Das Horn der Zeit - Poul Anderson - E-Book

Das Horn der Zeit E-Book

Poul Anderson

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Beschreibung

Nach dem Ende der Welt

Die Kith entwickelten sich einst aus den ersten Menschen, die das All erforschten, und ihre Raumschiffe waren die einzige Verbindung zwischen den Kolonien. Doch diese Zeiten sind vorbei, und die Kith fristen ein Dasein als Ausgestoßene. Als eines ihre Raumschiffe eine verlassene Kolonie entdeckt, findet der junge Jong Errifrans ein Geheimnis, das besser unentdeckt geblieben wäre …

In sechs Stories aus den späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren zeichnet Poul Anderson ganz verschiedene, aber immer eindringliche Bilder der näheren und fernen Zukunft.

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EPUB

Seitenzahl: 295




POUL ANDERSON

DAS HORN DER ZEIT

Erzählungen

INHALT

Das Horn der Zeit

Attentäter unterwegs

Die Totalitären

Der Mann, der zu früh kam

Marius

Fortschritt

Das Horn der Zeit

Hin und wieder glaubte Jong Errifrans auf jenem Planeten den fernen Klang eines Horns zu hören. Es begann leise und schwoll mit rascher pochendem Rhythmus an, bis der unterdrückte Laut sich in einem grellen Aufschrei befreite und schluchzend verklang. Beim ersten Male zuckte er zusammen und fragte die anderen, ob sie es gehört hätten. Aber der Klang lag auch für ihn, dessen Gehör jung und scharf war, ganz am Rande der Wahrnehmung, und die Männer sagten nein. »Irgendeine Täuschung durch den Wind in den Klippen drüben«, meinte Mons Rainart. Er fröstelte. »Der verdammte Wind steht hier nie still.« Jong erwähnte nichts mehr davon.

Es gab keinen Grund dafür. Nichts hauste in der Stadt außer Seevögeln. Ihre Schwingen rauschten wie ein weißer Orkan um die Turmspitzen, und ihre Flötenrufe vermischten sich mit dem Leiern des Windes und dem Trommelwirbel der Brandung; nichts Drohenderes als ein großer getigerter Fisch war ihnen an den äußeren Felsriffen begegnet. Und vielleicht hatte Jong deshalb Angst vor dem Horn; es verlieh der Leere eine Stimme.

Nachts verzichteten die vier auf ihre Wärmebatterien. Sie sammelten Holz und verschafften sich den primitiven Trost eines Feuers. Ihr Lagerplatz befand sich in einer Art Forum. Behauene Steinblöcke ragten aus dem Sand und dem harten Gras, das sich auf allen Straßen breitgemacht hatte; umgestürzte Säulen markierten ein Quadrat. Mehr Schutz boten die Wohntürme im Herzen der Stadt, die immer noch dichtgedrängt in den Himmel ragten; ihre Glassitfenster waren unzerbrochen. Aber nein, diese Fenster waren zu sehr wie die Augen eines Toten, und die Räume im Innern waren zu still, jetzt, da die Maschinen, die der Stadt Leben verliehen hatten, verrostet unter den Dünen lagen. Besser war es, ein Zelt unter den Sternen zu errichten.

Die Männer nahmen ihre Mahlzeit zu sich, und dann hob Regor Lannis, der Anführer, seinen Armband-Kommunikator an die Lippen und berichtete, was sie tagsüber gefunden hatten. Das Funkgerät im Raumboot fing die Nachricht auf und gab sie an die Golden Flyer weiter, die im Einundzwanzigstunden-Rhythmus des Planeten rotierte und so immer über der Insel stand. »Kaum etwas Neues.« Das war Regors typische Einleitung. »Überreste von Werkzeugen und ähnliches. Bisher haben wir noch keine Knochen gefunden, die eine radioaktive Datumsanalyse zuließen. Ich glaube auch nicht, dass wir noch Erfolg haben. Wahrscheinlich haben sie ihre Toten restlos eingeäschert. Mons schätzt, dass der Motorblock, den wir fanden, vor etwa zehntausend Jahren zu rosten anfing. Allerdings kann er nichts beweisen. Das Ding hätte sich kaum erhalten, wenn es nicht im Sand gesteckt hätte. Und wann es da hineingeriet, wissen wir nicht.«

»Aber Sie sagen, dass die Einrichtungsgegenstände im Innern der Wohntürme zum größten Teil erhalten sind – rostfreie Legierungen und Kunststoffe«, erwiderte Kapitän Ilmaray. »Können Sie nichts aus ihrer Anordnung oder ihrem Zustand schließen? Wenn die Stadt geplündert wurde …«

»Nein, Sir, die Spuren sind zu vage. Eine Menge Räume wurden offensichtlich ausgeraubt. Aber wir wissen nicht, ob das in einem Tag geschah oder über einen Zeitraum von Jahrhunderten hinweg, als die letzten Kolonisten auf der Suche nach Geräten waren, die sie nicht mehr selbst herstellen konnten. Wir können lediglich mit Sicherheit sagen, dass die Räume seit einer Ewigkeit leer stehen – der Staub verrät es.«

Wenn Regor mit seinem Bericht zu Ende war, holte Jong meist seine Gitarre hervor und stimmte die bekannten Lieder an, die unvergesslichen Gesänge der Kith, viele davon aus den alten Sprachen der Erde übersetzt. Sie halfen den Wind zu übertönen und die Brandung, die gegen die Küste donnerte. Früher hatte dort unten ein Hafen gestanden. Das Feuer flackerte hoch auf. Es holte ihre Gesichter aus der Nacht und tönte ihre einfachen Arbeitskleider mit einem unruhigen Rot. Dann sank es in sich zusammen, und sie wurden wieder von den Schatten verschluckt. Sie hatten starke Ähnlichkeit, die vier Männer, klein, geschmeidig, mit scharfen, dunklen Gesichtszügen; denn die Kith waren ein besonderes Volk. Sie heirateten nur untereinander, Angehörige jener Schiffe, die zwischen allen Sternen verkehrten. Da ein Schiff hundert Jahre und noch mehr von der Erde entfernt sein konnte, waren die planetengebundenen Zivilisationen, die aufflackerten und erstarben wie das Feuer vor ihnen, nichts für ihresgleichen. Die Männer unterschieden sich hauptsächlich durch ihr Alter, von den sechzig Jahren, die Regor Lannis' Haut faltig machten, bis zu den zwanzig, die Jong Errifrans vor nicht allzu langer Zeit erreicht hatte.

Schiffsjahre hauptsächlich, dachte Jong und sah fröstelnd zur Milchstraße hinauf. Wenn man fast mit Lichtgeschwindigkeit dahinzog, schrumpfte die Zeit zusammen, und er hatte in seinem kurzen Leben die Blüte und den Verfall eines Reiches gesehen. Damals hatte er kaum darüber nachgedacht – es war nun einmal so, dass die Kith nahezu unsterblich erschienen und die Planetenbewohner daneben vergänglich, fremd und ein wenig unwirklich waren. Aber eine Reise von zehntausend Lichtjahren zum galaktischen Zentrum und zurück war mehr, als je zuvor jemand gewagt hatte; mehr, als je ein Lebewesen auf sich nehmen würde, ausgenommen zur Wiedergutmachung des schlimmsten Verbrechens. Existierten die Kith noch? Und die Erde?

Nach einigen Tagen entschied Regor: »Wir sehen uns besser das Hinterland an. Vielleicht haben wir dort mehr Glück.«

»Was ist denn dort außer Wald und Savanne?«, widersprach Neri Avelair. »Das haben wir doch von oben gesehen.«

»Zu Fuß sieht man Dinge, die einem vom Boot aus entgehen«, sagte Regor. »Die Kolonisten können nicht ausschließlich an Orten wie diesen gelebt haben. Sie brauchten Farmen, Bergwerke und vorgelagerte Siedlungen. Wenn wir eine davon entdecken könnten, ließen sich vielleicht deutlichere Spuren sichern als in diesem verdammten Riesenlabyrinth.«

»Glaubst du, dass es viel Sinn hat, sich einen Weg durch die Schlingpflanzen zu hacken?«, wandte Neri ein. »Ich finde, wir sollten noch einige der Städte untersuchen, die wir von oben sahen.«

»Sie sind noch verfallener als die hier«, erinnerte ihn Mons Rainart. »Und zum größten Teil überflutet.« Er hätte es nicht sagen müssen. Wer wusste es nicht? Land sinkt sehr langsam. Die Tatsache, dass der Ozean die Städte verschlang, war ein kleines Maß dafür, wie lange sie schon verlassen dalagen.

»Eben.« Regor nickte. »Außerdem sage ich ja nicht, dass wir uns durch die Wälder kämpfen sollen. Dafür brauchen wir mehr Leute und mehr Zeit, als wir zur Verfügung haben. Aber hundert Kilometer nördlich von hier ist ein riesiger Küstenstreifen. Er liegt an einer engen Bucht, und dahinter sind fruchtbare Berge – sehen so aus, als könnten sie Bodenschätze enthalten. Es wäre merkwürdig, wenn die Kolonisten dieses Stück Land nicht untersucht hätten.«

Neris Mundwinkel zuckten nach unten. Seine Stimme klang nicht ganz sicher. »Wie lange wollen wir noch auf dem Geisterplaneten bleiben, bevor wir zugeben, dass wir nie erfahren werden, was geschehen ist?«

»Nicht mehr lange«, versprach Regor.

Er deutete mit dem Daumen zur Stadt. Ihre Türme ragten über verfallene Mauern und Wanderdünen in einen Himmel voll von Vögeln. Die grelle gelbe Sonne hatte ihre Pastellfarben gebleicht und sie knochenhell stehengelassen. Und doch war der Hintergrund schön. Wälder, die sich in hundert Grünschattierungen zum Inland hinzogen, während sich in der anderen Richtung das Land zum Ozean hin senkte, zu einem Smaragdozean, auf dem Diamantstaub glitzerte und der sich tosend und schäumend gegen die Klippen warf. Die ersten Generationen hier müssen glücklich gewesen sein, dachte Jong.

»Etwas hat sie vernichtet, und es war nicht einfach ein Krieg«, sagte Regor. »Wir müssen wissen, was es war. Vielleicht ist es typisch für diese Welt. Vielleicht aber auch nicht.«

Vielleicht lag die Erde ebenso leer da, dachte Jong zum wiederholten Male.

Die Golden Flyer hatte hier haltgemacht, um noch einmal alles zu überholen, bevor sie sich in die alte Domäne des Menschen wagte. Kapitän Ilmaray hatte willkürlich einen F9-Stern ausgewählt, dreihundert Lichtjahre von der augenblicklich berechneten Lage Sols entfernt. Sie entdeckten keine Spuren der Energien, die von zivilisierten Völkern benutzt werden, und fühlten sich deshalb sicher. Der Dritte Planet erschien wie ein Paradies – etwa die Größe der Erde, aber die Landmasse in Inseln auf einem einzigen, weltumfassenden Ozean verteilt, der warm von einem Pol zum anderen war. Mons Rainart zeigte sich überrascht, dass das Kohlendioxydgleichgewicht erhalten blieb, obwohl so wenig Fels über Wasser war. Dann entdeckte er überall auf dem Meer Tangmatten und schloss, dass ihre Fotosynthese aktiv genug war, um eine Atmosphäre terranischer Art zu schaffen.

Als sie von ihrer Parkbahn aus die Ruinenstädte gesehen hatten, waren sie schockiert gewesen. Nicht darüber, dass die Kolonisation bis hierher gereicht hatte. Das war bei einer Spanne von zwanzigtausend Jahren kein Wunder. Aber das Wagnis war beendet worden. Weshalb?

An diesem Abend war Jong an der Reihe, sich persönlich mit den Leuten im Mutterschiff zu unterhalten. Er erzählte seinen Eltern, wie es ihm ging. Das Herz klopfte ihm höher, als er Sorya Rainarts Stimme in der Kabine seiner Eltern hörte.

»Tja«, sagte das Mädchen mit einem unsicheren kleinen Lachen. »Ich kam zufällig auf einen Sprung vorbei.«

Ihr Bruder grinste, und der junge Mann wurde rot und wünschte sich nichts sehnlicher als einen Augenblick Ungestörtsein. Aber natürlich hatte Sorya gewusst, dass er heute anrufen würde … Wenn die Kith noch lebten, konnte zwischen ihm und ihr nichts sein. Man holte sich seine Frau von einem anderen Schiff. Es war das Gesetz der Raumfahrer. Exogamie half, die ohnehin gefährdeten Überlebenschancen dieser isolierten Rasse zu heben. Wenn jedoch alle Kith-Schiffe außer dem ihren tot zwischen den Sternen trieben; wenn die wenigen hundert Leute an Bord der Golden Flyer und die vier Männer auf dieser unbekannten Welt die letzten Überlebenden der Menschenrasse waren … Nun, Sorya war strahlend und sanft und wiegte sich beim Gehen wie ein Rohr im Wind.

»Ich …« Er schluckte. »Ich bin froh, dass du es getan hast. Wie fühlst du dich?«

»Einsam und verlassen«, gestand sie. Kosmisches Knistern umgab ihre Worte. Vom Feuer prasselten Funken ins Dunkel. »Wenn ihr nicht erfahren könnt, was sich hier ereignet hat, halte ich die Ungewissheit vielleicht nicht aus.«

»Hör auf mit solchen Dingen«, sagte er scharf. Das Nachlassen des Kampfgeistes hatte in der Vergangenheit schon mehr als ein Schiff vernichtet. Obwohl … »Nein, es tut mir leid.« Er wusste, dass es ihr nicht an Mut fehlte. Auch in ihm fraß die Furcht, dass ihn das, was er hier gesehen hatte, nie mehr loslassen würde. Der Tod an sich war ein alter Vertrauter der Kith. Aber diesmal kehrten sie von einer Vergangenheit zurück, die älter war als die Gletscher und Mammuts damals, als sie die Erde verließen. Sie brauchten das Wissen ebenso notwendig wie die Luft, um das Universum verstehen zu können. Und ihr erster Aufenthalt in jenem Spiralarm der Galaxis, der einst die Heimat gewesen war, konfrontierte sie mit einem offenbar unlösbaren Rätsel. So tief waren die Kith in der Geschichte verwurzelt, dass Jong noch das Symbol der Sphinx kannte; und plötzlich sah er, wie grauenhaft es war.

»Wir werden es herausbringen«, versprach er Sorya. »Wenn nicht hier, dann später auf der Erde.« Im Innern blieb er unsicher. Er redete von belanglosen Dingen und flickte sogar ein paar Scherze ein. Aber danach, als er sich in seinem Schlafsack ausstreckte, glaubte er wieder, das Horn im Norden zu hören.

Die Männer erhoben sich bei Morgengrauen, schlangen ein hastiges Frühstück hinunter und verstauten die Ausrüstung im Raumboot. Das Boot surrte mit aerodynamischem Antrieb von der Stadt weg und flog langsam und in geringer Höhe dahin. Zur Rechten wälzte sich glitzernd die See, zur Linken stieg steil das Land an. Sie konnten nirgends größere Landtiere entdecken. Vielleicht gab es keine, da der Entwicklungsraum so begrenzt war. Aber im Ozean wimmelte es vor Leben. Von oben konnte Jong das durchscheinende Wasser betrachten, und er sah die Schatten von Fischschwärmen. Weiter weg beobachtete er eine Herde von riesigen, walähnlichen Geschöpfen, die in den Tangmatten ästen.

Regor landete das Boot auf einer Klippe über der Bucht, die er beschrieben hatte. Die Böschung umschloss einen sanft gewölbten Strand von enormer Ausdehnung. Steine und Felsblöcke waren im Sand verstreut. Kilometer entfernt schloss sich die Kurve und ließ nur einen schmalen Durchgang zum offenen Meer frei. Die Bucht war in der Morgensonne von einem ruhigen, klaren Blaugrün, obwohl sich das Wasser bewegte. Die Gezeiten des einen großen Mondes mussten den Spiegel zwei bis drei Meter täglich heben oder senken, und von den südlichen Bergen mündete ein Fluss ein. Von weitem konnte Jong Muscheln über den ganzen Strand verteilt erkennen – ein Zeichen für üppiges Leben. Es erschien ihm als bittere Ungerechtigkeit, dass die Kolonisten so viel Schönheit mit Vergessen hatten bezahlen müssen.

Regors hageres Gesicht wandte sich ihnen zu. Er sah einen nach dem anderen an. »Ausrüstungs-Check«, sagte er und las die Liste vor: »Fulgurator, Armband-Kommunikator, Energiekompass, Erste-Hilfe-Kasten …«

»Mein Gott«, sagte Neri, »man könnte meinen, dass wir getrennt zu einer Einjahres-Expedition aufbrechen.«

»Wir werden uns trennen, während wir nach Spuren suchen«, erwiderte Regor. »Und die Felsblöcke werden oft genug die Sicht verdecken.« Er sagte das andere nicht: dass die Gefahr, die den Tod der Kolonisten verursacht hatte, immer noch bestehen konnte.

Sie traten hinaus in die kühle, windbewegte Luft, die wie an allen terraähnlichen Küsten nach Salz, Jod und scharfem Moder roch. »Wir verteilen uns von diesem Punkt in alle Richtungen«, sagte Regor, »und wenn jemand etwas findet, treffen wir uns in vier Stunden wieder hier.«

Jongs Weg führte am weitesten nach Norden. Er schritt anfangs rasch aus und freute sich über die Bewegung seiner Muskeln, das Knirschen des Sandes und das Rollen der Kiesel unter seinen Stiefeln, das Pfeifen der vielen Vögel über sich. Aber dann musste er sich seinen Weg zwischen angeschwemmten Steinen und dunklen Felsblöcken suchen, von denen einige so groß wie Häuser waren. Er war vom Wind und seinen Gefährten abgeschnitten und dachte an Soryas Einsamkeit.

O nein, nicht das. Haben wir nicht schon genug gebüßt?, dachte er. Und in einem Augenblick des Trotzes: Wir waren es nicht. Wir verurteilten die Verräter selbst und schickten sie in den Raum, sobald wir davon erfuhren. Weshalb sollten wir bestraft werden?

Aber die Kith waren zu lange allein gegen das Universum gewesen, um nicht die Sünden und Kümmernisse eines einzelnen gemeinsam zu tragen. Und Tomakan und seine Mitverschwörer hatten das, was sie getan hatten, selbstlos getan – um das Schiff zu retten. In jenen letzten schweren Jahren des Sternenimperiums, als die Terraner die Kith zu Sündenböcken ihrer eigenen Verderbtheit machten, bis jede Mannschaft floh, um im Raum bessere Zeiten abzuwarten – in jenen Jahren wären die Gefangenen der Golden Flyer auf furchtbare Weise umgekommen, wenn Tomakan ihre Freiheit nicht erkauft hätte. Er hatte den Verfolgern jenen Asteroiden verraten, auf dem sich zwei andere Kith-Schiffe für die Flucht aus dem Sonnensystem vorbereiteten. Wie konnten sie ihren Verwandten noch in die Augen schauen, als später auf Tau Ceti der Rat zusammentrat?

Das Urteil war gerecht: Sie erhielten den Auftrag, die Umgebung des galaktischen Kerns zu erforschen. Vielleicht konnten sie die Alten Rassen finden, die irgendwo leben mussten; vielleicht konnten sie das Wissen und die Weisheit erlangen, mit denen man den angeborenen Wahnsinn des Menschen heilte. Nun, es war ihnen nicht gelungen; aber die Reise war etwas an sich. Sie genügte, um der Golden Flyer die Ehre zurückzugeben. Zweifellos waren alle aus dem Rat von Tau Ceti inzwischen zu Staub zerfallen. Dennoch, ihre Nachkommen …

Jong blieb mit einem Male stehen. Sein Ruf hallte von den Felsblöcken wider.

»Was ist? Wer hat gerufen? Ist etwas geschehen?« Die Fragen summten aus seinem Armband-Kommunikator wie aufgescheuchte Bienen.

Er beugte sich über ein kleines Häufchen und berührte es mit Fingern, die nicht ruhig bleiben konnten. »Bearbeitete Steine«, flüsterte er. »Keile, zerbrochene Speerspitzen, zugespitztes Holz – etwas …« Er kroch im Sand umher. Die Sonne spiegelte sich in einem Stück Metall, das grob die Form eines Dolches hatte. Es war – es musste so sein – aus einer jener zeitlosen Legierungen hergestellt worden, die es in der Stadt gab … vor langer Zeit, denn die Klinge war so dünn, dass sie einen Knick hatte. Er beugte sich über die Teile und stammelte erregt vor sich hin.

Und kurz darauf hörte er Mons' tiefe Stimme: »Hier ist auch etwas. Ein Tierschädel, kann nur von einem scharfen Stein gespalten worden sein; eine Schleuder – halt, halt, da ist etwas in den Felsblock geritzt, vielleicht ein Symbol …«

Dann schrie er plötzlich auf, stieß ein ersticktes Gurgeln aus und schwieg.

Jong sprang auf. Im Kommunikator klangen die erregten Fragen von Neri und Regor auf. Er hörte nicht darauf. Er hatte jetzt keine Zeit zur Bestürzung. Er stellte seinen Energiekompass ein. Jedes Armband sandte neben der Trägerwelle eine charakteristische Frequenz aus, damit man den Besitzer orten konnte –

Die Nadel schwang aus. Die freie Hand riss den Fulgurator aus dem Gürtel, und er rannte in langen Sprüngen über die Felsblöcke.

Als er den freien Sandstreifen erreichte, blies ihm der Wind voll ins Gesicht. Einen Moment lang hörte er durch sein schrilles Pfeifen das Horn von den Klippen, lauter als je zuvor. In seinem Innern erinnerte sich etwas flüchtig an eine Szene, die er vor langem auf einer Grenzwelt erlebt hatte. Eine Gruppe von Jägern war hinter einem verwundeten Tier hergaloppiert, und das Tier hatte im Laufen gewimmert. Und dann hatte der Anführer ein geschwungenes Horn an die Lippen gesetzt und so eine Melodie geblasen.

Der Klang verebbte. Jongs Blick schweifte über den Strand. Weit unten sah er einige Gestalten hinter Felsblöcken auftauchen. Zwei von ihnen trugen eine menschliche Form. Er schrie auf und rarste los, um sie aufzuhalten. Der Kompass fiel ihm aus der Hand.

Sie sahen ihn und blieben stehen. Als Jong näherkam, erkannte er, dass sie Mons Rainart trugen. Blut quoll aus seinem Rücken und lief ihm über die Brust.

Jong starrte die sechs Mörder an. Sie waren erschreckend menschenähnlich, einen halben Meter größer als er, herrlich muskulös unter der nackten, weißen Haut, aber völlig unbehaart, mit Schwimmhäuten zwischen den langen Fingern und Zehen, einer hohen Rückenflosse und kleineren Flossen an den Fersen, an den Ellbogen und am Kopf. Sie hatten knochige Gesichtszüge mit großen eingesunkenen Augen. Ohren konnte er nicht erkennen. Dafür hing von der kleinen, zusammengedrückten Nase ein Hautlappen zum breit geformten Mund. Zwei trugen Holzspeere mit Steinspitzen, zwei hatten Dreizacke aus Metall – die Spitzen der einen Waffe waren feucht und rot –, und diejenigen, die das Opfer trugen, hatten ein Messer an der Hüfte.

»Halt!«, kreischte Jong. »Lasst ihn los!«

Er blieb in ihrer Nähe stehen und bedrohte sie mit seiner Waffe. Der Größte stieß ein dumpfes Knurren aus und kam mit erhobenem Dreizack näher. Jong zog sich einen Schritt zurück. Was sie auch getan hatten, er scheute davor zurück …

Ein Energiestrahl blitzte auf, gefolgt von einem Donner. Einer der Leute, die Mons trugen, kippte nach vorn in den Sand. Das Blut aus seiner Wunde vermischte sich mit dem Blut des Raumfahrers. Es war ebenfalls dunkelrot.

Sie wirbelten herum. Neri Avelair rannte vom entgegengesetzten Ende auf die Küste zu. Wieder hob er den Fulgurator. Der feuchtschimmernde Sand reflektierte den Strahl. Er traf nicht, aber Quarz schmolz dicht vor den Füßen eines der fremden Geschöpfe, und heiße Tropfen regneten auf seine Haut.

Der Anführer winkte mit dem Dreizack und rief etwas. Sie liefen schwerfällig auf das Wasser zu. Der Mann, der Mons' Knöchel festgehalten hatte, ließ ihn nicht los. Körper und Kopf schleiften einfach hinterher. Neri schoss ein drittes Mal. Behindert durch seinen raschen Lauf, verfehlte er von neuem. Jongs Finger lag wie erstarrt am Abzug.

Die fünf Riesen wateten in die Bucht. Nach einer Weile hatten sie so tiefes Wasser erreicht, dass sie tauchen konnten. Neri erreichte Jong und schoss immer wieder, Strahl um Strahl, bis eine Dampfwolke aufstieg und vom Wind erfasst wurde. Tränen liefen ihm über die Wangen. »Warum hast du sie nicht umgebracht, du Bastard?«, kreischte er. »Du hättest sie von hier aus erwischen können.«

»Ich weiß nicht.« Jong starrte seine Waffe an. Sie war mit einemmal sehr schwer.

»Sie haben Mons ertränkt!«

»Nein – er war schon tot. Ich konnte es sehen. Müssen ihn mitten ins Herz getroffen haben. Wahrscheinlich lauerten sie hinter der Felsgruppe dort auf ihn …«

»Kann sein. Aber seine Leiche, verflucht, wir hätten wenigstens seine Leiche bergen können.« Wie von Sinnen jagte Neri einen Strahl durch den Toten mit den Flossen.

»Hör auf damit!«, befahl Regor. Er warf sich zu Boden und rang nach Atem. Halb unterbewusst bemerkte Jong die grauen Streifen im Haar ihres Anführers. Es schien mitleiderregend und erschreckend zugleich, dass der unbeugsame Regor Lannis von den Jahren angegriffen werden sollte.

Was denke ich? Sie haben Mons umgebracht. Soryas Bruder.

Neri steckte den Fulgurator ein, bedeckte das Gesicht mit den Händen und schluchzte.

Nach langer Zeit raffte Regor sich auf und kniete neben dem toten Schwimmer nieder. »Es hat also Eingeborene hier gegeben«, murmelte er. »Die Kolonisten scheinen es nicht gewusst zu haben. Oder sie unterschätzten die Fähigkeiten der Wilden.«

Seine Hände strichen über die glatte Haut. »Noch warm«, sagte er fast zu sich selbst. »Luftatmer; zweifellos ein Säugetier, obwohl bei diesem Männchen die verkümmerten Brustwarzen fehlen; echte Nägel an den Fingern, auch wenn sie sich verdickt haben und scharf wie Klauen sind.« Er schob die Lippen zurück und untersuchte die Zähne. »Ein Allesfresser, der sich allmählich zum Fleischfresser hin entwickelt, würde ich sagen. Die Backenzähne sind noch ziemlich flach, aber das übrige Gebiss ist größer als bei uns und sehr scharf.« Er warf einen Blick in die getrübten Augen. »Sicht wie beim Menschen angelegt, aber vermutlich nicht so weitreichend. Unter Wasser kann man nicht sehr viel sehen. Um die Farbempfindlichkeitskurve zu studieren, brauchen wir umfassendere Untersuchungen, ganz zu schweigen von den anderen Anpassungsmerkmalen. Ich wage zu behaupten, dass sie eine ganze Weile unter Wasser bleiben können, wenn auch nicht so lange wie Wale. So weit haben sie sich von ihren Land-Vorfahren noch nicht entfernt. Man kann es an den Flossen sehen. Zum Schwimmen einigermaßen zu gebrauchen – aber bisher ist weder die Größe noch die Form sehr wasserwirksam.«

»Darüber kannst du dir Gedanken machen, während Mons weggeschleppt wird?«, fragte Neri erstickt.

Regor stand auf und klopfte sich verwirrt den Sand aus den Kleidern. »O nein«, sagte er. In seinem Gesicht arbeitete es, und er schloss ein paar Mal die Augen. »Wir müssen natürlich etwas unternehmen.« Er sah zum Himmel. Die Luft war angefüllt von Schwingen, als die Seevögel Fleisch witterten und ohne Scheu näherkamen. Ihr Kreischen übertönte den Wind. »Gehen wir zurück zum Boot. Wir nehmen den Toten da für unsere Wissenschaftler mit.«

Neri fluchte über die Verzögerung, aber er fasste zusammen mit Jong an. Das Gewicht kam ihnen erdrückend vor und schien noch zu wachsen, während sie auf die Klippen zustolperten. Das Atmen schmerzte in der Kehle. Die Hemden klebten ihnen am Körper, und trotz des scharfen Meergeruchs konnten sie ihren eigenen Schweiß riechen.

Jong sah in das hässliche Gesicht des Toten. Trotz allem, trotz der Ermordung Mons' – oh, er würde nie wieder sein volles Lachen hören, nie wieder Schach mit ihm spielen oder ein Glas heben –, trotz dieser Dinge fragte er sich, ob da draußen irgendwo im Meer eine Frau lebte, die dieses Gesicht schön gefunden hatte.

»Wir haben ihnen nichts getan«, sagte Neri zwischen zwei keuchenden Atemstößen.

»Du kannst – einer Giftschlange – oder einem Raubtier – nicht die Schuld geben – wenn du zu nahe kommst«, erwiderte Jong.

»Aber das hier sind keine Tiere! Sieh dir die Gehirngröße an! Und dieses Messer.« Neri brauchte eine Zeitlang, bis er wieder zu Atem gekommen war. »Wir hatten oft genug mit Nichthumanoiden zu tun. Wir bekämpften sie auch hin und wieder. Aber sie hatten einen Grund zum Kämpfen – von ihrer Seite her betrachtet wenigstens. Ich habe noch nie erlebt oder gehört, dass man völlig Fremde beim ersten Anblick umbrachte.«

»Vielleicht waren wir keine Fremden«, sagte Regor.

»Was?« Neri drehte den Kopf nach hinten und starrte den älteren Mann an.

Regor zuckte mit den Schultern. »Eine menschliche Kolonie hat sich hier befunden. Wahrscheinlich wurde sie von den Eingeborenen ausgerottet. Ich schätze, sie hatten damals Gründe dafür. Und die Tradition kann überdauert haben.«

Zehntausend Jahre und noch länger?, dachte Jong schockiert. Welche furchtbaren Dinge richtete unsere Rasse an, dass sie nach all dieser Zeit nicht vergessen können?

Er versuchte sich vorzustellen, was geschehen war, aber er fand keine Realität darin, nur eine trockene und irgendwie dünne Logik. Vermutlich war die Kolonie von einer Nachfolge-Zivilisation des Sternenimperiums errichtet worden. Die Siedler hatten höchstwahrscheinlich keine Raumschiffe besessen; vorgeschobene Welten fanden es am einfachsten, ihre wenigen Handelsgüter von den Kith zu beziehen. Oft enthielten ihre Bibliotheken nicht einmal die technischen Daten, die zum Bau von Raumschiffen benötigt wurden, und es fehlte ihnen an den wirtschaftlichen Vorbedingungen, um die Forschung wiederaufzunehmen.

Also war die Kolonie verwaist. Später, wenn sich die Bevölkerung den Kith gegenüber feindselig gezeigt haben sollte, waren die Händler vielleicht ganz ausgeblieben; möglicherweise hatten sie sogar die Aufzeichnungen über diese Welt verloren. Oder die Kith wurden ausgerottet, aber das ist eine Möglichkeit, die wir uns nicht vorstellen können. Also blieb der Planet auf sich selbst angewiesen.

Mit seiner geringen Landfläche konnte er keine große Bevölkerung erhalten, selbst wenn die meisten Ernährungsquellen aus dem Ozean kamen. Aber es müsste den Leuten möglich gewesen sein, eine Maschinenkultur zu erhalten. Zweifellos war ihre Gesellschaftsstruktur erstarrt, aber auch statische Zivilisationen können ungeheuer lange fortdauern.

Außer sie werden kraftvollen Barbaren gegenübergestellt, die sich unter der Peitsche der Empörung zu Millionenhorden zusammenrotten … Aber war das die Antwort? Wie konnte sich eine einzige Stadt, die Atomenergie besaß, von Steinzeitjägern überrennen lassen?

Ein Angriff aus den eigenen Reihen? Eine gleichzeitig ausbrechende Revolte aller Eingeborenensklaven? Jong warf wieder einen Blick auf das Gesicht des Toten. Die Zähne leuchteten ihm entgegen. Vielleicht bin ich ein Schwachkopf. Vielleicht hat dieses Wesen das gleiche Vergnügen am Töten wie ein Wiesel.

Sie kämpften sich die Böschung hoch und betraten das Boot. Jong war erleichtert, als die Leiche sich im Kühlfach befand. Aber dann kam der Augenblick, in dem sie die Golden Flyer anriefen, um Bericht zu erstatten.

»Ich werde es seiner Familie sagen«, erklärte Kapitän Ilmaray ungewöhnlich ruhig.

Aber ich werde Sorya erzählen müssen, wie er aussah, dachte Jong. Der Entschluss verhärtete sich in seinem Innern: Wir werden den Toten bergen. Mons soll die Bestattung eines echten Kith erhalten. Hände, die ihn liebten, werden ihn auf seine Bahn um die Sonne bringen.

Er hatte keinen Grund, es laut auszusprechen, nicht einmal vor sich selbst. Das Eins-Sein der Kith ging über den Tod hinaus. Ilmaray fragte Regor nur, ob die Möglichkeit überhaupt bestünde.

»Ja, vorausgesetzt, dass wir bald starten«, erwiderte der Anführer. »Der Grund fällt hier rasch ab, geht aber nicht tiefer als etwa dreißig Meter. Dann wird er beinahe flach und zwar ein gutes Stück über die Bucht hinaus. Ich glaube nicht, dass die Schwimmer so schnell eine Tiefe erreichen, in der wir Mons' elektronische Ausrüstung nicht mehr mit dem Nukleoskop entdecken können.«

»Gut. Aber geht kein Risiko ein.« Hart fügte er hinzu: »Unser zukünftiges Erbgut ist ohnehin knapp.« Er machte eine Pause. »Ich schicke ein Boot mit starkem Vergrößerungsschirm in die Stratosphäre. Es soll euer ungefähres Operationsgebiet beobachten. Glückliche Fahrt.«

»Für jedes unserer Schiffe«, ergänzte Regor die Formel.

Während seine Finger geschickt die Steuerung betätigten, sagte er über die Schulter: »Einer von euch beiden muss den Raumanzug überstreifen und nach unten gehen. Der andere beobachtet das Teleskop und hilft beim Ausstieg.«

»Ich gehe«, sagten Jong und Neri wie aus einem Munde. Sie sahen einander an. Neris Blicke waren hart.

»Bitte«, sagte Jong leise. »Vielleicht hätte ich sie wirklich erschießen sollen, als ich sah, was sie Mons angetan hatten. Ich weiß es nicht. Aber jedenfalls habe ich es nicht getan. Also lasst mich ihn wenigstens ins Boot holen.«

Neri sah ihn lange an, bevor er nickte.

Das Boot kreuzte in langsamen Zickzacklinien über die Bucht, während Jong in den Raumanzug schlüpfte. Das Ding war unter Wasser ebenso gut geeignet wie in der Leere. Er knotete sich ein Kabel um die Taille und befestigte das andere Ende an der kleinen Winde der Personalschleuse. Der Metallstrang, der sich im Innern der Kunststoffhülle befand, diente als Telefondraht. Er nahm in eine Hand einen Sack für das Bergungsobjekt und hoffte nur, dass er die Waffe an der Hüfte nicht brauchen würde.

»Da!«

Jong zuckte bei Neris Ruf zusammen. Regor ließ das Boot an der Stelle schweben, einige Meter über der Wasserfläche und drei Kilometer vom Ufer entfernt. »Bist du sicher?«, fragte er.

»Absolut. Bewegt sich auch nicht. Ich schätze, sie ließen ihn liegen, als sie uns kommen sahen, um schneller flüchten zu können.«

Jong verschloss den Helm. Alle Geräusche von außen verstummten. In der Stille vernahm er seinen Atem und Pulsschlag und einen Laut in seinem Innern – das Horn des Jägers, fern und triumphierend.

Die Schleuse öffnete sich und ließ den Himmel herein. Jong trat hinaus und wurde beinahe von der Sonne geblendet, die auf den kleinen Wellen tanzte. Er ließ sich langsam nach unten sinken. Das Kabel rollte sich auf, und dann schloss sich die Wasserfläche über ihm. Er sank.

Ein kühles Grün, überdeckt von Sonnenlicht, umgab ihn von allen Seiten. Selbst durch den Anzug spürte er die Vielzahl der Vibrationen; die See lebte und bewegte sich um ihn. Zwei Fische glitten vorbei, unvorstellbar graziös. Einen Augenblick lang überlegte er, ob Mons nicht lieber hierbleiben wollte, gewiegt bis zum Ende der Welt.

Hör auf damit!, befahl er sich und starrte nach unten. Dunkelheit kam ihm entgegen. Er schaltete die starke Lampe an seinem Gürtel ein.

Die Teilchen im Wasser zerstreuten das Licht, so dass er wie durch eine beleuchtete Höhle fiel. Wieder zogen Fische in der Nähe vorbei. Ihre Schuppen glitzerten wie Juwelen. Er glaubte nun den Grund erkennen zu können; weißer Sand mit hochgeschobenen Felsbänken, auf denen vielfarbige Korallenstämme der Sonne entgegenwuchsen. Und der Schwimmer erschien.

Er bewegte sich langsam bis zum Rand des Lichtes und verharrte. In der Linken trug er einen Dreizack, vielleicht den gleichen, der Mons getötet hatte. Anfangs blinzelte er in die blendende Helle, dann sah er ruhig den strahlenden Metallmann an. Als Jong weiter in die Tiefe glitt, folgte er ihm. Seine Bewegungen waren geschmeidig wie die einer Schlange.

Jong keuchte und riss seine Waffe aus dem Gürtel.

»Was ist los?« Neris Stimme klang scheppernd im Kopfhörer auf.

Er schluckte. »Nichts«, sagte er, ohne zu wissen, weshalb. »Noch tiefer.«

Der Schwimmer kam etwas näher. Seine Muskeln waren angespannt, und er hatte den Mund geöffnet, als wollte er beißen; aber die tiefliegenden Augen waren unbeirrt auf Jong gerichtet. Jong erwiderte den Blick. Sie schwammen gemeinsam tiefer.

Er hat keine Angst vor mir, dachte Jong, oder er hat seine Furcht überwunden, obwohl er an der Küste sah, was wir können.

Seine Sohlen trafen auf festen Grund. »Ich bin hier«, rief er mechanisch. »Etwas lockerlassen und – oh!«

Das Blut wich ihm aus dem Kopf, als hätte ihn eine Axt getroffen. Er schwankte und wurde nur vom Wasser gehalten. Donner und Wind durchfuhren ihn und das Gellen des Hornes.

»Jong!«, rief Neri von unendlich weit weg. »Etwas stimmt nicht. Ich weiß es. Antworte doch, bei der Liebe der Kith!«

Der Schwimmer hatte auch den Grund erreicht. Er stand vor den Resten Mons Rainarts, den Dreizack aufrecht in der Hand.

Jong hob die Pistole. »Ich kann dich mit Metall vollpumpen«, hörte er sich stöhnen. »Ich kann zu Stücken schneiden, so wie du … du …«

Der Schwimmer zuckte zusammen (konnte er die Stimme hören?), aber er blieb, wo er war. Langsam hob er den Dreizack zur unsichtbaren Sonne. Mit einer einzigen Handbewegung drehte er ihn um, stach ihn in den Sand und wandte sich ab. Mit ein paar Schlägen seiner langen Beine schoss er davon.

Das Wissen barst in Jong. Eine Ewigkeit stand er da, allein mit diesem Wissen.

Regors Worte drangen zu ihm durch. »Bring mir den Anzug. Ich folge ihm.«

»Es ist alles in Ordnung«, stieß er hervor. »Ich habe Mons gefunden.«

Er holte zusammen, was noch dalag. Viel war es nicht. »Nach oben«, sagte er.

Als er aus dem Wasser gezogen wurde und in die Schleuse kroch, spürte er, wie schwer das Gewicht auf ihm lastete. Er ließ den Sack und den Dreizack fallen und kauerte daneben nieder. Wasser tropfte von seinem Anzug.

Die Türen schlossen sich. Das Boot stieg auf. In einem Kilometer Höhe arretierte Regor die Steuerung und kam zu ihnen nach hinten. Jong nahm eben den Helm ab, während Neri den Sack öffnete.

Der Kopf von Mons fiel heraus und rollte über das Deck. Neri unterdrückte gewaltsam einen Aufschrei.

Regor zuckte zurück. »Sie haben ihn gefressen«, krächzte er. »Sie schnitten ihn in Stücke, damit sie ihn fressen konnten, nicht wahr?«

Er nahm sich zusammen, ging an die Luke und starrte mit schmalen Augen hinaus. »Ich sah, wie einer von ihnen nach oben kam – kurz bevor wir dich heraufholten«, presste er zwischen den Zähnen hervor. Schweiß – oder waren es Tränen? – lief über seine zerfurchten Wangen. »Wir können ihn noch erwischen. Das Boot hat einen Gefechtsturm.«

»Nein …« Jong wollte aufstehen, aber er hatte nicht die Kraft dazu.

Das Funkgerät summte. Regor lief zum Pilotensitz, warf sich hinein und schaltete den Empfänger ein. Neri nahm mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf und legte ihn auf den Sack. »Mons, Mons, das werden sie büßen«, sagte er.

Kapitän Ilmarays Stimme drang durch die Kabine. »Wir erhielten eben einen Bericht des Beobachtungsbootes. Es ist noch nicht auf Station, aber der Vergrößerungsschirm erfasst bereits eine Horde von Schwimmern – nein, verschiedene Schwärme, es müssen Tausende sein – sie begeben sich zu der Insel, die ihr untersucht habt. Bei der Geschwindigkeit, die sie einhalten, müssten sie in zwei Tagen dort sein.«

Regor schüttelte wie betäubt den Kopf. »Woher wussten sie es?«

»Sie wussten es nicht«, murmelte Jong.

Neri sprang mit einer Raubtierbewegung auf. »Das ist genau die Chance, auf die wir gewartet haben. Ein paar Bomben in ihrer Mitte abgeworfen …«

»Das dürft ihr nicht!«, schrie Jong. Er schaffte es, sich aufzurichten. Der Dreizack war in seiner Hand. »Er hat mir das da gegeben.«

»Was?« Regor wirbelte herum. Neri blieb steif stehen. Stille machte sich im Boot breit.

»Da unten«, erklärte Jong. »Er sah mich und folgte mir bis zum Grund. Er merkte, was ich wollte. Er gab mir das da. Seine Waffe.«

»Wozu nur?«

»Als Friedensangebot, wozu sonst?«

Neri spuckte auf das Deck. »Frieden, mit diesen dreckigen Kannibalen!«

Jong drückte die Schultern durch. Der Anzug umschloss ihn nicht mehr wie eine drückende Bürde. »Du wärst auch kein Kannibale, wenn du einen Affen verzehren würdest, oder?«

Neri antwortete mit einem obszönen Fluch, aber Regor brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Nun, verschiedene Rassen«, gab der Pilot kühl zu. »Nach dem Wörterbuch hast du recht. Aber diese Killer sind Lebewesen mit Empfindungsvermögen. Man verspeist doch kein anderes denkendes Geschöpf.«

»Es ist schon des Öfteren geschehen«, meinte Jong. »Auch bei den Menschen. Oft genug als ein Akt der Verehrung oder Liebe. Man wollte etwas von dem Mana bestimmter Personen in sich aufnehmen. Außerdem, woher sollten sie wissen, wer wir waren? Als der Fremde sah, dass ich kam, um unseren Toten zu holen, gab er mir seine Waffe. Wie hätte er sonst ausdrücken sollen, dass er ihm leid täte und dass wir Brüder seien? Vielleicht erkannte er, dass das im wahrsten Sinn des Wortes stimmte, nachdem er eine Weile Zeit zum Überlegen gefunden hatte. Aber ich glaube nicht, dass ihre Traditionen so alt sind. Es genügt, ja, es ist sogar besser, dass er uns als Brüder betrachtete, weil wir auch für unsere Toten sorgen.«

»Worauf willst du hinaus?«, fauchte Neri.

»Ja, wann geht es mit der Vernichtung voran?«, fragte Ilmaray per Funk.