Von fremder Hand - Deborah Crombie - E-Book

Von fremder Hand E-Book

Deborah Crombie

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9,99 €

Beschreibung

Glastonbury in Somerset ist eine Pilgerstätte für New-Age-Apostel, denn an diesem Ort soll sich das sagenhafte Avalon befunden haben. Hier beginnt der Architekt Jack Montfort, in einer fremden Handschrift kryptische Botschaften zu verfassen. Während eine Gruppe von Laien versucht, die Botschaften zu entschlüsseln, wird die Lage allerdings zunehmend mörderisch ...

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Buch

Glastonbury im südenglischen Somerset ist ein Wallfahrtsort für New-Age-Apostel, denn hier soll das sagenhafte Avalon gewesen sein. Jack Montfort, ein Architekt aus Glastonbury, glaubt jedoch nicht an Übersinnliches. Umso überraschter ist er, als er eines Tages ohne sein bewusstes Zutun kryptische Botschaften in lateinischer Sprache niederzuschreiben beginnt. Jack vertraut sich seiner Freundin Winnie an. Um die beiden bildet sich allmählich ein Kreis von Interessierten, die den Inhalt der Botschaften zu entschlüsseln versuchen: Da ist der junge Nick, der in einem Esoterik-Buchladen arbeitet; die siebzehnjährige Faith, die schwanger von zu Hause weggelaufen ist und von der exzentrischen Keramikkünstlerin Garnet Todd aufgenommen wird; die Malerin Fiona Allen, die ebenso automatisch malt wie Jack schreibt; und der Gralsforscher Simon Fitzstephen. Die Gruppe findet bald heraus, dass Jacks Botschaften von einem Mönch aus dem II. Jahrhundert stammen.

Eines Abends wird Winnie von einem Auto angefahren und schwer verletzt. Alles deutet darauf hin, dass es sich nicht um einen Unfall, sondern um einen Mordversuch handelt. Jack beschließt, seinen Cousin Superintendent Duncan Kincaid um Hilfe zu bitten. Kurz nachdem Kincaid und Sergeant Gemma James in Glastonbury eintreffen, geschieht ein Mord: Garnet Todd wird tot aufgefunden. Faith findet heraus, dass Fionas Mann Bram in den Siebzigerjahren ein Verhältnis mit Garnet hatte. Offenbar verbirgt Bram ein dunkles Geheimnis, von dem Garnet wusste. Aber auch dem Rätsel um die Botschaften des Mönches Edmund kommt die Gruppe um Jack langsam näher...

Autorin

Deborah Crombies Romane um das Scotland-Yard-Paar Duncan Kincaid und Gemma James wurden für den »Agatha Award«, den »Macavity Award« und den »Edgar Award« nominiert. Die Autorin lebt mit ihrer Familie im Norden Texas’, wo sie am nunmehr achten Band der Reihe arbeitet.

Deburah Crombie

Von Fremder Hand

Roman

Deutsch von Andreas Jäger

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel »A Finer End« bei Bantam Books, New York.

Die Zitate von Dion Fortune stammen aus ihrem Buch: Magische Reisen – Glastonbury. Das englische Jerusalem – Avalon und der heilige Gral, München: Goldmann, 1991.

Deutsche Erstausgabe 1/2002

Copyright © der Originalausgabe 2001 by Deborah Crombie

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2002 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Covergestaltung: Design Team München

Covermotiv: Premium/Corbett/Images

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Redaktion: Frauke Brodd

BH · Herstellung: Katharina Storz / HN

ISBN 978-3-641-10577-8V004

www.goldmann-verlag.de

Meiner Mutter,die stets an mich geglaubt hat

ERSTERTEIL

1

Die Fantasie ist eine großartige Gabe, eine göttliche Geisteskraft, und es ist möglich, sie solchermaßen zu üben und auszubilden, dass sie nur dasjenige aufnimmt, was wahr ist.

Frederick Bligh Bond, aus: Das Tor der Erinnerung

Die Schatten sickerten langsam in Jack Montforts kleines Büro und tauchten die Ecken in angenehmes Dämmerlicht. In letzter Zeit verspürte er immer eine gewisse Vorfreude auf die Stunden am Ende des Tages, die er für sich allein hatte. Er sagte sich, dass er mehr erledigt bekam, wenn das Telefon nicht läutete und keine Kunden vorbeischauten, aber vielleicht, so dachte er mit leiser Bitterkeit, lag es auch nur daran, dass er herzlich wenig Grund hatte, nach Hause zu gehen.

Er stand an seinem Fenster, blickte auf die Fußgänger herab, die auf beiden Seiten der Magdalene Street vorüberhasteten, und überlegte beiläufig, wohin sie wohl alle an diesem Mittwochabend so eilig unterwegs waren. Die Tore der Abtei gegenüber waren um fünf Uhr geschlossen worden, und er beobachtete, wie der Wächter die letzten Nachzügler hinausließ. Es war ein wolkenloser Märztag gewesen, jedoch mit einem schneidenden Wind, und Jack konnte sich vorstellen, dass jemand, der sich vom Sonnenschein zu einem Spaziergang um den Fischteich des Abts hatte verleiten lassen, inzwischen bis auf die Knochen durchgefroren sein musste. Nun würden sich die Umrisse der verbliebenen Strebepfeiler der großen Kirche gegen das helle Rosa des östlichen Himmels abzeichnen, eine angemessene Belohnung für diejenigen, die der Kälte getrotzt hatten.

Er konnte sich glücklich schätzen, die beiden Büroräume im ersten Stock bekommen zu haben, mit Blick auf den Marktplatz und den Eingang zur Abtei. Es war eine erstklassige Lage, und die Auflagen, die mit der Renovierung eines denkmalgeschützten Gebäudes verbunden waren, hatten ihn nicht abgeschreckt. Durch seine Jahre in London hatte er reichlich Erfahrung im kreativen Umgang mit Vorschriften gewonnen, und es war ihm gelungen, die Räumlichkeiten zu seiner Zufriedenheit zu modernisieren, ohne sein Budget zu überschreiten. Er hatte eine Sekretärin eingestellt, die über seinen neuen Empfangsbereich herrschte, und sich an die langwierige Aufgabe gemacht, ein Architekturbüro aufzubauen.

Und wenn eine kleine Stimme immer noch gelegentlich flüsterte: Wozu das Ganze?, dann tat er sein Bestes, sie zu ignorieren, und machte weiter, so gut er eben konnte, auch wenn ihn die letzten Jahre gelehrt hatten, dass alle Pläne letztlich nur flüchtige Entwürfe waren. Schon als Kind hatte sein Lebensweg für ihn festgestanden: Universitätsabschluss, eine erfolgreiche Laufbahn als Architekt ... Ehefrau ... Familie. Was er nicht mit auf der Rechnung gehabt hatte, war die Weigerung des Lebens, dabei mitzuspielen. Jetzt waren sie alle nicht mehr da: seine Mutter, sein Vater ... Emily. Mit vierzig fand er sich wieder in Glastonbury. Es war ein Schritt, der vor zwanzig Jahren für ihn unvorstellbar gewesen wäre; aber hier war er nun, allein in dem alten Haus seiner Eltern in der Ashwell Lane, bedrängt von Erinnerungen.

Er krempelte die Hemdsärmel hoch, setzte sich an seinen Schreibtisch und rückte einen leeren Bogen Papier in den Lichtkegel seiner Architektenlampe. Nur dazusitzen und in Selbstmitleid zu schwelgen würde ihm auch nicht weiterhelfen, und schließlich gab es da einen Bauherrn, der für morgen ein Angebot für den Umbau eines Wohnhauses erwartete. Wenn er seine Arbeit rasch erledigte, konnte er sich vielleicht sogar auf ein Abendessen mit Winnie freuen.

Er dachte daran, wie unerwartet Winifred Catesby in sein Leben getreten war, und musste lächeln. Nachdem die wohlmeinenden Freundinnen seiner Mutter einmal entschieden hatten, dass eine angemessene Trauerzeit verstrichen sei, hatte er sich vor arrangierten Rendezvous kaum retten können, und die Willensanstrengung, die es ihn gekostet hatte, mit liebeshungrigen geschiedenen Frauen Konversation zu machen, hatte er bald als noch deprimierender empfunden als das Alleinsein. Er hatte sich so oft herausgeredet, dass seine Wohltäterinnen ihn endlich zu einem hoffnungslosen Fall erklärt und in Ruhe gelassen hatten.

Solchermaßen befreit von unwillkommenen Verpflichtungen, war er in der Folgezeit immer häufiger die acht Kilometer bis Wells gefahren, um sich die Wohltat des Abendgottesdienstes in der Kathedrale zu gönnen. Die Nähe zum Chor der Kathedrale war einer der Gründe, weshalb es ihn wieder nach Glastonbury gezogen hatte. Als Student hatte er in der Domschule gesungen, und dieser Erfahrung verdankte er seine andauernde Begeisterung für Kirchenmusik.

Und dann, eines Abends vor einem Monat, als er seinen angestammten Platz im Chorgestühl der Kathedrale eingenommen hatte, war sie plötzlich neben ihm aufgetaucht – eine Frau von angenehm gewöhnlichem Äußeren, Mitte dreißig, mit hellbraunem Haar, das unter einem weichen Samthut hervorlugte, und einer leichten Stupsnase. Sie fiel ihm nicht besonders auf, er nickte ihr nur beiläufig zu, als sie sich hinsetzte, wie man das bei Fremden tut. Der Gottesdienst begann, und genau in dem Moment, als die ersten hohen Töne der Sopranstimmen ihm einen Schauer über den Rücken jagten, trafen sich ihre Blicke, und sie lächelte.

Anschließend plauderten sie angeregt und ganz natürlich miteinander, und als sie zusammen aus der Kathedrale ins Freie traten, vertieft in eine Diskussion über die Vorzüge verschiedener Chöre, da lud er sie spontan zu einem Drink im nahe gelegenen Pub ein. Den Priesterkragen bemerkte er erst, als er ihr aus dem Mantel geholfen hatte.

Emily, die ihn immer wegen seiner konservativen Einstellung gerügt hatte, würde sich über seine Verblüffung köstlich amüsiert haben. Und Emily, da war er sich sicher, hätte Winnie sympathisch gefunden. Er streckte einen Finger aus und berührte das Foto auf seinem Schreibtisch, und Emily blickte ihn an mit ihren dunklen Augen, aus denen Humor und Intelligenz leuchteten.

Seine Kehle zog sich zusammen. Würde der Schmerz seines Verlusts immer so dicht unter der Oberfläche liegen? Oder würde er sich eines Tages zu einer leisen, kaum bewussten Empfindung verflüchtigen, so vertraut und alltäglich wie eine raue Stelle auf der Haut? Aber wollte er das denn wirklich? Würde er weniger er selbst sein, wenn Emily nicht mehr ständig in seinen Gedanken gegenwärtig war?

Er musste unwillkürlich lächeln. Emily würde ihn ermahnt haben, nicht so sentimental zu sein und sich lieber an die Arbeit zu machen. Mit einem Seufzer blickte er auf das Blatt Papier herab, und dann kniff er überrascht die Augen zusammen.

Er hielt einen Stift in der rechten Hand, obwohl er sich nicht erinnern konnte, danach gegriffen zu haben. Und der Bogen, der noch einen Augenblick zuvor leer gewesen war, war nun mit einer fremdartigen Handschrift bedeckt. Er runzelte die Stirn und sah nach, ob darunter vielleicht noch ein anderes Blatt läge. Doch da war nur dieser eine Bogen, und als er ihn näher in Augenschein nahm, bemerkte er, dass der in einer kleinen, exakten Handschrift geschriebene Text anscheinend auf Latein war. Als er genug von seinem Schullatein zusammengekramt hatte, um eine grobe Übersetzung anzufertigen, wuchs seine Verblüffung.

Wisset denn, was wir... Jack rätselte einen Moment, bevor er sich für erbauet haben entschied; es folgte etwas, was er nicht entziffern konnte, und dann ging es weiter ... in Glaston. Sollte das Glastonbury sein? Es war schön wie... nur irgendein irdisch Ding, und hätte ich es nicht über die Maßen geliebt, so würde sich mein Geist nicht klammern an die Träume von all dem, was entschwunden ist.

Ihr liebet wohl, was wir geliebt. Die Zeit... Hier war Jack gezwungen, zu dem zerfledderten Lateinwörterbuch in seinem Bücherschrank zu greifen, und nachdem er zu dem Schluss gekommen war, dass der Satz etwas mit Schlaf oder Schläfern zu tun hatte, fuhr er ungeduldig fort: ... zu erwecken, auf dass sich Glaston gegen die Finsternis erhebe. Wir haben... irgendetwas ... lange auf euch... es liegt in euren Händen.

Auf diesen Satz folgte ein sich verjüngendes Gekrakel, beginnend mit einem E – es mochte sich um eine Unterschrift handeln, möglicherweise »Edmund«.

War das vielleicht irgendein Scherz, eine Zaubertinte, die sichtbar wurde, sobald sie dem Licht ausgesetzt wurde? Aber seine Sekretärin machte auf ihn nicht den Eindruck, als neige sie zu albernen Streichen, und schließlich hatte er das Blatt aus einem neuen Stapel genommen, den er eben erst eigenhändig ausgepackt hatte. Es blieb nur die Erklärung, dass er diese Zeilen zu Papier gebracht hatte – in einer fremden Handschrift und einer fremden Sprache. Aber das war absurd. Wie hätte er so etwas tun können, ohne dass es ihm selbst bewusst war?

Die Wände von Jacks Büro schienen auf ihn einzustürzen, und die Stille, die sonst so beruhigend war, schien vor Spannung zu vibrieren. Das Atmen fiel ihm schwer, es war, als ob die ganze Luft in dem kleinen Zimmer aufgebraucht sei.

Wer waren »sie«, die in Glastonbury gebaut hatten und Lateinisch schrieben? Die Mönche der Abtei, nahm er an – eine logische Antwort. Und »er«, der »es ... über die Maßen geliebt« hatte, dessen Geist sich »klammerte... an die Träume von all dem, was entschwunden ist«? Der Geist eines Mönchs? Das wurde ja von Minute zu Minute schlimmer.

Was bedeutete »sich gegen die Finsternis erheben«? Und was hatte all das mit ihm zu tun? Die ganze Sache war vollkommen verrückt; er weigerte sich, weiter darüber nachzudenken.

Er knüllte das Blatt zusammen, schwang seinen Stuhl herum und hatte schon die Hand erhoben, um es in den Papierkorb zu werfen, als er plötzlich innehielt und den Bogen wieder auf den Schreibtisch legte, um ihn mit der flachen Hand zu glätten.

Frederick Bligh Bond. Der Name kam ihm plötzlich in den Sinn, hervorgekramt aus den vergessenen Winkeln seiner Kindheit. Der Architekt, der kurz vor dem Ersten Weltkrieg die ersten Ausgrabungen an der Abtei von Glastonbury durchgeführt und dann verkündet hatte, er sei von Botschaften der Mönche angeleitet worden. Hatte Bond Mitteilungen wie diese erhalten? Aber Bond war nicht ganz richtig im Kopf gewesen. Der galt als übergeschnappt!

Jack riss das Blatt Papier mittendurch und warf die Fetzen in den Papierkorb. Dann zog er seine Jacke über, schnappte sich seinen Skizzenblock und lief die Treppe hinunter, immer zwei Stufen auf einmal.

Er trat hinaus auf die Benedict Street und mühte sich mit zitternden Fingern, die Eingangstür zu seinem Büro abzuschließen. Von der anderen Seite des Marktplatzes lockten die Bleifenster des George & Pilgrims. Etwas zu trinken, dachte er mit einem Schauder, das war es, was er jetzt brauchte. Er würde an seinem Angebot arbeiten, und die wohl gefüllte Gaststube der alten Schenke würde ihm sicherlich helfen, was auch immer gerade mit ihm geschehen war zu verdrängen.

Er zog den Kragen seiner Jacke hoch, um sich gegen den Wind zu schützen, und wich einer Gruppe jugendlicher Skateboarder aus, die in dem glatten Straßenbelag rund um das Marktkreuz ein ideales Übungsgelände gefunden hatten. Eine besonders heftige Bö wirbelte ein Blatt Papier dicht an seiner Wange vorbei. In einem Abwehrreflex schnappte er danach und warf dann einen flüchtigen Blick auf das, was er in der Hand hielt. Rosa. Ein Flugblatt, von der Avalon-Gesellschaft. Glastonbury Assembly Rooms, Samstag 19:30 bis 21:30. Eine Einführung in die Kristall-Energie und ihre heilende Wirkung. Demonstration der Zusammenhänge zwischen Chakras und Kristallen. Bereiten Sie Elixiere und lernen Sie, Ihre Umwelt zu energisieren.

»Na, hervorragend«, brummte er, indem er das Blatt zerknüllte und in den Wind warf. Das war Unsinn der übelsten Sorte, genau die Art von Hokuspokus, mit der die radikalsten New-Age-Jünger nach Glastonbury gelockt wurden. Prähistorische Spuren in den Feldern ... Kornkreise ... Druidenzauber auf dem Glastonbury Tor, dem uralten kegelförmigen Hügel, der wie ein Leuchtturm die Stadt überragte...

Zwar war Jack, wie viele Generationen seiner Familie vor ihm, im Schatten des Tor aufgewachsen, doch hatte er dem ganzen mystischen Quatsch, der damit in Verbindung gebracht wurde, nie Glauben geschenkt – und auch nicht den Mythen, die Glastonbury als eine Art kosmisches Energiezentrum beschrieben.

Aber warum um alles in der Welt hatte er dann gerade eben etwas aufs Papier gekritzelt, das wie eine verstümmelte Botschaft von einem längst verstorbenen Mönch aussah? War er tatsächlich dabei, den Verstand zu verlieren? Vielleicht eine verzögerte Trauerreaktion? Er hatte etwas über das posttraumatische Stress-Syndrom gelesen – konnte das erklären, was mit ihm geschehen war? Irgendwie spürte er jedoch, dass es mehr war als nur das. Für einen Augenblick sah er wieder die kleine, exakte Handschrift vor sich, mit ihrer ganz eigenen Schönheit, und etwas im Rhythmus der Sprache war so vertraut, dass es ihn sonderbar berührte.

Er ging weiter auf den Pub zu, bis ihn ein Gedanke urplötzlich innehalten ließ. Was wäre, wenn – wenn es auch nur die entfernteste Möglichkeit gäbe, dass er in der Tat mit den Toten in Kontakt getreten war? Bedeutete das etwa... konnte es bedeuten, dass er in der Lage war, von sich aus Kontakt aufzunehmen? Emily –

Nein. Er durfte nicht einmal den Gedanken an etwas Derartiges zulassen. Auf diesem Weg lag Wahnsinn.

Ein Skateboarder schoss mit ratternden Rädern an ihm vorüber. »Woll’n Sie da Wurzeln schlagen, Mister?«, rief der Junge. Jack taumelte mit unstetem Schritt weiter, überquerte die High Street am unteren Ende und trat auf das George & Pilgrims zu. Als er die schwere Tür des Gasthauses erreichte, wurde sie aufgerissen, und ein Schwall von Zechern ergoss sich nach draußen und drängte an ihm vorbei. Ein Wölkchen von Gelächter und Rauch wehte ihm entgegen und versprach Zuflucht und Geborgenheit, bevor der Wind Klänge und Gerüche wieder verwehte. Und dann hörte er, er hätte es schwören können, ganz leise das Läuten von Glocken.

Die Katzen schliefen im Hof und genossen die Mittagswärme der blassen Frühlingssonne. Jede hatte ihr eigenes Plätzchen – einen Blumenkübel, die ausgetretene Stufe vor der Küchentüre, die Motorhaube des alten weißen Lieferwagens, mit dem Garnet Todd ihre Fliesen ausfuhr –, und nur das gelegentliche Zucken eines Katzenohrs oder – schwanzes verriet, dass sie das Rascheln der Mäuse im Stroh sehr wohl wahrnahmen.

Garnet stand in der Tür ihrer Werkstatt und wischte sich die Hände an der Lederschürze ab, die sie zum Schutz vor der Hitze des Brennofens trug. Sie war fast fertig mit ihrem neuesten Auftrag, der Restaurierung der Bodenfliesen in einer Kirche aus dem zwölften Jahrhundert am Rande der Ebene von Salisbury. Die Herstellung der Fliesen verlangte höchste Sorgfalt. Das Muster, das die wenigen erhaltenen Überreste des Fußbodens vorschrieben, musste genau getroffen werden, und dabei durften nur solche Materialien und Techniken verwendet werden, die auch den Handwerkskünstlern in der damaligen Zeit zur Verfügung gestanden hatten. Dann kam das Verlegen, eine mühselige und diffizile Arbeit, für die sie Stunden auf Händen und Knien verbringen und die feuchte, modrige Luft der alten Kirche einatmen musste.

Aber Garnet machte das alles nichts aus. Umgeben von alten Dingen, fühlte sie sich am wohlsten. Nicht einmal ihre Arbeit als Hebamme – auch wenn sie zu Ehren der Göttin erfolgt war – hatte ihr eine ausreichend tiefe emotionale Bindung an die Vergangenheit verschaffen können.

Ihre Farm, ein heruntergekommener Hof, den sie vor mehr als fünfundzwanzig Jahren gekauft hatte, zeigte deutlich, wie wenig sie mit der Gegenwart anzufangen wusste. Das Haus stand weit oben am westlichen Abhang des Tor; seine zerklüftete Steinfassade stellte sich dem Wind in den Weg, der schon seit undenklichen Zeiten vom Gipfel des Hügels herabwehte. Die Schafe, die auf dem grasbewachsenen Hang weideten, waren ihre nächsten Nachbarn, und zumeist zog sie ihre Gesellschaft jeder anderen vor.

Anfangs beabsichtigte sie noch, das Haus an die öffentliche Strom- und Wasserversorgung anschließen zu lassen, doch die Jahre vergingen, und sie gewöhnte sich daran, ohne diesen Komfort auszukommen. Das Laternenlicht spendete ihr ockerfarbene Wärme und angenehme Schatten, und warum sollte sie das mit Chemikalien vergiftete Wasser trinken, das die Stadt aus ihren Tanks pumpte, wenn es doch an der Quelle auf ihrem Grundstück direkt aus dem Herzen des heiligen Hügels hervorsprudelte? In dieser Stadt hatte man schon genug getan, um die alten und heiligen Dinge zu entweihen, da musste sie den Schaden nicht auch noch vergrößern.

Der Schatten einer Wolke schoss den Abhang hinunter, und für einen Augenblick verdunkelte sich der Hof. Garnet erschauerte. Dion, die alte hellbraune Katze, die mit majestätischer Herablassung über den Rest der Brut herrschte, schälte sich aus ihrem Blumenkübel und kam auf Garnet zu, um sich an ihren Knöcheln zu reiben. »Du spürst es auch, nicht wahr, mein altes Mädchen?«, sagte Garnet leise, während sie sich bückte, um die Katze zu streicheln. »Irgendetwas braut sich zusammen.«

Einmal, vor langer Zeit, hatte sie diesen Geruch in der Luft wahrgenommen, einmal schon hatte sie dieses ahnungsvolle Prickeln verspürt, und die Erinnerung an das Ende der Geschichte erfüllte sie mit Schrecken.

Glastonbury war immer schon ein Ort geheimnisvoller Kräfte gewesen, ein Angelpunkt in jener uralten Schlacht zwischen den Mächten des Lichts und der Finsternis. Wenn dieses empfindliche Gleichgewicht gestört wurde, dann – das wusste Garnet – konnte nicht einmal die Göttin die Folgen vorhersehen.

Glastonbury hatte einen sonderbaren Einfluss auf die Menschen - wie Nick Carlisle nur zu gut wusste. Er war wegen des Festivals hierher gekommen, mit dem ursprünglichen Plan, sich ein paar Monate frei zu nehmen und ein bisschen von der Welt zu sehen, nachdem er sein Studium an der Universität von Durham mit einem Einserexamen in Philosophie und Theologie abgeschlossen hatte. An einem milden Abend Ende Juni war er auf der Straße von Shepton Mallet nach Glastonbury um eine Kurve gebogen und hatte die große konische Erhebung des Tor erblickt, die aus der Ebene emporragte, gekrönt von dem gedrungenen St. Michael’s Tower, der sich gegen den blutroten Himmel im Westen abhob.

Das war vor mehr als einem Jahr gewesen, und er war immer noch hier. Für wenig mehr als den Mindestlohn arbeitete er in einem New-Age-Buchladen gegenüber der Abtei, lebte in einem Wohnwagen auf einem Feld bei Compton Dundon – und versuchte alles zu vergessen, was er hinter sich gelassen hatte.

Oft schaute er nach der Arbeit auf ein Bier im George & Pilgrims vorbei. Ein feiner Zustand war das, mit einem Pub als zweitem Zuhause, aber der Wohnwagen zählte ja auch nicht wirklich – dort konnte er gerade mal die verwaschenen Jeans, T-Shirts und Sweatshirts unterbringen, die seine bescheidene Garderobe ausmachten, und die Bücher, die er aus Durham mitgebracht hatte. Der kleine Kühlschrank roch nach saurer Milch, und der Gaskocher mit den zwei Kochringen war ebenso launisch wie seine Mutter.

Bei dem Gedanken an seine Mutter verzog er das Gesicht. Elizabeth Carlisle hatte ihren Sohn seit seiner frühesten Kindheit allein großgezogen und sich nebenher eine erfolgreiche Karriere als Autorin von Familiensagas aufgebaut, die in Nordengland spielten. Sie managte das Leben ihres Sohnes ebenso effizient wie das ihrer Romanfiguren und reagierte dann beleidigt, als er seinem Unmut Luft machte.

Die Art, wie seine Mutter sich in Dinge eingemischt hatte, für die er nur selbst verantwortlich war, hatte ihn auf die Palme gebracht, und er war zu der Überzeugung gelangt, dass er sein Leben sehr wohl auf die Reihe bringen könnte, wenn er nur erst ihrem Dunstkreis entkommen wäre. Aber die Freiheit erwies sich nicht als das erwartete Allheilmittel: Er wusste noch ebenso wenig wie vor einem Jahr, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Er wusste nur, dass ihn irgendetwas in Glastonbury festhielt, und doch glühte er vor ruheloser und ungenutzter Energie.

Von seinem Ecktisch aus ließ er, während er sein Bier trank, den Blick über die Kundschaft des Pubs schweifen. An diesem Abend hatten sich einige Yuppies in das Lokal verirrt, junge Männer in schicken Designeranzügen, begleitet von gestylten Mädchen in knapper Garderobe. Nick spürte geradezu die kollektive Missbilligung der Stammgäste, die sich in instinktiver Solidarität um die Theke geschart hatten.

Eines der Mädchen warf ihm einen Blick zu und lächelte. Nick wandte sich ab.

Mädchen – das waren Raubkatzen mit Make-up und eng anliegenden Klamotten, die einem nichts als Ärger einbrachten. Zuerst gefiel ihnen sein Äußeres, und dann, sobald sie herausfanden, wer seine Mutter war, wollten sie sich nur noch von ihm aushalten lassen. Aber er hatte seine Lektion gründlich gelernt, und er würde nicht noch einmal in diese Falle tappen.

Er wandte der Gruppe den Rücken zu, und nun war es der Mann, der allein am Ende der Theke saß, der seine Aufmerksamkeit fesselte. Er fiel ihm nicht nur durch seine Größe und sein hellblondes Haar auf, sondern auch durch sein vertrautes Gesicht. Nick hatte ihn schon oft in der Magdalene Street gesehen  – er musste in der Nähe des Buchladens arbeiten –, und ein- oder zweimal hatten sie einander freundlich zugenickt. Heute Abend saß er tief über sein Glas gebeugt da, und seine sonst so freundliche Miene war einem finsteren Blick gewichen.

Neugierig beobachtete Nick ihn dabei, wie er offenbar irgendetwas auf einen Notizblock schrieb oder zeichnete, während er sich alle paar Augenblicke mit sichtlich zitternden Fingern eine Haarsträhne aus der Stirn strich.

Als Nick zur Theke ging, um sich ein neues Bier zu holen, waren die Augen des blonden Mannes starr auf sein Glas gerichtet. Den Stift hielt er dicht über den Block, zum Schreiben bereit. Nick warf einen verstohlenen Blick auf das Papier. Darauf waren sorgfältige architektonische Zeichnungen zu sehen; quer über die größte der Skizzen aber waren einige Zeilen geschrieben, offensichtlich auf Latein. Für meine Sünden hat Glaston gelitten, übersetzte er im Stillen.

»Sind Sie Altphilologe?«, platzte Nick überrascht heraus.

»Was?« Der Mann blinzelte ihn verstört an. Einen Moment lang überlegte Nick, ob er vielleicht betrunken sei, allerdings hatte er sich an ein und demselben Bier festgehalten, seit Nick ihn bemerkt hatte.

Nick tippte mit dem Finger auf den Skizzenblock. »Ich meine das da. Ich erlebe es nicht allzu oft, dass jemand Latein schreibt.«

Der Mann warf einen Blick auf das Blatt und erblasste. »O Gott. Nicht schon wieder.«

»Bitte?«

»Nein, nein. Alles in Ordnung.« Der Mann schüttelte den Kopf und schien sich große Mühe zu geben, Nick zu fixieren. »Jack Montfort. Ich habe Sie schon einmal gesehen, nicht wahr? Sie arbeiten in der Buchhandlung.«

»Nick Carlisle.«

»Mein Büro ist direkt über Ihrem Laden.« Montfort deutete auf Nicks leeres Glas. »Was trinken Sie?«

Montfort bestellte noch zwei Bier und wandte sich dann wieder Nick zu. Jetzt schien er auf einmal sehr gesprächig. »Sie arbeiten also im Buchladen – da werden Sie wohl eine ganze Menge lesen?«

»Wie ein kleiner Junge in einem Süßwarengeschäft. Die Inhaberin ist echt gut drauf, die drückt öfters mal ein Auge zu. Und ich bemühe mich, keine Eselsohren zu hinterlassen.«

»Ich muss zugeben, ich war noch nie in dem Laden. Ganz interessant, was es da so gibt, oder?«

»Zum Teil ist es absoluter Quatsch«, erwiderte Nick grinsend. »Ufos, Kornkreise – jeder weiß doch, dass das ein Schwindel ist. Aber manche Sachen... na ja, da kommt man schon ins Grübeln ... In Glastonbury passieren anscheinend die merkwürdigsten Dinge.«

»Das können Sie laut sagen«, murmelte Montfort in sein Glas, und seine Miene verdüsterte sich wieder. Dann schien er zu versuchen, die Gedanken abzuschütteln, die ihn beschäftigten. »Sie sind nicht aus dieser Gegend, oder? Höre ich da vielleicht eine Spur vonYorkshire heraus?«

»Northumberland, um genau zu sein. Ich bin letztes Jahr wegen des Festivals hergekommen« – Nick zuckte mit den Achseln –, »und ich bin immer noch hier.«

»Ach ja, das Rockfestival in Pilton. Irgendwie habe ich es nie geschafft, da hinzugehen. Da ist mir wohl eine unvergessliche Erfahrung entgangen.«

»Matsch.« Nick grinste. »Ganze Ozeane davon. Du trampelst durch irgendwelche Äcker, wirst von den Mücken zerstochen, trinkst miserables Bier und stehst stundenlang Schlange, wenn du aufs Klo musst. Aber trotzdem ...«

»Es hatte etwas«, half Montfort nach.

»Genau. Ich hätte es gerne in der großen Zeit erlebt, in den frühen Siebzigern, wissen Sie? Glastonbury Fayre haben sie es genannt. Das muss tierisch beeindruckend gewesen sein. Und selbst das war kein Vergleich mit dem ursprünglichen Glastonbury Festival – was die Qualität angeht, nicht die Quantität.«

»Mit dem ursprünglichen Festival?«, wiederholte Montfort verständnislos.

»Der Komponist Rutland Boughton hat es 1914 ins Leben gerufen«, antwortete Nick. »Boughton war ein Riesentalent – seine Oper Die unsterbliche Stunde hält immer noch den Rekord als die Opernproduktion mit der längsten Laufzeit. Alle möglichen Größen der Zeit hatten mit dem Festival zu tun: Shaw, Edward Elgar, Vaughan Williams, D. H. Lawrence. Und Glastonbury selbst hat auch Leute hervorgebracht, die zu der damaligen kulturellen Renaissance beigetragen haben, wie zum Beispiel Frederick Bligh Bond und Alice Buckton ... Und dann war da noch die Sache mit Bonds Freund Dr. John Goodchild und der Auffindung des ›Grals‹ in der Saint-Bride’s-Quelle. Das hat einige Wellen geschlagen ...«Nick merkte, dass er ins Schwadronieren geraten war; er verstummte und trank den Schaum von seinem Bier ab.

Als er wieder aufblickte, sah er, wie Montfort ihn anstarrte. Nick wurde rot. »Tut mir Leid. Wenn ich mal in Fahrt komme –«

»Sie wissen Bescheid über Bligh Bond?«

Die Intensität in Montforts Stimme verblüffte Nick. »Nun ja, das ist schon eine faszinierende Geschichte, nicht wahr? Bond besaß ein enormes Wissen, seine Ausgrabungen auf dem Gelände der Abtei sind der Beweis dafür; andererseits, denke ich, man kann der Kirche keinen Vorwurf machen, nur weil sie die Vorstellung etwas unbehaglich fand, dass Bond seine Anweisungen für die Grabungen von Mönchen erhalten haben soll, die seit fünfhundert Jahren tot waren.«

»Unbehaglich?« Montfort schnaubte verächtlich. »Sie haben ihn gefeuert. Er konnte danach nie wieder erfolgreich als Architekt arbeiten, und wenn ich mich recht erinnere, ist er in Armut gestorben. Wenn der Mann auch nur einen Funken Verstand gehabt hätte, dann hätte er den Mund gehalten.«

»Aber er fand ganz einfach, dass er sein Wissen mitteilen musste. Ich würde sagen, Bond war einfach zu ehrlich. Und ich glaube nicht, dass er je behauptet hat, mit Geistern in Kontakt getreten zu sein. Er dachte, er hätte vielleicht nur eine Verbindung zu einem bestimmten Teil seines Unterbewusstseins hergestellt.«

»Halten Sie es denn für möglich, was auch immer die Quelle war?«

»Bonds Fall ist nicht der einzige. Es gibt reichlich dokumentierte Beispiele von Menschen, die Dinge über die Vergangenheit wussten, für die es keine andere Erklärung gab.« Nicks Blick fiel auf das Blatt, das Montfort mit der Hand zum Teil verdeckt hielt, und eine plötzliche Erregung packte ihn. »Aber Sie sprechen doch nicht nur von einer theoretischen Möglichkeit, nicht wahr?«

»Das ist« – Montfort schüttelte den Kopf – »verrückt. Zu verrückt, als dass man es irgendjemand erzählen könnte. Aber der Zufall, dass ich Sie hier treffe ... Ich –« Er sah sich um, als sei ihm plötzlich bewusst geworden, dass noch andere Gäste in der Nähe waren, und senkte die Stimme.

»Als ich heute Abend an meinem Schreibtisch saß, da habe ich ... etwas geschrieben. Auf Latein, was ich seit der Schulzeit nicht mehr benutzt habe – und ich konnte mich hinterher nicht erinnern, es geschrieben zu haben. Ich habe das verdammte Ding zerrissen ... Und dann das hier ...« Er fuhr mit der Fingerspitze über das Gekritzel auf dem Skizzenblock.

»Wahnsinn, Mann!«, hauchte Nick tief beeindruckt. »Ich würde meine Mum hergeben, um so was mal am eigenen Leib erleben zu können.«

»Aber wieso ich? Ich habe nicht darum gebeten«, gab Montfort hitzig zurück. »Ich bin Architekt, aber ich weiß nicht mehr über die Abtei, als man von jedem erwarten kann, der hier aufgewachsen ist. Ich bin nicht sonderlich religiös. Ich habe mich nie für Spiritismus interessiert – oder überhaupt für irgendwelche übersinnlichen Phänomene.«

Nick dachte einen Augenblick darüber nach. »Ich bezweifle, dass diese Dinge willkürlich geschehen. Vielleicht haben Sie irgendeine Verbindung zur Abtei, die Ihnen nicht bewusst ist.«

»Das hilft mir sehr viel weiter«, sagte Montfort, doch in seinen strahlend blauen Augen blitzte so etwas wie Humor auf. »Und wie finde ich jetzt heraus, was es ist und warum das hier mit mir passiert?«

»Vielleicht könnte ich Ihnen helfen. Sie wissen, dass es nicht Bond selbst war, der die Botschaften geschrieben hat, sondern sein Freund John Bartlett. Bond hat ihn geführt, indem er ihm Fragen stellte.«

»Sie wollen also zu meinem Bond den Bartlett geben, wie?«

»Sie sagten, Sie stammen aus Glastonbury. Das ist doch schon mal kein schlechter Anfang.«

»Die Familie meines Vaters ist allerdings schon seit Ewigkeiten in der Gegend um Glastonbury ansässig. Er war Rechtsanwalt. Ein großer, kräftiger und ernsthafter Mann, der genau wusste, wo sein Platz in der Welt war.« Montfort nahm einen Schluck von seinem Bier, und als er fortfuhr, klang seine Stimme sanfter. »Aber was meine Mutter betrifft, die war aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sie liebte Geschichten, und als wir klein waren, hat sie uns immer gerne irgendwelche Sachen nachspielen lassen.«

»Uns?«

»Mein Cousin und meine Cousine, Duncan und Juliet, und ich. Meine Tante und mein Onkel hatten ein Faible für Shakespeare. In den Ferien haben wir sie immer in Cheshire besucht. Das war eine andere Welt. Die Kanäle, und dann die walisischen Hügelketten in der Ferne ...«

Wieder verstummte er, die Augen halb geschlossen. Nick wollte ihn eben bitten, doch weiterzuerzählen, als Montfort ohne Vorwarnung nach dem Stift griff. Seine Hand begann gleichmäßig über das Papier zu gleiten.

Nick übersetzte die lateinischen Worte, sowie sie auf dem Blatt erschienen. Deo juvante... mit Gottes Hilfe... werdet ihr es wieder gutmachen.... Ob das wohl auch ihn selbst betraf, fragte er sich. Konnte er vielleicht irgendwie wieder gutmachen, was er angerichtet hatte?

In diesem Augenblick wusste Nick, weshalb er nach Glastonbury gekommen war, und er wusste, weshalb er geblieben war.

Faith Wills ließ ihre Stirn auf das kühle Plastik des Toilettensitzes sinken. Sie rang nach Luft, und die Anstrengung des Würgens hatte ihr die Tränen in die Augen getrieben. Es war nichts mehr übrig, was sie hätte erbrechen können, bis auf ihre Magenschleimhaut, aber irgendwie musste sie sich zusammenreißen, hinausgehen und sich dem Geruch des Frühstücks aussetzen, das ihre Mutter bereitet hatte.

An diesem Morgen waren es wieder einmal Eier mit Speck. Ihre Mum war der Überzeugung, dass alle Kinder sich ordentlich gestärkt auf den Weg zur Schule machen sollten. So gab es abwechselnd gekochte Eier oder Porridge oder Vollkorntoast mit Marmite; und an diesem Donnerstagmorgen im März hatte Faith die schlimmste mögliche Alternative erwischt.

Der Speckgeruch zog von der Küche ins Bad. Ihr Magen zog sich bedenklich zusammen, und im gleichen Moment hämmerte ihr kleiner Bruder Jonathan an die Tür. »Kommst dir wohl vor wie Madonna da drin, was? Jetzt sieh mal zu, dass du den Arsch hochkriegst, Faith!«

Ohne den Kopf zu heben, sagte Faith: »Halt die Klappe«, doch es war nicht mehr als ein Flüstern.

Dann die Stimme ihrer Mutter – »Jonathan, so was sagt man nicht!« – und ein forsches Klopfen an der Tür. »Faith, was ist denn los mit dir? Du wirst noch zu spät kommen, und du wirst schuld sein, wenn Jon und Meredith sich auch verspäten.«

»Ich komm ja schon.« Mit unsicheren Bewegungen richtete Faith sich auf, spülte und putzte sich dann die Nase mit einem Stück Toilettenpapier. Als sie die Tür vorsichtig öffnete, wartete ihre Mutter schon auf sie, die Hände in die Hüften gestemmt; hinter ihr standen Jon und ihre Schwester Meredith, alle drei mit Mienen, die verschiedene Grade von Verärgerung ausdrückten. »Was soll das denn sein, ein Empfangskomitee?«, fragte sie, bemüht, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Ihre Mutter ignorierte sie und packte sie mit festem Griff am Kinn, um ihr Gesicht in das matte Licht zu drehen, das durch die Wohnzimmertür fiel. »Du bist ja weiß wie die Wand«, verkündete sie. »Bist du krank?«

Die Küchendüfte zwangen Faith, krampfhaft zu schlucken, bevor sie mit krächzender Stimme herausbrachte: »Mir geht’s gut. Das ist nur der Prüfungsstress.«

Ihr Vater trat aus dem Schlafzimmer; er band sich gerade seine Krawatte. »Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst nicht erst in letzter Minute mit dem Lernen anfangen? Und du weißt genau, wie wichtig die Mittlere Reife für dich –«

»Lass mich doch einfach nur meine Bücher holen, okay?«

»Sprich nicht in diesem Ton mit mir, junge Dame!« Ihr Vater zog den Knoten seiner Krawatte stramm und streckte dann die Hand nach ihr aus. Seine Finger gruben sich tief in das nackte Fleisch ihres Oberarms.

»Tut mir Leid«, murmelte Faith. Sie riss sich los, flüchtete in das Zimmer, das sie mit ihrer Schwester teilte, und lehnte sich von innen an die Tür, sobald sie drin war. Sie hoffte inständig auf einen Augenblick der Ruhe, bevor Meredith wiederkam. Es war ein Kinderzimmer, dachte sie; mit einem Mal sah sie es mit neuen Augen. Die Wände waren mit Postern von Rockstars bedeckt, die beiden Betten mit zerzausten Plüschtieren. Ihr Hockeydress quoll aus dem Ranzen hervor; die Notenblätter für die Chorprobe am Nachmittag lagen verstreut am Boden. Lauter Dinge, die ihr so wichtig gewesen waren – und die jetzt all ihre Bedeutung verloren hatten.

Sie würde nicht gut zurechtkommen, das wurde ihr plötzlich klar, und sie schloss die Augen, als die Welle der Verzweiflung sie überkam. Nichts würde je wieder gut sein.

Und sie konnte es ihren Eltern nicht sagen. In der perfekten Welt ihrer Mutter begann eine Siebzehnjährige den Tag nicht mit dem Kopf über der Toilettenschüssel, und ihr Vater – nun, darüber durfte sie gar nicht erst nachdenken.

Sie hatte versprochen, niemandem etwas zu verraten, und das war das Einzige, worauf es ankam.

2

Glastonbury ist die einzige große religiöse Gründung unserer britischen Vorfahren in England, die ohne Unterbrechungen die Periode der angelsächsischen und normannischen Eroberungen überlebt hat, und seine erhabene Geschichte führt uns zurück bis in die Zeit der frühesten christlichen Ansiedlung in Britannien.

Frederick Bligh Bond, aus: Architektonisches Handbuch der Abtei von Glastonbury

An einem milden Juniabend stand Gemma James neben Duncan Kincaid in einer Bankreihe in der St. John’s Church in Hampstead. Sie waren gekommen, um Kincaids Nachbarn, Major Keith, bei der Abendmesse mit seinem Chor singen zu hören.

Gemma war mit den dürftigen Traditionen des methodistischen Gottesdienstes groß geworden und fühlte sich bei den Anglikanern immer noch etwas befangen. Sie beobachtete Kincaid genau und stand auf, wenn er aufstand; wenn er kniete, ließ auch sie sich unbeholfen auf die Knie nieder, und sie bewunderte die Selbstverständlichkeit, mit der er die Antworten sprach. Ihre Mutter wäre entsetzt gewesen, sie hier zu sehen, dachte sie mit einem kleinen Lächeln, doch bei der Laufbahn, die Gemma eingeschlagen hatte, war sie missbilligende Reaktionen von ihrer Mutter gewohnt.

Die Musik aber entschädigte sie voll und ganz für das Unbehagen, das die Gottesdienstordnung ihr bereitete. Gemma verfolgte eifrig das Programm in ihrem Faltblatt: zuerst das wunderschöne Eröffnungsgebet, dann ein Psalm, dann das Magnificat und das Nunc Dimittis.

Dann war ein Rascheln zu hören, als der Chor sich wieder erhob und zu singen begann. Eine Stimme nach der anderen fiel ein, und jede jubilierte noch freudiger als die vorige. Der Klang traf Gemma mit einer nahezu körperlichen Wucht – so reich war er, so voll, dass es den Anschein hatte, als verdränge er selbst die Luft. Sie erzitterte und musste blinzeln, weil ihr die Tränen in die Augen stiegen.

Kincaid sah sie mit hoch gezogenen Augenbrauen von der Seite an und legte ihr den Arm um die Schultern. »Frierst du?«, fragte er, indem er lautlos die Lippen bewegte.

Sie schüttelte den Kopf und schlug den Text in ihrem Faltblatt nach. Das Ave Maria von Robert Parsons. »Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade; der Herr ist mit dir; du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes«, lautete die Übersetzung.

Gemma schloss die Augen und ließ sich von dem voll tönenden, pulsierenden Klang tragen. Der Rest des Gottesdienstes verging wie in einem Traum.

»Alles in Ordnung?«, fragte Kincaid, als sie hinterher mit der Menge nach draußen gingen. Die tief stehende Sonne tauchte die knorrigen Bäume des sanft abfallenden Friedhofs in dunkle Schatten.

»Die Musik ...«

»Sehr hübsch, nicht wahr? Die haben einen guten Chor hier in St. John’s.« Er pfiff leise vor sich hin. »Ich habe dem Major versprochen, dass wir ihm einen Drink spendieren. Was hältst du vom Freemason’s Arms? Es ist noch warm genug, um draußen zu sitzen.«

Gemma blickte ihn konsterniert an. Groß und schlank, mit widerspenstigem kastanienbraunem Haar, das ihm in die Stirn fiel, und dem fragenden, interessierten Blick, mit dem er auf sie herabsah – so präsentierte er geradezu das Idealbild des sensiblen, verständnisvollen Mannes. Wie kam es dann, dass sie plötzlich das Gefühl hatte, er und sie hätten ebenso gut von verschiedenen Planeten stammen können?

Wie konnte er eine solche Musik so selbstverständlich hinnehmen? Hatte er nicht gespürt, dass ihre Herrlichkeit fast die Grenze des Erträglichen überstieg? Die Kluft zwischen seiner und ihrer Wahrnehmung schien immens.

»Ich – ich habe Tony versprochen, heute rechtzeitig zum Baden und Vorlesen zu Hause zu sein.« Aber das war gelogen. Die Wahrheit war, dass sie Zeit brauchte, um ganz in sich aufzunehmen, was sie gerade gehört hatte. Außerdem belastete sie das, was sie ihm sagen wollte, aber nicht über die Lippen brachte, zu sehr, als dass sie sich auf Small Talk hätte einlassen können. »Ich nehme die U-Bahn«, sagte Gemma. »Warte du ruhig auf den Major. Und grüß ihn von mir.«

»Bist du sicher?«, fragte Kincaid. Für einen Moment verriet sein Gesicht seine Enttäuschung, bevor er es in eine Miene freundlicher Neutralität zwingen konnte.

»Wir sehen uns morgen früh im Yard.« Sie legte ihm die Hand in den Nacken und gab ihm einen raschen Kuss, eine wortlose Entschuldigung. Bevor sie es sich anders überlegen konnte, machte sie kehrt und ging mit großen Schritten davon.

Doch bevor sie die Heath Street überquerte, um zur U-Bahnstation am oberen Ende der Hampstead High Street zu gelangen, hielt sie inne. Der Blick von hier oben über die Dächer von London hinweg in Richtung Süden verfehlte nie seine inspirierende Wirkung auf sie. Am liebsten stellte sie sich dann Hampstead als das Dorf vor, das es einmal gewesen war, ein schattiger, stiller Ort im Grünen, wo die Luft noch frei war von den giftigen Dämpfen und dem schmutzigen Nebel, der London dort unten im Tal erstickte.

Diese Vision stand in krassem Kontrast zum Inneren der U-Bahnstation Hampstead, der tiefsten in ganz London. Gemma fand noch einen Sitzplatz in dem überfüllten Zug, wo sie sich große Mühe gab, die hygienischen Unzulänglichkeiten des Mannes neben ihr zu ignorieren, während sie das Echo des Chors in ihrem Kopf widerhallen ließ. So groß waren die Belastungen der letzten paar Monate gewesen, dass selbst eine halbe Stunde in der U-Bahn ihr ein willkommener Anlass war, ihre Gedanken zu sammeln.

Durch den Tod seiner geschiedenen Frau zwei Monate zuvor war Kincaid zu einem elfjährigen Sohn gekommen, von dessen Existenz er bis zu diesem Zeitpunkt nichts geahnt hatte. Seine angestrengten Bemühungen, mit dieser komplizierten Beziehung zu Rande zu kommen, gepaart mit der Schuld, die er wegen des Todes der Mutter des Jungen empfand, hatten zu erheblichen Spannungen in seinem Verhältnis zu Gemma geführt. Und dann, gerade als sie glaubte, es sei etwas Ruhe in ihre Beziehung eingekehrt, musste sie sich mit einem besonders schwierigen Fall und ihrem eigenen tiefen Gefühl der Verbundenheit zu einem der Verdächtigen auseinander setzen.

Letzten Endes war sie nicht bereit gewesen, die Bande zu lösen, die sie und Kincaid geknüpft hatten, doch der Vorfall verunsicherte sie nachhaltig. Sie spürte die heraufziehende Veränderung, und das löste in ihr den Wunsch aus, umso fester in der Gegenwart Fuß zu fassen und weiterzumachen wie bisher.

In Islington stieg sie aus der U-Bahn aus und ging langsam durch die vertrauten Straßen zu ihrer Garagenwohnung, während die Dämmerung sich auf den Sommertag herabsenkte. Hazel, ihre Vermieterin, passte auf Gemmas Sohn Toby auf; eine Abmachung, die Gemma ein so beschauliches Jahr verschafft hatte, wie es sich eine berufstätige allein erziehende Mutter nur wünschen konnte.

Gemma betrat den Garten durch das Garagentor und hoffte, sie würde ihren Sohn und Hazels Tochter Holly noch draußen beim Spielen antreffen. Aber auf den Steinplatten der Terrasse waren nur überstürzt zurückgelassene Spielsachen zu sehen, und aus einem offenen Fenster drang ausgelassenes Lachen an ihr Ohr.

»Findet da etwa eine Party ohne mich statt?«, scherzte sie, indem sie zur Küchentür hereinschaute.

»Mami!« Toby rutschte von seinem Stuhl am Küchentisch herunter, kam auf sie zugeschossen und schlang die Arme um ihre Oberschenkel.

Sie hob ihn hoch, um ihn zu drücken und abzuküssen; dabei fiel ihr auf, dass sie dazu mehr Kraft zu brauchen schien als noch vor einer Woche. »Du hast ganz bestimmt Steine gegessen«, neckte sie, kniff ihn zärtlich in die Wange und setzte ihn mit einem gespielten Stöhnen wieder ab.

»Wir haben Knete gemacht«, erklärte Hazel, die gerade aus dem Wohnzimmer kam. »Aus Mehl, Wasser und Lebensmittelfarbe. Zum Glück ist die ungiftig, denn ich glaube, die zwei haben mehr gegessen als modelliert. Wie sieht’s mit Abendessen aus? Es gibt Käsesuppe und frisch gebackenes Brot.«

Hazel Cavendish war eine jener Frauen, denen alles mühelos von der Hand zu gehen schien, und Gemma hatte ihren Neid längst aufgegeben und durch uneingeschränkte Bewunderung ersetzt. »Käsesuppe liebe ich über alles«, sagte sie, »aber« - sie warf einen Blick auf die Kinder, Toby, der darauf bestand, dass sein fleckiger grüner Kneteklumpen ein Dinosaurier sei, und Holly, die ebenso unerschütterlich behauptete, es handle sich um eine Katze – »die Kleinen scheinen sich vorläufig noch ganz wohl zu fühlen. Würde es dir was ausmachen, wenn ich vorher noch ein bisschen Klavier übe?«

»Nimm dir ein Glas Wein mit«, befahl Hazel. Sie nahm eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank und schenkte Gemma ein Glas ein.

Gemma ging damit ins Wohnzimmer und bahnte sich einen Weg durch die überall verstreut liegenden Spielsachen, vorbei an den abgenutzten und durchgesessenen Polstermöbeln zu dem Klavier, das an der hinteren Wand stand. Es war ein altes Instrument, nicht gerade im allerbesten Zustand, aber Gemma war dankbar, dass sie überhaupt etwas hatte, worauf sie spielen konnte. In ihrer winzigen Wohnung war gewiss kein Platz für ein Klavier, selbst wenn sie sich eines hätte leisten können.

Sie setzte sich auf den Schemel, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und brachte ihre Finger über der Tastatur in Stellung. Sie konnte immerhin versuchen, das Gefühl wieder aufleben zu lassen, das sie in der Kirche gehabt hatte, wenn auch in abgeschwächter Form. Ihre Noten waren auf dem Ständer – Bosworths Übungen für Anfänger oder auch »das grüne Buch«, wie sie es gerne nannte –, und das Präludium in C-Dur war aufgeschlagen. Sie spielte jede einzelne Note mit großer Konzentration – linke Hand, rechte Hand... lauter, leiser –, dann die beiden letzten Systeme mit beiden Händen zusammen. Die Koordination machte ihr immer noch Mühe, aber mit jeder Stunde, die sie übte, wurde es leichter. Ihre Lehrerin war von ihren Fortschritten angetan, und Gemma war wild entschlossen, sich die Stunde am Samstag unter allen Umständen frei zu halten.

Sie spielte ihre Übungen durch, kostete die wenigen Minuten voll aus, in denen sie an nichts denken musste außer an die Abfolge der Noten und in denen sie nichts wahrnahm bis auf den Klang der Musik. Aber allzu schnell war sie am Ende angelangt, und sie wusste, dass sie sich nur davor gedrückt hatte, über das Problem nachzudenken, mit dem sie schon seit Monaten rang.

In den zwei Jahren, die sie Superintendent Duncan Kincaids Partnerin war, hatte ihre persönliche Beziehung zuweilen ihre berufliche Zusammenarbeit belastet – und doch auch bereichert. Sie kannten einander, konnten voraussehen, wie der andere denken und reagieren würde, und so hatte sich ihre Partnerschaft zu einer fein abgestimmten kreativen Einheit entwickelt: zu einem Ganzen, das mehr war als die Summe seiner Teile.

All dies war Gemma bewusst, und es war ihr auch klar, wie viel es für sie beide bedeutet hatte, ihre Tage zusammen zu verbringen, einander so nahe zu sein und alles zu teilen.

Aber sie war nicht zur Polizei gegangen, um ihre Karriere als Sergeant zu beschließen. Es war Zeit für eine Beförderung, und wenn sie sich nicht bald rührte, würde man sie als Blindgänger abtun. Aus dem Rennen, ihre Karriere noch vor ihrem dreißigsten Geburtstag zu Ende, all ihre hoch fliegenden Träume zerplatzt.

Eine ganz einfache Rechnung, wenn man es so sah. Aber die Beförderung zum Inspector würde die Zuteilung eines neuen Aufgabenbereichs zur Folge haben, vielleicht die Versetzung in eine andere Einheit, und damit das Ende ihrer beruflichen Zusammenarbeit mit Kincaid. Und sie konnte sich nicht überwinden, ihm zu sagen, wozu sie sich entschlossen hatte.

Sie stand auf und ließ den Deckel des Klaviers hart auf die Tastatur fallen. Es würde nicht einfacher werden, also wäre es das Beste, endlich auf die Ausreden zu verzichten und die Sache durchzuziehen. Gleich morgen früh würde sie ihn beiseite nehmen und ihm sagen, was gesagt werden musste. Und dann würde sie den Konsequenzen ins Auge sehen.

Von der Stelle aus, wo Andrew Catesby stand, auf dem Gipfel des Wirral Hill, konnte er sich beinahe einbilden, in der Ferne die Mündung des Brue zu sehen, die leichte Senke, die den Übergang vom Land zum Meer markierte. Im Norden erhoben sich die Mendips, im Süden die etwas weniger hohen Hügel der Polden Ridge, und im Westen, zwischen seinem Standort und dem Meer, erstreckte sich die weite Ebene der Somerset Levels. Wann genau, fragte er sich, war ihm die Freude an dieser Aussicht abhanden gekommen? War denn gar nichts gefeit gegen diesen Zorn, der von ihm auszuströmen und alles zu beflecken schien, was er berührte?

Phoebe, seine Spanielhündin, zog an ihrer Leine, und Andrew band sie los, damit sie noch ein wenig umhertollen konnte, bevor das Tageslicht ganz verschwunden war. Er wandte sich um und sah unten die Lichter des Safeway-Supermarkts an der Straße nach Street, jenseits davon die ansteigende Flanke der Stadt selbst, und dahinter schließlich den allgegenwärtigen Schatten des Tor. Glastonbury war natürlich nicht wirklich eine Insel, schon seit Menschengedenken nicht mehr. Es war allerdings eine Art Halbinsel, verbunden mit dem höher gelegenen Gelände im Osten durch einen Vorsprung aus geschichtetem Kalkstein. Aber zu den verschiedensten Zeiten musste Glastonbury den Reisenden, die sich von Westen her genähert hatten, wie eine Insel erschienen sein – noch heute, da das Meerwasser durch ausgedehnte Deiche und tiefe Wassergräben, die so genannten rhynes, gebändigt war, konnten schwere Regenfälle dazu führen, dass das Wasser wieder gegen den Fuß des Wirral Hill klatschte. Andrew zog diesen Namen bei weitem der gebräuchlicheren Bezeichnung »Wearyall Hill« vor, einer direkten Anspielung auf die Legende des Joseph von Arimathia. An dem Abhang zu seinen Füßen wuchs der berühmte Dornbusch von Glastonbury – seiner Meinung nach eine höchst zweifelhafte Touristenattraktion.

Der Legende zufolge war Joseph nach der Kreuzigung Jesu mit zwölf Gefährten auf dem Seeweg nach Glastonbury gekommen. Der lange, bucklige Rücken des Hügels war das erste Land gewesen, das die Reisenden erblickt hatten, und als Joseph erschöpft, aber dankbar an Land gegangen war, hatte er seinen Weißdornstab in den Boden des Hügels gesteckt. Der Stab hatte Wurzeln geschlagen, und ein blühender Strauch war entsprossen – für Joseph und seine Gefährten ein Zeichen, dass er an dieser Stelle einen Tempel erbauen sollte, die erste christliche Kirche auf englischem Boden.

Natürlich war der ursprüngliche Dornbusch längst eingegangen und durch einen dürren, vom Wind gebeutelten Strauch ersetzt worden, von dem Andrew sich kaum vorstellen konnte, dass er in irgendeinem Pilger, und sei er auch noch so leichtgläubig, ehrfürchtige Gefühle erwecken würde. Aber schließlich befasste er sich mit Tatsachen, nicht mit Fiktionen. Er zog eindeutig Dinge vor, die sich messen, aufzeichnen und mit Proben belegen ließen.

Seiner Meinung nach war die Geschichte Glastonburys so reich, dass es unnötig war, sie mit Mythen und fragwürdigen Legenden auszuschmücken, und die Archäologie dieser Gegend stellte eine unerschöpfliche Quelle immer neuer – und nachprüfbarer – Entdeckungen dar. Die Art, wie seine Studenten bedenkenlos all diesen hanebüchenen Unsinn hinnahmen, der über Glastonbury kursierte, machte ihn wütend. Wenn ihnen der Sinn nach Dramatik stand, dann bot er ihnen die brutale Hinrichtung des letzten Abts von Glastonbury, Richard Whiting, der auf dem Gipfel des Tor von den Schergen Heinrichs VIII. gehenkt worden war. Kaum war Whiting tot, wurde er enthauptet und gevierteilt, die einzelnen Teile wurden dann in Wells, in Bath, in Ilchester und in Bridgewater zur Schau gestellt. Den abgetrennten Kopf aber platzierten die Mannen des Königs über dem großen Eingangstor der Abtei.

Whiting war ein liebenswürdiger alter Mann gewesen, und das Schicksal hätte sicherlich einen geeigneteren Kandidaten für die Rolle eines Märtyrers königlicher Habgier finden können. Doch der Abt war mit stiller Würde in den Tod gegangen. Andrew konnte nie den Tor besteigen, ohne an Richard Whitings Hinrichtung zu denken, und er war ein erbitterter Gegner derjenigen, die am liebsten aus einem der heiligsten Orte Glastonburys einen Themenpark gemacht hätten.

In diesem Punkt hatte er die Unterstützung seiner Schwester Winifred. Als anglikanische Priesterin fand sie die Vermarktung von Glastonbury durch die New-Age-Industrie ebenso schwer erträglich wie er. Gewiss, sowohl die Stadt als auch die Abtei konnten auf eine lange Tradition von Ausschmückungen der Wahrheit zurückblicken, gipfelnd in dem größten Schwindel aller Zeiten, der Ausgrabung der angeblichen Gebeine von König Artus und Königin Guinevere auf dem Friedhof der Abtei im Jahre 1191.

Winnie, die immer nur das Beste in den Menschen sehen mochte, beharrte darauf, dass die Mönche in gutem Glauben gehandelt hätten, aber Andrews Einstellung war da schon zynischer. Nach der verheerenden Feuersbrunst von 1184 hatte die Abtei dringend Geldmittel für den Wiederaufbau gebraucht. Die »zufällig« aufgefundenen Reliquien brachten Pilger nach Glastonbury – und damit Einnahmen. Die menschliche Natur hatte sich in acht Jahrhunderten nicht sehr verändert, dachte er grimmig.

Er bemerkte, dass es inzwischen fast völlig dunkel geworden war, pfiff nach Phoebe und legte ihr die Leine wieder an. Sie machten sich auf in Richtung Tal. Während Phoebe sich ihren Weg durch die Grasbüschel bahnte, stapfte Andrew hinterher und dachte dabei über die Geschichtsstunde für seine Abschlussklasse nach, die er für morgen noch vorbereiten musste. Primaner waren immer schwierig – zutiefst überzeugt von ihrer Wichtigkeit, an der Schwelle zu Erwachsenenfreiheit und Studium –, doch bei einem bestimmten Mädchen hegte er durchaus Hoffnungen, denn sie war eine gelehrige Schülerin und sehr an Archäologie interessiert. Aber er war schon des Öfteren enttäuscht worden. Es zahlte sich nicht aus, sich für Jugendliche allzu sehr zu engagieren.

Winnie neckte ihn gerne wegen seiner Schüler; sie sagte, er sei im falschen Jahrhundert geboren. Ihrer Ansicht nach hätte er einen perfekten Gentleman-Archäologen des neunzehnten Jahrhunderts abgegeben, umringt von andächtig lauschenden Jüngern. Andrew fand jedoch, dass der Ausdruck »andächtig« bei der Clique von gammeligen Doktoranden, die ihm gewöhnlich bei seinen Grabungen halfen, eher fehl am Platz war.

Er und seine Schwester hatten seit ihrer Kindheit ein sehr enges Verhältnis zueinander. Nach dem frühen Tod beider Eltern rückten sie noch näher zusammen, und als Winnie nach fünf Jahren London eine Pfarrei in der Nähe von Glastonbury bekam, da dachte er, sein Leben sei vollkommen. Er hatte es wohl als selbstverständlich hingenommen, dass alles einfach immer so weitergehen würde – er spielte bis vor kurzem sogar mit dem Gedanken, sein Haus auf Hillhead zu verkaufen und zu Winnie ins Pfarrhaus zu ziehen. Sie teilten schon immer gemeinsame Interessen, insbesondere ihre Liebe zur Musik, und sie waren gewohnt, ihre Freizeit zusammen zu verbringen.

Aber alles war anders geworden, seit Winnie im letzten Winter ein Verhältnis mit Jack Montfort angefangen hatte.

Mit Winnie an seiner Seite war Andrew zufrieden gewesen  – mit seinem Lehrerberuf, seiner archäologischen Arbeit, seinen Aktivitäten in der Gemeinde –, aber nun schienen all diese Dinge, die ihm einmal so viel bedeutet hatten, plötzlich sinnlos.

Der Dornbusch ragte vor ihm auf, und seine windschiefe Silhouette zeichnete sich als dunklerer Schatten gegen die Dämmerung ab. Kurz darauf erreichte Andrew den Zauntritt an der Stelle, wo der Pfad auf seine Straße traf. Winnie liebte das Haus auf Hillhead mit seinem herrlichen Blick über die Somerset Levels, und sie war es, die ihm zu der schlichten Ausstattung geraten hatte, die die Wirkung der Aussicht noch erhöhte. Hier verbrachten sie so manchen Winterabend vor dem Kamin und verweilten im Sommer bis nach Einbruch der Dämmerung auf der Terrasse.

Als Andrew das Haus betrat, schien es ihn mit seiner Leere zu verspotten. Er hängte Phoebes Leine sorgfältig an den Haken neben der Tür und füllte dann ihre abendliche Portion Futter in den Napf. Doch nachdem er einen kurzen Blick in den Kühlschrank geworfen hatte, verlor er jegliches Interesse an der Zubereitung seiner eigenen Mahlzeit.

Stattdessen goss er sich nur ein Glas Rotwein ein und ging dann mit Glas und Flasche hinüber in das dunkle Wohnzimmer. Durch seine vorhanglosen Fenster konnte er unten in der Ebene schwache Lichtpunkte schimmern sehen, so weit entfernt wie die Sterne, die wie kleine Nadelstiche die Samtdecke des südlichen Himmels überzogen.

Es schien, als breche sein ganzes Leben um ihn herum zusammen, und in seiner Brust spürte er ein dunkles, kaltes Gewicht, das an ihm nagte wie ein Tumor. Er hatte anderswo Trost gesucht – ein törichter Irrtum mit so katastrophalen Folgen, dass er alles tat, um den Vorfall aus seinem Gedächtnis zu verdrängen.

Nie hätte er sich träumen lassen, dass irgendetwas – oder irgendjemand - ihn von seiner Schwester trennen könnte, oder dass er ihre Abwesenheit als so niederschmetternd empfinden würde. Hätte er je Winnies Glauben geteilt, so hätte dieser Schlag ihn erschüttert – wie konnte irgendein Gott ihn mit einem solchen Verlust strafen, nach all dem, was er durchgemacht hatte? Und kein Gott könnte es je wieder gutmachen, dachte er, während er sich ein zweites Glas Wein einschenkte. Das, so erkannte er nun in aller Klarheit, lag ganz und gar bei ihm.

Fiona Finn Allen war an diesem Morgen mit dem Geruch ihrer Kindheit in der Nase aufgewacht, der als Erinnerung an einen schon halb vergessenen Traum in der Luft lag. Der Duft, frisch und waldig-grün wie die Luft eines Sommermorgens am Loch Ness, begleitete sie den ganzen Tag über, immer kurz davor, aus ihrem Unterbewusstsein aufzutauchen. Er erfüllte sie mit einem tiefen, fast körperlichen Bedürfnis zu malen, doch sie widerstand dem Impuls.

Wann immer sie in den letzten paar Monaten zum Pinsel gegriffen hatte, war dasselbe Bild entstanden: ein Kindergesicht, das Gesicht eines kleinen Mädchens von vielleicht vier oder fünf Jahren. Wo das Bild herkam oder warum es so hartnäckig wiederkehrte, wusste sie nicht, aber immer wenn es auftauchte, fühlte sie sich hinterher krank, ihr Kopf schmerzte, und sie ahnte allmählich, dass damit irgendetwas ganz und gar nicht stimmte.

Jetzt kniete sie in dem dick mit Mulch bedeckten Rosenbeet, wo sie gnadenlos die verwelkten Blüten abschnitt und durch die Arbeit ihr Unbehagen abzuschütteln suchte. Bald würde sie ins Haus gehen und letzte Hand an ihre Gemüsesuppe legen. Sie erwartete ihre Freundin Winnie Catesby zum Mittagessen.

Es war eine sonderbare Freundschaft. Sie hatte die fundamentalen Glaubenssätze der christlichen Lehre nie akzeptieren können, und Winnie war eine anglikanische Geistliche, aber dennoch hatte Fiona ihre Verbindung mehr und mehr schätzen gelernt, seit sie Winnie vor einem Jahr bei einer Gemeinderatssitzung begegnet war. Winnie besaß die seltene Gabe, ihrem Gegenüber den Eindruck zu vermitteln, dass er oder sie ihre Aufmerksamkeit wirklich verdiente, und die Zeit, die sie mit ihr verbrachte, half Fiona, mit dem Kummer fertig zu werden, der ihre Lebensfreude schon so lange trübte.

Nicht einmal ihr Mann konnte diesen Schmerz heilen, obwohl er ihr in anderer Beziehung so viel Freude schenkte. Sie setzte sich auf die von der Sonne angewärmte Erde, dachte daran, wie schön Bram gewesen war, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, und lächelte.

Auch jetzt, obwohl seine einst goldenen Locken kurz geschnitten waren und sein Haar dünner geworden war, und trotz der unvermeidlichen leichten Erschlaffung seiner feinen Gesichtszüge, fand sie ihn noch unwiderstehlich.

Welch ein Glück für sie, dass das Schicksal beschlossen hatte, sie beide wie gestrandete Pilger aus alten Zeiten zum ersten Pilton Festival zusammenzubringen – zum Glastonbury Fayre. Sie und Bram hatten in Glastonbury ihre Bestimmung gefunden, und sie mussten es nie bereuen. Bram verkaufte ihre ersten paar Bilder auf der Straße, und dann hatte der Erfolg es ihm ermöglicht, eine Galerie zu finden, die ihre Arbeiten ausstellte. Nicht lange darauf gehörte die Galerie schon ihm, und seither hatte er sich einen internationalen Kundenkreis erschlossen, nicht nur für ihre Arbeiten, sondern auch für die anderer Maler, deren er sich annahm.

Sie hatten sich ein gutes Leben aufgebaut, Fiona und Bram, auf der Grundlage ihrer gemeinsamen Anstrengungen und ihrer Liebe zueinander. Aber in ihren Träumen erkannte sie bisweilen dieses Leben als das zerbrechliche Ding, das es war, und dann riss die plötzliche Angst sie aus dem Schlaf.

Unschlüssig stand Jack vor dem Gebäude der Glastonbury Assembly Rooms, einem hässlichen würfelförmigen Block, der um 1860 zum Teil aus Steinen erbaut worden war, die vom Gelände der Abtei stammten. In der Abenddämmerung wirkte auch die Gasse, die von der High Street zu dem Gebäude führte, nicht sonderlich einnehmend – es roch nach Feuchtigkeit und Katzenurin, und die zerfetzten Überreste von Plakaten an den Türen bildeten eine triste Collage.

Aber das Plakat, das für die Veranstaltung am heutigen Abend warb, hatte noch nicht unter den Verwüstungen von Zeit und Witterung gelitten. Simon Fitzstephens asketisches Gesicht war Jack vertraut – er hatte es oft genug auf den Schutzumschlägen von Fitzstephens Büchern gesehen, seit er damit begonnen hatte, in Nick Carlisles New-Age-Buchladen zu stöbern. Fitzstephen war ein anglikanischer Geistlicher, der sein Amt aufgegeben hatte, um sich ganz seinen Studien zu widmen, und seine Bücher gehörten zu den konservativeren im Angebot der Buchhandlung. Der Autor stammte aus der Gegend; er war eine anerkannte Autorität auf den Gebieten der frühen Kirchengeschichte und der Gralsmythologie. Was würde Fitzstephen wohl denken, fragte sich Jack, wenn er von der Korrespondenz wüsste, die er seit einigen Monaten mit einem toten Mönch führte?

Wie ein Juwel gefasst in grüne Auen, so lag die Abtei da... eine Stadt, sich selbst genügend. Wir traten durch die östliche Pforte ein... die nicht mehr existiert... alles ist verschwunden.