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1933 verschlägt es den Chirurgen Friedrich Kröner und seine Frau Emmy, Apothekerin, mit dem 2-jährigen Dieter und 78 Umzugskisten in den kleinen deutschen Ort Hamônia im Süden Brasiliens. Erschrocken über die primitiven Verhältnisse wollen sie sofort abreisen. Doch ein tropischer Regenguss versperrt den Rückweg, und Kröners lassen sich auf die Herausforderung ihres Lebens ein. Sie bauen mit der lokalen deutschen Bevölkerung ein modernes Hospital und eine Stärkefabrik am Rande des Urwaldes und leisten damit Entwicklungshilfe auf medizinischem und wirtschaftlichem Gebiet. Das Buch gewährt Einblicke in die persönliche Geschichte der deutschen Auswanderer – Jugend, Studium, Assistenzzeit Friedrich Kröner; Kindheit, Lehrzeit, Beruf Emmy Kröner, geb. Nettesheim; Kindheit Dieter Kröner –, außerdem Einblicke in die Zusammenhänge zwischen hygienischer Rückständigkeit und wirtschaftlichem Misserfolg in der Region sowie in Friedrich Kröners chirurgische Hoch- und Tiefpunkte. Nach politischen Intrigen und Nationalisierungskampagnen kommt es im Zuge des Zweiten Weltkriegs zur Enteignung des Hospitals und Verhaftung Friedrich Kröners. Nach der Internierung fangen die Kröners in Rio de Janeiro noch einmal von vorne an.
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Seitenzahl: 972
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Das Buch
Vorwort
Friedrich Kröner: Jugend, Studium und Assistenzzeit 1897 bis 1933
Ein Bauernhof als Wiege
Von der Volksschule bis zur Primareife
Aufbruch in die weite Welt
Das brasilianische Staatsexamen
Emmy Nettesheim: Kindheit, Lehrzeit und Beruf von 1897 bis 1929
Mein Elternhaus
Ostern und meine Einschulung
Lotteriegewinn auf dem Schützenfest
Unsere Tante Bertha wird Schützenkönigin
Sommerstreiche
Als es noch früh dunkel wurde
Weihnachtsfreuden
Emil und seine Philosophen
Am 28. Juni 1914 fiel ein Schuss!
Revolte für einen Beruf
Steckrüben und Pellkartoffeln
Lehrjahre sind keine Herrenjahre
Ein Freier als Familienzuwachs
Die Doppelhochzeit
Niederaula und mein erster Umbau
Belgische Einquartierung im Elternhaus
Endspurt bis zum Staatsexamen
Auf der Suche nach der Zukunft
Seefahrtsbuch
Buenos Aires, die Stadt der "guten Lüfte"
Das Deutsche Tal
Vom Ursprung der deutschen Kolonisation in Südbrasilien
"Sehr vertraulich": Ein Krankenhaus in Hansa-Hamônia
Das deutsche Tal
Pionierarbeit für ein neues Hospital
Der erste Tag
Spezialisten in Holzpantoffeln
Banane, Baum der Erkenntnis
Der Bauer hat's nicht leicht in diesen Bergen
Planvoll gedacht ist halb gemacht
Hilferuf an die Heimat
Kläger und Richter zugleich
Die Tischrunde
Die Milchstraße
Freud und Leid auf einsamem Posten
Das Hospital auf dem Palmenhof
Maniok, eine Wurzel mit "Stärke"
Der letzte Hammerschlag
Unser eigenes Haus
Unversöhnliche Kontrahenten
Familienleben
Die Erschießung der gefährlichen Baumschlange
Die verschenkte Eisenbahn
Warum Wieland nicht erwachsen geboren wurde
Ein Album für jede Schulklasse
Tauben, die aus der Hand fraßen
Die schülerfreundliche Brücke
Muttis geliebte Stute Mira
Die Autosprechstunde
Eine Kollision auf der Straße nach Subida
Der heimtückische Felsen
Schienen aus der Sandkiste
Das Luftgewehr
Wieland und die Jararaca
Der schillernde Morpho
Raupenpräparation mit dem Parfümzerstäuber
Die porösen Gummischläuche
Erfolgserlebnis Flugzeugträger
Weihnachten
Medizin vom Scheitel bis zur Sohle
Schwestern gesucht!
Wenn der Kurpfuscher mehr Vertrauen genießt
Mit Lisette auf Talfahrt
Das herausgeschossene Sandflohnest
Der Tollwut keine Chance!
Bugres beim "weißen Medizinmann"
Medizin vom Scheitel bis zur Sohle
"Tiradentes"
Statistik des Wachstums
Nationalisierung, Internierung und Neubeginn
Die Nationalisierungskampagne der 1930er Jahre
Eine "Besatzungstruppe" für Hamônia
Rechtlos, wehrlos
"Es wurden verhaftet…"
Intermezzo auf der Leprainsel Guarás
Stillleben auf der Blumeninsel
Gestrandet in der Haifischbucht
Neubeginn in Rio de Janeiro
Die zweite Heimat
Das "verbrannte" Ölbild
Der "Cacique"
Die profane Botschaft aus dem Busch
Die loyale Uhr
Gallenkoliken gegen Verbannung
Der eingebürgerte Vorname meiner Mutter
Auf dem Weg zur zweiten Heimat
Rommel mit der Fliegenklatsche
Wiedersehen auf der Ilha Grande
Bescherung im Morgengrauen
Freilassung für eine Verzichtserklärung
Tante Fines Auswanderung
Die Praxismöbel
Telefon mit Untermieter
Ein folgenschwerer Akteneinblick
Feuerhaken-Chirurgie
Die Zugspitzartisten
Blinddarm-Debüt von Vater und Sohn
Epilog
"Wissen Sie noch, Herr Doktor?"
Anhang
Chronologie Dr. Friedrich Kröner
Chronologie Emmy Kröner, geb. Nettesheim
Briefe aus Indien
Schriftverkehr zur Auswanderung 1933
Informationen für Auswanderer
Dokumentation zur Genehmigung der Hospitalbeihilfe
Brief an Dr. Schlössmann von 1935
Eine Anekdote von der Stärkefabrik
Reise nach Deutschland 1937
Dokumente zur Verhaftung
Verleihung des Verdienstkreuzes
Verzeichnis medizinischer Begriffe
Namensverzeichnis
Quellennachweise
Der Verfasser, als westfälischer Bauernsohn durch Tradition und Jugenderfahrung tief in der Heide und mit dem Land verwurzelt, beleuchtet die Schwächen der damals üblichen Art der Kolonisation als eine Form der Siedlung, die gekennzeichnet war von der Vorstellung einer problemlosen Durchdringung des leeren Raums mit Menschen, denen außer einem selbstmörderischen Idealismus großenteils berufliche und häufig sogar persönliche Eignung fehlten, die sie für einen solchen Versuch qualifiziert hätten.
So verwickelte sich der Auswanderer in einen oft Jahrzehnte dauernden, verzweifelten Kampf um Brot und Leben auf einem Stück Urwaldscholle, die ihm zunächst außer der Wunschvorstellung von einer besseren Zukunft mehr Steine als Brot einbrachte. Die Aggressivität einer ihm klimatisch, geografisch, soziologisch, politisch, kulturell und gesundheitlich fremden Umwelt erschütterte seine bisherige Weltanschauung bis in die Grundfesten und legte ihm eine lange Durststrecke auf, die es nun wirtschaftlich zu durchmessen galt.
Nicht wenige und nicht die Schlechtesten brachen bei diesem Versuch zusammen, wanderten enttäuscht in die Städte des Landes ab oder kehrten in die Enge der alten Heimat zurück. Die Übrigen trotzten dem Schicksal, einem Schicksal, das nicht selten ein Kreuz am Weg auf dem "Grab eines unbekannten Soldaten an der grünen Front" kennzeichnet.
Der Verfasser dieses erschütternden Dokumentarberichts, der auch viele Zukunftsperspektiven aufzeigt, hat sich in zehnjähriger Ausbildung als Arzt die Grundlagen der Allgemein-, der Tropenmedizin und der Chirurgie angeeignet. Von fanatischem Fernweh erfasst, unternahm er es, unterstützt von seiner gleichsinnig denkenden Ehefrau, über zehn Jahre hinweg eine ärztliche und wirtschaftliche Aufgabe anzugreifen, die man heute als sinnvolle Entwicklungshilfe bezeichnen würde. Aber damals war es eine Tätigkeit, die ihm im Rahmen herrschender, heute überwundener nationalistischer Vorurteile und politischer Anschauungen, mangelhafter wirtschaftlicher Einsicht und kriegerischer Verwicklungen hohes Misstrauen einbrachte. So wurde die Entwicklungshilfe im Urwald mit einem jahrelangen Zuchthausaufenthalt belohnt
Rio de Janeiro, 1970
Dr. Friedrich und Emmy Kröner
Meine Erinnerungen an meine Großeltern Friedrich und Emmy Kröner sind Kindheitserinnerungen, geprägt durch Besuche bei ihnen in Brasilien, wo sie an der Baía de Guanabara, wie die Bucht von Rio heißt, mit Blick auf den Zuckerhut wohnten. Jeder Besuch war eine Fernreise, denn wir lebten in Deutschland, wo mein Vater als Chirurg tätig war. Einige Male besuchten unsere Großeltern uns dort. Ich erinnere mich gut an meine Großmutter, die uns Kinder mit "Zaubertricks" begeisterte und verblüffte: Ich mag wohl fünf Jahre alt gewesen sein, als wir von ihr ins Schlafzimmer unserer Eltern geführt wurden, das uns leer präsentiert wurde. Dann, nachdem sie uns ins Wohnzimmer zurückgeführt hatte, "zauberte" meine Großmutter, und als wir das Schlafzimmer wiederum betraten, befanden sich für meine Schwester und mich Geschenke auf dem Bett! Dafür gab es natürlich keine andere Erklärung als die, dass sie wirklich zaubern konnte. Davon war ich viele Jahre lang überzeugt.
Stets trug sie ihre Rolleiflex bei sich, deren Sucherbild auf einer Mattscheibe zu sehen war, auf die man von oben durch einen Schacht blicken konnte. Wenn wir Ausflüge unternahmen, durften wir Kinder auf die Mattscheibe schauen. Das fand ich ungemein spannend und ich erinnere mich noch gut an einen Familienausflug auf den Zuckerhut in Rio, der in einen solchen Fototermin gipfelte.
Vom Wohnzimmer meiner Großeltern aus konnten wir auf die Baía de Guanabara hinausschauen, auf den Zuckerhut und den nationalen Flughafen Santos Dumont. In einem verglasten Erker der Wohnung saßen wir bei unseren Besuchen auf dem Schoß meiner Großmutter, während sie uns Fotoalben zeigte und Geschichen erzählte: von den Indianern am Rio Xingu, von der Ilha de Bananal und dem Amazonasurwald, von den zahlreichen exotischen Erlebnissen, die meine Großeltern in Brasilien gehabt hatten. Wir wurden auch mit entsprechenden Artefakten beschenkt, und noch heute befindet sich ein steinernes Indianerbeil aus dieser Zeit in meinem Besitz. An der Wand hing ein präparierter Kaiman, wie die kleinen brasilianischen Geschwister des Krokodils heißen, und auch an Federschmuck und anderen dekorativen Erzeugnissen der Ureinwohner Brasiliens mangelte es nicht. Neben der Küche hatte mein Großvater eine kleine Bastelecke mit einer Werkbank und einem breiten Werkzeugsortiment eingerichtet. Ich durfte dort alles benutzen, und so bastelte ich dort während unserer Besuche.
Eines Tages gab es Erdbeeren zum Nachtisch, eine Besonderheit im Brasilien der 1970er Jahre. Meine Schwester hatte beim Tischdecken geholfen, eine Notwendigkeit, die mir als dem jüngeren und wohl fauleren entgangen war. Als es zur Verteilung des Nachtisches kam, pickte meine Großmutter mit einem diebischen Lächeln die größte und schönste Erdbeere aus der Schüssel heraus und legte sie meiner Schwester in das Schälchen, während sie sagte: "Wer geholfen hat, bekommt auch das Beste vom Nachtisch!" Ich kam mir vor wie mit einem nassen Waschlappen geweckt, denn diese Folge meiner Unterlassung hatte ich, der ich natürlich bereits nach der besagten Erdbeere schielte, keineswegs in Betracht gezogen.
Für jedes ihrer Enkelkinder fertigte meine Großmutter ein Bilderbuch an. Für mich war es eine reich bebilderte Darstellung der Geschichte des Schutzheiligen der Stadt Rio, des heiligen Sebastian, der als mein Namensgeber gedient hatte. Seit meiner Kindheit war dieses Bilderbuch mein größter Schatz, der die innere Bindung an meine Großeltern verkörperte, die ja so weit weg lebten. Da ich meine Großeltern als Dreizehnjähriger zum letzten Mal sah, gab es keine Gelegenheit für mich, sie als Erwachsener direkt nach ihrem Leben zu befragen. Als perfekte Großeltern der kindlichen Perspektive bestehen sie in meiner Erinnerung fort mit ihrer unermüdlichen Begeisterung für das Land Brasilien und ihre Enkel.
Als Teenager gewann ich über das Manuskript mit den Lebenserinnerungen meines Großvaters eine weitere Perspektive sowohl auf meine Großeltern als auch auf meinen Vater, Dieter Kröner. Er hatte das Manuskript aus dem Nachlass übernommen und begann es nun zu überarbeiten. Wie es überhaupt zu dem Manuskript gekommen war, erzählte er einmal: "Etwa 1965 sprach ich meine Eltern darauf an, wie wenig wir Kinder doch wüssten über sie. Und ob sie nicht über ihr Leben etwas schreiben wollten. 'Du, Pappi, hast daran doch schon während deiner Internierung 1942 in Florianópolis gedacht', sagte ich. Beide haben sich daraufhin mit Begeisterung und Ausdauer in diese Arbeit gestürzt: Mein Vater schrieb seine Biografie, der er den Titel ’Das Hospital auf dem Palmenhof’ gab, denn die Jahre von 1933 bis 1942 waren die arbeitsreichsten und fruchtbarsten seines Lebens, und das Achthundert-Seelen-Dorf Hamônia im Inneren Brasiliens ist ihm ohne Zweifel zur zweiten seelischen Heimat geworden. Da meine Mutter eine gute schriftstellerische Begabung besaß, konnte er ihr seine Gedanken in die Maschine diktieren und sie setzte sie dann in eine fließende und gut lesbare Form um. Gleichzeitig schrieb meine Mutter ihre Jugendbiografie, die die Jahre ihrer Kindheit bis zur Heirat in Buenos Aires umfasst. Weiter zu schreiben war sie nicht zu bewegen, denn sie sei danach 'ganz im gemeinsamen Werk aufgegangen.'"
Meine Großeltern, er Chirurg, sie Apothekerin, hatten in einem kleinen Städtchen am Rande des Urwaldes gemeinsam ein Hospital aufgebaut. Mein Vater war dort aufgewachsen, hatte als Kind Schmetterlingen und Schlangen nachgestellt und war an einem Urwaldfluss angeln gegangen. Mit der Bearbeitung des Manuskriptes wuchs in ihm der Wunsch, den Ort seiner Kindheit wieder zu besuchen, und so fuhren wir 1989 zusammen nach Ibirama, dem vormaligen Hamônia, und mein Vater zeigte mir eine Woche lang die Stätten seiner Kindheit und die Schauplätze dieses Buches, was mir bei der Zusammenstellung des Materials sehr geholfen hat.
Als mein Vater 2011 starb, hinterließ er drei Manuskripte: die Jugenderinnerungen meiner Großmutter bis zur Eheschließung, ein Manuskript meines Großvaters und schließlich seine eigenen Kindheitserinnerungen. In der Gesamtschau geben die drei Dokumente ein gutes Bild vom Denken und Handeln meiner Großeltern ab, von den Herausforderungen im rückständigen Urwaldflecken Hamônia der 1930er Jahre und den Antworten, die sie darauf fanden.
Das Manuskript meines Großvaters konzentriert sich auf die eigentliche Entwicklung des Hospitals und liefert den medizinischen Blick auf die "Kolonie", wie das deutsche Siedlungsgebiet in Santa Catarina genannt wurde. Das Manuskript meiner Großmutter hingegen erschließt in stärkerem Maße den zeitgeschichtlichen Kontext und verdeutlicht, wie wichtig ihr Beitrag als kreative, wirtschaftlich denkende Partnerin und Apothekerin zum Gelingen des gemeinsamen Werkes in Hamônia war. Die Erzählungen meines Vaters schließlich steuern eine Außensicht auf meine Großeltern bei, einen durchaus kritischen Blickwinkel auf ihre eigenwilligen Charaktere mit ihren Stärken und Schwächen.
Mit der Zusammenstellung der drei Dokumente in einem Buch entsteht ein rundes Bild von der Lebensleistung meiner Großeltern in Südbrasilien. Die vielen Anekdoten laden häufig zum Schmunzeln ein, ohne den Blick auf die Größe der Herausforderung, in einem provinziellen Urwaldflecken ein modernes Hospital aus dem Boden zu stampfen, zu verstellen. Darüber hinaus bietet der Text Einblick in das Denken der Zeit, zum Beispiel wenn von der "Befriedung" der von den Siedlern verdrängten Indianer die Rede ist oder wenn es um "das Deutschtum im Ausland" geht, an das als Grundwert immer wieder angeknüpft wird. So wird das Buch zum zeitgeschichtlichen Dokument der deutschen Besiedelung und Entwicklung im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina. Achtzig Jahre, nachdem meine Großeltern zum ersten Mal die Bummelbahn nach Hamônia bestiegen haben, können ihre Leistungen und Erinnerungen nun in den zeitgeschichlichen Kontext eingeordnet werden und als ein weiteres Mosaiksteinchen im Gesamtbild der facettenreichen Geschichte Brasiliens Verwendung finden.
Shanghai, im Sommer 2013
Sebastian Kroener
erzählt von Friedrich Kröner
Das erste Bild, das mir aus meinem Leben vorschwebt, ist die Wohnstube im alten Fachwerkhaus, das inzwischen nicht mehr besteht. Sie hatte ihren Eingang links neben einem offenen Herd mit dem darüber angebrachten Rauchfang, der bei der Herstellung des echt westfälischen Schinkens eine so wesentliche Rolle spielt. Der Riegel der Wohnstubentür wurde mit einem kleinen Bändsel hochgezogen; es war die erste mechanische Einrichtung, die ich bewusst warnahm. Die Fenster an der Rückseite hatten kleine, mit Blei eingefasste Scheiben, von denen gelegentlich eine fehlte, und als das neue Wohnhaus gebaut wurde, das der alte Haarlammert mauerte, pflegte er in eines dieser Löcher während des Mittagessens seinen Hut hineinzustecken. Wenn er es vergaß, empfand ich das als einen Mangel an Ordnungssinn und erinnerte ihn: "Onkel, din Hout!" Links neben der Stube lag das Schlafzimmer meiner Eltern, was mir nur deshalb jahrelang in Erinnerung blieb, weil die Wände einen rosafarbenen Anstrich trugen.
Dann erinnere ich mich noch an das Richtfest des 1899 bis 1900 erbauten neuen Wohnhauses. Die Eichen vor unserem Hoftor, die für mich immer ein heimatliches Symbol waren, stellen sich mir kaum kleiner vor, als sie es heute sind, wenn ich diese Zeilen schreibe, und so waren sie damals gewiss schon fünfzig Jahre alt. Wir standen alle zusammen hinter dem Haus. Meine Mutter hatte den kleinen Wilhelm, meinen Bruder, auf dem Arm, der die Würde des Augenblicks noch nicht verstand und von ihr zur Ruhe verwiesen wurde, während der alte Priggemeier oben auf dem First die traditionelle Richtfestrede hielt.
Der Einzug in das neue Wohnhaus ist mir noch dadurch gegenwärtig, dass ich mich genau zu erinnern glaube, dass verschiedene Familienmitglieder sehr krank waren, und vor allem der Großvater hellrotes Blut spuckte. Heute, im Licht der modernen Medizin besehen, weiß ich, dass er ohne Zweifel an Bronchiektasen, also Luftröhren-Erweiterungen, litt, offenbar als Folge einer in frühester Jugend überstandenen Lungenentzündung.
So leitet unser heutiges medizinisches Fachwissen sozusagen zwanglos hundert Jahre zurück in die Geschichte der Familie Kröner. Damals, im März 1850, wurde mein Großvater Heinrich Kröner geboren. Er wusste nicht genau wann, wie er mir gelegentlich erzählte, denn sein Vater hatte vergessen, ihn anzumelden, und gab dann später den 6. März als mutmaßlichen Geburtstag an. Wie sollte man auch erwarten, dass der Vater den Geburtstag all seiner nunmehr die Zahl dreizehn umfassenden Kinder kannte. Sie alle wurden bereits im Schatten dieser Eichen geboren und nahmen größtenteils wohl mit Tränen unter ihnen Abschied. Denn mit nur zwei Ausnahmen, meinem Großvater und seinem um zwanzig Jahre älteren und zugleich ältesten Bruder Wilhelm, zogen alle Geschwister in die weite Welt: eine Schwester nach Brasilien, alle anderen in die Vereinigten Staaten von Amerika. Meine Urgroßmutter mag es nicht leicht gehabt haben. Auswandern hieß damals, Abschied nehmen für immer. Es war praktisch ein großes Sterben, dem die jungen Sprosse der Familie zum Opfer fielen, da die Daheimgebliebenen meist wenig oder gar nichts mehr von ihnen hörten.
Lesen und Schreiben war zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch nicht jedermanns Sache, aber mein Urgroßvater Friedrich Wilhelm Kröner, getauft am 12. Oktober 1801, konnte es bereits, weil sein Vater Johann Hermann Wilhelm Kröner, geboren am 19. Dezember 1764, ihn in weiser Voraussicht hatte unterrichten lassen, "damit er später während seiner Militärzeit einmal einen Brief schreiben kann". Dieser fortschrittliche Ahn, der auf Nüssmeiers Hof in der Herrschaft der Fürsten von Coesfeld wohnte, machte sich selbstständig durch den Kauf eines Eigentums auf der Brokhaar, aus dem sich der Hof der Familie Kröner entwickelt hat. Dieses war damals eine verrufene Gegend: sandig, sumpfig, unfruchtbar, lediglich mit mittelmäßigen Kiefern bewachsen und in ihren tieferen Teilen von Porst, dem Heidekraut, bedeckt. Selbst die Malaria war damals noch gang und gäbe, und Großvater erzählte mir oft, wie sie alle in der Jugend vom "kalten Fieber" geschüttelt worden seien.
Mein Großvater Heinrich Kröner holte mit achtzehn Jahren Lisette Sander als junge Frau ins Haus, die ihm zwei Söhne schenkte: Der älteste starb kurz nach der Geburt, der jüngere, August, am 19. März 1872 geboren, ist mein Vater. Wie mein Großvater mir erzählte, erfreute August sich immer des besonderen Schutzes seiner Mutter, wenn Großvater ihn aus seinen Träumereien heraus und an die Arbeit bringen wollte. Nach dem Tod meines Urgroßvaters im Jahr 1878 fiel Großvater die gesamte Verantwortung für den Hof zu und er machte sich ernstlich Gedanken, wie er sich aus der bestehenden Misere retten könne.
Eines Tages fuhr er mit dem Pferdewagen nach Münster, das mag um das Jahr 1885 gewesen sein. Dort besuchte er die Dampfmühle Wulff. Sein Blick fiel auf einen Sack schwarze Körner, die er noch nie gesehen hatte. Auf seine Nachfrage hin erhielt er zur Antwort: "Den kannst du mitnehmen, das ist Dünger." Es handelte sich um Thomasmehl. Ungläubig nahm Großvater ein Säckchen mit. Mein Vater war damals dreizehn Jahre alt, er erzählte mir später einmal Folgendes darüber: "Eines Tages, ich war noch ein halbwüchsiger Junge, sah ich meinen Vater auf der Tenne vor einem Haufen Sand knien. 'Vater, was machst du da?', fragte ich erstaunt. 'Tja', meinte mein Vater und ließ die schwarzen Körner etwas misstrauisch durch die Finger gleiten, 'dat Tueg soll düngen, segget se.' Dann vermischte er die Körner mit Sand, streute das Zeug auf ein abgestecktes Stück Wiese hinter dem Haus – und vergaß es. Nach längerem Regen führte ihn seine Arbeit wieder an diesen Flecken. Er traute seinen Augen nicht: Dunkelgrün und saftig lachte ihm das Gras kniehoch entgegen. Während die Wiesen rundherum in kümmerlichen Spieren dahinvegetierten, machte der gedüngte Fleck den Eindruck einer Oase in der Wüste. So etwas hatte man auf dem Brokhaar noch nicht gesehen. Er schnitt das kräftige Gras – und die Kühe fraßen es mit Wonne. Nun versuchte mein Vater weiter. Bald sah er, dass ein Acker, der früher ein paar Schafe zum Hungern verurteilt hatte, nun mehrere Kühe sättigte. Da kam ihm zum ersten Mal der Gedanke: Wenn du Dünger auf die Wiesen streust, dann können wir mehr Vieh halten, und mit mehr Vieh haben wir mehr Dung für den Acker und damit mehr Korn und Nahrung."
Diese Erfahrung wurde zum Wendepunkt des Hofes. Das begriff auch mein Vater sogleich, und er und mein Großvater begaben sich daran, die unterhalb des Hauses liegenden, sumpfigen Ödflächen in Richtung Hilgemann bis an das Otten-Grundstück in Wiesen umzuwandeln. Mein Vater konstruierte dazu später einen besonderen Kippkarren, der ihnen zwanzig Jahre lang große Dienste leistete, weil er, von einem Pferd gezogen, das Sandkarren mit der Hand überflüssig machte.
Da traf die Familie plötzlich ein großes Unglück. Mein Vater erzählte: "Die Mutter brachte uns eines Tages, wie immer, das Frühstück. Plötzlich hörte ich sie vor sich hinreden: 'Ich kann das Schwert nicht von mir geben…'" Die weitere Beobachtung ergab dann, dass Großmutter an einer seelischen Störung litt, die sie zeitweise arbeitsunfähig machte. Nun war keine arbeitsfähige Frau mehr im Haus, und es trat somit an meinen Vater mit kaum zwanzig Jahren die Notwendigkeit heran, sich eine Frau zu suchen. So kam 1895 meine Mutter auf den Hof: Sophie Büscher, geboren am 19. Januar 1868. Rückblickend kann man nicht behaupten, dass sie das große Los gezogen hätte, denn der Hof sollte ja erst etwas werden aufgrund der Projekte meines Großvaters und meines Vaters.
Auf diesem tief in der Heide gelegenen, einsamen Bauernhof wurde ich am 7. März 1897 geboren. 1898 und 1901 folgten meine beiden Brüder Gustav und Wilhelm und 1908 meine Schwester Frieda.
Auf dem Hof wurde, wie damals in den weiten Ebenen zwischen den holsteinischen Niederungen und den Ufern des Rheins selbstverständlich, nur plattdeutsch gesprochen. Erst die Schule brachte den ersten Kontakt mit der großen Welt und ihrer Sprache. Das war in diesem Fall Hochdeutsch. An einem unwirschen Apriltag mit tiefem Schnee nahmen die Nachbarskinder mich mit zu der eine halbe Stunde entfernten Landschule. Dort nahm der Lehrer mich an die Hand und setzte mich auf den dritten Platz. Den ersten hatte er seinem Sohn vorbehalten, den zweiten dem Sohn seines Freundes. Als Dritter wurde ich erkoren, weil der Lehrer von meinem Vater ab und zu eine Fuhre Mist für seinen Garten erhoffte. Diese Mistspekulation bestimmte seine ganze Haltung und seine pädagogischen Anschauungen. Ich verstand zunächst kein Wort in der Schule, und monatelang teilte ein Nachbarskind meinem Großvater die Schulaufgaben mit, denn auf seinen Knien durften wir Kinder reiten und seine Pfeife mit dem Fidibus, einem langen harzigen Holzspan, anstecken. Eines Tages sah der Lehrer eine solche Hausaufgabe nach und verlieh seiner Anerkennung Ausdruck. Das gab mir Mut zu der Erwiderung: "Dat heww mi use Pape sau wiset" – Das hat mir mein Großvater so gezeigt. Allgemeines Gelächter, denn die meisten anderen Kinder kamen aus bürgerlichen Familien im Ort und sahen mich als Bauernsohn etwas von oben herab an, dies umso mehr, als ich für mein Alter von sehr kleiner Statur war. Ich aber konnte dem Gelächter kein Verständnis abgewinnen, denn ich war überzeugt, dass sich um Plattdeutsch die Welt dreht und ich Hochdeutsch nur für die Schule lernte.
Für meine Kindheit ist es bezeichnend, dass ich wohl an meine Großväter Kröner und Büscher etliche liebliche Erinnerungen habe, etwa dass ich bei ihnen auf den Knien ritt. Vor allem meinen Großvater Büscher hatten wir Kinder alle sehr geliebt, weil er so wunderbar aus alten Zeiten zu erzählen wusste und dafür weit und breit bekannt war. Ihn zeichnete ein lückenloses Gedächtnis bis ins höchste Alter aus. Die Geschichten von "Büschers Pappe" waren so spannend, dass wir nicht mehr zu atmen wagten und hofften, dass er nie aufhörte zu erzählen. Eines Tages kam uns aber doch die Erkenntnis: "Dat meeste was luagen…" – Das meiste war gelogen.
Wir Kinder unter uns waren natürlich nicht immer sehr friedlich und lieferten uns zuweilen gründliche Schlachten, wobei wir uns dann nicht schlecht mit mehr oder minder treffenden Beinamen belegten. Meinen Bruder Gustav nannten wir dabei den "Dullkopp", weil er manchmal über irgendeine Kränkung in höchste Wut geraten konnte. Aber auch später stellten wir oft an ihm fest, dass er nur schwer durch Erfahrung anderer davon abzuhalten war, etwas zu tun, was er für durchführbar hielt. Manchmal ging das schief und er erklärte dann unschuldig: "Gewiss, aber wie kann ich das wissen."
Mittags bei Tisch sprachen wir vorwiegend über die Arbeit und deren Einteilung. Wenn es zum Beispiel den Milchwagen betraf, dann brachte Gustav es zur Sprache. Wenn es landwirtschaftliche Dinge betraf, dann war Wilhelm immer dabei, denn der hielt das ruhige Gleichmaß. Wilhelm war immer ausgleichend, immer gütig und durch Fleiß geprägt. Er fuhr nie aus der Haut. Gustav konnte sich aufregen, er konnte richtig in die Luft gehen und sehr laut werden. Aber Wilhelm konterte dann immer: "Nu mal langsam, nu mal langsam. So geht das nicht."
Gustavs Dickköpfigkeit war sprichwörtlich. Als Vierzehnjähriger musste er einmal mit dem Fuhrwerk nach Lengerich fahren. Der Fahrdamm war durch zwei fußtiefe Wagenspuren gekennzeichnet, deren rechte er benutzte. Im gleichen Rillenpaar näherte sich ihm wider die Fahrregel ein entgegenkommendes Gefährt. Auf Pferdeschwanzlänge herangekommen, erklang es: "Öööööö!" – Halt!, und "Öööö!" kam es von meinem Bruder. Da standen sie voreinander, die Pferde Kopf an Kopf, die ungestüme Jugend und ein würdiger Alter, auf Peitschenlänge getrennt. Eine Stunde verging, da sagte der alte Bauer: "Ich häv Tid." – Ich habe Zeit. "Ike auk" – Ich auch, konterte Gustav. Wortlos schauten sie sich weiter in die Augen – eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden lang. Es dunkelte schon. Da platzte dem Alten der Kragen! "Dunnerschlag, ick häb kin Tid mär!" – Donnerschlag, ich habe keine Zeit mehr. "Hüh!" Er mahlte sich mühsam aus der eigenwillig angemaßten Fahrrinne heraus, wendete und fuhr heim. "Hüh!", spornte auch mein Bruder seinen Gaul an, wendete und fuhr ebenfalls nach Hause.
Immerhin zog er aus solchen Gelegenheiten seine Erfahrungen. Später, im Alter von fünfundzwanzig Jahren, war er selbstbewusst genug, um eine Sache in die Tat umzusetzen, über die mein Vater sein ganzes Leben nachgedacht hatte: die Einrichtung eines Frischmilchverkaufs in der Stadt Lengerich. Dabei war er nicht zimperlich. Mutig nahm er seine Milchkannen und zog damit von Haus zu Haus. Die Kannen füllten bald einen Pferdewagen, und dieser wich eines Tages einem Milchauto. Ein Tiefkühler garantierte die Güte der Milch, sozusagen frisch von der Kuh zum Kunden. Die Kleinen wurden mit Vorzugsmilch und Kakao zufriedengestellt, für die großen Leckermäuler gab es Sahne, richtige Schlagsahne. Und wenn jemand diese nicht zuzubereiten wusste, führte Gustav es vor: "Jawohl, Sahne lässt sich schlagen!" Die amtlichen Laboratoriums-Kontrollen bewiesen die Güte der Milch und reihten damit den Bauernhof an bevorzugter Stelle ein. So wurde allmählich aus dem Eigentum ein Bauernhof und aus dem Bauernhof ein Musterhof. Aus dem Handverkäufer von Milch wurde ein Milchkutscher und aus diesem ein Milchlieferant, der eines Tages zum Vorsitzenden der Molkerei-Genossenschaft emporstieg.
An meinen Vater habe ich nur wenige Kindheitserinnerungen, und wenn, dann sind sie meist mit Angstvorstellungen untermalt. Ich erinnere mich, dass mein Vater mich, offenbar im Herbst 1899, in das damals neu erbaute Wohnhaus mitnahm und ich zu meinem Erstaunen dort Zementfußboden vorfand, an dessen Legen ich mich gar nicht erinnern konnte. Das ist aber auch die einzige neutrale Erinnerung aus meiner frühen Kindheit an meinen Vater.
Darüber hinaus beginnt die Erinnerung an ihn mit einer groben Brutalität meiner Mutter gegenüber. Ich mag fünf Jahre alt gewesen sein. Meiner Erinnerung nach wollte meine Mutter meine Großmutter Büscher besuchen, an der wir beide stark hingen. Sie hatte nicht mehr lange zu leben. Nach meiner heutigen Erkenntnis litt sie an einem fortgeschrittenen, inzwischen in den Mund perforierten Hautkrebs der linken Wange. Mein Vater wollte diesen Besuch aber nicht. Jedenfalls kam es in meiner Gegenwart zu einem Wortwechsel, und in seiner aufgeflammten Wut griff mein Vater nach einem Holzschuh und zertrümmerte ihn auf dem Knie meiner Mutter. Sie und ich schrien auf, er ging weg und ich sagte zu meiner Mutter: "Komm, Mamma, lass uns ganz weggehen zum Opa Büscher, denn hier schlägt dich der Papa tot."
Im Alter von acht bis elf Jahren nahm mein Vater mich immer mit auf seinen häufigen Fahrten über Land, die gewöhnlich nach Tecklenburg oder Ibbenbüren führten und mit dem Erdbeer- und Gemüseverkauf zusammenhingen, den er eifrig betrieb. Da er sich für die allgemeine Landwirtschaft zu schwach fühlte, hatte er diesen Zweig ausgewählt und verkaufte seine Produkte an Privatleute. Auf diesen Fahrten erzählte er mir dann die ganzen Tecklenburger Sagen und noch vieles andere, sodass sie nicht langweilig waren. Aber menschlich näher haben sie mich meinem Vater nicht gebracht. Das verpatzte er alles durch sein Verhalten zu Hause.
Da war zum Beispiel die jährliche Weihnachtsfeier. Meine Mutter legte großen Wert auf einen Baum und wir hatten ja genug Tannen. Aber ein symmetrisch gewachsener Baum muss im Freien stehen, sonst wird er krumm. Nun kannte mein Vater jeden Baum im Wald und wollte unter keinen Umständen ein einzeln stehendes Exemplar opfern. Also gingen wir Kinder hin und stahlen einen Baum irgendwo auf einem fremden Grundstück. Es standen ja überall nur Tannen. Aber dann ging die Fragerei los: "Wo habt ihr den Baum her?", und wenn wir uns nicht herauslügen konnten, gab's Hiebe und die Erklärung: "Ich will nicht unter einem gestohlenen Baum sitzen."
Einmal gab es dabei einen solchen Krach, dass wir auf eine Feier überhaupt verzichteten. Da war es aus mit Weihnachten und uns war die ganze Jahresfreude verdorben. Später sind wir dann schlauer geworden: Wir haben ihm gesagt, wir hätten den Besitzer des Grundstücks gefragt und er hätte es uns erlaubt. Damit war es dann getan, denn er kam nicht auf die Idee, sich dort einmal zu erkundigen. Diese Eigenart, nie Informationen einzuholen, sondern immer nur nach eigener Willkür zu handeln, hat ihn einmal in eine schwere Konfliktsituation gebracht. Bei einem Gespräch mit unserem Nachbarn Lagemann erzählte ihm dieser, wenn er, mein Vater, zum Nachbarn Temme käme, dann würde er nicht viel Gutes zu hören bekommen. Denn ich hätte auf dem Schulweg die kleine Luise Temme heftig geschlagen. Ohne weitere Nachforschungen anzustellen, ging mein Vater wutentbrannt nach Hause und verdrosch mich trotz meiner gegensätzlichen Beteuerungen so unmenschlich, dass mein Großvater mich aus seinen Händen riss. Das muss wohl eine große Diskussion zu Hause ausgelöst haben, denn in den nächsten Tagen ging mein Vater dann doch zu Temmes, die ihm aber erklärten, ich hätte Luise nichts getan. Im Gegenteil, wir hätten uns immer besonders gut vertragen, bekam er zu hören. Da hat mein Vater sich an einem der nächsten Tage bei mir entschuldigt – sicher von den anderen Familienmitgliedern gedrängt.
Als ich etwa neun oder zehn Jahre alt war und das Klima zuhause sehr deprimiert war, gewiß durch meinen Vater bedingt, keimte in mir der Wunsch auf, mein Vater möge sterben. So fragte ich meinen Großvater, ob er glaube, daß mein Vater alt würde, denn das könnten wir alle doch gar nicht aushalten. Darauf antwortete mein Großvater: "Ja, das weiß ich nicht, solche Leute können mal sehr alt werden." Enttäuscht fragte ich: "Hast du ihn den früher nicht bändigen können?" - "Nein", antwortete er, "seine Mutter hat ihn immer beschützt, da konnte ich nichts machen und als ich ihn später einmal energisch anfaßte, griff er nach der Axt und ging auf mich los. Danach hatte ich nicht mehr den Mut, ihm etwas zu sagen."
Trotz seiner Wutausbrüche, die mir oftmals eine maßlos übersteigerte Wucht Prügel einbrachten, kann ich doch nicht sagen, dass mein Vater für uns Kinder nicht auch Verständnis gehabt hätte. So bekam ich schon in frühen Jahren zu Weihnachten eine Eisenbahn, später eine Dampfmaschine geschenkt. Auch meine Brüder wurden je nach Interessen gut bedacht und wir luden meinen Vater auch ein, mitzuspielen.
Die eigentlichen Interessen meines Vaters lagen auf technischem Gebiet. Weit über die Grenzpfähle seines Bauernhofs hinaus für alles in der Welt interessiert, fiel er ganz aus dem Rahmen der Vorstellungen, die man sich von einem westfälischen Bauern macht. Das galt schon für seine körperliche Statur. Hinzu kam, dass er von seiner ganzen Interessenlage her ein Geistes- und kein Handarbeiter war. Deshalb suchte er nach Möglichkeiten, die schwere körperliche Landarbeit auf Maschinen abzuwälzen. Aber wenn er irgendwelche arbeitserleichternde Geräte plante oder erprobte, fand er in seiner Umgebung wenig Verständnis. Die Nachbarn lächelten über seine Vorstellung, mit einem Minimum an körperlicher Arbeit ein Maximum an wirtschaftlichem Ertrag erzielen zu wollen. Dieser Eigentümlichkeit wegen hatte er kaum Freunde unter Menschen. Bücher, nicht nur solche landwirtschaftlichen Inhalts, waren seine Freunde, doch seine eigentliche Liebe galt Maschinen. Er kaufte sich als einer der ersten in der Gegend eine amerikanische Mähmaschine; Marke "Osborn" stand darauf. Sie lief schrecklich schwer, und da wir damals nur über ein Pferd verfügten, musste in der Mähzeit ein zweites dazugeliehen werden. Das Messer war auch immer stumpf. Daher mussten wir Kinder im Sommer jeden Tag unentwegt den Schleifstein drehen. Mutter hatte immer eine furchtbare Angst, meinem Vater könnte beim Mähen mit den Pferden etwas passieren, denn schon mancher hatte sich mit diesen neumodischen Dingen Hände und Füße zerschnitten.
Da die Heuarbeiten auf den Wiesen viele Handarbeiter erforderten, die naturgemäß während der Ernte kaum zu haben waren, versuchte sich mein Vater auch an der Konstruktion eines Heuwenders, der aber bald durch ein gekauftes Fabrikat ersetzt wurde. So ist die Erinnerung an meine Jugend angefüllt mit dem reihenweisen Einzug aller möglichen Maschinerie. Da war die Zentrifuge, aus der die Trommel heraussprang und mit großem Knall gegen einen Stuhl flog, dem sie in ihrer weiterrasenden Rotation eine tiefe Kerbe andrehte. Dann hatten wir einen Butterkneter, dem meine Mutter jahrelang ihre letzten Kräfte opfern musste, die Harkmaschine, die Sämaschine, die Dreschmaschine, den Göpel, dieses Mordinstrument par excellence… Alle kamen sie, und Gott sei Dank gingen sie auch zum großen Teil wieder, um Besserem Platz zu machen.
Religiös gesehen war mein Vater eigentlich Naturphilosoph. Das ergibt sich aus Folgendem: Wie immer trieb meine Mutter, die man im landläufigen Sinn als fromm bezeichnen konnte, sonntags die Familienmitglieder zur Kirche. Mein Vater und ich entschlossen uns, zu gehen, aber Vater zögerte und zögerte, bis es reichlich spät war. Um dann die Zeit bis zum Ende des Gottesdienstes zu vertreiben, sagte er unterwegs zu mir: "Junge, weißt du was, wir fahren mal den Teutoburger Wald hinauf, zur Kirche ist es schon zu spät." Und so legten wir uns oben in eine wunderschöne Waldlichtung und hörten uns den Gesang der Vögel bei wunderbarem Sommerwetter an. Als es dann an der Zeit war, wieder nach Hause zu fahren, sagte er zu mir: "Sag das nicht zu Mutter, aber dieses war mir ein schönerer Gottesdienst als die ganze Kirchengängerei zusammen."
Bei der Erinnerung an meinen Vater darf allerdings nicht vergessen werden, dass er meines Erachtens sein Leben lang unter einem Zwölffingerdarmgeschwür litt, das ihm das Leben zur Hölle machte und sicher wesentlich zu seiner Reizbarkeit beitrug. Jedenfalls habe ich aus all diesen Episoden den Schluss gezogen, bei Meinungsverschiedenheiten nie tätlich zu werden. Von diesem Grundsatz bin ich nie abgegangen, er war eines der wenigen positiven Elemente, die ich aus dem Verhalten meines Vaters zog: bis heute. So tief grub sich dieser Zug meines Vaters in mein Denken ein.
Ich bin sicher, dass mein Vater, wäre er nicht in dieser elenden Einöde, sondern in einer mittleren Stadt geboren, Schlosser oder, bei seiner überdurchschnittlichen technischen Begabung, Ingenieur auf autodidaktischem Weg geworden wäre. Mein Vater erzählte mir sogar einmal, in jungen Jahren hätte er in Gedanken eine automatische Repetierpistole konstruiert, die den Rückstoß zum Nachladen benutzte, und einige Jahre später habe er ein solches Ding als den letzten Schrei der Waffenherstellung in der Zeitung veröffentlicht gesehen. Er musste aber den Hof übernehmen, und so wurde er zum Eigenbrötler, mit sich und der Welt unzufrieden.
Nun klingt das fast so, als hätte er seine Zeit vertrödelt mit müßigen Ärgereien und Aufpassertum. Doch das war keineswegs so. Keiner in der Familie kümmerte sich so sehr um das Wohlergehen des Hofes wie er, bedingt durch seine weitsichtigen Überlegungen. Die anderen widmeten sich hauptsächlich den Sorgen des Alltags und der täglichen Arbeit. So überraschte er uns immer wieder mit neuen Ideen, die er meistens in der Stille der Nacht ausbrütete und beim Frühstück zur Diskussion stellte. Auf ihnen beruhte hauptsächlich der Fortschritt des Hofes in jenen Tagen.
Wenn mein Vater etwas plante, tat er das bis in die letzten Kleinigkeiten. Zum Beispiel war hinter der Scheune schlechter Boden, und er hatte sich lange überlegt, was er damit machen könnte. Eines Tages verriet er, dass da Gurken angepflanzt werden sollten. Meine Großmutter war skeptisch und wir Kinder haben verstanden, dass sie dachte: Wohin mit den Gurken, sofern es überhaupt eine Ernte gab. Aber mein Vater setzte sich durch. Er war auch schon zu jemand gefahren, der Erfahrungen mit diesem Anbau hatte. Nun wurden tiefe Rillen ausgehoben, mit Mist gefüllt, darauf kamen dann die Saatkörner. Und es wurden Staatsgurken! Sie wurden auf den Markt gefahren: In diesem Jahr mussten Gurken verkauft werden! In den nächsten Jahren ist es so weitergegangen. Als die Vielfalt der Produkte zunahm, musste der Milchwagen manchmal Sonderfahrten machen, um Erdbeeren, Gurken, Erbsen, Spargel wegzubringen. Später wurde auch geschlagene Sahne verkauft. Es wurde immer etwas mehr, aber für alles musste etwas getan werden.
Alles, was der Krönerhof mit der Zeit geworden ist, ist er aus Fleiß geworden. Zugeflogen ist uns nichts. Mein Vater war der "stille Planer", und er wusste oft schon ein Jahr vorher, was er für das nächste Jahr vorbereiten wollte. Diese Dinge wurden dann auch gemeinsam im Wohnzimmer besprochen, nicht in der Küche. Meine Mutter war meist skeptisch und meinte: "Wenn dat man gut geht." Aber wenn mein Vater geplant und überlegt hatte und Gustav, der Kaufmann in der Familie, dazukam, dann wurde etwas daraus.
Sonntags saß Gustav über den Büchern und machte die Schreibarbeit und die Molkerei-Verwaltung. Er machte es wohl nicht gerne, aber einer musste es schließlich tun. Wilhelm ging dann über die Felder spazieren und meinte eines Tages über Gustav: "De heft so viele to down, dat he gar kine Tied mehr toun Arbeten hev." – Der hat so viel zu tun, dass er gar keine Zeit mehr zum Arbeiten hat.
Als der Erste Weltkrieg zu Ende war, geisterte das Gespenst des Staatsbankrotts umher und auch wir hatten unser Vermögen in Kriegsanleihen angelegt. Ich verstand noch nicht viel von finanziellen Dingen, hatte aber die Idee, die ganzen Anleihen zu verkaufen und das Geld nach Holland zu bringen. Ich wusste noch nicht, dass man dafür einfach in Deutschland bei der Bank hätte Gulden kaufen können. Doch mein Vater lehnte das ab, weil die Mark inzwischen schon etwas an Wert verloren hatte. So unterblieb das. Dann riet ich ihm, mit dem Geld die ganzen brachliegenden Ländereien am Dortmund-Ems-Kanal am Saerbeker Damm zu kaufen. Sie waren für ein Spottgeld zu haben. Denn ich hatte in ausländischen Zeitschriften gelesen, wie weit die Amerikaner inzwischen mit der Mechanisierung in der Landwirtschaft fortgeschritten waren. Aber er lehnte das ab wegen der zu großen Entfernung von vier Kilometern. Dass dafür ein Traktor nur zehn Minuten brauchte, ließ er nicht gelten. So unterblieb auch das. Bei meiner Mutter und den Brüdern fand ich keine Unterstützung für die Idee, einfach Weidevieh auf die Flächen zu treiben und dadurch der Inflation entgegenzuarbeiten. Denn dass es eine solche werden würde bis zur Tilgung aller deutschen Kriegsanleihen, war mir klar. Das hatte ich inzwischen an Österreich gesehen, das sich auf diese Weise von allen Kriegsschulden befreit hatte.
So ließ mein Vater alles laufen, bis im Jahr 1922 das Gut Marck und damit unsere gepachteten Wiesen zum Verkauf standen. Da war Not am Mann, denn das Kapital war inzwischen, wie erwartet, von der Inflation aufgezehrt worden. Da der Besitzer der Wiesen, Freiherr von Diepenbroick-Grüter, uns aber eineinhalb Jahre vorher vertraulich verraten hatte, wir möchten zu dem Zeitpunkt Geld bereithalten, dachte mein Vater nach und kam auf die Idee, Korn auf Kredit zu kaufen und es einzulagern. Das hat uns gerettet, denn der Wert umfasste fast die Hälfte des Kaufpreises, der mit 1,1 Millionen Mark damals eine horrende Summe darstellte. Wir berieten alles gemeinsam bis zum Tag der Auktion, es mag etwa Juni 1922 gewesen sein, und kamen rein wirtschaftlich auf diese Summe. Wir hätten die Weiden vielleicht auch etwas billiger bekommen. Aber wir verfolgten bei der Auktion das Prinzip der Schockwirkung durch jedesmaliges Zulegen einer großen Summe, um die Mitbewerber zu entmutigen. Das gelang. Vater folgte damit weitgehend meinen Ideen, denn ich war damals bereits fünfundzwanzig Jahre alt. Mutter und Wilhelm gaben auch ihre Zustimmung, obgleich sie von finanziellen Dingen nicht viel verstanden, und Gustav war erst einundzwanzig Jahre alt und hatte noch keine Erfahrung.
Die andere Hälfte der Kaufsumme musste mein Vater leihen. Die Bank verweigerte ihm aber einen Kredit, weil ihr der Hof zu ärmlich war. Daraufhin borgte uns der Lengericher Herdfabrikant Banning das Geld, denn er war Jäger und kannte die Gegend. Wer weiß, vielleicht hatte er auch den Hintergedanken, dass wir den Kredit nicht würden zurückzahlen können; dann wäre er zu einem preiswerten Jagdhof gekommen. Angesichts des Schuldenbergs, der dem Hof durch diesen Kauf aufgebürdet wurde, rechnete mein Bruder Wilhelm aus, wie viele Kühe der Hof haben müsste, allein um die Zinsen zu bezahlen, und er kam zu dem Ergebnis, dass die Zinsen monatlich den Gegenwert einer Milchkuh betrugen. Da die Inflation aber einen stärkeren Rhythmus annahm und eine Wertberichtigung nicht vorgesehen war, hatten wir schon sechs Monate später keine finanziellen Sorgen mehr. Wir konnten die restlichen Schulden leicht begleichen.
Wenn ich nun abschließend das Wirken meines Vaters überdenke, so war er trotz seines unruhigen Geistes doch der eigentliche Schöpfer unseres Hofes. Ohne seine Initiative wäre der Hof ein "Krümperkotten", krumm und ein Krüppel, geblieben. Alle technischen Dinge konnte man sehr sachlich mit ihm besprechen, aber das war schon die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Da war er schon über fünfzig Jahre alt und ließ sich auch einmal in die Schranken verweisen, wenn er uns zu ungestüm wurde. Er blieb indessen immer ein unruhiger Geist, bis der Rasen ihn am 3. März 1934 zudeckte.
Der Krönerhof in Lengerich
Wenn man den Westfalen nachsagt, sie handelten bedächtig und voraussehend, dann drückt sich das ohne Zweifel in erster Linie in der Erbfolgesitte ihrer Höfe aus, die jeweils dem Jüngsten zufallen. Ich war der Älteste von vier Geschwistern. Da ich sowieso für den lieben täglichen Kram eines Bauernhofs nichts übrighatte, beschloss ich mit sechzehneinhalb Jahren, mich privat für eine höhere Schule vorzubereiten, um das Abitur zu machen und später zu studieren.
August und Sophie Kröner, 1929.
Friedrich an der Westfront, 1917.
Familie Kröner, etwa 1926
Eines Tages, es war auf dem Brochterbeker Bickbeerenberg, an einem Sonntag, kam ich mit einem Bekannten ins Gespräch über Fragen der höheren Schulbildung und Examina. Er legte mir nahe, mich doch in einer Privatschule in Schnellkursen für das Einjährigen-Examen vorzubereiten. Ich verarbeitete diesen Gedanken, fuhr am nächsten Tag nach Lengerich, holte mir eine Ausgabe der Zeitschrift "Gartenlaube" und erfuhr, dass unter anderem in Düsseldorf ein Dr. Overmann in der Ehrenstraße 7 eine derartige Vorbildungsstätte unterhielt. Ich bekniete meine Eltern so lange, bis sie hinfuhren, um mich anzumelden. Das war damals ein Ereignis und meine Mutter vergoss oft Tränen, wenn sie an den Abschied dachte. Für mich dagegen stand fest: In einem Jahr hast du das Einjährige. Und so kam es. Am 1. Oktober 1913 begann mein Studium mit diesem Vorsatz. Ich hatte alles vorgeplant: sechzehn Stunden Studium als Tagesleistung, ein Tag in der Woche für einen Stadtbummel, dafür den stillen Sonntag als Arbeitstag.
Angesichts dieses Energieaufwands vermutete der Direktor in mir einen "Propagandafall" und ließ mich durch Einzelunterricht fördern. Der Zufall half mir, das Ziel sogar noch früher zu erreichen. Das normale Einjährigen-Examen hätte ich im Oktober 1914 vor einer Regierungskommission in Düsseldorf ablegen müssen. Doch als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde das Examen vorverlegt; ich meldete mich und bestand es am 6. August 1914. So hatte der Direktor jener Privatschule sich nicht geirrt: Ich war sein Propagandaschüler geworden. Stolz verkündete er in Anzeigen: "In zehn Monaten von der Volksschule bis zur Primareife!" Nun konnte es weitergehen: Am 21. März 1915 bestand ich das Primareife-Examen und am 2. Juni 1916 das Abitur an der Oberrealschule in Hamm.
Mit diesem Abschluss und dem Verlassen der Schule trat allerdings zunächst nicht das Leben, sondern das Sterben an mich heran, denn der Erste Weltkrieg wütete nun bereits zwei Jahre. Das große Sterben von Langemark, der Tod von Ypern, die Hekatomben von Opfern in Verdun lagen schon hinter uns, und die Geister der Toten hatten inzwischen viele Menschen zu der Einsicht gebracht, dass "dulce pro patria mori" – Süss ist es, fürs Vaterland zu sterben – zumindest nicht begehrenswerter ist als fürs Vaterland zu leben. So war die Begeisterung für den Krieg damals nicht mehr so groß. Gering war insbesondere meine Begeisterung für den Soldatendrill, bei dem ich gleich in den ersten Tagen schlechte Erfahrungen machte. Als wir in Reih und Glied stehen mussten, schaute ich einmal auf eine Gruppe Schweine, die dort grunzten. Das hatte der Ausbilder gesehen und brüllte mich aus Leibeskräften an: "He, Sie da, was schielen Sie nach den Schweinen? Jetzt wird hier exerziert!" Mir kamen meine Gedanken als Jugendlicher wieder hoch, denn wenn ich etwas seit jeher verabscheut habe, dann war es die Vorstellung, Soldat werden zu müssen.
Nachdem ich 1916 eingezogen worden war, setzte ich deshalb sofort alles daran, in das Sanitätskorps zu kommen. So hatte ich eine Chance, den Drill loszuwerden, denn Karriereambitionen zum Offizier hatte ich nicht. Dagegen war man als Sanitäts-Unteroffizier an der Front ziemlich selbstständig. Der einzige Haken war, dass man bei Feindbeschuss herausmusste, um Verwundete zu bergen oder um zu helfen. Das hat mir zunächst sehr zugesetzt, und als gleich in den ersten Tagen meines Aufenthalts an der Front am Rand des Schützengrabens eine Granate neben mir krepierte, stand ich so unter Schock, dass ich stundenlang gezittert habe. "Mein Gott", habe ich mir da gesagt, "wie soll das werden, wenn du bei jedem Schuss nervös zusammenbrichst!" Dabei hatte ich eigentlich nie ein Angstgefühl, aber mich überfiel bei jedem Feuerüberfall ein solch namenloser Tremor, den ich einfach nicht beherrschte. Das dauerte etwa drei Monate. Im Laufe der Zeit gewöhnte ich mir an, bei jedem gezielten Feuerüberfall die Lage der letzten Einschläge festzustellen, und suchte schnell in einem dieser Trichter Deckung. Ich hatte nämlich beobachtet, dass infolge der Geschossstreuung eine Granate praktisch nie in den zuletzt entstandenen Trichter einschlug. Als die Zeit der großen Sommeroffensive der Alliierten kam, erfasste mich eine so gewaltige Ruhe und Sicherheit, dass mich auch das ärgste Störfeuer nicht abhalten konnte, Verwundete zu holen. Ich wusste einfach, dass ich das lebend überstehen würde – und eines Nachts kam die Feuerprobe: Unsere Nachbarbatterie erlitt einen gewaltigen Feuerüberfall, und ich fühlte, da sei etwas passiert. So nahm ich meine Ausrüstung und ging hin – mitten durch das Sperrfeuer hindurch –, traf ein großes Désastre und holte gemeinsam mit den Unverwundeten jener Batterie die noch Lebenden heraus. Es dauerte wohl zwei Stunden, dann schlief ich mich aus. Gegen zehn Uhr ließ mich der Batterieführer rufen: "Kröner, stimmt das, was unsere Nachbarbatterie erzählt, dass Sie dort die ganze Nacht im Feuer Verwundete geholt haben?" – "Teilweise, Herr Hauptmann." – "Hören Sie, ich schätze Ihre Tat sehr hoch ein, muss Sie aber doch bitten, sich nicht mehr als nötig zu exponieren, denn wir brauchen Sie auch." Darauf ich: "Herr Hauptmann, ich bin sicher, dass mir nichts passiert, aber ich exponiere mich unter keinen Umständen mehr als nötig. Ich bin immer da feige, wo ich mit Tapferkeit nichts ausrichten kann." Der Batterieführer sprach ein großes Lob aus und reichte mich zur Verleihung des Eisernen Kreuzes 2. Klasse ein, das ich mir einige Zeit später anheften lassen durfte. Ich denke, es war in dieser Nacht, dass ich beschloss, Arzt zu werden.
Von da an habe ich unseren Kompanieführer oftmals auf Feindpatrouillen begleitet und in meinem Vorgefühl der Gefahr konnte ich ihn oft warnen: "Herr Hauptmann, ich habe das Gefühl, diese Zone müssen wir meiden, sie wird beschossen." Häufig waren wir dann noch Zeugen des Beschusses. Einmal saß ich auf der Böschung eines alten Schützengrabens und las ein Buch. Es war ein wundervoller Tag – kein Wölkchen am Himmel und kein Schuss weit und breit –, und dann hörte ich in weiter Entfernung doch eine Granate heulen. "Äh", dachte ich, "schießt da so 'n Blödmann in die Gegend. Vielleicht ist es besser, doch einen Meter tiefer in das Loch zu kriechen." Ich brauchte kaum eine Minute zu warten bis zum nächsten Schuss. Er fiel genau auf den Fleck, wo ich eben noch gesessen hatte. Offenbar hatte das Schicksal noch anderes mit mir vor.
Anfang November 1918 lag der Krieg schon in den letzten Zügen. Wir waren auf dem Rückzug. Mir fiel die Aufgabe zu, bis gegen zehn Uhr abends noch auf Nachzügler und Verwundete zu warten. Es war bei Dun an der Maas. Wir mussten einen engen Flussweg passieren, der unter Dauerfeuer lag. Als wir in die Nähe der gefährlichsten Stelle kamen, ließ ich die Kolonne halten und zählte nach der Uhr den Zeitabstand der Schüsse. Er betrug vielleicht fünfundvierzig Sekunden. So sagte ich dann nach Ankunft der letzten Granate: "Der erste Wagen los!" Alles ging gut, beim zweiten auch, dann kamen wir. Da stürzte ein Pferd gerade an der gefährlichsten Stelle – und schon hörte ich den nächsten Schuss heranbrausen. Krachend schlug die Granate neben mir in die Erde ein – doch sie explodierte nicht. Ein Blindgänger! Anschließend konnten wir das Pferd aufrichten, wir waren gerettet. Auch dort hatte die Vorsehung es noch einmal gut mit mir gemeint. Am anderen Tag meinte der Batterieführer: "Ein Jammer, dass Sie nicht Frontoffizier sind, sondern Würmchendoktor werden wollen." So nannte man die Feldärzte wegen der kleinen Schlange am Kragen. "Meinen Sie, Herr Hauptmann?", entgegnete ich. "So habe ich vielleicht mehr Leben gerettet, als ich als Frontoffizier verheizt hätte."
Wenn ich als Kind auf einer Weide in den Niederungen des Münsterlandes beim Hüten von Kühen um mich blickte, erschien mir die Welt weit. Wenn ich sie vom Gipfel einer hohen Tanne ansah, erschien sie mir sehr weit. Aber wenn ich an einer Eisenbahnstrecke stand und die in nebelhafter Ferne sich vereinigenden Schienenstränge betrachtete, dann erschien mir die Welt unendlich groß und mich erfasste ein unstillbares Fernweh. Dieses war in erheblichem Maß die Triebkraft zur baldigen Vollendung meines Medizinstudiums, das ich nach Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte, um den Sprung in diese weite Welt verwirklichen zu können.
Bereits während des Krieges hatte ich mich am 3. April 1917 in Münster zum Medizinstudium immatrikuliert und setzte es nach Kriegsende dort fort, bis ich am 30. März 1920 die ärztliche Vorprüfung bestanden hatte. Danach sah ich mir auch andere Universitäten und Landschaften an: Von 1920 bis 1921 studierte ich jeweils ein Semester an den Universitäten in Tübingen, Berlin und Marburg und blieb dann ein Jahr an der Düsseldorfer Akademie für praktische Medizin, wo ich am 7. Februar 1923 das Medizinische Staatsexamen bestand. Anschließend verbrachte ich eine Zeit als Praktikant am Marienhospital Düsseldorf und am Städtischen Klemenshospital in Münster, bis ich am 2. September 1923 meine Approbation als Arzt erteilt bekam. An der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln promovierte ich dann zum Dr. med. und trat schließlich meine erste Stelle am Pathologischen Institut in Bremen an. Bremen, die große Hafenstadt südlich der Wesermündung, war nach den Anschauungen meines Großvaters das Sprungbrett in die weite Welt. Von hier waren einst seine Geschwister in die Ferne gezogen. Ohne Zweifel hatten die mit viel Romantik umwobenen Erzählungen meines Großvaters mein kindliches Gemüt so anhaltend beeindruckt, dass ich diesen Spuren folgen wollte, und nach Vollendung meines medizinischen Staatsexamens im Jahr 1923 dort meine erste ärztliche Tätigkeit aufnahm. Ich war erst wenige Wochen am Pathologischen Institut in Bremen tätig, als eines Tages ein baumlanger Kollege in der Tür des Sektionssaals erschien und rief: "Hallo! Alle mal herhören! Will einer von euch als Schiffsarzt fahren?" Schiffsarzt? Ich bekundete mein Interesse: "Wohin fährt das Schiff?" – "Das kann ich Ihnen nicht sagen, wenden Sie sich an die Reederei Hansa."
Mit Herzklopfen stieg ich eine halbe Stunde später die breiten Treppenstufen eines Patrizierhauses in der Bremer Altstadt hinauf und wurde vor den gewaltigen Schreibtisch eines wortkargen alten Herrn geführt, dessen Arbeitsplatz zu jeder Seite vom Modell einer Hansekogge flankiert war. Er erwartete mich bereits: "Soso, Sie sind also der Herr, der uns vom Ärzteverein zugewiesen worden ist? Dann gehen Sie gleich an Bord, das Schiff fährt heute Nachmittag ab." Ich fühlte, wie meine Stimmung ins Uferlose absackte, denn ich war, was Wäsche und Ausrüstung betraf, in keiner Weise auf eine lange Reise vorbereitet; ich wusste noch nicht einmal, wohin das Schiff fuhr: "Wohin fährt denn das Schiff? Und wie lange soll die Fahrt dauern?" Erstaunt sah er mich an ob meiner Ahnungslosigkeit: "Das Schiff fährt nach Indien. Machen Sie sich einmal auf eine Reisedauer von vier Monaten gefasst."
Nach Indien! Meine Gedanken überstürzten sich, diese Wörter wiederholten sich in meinem Geist wie ein fortdauerndes Gewittergrollen: nach Indien! Zwei Wörtchen ließen urplötzlich die kühnste Romantik aller Träumereien meiner Jugend in mein Bewusstsein treten. Glücklicherweise hatte mein Gegenüber Verständnis dafür, dass ich mir erst ein paar Kleidungsstücke besorgen und dafür nach Hause fahren müsste. Er gewährte mir ein paar Tage Zeit, ich könnte das Schiff dann in Hamburg besteigen, wo der Dampfer seine letzte Fracht aufnähme. Dann rannte ich zur Post und kündigte meine Ankunft und die große Überraschung telefonisch zu Hause an.
Während meine Mutter bittere Abschiedstränen vergoss, kehrten die Gedanken meines Vaters in die Vergangenheit zurück, und er hatte Verständnis für meinen ersten großen Schritt in die weite Welt. Nachdem ich ihn am Vortag informiert hatte, holte er mich von der Bahn ab. Beim langsamen Gang des Pferdes, das, Schritt für Schritt, sich einen Weg durch den tiefen Schnee unter den weiß behangenen Fichten bahnte, erzählte mein Vater: "Es war etwa zur Zeit Napoleons, als ein ideenreicher Ahn diesen Hof bezog. Vom heutigen Standpunkt aus grenzte dieser Entschluss an wirtschaftlichen Selbstmord, denn Sumpf und Heide ließen hier damals keinen Ackerbau zu. Unendliche Schafherden sorgten dafür, dass weder Baum noch Strauch ihr Haupt erheben konnten. Alles fiel diesen Hungermäulern zum Opfer. Die Wasserlachen wimmelten von Mücken und ihren Larven. Das Sumpffieber, später als Malaria erkannt, und der Typhus grassierten. Straßen für den Warentransport gab es nicht, entsprechend auch keinen Absatz. Es war ein trostloser Zustand. So konnte jener mutige Vorfahr sich nur mithilfe einer bescheidenen Viehwirtschaft und karger Weide auf seinem und Gemeindegrund dem Elend entwinden. Kein Wunder, dass die Bauernsöhne jener Zeit es ablehnten, ihr Leben solch mageren Möglichkeiten anzuvertrauen, und eine Pionierarbeit dort vorzogen, wo sich Aussicht auf Erfolg bot: in Amerika." Mag sein, dass in manchen dieser Fälle das Gespenst des Hungers nicht die Hauptrolle gespielt hat, sondern die Lust, die Welt zu erkunden, und der Traum von Gold und Glück. Für mich erfüllte sich endlich der Traum, mein Fernweh zu stillen. Da nun bei mir Reiseziel, Reisedauer und Aufgabe festlagen, beanspruchte ich die Hilfe meiner Angehörigen zur Fertigstellung der Ausrüstung und ließ ihnen nicht viel Zeit für sentimentale Gedankengänge und Weinseligkeit.
Am dritten Tag fuhr ich wieder ab und schiffte mich in Hamburg am 9. Februar 1924 auf der "Liebenfels" ein. Das Schiff war ein Frachtdampfer mit Kohlenfeuerung. Wir würden zahlreiche Häfen anlaufen und so bestand Aussicht, mir die Städte und ihre Umgebung mit Muße anzusehen. Denn der Vertrag als Schiffsarzt sah vor, dass mir im Hafen so viel Freizeit wie möglich zu gewähren war. Ich meldete mich beim Kapitän. Als Spross einer alten Seemannsfamilie aus Elsfleth bei Bremen machte er den Eindruck eines waschechten Seebären, dessen breitbeiniger Gangart man noch die Segelschiffszeit ansah. Von der Medizin seiner Ärzte hielt er nicht viel und meinte, ich möge mich erst einmal vom Chef des Tropeninstituts unterweisen lassen, der mich am nächsten Morgen erwarte. Dieser klärte mich über die am häufigsten zu erwartenden Schwierigkeiten auf, erwähnte die wichtigsten in Deutschland nicht bekannten tropischen Erkrankungen und überreichte mir dann eines der ersten Exemplare des Lehrbuchs über "Hygiene und Krankheiten der warmen Länder". Ich nahm es mit einem Seufzer der Erleichterung entgegen, denn ich fühlte mich in Sachen Schiffs- und Tropenkrankheiten ziemlich kompass- und steuerlos. Dies umso mehr, als ich gerade von der Universität kam und mir praktische Erfahrung weitgehend fehlte.
Die „Liebenfels“
Da es sich bei der Besatzung eines Schiffes grundsätzlich um gesunde Leute handelt, hat ein Schiffsarzt an Bord nicht viel zu tun, es sei denn, bei der Anmusterung wurde eine Krankheit übersehen, sodass es auf der Reise Probleme gibt. Ich hatte Glück: Niemand erwies sich als krank. So konnte ich mich allem Neuen sorglos hingeben. Nebenbei studierte ich viel mitgenommene medizinische Literatur unter besonderer Berücksichtigung der Tropenkrankheiten. Einen Vorgeschmack der Tropen pflegte dem Seereisenden das Rote Meer zu geben. Zwischen zwei kontinentalen Wüsten eingekeilt und mit der höchsten Wassertemperatur der Erde, fünfunddreißig Grad, galt es, nebst Suezkanal, von jeher als der heißeste Abschnitt einer Asienreise und war deshalb besonders von den Kohlentrimmern gefürchtet. Prompt meldeten sich bei der Ausfahrt von Suez zwei Trimmer krank. Es war etwa an der Stelle, an der Moses einst mit seinem Stab dem Wasser Einhalt geboten haben soll, um sein Volk aus Ägypten hinauszuführen. Doch meinem Äskulapstab fehlten offenbar derartige Wunderkräfte, denn am nächsten Tag präsentierten sich drei weitere Kohlenschipper, von denen der eine leichtes Fieber hatte. Am dritten Tag wurde mir die Sache zu bunt. Ich untersuchte die angeblich Kranken, schrieb einen arbeitsunfähig und erklärte ihm: "Du legst dich ins Bett, ich werde deine Arbeit machen." Notdürftig mit einer Badehose bekleidet, nahm ich einen Topf Reisschleim, der als Trinkwasserersatz diente, und stieg mit Schaufel und Picke hinab in die "Hölle", in der die Schipper täglich ihren Dienst verrichteten. Eine einsame Glühbirne versuchte, meinen Weg in die Finsternis aufzuhellen, ein wenig erfolgreiches Unterfangen, da Wände und Decke schwarz von Kohlenstaub waren und das Licht verschluckten. Die Temperatur mochte etwa vierzig Grad betragen und der Schweiß begann mir aus allen Poren zu brechen. Tastend schob ich mich vorwärts bis an ein gähnendes Loch in den Bodenplatten: Es war der Schacht zu dem unter mir liegenden Kesselfeuer. Hier war nun mein selbsterwählter Arbeitsplatz, hier sollte ich dafür sorgen, dass diese gefräßigen Ungetüme genug "Verzehr" hatten, damit der alte Schlitten auf seiner Indienroute weitergeschoben werden konnte. Um mich herrschte Grabesstille. Ich tat einen Jauchzer, aber er wurde ohne jedes Echo von dieser schwarzen Unterwelt verschluckt. Ich horchte: Aber ich vernahm nur das ferne Stampfen der Maschine, deren regelmäßiger Takt mich an die Unerbittlichkeit meiner Pflichterfüllung erinnerte. Den Topf mit Reisschleim stellte ich an sicherer Stelle beiseite, den Blechbecher daneben, dann begann ich zu schippen, zu kippen: Langsam, endlos langsam füllte sich der Schacht, dessen Kapazität bei fünf bis sechs Tonnen liegen mochte. Ich tropfte wie eine Regentonne und trank wie ein Besenbinder. Längst war mein Kohlenbunker leer und ich fühlte mich immer einsamer in dieser Finsternis. Meine Stimmung sank. Als ich die "Speiseröhre" meines Dampfkessels voll hatte, stieg ich aus meinem Verlies wieder ans Tageslicht, ging baden, um nach acht Stunden die gleiche Arbeit wieder aufzunehmen: zweimal vier Stunden täglich. Ich fand zwar die körperliche Arbeit an sich nicht zu schwer und auch nicht zu reichlich bemessen, aber für einen denkenden Menschen war sie deprimierend. Immerhin erlaubte mir mein Selbstversuch, das Maß an Arbeit, das ein Trimmer zu leisten hatte, zu beurteilen. Mochten sie nun also kommen und sich krank melden… aber – es kam keiner mehr.
Besonders aufgefallen war mir die Abnahme der Urinmenge, denn ich hatte nur einmal am Tag das Bedürfnis zu urinieren. Aus Mitteleuropa kannte ich so etwas nicht; durch das starke Schwitzen und ungenügende Flüssigkeitszufuhr hatten die Nieren ihre Ausscheidung weitgehend eingestellt. Mir kam eine neckische Jugenderinnerung ins Gedächtnis, die auf Plattdeutsch lautet: "Grine män, Wicht, grine män, wat du grinst, dat brukst du nich to pissen." – Weine nur, Mädchen, weine nur, was du weinst, brauchst du nicht zu pinkeln. Eine Nachbarin hörte ich damit einmal ihre in Liebeskummer aufgelöste Tochter trösten.
Etwa zwei Wochen nach Passieren des Suezkanals erreichten wir Bombay. Da in der Stadt keine Epidemien herrschten, konnte man davon ausgehen, dass die Wasserverhältnisse in Ordnung waren. Blutrot, von der Größe eines Riesenrads, schwebte bei unserer Einfahrt in den Hafen der aufgehende Mond über dem dunstigen Horizont, die Luft flimmerte in der Ferne noch von der Hitze des Tages. Bevor wir angelegt hatten, war das Schiff bereits umsäumt von Kähnen mit fliegenden Händlern, Wäscherinnen, Gauklern, Taschenspielern, Arbeitern, leichten Mädchen und "schweren Jungs" aller Schattierungen, von Früchtehändlern und Wasserverkäufern. Es war wirklich, wie es mir bei der Lektüre von "Tausendundeine Nacht" vorgeschwebt hatte.
