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Eine Karnevalskönigin wird zur Kindsmörderin, ein junger Mann erlebt eine Teufelsaustreibung, ein Dorf übt von der Polizei geduldete Lynchjustiz, und Mel Gibson sucht ein Gefängnis wie im Hollywood-Film. Was in diesem Buch geschieht, hätte überall passieren können, aber aus irgendwelchen Gründen konnte es doch nur hier passieren: in Veracruz. Ausgehend von realen Ereignissen und Alltagsmythen erzählt Fernanda Melchor von ihrer tropischen Heimatstadt am Meer: von den Florida-Träumen karibischer Migranten, von der Herrschaft der Narcos und den Legenden, hinter denen sich die Abgründe der Gewalt, besonders gegen Frauen, verbergen. Melchor erfindet nichts und meidet doch billige True-Crime-Effekte. »Das hier ist nicht Miami« ist der furchtlose Versuch, zu ergründen, welche Begierden, Vorurteile und sozialen Umstände Verbrechen hervorbringen – und warum das Böse in jede Ritze der mexikanischen Realität hineinzukriechen scheint.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Schaurige Tropen
Fernanda Melchor erzählt vom Leben und Sterben in einer überhitzten Hafenstadt am Golf von Mexiko – machetenscharf, schonungslos und geradezu übertrieben real.
»Kümmern Sie sich nicht zu sehr darum, was für ein Buch das eigentlich ist. Sie werden Melchors Welt schlicht schmutzig, beunruhigend – und vor allem unwiderstehlich finden.« New Statesman
FERNANDA MELCHOR
DAS HIER IST NICHTMIAMICRÓNICAS
Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar
Verlag Klaus Wagenbach Berlin
Vorbemerkung der Autorin
LICHTER
Lichter am Himmel
Der Gürtel der Laster
Das hier ist nicht Miami
Königin, Sklavin oder Ehefrau
Ein Gefängnis wie im Film
FEUER
Das Lied vom Verbrannten
Das Haus am Estero
SCHATTEN
Deine Jungs legen sich nicht mit meinen an
Ein guter Mensch
Schlaflosigkeit
Das Leben ist nichts wert
Veracruz schreibt man mit Z
Dank
Impressum
In einer Stadt zu leben heißt, inmitten von Geschichten zu leben: denen, die in Büchern stehen, denen, die in Zeitungen und auf Bildschirmen zirkulieren, denen, die von Mund zu Mund weitergegeben werden und dabei unaufhaltsam mutieren wie Viren, diese Organismen, die noch nicht einmal lebendig sind und sich trotzdem so beharrlich vermehren, um in der Welt zu überdauern.
Die Stadt ist der Ort, wo die Geschichten entstehen und sich fortpflanzen. Und es ist auch der Ort, wo sie sterben. Die Geschichten sterben, weil die Stadt, Bühne der Wirklichkeit, all ihrem Lärm zum Trotz still ist: Sie kann nicht selbst von sich erzählen, sie kann überhaupt nichts erzählen. Geschichten werden nicht, wie schon Sartre bemerkte, von der Wirklichkeit erzählt, sondern von der menschlichen Sprache, der Erinnerung.
Doch die Sprache ist trügerisch: Wie oft wurden wir schon verblüfft mit etwas konfrontiert, das es uns nicht zu beschreiben gelang – einer Atmosphäre, einer Gebärde, einem Gefühl? Wir wollen etwas erzählen, doch die Worte, die wir wählen, lehnen sich gegen uns auf wie ungezähmte Tiere. Wir wollen die Wirklichkeit, ein kleines Bruchstück der Wirklichkeit, getreulich abbilden, und letztendlich sprechen wir von unserer eigenen Endlichkeit, unseren eigenen Ängsten und Wünschen. Wir misstrauen den Worten, weil sie uns – erst recht in dieser von Bildern und Daten überladenen Zeit – zu lärmend erscheinen, um Echo der Stille zu sein, und zu undurchsichtig, um vom Strudel des Lebens zu berichten.
Diese Sammlung von Crónicas wurde in der Absicht geschrieben, Geschichten auf die ehrlichste Weise zu erzählen, die ich für möglich halte – indem man die stets etwas ausweichende Natur der Sprache akzeptiert und sie sich für die eigene Sache zunutze macht. Es ist ganz egal, dass man die Wirklichkeit unmöglich mithilfe eines Werkzeugs »reproduzieren« kann, das uns Splitter in die Hände treibt; es ist ganz egal, dass jedes noch so belanglose Bild in unserem Computer mehr wiegt als tausend Worte. Geschichten entstehen in der Sprache, und in ihr erhalten sie ihren tieferen Sinn, der Aufnahmegeräten und Kameras entgeht, der mit den Stimmen und Gesten der Menschen verflochten ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieser Aufgabe gänzlich gerecht geworden bin, zumindest kann ich jedoch versichern, dass ich es versucht habe, noch bevor ich diese hier dargelegten Überlegungen bewusst angestellt habe.
Der Großteil der Texte in Das hier ist nicht Miami ist zwischen 2002 und 2011 entstanden. Einige erschienen in der legendären Zeitschrift Replicante. Für die vorliegende Neuausgabe des Buchs 2018 kamen eine umgearbeitete, vollständigere Fassung der tragischen Geschichte von Evangelina Tejera und die bislang unveröffentlichte Erzählung »Das Leben ist nichts wert« hinzu, die aus derselben Zeit stammt, in der die Crónicas der ersten Ausgabe von 2013 geschrieben wurden, eine Zeit, die geprägt war von den katastrophalen Regierungen Fidel Herrera Beltráns als Gouverneur von Veracruz und Felipe Calderón Hinojosas als Präsident Mexikos.
Einige der in diesem Buch versammelten Texte können dem journalistischen Genre der Crónica zugerechnet werden. Andere lassen sich nicht so leicht einordnen – ich nenne sie Relatos, also Erzählungen oder Berichte, in ihrer ursprünglichen Definition: eine Darstellungsform zur detaillierten Wiedergabe eines Geschehens. Es sind keine journalistischen Texte, denn sie enthalten keine Daten, harten Fakten und auch keine Autokennzeichen (zum Teil, um meine Informanten zu schützen), aber es sind ebenso wenig realistische Fiktionen – es kommen keine Tränen, bewaffneten Männer oder verletzten Kinder vor, wenn es sie nicht gab. Das einzige fiktionale Element, das ich diesen Erzählungen zugestehe, ist jenes, das jedes Konstrukt menschlicher Sprache durchdringt, vom Gedicht bis zum Zeitungsbericht: die Form der Erzählung, ihr Ordnungsschema. Denken wir an die Etymologie des Wortes Fiktion, vom lateinischen fingere: »gestalten«, »Form geben«. Die Wirklichkeit hat keinen richtungsweisenden, sinngebenden Willen. Weshalb jede Reportage, wie jeder Roman, immer in gewisser Weise »fiktiv« ist, eine künstliche Rekonstruktion, die man nicht mit dem Leben verwechseln sollte.
Daher werden die Leser auf diesen Seiten Erzählungen finden, die sich weigern, mit der ›großen‹ Geschichte in einen Dialog zu treten; Geschichten, die keine klar umrissene Anekdote wiederzugeben versuchen, sondern den Effekt, den sie auf das Empfinden derjenigen hatten, die sie erlebt haben. Die Geschichten, die ich damit meine, entspringen konkreten Ereignissen (zum Beispiel das Stranden einer Gruppe blinder Passagiere im Hafen oder ein Exorzismus, wie er in Veracruz praktiziert wird), aber die subjektive Erzählperspektive durchbricht das rein Anekdotische und konzentriert sich auf die grundstürzende Erfahrung, die diese Geschichten für ihre Protagonisten bedeuteten. So erzählt der Text, der dem Buch seinen Namen gibt, nicht nur die Geschichte von ein paar armen Teufeln, die Veracruz für Miami hielten, sondern vor allem die eines jungen Mannes, der in einer tropischen Winternacht zum ersten Mal mit dem Antlitz von Grausamkeit und Rache konfrontiert wird.
Ich weiß, dass die menschliche Subjektivität womöglich das dem Journalismus fernste Feld ist, ja dass einige meiner Erzählungen der Gefahr ausgesetzt sind, trotz dieser wortreichen Vorrede wie fiktionale Texte zu wirken. Ich kann den Lesern daher nur versichern, dass meine Absicht beim Schreiben immer darin bestand, eine Geschichte mithilfe der größtmöglichen Anzahl an Einzelheiten und mit dem kleinstmöglichen Getöse zu erzählen; dass die Worte, die ich verwende, dem persönlichen Erfahrungsschatz meiner Informanten entspringen, ja der manchmal geradezu ausbeuterischen Aneignung ihrer Erlebnisse, und natürlich meiner eigenen Anwesenheit und Teilnahme an beschriebenen Ereignissen.
Die Leser werden hier keine Spur der Angst vor Subjektivität finden, keine Spur der Scheu, ins Getriebe der Erzählung einzugreifen, um den menschlichen Begebenheiten einen neuen Sinn zu verleihen, was der individuellen Erfahrung näher kommt als dem Zeitungsartikel. Man wird jedoch auch keine Fiktion oder Imagination finden: lediglich Geschichten, die sich überall hätten zutragen können, die aber aus wer weiß welchem unvermeidlichen Grund nur an diesem Ort geschehen konnten.
Fernanda Melchor Veracruz, Oktober 2017
Zu Beginn der Neunziger war Playa del Muerto, der Strand des Toten, kaum mehr als ein gräulicher Streifen Sand am Ende von Boca del Río, der Nachbarstadt von Veracruz. Seine glühend heißen Dünen waren voller dornigem Gestrüpp, in dem die morschen Zweige und Plastikflaschen hängenblieben, die der Fluss bei Hochwasser aus den Bergen mit sich schleifte. Es war kein sehr beliebter oder sonderlich schöner Strand (sollte es in diesem Teil des Golfs von Mexiko überhaupt irgendeinen geben, der das wäre), und manchmal – vor allem bei Flut oder Unwettern – verschwand der Sandstreifen völlig, und nicht einmal die steinernen Wellenbrecher konnten das Wasser davon abhalten, die Landstraße zu überschwemmen, die beide Städte miteinander verbindet.
Die Einheimischen mieden ihn. Dutzende wagemutiger Schwimmer, vor allem aus Mexiko-Stadt, starben jedes Jahr in seinen trügerischen Gewässern. Baden verboten, stand auf den Schildern am Ufer. Achtung tife Stelln, warnte ein unbeholfen gemalter roter Totenkopf. Die starke Brandung, die das Mündungswasser zur südlich gelegenen Küstenspitze von Antón Lizardo schob, schürfte an der Playa del Muerto tiefe Löcher in den Grund, durch die unvorhersehbare Strömungen entstanden, in denen man leicht ertrinken konnte.
Ich war neun, als ich die Lichter sah, schimmernd wie Glühwürmchen vor der schwarzen Leinwand des Strandes. Der andere Zeuge war mein Bruder Julio, damals sechseinhalb. Wir waren dabei, mit einem Stöckchen im Sand zu stochern, um das Heim einer Blaukrabbe zu zerstören, als ein kurzer Lichtschein uns zum Himmel aufschauen ließ. Fünf glitzernde Lichter schienen aus den Tiefen des Meeres aufzusteigen, schwebten ein paar Sekunden über unseren Köpfen und entschwanden dann landeinwärts, in Richtung der Flussmündung.
»Hast du das gesehen?«, flüsterte Julio und deutete zum Horizont.
»Na klar hab ich«, antwortete ich. »Ich bin ja nicht blind.«
»Aber was ist das?«, fragte er.
»Ein UFO«, antwortete ich verzückt.
Doch keiner der anwesenden Erwachsenen schenkte uns Beachtung, als wir zum Lagerfeuer zurückrannten, um es ihnen zu erzählen, nicht einmal unsere Eltern. Ein Stück weg vom Feuer und den anderen stritten die beiden sich so inbrünstig, dass sie uns nicht einmal zuhören wollten.
Ein paar Wochen zuvor hatte sich ein außerordentliches Ereignis zugetragen: Am Donnerstag, den 11. Juli 1991, hatte stattgefunden, was später »die längste totale Sonnenfinsternis des 20. Jahrhunderts« genannt werden sollte. An diesem Tag waren alle Augen in Mexiko zum Firmament gerichtet, ungeduldig wartete man auf das Wunder, das die Sonne in einen weißen Feuerring und den Mond in einen dunklen Fleck verwandeln würde. Die Eklipse sollte von Veracruz aus nicht zu sehen sein, aber was machte das schon, wir hatten schließlich einen Fernseher, auf dem ohne Unterlass die gleiche reglose Einstellung des Himmels und Bilder von Bewohnern der wichtigsten Städte gezeigt wurden, in denen das Phänomen beobachtet werden konnte: Abertausende Menschen, die auf Plätzen, Gehsteigen, Grünstreifen und an Stränden standen und mit Fernrohren aus Pappe und Spezialbrillen in den Himmel starrten. Die Nachrichten warnten davor, in die Sonne zu gucken, man könne sich die Netzhaut verbrennen und erblinden, und ich dachte, was für ein Glück wir in Veracruz hatten, dass wir uns außerhalb des Radius der totalen Sonnenfinsternis befanden, denn ich hielt mich nicht für imstande, der Verlockung zu widerstehen, direkt in diese verwirrende schwarze Sonne zu schauen, und ganz sicher hätte deren konzentrierter Glanz meine Augen schmelzen lassen wie Wachs, so zumindest stellte ich es mir vor.
Ich wusste es nicht, aber während ich mit meiner Familie auf dem Fernseher im Zimmer meiner Großmutter gebannt die Sonnenfinsternis verfolgte, stand ein Mann namens Guillermo Arreguín auf dem Balkon seiner Wohnung südlich des Autobahnrings und filmte mit einer Videokamera den Himmel über Mexiko-Stadt. Guillermo Arreguín war weniger an der nahenden Eklipse interessiert als an den Planeten, Sternen und übrigen Himmelskörpern, die, wie er in einer Zeitschrift für Astronomie gelesen hatte, dank der erzwungenen Finsternis besonders hell leuchten würden. Als der Himmel sich verdunkelte, richtete Arreguín seine Kamera auf ein Ende seines Balkons und machte mehrere Panorama-Aufnahmen von der Umgebung. Während eines dieser Schwenks erfasste er ein seltsames Objekt, das über den umliegenden Gebäuden zu schweben schien.
Arreguíns Video wurde noch am selben Abend in der Nachrichtensendung 24 horas gezeigt. Zwei Tage später beschrieb ein Artikel in der Zeitung La Prensa das in der Aufnahme zu sehende Objekt als »fest«, »metallisch« und von »silbernen Ringen« umgeben. Doch erst am 19. Juli hielt das Wort »Außerirdische« triumphalen Einzug in die Talkshow Y usted … ¿Qué opina? – »Und Sie … was denken Sie?« –, die ausschließlich der Debatte um die mögliche Landung von Außerirdischen auf der Erde und der jüngsten Welle von Sichtungen unbekannter Flugobjekte in mehreren mexikanischen Städten gewidmet war. Während der Sendung – die live übertragen wurde und eine Rekordlänge von elf Stunden und zehn Minuten erreichte – überließ der Moderator Nino Canún das Wort einem bärtigen Mann namens Jaime Maussan, der sich selbst als »Ufologe« vorstellte und erklärte, über mindestens fünfzehn Aufnahmen desselben »glitzernden Objektes« zu verfügen, das Arreguín eingefangen hatte. Maussan versicherte, besagte Videos seien nicht nur von verschiedenen Personen in unterschiedlichen Städten des Landes gefilmt worden, sondern sie seien sogar »Untersuchungen« unterzogen worden, die bewiesen hätten, dass es sich bei dem Objekt in den Videos tatsächlich um ein Raumschiff handele, und er nutzte die Aufregung, die sein Auftritt beim Studiopublikum erzeugte, um das baldige Erscheinen seines Dokumentarfilms Die sechste Sonne anzukündigen, der, versprach er, die Wahrheit hinter den geheimnisvollen Erscheinungen enthüllen werde.
So begann die UFO-Welle in Mexiko.
In jenem Sommer lernte ich alles, was man über das Thema wissen musste: grüne Männchen, »Entführungen«, die Verschwörung der »Men in Black«, die Verbindung zwischen Aliens und der Cheops-Pyramide in Ägypten und die Kornkreise in England. All dies faszinierende Wissen erwarb ich dank zweier Quellen: dem Fernsehen (oder vielmehr dem Dokumentarfilm Lichter am Himmel II von Jaime Maussan, den meine Großmutter mir und Julio nach langem Betteln kaufte, entgegen den vehementen Einwänden unseres Vaters und unserer Ingenieursonkel) und den Comics, die ich jede Woche kiloweise verschlang. Ganze Nachmittage verbrachte ich auf dem Bauch liegend, während mein Blick zwischen der Glotze und den bunten Seiten der Comichefte hin und her flitzte.
Was Comics betraf, hatte ich damals keine besonders spannenden Vorlieben – Geschichten von Archie, Little Lulu, Donald Duck und nicht viel mehr. Doch an den Zeitungskiosken hingen Hefte einer Reihe aus, von der ich mich angezogen fühlte wie eine Motte vom Licht: El Semanario de lo Insólito, eine wahre Enzyklopädie des Monströsen und Schauerlichen, ein Sammelsurium menschlicher Ungeheuer und manipulierter Fotos in übelster Qualität. Ich erinnere mich immer noch an einige besonders hübsche »Reportagen«, in deren Genuss ich auf ihren Seiten gekommen war: über den menschenfressenden fliegenden Riesenrochen auf den Fidschi-Inseln; über die Grundschullehrerin mit dem dritten Auge im Nacken, mithilfe dessen sie die Streiche ihrer Schüler aufdeckte; über den Schatten des erhängten Judas in den Augen des Madonnenbildes, das auf wundersame Weise auf dem Umhang des Indios Juan Diego erschienen war; und dann natürlich über die Autopsie eines Alien-Leichnams in dem Dorf Roswell, New Mexico, sowie viele andere Perlen.
Dank dieser erbaulichen Lektüre begriff ich in jenem Sommer, dass das seltsame Licht, das Julio und ich an der Playa del Muerto gesehen hatten, nur ein intergalaktisches Raumschiff gewesen sein konnte, in dem winzige hochintelligente Wesen reisten, denen es gelungen war, die Gesetze von Zeit und Raum zu überwinden. Wahrscheinlich waren sie gekommen, um uns vor einer nahenden Katastrophe zu warnen, die zur Zerstörung der Erde führen würde. Das Ende des Jahrtausends stand schließlich kurz bevor, und die Menschen lieferten sich noch immer unsinnige Kriege, bei denen Kinder getötet und die armen Pelikane am Persischen Golf in Öl getränkt wurden. Vielleicht suchten diese Aliens jemanden, der sie verstehen würde, jemanden, an den sie ihr Wissen und ihre Geheimnisse weitergeben konnten. Vielleicht fühlten sie sich allein, dachte ich – womöglich, weil ich mich selbst allein und fremd in der Welt, ja sogar in meiner eigenen Familie fühlte –, wie sie so in ihren Siliziumraumschiffen durch den Kosmos reisten und einen freundlicheren Planeten suchten, andere Welten, eine neue Heimat, neue Freunde in fernen Galaxien.
Nach der UFO-Sichtung am Strand beschlossen Julio und ich, den Himmel nun genau zu beobachten. Und Maussan hatte gezeigt, dass man uns ernster nehmen würde, wenn es uns gelang, einen Beweis zu erbringen.
Das Dumme war nur, dass Papa sich weigerte, uns seine Videokamera zu leihen.
»Wie könnt ihr denn so was glauben? Wie kann man nur so bescheuert sein?«, brüllte er, wenn er uns dabei erwischte, wie wir am Fernseher klebten, um die rätselhaften Nazca-Linien zu entziffern.
Papa konnte Maussan nicht ausstehen. Maussans triste Bulldoggenmiene mit dem grauen Bart brachte ihn zur Weißglut, und er explodierte jedes Mal, wenn er nur die Stimme unseres geliebten Propheten hörte. Er drohte uns sogar damit, den Videorecorder zu verstecken:
»Herrgott noch mal, seht ihr denn nicht, was der für eine Kiffervisage hat?«
Armer Papa, er kapierte es einfach nicht. Aber wir nahmen es ihm nicht übel, er tat uns eher leid. Mit Mama war es anders. Mama hörte sich unsere Theorien und Fantastereien über das UFO am Strand an und lachte und wuschelte uns durchs Haar, und eines Abends fuhren sie und ein paar ihrer Freundinnen mit uns wieder zur Playa del Muerto, damit wir unser Raumschiff noch einmal sehen konnten.
In dieser Nacht glitzerte der Vollmond silbrig auf dem Wasser, das glatt dalag wie ein riesiger Spiegel. Doch nichts war mehr wie bei unserem letzten Ausflug an den Strand Anfang Juli: Wo man hinsah, Menschen und Autos. Jugendliche lagen auf den Steinen der Wellenbrecher und drängten sich um Lagerfeuer, die mit dem trockenen Gestrüpp entfacht worden waren. Die Autos standen direkt auf dem Sand, so nah am Ufer, dass das Salzwasser an den Reifen leckte. Hupen, Rülpser, die Gitarrenakkorde von Soda Stereo übertönten das Wispern des Windes. Die Verliebten turtelten auf den Motorhauben und versteckten ihre Gesichter vor dem Lichtschein der Kameras. Entsetzt sah ich, wie die Fernsehleute Stative montierten, um das Ereignis zu filmen. Ich sah, wie dicke Frauen die Dünen zertrampelten. Wie verzogene Kinder mit eisverklebten Fingern zum Himmel zeigten und ihre Mütter fragten: »Mami, um wie viel Uhr kommt das UFO?«
»Ist das doof«, sagte Julio nach einer Weile, und ohne weitere Erklärungen rannte er zu den anderen Jungs, um Länderkampf zu spielen. Eine ziemlich feige Art, die Sache zu begraben, fand ich.
Nachdem ich, so kam es mir vor, mehrere Stunden erfolglos den dunklen Himmel beobachtet hatte, wurde ich schläfrig. Ich ging zu meiner Mutter und kuschelte mich in ihren Schoß. Ihr Atem roch nach Wein, ihre Finger nach Zigaretten. Sie unterhielt sich mit einer Freundin über das UFO. Über weiße und rote Lichter, die sie in der Ferne sahen, aber es gelang mir schon nicht mehr, meine Augen offenzuhalten.
»So ein Aufstand wegen einem Narco-Flieger«, sagte Mama.
»Lass sie doch«, sagte ihre Freundin, »so haben sie wenigstens einen Vorwand für ein bisschen Party.«
Die ersten Berichte über unkontrollierte Flugbewegungen in der Region von Sotavento, vor allem über Veracruz, Boca del Río, Alvarado und Tlalixcoyan, gehen auf Ende der achtziger Jahre zurück. Die Bewohner in den ländlichen Gebieten – die sich vor allem der Fischerei und Viehzucht widmeten – hatten sich längst an die nächtlichen Lichter gewöhnt. Die Alten nannten sie »Hexen«, die besser Informierten »kleine Flugzeuge«. Sie kannten sogar den Ort, an dem die Lichter zur Erde herunterkamen: den Llano de la Víbora, eine von Buschwerk und Dornensträuchern umgebene Schneise, die von der Bundespolizei und der Armee oft als Landebahn oder für Spezialmanöver benutzt wurde. Die Anwesenheit von Soldaten und Polizeibeamten auf dieser Ebene zwischen Tümpeln und Sümpfen war für die Bewohner der Gegend also nichts Ungewöhnliches. Deshalb wunderte es auch niemanden, als Ende Oktober 1991 mehrere Soldatentrupps anrückten, das dichte Gestrüpp mit der Machete rodeten und den Pfad freilegten.
Doch nur eine Woche später, am Morgen des 7. November, sahen sich das Militär, die Bundespolizei und eine kolumbianische Cessna in einen blutigen Skandal verwickelt, der es irgendwie an der strengen Zensur vonseiten der Regierung vorbei schaffte: Soldaten des 13. Infanteriebataillons eröffneten das Feuer gegen eine Gruppe von Bundespolizisten, die angeblich zum Llano de la Víbora gekommen waren, um die Besatzung des kolumbianischen Privatfliegers festzunehmen, der an der Küste Nicaraguas auf das Radar der amerikanischen Grenzschutzbehörde geraten war. Die Cessna mit ihrer angeblich kolumbianischen Besatzung landete an jenem 7. November um 6:50 Uhr auf dem Llano de la Víbora, gefolgt von der King Air der Bundespolizei. Die Insassen des Fliegers – laut Augenzeugen ein Afroamerikaner und eine blonde Frau – ließen ihre Ladung von 355 Kilogramm Kokain in Bündeln zurück und verschwanden im Wald, während die Soldaten des 13. Infanteriebataillons in zwei Reihen längs der Landebahn darauf warteten, dass die Polizeibeamten ihr Flugzeug verließen, um dann das Feuer auf sie zu eröffnen, mit dem Ziel, sie zu »neutralisieren«.
Ich erinnere mich an zwei Fotos, mit der die Geschichte in der Lokalzeitung Notiver illustriert war. Auf einem lagen sieben Männer in einer Reihe bäuchlings im Gras. Die von den Soldaten erschossenen Polizisten. Fünf von ihnen trugen dunkle Kleidung, die anderen beiden waren in Zivil, mit gras- und dreckverschmierten Jacken, doch keiner hatte Schuhe an. Auf dem zweiten Foto sah man einen Polizeibeamten auf dem Boden sitzen, den Lauf eines Gewehrs gegen den Kopf gerichtet. Er blickte direkt in die Kamera, auf der Brust das Kürzel der Bundespolizei PJF. Seine geschwollene, trockene Zunge sah zwischen seinen entsetzt verzerrten Lippen hervor – er war der einzige überlebende Polizeibeamte des Manövers.
Es war Dezember – vielleicht auch Januar oder Februar –, als ich die Fotos auf den Seiten einer alten Zeitung sah, die ich für das trockene Laub ausgebreitet hatte, das ich an dem Nachmittag auf dem Betonboden im Hof zusammengekehrt hatte. Es muss in diesen Monaten gewesen sein, denn nur zu dieser Jahreszeit sinken die Temperaturen so weit, dass die Katappenbäume von Veracruz ihre orange verfärbten Blätter verlieren. Ich erinnere mich, wie ich im Hof hockte, die Fotos betrachtete und neugierig den Artikel las. Aber es sollten mehr als zehn Jahre vergehen, bis ich diese beiden Bilder verband – das Foto der toten Polizisten und die seltsamen farbigen Lichter, die ich mit neun Jahren an einem Sommerabend am Himmel gesehen hatte – und mir traurig eingestehen musste, das jenes unbekannte Flugobjekt keine Außerirdischen transportiert hatte, sondern lediglich bündelweise kolumbianisches Kokain.
Nach der Schießerei von La Víbora und weiteren ähnlichen Vorfällen in Nopaltepec, Cosamaloapan und Carlos A. Carrillo sowie mehreren Autounfällen betrunkener Jugendlicher verbot die Regierung von Boca del Río einige Monate lang nächtliche Strandbesuche, sodass wir nach unserem letzten enttäuschenden Ausflug erst Ende 1992 an die Playa del Muerto zurückkehrten. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte der Strand bereits all seinen Charme verloren. Man hatte dem Meer mit neuen Wellenbrechern Land abgetrotzt, und der Strand wimmelte von fliegenden Händlern und Touristen. Man hatte sogar die fiesen Schilder mit den Totenköpfen entfernt, die vor den Löchern im Meeresgrund gewarnt hatten, und mit der Zeit kam selbst der Name Playa del Muerto aus der Mode und wurde durch den gefälligeren, weniger schauerlichen Namen Playa Los Arcos ersetzt, Strand der Bögen.
Ich glaube, ich habe in meinem Leben nie wieder so inbrünstig an etwas geglaubt wie damals an die Aliens. Nicht einmal an die Zahnmaus, den Weihnachtsmann oder den Mann ohne Kopf (der, wie mein Vater versicherte, jede Nacht am Strand Playón de Hornos auftauchte und seinen Kopf suchte, der ihm bei der US-amerikanischen Invasion 1914 von einer Kanonenkugel abgerissen worden war), und erst recht nicht an den fliegenden menschenfressenden Riesenrochen von den Fidschi-Inseln. Später sollte nicht einmal Gott vor meiner Ungläubigkeit sicher sein. Alles Lügen, Erfindungen der Erwachsenen. All diese wunderbaren Wesen mit ihren übersinnlichen Kräften waren der Fantasie unserer Eltern entsprungen.
Die gegenwärtigen Bewohner der Gegend sagen, dass in mondlosen Nächten noch immer sonderbare bunte Lichter über den Himmel streifen und auf der Ebene landen. Aber ich kann mich nicht mehr dazu bewegen, auf die Suche nach Außerirdischen zu gehen. Die pummelige kleine Galaxienforscherin von damals gibt es nicht mehr, genauso wenig wie die Playa del Muerto und die idiotischen Draufgänger, die dort ertranken.
»Wenn wir über Veracruz in den Siebzigern reden, müssen wir über den Gürtel der Laster sprechen«, erklärt mir der Informant, nachdem er sich die nächste filterlose Zigarette angesteckt hat.
Seine Augäpfel treten hervor, als wollten sie ihren Höhlen entfliehen und auf dem Küchentisch herumrollen. Ich kann nicht erkennen, ob sein Blick der von den Erinnerungen geweckten Rührung geschuldet ist oder ob er gar nicht anders schauen kann – im Hafen wurde er, bevor er in Rente ging, El Ojón genannt, Riesenauge.
»Erzählen Sie bitte«, sage ich.
El Ojón zieht an seiner Zigarette, behält den Rauch einen Moment im Mund und atmet ihn dann aus. Sein fast vollständig weißer Schnurrbart verdeckt ein lückenhaftes Grinsen.
El Ojón kam im Callejón del Cristo zur Welt, am Rand des Barrio la Huaca, einem der ältesten Arbeiterviertel von Veracruz.
