumen da waren. Der Kaplan bemerkte es ebenfalls. Er fragte mich nur, ob sie »eine besondere Verehrerin der Kleinen Blume« gewesen sei. Der heiligen Thérèse von Lisieux, wie er unnötigerweise hinzufügte.

»Ja, ja, die hat sie sehr geliebt«, sagte ich überrascht. Das wusste ich genau, denn ich hatte sie oft genug damit geneckt. Er nickte, als ob damit alles erklärt gewesen wäre.

»Was meinen Sie damit?«, fragte ich und vergaß darüber das übliche »Vater«.

»Das passiert oft, wenn Verehrerinnen der Kleinen Blume sterben.«

»Dieser Rosenduft?«

Er nickte, als ob es weiter nichts Besonderes sei.

Für mich jedoch war es etwas Besonderes. Für mich war es ein Zeichen, eine Botschaft. Damit ließ sie mich wissen, dass sie noch da war. Dass sie sich auch weiterhin um Charlie und mich kümmerte. Aber da war noch etwas. Es dauerte Monate, bis der Rechtsanwalt Ordnung in ihren Nachlass gebracht hatte. Eines Morgens wurde ich zu ihm gebeten, um einige Dokumente zu unterschreiben. Als ich das Datum neben meine Unterschrift setzte, fiel mir auf, dass es der Geburtstag von Great war. Es traf mich wie ein Schlag. Hatte sie vielleicht diesen Tag gewählt, damit das Erbe eine Art Geburtstagsgeschenk wurde?

Und immer wenn ich jetzt Charlie morgens zur Schule bringe, spüre ich, wie sie neben uns geht. »Mach dir keine Sorgen, es wird alles gut. Ich behalte ihn im Auge«, sagt sie.

Ich hole also tief Luft und überlasse ihn ihr.

Den Morgen verbringe ich damit, verschiedene Leute über Krankheiten zu interviewen, die durch Geschlechtsverkehr übertragen werden, und versichere ihnen, dass ich ihre richtigen Namen nicht nennen werde.

Als es Zeit ist, Charlie von der Schule abzuholen, muss ich mich zusammenreißen, damit ich nicht den ganzen Weg bis zur Schule renne.

Und womit begrüßt er mich?

»Kann ich zu Dara gehen?«

Auch ich freue mich, dich zu sehen, Schatz.

»Ich weiß nicht, Charlie. Wir müssen erst mal mit seiner Mama reden.« Die eine Mörderin sein könnte. Innerlich beglückwünsche ich mich zu diesem Einfall – vielleicht werden wir sie nie treffen, wenigstens für ein paar Wochen nicht, und dann sind die beiden womöglich längst verkracht.

»Hi, Sie müssen Charlies Mutter sein! Ich heiße Mary ...«, sagt eine hübsche Brünette, vielleicht Mitte dreißig, die neben uns steht und darauf wartet, dass ihr Kind herauskommt, »... Daras Mutter.«

Sie hat ein nettes Lächeln.

»Oh, hallo. Ich bin Jenny.«

»Dara quengelt dauernd, ob Charlie mal zu ihm kommen darf.«

»Ach so.«

In dem Moment kommt Dara aus der Tür geschossen. »Hi, Mama!«, ruft er. »Hast du Sharlies Mama schon gefragt?«

Du lieber Gott, »Sharlie«. Aber vielleicht ist er ja gar nicht so schlimm.

»Das wollte ich gerade.« Sie sieht mich vielsagend an und zieht die Augenbrauen hoch. »Er hat drei ältere Brüder, die ihm das Leben schwer machen. Er würde so gern einen Freund in seinem Alter zum Spielen haben.«

»Ach so, ja ...«

»Aber wenn Sie etwas anderes vorhaben ...«

»Bitte, Mama, bitte. Ich bin sein allerbester Freund«, bettelt Sharlie.

Warum hat er sich nicht den ruhigen Jungen mit der Brille ausgesucht? Ich weiß nicht. Mary scheint ganz nett zu sein. Die großen Brüder sind vielleicht eine Erklärung für seine »Reife« und möglicherweise auch den Haarschnitt ...

»Bitte ...«

»Okay.«

»Heute?«

Ach Mensch.

»Wenn es Ihnen nicht passt ...«, sagt Mary.

»Nein, nein, es ist in Ordnung. Wenn Sie sicher sind, dass es Ihnen passt.«

»Es passt wunderbar. Phil, mein Mann, hat heute frei, da kann er sich für die beiden ein bisschen Zeit nehmen.«

Ich habe kein gutes Gefühl im Bauch. Ich kenne diese Leute doch gar nicht. Sie gibt mir ihre Adresse, die Telefonnummer und die Nummer von ihrem Handy. Ich gebe ihr meine und Charlies Autositz. Ist sie auch eine gute Fahrerin? Das ist mein Kind, mit dem sie da losfährt.

»Ich hole ihn in einer Stunde ab«, sage ich.

»Aber dann haben sie doch gerade erst angefangen zu spielen.«

»In Ordnung, dann in zwei Stunden – das dürfte reichen. Er macht das zum ersten Mal, wissen Sie. Er wird sicher müde werden.«

Ich sehe zu, wie sie lebhaft plaudernd losziehen. Ab und zu macht Charlie einen Hüpfer, das tut er, wenn er aufgeregt ist.

Ich komme natürlich zu früh. Mary bittet mich herein. Im Wohnzimmer liegt ein ausgewachsener Mann mit zwei Jungen auf dem Boden, einer davon ist meiner. Lautes Gelächter erklingt.

»Wir sind noch nicht fertig, Mama!«, ruft Charlie, der gerade auf den Rücken von Daras Vater springt. »Ich mach dich fertig, du Schuft!«, brüllt er. Es überrascht mich, dass er mich überhaupt bemerkt hat. Gegen meinen Willen muss ich lachen.

»Das ist Phil«, sagt Mary.

Ihr Mann winkt mir vom Fußboden her zu, gerade als er wieder ein Kissen an den Kopf bekommt.

»Auf Kommando, los«, schreit mein Sohn?

Dara merkt, wie ich zögere. »Trink doch erst mal Tee«, schlägt er mit einem Charme vor, den ich ihm nicht zugetraut hätte. Eine klare Verzögerungstaktik.

Lächelnd sehe ich zu Mary. »Wo hat er diesen Trick denn gelernt?«

»Wo er alles herhat – von seinen Brüdern. Kommen Sie in die Küche, da haben wir einen Augenblick Ruhe«, sagt sie lachend.

»Störe ich Sie auch nicht? Sie müssen sich doch bestimmt ums Abendessen kümmern?«

»Nein, ich werde gleich eine Pizza in den Backofen schieben, und das, fürchte ich, ist alles. Das mögen sie am liebsten, und ich habe es satt, mich mit ihnen zu streiten.«

»Sie machen so einen wunderbar ruhigen Eindruck.« Dabei geht es zu wie im Irrenhaus.

Sie lacht. »Eine Kunst, die ich lange geübt habe. Mit vier Jungen musste ich mir das Aufregen abgewöhnen.«

»Dann ist es für Sie sicherlich leicht gewesen, als Dara in die Vorschule gekommen ist.«

»Ja, es hat mir nichts mehr ausgemacht. Und er konnte es auch gar nicht mehr erwarten. Er ist nicht gern der Jüngste, deshalb wollte er unbedingt zur Schule. Aber Charlie scheint sich auch gut eingelebt zu haben.«

»Das hat er. Die Einzige, die sich Sorgen macht, bin ich«, sage ich halb im Scherz.

»Es ist nicht leicht loszulassen, nicht wahr? Mein Gott, wenn ich noch an James, meinen Ältesten, denke – ich war die ganze erste Woche in Tränen aufgelöst.«

»Sie auch? Gott sei Dank!«

»O ja, ich habe mich benommen wie eine arme Irre. Phil hat mich schrecklich ausgelacht.«

Jetzt ist der Punkt in unserem Gespräch gekommen, wo ich selbstverständlich Charlies Vater erwähnen müsste. Wie er über Charlies Schulanfang denkt. Das passiert mir dauernd. An dieser Stelle erwidere ich stets mit dem stillen Lächeln, das ich inzwischen perfektioniert habe. So auch jetzt.

Sie fragt nicht, und dafür bin ich ihr dankbar. »Man kann es nicht aufhalten, dass die Kinder allmählich groß werden, nicht wahr?«, bemerkt sie stattdessen, »Ich nehme an, man sollte sich einfach über die freie Zeit freuen und versuchen, sie nach besten Kräften zu nutzen.« Sie zuckt die Schultern.

»Ja.« Ich seufze. »Ja, das stimmt wohl.«

»Sie werden sich daran gewöhnen«, lächelt sie. »Das verspreche ich Ihnen.«

Wir verbringen eine gemütliche halbe Stunde plaudernd in der Küche, während die Männer fortfahren, sich gegenseitig umzubringen.

Nach dem Waschen und Zähneputzen duldet Charlie es, dass ich ihn in sein Zimmer trage, obwohl seine Beine völlig in Ordnung sind. Seine Pu-der-Bär-Dekoration erscheint plötzlich etwas sehr kindlich für einen Jungen, der gerade Barney, seinen lebenslangen Gefährten, in die Spielzeugkiste verbannt hat, nachdem er von Dara erfahren hat, dass der Saurier »Babykram« ist. Wie schwierig wird es sein, die Pu-der-Bär-Aufkleber abzulösen, um sie durch das zu ersetzen, was momentan für Vierjährige cool sein mag? Ich bin ganz sicher, dass ich das bald erfahren werde.

»War es schön bei Dara?«, frage ich nach der Gutenachtgeschichte.

»Es war supertoll.«

»Was habt ihr denn gemacht?«

»Wir haben das beste Spiel von der ganzen Welt gespielt.«

Das ist wieder mein alter Charlie.

»Habt ihr auch mit Daras Brüdern gespielt?«

»Nein. Meistens mit seinem Papa ... der ist verrückt.«

»So?«

»Ja, der spielt so viele verrückte Spiele mit uns.«

»Ich freue mich, dass du so viel Spaß hattest.«

»Mama?«

»Ja, Charlie?«

»Warum hab ich keinen Papa?«

Jahrelang habe ich mich auf diese Frage vorbereitet, und trotzdem bin ich noch nicht darauf gefasst. Ich hole tief Luft.

»Du hast einen Papa, Charlie.«

»Wo ist er denn?«

»Das weiß ich nicht so genau.«

»Warum? ... Warum ist er nicht hier, bei uns?«

»Er hat sein eigenes Leben, Schätzchen.«

»Ich will aber einen Papa«, quengelt er.

»Ich weiß, Charlie.«

»Können wir ihn nicht anrufen und ihm sagen, dass er uns mal besuchen soll?«

»Das ist nicht so einfach, Herzchen.«

»Warum nicht?«

»Weil er viele andere Dinge zu tun hat.«

»Will er nicht mit mir spielen?«

»Das ist es nicht.«

»Was ist es dann?«

»Er hat viel zu tun.«

»Hat er überhaupt keine Zeit zum Spielen?«

O Gott.

»Liebling, vielleicht ist er nicht einmal in Irland. Ich weiß gar nicht genau, wo er im Moment ist. Es tut mir Leid. Aber weißt du was? Vielleicht können wir Dara nächste Woche hierher einladen, was hältst du davon?«

»Okay, können wir machen.« Er hat den Kopf gesenkt und kratzt sich an einem Schorf am Knie.

»Komm mal her.« Ich nehme ihn auf den Schoß. »Ich glaube, wir müssen uns mal ganz fest drücken.«

»Mag nicht«, sagt er.

Kapitel 4

ICH LIEGE IM warmen Schaumbad und lehne mich zurück gegen das weiße Email der Badewanne, meine Augen sind geschlossen, meine Gedanken weit weg. Das Telefon klingelt. Ich setze mich auf, und mein Gehirn springt an. Das muss die Frau sein, die ich wegen der Bauchhöhlenschwangerschaft interviewen muss. Ich greife mir ein Handtuch und sprinte in den Flur, während ich es mir um den Körper schlinge. Wenn ich nach dem vierten Mal Klingeln noch nicht rangegangen bin, schaltet sich der Anrufbeantworter ein.

Es ist wichtig, dass ich diese Anrufe entgegennehme. Es ist schwer, Leute zu finden, die gewillt sind, sich wegen ihrer Krankheiten interviewen und auch noch fotografieren zu lassen. Es wäre zu riskant, von ihnen zu erwarten, dass sie eine Nachricht hinterlassen, möglicherweise würden sie sich dann nicht mehr melden. Also riskiere ich lieber eine kleine Unannehmlichkeit wie zum Beispiel mich zu Tode zu frieren, als dass mir das Interview durch die Lappen geht. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich meine Fragen stelle, indem ich bis auf ein Handtuch nackt dastehe, während mir kaltes Wasser aus den Haaren tropft und an der Nase herunterläuft. Ich habe nackt, halbnackt, im Schlafanzug und in Halloween-Verkleidung Interviews gemacht. Alles geht – außer Sex. Ich habe noch nie ein Interview gemacht, während ich Sex hatte. Das könnte etwas schwierig sein. Besonders, da ich seit fünf Jahren keinen Sex mehr hatte. Mein Gott, fünf Jahre. Wie traurig ...

Aber ich schweife ab. Zurück zu meiner Gesundheitsseite. Eine wöchentliche Seite über Gesundheit bedeutet, dass man immer mit einer Frist arbeitet. Fristen! Sie sind so unbarmherzig. Aber irgendwie habe ich es geschafft, keine zu verpassen. Noch nicht. Wenn Jack wüsste, wie knapp es manchmal ist ... Aber ich danke Gott fürs Internet. Das hat mich schon mehr als einmal gerettet.

Es ist nicht die Frau. Es ist Mary.

»Ich würde schrecklich gern About Schmidt sehen, aber Phil mag Jack Nicholson überhaupt nicht. Ich habe schon den Film mit Mel Gibson verpasst – wie heißt er gleich? Ich weiß nicht mehr – der mit den Aliens. Phil mag nämlich Mel Gibson auch nicht. Sie könnten Charlie zu uns herüberbringen, wenn Sie keinen Babysitter haben. Es würde Phil nichts ausmachen ...«

»Ich würde sehr gern mitkommen. Und kein Problem, ich habe eine Babysitterin.« Mir kommen leise Zweifel – wollte ich nicht den Babysitter wechseln ...

»Wunderbar. Und welcher Abend wäre Ihnen recht?«

»Ich weiß nicht – mein gesellschaftlicher Terminplan quillt über mit Eintragungen.« Ich lache, denn woher sollte sie wissen, dass das Gegenteil der Fall ist: Sie könnte meine Bemerkung ernst nehmen. »Ich könnte eigentlich an jedem Abend, aber ich muss mich mit dem Mädchen absprechen. Freitag wäre vielleicht am besten – ihr Vater hat es nicht gern, wenn es unter der Woche zu spät wird. Und vielleicht könnten wir danach noch irgendwo auf einen Drink hingehen?«

»Das wäre super. Okay, wir sehen uns ja sowieso noch in der Schule.«

»Ja, in Ordnung, also bis dann.« Ich bin froh, dass ich kein Interview machen musste, sonst hätte ich mir womöglich eine Lungenentzündung geholt.

Ich lasse das Handtuch fallen und ziehe es mit dem Fuß am Boden entlang, wobei ich die Pfützen aufwische, die ich auf meinem Weg zum Telefon hinterlassen habe. Im Badezimmer werfe ich es in den Wäschekorb und gleite ins Wasser zurück. Mit dem Fuß öffne ich den Warmwasserhahn und lasse das heiße Wasser fließen, bis ich es fast nicht mehr ertragen kann. Ich fange an zu summen. Ich gehe aus, und ich möchte, dass alle Welt es erfährt ...

Meine Mutter erscheint in den Abendnachrichten. Ich bin versucht, auf einen anderen Kanal umzuschalten. Aber so sehr ich es auch möchte, irgendetwas hält mich davon ab. Das passiert mir immer. Was ist es? Neugier? Der Wunsch, sie im Auge zu behalten? Ich weiß es nicht. Die heutige Neuigkeit über sie: Als sie auf dem Weg zu einer ihrer Bürgersprechstunden war (vom chauffeurgesteuerten Auto bis zur Tür), riss der Sturm ein Wahlplakat herunter, von dem Ministerin Dempsey »mit voller Wucht« am Kopf getroffen wurde. Und nicht irgendein Plakat, nein, es war das des Gegenkandidaten von der letzten Kommunalwahl. Leider gibt es keine Live-Aufnahmen des »Zwischenfalls«. Stattdessen wird noch mal ein Stück Film gezeigt, in dem Mutter von Haus zu Haus geht, um für ihren Parteikollegen Stimmen zu sammeln. Es folgt ein kurzes Interview mit Ministerin Dempsey aus dem St. Mary's Hospital – o Gott, wie melodramatisch –, wo sie mit verbundenem Kopf witzelt, dass die Opposition wieder mal ihre miesen Tricks angewendet. habe. Hahaha, der Interviewer lacht. Und die ausgefuchste Fernsehdarstellerin ist in ihrem Element. Die »leichte Gehirnerschütterung« ist nichts weiter als ein PR-Gag. Augenscheinlich genießt sie das Trara um ihre Person, das ihr bestimmt wieder Sympathien einbringen wird, die man bunkern und bei nächster Gelegenheit reaktivieren kann. Währenddessen macht sie uns alle auf die Versäumnisse der anderen Seite aufmerksam, nämlich dass sie es nicht gerade eilig hatten, ihre Wahlplakate zu entfernen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie das Ganze selbst eingefädelt hätte. Wenn ich nicht ihre Tochter wäre, könnte ich ihre Erfindungsgabe vielleicht bewundern.

Aber ich bin ihre Tochter. Die Tochter, an die sie nie geglaubt hat. Die Tochter, die nie gut genug war. Die Tochter, die Journalistin wurde statt Rechtsanwältin, Ärztin oder sonst etwas Prestigeträchtiges, wie Mami es wollte. Die Tochter, der sie nicht zugetraut hatte, eine Stelle zu finden – deshalb hatte sie im Hintergrund die Fäden gezogen, um sicherzustellen, dass der Job auch gut genug war. Kann sie sich überhaupt vorstellen, was man einem Menschen damit antut? Wenn man erfährt, dass das Einzige, was man glaubt selbst und ohne Hilfe erreicht zu haben, ein Betrug ist? Man hat es gar nicht erreicht. Man hat es nicht zugelassen. Und dann erfährt man es erst Jahre später, wenn jemand beschließt, es einem unter die Nase zu reiben. Jemand, der diesen Job auch gern gehabt hätte, der aber keine Mami hatte, die am richtigen Hebel saß, jemand, der sich zu Recht darüber ärgert.

Dieser Jemand war Ted, und er hatte Recht. Ich war jemand, der sich seine Position nicht hart hatte erarbeiten müssen, ich brauchte mich nicht anzustrengen. Obwohl ich es wollte, doch ich durfte nicht unabhängig werden. Jedenfalls nicht, solange meine Mutter das Sagen hatte. Vielleicht hätte ich Ted dafür danken sollen, dass er mir die Augen öffnete. Aber Ted gebührt kein Dank – er suchte lediglich nach einer Entschuldigung für seine eigene Talentlosigkeit.

Ich bin ihre einzige Tochter, ihr einziges Kind. Sie bekam mich, und das reichte ihr. Eigentlich hatte es schon seine Vorteile, das einzige Kind einer Politikerin zu sein. Es bedeutete, dass ich von den Nonnen fast erstickt wurde, die mich mit Argusaugen bewachten. Die mich so wichtig nahmen, dass ich die Sticheleien der Klassenkameradinnen schon verdiente, genau wie die Schikanen der noch höheren Töchter.

Meine Mutter hatte keine Zeit für mich, trotzdem wischte sie abends sämtliche Fußböden, obwohl sie eine Putzfrau hatte. Meine Mutter hatte keine Zeit für mich, aber die Kacheln in der Dusche wurden jeden Abend gründlich mit einer Zahnbürste bearbeitet. Meine Mutter hatte keine Zeit für mich, aber sie wusch unsere Sachen selbst und duschte dann jedes Mal, ehe sie sie aus der Waschmaschine nahm und in den Trockner tat. Es waren Zwangshandlungen, das weiß ich jetzt, aber sie war doch trotzdem eine Mutter. Hätte sie nichtsdestotrotz noch ein wenig Zeit für mich finden können? Um mit mir einkaufen zu gehen, wie es die Mütter der anderen Mädchen in meiner Klasse taten. Oder zum Schwimmen oder ins Kino. Oder einfach um spazieren zu gehen. Und wenn sie sich nur ab und zu mit mir unterhalten hätte, dann hätte ich für sie die Dusche mit der Zahnbürste geschrubbt. Aber es macht nichts, es gehört jetzt der Vergangenheit an, dieses Verhältnis, das nie eins war.

Es sind nur noch wenige Tage bis zu meinem Kinoabend, und ich schaue mich nach einem neuen Babysitter um. Ich ziehe Louis, meinen Nachbarn aus dem Erdgeschoss, in Erwägung. Louis spielt Keyboard in einer aufstrebenden Band namens Damage, er ist ein lieber Kerl, der keiner Fliege etwas zuleide tun würde. Aber leider wirkt er auch immer etwas benebelt, das mag vielleicht etwas mit dem Geruch nach Haschisch zu tun haben, der oft zu uns nach oben dringt. Wenn ich jemanden suchte, um das Haus abzubrennen, um sich auszusperren oder Charlie das Fluchen beizubringen, dann wäre Louis der Richtige. Im Geiste sehe ich mich heimkommen und finde Charlie mit der Fernbedienung in der Hand, wie er auf MTV halbnackten Frauen bei ihren Verrenkungen zusieht und eine Dose Bud trinkt, während Louis, den Daumen im Mund, selig im Bett schlummert.

Als ich Louis das erste Mal aus dem Fenster des ersten Stocks sah, konnte ich mich nicht entscheiden, ob er männlich oder weiblich war. Da er recht klein aussah, schätzte ich ihn auf ungefähr vierzehn. Sein Haar war so schwarz, dass es gefärbt sein musste. Er trug blasses Make-up, schwarzvioletten Lippenstift und schleppte zwei sehr große Lautsprecher. Louis erzählt allen, die er kennen lernt, mit verdächtig tiefer Stimme, dass er fünfundzwanzig ist, aber irgendwo zwischen achtzehn und zwanzig wird wohl sein richtiges Alter liegen.

Great fand es schön, das Haus mit aufstrebenden Künstlern zu teilen. Ich wusste es damals noch nicht, aber sie war die Eigentümerin und konnte sich die Mieter aussuchen. Das erfuhr ich erst, als sie mir das Haus vermachte. Ihre Mieten waren so niedrig, dass sie schon so etwas wie eine Kunstmäzenin war. Das Pärchen, das jetzt im Souterrain wohnt, würde sie nicht sehr beeindrucken. Sie sind zu normal. Madeleine, eine Schwedin, arbeitet in einem Callcenter. Ihr Freund Tadgh kommt aus Ballydehob und ist Buchhalter bei derselben Firma. Sie haben Pläne. Sie sind vernünftig, sie sparen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich das ungeschriebene Gesetz durchbrochen habe, aber ich tat es nicht absichtlich. Ich eigne mich nicht zur Hausbesitzerin, ich kann nicht gleichzeitig Nachbarin sein und die Miete kassieren, also habe ich die Hausverwaltung einer Firma übergeben, ohne daran zu denken, dass dies auch die Vermietung der Wohnungen beinhaltete. Und so kamen Madeleine und Tadgh ins Haus, die als »risikoarme Mieter« bezeichnet wurden. Ich fühlte mich nicht sehr wohl dabei, hatte aber zugestimmt, da die Hausverwaltung eigentlich einen guten Job machte.

Jetzt denke ich auch an Madeleine als potenzielle Babysitterin, aber das kann ich Charlie nicht antun. Wenn ich ihm schon Debbie vorenthalte, müsste ich wenigstens mit einer Alternative aufwarten, die mit ebenso viel Spaß verbunden war. Niemand scheint der Tochter des Arztes das Wasser reichen zu können. Ich mag sie, Charlie mag sie und sie mag uns wohl auch. Und sie kann nichts dafür, dass sie ausgerechnet diesen Vater hat. Und außerdem ist es schon fast Freitag.

»Wo ist dein Papa?«, fragt Charlie Debbie. Wir haben sie gerade abgeholt und gehen zum Auto.

»Er ist im Haus.« Sie nimmt Charlie auf den Arm.

Nachdem wir eine Minute schweigend gefahren sind, sagt Charlie zu Debbie: »Ich habe keinen Papa.«

Im Rückspiegel beobachte ich Debbie. Sie sieht ihn an und streichelt mit dem Finger über seine Wange. »Du Armer«, sagt sie und gibt ihm einen Kuss auf den Kopf.

»Er hat viel zu tun«, erklärt Charlie.

Über den Rückspiegel wirft sie mir einen fragenden Blick zu. Schnell wende ich die Augen ab und schaue wieder auf die Straße.

»Und ich habe keine Mama«, höre ich sie zu Charlie sagen.

Ich umklammere das Lenkrad und setze mich unwillkürlich gerade. Dann ist sie gestorben?

»Keine Mama?«, fragt Charlie fasziniert.

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Sie ist tot, Charlie.«

O Gott, nein. Sie ist gestorben?