Das Hotel im Moor - Deborah Crombie - E-Book

Das Hotel im Moor E-Book

Deborah Crombie

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Beschreibung

Von seiner aufreibenden Arbeit bei Scotland Yard völlig ausgebrannt, begibt sich Inspektor Duncan Kincaid für eine Woche nach Yorkshire, um sich in einem noblen Feriengästehaus zu erholen. Als Vertretung vor Ort läßt er Sergeant Gemma James zurück, seine junge und ebenso praktische wie fähige Mitarbeiterin. Doch kaum hat es sich Kincaid im Hotel am Moor gemütlich gemacht, liegt schon ein toter Hotelangestellter im Swimmingpool. Und die Reihen der Feriengäste beginnen sich zu lichten, als eine schrullige alte Dame erschlagen aufgefunden wird. Kincaid übernimmt den Fall. Wenngleich die Morde in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen, ist er fest davon überzeugt, daß er den Täter unter den Gästen suchen muß. Er schaltet Gemma James in London ein. Mit ihrer Hilfe stößt er auf ein verblüffendes Motiv.

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Seitenzahl: 345

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Buch

Nichts ist friedvoller als eine herbstliche Moorlandschaft. Mit dieser Aussicht begibt sich der völlig überarbeitete Superintendent Duncan Kincaid von Scotland Yard in ein abgelegenes Hotel nach Yorkshire, um sich inkognito und nur in Begleitung von einigen guten Büchern zu erholen. Als Vertretung in London lässt er Sergeant Gemma James zurück, seine junge und ebenso engagierte wie fähige Mitarbeiterin. Doch kaum hat es sich Kincaid im seinem noblem Hotel am Moor gemütlich gemacht, liegt schon ein toter Hotelangestellter im Swimmingpool. Und als kurz darauf auch noch einer der Feriengäste erschlagen aufgefunden wird, fügt Kincaid sich ins scheinbar Unausweichliche und übernimmt den Fall. Wenngleich die Morde in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen, ist er fest davon überzeugt, dass der Täter unter den Gästen zu finden ist. Auf der Suche nach Hintergrundinformationen schaltet er Gemma James in London ein. Und stößt mit ihrer Hilfe auf ein verblüffendes Motiv ...

Inhaltsverzeichnis

BuchKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Copyright

1

Duncan Kincaids Urlaub in Yorkshire fing verheißungsvoll an. Gerade als er in die schmale, von hohen Hecken eingefaßte Landstraße einbog, brach ein Sonnenstrahl durch die Wolken und erhellte, als hätte jemand einen himmlischen Scheinwerfer eingeschaltet, ein Stück sanft gewelltes Hochmoor.

Trockenmauern zogen sich wie blasse Runen über das leuchtende Grün der Weiden, auf denen lichtglänzende Schafe grasten, ohne sich um ihre Bedeutung für die Komposition zu kümmern. Die Szene schien aus Zeit und Raum herausgehoben, und er hatte den Eindruck, ein lebendes Bild vor sich zu sehen, das Bild einer fernen, unerreichbaren Welt. Die Wolken schoben sich wieder zusammen; so rasch wie sie aufgeleuchtet war, erlosch die Vision, und ein merkwürdiges Frösteln des Verlusts überlief ihn bei ihrem Verschwinden.

Das muß die Schufterei der letzten Wochen sein, dachte er und schüttelte das vage Gefühl dunkler Vorahnung ab. Offiziell verlangte New Scotland Yard von keinem seiner frischgebackenen Superintendenten, daß sie rackerten bis zum frühen Herzinfarkt, aber der August war in den September übergegangen, und die Überstunden hatten sich angesammelt. Irgend etwas war immer dazwischengekommen, und der letzte Fall war besonders scheußlich gewesen.

Eine ganze Serie von Leichen im ländlichen Sussex, lauter Frauen, alle auf die gleiche Weise verstümmelt – der größte Alptraum eines Kriminalbeamten. Sie hatten ihn schließlich gefaßt, einen Perversen übelster Sorte, aber es gab keine Garantie, daß die Beweise, die sie in mühsamer Kleinarbeit zusammengetragen hatten, einen Haufen pflaumenweicher Geschworener überzeugen würden. Und die Sinnlosigkeit des Ganzen machte den größten Teil der Befriedigung darüber, den Berg von Schreibarbeit bewältigt zu haben, zunichte.

»Einen amüsanteren Samstagabend könnte ich mir gar nicht vorstellen«, hatte Gemma James, Kincaids Sergeant, am Abend zuvor gesagt, als sie sich durch die letzten Akten geackert hatten.

»Sagen Sie das mal der Werbeabteilung. Ich glaube, der Gedanke ist denen noch gar nicht gekommen.« Kincaid lachte sie über den vollgepackten Schreibtisch hinweg an. Gemma mit dem vor Müdigkeit schneeweißen Gesicht und den dunklen Schatten unter den Wangenknochen wäre in diesem Moment keine Zierde für ein Werbeposter der Polizei gewesen.

Sie blähte die Wangen auf und blies zu den feinen roten Haarsträhnen hinauf, die ihr in die Augen hingen. »Sie haben’s gut, Sie bekommen jetzt mal eine Woche lang nichts von allem zu hören und zu sehen. Schade, daß wir nicht alle Vettern mit schicken Ferienwohnungen haben.«

»Entdecke ich da eine Spur Neid?«

»Sie fahren ja morgen nur nach Yorkshire, während ich nach Hause fahre, um die Wäsche der letzten Woche zu waschen und mal wieder einzukaufen – wieso sollte ich da neidisch sein?« Gemma lächelte gutgelaunt wie meistens, aber als sie wieder sprach, lag ein Anflug von mütterlicher Besorgnis in ihrer Stimme. »Sie sehen echt fertig aus. Es ist wirklich Zeit, daß Sie mal Urlaub machen. Das wird Ihnen bestimmt guttun.«

Soviel Fürsorglichkeit von einer Frau, die zehn Jahre jünger war als er, amüsierte Kincaid, aber er fand sie neu und angenehm. Er hatte diese Beförderung mit großem Einsatz angestrebt, weil er gewußt hatte, daß der neue Posten ihm erlauben würde, endlich wieder vom Schreibtisch weg zur praktischen Arbeit zu kommen. Aber allmählich schien ihm, daß das Beste an dieser Beförderung Gemma James war, die man ihm als Sergeant zugeteilt hatte. Gemma war Ende Zwanzig, geschieden und hatte einen kleinen Sohn, den sie allein aufzog; hinter ihrem gutmütigen Naturell verbargen sich, wie Kincaid langsam entdeckte, ein scharfer Verstand und viel Ehrgeiz.

»Ich glaube nicht, daß es unbedingt mein Fall ist«, sagte er, während er die letzten losen Blätter in einen Hefter schob. »Ein timesharing-Apartment.«

»Und Ihr Vetter hat das für Sie organisiert?«

Kincaid nickte. »Seine Frau erwartet ein Kind, und der Arzt hat im letzten Augenblick entschieden, daß es doch besser ist, wenn sie nicht verreist. Und da haben die beiden an mich gedacht, weil sie die Woche nicht einfach sausenlassen wollten.«

»Fortuna«, konterte Gemma in scherzhaftem Ton, »hat wirklich eine Art, immer die zu beschenken, die es am wenigsten verdienen.«

Zu müde für den gewohnten Abstecher ins Pub, war Gemma an diesem Abend direkt nach Leyton hinausgefahren, und Kincaid hatte sich in seine Wohnung in Hampstead geschleppt und den traumlosen Schlaf des total Erschöpften geschlafen. Und nun – ganz gleich, ob er es verdiente oder nicht – war er entschlossen, aus diesem unerwarteten Geschenk das Beste zu machen.

Als er, immer noch unsicher, ob er sich auf dem richtigen Weg befand, auf einer Anhöhe anhielt, kam die Sonne ganz durch und brannte heiß auf das Verdeck des Wagens. Plötzlich war es ein vollkommener Septembertag, warm und golden und voller Verheißung. »Ein gutes Omen für einen Urlaub«, sagte er laut und spürte förmlich, wie ein Teil seiner Schlappheit von ihm abfiel. So, jetzt brauchte er nur noch Followdale House zu finden. Der Wegweiser für Woolsey-under-Bank zeigte direkt über eine Schafweide hinweg. Besser, er warf noch einmal einen Blick in die Karte.

Er hatte den Ellbogen im offenen Fenster des Midget und atmete bewußt den würzigen Duft der Hecken ein. Er fuhr langsam und hielt nach einem Anzeichen dafür Ausschau, daß er auf dem richtigen Weg war. Die Straße führte in Windungen an verstreut liegenden Bauernhöfen mit behäbigen, solide gebauten Häusern aus dem grauen Schiefer Yorkshires vorbei, und über ihnen zogen sich einladend Ausläufer bewaldeten Landes vom Hochmoor in die Weiden hinein. Kühle Nächte mußten diesem plötzlichen Auflodern spätsommerlichen Glanzes vorausgegangen sein, denn das Laub der Bäume färbte sich schon, Kupfer und Gold mit einem gelegentlichen Klecks Grün gesprenkelt. In der Ferne, oberhalb des Flickenteppichs von Feldern und Weiden und Moorlandschaft, stieg das Gelände steil zu einer hohen Wand an.

Als Kincaid die nächste Kurve umrundete, sah er sich plötzlich am Rand eines Bilderbuchdorfs. Kleine Steinhäuser, typische Cottages, säumten die Straße, und aus Töpfen und Kästen fielen Geranien und Petunien in farbigen Kaskaden zur Straße hinunter. Zu seiner Rechten stand ein wuchtiger Stein mit der Aufschrift »Woolsey-under-Bank«. Die hohe Steilwand, die jetzt direkt hinter dem Dorf in die Höhe zu ragen schien, mußte Sutton Bank sein.

Ein paar Meter weiter zeigte sich durch eine Lücke in der hohen Hecke ein steinerner Torpfosten mit einem eingelegten Messingschild. »Followdale« stand darauf, und unter dem Namen war eine voll erblühte Rose auf leicht gebogenem Stengel eingraviert. Kincaid stieß einen tonlosen Pfiff aus. Sehr vornehm, in der Tat, dachte er, als er den Wagen durch das schmale Tor lenkte und auf dem gekiesten Vorplatz anhielt. Er betrachtete Haus und Park überrascht und erleichtert. Er wußte selbst nicht recht, was er von einem englischen timesharing-Hotel erwartet hatte, verpflanzte Costa del Sol vielleicht oder prätentiöse viktorianische Wuchtigkeit. Ganz sicher nicht dieses georgianische Haus – elegant und beeindruckend in seiner Schlichtheit -, das in honigfarbenem Glanz im Licht des späten Nachmittags stand. Efeu nahm dem unteren Mauerabsatz die Strenge, und wilder Wein leuchtete in kräftigem Rot am oberen Teil des Hauses.

Bei näherem Hinsehen zeigte sich, daß der erste Eindruck trog – das Haus war nicht wirklich symmetrisch, wenn auch das von einem Giebelfeld gekrönte Portal rechts und links von je einem Seitenflügel flankiert war; die linke Seite des Hauses war geräumiger und ragte in den Vorplatz hinein. Er fand diese Illusion von Ausgewogenheit angenehm, nicht so streng im Anspruch wie echtes Ebenmaß.

Er nahm sich einen Moment Zeit, um seine Glieder zu strecken, ehe er aus seinem alten MG Midget stieg. Nur die Tatsache, daß die Sprungfedern im Fahrersitz schon vor Jahren den Geist aufgegeben hatten, verhinderte, daß er beim Fahren mit dem Kopf ans Verdeck stieß. Er blieb stehen und sah sich um. Im Westen eine Reihe niedriger Bungalows, aus dem gleichen goldbraunen Stein gebaut wie das Haus, im Osten gepflegter Park im Schatten des Sutton Bank.

Wohlgefühl schien durch jede Pore in seinen Körper zu sickern, und erst als er merkte, wie langsam und tief er atmete, wurde er sich bewußt, wie angespannt er gewesen war. Er verbannte die letzten hartnäckigen Gedanken an Arbeit, holte seinen Koffer aus dem Kofferraum und ging zum Haus.

Die schwere Eichentür war nur angelehnt. Sie öffnete sich unter Kincaids Berührung, und er fand sich im typischen Vorsaal eines Landhauses, komplett mit Gummistiefeln und Schirmständer. Im Flur dahinter stand auf einem Seitentisch eine chinesische Vase mit Chrysanthemen, deren Bronzetöne sich mit dem Scharlachrot des gemusterten Teppichs bissen. In der stillen Luft hing ein Geruch nach Möbelpolitur.

Durch eine halboffene Tür zu seiner Linken konnte er die Stimme einer Frau hören. Sie sprach abgehackt, mit einer Art wütender Präzision. »Jetzt hören Sie mal, Sie widerlicher kleiner Schnüffler. Ich sag’s Ihnen zum letzten Mal, hören Sie endlich auf, mich zu bespitzeln. Ich hab’s satt, Sie dauernd dabei zu erwischen, wie Sie rumschnüffeln, wenn Sie meinen, keiner merkt’s.« Kincaid hörte die Frau nach Luft schnappen. »Was ich in meiner Freizeit tue, geht niemanden etwas an. Sie können von Glück reden, daß Sie’s bis dahin gebracht haben, wo Sie jetzt sind, bei Ihrer Ausbildung und Ihren besonderen Eigenschaften!« Sie legte Nachdruck auf die beiden letzten Worte. »Aber verlassen Sie sich drauf, ich werde dafür sorgen, daß Sie auch nicht einen Schritt weiterkommen. Sie haben sich getäuscht, wenn Sie sich eingebildet haben, Sie könnten einfach über mich hinwegsteigen.«

»Das ist nun wirklich das letzte, was ich will!« Kincaid mußte unwillkürlich lächeln über das Innuendo in der Erwiderung des Mannes. »Hören Sie doch auf, Cassie. Was soll der Quatsch, hm? Nur weil Sie mit List und Tücke den Posten als Geschäftsführerin ergattert haben, sind Sie noch lange nicht der Scharfrichter. Außerdem«, fügte der Mann, der Stimme nach noch jung, mit einem Anflug von Bosheit hinzu, »würden Sie es gar nicht wagen, sich über mich zu beschweren. Mir persönlich ist schnurzegal, was Sie mit den Gästen treiben, aber ich glaube nicht, daß es sich unbedingt mit den Vorstellungen der Geschäftsleitung von einem gepflegten Landurlaub deckt. Ich bin schon echt gespannt, wie Sie das diese Woche hinkriegen wollen. Bäumchen wechsel dich, hm?« Die Stimme war hell und hatte einen leichten nasalen Ton, mit einem Anklang des örtlichen Dialekts.

Lautlos kehrte Kincaid zur Haustür zurück, öffnete sie und schlug sie kräftig zu, ehe er mit raschem Schritt durch den Flur ging, an die halb geöffnete Tür klopfte und sie öffnete.

Die Frau stand mit dem Rücken zum Fenster hinter einem zierlichen Queen-Anne-Tisch, der offensichtlich als Empfang diente. Der junge Mann, mit dem sie gesprochen hatte, lehnte am Pfosten der gegenüberliegenden Tür, die Hände in den Hosentaschen, einen Ausdruck leichter Belustigung auf dem Gesicht.

»Guten Tag. Kann ich Ihnen behilflich sein?« fragte die Frau und lächelte Kincaid mit einer Gelassenheit an, die nichts von der Wut verriet, die sich zuvor noch in ihrer Stimme manifestiert hatte.

»Bin ich hier überhaupt richtig?« fragte Kincaid unsicher.

»Wenn Sie Followdale House suchen, ja. Ich bin Cassie Whitlake, die Geschäftsführerin. Und Sie müssen Mr. Kincaid sein.«

Mit einem Lächeln trat er ins Zimmer und stellte seinen Koffer ab. »Wie haben Sie das erraten?«

»Schlichte Elimination. Der Sonntag ist unser üblicher Anreisetag, und alle anderen Gäste sind entweder schon da oder entsprechen nicht dem, was Ihr Vetter uns über Sie gesagt hat.«

»Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn einem ein Ruf vorauseilt. Ich hoffe nur, was Sie gehört haben, war nicht allzu negativ.« Kincaid war erleichtert. Sie hatte ihn nicht mit seinem Titel angesprochen. Vielleicht hatte Jack es ausnahmsweise einmal geschafft, Diskretion walten zu lassen, und er würde seinen Urlaub als ganz gewöhnlicher britischer Bürger genießen können.

»Im Gegenteil.« Sie zog die Augenbrauen hoch. Ihre höfliche Antwort erhielt dadurch einen Hauch von Koketterie, bei dem Kincaid sich mit Unbehagen fragte, was genau Jack über ihn erzählt hatte.

Er musterte Cassie Whitlake mit Interesse. Hätte es jemand wirklich wissen wollen, hätte er auf Anfang Dreißig getippt, aber sie war ein Typ, bei dem es schwer war, das Alter zu schätzen. Sie war groß und feingliedrig, eine auf monochromatische Art aparte Frau. Ihr Haar und ihre Augen hatten die Farbe herbstlichen Eichenlaubs, ihre Haut war milchig hell, ihr einfaches Wollkleid hatte einen etwas intensiveren Farbton als ihr Haar. Ihm schoß der Gedanke durch den Kopf, daß sie die Chrysanthemen im Flur ausgesucht haben mußte – sie paßten vollkommen zu ihr.

Der junge Mann hatte während des kurzen Wortwechsels seine lässige Pose beibehalten und das Gespräch mit raschen Kopfbewegungen, die an die eines Vogels erinnerten, verfolgt. Jetzt zog er die rechte Hand aus der Hosentasche und ging auf Kincaid zu.

»Ich bin Sebastian Wade, zweiter Geschäftsführer oder Lakai unserer Lady Di hier, es kommt auf den Standpunkt an«, sagte er und bot Kincaid die Hand. Er warf einen raschen Blick auf Cassie, um die Wirkung seines kleinen Giftpfeils zu beobachten, dann wandte er sich lächelnd Kincaid zu. In seinem Händedruck schien Kincaid echte Wärme zu liegen. Er fühlte sich von Wades entwaffnender Frechheit mehr angezogen als von Cassie Whitlakes glatter Höflichkeit. Wade war ein zierlicher Mann Ende Zwanzig, mit hellem Haar in modischem Schnitt. Die Haut seines schmalen, zarten Gesichts war narbig, seine Augen waren überraschend dunkel.

Cassie kam um ihren Schreibtisch herum und legte Kincaid ihre kühle Hand auf den Arm. »Ich bringe Sie jetzt zu Ihrer Suite. Und wenn Sie sich eingerichtet haben, zeige ich Ihnen das Haus. Dann werde ich auch alle Fragen, die Sie eventuell haben, beantworten.«

Sebastian Wade hob spöttisch grüßend die Hand, als Cassie Kincaid hinausführte. Er musterte sie, während er langsam hinter ihr herging. Der fließende Stoff ihres Kleides betonte die Konturen ihres Körpers, und der Duft eines schwülen Parfums ging von ihr aus, nicht das, was er bei einer so eleganten und gepflegten Frau erwartet hätte.

An der Treppe drehte sie sich nach ihm um. »Ich finde, Ihr Apartment ist das schönste im Haus. Wirklich schade, daß Ihr Vetter und seine Frau ihren Urlaub in letzter Minute absagen mußten. Aber für Sie ein Glück«, fügte sie hinzu, und wieder nahm er einen Hauch von Koketterie wahr.

»Ja«, antwortete Kincaid und fragte sich flüchtig, wie sein gutmütiger und argloser Vetter sich unter Cassie Whitlakes raffinierten Offensiven gehalten hatte.

Am Ende der Treppe ging es durch einen Flur, der in den hinteren Teil des Hauses führte und vor einer Tür mit der diskret in Messing ausgeführten Nummer vier endete. Cassie sperrte die Tür mit ihrem eigenen Schlüssel auf und ging ihm voraus in den kleinen Vorraum. Kincaid konnte seinen Koffer nicht durch den engen Raum manövrieren, ohne sie zu berühren, und das Lächeln, mit dem sie darauf reagierte, war recht eindeutig.

Aus dem Vorraum gelangte man in das Wohnzimmer, dessen Einrichtung wiederum Cassies Handschrift verriet, jedenfalls was die Farbgebung anging. Sofa und Sessel mit gedrehten Armlehnen, Knöpfen und Fransen waren honiggelb, die Vorhänge olivgrün, und der gemusterte Teppich vereinte in sich die beiden Farben in geometrischen Verschränkungen. Das ganze Zimmer, das komplett aus der Möbelabteilung eines Kaufhauses hätte stammen können, vermittelte den Eindruck solider, anonymer Wohlanständigkeit.

Das, was das Zimmer rettete, war der Balkon. Cassie folgte Kincaid, als er durch das Zimmer ging, seinen Koffer abstellte und die Tür öffnete. Zusammen traten sie auf den schmalen Balkon hinaus. Unter ihnen dehnten sich der Park und die Ländereien von Followdale und führten das Auge zur massigen Silhouette von Sutton Bank in der Ferne.

»Da ist der Tennisplatz.« Cassie wies nach links. »Und das Gewächshaus. Sie können hier Badminton und Krokket spielen oder auch Boccia. Sie können reiten oder wandern. Oh, und natürlich haben wir auch einen überdachten Swimming-Pool. Das ist eine unserer Hauptattraktionen. Ich denke, Sie werden sich bei uns nicht so leicht langweilen.«

»Ich bin überwältigt.« Kincaid lachte. »Wahrscheinlich werde ich vor lauter Entscheidungsschwierigkeiten einen Nervenzusammenbruch bekommen.«

»Hoffentlich nicht. Ich lasse Sie jetzt erst einmal allein, damit Sie sich häuslich niederlassen können. Wenn Sie sich Vorräte anlegen wollen, müssen Sie nur in das Lebensmittelgeschäft hier in der Nähe gehen. Nur ein paar Schritte. Um sechs findet im Salon eine kleine Cocktail-Party statt, um den Gästen Gelegenheit zu geben, einander kennenzulernen. «

»Ich habe leider mit diesem timesharing-System überhaupt keine Erfahrung. Kennen sich denn die anderen Gäste nicht schon alle, wenn sie immer dieselbe Woche kaufen?«

»Nicht unbedingt. Erstens kaufen sich immer wieder neue Leute ein. Und außerdem tauschen viele Eigentümer ihre Wochen oder verbringen ihre Zeit anderswo, man weiß also eigentlich nie, wer wirklich kommt. Wir haben beispielsweise in dieser Woche mehrere Gäste, die zum erstenmal hier sind.«

»Gut. Dann bin ich wenigstens nicht der einzige Neuling. Wie viele Gäste haben Sie denn?«

Cassie lehnte sich an das Balkongitter und verschränkte die Arme. »Im Haupthaus gibt es acht Apartments«, erklärte sie geduldig. »Dazu kommen drei Bungalows in der Dependance. Ich wohne selbst im Augenblick in einem der Bungalows, dem letzten.« Mühelos tischte sie ihm Fakten und Zahlen auf, und ihr Vortrag war so glatt wie ihre Stimme.

Unverwandt sah sie ihm dabei in die Augen, doch so attraktiv die Frau war, diese gewollte und irgendwie unpersönliche Einladung bereitete ihm Unbehagen. Von dem starken Wunsch getrieben, sie aus dem Konzept zu bringen, ihr zu zeigen, daß er so leicht nicht zu manipulieren war, fragte er: »Wohnt Ihr Mitarbeiter auch hier? Er scheint ein sympathischer junger Mann zu sein.«

Mit brüsker Bewegung richtete sie sich auf. Als sie Sebastian Wades soziale Verurteilung aussprach, schwang in ihrer Stimme ein Hauch des Giftes mit, den er bereits beim Eintritt wahrgenommen hatte. »Nein. Er wohnt in der Stadt bei seiner Mutter. Sie hat einen Tabakladen.« Sie rieb ihre Hände aneinander, als wollte sie Krümel loswerden. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich habe noch zu tun. Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie etwas brauchen, sonst sehen wir uns nachher.«

Das Lächeln war flüchtig diesmal und enthielt keine Einladung. Cassie eilte an ihm vorbei und ließ ihn allein auf dem Balkon stehen.

2

Penelope MacKenzie warf einen verstohlenen Blick in das Wohnzimmer des Apartments, in dem ihre Schwester Emma mit ihrem Vogelkundeheft saß und ganz in ihre Notizen vom Tage vertieft zu sein schien. Mit einem erleichterten Aufatmen machte Penny es sich vor dem Schlafzimmerfenster gemütlich. Noch ein paar Minuten ohne Forderungen, noch ein paar Minuten Schonung vor der fürsorglichen Beaufsichtigung ihrer Schwester.

Vor dem Tod ihres Vaters war alles anders gewesen. Da war Penny noch nicht vergeßlich gewesen; höchstens ab und zu ein bißchen zerstreut. Aber seit nun die letzte lange Krankheit ihres Vaters vorüber war, schienen einige der zerbrechlichen Verbindungen zwischen Denken und Handeln sich einfach aufzulösen.

Erst letzte Woche hatte sie einen Topf Wasser auf den Herd gestellt und war dann ins Wohnzimmer gegangen, um sich ein Buch zu holen. Als ihr der Topf wieder einfiel, war das ganze Wasser bereits verdunstet, der Boden des Topfs war in der Mitte geschmolzen, und die Masse war in einem silbrigen Strom über den Herd geflossen. Und wenig später hatte sie die Reste vom Sonntagsbraten ins Backrohr geschoben, anstatt sie in den Kühlschrank zu stellen. Emma war wütend gewesen, als sie es am nächsten Tag entdeckt hatte und den Braten wegwerfen mußte.

Aber das waren nur Kleinigkeiten. Penny dachte nicht gern an den Tag, an dem sie zum Einkaufen ins Dorf gegangen war, ihre Besorgungen erledigt und dann gemerkt hatte, daß sie nicht mehr wußte, wie sie nach Hause kam. Statt der Erinnerung an den bekannten Weg durch Dedham und danach den Hügel hinauf zum Ivy Cottage war in ihrem Hirn nur Leere gewesen.

In Panik flüchtete sie sich in die vertraute Wärme der Teestube ihrer Freundin Mary. Dort saß sie und schwitzte Blut, plauderte und trank heißen, süßen Tee, während sie versuchte, so zu tun, als hätte sich in ihrer Welt nicht gerade ein gähnender Abgrund aufgetan. Als sie endlich einen Nachbarn vorüberkommen sah, lief sie ihm nach und fragte atemlos: »Gehen Sie auch nach Hause, George? Dann gehen wir doch gleich zusammen.« Beim Gehen kehrte die Vertrautheit mit der Umgebung zurück und füllte das Vakuum, aber die Furcht hatte sich für immer in ihrem Inneren niedergelassen. Sie sagte keinem Menschen etwas davon, vor allem nicht Emma.

Vielleicht brauchte sie nur einen Urlaub, zwei Wochen ohne Pflichten und Verantwortung. Sie hatte lang genug dazu gebraucht, Emma davon zu überzeugen, daß sie nach den Jahren mit Vater Erholung verdient hatten. Und jetzt hatten sie ja sein Geld, jetzt konnten sie tun, was ihnen beliebte. Sie selbst hatte die Broschüre über das timesharing-Hotel im Reisebüro im Dorf entdeckt. Und Followdale war wunderschön – genauso schön, wie sie es sich vorgestellt hatte.

»Na, träumst du wieder mal, Pen?« Sie fuhr zusammen, als sie die Stimme ihrer Schwester hörte. »Komm, beweg dich. Wenn wir uns nachher in Ruhe für die Party umziehen wollen, müssen wir gleich einkaufen gehen.« Emma nahm ihre wasserdichte Jacke aus dem Schrank und begann mit ihrer nüchternen Resolutheit, sich fertigzumachen.

»Ja, Emma, ich komme«, antwortete Penny. Es war nicht nötig, Emma ungeduldig zu machen oder, schlimmer noch, ihre Nerven zu strapazieren, bis sie anfing, in diesem ihr völlig wesensfremden Ton sanfter Geduld zu sprechen. Penny rieb sich mit den Fingerspitzen die Stirn, als könnte ein Glätten der äußeren Linien ihrem Gesicht den gewohnten Ausdruck ruhiger Heiterkeit wiedergeben, und lächelte strahlend, als Emma sich nach ihr umdrehte.

... achtundzwanzig ... neunundzwanzig ... dreißig ... Hannah Alcock saß vor dem Spiegel und zählte die Bürstenstriche. Merkwürdig, dachte sie, wie hartnäckig Kindergewohnheiten waren. Sie wußte keinen logischen Grund dafür, warum man sein Haar jeden Tag mit hundert Bürstenstrichen pflegen sollte, aber sie brauchte nur einen Moment die Augen zu schließen, und schon konnte sie sich in ihrem Nachthemd vor ihrem alten Toilettentisch sitzen sehen, wie sie die Bürste in gleichmäßigem Rhythmus durch ihr langes braunes Haar zog, und konnte aus dem Flur die Stimme ihrer Mutter hören: »Hannah, Kind, vergiß nicht, dir die Haare zu bürsten.«

All das war lange her – fast dreißig Jahre waren seit dem Tag vergangen, an dem sie sich das Haar, das ihr bis zur Taille reichte, plötzlich abgeschnitten hatte. Wie ein Schleier hatte es auf ihrem Rücken gelegen, ein sattes, schimmerndes Kastanienbraun mit rotem Glanz, der ganze Stolz ihrer Mutter, und sie hatte es brutal in Höhe ihres Kinns abgeschnitten.

Obwohl sie in den folgenden Jahren ihr Haar immer kurz getragen hatte, hatte sie an der Gewohnheit, es täglich zu bürsten, festgehalten. Ein albernes Ritual, das sie mit der Pubertät hätte ablegen sollen, aber wenn sie nervös war wie jetzt, fand sie es auf eigenartige Weise entspannend. Ihre Bauchmuskeln entspannten sich, während sie im Rhythmus mit den Bürstenstrichen atmete, und als sie später die Bürste mit dem silbernen Rücken neben den dazu passenden Spiegel legte, fühlte sie sich dem kommenden Abend besser gewachsen.

Die Cocktail-Party hatte schon vor einer Viertelstunde angefangen; wenn sie sich nicht beeilte, würde ihr Zuspätkommen unhöflich wirken. Dennoch fuhr sie fort, sich im Spiegel zu betrachten. Ein apartes Gesicht, hatte sie sich angewöhnt zu denken, nachdem sie den Mädchenwunsch nach konventionellem hübschen Aussehen abgelegt hatte. Diese gefälligen, runden Blondinen, die sie so beneidet hatte, waren jetzt verblichen, ihre Haut war schwammig, ihr Haar gesträhnt und getönt, um das langsam überhandnehmende Grau zu verdecken. Ihr eigenes Haar, gepflegt und von einem teuren Friseur geschnitten, war nur an den Schläfen leicht ergraut, und der kräftige Knochenbau ihres Gesichts, den sie gehaßt hatte, verlieh ihren Zügen jetzt eine Individualität, die fesselte.

Seit Jahren schon kümmerte sie die Meinung anderer nicht mehr. Sie war erfolgreich, selbstsicher, gelassen, und sie hatte geglaubt, nichts könnte ihr mühsam errungenes inneres Gleichgewicht je wieder erschüttern. Bis dann diese merkwürdigen Regungen des letzten Jahres sich bemerkbar gemacht hatten und so heftig geworden waren, daß sie schließlich gar nicht mehr anders konnte, als etwas zu unternehmen, was sich vielleicht als nicht wiedergutzumachende Torheit entpuppen würde.

Sie hatte dieses persönliche Zusammentreffen mit einer Sorgfalt geplant, die sie dem anspruchsvollsten Experiment gewidmet hätte. Sie hatte einen Privatdetektiv engagiert, um Details seines Lebens in Erfahrung zu bringen, sie hatte sich in dieses timesharing-Projekt für dieselbe Woche eingekauft – und jetzt zitterte sie plötzlich vor Aufregung und Lampenfieber wie das schüchterne Schulmädchen, das sie einmal gewesen war.

Was hatte sie denn zu verlieren? Vielleicht würde die Woche damit vergehen, daß sie in den Korridoren aneinander vorübergingen, einen Gruß, vielleicht ein paar Worte wechselten, und er dann abreiste, ohne sich ihres Namens oder ihres Gesichts zu erinnern. Das konnte doch nun wirklich nicht so schlimm sein.

Vielleicht würden sie aber auch Freunde werden. Weiter wollte sie nicht denken – was sie zu ihm sagen, wie er reagieren würde. Der heutige Abend mit der Möglichkeit, sich mit ihm bekannt zu machen und einige Belanglosigkeiten zu tauschen, reichte für den Anfang.

Sie stand auf, nahm im Wohnzimmer ihre Handtasche und ging.

Duncan Kincaid lehnte am Geländer seines Balkons und gestand sich ein, daß er überhaupt keine Lust hatte, sich eine Krawatte umzubinden und hinunterzugehen, um den ganzen Zirkus mitzumachen, den die gesellschaftlichen Formen verlangten. Sein vorheriger Energieschub war einer kriechenden Lethargie gewichen.

Es wäre so schön, sich eine Kleinigkeit zu essen zu machen und sich dann mit dem abgegriffenen Taschenbuch – Jane Eyre –, das er in der Schublade des Nachttischs gefunden hatte, auf dem Sofa auszustrecken. Die Eier, der Schinken und das frische Vollkornbrot, die er im Dorf gekauft hatte, reichten für einen geruhsamen Abend.

Er hatte vor dem Regal mit den Keksen gestanden, als eine mädchenhafte Stimme hinter ihm ihn veranlaßt hatte, sich herumzudrehen. »Sie müssen der neue Gast sein. Wir sind schon so gespannt darauf, Sie kennenzulernen.«

Vor ihm stand eine zierliche Frau in einem voluminösen, schottisch karierten Cape. Sie war vielleicht sechzig, mit feinem, wirr abstehendem grauen Haar, das ein schmales Gesicht mit zwei außergewöhnlich blauen Augen umrahmte. Unter dem Saum des Capes sahen altmodische Schnürstiefel hervor.

»Wir waren doppelt gespannt, als Cassie uns erzählte, daß Sie Kincaid heißen. Ein Schotte wie wir, dachten wir, wir sind nämlich MacKenzies. Unser Großvater hatte zu seiner Zeit einen großen Besitz in Perthshire.« Sie sprudelte die Worte hervor, ohne sich zum Atemholen Zeit zu nehmen. »Genauso muß es damals gewesen sein. Ich meine, wie es jetzt in Followdale ist. Ich kann mir richtig vorstellen ...«

Kincaid unterbrach sie erheitert: »Sie leben jetzt nicht mehr in Schottland?«

»O nein. Unser Vater – wissen Sie, es waren so viele Söhne da, daß er einen Beruf ergreifen mußte. Er nahm, als er noch ein relativ junger Mann war, eine Stellung in Essex an. Er war vierzig Jahre lang Pastor in Dedham, ehe er in den Ruhestand ging. Aber das alles kommt mir jetzt so weit entfernt vor.« Sie sah mit einem etwas wehmütigen Lächeln zu ihm auf. »Wir wohnen immer noch dort, Emma und ich, obwohl natürlich andere Leute in das alte Pfarrhaus eingezogen sind. Wir züchten Ziegen. Wunderbare Tiere, finden Sie nicht auch? So sauber, und Ziegenmilch und -käse sind heutzutage sehr gefragt. Unser Vater konnte sich allerdings nie dazu durchringen, das gut zu finden. Nun ja. Und Sie, Mr. Kincaid? Woher kommt Ihre Familie?«

»Ich bin Immigrant in der zweiten Generation, genau wie Sie. Mein Vater zog von Edinburgh nach Cheshire, ehe ich auf der Welt war, und heiratete dann eine Engländerin. Meine Herkunft ist also ziemlich gesprenkelt. Und...«

»Ich bin Emma McKenzie«, unterbrach die Frau, die Kincaid an der Theke beim Bezahlen gesehen hatte. »Meine Schwester Penelope.« Sie schüttelte ihm mit kräftigem Druck die Hand. »Guten Tag.«

Mit ihrem glatten grauen Bubikopf, der männlich wirkenden Windjacke und dem strengen Gesichtsausdruck erinnerte sie Kincaid an seinen Lehrer in der sechsten Klasse. Sie hatte einen Feldstecher um den Hals hängen.

»Ich kann mir nicht denken, daß Mr. Kincaid unsere ganze Familiengeschichte hören möchte, Penny. Außerdem müssen wir jetzt gehen, wenn wir rechtzeitig zu der Party kommen wollen.« Emma nickte ihm zu und schob ihre Schwester recht grob in Richtung Tür.

»Miss MacKenzie«, rief Kincaid, als sie schon fast draußen waren. »Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen. Vielleicht sehen wir uns bei der Party.« Er wurde mit einem strahlenden Lächeln belohnt.

Lautes Klopfen an der Tür riß Kincaid aus seinen Gedanken, und er wurde sich plötzlich bewußt, daß es auf dem Balkon kühl geworden war. Er ging hinein und öffnete die Tür des Apartments. Sebastian Wade stand draußen, die Faust schon erhoben, um ein zweites Mal zu klopfen.

»Entschuldigen Sie«, sagte Wade, »manchmal geht mein Enthusiasmus mit mir durch. Ich bin gekommen, um mich Ihnen als Begleiter zu der kleinen Party anzubieten und um Ihnen das Haus zu zeigen, wenn Cassie das noch nicht getan haben sollte.«

»Sie hat es mir zwar versprochen, aber es ist nichts daraus geworden. Ja, ich würde mir das Haus sehr gern ansehen.«

»Wenn Sie wüßten, was für ein Genuß auf Sie wartet! Landleben der gehobenen Klasse mit allem modernen Komfort. Wollen Sie so gehen, wie Sie sind, der sportliche Landjunker im Freizeit-Look?« Er musterte Kincaids Hemd mit dem offenen Kragen und die Kordhose.

»Nein, warten Sie, ich hole mein Jackett«, antwortete Kincaid, der sah, daß ihm die Entscheidung abgenommen worden war. Er war bereit, sich treiben zu lassen.

»Ihr Apartment«, sagte Sebastian in spöttischer Reiseleiterimitation, »heißt Sutton-Suite, weil Sie von Ihrem Balkon aus den Blick auf Sutton Bank haben. Originell, nicht wahr? Die Apartments haben alle so unglaublich einfallsreiche Namen. Das ist sehr viel persönlicher, hat so den heimeligen Touch, wie wenn jemand seine Doppelhaushälfte im dichtbesiedelten Vorort ›Bellevue‹ nennt. Direkt unter Ihnen befindet sich die Thirsk-Suite, derzeit Eigentum unseres aufstrebenden jungen Abgeordneten Patrick Rennie und seiner Gemahlin Marta mit dem ewigen Pferdeschwanz und der schwarzen Samtschleife. Sehr schick. Sie haben hier mehrere Wochen, über das Jahr verteilt.«

Kincaid band vor dem Spiegel im Wohnzimmer die Krawatte, schlüpfte ins Jackett und klopfte auf die Taschen, um zu prüfen, ob er Brieftasche und Schlüssel mit hatte.

»Das Apartment neben dem Ihren«, fuhr Sebastian fort, als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten und die drei Stufen zum Hauptkorridor hinunterstiegen, »das Richmond, wird seit heute morgen von Hannah Alcock bewohnt, einer Wissenschaftlerin, die sehr professionell und sehr tüchtig aussieht. Außerdem recht attraktiv, auf eine etwas knochige Art, wenn man für intelligente Frauen was übrig hat.« Er warf Kincaid einen Blick blitzender Boshaftigkeit zu.

»Sie nicht?«

»O doch, ich finde viele Frauen vom rein ästhetischen Standpunkt aus attraktiv«, antwortete Sebastian in dem zweideutigen Ton, an den Kincaid sich schon zu gewöhnen begann. »So, diese Tür hier, unmittelbar rechts von Ihnen, führt auf den Balkon oberhalb des Swimming-Pools hinaus.« Er öffnete sie und ließ Kincaid den Vortritt.

Feuchtigkeit und scharfer Chlorgeruch wehten Kincaid entgegen, und sein erster Eindruck, als er die kleine Galerie betrat, war der eines Südseeparadieses en miniature. Der Boden war mit glasierten roten Ziegeln gepflastert, grüne Pflanzen wucherten überall, und über ein schwarzes schmiedeeisernes Gitter hinweg konnte man unten das Wasser sehen.

»Genial, finden Sie nicht? Ein Ausblick, von dem aus Sie unsere Gäste beobachten können, wie sie sich fröhlich im Pool tummeln, diesem absoluten Schlager unseres Angebots. Macht sich bei den Rundgängen mit Interessenten echt gut, kann ich Ihnen sagen. Schlimm wird’s nur, wenn der Gast eine Gästin ist, zwei Zentner wiegt und einen Tanga trägt.«

Kincaid lachte. »Mich scheinen Sie ja nicht gerade für einen ernst zu nehmenden Interessenten zu halten.«

Sebastian betrachtete ihn einen Moment, und als er sprach, fehlte seiner Stimme ausnahmsweise der ätzende Unterton. »Nein. Ich würde sagen, Sie lassen sich durch Wohlanständigkeit nicht so leicht verführen. Sie haben vielleicht andere Schwächen, hm? Aber das hier würden Sie sicher nicht wählen, wenn man Ihnen einen Urlaub schenkte.«

Kincaid dachte darüber nach. »Nein. Sie haben recht, so angenehm es ist, ich würde es mir wahrscheinlich nicht aussuchen. Es ist mir zu strukturiert. Zu gemütlich. Ich komme mir ein bißchen wie ein Kind vor, das ins Ferienlager geschickt wird.«

»Wenn du brav bist, gibt’s nach dem Abendessen einen Pudding. Hm. Kommen Sie. Sie sollten die Erfahrung jetzt gründlich auskosten, wenn Sie nicht die Absicht haben, sie zu wiederholen. Am hinteren Ende des Korridors«, sagte er mit einer Geste zur anderen Seite, »ist eine Treppe, die zum Pool-Eingang hinunterführt. Der Pool hat auch ein warmes Sprudelbad. Es befindet sich direkt unter uns. Die Sprudeldüsen kann man selbst aufdrehen, wenn man Lust dazu hat. Ich geh’ da oft hinunter. Einer der Vorteile dieses Jobs.«

Kincaid konnte sich vorstellten, daß Sebastian Wade, im ständigen Machtkampf mit der Geschäftsleitung, sämtliche Vorteile des Jobs aus Prinzip wahrnahm.

Sie überquerten den Balkon und traten durch die Tür in die kühlere Atmosphäre des gegenüberliegenden Korridors. »Der Grundriß ist nicht symmetrisch.« Sebastian wies zum rückwärtigen Teil des Hauses. »In diesem Apartment wohnen die Lyles, aus Hertfordshire oder einer ähnlich tristen Gegend. So ein pingeliges kleines Männchen, ehemaliger Soldat – er wirkt absolut lächerlich. Mich hat er bereits stundenlang mit seinen Erlebnissen in Irland gelöchert. Wenn man ihm zuhört, könnte man glauben, er hätte die IRA ganz allein in die Knie gezwungen. Meiner Ansicht nach hat er allenfalls seine Untergebenen zur Weißglut gebracht, wenn er welche hatte.«

Kincaid mußte lächeln, daß ausgerechnet der akribische Sebastian mit seinem indiskreten Blick für das Detail einen anderen als pingelig bezeichnete.

»Das Apartment hier ist eine Art Maisonette. Da wohnen die Hunsingers, Maureen und John. Späte Hippies, die in Manchester einen Naturkostladen betreiben. Sie sind letzte Woche mit ihren ungeheuer gesunden Kindern hier angekommen.« Sebastian sah Kincaid fragend an. »Sie wissen, daß nicht alle Gäste zur gleichen Zeit ankommen und abreisen?«

Sie gingen durch den Flur zum vorderen Treppenabsatz. »Die Frazers zum Beispiel, die die Suite hier vorn haben, sind auch schon seit einer Woche hier. Vater und Tochter.« Kincaid wartete auf eine schnippische Bemerkung, aber es kam keine. Das Gesicht abgewandt, stieß Sebastian die Tür zur Treppe auf.

»Und was sind das für Leute?« erkundigte sich Kincaid, dessen Neugier geweckt war.

»Ich überlasse es Ihnen, sich eine Meinung zu bilden«, antwortete Sebastian ein wenig brüsk. Doch nach einem kurzen, etwas unbehaglichen Schweigen gab er nach. »Eine schmutzige Scheidung. Angela ist gerade fünfzehn, und sie ist der Zankapfel. Dabei will keiner von beiden sie in Wirklichkeit haben, und sie weiß das auch.« Die Maske maliziöser Unbekümmertheit war abgefallen, die helle Stimme klang bitter.

Kincaid hatte das Gefühl, daß er zum zweiten Mal an diesem Abend einen Blick hinter die spröde Fassade erhascht hatte. Doch mehr, so schien es, würde es auch nicht werden, denn schon auf dem Weg die Treppe hinunter zum Vestibül setzte Sebastian seinen bissigen Monolog fort.

»Bleibt noch das Erdgeschoß. Das vordere Apartment steht diese Woche leer. Es heißt übrigens das Herriot. Reiner Zufall, daß wir nicht auch noch Siegfried und Tristan haben. Wir bemühen uns selbstverständlich, aus unserer einheimischen Prominenz Kapital zu schlagen, wo es geht. Von den Rennies habe ich Ihnen bereits erzählt, und in dem hinteren Apartment auf der anderen Seite wohnen die Schätze dieser Woche, die Schwestern MacKenzie aus Denham Vale. Die guten Damen haben die erste Woche ihres Besuchs ungeheuer genossen – es ist richtig herzerwärmend.« Als er Kincaids verstehendes Lächeln sah, fügte er hinzu: »Ich sehe, Sie haben die beiden Damen schon kennengelernt. Aber lassen Sie sich vom Schein nicht trügen. Ich glaube nicht, daß Emma wirklich der alte Haudegen ist, der sie zu sein scheint, und die reizende Penny ist auch nicht ganz so verhuscht.«

Sie hatten das Portal erreicht und blieben stehen. »Und die Bungalows?« fragte Kincaid.

»Leer. Außer Cassies.« Ebenfalls ein Tabuthema, dachte Kincaid in Anbetracht von Sebastians kurzer Antwort. »Den Empfangsraum haben Sie gesehen. Dahinter ist der Salon mit der White-Rose-Bar. Sie soll die Eigentümer zum geselligen Beisammensein anregen. Die Bezahlung ist Ehrensache, aber es gibt immer welche, die nicht zahlen, und man erkennt sie sofort. An dem verstohlenen Blick nach dem Einschenken, wenn sie prüfen, ob jemand bemerkt hat, daß sie kein Geld in die Schale gelegt haben.«

Sebastian musterte sich im Spiegel, schnippte mit den Fingerspitzen eine helle Haarsträhne aus der Stirn und prüfte den Sitz seiner Leinenhose. »Also, auf, auf zum fröhlichen Jagen. Soll ich Sie zur Schlachtbank führen?« Sein Blick, so verschwörerisch wie ein Zwinkern, hinterließ in Kincaid das unangenehme Gefühl, daß Sebastian Wade ihn genauso durchschaute wie alle anderen armen Irren dieser Welt.

Die Luft im Salon war zum Schneiden, und verschlimmert wurde die unangenehme Muffigkeit noch durch die trockene Hitze der rotglühenden Heizröhren im offenen Kamin. In Grüppchen standen die Gäste auf dem rot-grün gemusterten Teppich, und ihre Stimmen vermischten sich zu einem unverständlichen Chor.

Sebastian führte ihn an den Tresen und schenkte ihm ein Lager ein. Während Kincaid wartete, bemerkte er hinter der Bar einen Raum, den Sebastian nicht erwähnt hatte. Im Gegensatz zum stilvoll eingerichteten, gepflegten Empfangsraum, in dem Cassie Whitlake ihn empfangen hatte, war dies ein Büro, in dem offensichtlich gearbeitet wurde. Statt eleganter Stilmöbel gab es hier einen grauen Metallschreibtisch, Aktenschränke, einen stabilen Schreibtischstuhl und einen alten hölzernen Garderobenständer. Die Addiermaschine war kaum noch zu sehen unter Bergen von Papieren, die den ganzen Schreibtisch und zum Teil auch die Schreibmaschine bedeckten. Dies mußte Cassies Reich sein, die Schaltzentrale des Hauses. Kein Wunder, daß Sebastian vorgezogen hatte, es nicht zu erwähnen.

Mit ihren Gläsern in den Händen bahnten sie sich einen Weg wieder durch den Salon zu einem Platz mit guter Übersicht in der Nähe der Tür. Einen Fuß hinter sich hochgestellt, lehnte Sebastian an der Wand und sah sich mit lebhaftem Interesse um.

»So«, sagte er, »und jetzt dürfen Sie raten. Mal sehen, ob Sie mir sagen können, wer wer ist.« Vier Personen standen mit Gläsern in den Händen im Gespräch vor dem offenen Kamin, ihre Aufmerksamkeit in der Art geübter Partygänger halb auf das Gespräch, halb auf die Umgebung gerichtet. »Immer auf dem Qui-vive, hm? Damit sie’s nur ja nicht verpassen, wenn es irgendwo interessanter ist.« Sebastian trank einen Schluck und wartete darauf, daß Kincaid den Beschriebenen Namen geben würde.

»Hm«, meinte Kincaid, die Herausforderung annehmend, »der große Blonde mit dem Maßanzug aus der Savile Row – der Herr Abgeordnete?« Schlank, mit glänzendem, perfekt gestyltem Haar und einem gutaussehenden Gesicht, dem die stark ausgeprägten Wangenknochen einen charakteristischen Zug verliehen.

Als Sebastian nickte, fuhr Kincaid fort: »Es ist nicht nur das Aussehen, das ihn verrät. Er benimmt sich ganz wie jemand, der weiß, daß er im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht. Hm, und die Frau mit dem Kräuselhaar und dem langen Schlabberkleid? Das ist doch bestimmt nicht die Gemahlin, oder? Nein, das ist die Naturkostladenbesitzerin, Maureen. Stimmt’s?«

Sebastian grinste beifällig.

Ein schmächtig wirkender Mann mittleren Alters mit schütterem Haar und Brille schien das Gespräch für immer an sich gerissen zu haben. Die Gesichter der Zuhörer drückten Desinteresse unterschiedlichen Grades bis hin zur Langeweile aus. »Mr. Lyle aus Hertfordshire, ja? Und die dunkelhaarige Frau mit der Duldermiene muß seine Angetraute sein.«

»Bravo. Lauter Volltreffer bis jetzt. Können Sie die anderen auch noch abschießen?«

»Sie reden von den Leuten, als wären sie Schießbudenfiguren.« Doch Kincaid, dem diese Prüfung Spaß machte, sah sich gehorsam weiter um.

An einem Tisch am Fenster saß ein wuchtiger Mann mit wenig Haar und einem dafür um so üppigeren braunen Vollbart. Er spielte mit zwei Kindern ein Brettspiel, aber obwohl er sich so konzentriert wie die Kinder über das Brett neigte, schien er sich in Jackett und Krawatte unwohl zu fühlen. Immer wieder steckte er den Finger unter seinen Kragen und bewegte unbehaglich die Schultern unter dem Jackett. »Der Rest der Familie Hunsinger, würde ich sagen.«

Aber Sebastian hatte ihn nicht gehört. Seine Aufmerksamkeit galt einem jungen Mädchen, das allein an der Wand stand. Sie war ein wenig rundlich, Reste von Babyspeck wahrscheinlich, und ihre Gesichtszüge wirkten noch ungeformt, wie verwischt. Die dunklen Schatten, die ihre Augen umgaben, verliehen ihr das Aussehen einer Nachtschwärmerin, und ihr von violetten Strähnen durchzogenes Strubbelhaar paßte zu ihrem verdrossenen Gesicht. Kincaid stieß Sebastian an und sagte mit gesenkter Stimme: »Angela? Vielleicht sollten Sie zu ihr gehen und versuchen, sie ein bißchen aufzuheitern. Ich komme hier schon allein zurecht.«

»Gut«, sagte Sebastian. »Bis später.«

Kincaid bedauerte seinen Abgang beinahe sofort. Um das Sofa herum segelte die Frau mit dem Schlabberkleid mit wild entschlossenem Lächeln auf ihn zu. Sie hat anscheinend nur auf die Gelegenheit gewartet, dachte er, während er nach einer Fluchtmöglichkeit Ausschau hielt. Sein Blick fiel auf eine Frau, die zögernd an der Tür stand. Sie trug etwas Cremefarbenes, Seidenes, das ihre aparte, herbe Schönheit perfekt zur Geltung brachte. Die fehlende Wissenschaftlerin, dachte er, aber bevor er auch nur einen Schritt in ihre Richtung machen konnte, überschwemmte ihn Maureen Hunsinger mit einer Welle guter Absichten. Hannah sah, daß die Party schon in vollem Gang war, und bemühte sich, als sie den Salon betrat, einen, wie sie hoffte, Ausdruck freundlicher Erwartung aufzusetzen. Sie ging direkt zur Bar und schenkte sich einen Whisky ein. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letztenmal so dringend einen Mutmacher gebraucht hatte.