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Kann Liebe alle Wunden heilen? Der Schicksalsroman »Die Sterne über Irland« der irischen Bestseller-Autorin Denise Deegan als eBook bei dotbooks. Lucy hat es so sehr vermisst: das Gefühl von Wärme und Geborgenheit, wie Sonnenschein auf der Haut – etwas, das sie nach dem Tod ihres Verlobten verloren glaubte. Doch als ein Auftrag die junge Grafikdesignerin mit dem charismatischen Schriftsteller Greg zusammenführt, sind diese Gefühle plötzlich wieder da – vielleicht auch, weil er ein ähnliches Schicksal bewältigen muss. Mutig wagt Lucy mit ihm den Schritt in ein neues Leben … aber die Ablehnung seiner beiden Kinder und deren Großeltern legt sich bald wie ein Schatten über ihr Glück. Wie soll sie in die Fußstapfen einer Frau treten, die keiner von ihnen loslassen will? Und plötzlich scheint sich Greg zu verändern und Lucy immer öfter auszuweichen … Der Schlüssel zu diesem Rätsel liegt in der Vergangenheit, da ist sich Lucy sicher – aber wird ihre Liebe stark genug für all das sein? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der bewegende Liebesroman »Die Sterne über Irland« der irischen Bestseller-Autorin Denise Deegan – auch bekannt unter den Titeln »Der Klang unserer Träume« und »Blauer Schmetterling«. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2019
Über dieses Buch:
Lucy hat es so sehr vermisst: das Gefühl von Wärme und Geborgenheit, wie Sonnenschein auf der Haut – etwas, das sie nach dem Tod ihres Verlobten verloren glaubte. Doch als ein Auftrag die junge Grafikdesignerin mit dem charismatischen Schriftsteller Greg zusammenführt, sind diese Gefühle plötzlich wieder da – vielleicht auch, weil er ein ähnliches Schicksal bewältigen muss. Mutig wagt Lucy mit ihm den Schritt in ein neues Leben … aber die Ablehnung seiner beiden Kinder und deren Großeltern legt sich bald wie ein Schatten über ihr Glück. Wie soll sie in die Fußstapfen einer Frau treten, die keiner von ihnen loslassen will? Und plötzlich scheint sich Greg zu verändern und Lucy immer öfter auszuweichen … Der Schlüssel zu diesem Rätsel liegt in der Vergangenheit, da ist sich Lucy sicher – aber wird ihre Liebe stark genug für all das sein?
Über die Autorin:
Denise Deegan wurde 1952 in London geboren und arbeitete unter anderem als Krankenschwester, Porzellan-Restaurateurin und College-Dozentin. Heute schreibt sie Romane, für die sie bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, und die unter ihrem Pseudonym Aimee Alexander Bestsellerstatus erlangten. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Dublin, wo sie regelmäßig von Sonnenschein und einem Leben ohne Kochen träumt.
Mehr über die Autorin erfahren Sie auf ihrer Website: www.denisedeegan.com
Bei dotbooks veröffentlichte Denise Deegan auch ihre Romane »Der Himmel über Irland« und »Sommerwind in Irland«.
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eBook-Neuausgabe Juli 2019
Dieses Buch erschien bereits unter dem Titel »Blauer Schmetterling« 2006 im RM Buch und Medien Vertrieb und 2008 bei Knaur sowie 2019 unter dem Titel »Der Klang unserer Träume« bei dotbooks.
Die englische Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Love Comes Tumbling« bei Tivoli, an imprint of Gill & MacMillan Ltd., Dublin. Copyright © 2005 by Denise Deegan.
Eine englische Neuausgabe erschien 2016 unter dem Titel »The Accidental Life of Greg Millar« bei Lake Union Publishing. Copyright © 2016 by Aimee Alexander.
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2006 by RM Buch und Medien Vertrieb GmbH
Copyright © der vollständigen Taschenbuchausgabe 2008 by Knaur Taschenbuch. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München
Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
This edition is made possible under a license arrangement originating with Amazon Publishing, www.apub.com, in collaboration with Agence Hoffman.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Bildmotiven von Shutterstock/Soyka, Kate Garyut, NiamhyBreen
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)
ISBN 978-3-96148-721-9
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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags
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Denise Deegan
Die Sterne über Irland
dotbooks
Aus dem Englischen von Christine Naegele
dotbooks.
Für Jan und Zoe in Liebe
Ein Vogel hat sich gerade in meinem Auto verirrt, in einem fahrenden Auto – zwei Objekte, die sich in verschiedene Richtungen bewegen und deren Bahnen sich dennoch auf geheimnisvolle Art schneiden. Erst hatte ich gedacht, er sei einfach nur dicht an meinem Fenster vorbeigeflogen, aber das wilde Flattern hinter mir belehrte mich eines Besseren.
»Es ist eine Amsel«, sagt Fint, der neben mir sitzt.
»Ist mir egal, was es ist, sieh zu, dass du ihn hinausbugsierst.« Wenn er nicht bei offenem Fenster geraucht hätte, wäre uns das nicht passiert. Ich schalte meine Warnblinkanlage ein und steuere den VW-Käfer auf den Seitenstreifen. Wir steigen aus, Fint lässt seine Tür weit offen. Zum ersten Mal bedaure ich, einen Zweitürer zu fahren. Fint läuft hinters Auto und hämmert mit der Faust an die Heckscheibe. Der Vogel flattert nach vorn, mit einem Schwirren fliegt er aus dem Wagen und ist frei.
»Also, das finde ich unheimlich«, sagt Fint.
»Hm-hm, komisch.« Wir sehen uns an.
»Ein Omen«, sagt er mit weit aufgerissenen Augen, im Bemühen, möglichst furchterregend zu wirken.
Ich lache. Fint ist ungefähr so furchterregend wie ein Sandwich.
Wir setzen uns wieder ins Auto. Er sieht nach hinten. »Übrigens hat er auf dein Sitzpolster geschissen.«
»Vielen Dank, Fint.«
Er lächelt, nimmt seinen Laptop heraus und klappt ihn auf. Ich lasse den Motor an, wir fahren weiter. Wir sind spät dran. Knapp unter der erlaubten Höchstgeschwindigkeit fahre ich auf der Überholspur, als ich merke, dass ich Gesellschaft habe. Dicht hinter mir ist ein schwarzes Sportcabrio. Ich frage mich, was für ein Depp das sein muss, der an einem so ungemütlichen Tag in Dublin mit offenem Verdeck fährt, als eben jener Depp ausschert, um mich auf der Innenspur zu überholen. Er hat mir nicht mal Gelegenheit gegeben, Platz zu machen.
»Unglaublich«, schimpfe ich.
»Was?«, sagt Fint und sieht von seinem Laptop auf.
»Das sind die Leute, die Unfälle verursachen.«
»Was für Leute?«
Ich deute mit dem Kopf auf den Verkehrssünder vor mir. »Dieser Kerl hat mich gerade auf der Innenspur überholt.«
»Oh«, sagt er und starrt wieder auf seinen Laptop.
»Ist das alles, was du sagen kannst: ›Oh‹? Fintan, er könnte jemanden umbringen, so wie der fährt.«
Langsam dreht Fint den Kopf zu mir, plötzlich wissen seine Augen Bescheid.
»Sieh mich nicht so an«, sage ich gereizt.
»Wie?«
»So, als wüsstest du, was in meinem Kopf vorgeht. Als würde ich mal wieder überreagieren wegen dem, was Brendan passiert ist. Und als ob du mich bedauern würdest.«
Er macht ein nachdenkliches Gesicht, ehe er etwas sagt. »Ich bedauere dich nicht, Lucy. Ich denke nur, dass du es nicht zulassen solltest, dass jeder unvorsichtige Fahrer dich daran erinnert, was passiert ist. Schließlich ist es achtzehn Monate her.«
Er schweigt. Dann sagt er langsam: »Vielleicht ist es Zeit, dass du Brendan loslässt.«
Mein Kopf fliegt herum. »Brendan war mein Leben,meine Zukunft ...«
»Du hast immer noch eine Zukunft, Lucy. Nur eine andere.«
»Ich will keine andere ... Wir wären jetzt verheiratet. Vielleicht wäre ich sogar schon schwanger ...« Ich merke, dass mir die Tränen kommen.
»Lucy, hör auf.«
»Hat dir vielleicht ein unverantwortlicher Autofahrer die Zukunft genommen?«
Er macht ein schuldbewusstes Gesicht.
»Na also, du weißt doch gar nicht, wovon du redest.«
Er seufzt und sieht zum Fenster hinaus. »Du hast Recht. Ich weiß es nicht. Tut mir leid.«
Schweigend fahren wir eine Weile weiter, bis wir an einer Ampel halten müssen. Ich schaue nach links und schnaube verächtlich. »Er ist nicht weit gekommen mit seiner Raserei, nicht wahr?«
Fint sieht zu ihm hinüber.
»Einem wie dem sollte jemand sagen ...«
»Lucy, du bist doch nicht die Verkehrspolizei. Auf diese Art fordert man Verkehrsrowdys doch erst richtig heraus, verrückt zu spielen.«
Ich lasse die Fensterscheibe herunter und beuge mich hinüber. »Entschuldigung?«, rufe ich.
Er sieht mich an.
Gut aussehender Typ, ungefähr um die vierzig. Sehr kurzes Haar, fast wie rasiert. Schwarzer Kaschmirpullover mit Kragen. Er dreht sein Radio leiser.
»Haben Sie vor, heute noch jemanden umzubringen?«, frage ich ihn.
Er macht große Augen. Ich bin schon auf eine ärgerliche Antwort gefasst. Einen Augenblick sieht er mich an, dann lächelt er. »Hatte ich eigentlich nicht vor, nein.« Er wartet, dann sagt er: »Weingummi?«
»Wie bitte?«
Er hält mir eine Tüte hin.
Irritiert schüttle ich den Kopf. »Vermutlich haben Sie noch nie daran gedacht, dass Sie mit Ihrem Fahrstil einen Unfall verursachen könnten?«
Sein Lächeln wird noch strahlender. »Ihre Fürsorge berührt mich zutiefst«, sagt er im Flirtton, was mich noch wütender macht.
»Also, wenn Sie weiterhin so fahren, dann werden Sie bald ziemlich unsanft von etwas anderem berührt werden.«
»Lucy«, sagt Fint leise.
»Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, wie hübsch Sie aussehen, wenn Sie wütend sind?«, ruft er herüber.
»Was für ein originelles Ablenkmanöver!« Ich lasse das Fenster hoch und sehe stur geradeaus. »Schleimer«, murmele ich.
»Netter Schleimer«, korrigiert Fint.
»Fintan, musst du eigentlich in jedem Mann einen potenziellen Eroberungskandidaten für mich sehen?«
»Einen potenziellen Eroberungskandidaten?«
Ich schüttle abwehrend den Kopf. Die Ampel springt auf Grün, und wir fahren los. Das Cabrio hält sich wie ein Schatten neben mir.
»Oh, fantastisch«, stöhne ich. »Was hab ich jetzt angerichtet? Hätte ich doch nur meine große Klappe gehalten.«
Fint beugt sich vor und blickt zu ihm hinüber. »Ach, das würde ich nicht sagen, Lucy. Jetzt wird es doch erst interessant.«
Ich will ihn abschütteln und trete aufs Gas.
Er auch.
»Um Himmels willen, Lucy, was machst du denn?« Fint wird in seinen Sitz gedrückt.
Der Mercedes holt uns wieder ein, wird aber von einem orangefarbenen Kleinwagen abgebremst, der höchstens um die fünfzig fährt. Triumphierend klatsche ich aufs Lenkrad. »Ha, wir haben ihn!«
»Lucy, was ist denn in dich gefahren?«
»Nichts«, sage ich mit unschuldiger Stimme. Ich blicke in den Rückspiegel. Er hat den Kleinwagen überholt und hängt dicht an uns dran. Er wechselt auf die Innenspur. Ich gebe Gas. Er auch. Nase an Nase. Ich werfe einen Blick hinüber. Er sieht aus wie aus einer Zahnpastareklame. Mit erhobener Augenbraue konzentriere ich mich wieder auf die Straße.
»Du lässt dich mit einem Mercedes ein, Lucy. Findest du das klug?«
Im selben Moment, fast wie zur Antwort, zieht er an uns vorbei und braust in Richtung Horizont davon.
»Angeber«, sage ich.
Die Straße macht eine Kurve. Da ist er wieder, gefangen hinter einem langsameren Auto auf der Überholspur. Auf der Innenspur ist eine dichte Autoschlange, also kann er diesmal nicht die Spur wechseln. Ich reihe mich am Ende der Innenspur ein und sehe geradeaus, als wir langsam an ihm vorbeiziehen.
»Du elende Heuchlerin!«, sagt Fint. »Wer überholt jetzt auf der Innenspur?«
Ich erschrecke und gebe etwas weniger Gas; ich muss mich über mich selbst wundern.
Fint schaut mich an. »Was war das denn eben?«
Keine Ahnung.
»Das sah dir überhaupt nicht ähnlich, Baby ...«
Was habe ich da gerade gemacht? Eben erzähle ich dem Typ noch, was er alles anrichten kann mit seinem unvorsichtigen Fahrstil, nur um mich dann auf ein Rennen mit ihm einzulassen und denselben Blödsinn zu machen. Wie konnte ich nur – wenn auch nur für einen Moment – vergessen, wie Brendan ums Leben gekommen ist? Wie illoyal. Und dumm. Ich setze den Blinker und biege in das Industriegebiet ein, wo wir einen Kunden besuchen wollen. Nach wenigen Minuten halten wir vor dem Bürogebäude der Copperplate Press, einem der größten Verlagshäuser Irlands. Weil auch ein Buchgroßhandel dazu gehört, für den sie viel Platz brauchen, haben sie sich zu unserem Leidwesen hier draußen am Rande von Dublin angesiedelt, denn eine Besprechung hier nimmt einen halben Tag in Anspruch. Trotzdem, ich darf mich nicht beklagen. Verglichen mit anderen Verlagshäusern haben sie gute Titel im Programm und ein recht dynamisches Wachstum. Fint und ich entwerfen Buchumschläge und das Werbematerial für sie, eine Arbeit, die mir viel Spaß bereitet.
Unser gemeinsames Studio für Grafikdesign heißt Get Smart Designs. Den Namen haben wir von dem Geheimagenten Maxwell Smart aus den Comics der Siebzigerjahre entliehen, weil Fint ihm schon als Junge ähnlich sah. Mein Vater hatte mich darauf aufmerksam gemacht, denn die Comics gab es etwas vor unserer Zeit. Dann haben wir im Internet nachgesehen und tatsächlich eine verblüffende Ähnlichkeit festgestellt – es war sehr komisch. Wir sind beide neunundzwanzig und seit fünf Jahren selbstständig. Nachdem wir bei größeren Agenturen unsere ersten Gehversuche gemacht hatten, taten wir uns schließlich zusammen und stellten uns auf die eigenen Füße. Bisher haben wir es nicht bereut. Außer uns beiden gibt es sechs weitere Mitarbeiter – für ein Designstudio eine beachtliche Größe. Ich bin fürs Kreative zuständig, Fint fürs Geschäftliche.
Wir haben uns auf der Hochschule kennen gelernt. Obwohl ich Kunst studierte und er Grafik, hatten wir etwas gemeinsam: Die Hochschule war der erste Ort, wo wir beide uns wirklich wohl fühlten. Fint, weil er sich wegen seiner sexuellen Orientierung immer als Außenseiter gefühlt hatte, und ich, weil ich nie den Erwartungen meiner Mutter gerecht werden konnte. Das schmiedete uns zusammen, und so ist es geblieben. Während Fint mich oft um Rat bei seinen (meist komplizierten) Beziehungen fragt, will ich nicht, dass er sich in die meinen einmischt – was im Augenblick bedeutet, dass ich versuche, ihm klar zu machen, dass ich keine neue Beziehung will. Fints derzeitiger Freund ist Zahnarzt, den er über einen Online Dating Service namens Gaydor kennen gelernt hat.
Er lehnt sich im Sitz vor. »Ist das nicht ...?«
Vor der Eingangstür steht ein schwarzes Mercedes-Sportcabrio, dessen Verdeck sich gerade schließt. Er ist es.
»Sieh nicht hin«, sage ich und ziehe die Handbremse. »Warte, bis er reingegangen ist.«
Doch Fint springt aus dem Auto und rennt hinüber. Der Fahrer steigt aus. Er scheint ziemlich groß zu sein. Und fit. Es überrascht mich, dass er Jeans trägt, und ich frage mich, was er hier macht. Er und Fint sprechen einen Augenblick miteinander, dann sehen sie zu mir herüber. Sie kommen auf mich zu, und ehe ich mich versehe, stehen sie vor meinem Auto. Fints neuer Freund bückt sich und blickt durch die Scheibe. Ich tue so, als suchte ich auf dem Boden nach etwas.
»Will Michael Schumacher nicht aussteigen?«, ruft der Cabriofahrer Fint zu.
»Ich glaube, sie ist etwas schüchtern«, meint mein Geschäftspartner. Hilfreich wie immer.
In Ordnung, also los. Mit erhobenem Kinn steige ich aus. »Bist du so weit, Fintan? Oder willst du den ganzen Tag dort stehen und dich unterhalten?«
»Oh.«
Ich gehe zwischen ihnen hindurch und auf den Eingang zu.
»Hallo«, sagt er, wieder mit diesem Lächeln.
Ich nicke und gehe weiter.
Er läuft an mir vorbei, hält die Tür auf und gesellt sich in der Eingangshalle wieder zu uns.
»Ziemlich aufregend«, sagt er.
»Wie bitte?«
»Unser Rennen. War doch aufregend, finden Sie nicht auch?«
Ich hebe eine Augenbraue. »Ich würde es eher als gefährlich bezeichnen.«
Er verzieht keine Miene. »Warum machen Sie dann mit, wenn es so gefährlich ist?«
Jetzt hat er mich erwischt.
Fint geht zur Rezeption und lässt mich allein mit ihm zurück.
»Sie sollten vielleicht auch Bescheid sagen, dass Sie hier sind«, sage ich und nicke mit verschränkten Armen in Richtung Rezeption.
»Ach, ich bin gut in der Zeit.« Er macht keine Anstalten, mich jetzt allein zu lassen.
Mit einem Schulterzucken lasse ich ihn stehen und gehe zu dem schwarzen Ledersofa.
Er folgt mir und setzt sich auf den freien Platz neben mir. Leider ist es ein Zweisitzer.
Ich nehme mir eine Zeitung.
»Schauen Sie«, sagt er, »es tut mir leid, wenn mein Fahrstil Sie beleidigt oder verärgert hat, oder was sonst das Problem sein mag.«
»Es gibt kein Problem.« Und jetzt hau bitte ab.
»Es ist nur ... so wie Sie dort draußen losgelegt haben, dachte ich, Sie wollten mich herausfordern. Nein, stimmt nicht. Um ganz ehrlich zu sein, ich dachte, Sie wollten flirten.«
»Da haben Sie sich gehörig getäuscht. Ich habe ganz bestimmt nicht geflirtet.« Hat der Kerl Nerven!
»Sorry, dann war es tatsächlich ein Irrtum. Es liegt am Auto, sehen Sie. Ich werde so oft herausgefordert ...«
»Von mir nicht.«
»Wissen Sie eigentlich«, sagt er und beugt sich zu mir herüber, um mich näher anzusehen, »dass Sie ein bemerkenswertes Gesicht haben?«
»Hören Sie mal,das mag bei ...«
Ich werde von Matt O'Hagan unterbrochen, dem Geschäftsführer von Copperplate Press. Er rennt beinahe durch die Rezeption und ruft mit seiner ohnehin schon kräftigen Stimme so laut er kann: »Greg, Greg!« Matt ist ein kleiner Mann mit der Ausstrahlungskraft eines niedrig fliegenden Flugzeugs. Eine Art Danny DeVito. »Greg« steht auf. Matt reicht ihm die Hand. Ich warte darauf, ebenfalls begrüßt zu werden, aber vergeblich. Ich bin unsichtbar. Matt redet sprudelnd auf Greg ein, der, wie ich feststelle, seine Ankunft nicht einmal bekanntzugeben brauchte, um von Matt empfangen zu werden. Noch dazu persönlich. Wer Matt kennt, weiß, wie außergewöhnlich das ist.
»Sie haben uns ohne Schwierigkeiten gefunden?«, fragt Matt. »Wir hätten auch einen Wagen schicken können ...«
Ich habe noch nie erlebt, dass Matt für irgendjemand einen Wagen irgendwohin geschickt hat. Knickriger Laden, die Copperplate Press.
»Eigentlich hat mir die Fahrt Spaß gemacht.« Das ist an mich gerichtet.
Ich sehe geradeaus.
»Ich wollte mich gerade vorstellen ...«
Endlich merkt Matt, dass ich keine Schaufensterpuppe bin. »O, Lucy, Lucy, hallo, hallo.«
»Hallo, Matt.« Ich stehe auf und schüttle lächelnd seine gewaltige Pranke. »Wir haben ein Meeting mit Orla. Fintan steht hinter dir ...«
»Ach ja, natürlich.« Er blickt sich nicht um. »Also hast du Greg Millar schon kennen gelernt ...«
Greg Millar. Greg Millar? Nicht Greg Millar, der internationale Bestsellerautor? Irgendwie kam er mir zwar bekannt vor, aber nur entfernt. Es ist das Haar. Viel kürzer als sonst, es lässt ihn jünger aussehen. Ich rufe mir sein Bild auf dem Buchumschlag wieder ins Gedächtnis und schneide ihm im Geist die Haare kurz.
Inwendig stöhne ich auf. Er ist es wirklich. Und wie es das Schicksal will, hat Copperplate ihn womöglich gerade unter Vertrag genommen.
»... Lucy hier«, und damit haut Matt mir auf den Rücken, »entwirft unsere Buchumschläge und macht ihre Sache verdammt gut, nicht wahr, Luce?»
Bis jetzt hat er mich noch nie Luce genannt.
Von irgendwoher hole ich ein Lächeln. »Also, ich muss jetzt wohl gehen. Unser Meeting ist um zwei. Nett, Sie kennen gelernt zu haben ...« Ich tue mich schwer, seinen Namen auszusprechen.
»Greg.« Er hält mir die Hand hin.
»Greg«, bestätige ich, schüttle sie und versuche, das amüsierte Lächeln auf seinem Gesicht zu ignorieren.
Plötzlich habe ich es ganz furchtbar eilig.
In dieser Nacht liege ich wach und frage mich, ob ein Mensch wie Greg Millar wirklich etwas Bemerkenswertes in meinem Gesicht gesehen haben sollte oder ob er sich nur einen Spaß erlaubt hat. Komplimente waren bisher das exklusive Anrecht meiner älteren Schwester gewesen. Und wenn man im Schatten einer wirklichen Schönheit aufwächst, dann merkt man schnell, wie wenig bemerkenswert man selbst ist. Wenn es nicht Grace' Haare waren, dann war es ihr Lächeln oder ihre Augen oder sonst etwas. Es schien fast, als könnten sich die Menschen mit ihren Komplimenten kaum beherrschen. Und dann bemerkten sie Lucy, die daneben stand und zu ihrer Schwester aufsah, und brachten noch rasch ein tröstendes »Und du auch, Liebes« zustande, was die ganze Sache nur noch schlimmer machte. Mit meinem schwarzen Haar und meinen braunen Augen sehe ich nicht schlecht aus, aber bemerkenswert? Nein. Bemerkenswert bin ich ganz sicher nicht. Meine Kleidung? Ja. Die ist »farbenfroh«, »anders«. Verschroben. Regt oft zu Kommentaren an. Mein Gesicht? In Ordnung, befriedigend, aber nicht so bemerkenswert, dass es zu Komplimenten von Bestsellerautoren rechtfertigt. Und so tue ich Greg Millar und seine Komplimente ab, als das, was sie wahrscheinlich sind. Was mir nicht weiter schwer fällt. Und gelöster als sonst schlafe ich ein.
Am nächsten Tag – ich sitze gerade an meinem Schreibtisch und arbeite an einem Corporate Logo für eine Investmentfirma und versuche, nicht dabei einzuschlafen – ruft Matt an. Ich halte den Hörer ein paar Zentimeter von meinem Ohr weg – immer eine gute Idee bei Matts Anrufen.
»Es geht um einen Termin wegen eines Brainstormings«, verkündet er. Es ist also etwas im Busch. Denn wenn Matt sich in die Alltagsgeschäfte einschaltet, ist das ziemlich ungewöhnlich. »Wir haben Greg Millar unter Vertrag genommen.«
Aha!
»Ich möchte, dass wir uns alle zusammensetzen und uns Gedanken zum Marketing für sein neues Buch machen. Millar selbst wird auch dabei sein, deshalb will ich, dass wir einen guten Auftritt hinlegen.«
»Und wann soll der Termin stattfinden?«
»Nächsten Montag. Glenda wird dir die genaue Uhrzeit nennen. Ich hab sie auch gebeten, dir ein Exemplar des Manuskripts zu schicken. Erinnere sie bitte daran, wenn du mit ihr sprichst, ja? Ach ja, und es wäre ganz gut, wenn ihr vor dem Meeting schon ein paar Ideen hättet.« Er legt den Hörer auf.
Das ist, soweit ich weiß, das erste Mal, dass bei Copperplate ein Autor beim Brainstorming dabei ist. Aber Greg Millar ist nicht irgendein Autor. Er ist eben Greg Millar, internationaler Bestsellerautor, dessen Bücher auf Platz eins der Bestsellerlisten landen, ehe sie überhaupt in den Buchhandlungen ausliegen. Matt ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass Gänse, die solch goldene Eier legen, nicht so einfach von der Straße hereingewatschelt kommen. Und wenn sie es doch tun, dann baut man ihnen ein schönes, warmes Nest, damit sie bleiben. Und diese Behandlung lässt man nun Greg Millar angedeihen. Das wäre alles in Ordnung, wenn ich bei diesem Brainstorming nicht dabei sein müsste. Ich werde mir wohl ein unbekanntes Virus einfangen müssen.
Aber nein, fünf Tage später stehe ich doch auf der Matte, Miss Zuverlässig, und betrete neben meinem Geschäftspartner den Konferenzraum von Copperplate Press. Schließlich ist das hier rein geschäftlich. Und mit Geschäftlichem kann ich fertig werden. Ich muss das Reden nur Fint überlassen. Der Konferenzraum ist wie verwandelt. Die Wände sind plakatiert mit riesigen Farbkopien der bisherigen Umschläge von Gregs Büchern. In der Mitte des Tisches liegen in einer Reihe, wie der Mittelstreifen einer Autobahn, Exemplare seiner gebundenen Ausgaben. Mappen mit Pressestimmen zu Millars Werk bilden eine Mini-Skyline an einer Schmalseite des Tisches. Auf der Anrichte französisch angehauchte Erfrischungen – pain au chocolat, Kaffee und Croissants, obwohl es schon früher Nachmittag ist. Aber die Leute von Copperplate haben ihre Hausaufgaben gemacht. Millar verbringt jeden Sommer in Südfrankreich, das erfuhr ich, als ich meine machte.
O Gott. Da ist er, der Mann höchstpersönlich, und er sieht in meine Richtung. Er lächelt, natürlich. Ich hatte geplant, neben Fint zu sitzen und meinen Stuhl ein wenig nach hinten zu schieben. Unauffällig zu bleiben. Okay, möglichst unsichtbar vielleicht. Aber als Fint sich neben Millar setzt, merke ich, dass der einzige noch freie Stuhl direkt dem Autor gegenüber steht, der sich jetzt höflich erhoben hat. Ich nehme ihn mit einem geschäftlichen Nicken zur Kenntnis, dann setze ich mich und beschäftige mich mit meinem Aktenkoffer. Ich sehe auf und merke, wie er mich beobachtet. Er strahlt mich an. Sein Lächeln hat etwas Unschuldiges. Es scheint zu sagen: »Toll, Sie wiederzusehen.« Mehr nicht. Ich lächle mit halber Kraft zurück. Dann schaue ich weg und konzentriere mich auf das Geschäftliche.
»Also«, sagt Matt und steht auf, den blanken Schädel von ein paar Strahlen der Nachmittagssonne beleuchtet. »Vielen Dank Ihnen allen, dass Sie es so kurzfristig eingerichtet haben ...« Bla-bla-bla. Ich blende mich aus. Und von Zeit zu Zeit wieder ein, nur um mich zu vergewissern, dass ich nichts Wichtiges verpasse.
»... eine persönliche Freude ... einer der größten Kriminalschriftsteller der Gegenwart ... die Entscheidung, zu einem heimischen irischen Verlag zu wechseln ... jede erdenkliche Unterstützung ... Sie werden inzwischen alle das Manuskript gelesen haben. Also, Lucy, gibt's schon irgendwelche Ideen für den Einband?«
So macht Matt es immer, er wiegt dich in dem Glauben, er würde noch stundenlang weiterschwafeln, und dann, peng,zielt er auf dich. Und obwohl er es schon so oft getan hat, schafft er es immer wieder, mich zu überrumpeln. Ich sehe meinen stachelköpfigen Partner in seinem dunklen Anzug an. Eigentlich wäre er jetzt an der Reihe.
»Du kannst ruhig sitzen bleiben, wenn du willst, Lucy«, sagt Matt.
Fint nickt mir zu, ich solle loslegen, und es ist klar, dass Matt das auch erwartet.
»Danke, Matt«, sage ich und bleibe auf meinem Stuhl kleben. »Also, zunächst möchte ich sagen, dass mir A River Too Wide wirklich gut gefallen hat.« Millars neues Buch. Ich merke, wie die Augen des Autors auf mir ruhen. »Fintan und ich«, ich sehe meinen Partner an in der Hoffnung, die anderen würden es auch tun, »hatten schon vorab ein kleines Brainstorming. Und nach vielem Nachdenken«, ich lächle Fint zu, »glauben wir, dass, obwohl der Einband durchaus in dem traditionellen Stil von ...« – wie soll ich ihn bloß nennen? – »Gregs ...« – ich winde mich etwas – »... bisherigen Titeln bleiben sollte, wir uns dieses Mal zu einem Einband entschließen sollten, der den Protagonisten etwas mehr ins Blickfeld rückt. Clooney ist eine so großartige Schöpfung ...«
»Tolle Idee«, unterbricht Millar, »warum ist da nicht schon längst jemand drauf gekommen?«
»Na ja«, sage ich, »es war schon sinnvoll, dass die Einbände anfangs hauptsächlich an das Genre anknüpften, weil Sie sich Ihre Lesergemeinde ja erst aufbauen mussten. Und wir denken auch, dass die Einbände das weiterhin tun sollten, nur eben sollte Clooney jetzt etwas mehr im Mittelpunkt stehen. Er hat sehr loyale Fans. Er ist so etwas wie ein zweiter Morse, nicht wahr?« Ich schweige. Ich habe doch nicht verraten, dass ich selbst ein Fan bin, oder?
»Und hast du schon etwas, das du uns zeigen kannst?«, fragt Matt, ungeduldig wie immer.
»Nur Skizzen. Auf die Schnelle konnte ich noch kein ausreichendes Bildmaterial beschaffen, also kann ich dir noch nicht einen wirklichen Entwurf zeigen.«
»Hmm.« Er sieht den Autor an.
»Ich würde Ihre Skizzen gern sehen, Lucy«, sagt Millar, und wie es scheint mit echter Begeisterung statt mit unterschwelliger Zweideutigkeit, wie ich schon befürchtet habe.
Matt nickt eifrig.
In diesem Moment beschließe ich, ihm in diesem Fall ein gesalzenes Honorar in Rechnung zu stellen. Ich nehme meine Arbeiten aus der Mappe und reiche sie Millar. »Es sind im Moment wirklich nur Skizzen«, sage ich entschuldigend.
Er braucht einen Augenblick. Dann sagt er: »Wow. Das ist ja unglaublich.« Er reicht sie Matt.
»Ja«, stimmt er zu. Die Hauptsache, Millar ist zufrieden.
Es wird also beschlossen, dass Get Smart mehrere Einbandentwürfe nach den präsentierten Skizzen anfertigt. Das weitere Brainstorming befasst sich mit Marketingaktivitäten – den Aufstellern für die Buchhandlungen, Lesereisen, Presseveranstaltungen, Vorträgen, Anzeigen und PR-Schwerpunkte. Orla aus der Marketingabteilung entpuppt sich mal wieder als Naturtalent. Jim, der Sales Manager, ist ebenso begeistert bei der Sache. Debbie, die PR-Leiterin, wartet mit einer Reihe zündender Ideen für die Pressearbeit auf. Und Emma, die Cheflektorin, beteuert noch einmal, wie bestechend gut geschrieben das neue Manuskript von Greg Millar ist, so gut, dass es kaum mehr redigiert werden müsse. Als wir das Konferenzzimmer verlassen, verkündet der Schriftsteller, dass die Ergebnisse des Meetings doch ein Anlass zum Feiern seien. Matt schlägt einfach den Pub um die Ecke vor. Ich will mich gerade mit einer Ausrede aus dem Staub machen, als Matt mich warnend ansieht. Dann bleibt mir wohl keine Wahl.
Im Pub herrscht noch die Ruhe kurz vor dem Feierabend-Ansturm. Matt bemerkt, dass das kleine Nebenzimmer frei ist und steuert eilig darauf zu. Pflichtbewusst wie immer folgen wir seiner kleinen, rundlichen Gestalt. Fint, der hinter mir geht, fällt ein, dass er noch einen Anruf machen muss, und verschwindet, statt sich neben mir auf die Bank zu setzen, wie ich gehofft hatte. Als ich sehe, dass Millar als Nächster das Nebenzimmer betritt, wird mir klar, was mein Partner im Schilde führt. Mein selbsternannter, persönlicher Amor ist kurz verschwunden, um seinen Köcher aufzufüllen. Wer einen Freund wie Fint hat ... Die Redensart muss ich ja nicht näher ausführen.
Es ist eng, und wir sitzen um den Tisch gequetscht wie Sardinen. Matt beherrscht das Gespräch. Man muss es ihm lassen, er versteht es, es so zu steuern, dass sich alle beteiligen. Außer mir. Zuerst genieße ich, einfach zuzuhören, aber bald merke ich, dass Millar neben mir genauso still geworden ist und nur spricht, wenn man ihn etwas fragt. Er macht mich nervös. Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, dass er sich mir kaum merklich zuwendet und etwas sagen will. Ich vermeide es, ihn anzusehen, und doch bemerke ich jede seiner Bewegungen, jedes Wort, jeden Atemzug. Unsere Beine berühren sich, was ich mit wachsender Intensität spüre. Ich würde gern etwas abrücken, aber das würde seine Aufmerksamkeit erst recht auf mich ziehen. Außerdem gibt es sowieso keinen Platz. Zwischen uns entsteht eine Spannung, und unser Schweigen steigert sie nur noch. Schließlich ist sie so intensiv, dass ich ihn am liebsten an mich ziehen und küssen würde. Was zum Teufel ist los mit mir? Ich träume von Sex mit jemandem, den ich kaum kenne. Ich bin schockiert und entsetzt. Empfinde Abscheu vor mir selbst. Dabei trauere ich doch noch immer um Brendan, rufe ich mir ins Gedächtnis. Im Übrigen mag ich den Typ nicht einmal. Ich verstehe mich selbst nicht mehr. Mein Gesicht steht in Flammen, hoffentlich merkt es keiner. Ich muss hier raus, muss mich abkühlen und wieder in den Griff bekommen. Ich stehe auf und entschuldige mich. Alle müssen sich von ihrem Platz erheben, um mich vorbeizulassen.
Die kühle Luft auf der Damentoilette ist wohltuend. Die Musik aus den Lautsprechern, einer dieser nichts sagenden Songs aus den Charts – rückt alles wieder in einen normalen Blickwinkel. Es geht doch nichts über eine Reihe von Porzellanwaschbecken, um einen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Um mich zu beschäftigen, stoße ich eine der Türen auf. Wenn ich schon mal hier bin, kann ich sie auch benutzen. Ich lese die Graffiti – »Vorsicht, Limbotänzer« steht auf der Tür, und Pfeile deuten auf den Schlitz darunter. Ich höre das schnelle Stakkato von Schritten auf hohen Absätzen. Ihre Urheberin schlägt die Tür neben mir zu, und ich höre, wie sie lange und geräuschvoll pinkelt. Sie stößt einen tiefen, herzhaften Seufzer der Erleichterung aus. Ich erinnere mich wieder daran, warum ich hier bin, und fühle mich angespannt. Vielleicht könnte ich mich einfach verdrücken? Würde es jemand bemerken? Mattwäre mit Sicherheit beleidigt. Ich könnte mich woanders hinsetzen. Das wäre nicht unhöflich. Im Gegenteil sogar rücksichtsvoll, weil niemand für mich aufstehen müsste. In Ordnung, so werde ich es machen. Ich wasche mir die Hände, summe zur Musik, sehe in den Spiegel. Noch mal tief Luft holen, dann gehe ich beherzt auf den Nebenraum zu. Und laufe ihn fast um.
»O Gott, Entschuldigung«, sage ich und trete einen Schritt zurück.
Er legt mir die Hände auf die Oberarme, bis ich mein Gleichgewicht wiedergefunden habe. »Alles okay?«
»Ja, ja, völlig okay.«
Drei Sekunden Pause, ehe er sagt: »Gehen Sie mit mir essen, Lucy?«
Ich warte auf sein Lächeln, aber es kommt nicht. Nichts, hinter dem er sich verstecken kann.
»Ich kann nicht ... es tut mir leid.«
»Warum nicht?«, fragt er mit fast kindlicher Unschuld.
»Es gibt jemanden ... Aber vielen Dank, wirklich.« Brendan ist meine Privatangelegenheit.
»Ist es ernst?«
»Wie bitte?«
»Ihre Beziehung ... ist es etwas Ernstes?«
»Ja, das ist es.«
»Wie schade.« Sein Lächeln ist wieder da. »Ernst sollte es aber wirklich nicht sein. Sollte es nicht eher mit Spaß zu tun haben?«
Er ist tot.
»Kommen Sie mit mir essen, Lucy, und vergessen Sie den Ernst ...«
»Ich kann nicht.«
Meine Stimme klingt endgültig.
Auch ihm ist es nicht entgangen. »Tut mir leid«, sagt er. »Wie dumm von mir.« Er schüttelt den Kopf.
»Ich gehe jetzt besser zurück«, sage ich.
»Natürlich.«
Es dauert eine Weile, ehe er sich wieder blicken lässt. Kurz darauf verabschiedet er sich.
Am nächsten Tag ruft er mich im Büro an, um über den Einband für A River Too Wide zu sprechen. Aber das Telefon ist natürlich nicht das geeignete Medium, um das Thema zu vertiefen. Angeblich müssen wir uns dazu treffen. Ich frage mich kurz, ob das Geschäftliche nur ein Vorwand ist, aber dann denke ich wieder daran, wie schnell er gestern klein beigegeben hat. Entspann dich!, befehle ich mir. Natürlich ist es geschäftlich. Es geht schließlich um sein Buch. Dennoch – bisher wollte noch kein Schriftsteller persönlich mit mir reden. »Wissen Sie, Verlage haben es nicht sehr gern, wenn ihre Autoren sich direkt mit den Grafikern in Verbindung setzen«, erkläre ich. »Irgendwie möchten sie die Umschlaggestaltung selbst in der Hand behalten, verstehen Sie?«
Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. »Matt selber hat mir Ihre Nummer gegeben.« Dann schlägt er vor, dass wir uns zum Mittagessen treffen.
»Schwierig«, lüge ich. »Ich habe schon die ganze Woche über mittags Termine. Am besten wird sein, Sie kommen in mein Büro.«
»Gut. Wie wäre es mit morgen?«
Wahrscheinlich ist es am besten, wenn wir es hinter uns bringen. »Um zehn?«
»Zehn Uhr.«
Der nächste Tag kommt. Und damit der Termin für die Abgabe des Logos für die Bank. Als es zehn ist, sitze ich schon seit vier Stunden daran – noch immer ist es nicht zu meiner Zufriedenheit.
Am Bildschirm grüble ich über dem bisherigen Entwurf, als Sebastian, einer unserer Praktikanten, der gleichzeitig als eine Art Rezeptionist fungiert, wie ein Pfau in mein Büro stolziert kommt. Er trägt ein auffälliges Ensemble in Pastellfarben – Pink, Zitrone und Weiß –, eine Mischung, die mich an neapolitanisches Eis erinnert. Hinter ihm nehme ich eine Bewegung wahr, doch meine Augen sind noch immer auf die Distanz zum Bildschirm eingestellt, deshalb bemerke ich Millar erst, als er auch schon vor meinem Schreibtisch auftaucht. Das ärgert mich. Braucht ein Mann wie er eigentlich immer eine Sonderbehandlung? Normalerweise sagt Sebastian Bescheid, wenn Besuch da ist, und bringt ihn erst herein, wenn ich es ihm sage. Mit einem ehrfürchtigen Lächeln nimmt er Millar das elegante Kaschmirjackett ab. Der Autor dankt. Ich bringe meinen Bildschirm auf Ruhezustand. Sebastian bietet an, Tee oder Kaffee zu machen, eine Sache, um die er sich sonst gern drückt. Millar lehnt dankend ab. In Ermangelung eines weiteren Vorwands verlässt Sebastian widerwillig den Raum. Ich komme hinter meinem Schreibtisch hervor und will Millar die Hand schütteln. Er strahlt, wodurch meine formelle Geste viel zu steif wirkt, also ziehe ich die Hand rasch wieder zurück aber nun stehe ich verlegen zwischen ihm und meinem Schreibtisch.
»Also«, sagt er und sieht auf seine teure Taucheruhr, »wie viel Zeit haben wir?«
Etwas an der Art und Weise, wie er es sagt, lässt mich aufhorchen. »Eine Stunde reicht, glaube ich.«
»Wunderbar. Holen Sie Ihren Mantel, wir gehen nach draußen.«
Ich mache große Augen. »Tut mir leid. Ich kann nicht ... ich ...«
»Jetzt kommen Sie schon. Ein kleiner Frühlingsspaziergang auf dem Stephens Green ... wir reden über die Umschlaggestaltung und schnappen gleichzeitig frische Luft und füttern die Enten. Das ist doch eine viel kreativere Arbeitsatmosphäre als im Büro.«
Ich sehe meinen Schreibtisch an, dann ihn. »In Ordnung, aber ich muss um elf wieder hier sein.« Zur Bekräftigung tippe ich auf meine Uhr.
Zuerst reden wir über den Entwurf. Dann sprechen wir über andere Dinge, was nicht schwer ist, wenn man die Leidenschaft für Bücher teilt. Es ist seltsam, wie unsicher er in Bezug auf die Qualität seiner Romane ist. Er fragt, was er meiner Meinung nach hätte besser machen können, ob es Figuren gibt, die vielleicht nicht ganz gelungen sind. Als ob ich a) wüsste, was er verbessern könnte, und b) wenn ich es wüsste, es ihm sagen würde. Stattdessen sage ich ihm, was mir besonders gefällt und welche Romane ich am liebsten gelesen habe. Um zwölf – ist es wirklich schon zwölf –muss er gehen, wie Aschenputtel. Er muss seine Kinder von der Schule abholen. Greg Millar ist Vater, das hatte ich nicht erwartet. Das Bild, das ich von ihm habe, verändert sich. Es kriegt Schärfe, er wirkt menschlicher. Nach zwei Stunden, die wie im Schnellvorlauf vergangen sind, gehen wir zu seinem Auto. Er schließt auf, steigt aber nicht ein.
»Also«, sagt er lächelnd.
»Also«, wiederhole ich mit gespielter Forschheit, ertappe mich aber dabei, wie ich die Arme verschränke, mit den Füßen scharre und den Blick senke.
»Jetzt wissen Sie es«, sagt er. »Ich bin ein normaler Mensch, kein idiotischer Angeber mit einem schnellen Auto.«
Es ist mir peinlich, dass er mich durchschaut hat.
»Gehen Sie mit mir essen, Lucy.«
Ich denke an Brendan. Sein Gesicht schiebt sich vor mein inneres Auge. Ich kann es nicht.
»Wir wollen doch nur zusammen essen gehen«, sagt er.
»Ich weiß, Greg. Es ist nur ...«
»Nichts Ernstes. Ich verspreche es.« Mit dem Finger zeichnet er ein Kreuz über seinem Herzen. Das habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Ich muss lachen.
»Morgen«, sagt er. »Ich hole Sie nach der Arbeit ab.«
In seiner Gesellschaft habe ich mich heute sehr wohl gefühlt. Er hebt meine Stimmung. Er ist ein netter Typ. Ich frage mich, ob wir vielleicht »nur gute Freunde« sein könnten.
»Ich betrachte Ihre Sprachlosigkeit als Zusage.«
Wir wollen doch nur zusammen essen gehen.
»Ich rufe Sie im Büro an«, sagt er. »Morgen.«
Ich nicke kaum merklich.
Er reckt triumphierend die Faust. »Jaaa!«
Und wieder muss ich lachen.
»Kann ich Sie bis zum Büro mitnehmen?«
»Nein, danke. Ich möchte lieber zu Fuß gehen.« Im Geiste sehe ich meinen Schreibtisch, den Sebastian inzwischen mit rosa Haftnotizen bepflastert hat. Sehe das unfertige Logo. Es kann warten.
Am Abend im Bett überlege ich es mir anders. Es wäre ein Fehler, Greg Millar wiederzusehen, selbst wenn es nur ein Mal zum Essen wäre. Ganz abgesehen davon, dass es mir wie Untreue vorkäme, habe ich in mein Leben ein Sicherheitssystem eingebaut: so viel Arbeit wie möglich und weiter nichts. Das ist die beste Art, um jene Taubheit zu erzeugen, die ich im Moment zum Überleben brauche.
Am nächsten Tag, als er anruft, warte ich auf einen geeigneten Moment, um es ihm zu sagen. Es ist unmöglich. Für ihn ist es beschlossene Sache, basta. Er hat einen Tisch bestellt und klingt ganz begeistert. Mein Nein will einfach nicht kommen. Der Anruf ist beendet, es gibt kein Zurück. Bis sechs Uhr habe ich mich zu einer philosophischen Sicht der Dinge durchgerungen. Es ist nur ein Essen. Ich werde um elf gehen. Nein, um halb elf. Ich sorge dafür, dass es oberflächlich bleibt, unpersönlich. Es wird schön sein, mal aus dem Arbeitstrott herauszukommen, und mehr ist es nicht.
Er wollte mich um sechs abholen. Ich hatte sieben herausgehandelt. Punkt sieben sagt mir ein Praktikant, dass er in der Eingangshalle wartet. Ich bummle noch ein bisschen, er soll nicht denken, es sei etwas Besonderes für mich, mit ihm essen zu gehen. Mein Outfit ist nicht besonders elegant, aber ich sehe passabel aus. Mehr nicht. Wie immer nehme ich die Treppe. Als ich um die letzte Biegung komme, sehe ich ihn auf dem roten Sofa in der Eingangshalle sitzen, die wir mit einem Architekturbüro und einer PR-Agentur teilen. Vorgebeugt, die Ellbogen auf den Knien, ist er völlig in die Irish Times versunken, seine Stirn ist gerunzelt. Zum ersten Mal betrachte ich ihn, ohne dass er mich bemerkt. Er sieht frisch geduscht und frisch rasiert aus. Blütenweißes Hemd, statt Jeans Leinenhose.. Er hat sich offenbar Mühe gegeben, und ich merke, wie sich mein Inneres besänftigt. Er hebt den Kopf und sieht – o Gott –, wie ich ihn anlächle. Warum lächle ich? Er strahlt wie ein Held aus einem Western. Er steht auf, faltet die Zeitung zusammen und wirft sie auf den Glastisch, dann kommt er auf mich zu, und ich könnte schwören, dass es in Zeitlupe passiert. Ich könnte auch schwören, dass ich Sporen klirren höre.
Ich muss lachen und weiß nicht, warum.
Er tritt auf mich zu.
Er hat sich beim Rasieren geschnitten. Ein winziger Schnitt in der Nähe seines Ohres macht ihn verletzlich, menschlich. Am liebsten würde ich ihn dort berühren. Was ist bloß mit mir los? Jetzt steht er vor mir und beugt sich herab, um mich auf die Wange zu küssen. Dann auf die andere. Zwischen uns steht der zarte Duft seines Aftershaves. Ich halte den Atem an. Versuche, ihm in die Augen zu sehen ... und denke an Brendan. Er nimmt meine Hand, und im Gleichschritt gehen wir hinaus in die kühle Luft. Er summt ein Lied, das ich schon immer mochte. Dann singt er die Stelle, wo es heißt: »Knock me over stone cold sober«. Aus dem Augenwinkel sehe ich sein Profil. Und ich weiß, ich hätte Nein sagen sollen.
Greg schlägt vor, zu Fuß zum Restaurant zu gehen. Nach der Arbeit sehne ich mich immer nach Bewegung, um Geist und Körper von der Arbeit freizubekommen, also stimme ich zu. Unser Büro liegt am Kanal. Auf dem Weg ins Zentrum kommen wir an einem meiner liebsten Gebäude vorbei – der Pepper Canister Church, der »Pfefferstreuer-Kirche« – und ein Stück weit durch das georgianische Dublin.
Wir reden und reden. Viel zu schnell sind wir beim Restaurant angekommen, zwei Michelin-Sterne, gleich um die Ecke vom Merrion Square gelegen. Mit einer Handvoll besonders wichtiger Kunden bin ich schon hier gewesen, aber privat habe ich mir noch nie ein Essen hier geleistet. Der Oberkellner begrüßt mich wie eine Stammkundin, Greg jedoch wie einen persönlichen Freund. Während des Begrüßungsdrinks bleibt er bei uns stehen, dann geleitet er uns an den Tisch – einen der schönsten. Ich bin zwar von Natur aus eher ein Snob im umgekehrten Sinne, aber dieses Restaurant gefällt mir. Die Kunstwerke sind echt – Louis Le Brocquay, Roderic O'Connor –, die Decke ist hoch, viel offener Raum und weiße Wände, vor denen die Bilder noch besser zur Wirkung kommen. Die Kellner, die auf den ersten Blick etwas altväterlich wirken, sind Gentlemen. Unter den Gästen erkenne ich drei bekannte Geschäftsleute, eine berühmte Tänzerin mit ihrem Mann und eine Nachrichtensprecherin vom Fernsehen. Die anderen, deren Gesichter mir nichts sagen, strahlen selbstbewussten, anonymen Wohlstand aus.
Ich bleibe meinem Vorsatz treu und sorge dafür, dass der Abend leicht und oberflächlich bleibt. Das funktioniert, bis wir auf unseren Hauptgang warten und unser Gespräch einen Augenblick versiegt.
»Lucy«, sagt Greg und räuspert sich. »Ich muss Ihnen etwas sagen. Es ist nicht ganz leicht für mich, aber ich sage es jetzt einfach.« Er wartet einen Moment. »Ich weiß, was passiert ist. Mit Ihrem Verlobten, meine ich. Fintan hat es mir erzählt.«
Ich kann es nicht fassen. »Er hatte kein Recht ...«
»Der einzige Grund, warum er es tat, war, um Sie zu schützen. Er hatte gesehen, wie wir im Pub miteinander gesprochen haben. Er wollte nicht, dass Sie verletzt werden.«
»Irgendjemand sollte ihm klar machen, dass ich bereits eine Mutter habe.«
Mein Gott. Welches Gespräch im Pub soll das denn gewesen sein?
»Wie Sie das jetzt sagten, klingt die Sache so, als wäre er Ihnen in den Rücken gefallen. So ist es aber nicht. Nachdem wir miteinander gesprochen hatten, ging ich hinaus, um eine zu rauchen. Fint gesellte sich zu mir, und da hat er es mir erzählt.
Das war alles.«
Ich schüttle den Kopf. »Unglaublich.«
Wir schweigen. Vermutlich bedauert er jetzt seine Aufrichtigkeit.
»Ich bin froh, dass Fintan es mir gesagt hat. Denn als Sie andeuteten, es gebe da jemand anderes, wollte ich es eigentlich dabei belassen.«
»Das wäre vielleicht besser gewesen«, sage ich nüchtern.
Zum ersten Mal, seit wir uns kennen, macht er ein langes Gesicht.
»Ich sollte mit niemandem ausgehen.«
Er scheint über meinen Satz nachzudenken. Das Kinn in die Hand gestützt, streicht er mit dem Daumen über die Unterlippe.
Als er wieder spricht, ist seine Stimme sanft.
»So ähnlich habe ich auch lange Zeit empfunden – nachdem meine Frau gestorben war.« Ich möchte, dass er weitererzählt, aber stattdessen sagt er: »Aber wir brauchen nicht über diese Dinge zu reden. Es kam mir nur nicht richtig vor, dass ich es weiß und Sie nicht wussten, dass ich es weiß ... mein Gott, was ist das für ein Satz!«
Ich muss lachen.
»Ich glaube, ich wollte lediglich sagen, dass ich es verstehe. Das ist alles.«
»Wie hieß Ihre Frau?«
»Catherine.« Er sieht an mir vorbei. »Schwer zu glauben, dass es schon fünf Jahre her ist«, sagt er wie zu sich selbst.
Gedankenverloren nehme ich meinen Dessertlöffel, male auf dem Tischtuch Kreise. Schließlich sehe ich auf. »Und wird es jemals besser?«
Sein Mund lächelt, aber seine Augen nicht. »Ein bisschen.«
»Nur ein bisschen?«
Wieder stützt er das Kinn auf die Hand. »Eine lange Zeit wollte ich gar nicht, dass es besser wird. Das hätte ja bedeutet, dass man vergisst.«
O Gott. »Genauso geht es mir.«
Er sieht mich an. »Natürlich, ich weiß.«
Das habe ich noch niemandem erzählt. Ich dachte, andere würden es nicht verstehen. Als der Hauptgang gebracht wird und die Kellner mit einer geübten, synchronen Bewegung die silbernen Hauben von den Tellern heben, schweigen wir. Ich stochere in meinem Essen herum, mein Appetit ist verflogen. Jetzt möchte ich nur noch reden.
»Wie ist Catherine gestorben?«, wage ich schließlich zu fragen. Ich möchte wissen, ob sie auf ähnlich unfaire Weise ums Leben gekommen ist wie Brendan.
Mit belegter Stimme sagt er: »Bei einer Entbindung.«
Das hatte ich nicht erwartet. So etwas passiert doch heutzutage nicht mehr. »Sie brauchen es mir nicht zu erzählen ...«
Er lässt den Salzstreuer kreisen. »Man hatte uns geraten, keine weiteren Kinder mehr zu bekommen. Schon die erste Geburt war sehr schwer für Catherine. Aber sie wollte es noch einmal riskieren. Ich war dagegen. Als Rachel vier war, kam es zu einer Torschlusspanik. Catherine war fast vierzig und wollte unbedingt einen Bruder oder eine Schwester für Rachel, ehe es zu spät wäre.«
»Also haben Sie sich darauf eingelassen.«
Er sieht auf »Nein. Sie hat einfach ... nicht mehr verhütet. Sie hat es mir erst gesagt, als sie schon schwanger war.«
Mein Gott. »Die Schwangerschaft war bestimmt schwer für Sie beide.«
Er sah mich an. »Ich habe mir Sorgen gemacht, große Sorgen, ich war auch böse auf sie, aber ich dachte nicht wirklich, dass ich ... sie verlieren würde.« Die letzten drei Worte flüstert er.
Stille.
Ich strecke die Hand aus und lege sie auf seine.
Je mehr wir reden, desto mehr wird mir klar, dass meine Geschichte keineswegs die schlimmste ist. Wie viel schlimmer muss es sein, jemanden zu verlieren, mit dem man Kinder hat. So viele praktische Aspekte, mit denen ich mich nie herumschlagen musste. Zum Beispiel, wie man mit einer untröstlichen Fünfjährigen umgeht, die ihrem neugeborenen Bruder die Schuld am Tod ihrer Mutter gibt. Oder wie man mitten in der Nacht ein hungriges Baby mit der Flasche füttert, während es einen gleichzeitig große Anstrengung kostet, dieses Kind nicht abzulehnen. Dass man für zwei kleine Menschen verantwortlich ist, die einen brauchen, damit ihre Welt sich weiterdreht.
»Dann hatten Sie wohl gar keine Zeit zum Trauern?«
Darüber muss er lachen.
»Aber wie haben Sie es nur geschafft?«
»Ich hatte Hilfe.«
»Einen Psychologen?«
Wieder muss er lachen. »Nein, ein Kindermädchen, jemand, der sich um Toby kümmerte, während ich versuchte, mit Rachel fertig zu werden.«
»Und Ihre Familie? Hat die Ihnen nicht beigestanden?«
»Ach, da gibt es nur meine Mutter und Rob, meinen jüngeren Bruder. Es ist nicht meine Art, mich auf andere zu verlassen. Obwohl Rob ziemlich hartnäckig war, wenn es darum ging, mit Rachel etwas zu unternehmen. Das war auch gut so, denn dadurch war sie für eine Weile weg vom Kriegsschauplatz.«
»Und wie geht es Ihren Kindern jetzt?«
»Sehr gut, Gott sei Dank. Hilary – das Kindermädchen – ist noch immer bei uns. Sie liebt die beiden wie ihre eigenen Kinder.«
»Was für ein Glück, dass Sie sie gefunden haben.«
»Ich weiß nicht, was wir ohne sie gemacht hätten.«
An diesem einen Abend erfahre ich so viel über ihn. Wie sehr er seine Kinder liebt und seine Arbeit. Und wie beides ihm half weiterzumachen.
Ich erzähle von Brendan, wie er in diesem idiotischen Autounfall umkam. Ich erzähle von Schuldgefühlen, Wut, Trauer, Einsamkeit und wie auch ich mich in meine Arbeit vergraben habe, sodass ich noch nie eine produktivere Zeit hatte als in den achtzehn Monaten seit seinem Tod. Meine Arbeit ist zu meinem Lebensinhalt geworden, das gebe ich unumwunden zu. Ich spreche von meiner verlorenen Zukunft und von meiner Unfähigkeit und meinem Unwillen, an eine andere Zukunft zu glauben. Er überrascht mich damit, dass er sagt, alles das habe er bereits am ersten Tag in meinen Augen gesehen. Es war das, was er »bemerkenswert« gefunden hatte.
Die Tische um uns haben sich geleert, wir sind die letzten Gäste. Aber es gibt noch immer so viel zu sagen. Meine Wohnung liegt in der Nähe, und wir haben beide keine Lust, irgendwo in einem lauten Raum inmitten anonymer Menschen zu sitzen. Wir fallen uns nicht sofort in die Arme, sowie wir die Tür hinter uns geschlossen haben. Wir reden einfach nur. Es genügt eine Bemerkung, die eine kleine Erinnerung in mir wachruft, und ich bin den Tränen nahe, das passiert gewöhnlich nur dann, wenn ich spät abends allein bin. Im Laufe der letzten Stunden haben wir so viel geteilt, dass es nur natürlich scheint, als er mir die Tränen von den Wangen tupft. Als ich zu ihm aufsehe, sind sein Gesicht, seine Augen, seine Lippen ganz nahe. Und dann küsse ich ihn, genauso hingebungsvoll, wie er mich küsst. Ich spüre wieder die Anziehungskraft, die ich im Pub bereits wahrgenommen hatte, nur ist sie jetzt noch stärker. Diesmal wehre ich mich nicht. Trost, Leidenschaft und Verständnis überlagern das, was gewesen ist. Unsere gemeinsame Trauer sorgt für den zündenden Funken. Das hier ist anders als alles, was ich bisher kannte. Und hinterher, als Greg Fünfjahrespläne entwirft, in die ich einbezogen bin, muss ich lachen, obwohl ich weiß, dass es ihm ernst ist.
Bald sind wir unzertrennlich. So unzertrennlich, wie es meine Arbeit und seine Kinder gestatten. Mehrmals am Tag telefonieren wir, sodass Sebastian ihn schon »Lover Boy« nennt. So oft wir können, treffen wir uns zum Brunch und gehen fast jeden Abend aus. Es ist, als sei eine aufschäumende Brausetablette mit Vitamin C in das stille Wasser meines bisherigen Lebens gefallen. Noch nie habe ich jemanden gekannt, der so lebendig ist. Man weiß an keinem Abend, wo man landet: beim Kegeln, Einkaufen oder bei der Eröffnung einer Galerie. In einer Bar, beim Bingo oder in einem Club. Am Flughafen. In einer Kirche. Er ist für alles zu haben, solange es nach einem Abenteuer klingt und Spaß macht. Greg zeigt mir, dass man so ziemlich überall Abenteuer und Spaß haben kann. Er scheint jeden zu kennen. Und wen er nicht kennt, den lernt er kennen. Er sprüht vor Lebendigkeit, man kann es förmlich fühlen, wie sein Herz schlägt. Er lebt das Leben, als könne es ihm jeden Moment genommen werden. Das scheint mir sehr vernünftig.
Ich fange an, es ihm gleichzutun. Wenn sich Greg verrückte Dinge einfallen lässt und mir zum Beispiel in einer Videothek heimlich nachstellt wie einer Fremden, die er abschleppen möchte, dann ist mir das nicht peinlich. Mir ist es egal, was andere denken. Wenn er mich dann aus dem Laden trägt, lache ich laut und unbeschwert. Während der letzten anderthalb Jahre bin ich für meine Freunde »die arme Lucy« gewesen. Je mehr Zeit ich mit Greg verbringe, desto mehr verblasst dieses Beiwort und desto mehr merke ich, dass man, wenn man wie ein Stück zerbrechliches Porzellan behandelt wird, auch anfängt, sich wie eins zu fühlen. Lucy Arigho – Vorsicht, zerbrechlich. Aber das ist passé. Durch Greg lerne ich, dass es möglich ist, wieder zu leben. Es ist möglich, ohne Schuldgefühle Spaß am Leben zu haben, denn ich habe Brendan keineswegs vergessen.
Ich kann glücklich sein.
Manchmal frage ich mich, ob wir uns zu oft sehen. Aber wenn Greg nicht da ist, wird die Wirklichkeit langsamer, farbloser, langweiliger. An den Wochenenden, die er mit seinen Kindern verbringt, besuche ich Freunde, gehe einkaufen oder besuche Kunstgalerien. Aber was ich auch unternehme, ohne ihn scheint alles nur wie Zeitvertreib. Ich erwarte nicht, an seinem Familienleben teilzunehmen. Ich habe genug Fernsehprogramme zu diesem Thema gesehen, um zu wissen, dass allein erziehende Eltern meist vorsichtig sind, wenn es darum geht, ihre Kinder mit einem neuen Partner bekannt zu machen, und das respektiere ich. Gregs Kinder kennen zu lernen würde unsere Beziehung auf eine andere Ebene heben, an die ich nicht denken möchte.
Ich habe es niemandem erzählt. Natürlich weiß Fint es. Und Sebastian, die Spürnase, ist selbst darauf gestoßen. Aber außer ihnen weiß es niemand. Ich muss mich ja selbst immer noch daran gewöhnen. Ich möchte das Schicksal nicht herausfordern, einfach nur im Hier und Jetzt leben. Aber dann lädt Greg mich ein, zur Vorstellung des Buches einer seiner Freunde zu kommen, und prompt werden wir für eine Klatschspalte abgelichtet. Ich stelle mir vor, wie mein Vater seine Sonntagszeitung aufschlägt und seine Tochter ihm entgegenlächelt, um die ein Fremder seinen Arm gelegt hat. Er würde nichts sagen, aber ich weiß, er wäre verletzt, weil ich es ihm nicht gesagt habe. Wir stellen eine Art Team dar, Dad und ich, Partner der Unvollkommenheit. Dads Ansprüchen hatte ich immer genügt, er war derjenige, der mich in meinen verrückten Zeichnungen bestärkte und meine Mutter davon überzeugte, dass ich von meinem Talent leben könnte. Und deshalb muss ich vor Samstag mit ihm reden. Dummerweise ist meine Mutter das Kontrollzentrum für alle Informationen. Sie wird die Neuigkeit zuerst hören wollen, nein, sie erwartet es von mir. Und ich habe gelernt, es zu vermeiden, ihren Unmut hervorzurufen.
Meine Mutter ist immer für praktische Geschenke, also bringe ich Räucherlachs mit. Ich schmuggle auch eine Riesentafel Nussschokolade für Dad ins Haus, der wie immer auf strenge Diät gesetzt ist. Mum öffnet die Tür in ihrer Schürze, unter der sie ihre Standarduniform aus kamelhaarfarbenem Rundhalspullover und wadenlangem Tweedrock trägt. Kein Schmuck. Vernünftige Schuhe. Der Haarschnitt einer Frau, die zwanzig Jahre älter ist als sie. Ebenso gut könnte die Haushälterin eines Priesters aussehen. Aber das zu hören würde sie zutiefst beleidigen.
Wir hatten nie ein gutes Verhältnis, Mum und ich. Zunächst beschäftigen wir uns mit dem Tee. Sie widmet sich dem Wasserkessel. Ich stelle Tassen und Untertassen bereit. In unserem Haus hat es immer Untertassen gegeben, niemals Becher. Wir machen den normalen Smalltalk, in dem Grace und ihre Familie die Hauptrolle spielen. Als sie mir das Rezept für die Apfeltorte geben will, die sie im Herd wärmt, ist mir klar, dass uns die Themen ausgehen. Also lasse ich die Katze aus dem Sack. »Ich bin mit Greg Millar befreundet.«
»Mit wem?«, fragt sie und stellt ihre Tasse wieder auf die Untertasse.
»Greg Millar.«
»Jemand von der Hochschule?« Die Zeituhr am Herd klingelt. Sie ignoriert es.
»Nein, Mum, an der Hochschule gab es keinen Greg Millar.« Ich blicke zum Herd.
»Wer ist es dann? Kenne ich ihn?«
»Er ist Schriftsteller.«
»Oh.« Einen Moment denkt sie nach, kneift die Augen zusammen. »Habe ich schon mal von ihm gehört?«
Ich zucke die Schultern. Jetzt ist es heraus. Meine Pflicht ist erfüllt.
Den Zeigefinger an den Lippen; den Daumen unterm Kinn, schaut sie einen Augenblick zur Decke, dann sieht sie mich wieder an. »Nein, der Name sagt mir nichts. Was für Bücher schreibt er denn?«
»Krimis. Er ist ziemlich beliebt.«
»Daran zweifle ich nicht, Liebes. Na ja. Und wie lange ... seid ihr schon ...« – sie sucht nach einem passenden Ausdruck – »... zusammen?«
»Ein paar Wochen.« Im Geist sehe ich sein Gesicht und bin versucht zu lächeln.
»Also ist es noch früh«, sagt sie und zersticht die Seifenblase.
»Es ist nichts Ernstes. Es ist nur ... ich dachte, ihr solltet es wissen, falls ... ich weiß nicht ... falls ihr es von anderer Seite hört, oder sonst etwas.«
»Sicher, aber von wem sollten wir es hören?« Sie sieht zu Dad hinüber, als wollte sie sagen: »Wir gehen ja niemals aus.«
Er bemerkt ihren Blick nicht, da er in seinem Sessel hinter der Zeitung sitzt. Sein Lieblingsplatz.
»Soll ich die Apfeltorte rausholen?«, frage ich.
»Ja bitte, Lucy. Und schneide für jeden ein Stück ab.«
»Hat jemand etwas von Apfeltorte gesagt?« Sein Kopf erscheint hinter der Zeitung.
Ich sehe ihn an. Er rollt die Zeitung zusammen und legt sie auf den Stuhl, reckt sich und kommt an den Tisch. Er schweigt, bis ich ihm sein Stück Torte reiche.
»Also ist es nichts Ernstes, nein?«
Ich wusste doch, dass er zugehört hat. »Ach was«, sage ich und kann ein Lächeln nicht unterdrücken.
»Das sieht gut aus, Mum«, sagt er. Schnell schaufelt er sich zwei Löffel Schlagsahne auf sein Tortenstück und verstreicht sie mit dem Löffelrücken.
Sie sieht zu und runzelt die Stirn.
»Weißt du eigentlich, Lucy«, sagt er, »dass die Menschen die Angewohnheit haben, immer dann zu behaupten, es sei nicht ernst, wenn es in Wirklichkeit ernst ist?«
Ich zucke mit einer Schulter und ziehe unschuldig die Brauen hoch. »Also, nicht in diesem Fall, Dad.«
»Du darfst nie etwas Verbotenes tun, mein Schatz, denn du kannst einfach nicht schwindeln.«
Ich schneide ihm eine Grimasse.
»Wie hast du ihn kennen gelernt?«, fragt meine Mutter.
»Durch die Arbeit.« Ich spare mir die Einzelheiten.
»Das wundert mich nicht. Du machst ja auch sonst nichts.«
Ich habe in meinem Leben gelernt, wann es besser ist, den Mund zu halten. Jetzt ist so ein Moment.
»Ist er nett zu dir?«, fragt sie.
»Ja. Ist er.«
»Bringt er dich zum Lachen?«, fragt Dad in einem Ton, der andeutet: Was viel wichtiger ist.
Ich denke daran, wie Greg Matt nachahmt, und nicke lächelnd. Dazu geht er in die Hocke, kommt auf mich zugewatschelt, sieht dann zu mir auf und bittet um den nächsten Tanz. Stimme und Gesten sind einfach perfekt.
»O je«, sagt Dad, »ich glaube, wir haben sie verloren.«
»Ich kenne ihn ja kaum, Dad.«
»Das glaube ich«, sagt er und sieht aus, als glaubte er kein Wort. »Und wie oft seht ihr euch so?«
»Ziemlich oft.«
»Jeden Tag?«
»Fast.«
Er weiß, wie er mich zum Reden bringt. Wie ein guter Polizist. »Ah«, sagt er, als hätte er alles begriffen.
Wir schweigen. Das monotone Ticken der Küchenuhr erinnert mich daran, wie viele Nachmittage ich hier an diesem Tisch über Hausaufgaben gesessen habe. Plötzlich zeigt er mit der Kuchengabel auf mich. »Hat er nicht geschrieben A Time To Die?«
Ich setze mich auf. Strahle ihn an. »Ja, ja, das hat er.« Lieber, guter Dad.
»Ach, der ist das?«, sagt meine Mutter. »Diese Bücher sind ja so schmutzig. Er ist geschieden. Oder lebt getrennt oder so was. Oh, Lucy.«
»Er ist nicht geschieden. Seine Frau ist gestorben, Mum. Dafür kann er wohl kaum etwas.«
»Na ja, also, auf jeden Fall solltest du vorsichtig sein. Diese Sorte Männer sind meist kompliziert ...«
»Okay, Mum. Also, ich geh jetzt.« Ich stehe auf; bemühe mich, es langsam zu tun und meine Stimme unverfänglich klingen zu lassen, ruhig zu bleiben. »Vielen Dank für den Tee, Mum.« Ich küsse sie auf die Wange, greife nach meiner Tasche.
»Du brauchst doch noch nicht zu gehen ...«
»Es ist schon spät, Mum. Ich muss weg.« Meine Standardausrede.
Dad folgt mir in den Flur. »Sie hat es nicht so gemeint, Schatz. Sie macht sich nur Sorgen um dich.«
»Ja, und ob.«
»Sie meint es gut, Lucy.«
»Ganz sicher.«
»Es ist genau wie mit der Apfeltorte.«
Was meint er bloß damit?
»Hast du gesehen, wie böse sie mich angeschaut hat, als ich mir die Schlagsahne genommen hab?«
»Das hast du bemerkt?«
»Natürlich habe ich es bemerkt. Aber warum, glaubst du, hat sie Schlagsahne gemacht, wenn sie nicht wollte, dass ich davon esse?«
»Verstehe ich auch nicht.«
»Sie glaubt, wenn sie nach allen Seiten austeilt, dann beweist sie damit, dass wir ihr am Herzen liegen.«
»Ach, komm, Dad.« Die Schlussfolgerung eines Vaters, der zu früh in den Ruhestand geht und sich dann mit Psychologie beschäftigt.
»Und weißt du auch, warum sie so ist?«
»Erleuchte mich.«
»Weil ihre Mutter genau das Gegenteil war – völlig versponnen, immer abwesend, keine Disziplin, Kinder, die wie kleine Wildgewächse aufwuchsen. Deshalb hat Mum euch beide so hart angepackt. Sie hält das für die Pflicht einer guten Mutter.«
»Ach, ich weiß nicht, Dad.«
»Verlass dich drauf, Lucy. Sie will nur dein Bestes ...«
»Aber das ist ja gerade das Problem. Das will sie immer. Nichts ist ihr gut genug. Nichts wird jemals gut genug sein. Ich wusste, dass sie auch mit Greg ein Problem haben würde. Das musste sie einfach. Ich weiß nicht, warum ich hergekommen bin, wirklich nicht.«
»Sie macht sich nun mal Sorgen, Lucy. Pass auf, wenn ich gleich in die Küche zurückgehe, wird sie sich furchtbar aufgeregt haben. Das garantiere ich dir.«
Ich antworte nicht.
»Wie geht's mit der Arbeit?«
»Gut.«
»Gut. Sieh mal, das Wichtigste ist, dass du glücklich bist. Und das bist du doch hoffentlich, nicht wahr?«
Ich nicke.
