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Mirja, eine junge Bäuerin, verlässt ihren kleinen Hof im Norden Finnlands und macht sich mit den beiden Kindern auf eine lange Wanderung durch Kälte, Eis und Schnee. Ihr Ziel, das sie trotz aller Warnungen, mit viel Energie und Mut, unbedingt erreichen will, ist St. Petersburg, das Zentrum des Zarenreichs, zu dem Finnland damals, 1867, gehört. Sie hofft, dort einen Platz zu finden, wo sie mit ihren Kindern leben kann. Dort, meint sie, gibt es Brot für alle.Es ist die große Hungerzeit. Zwei Jahre Missernte, extreme Kälte, extrem kurzer Sommer. Zehntausende sind auf der Flucht nach Süden, wo sie auf Hilfe hoffen. Man nennt sie dort: Vagabunden, Bettler, Fremde. Not macht Menschen nicht besser.Der Roman von Aki Ollikainen, 2012 in Finnland als bestes literarisches Debüt ausgezeichnet, erzählt die Geschichte einer entschlossenen, mutigen Frau, die mit ihren Kindern ums nackte Überleben kämpft, dabei immer wieder Menschen begegnet, die sie abweisen, ihre Not ausnutzen, misstrauisch reagieren, ihr manchmal aber auch ohne Zögern helfen.In beeindruckend plastischer, einfühlender Sprache gelingt Aki Ollikainen eine packende Parabel über die unbändige Kraft der Hoffnung und auch darüber, wie unterschiedlich Menschen sich verhalten, wenn sie mit Fremden, die um Hilfe bitten, konfrontiert werden. Nicht nur in Finnland...
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2013
Aki Ollikainen
DAS HUNGERJAHR
Aus dem Finnischen übersetzt von Stefan Moster
© 2012 by: Aki Ollikainen© 2013 für die deutsche Übersetzung
by: TRANSIT Buchverlagwww.transit-verlag.de
Originaltitel: Nälkävuosi, Siltala, Helsinki 2012Die Übersetzung wurde gefördert durchFILI, Finnish Literature Exchange
Umschlaggestaltung, unter Verwendung eines Fotosvon finnishnature/flickr, und Layout: Gudrun FröbaDruck und Bindung: Pustet, RegensburgISBN 978-3-88747-289-4ISBN 978-3-88747-296-2 ebook
INHALT
Prolog
Oktober 1867
Mataalenas Buch
Der Senator
Dezember 1867
Marjas Buch
Der Senator
Juhos Buch
April 1868
Der Senator
Epilog
PROLOG
Die Ruderdollen schreien wie ein Vogel.
Im Boot liegen drei magere Hechte. Sie sehen mehr nach Schlangen als nach Fischen aus. Sie zucken nicht mehr, sie sind in der Kälte erstarrt. Ihre Mäuler stehen offen, noch immer entrinnt ihnen Blut, das sich in dünnen Schnörkeln mit dem Wasser zu Mataleenas Füßen mischt.
Mataleena steckt die Hand in den kalten See, lässt sie träge neben dem Boot hergleiten, bis sie die Kühle in den Gelenken spürt. Der Wind zupft an der Wasseroberfläche, der Himmel spiegelt sich fleckenweise, in Stücken, als wäre er zerschlagen worden.
Juhani reckt den Hals wie ein Kranich nach oben. Mataleena folgt mit dem Blick zuerst dem ädrigen Hals ihres Vaters, dann der dünnen Nasenwurzel und richtet schließlich auch die Augen zum Himmel, der sich wie ein riesiger Silberlöffel über dem See wölbt.
»Sie fliegen schon nach Süden«, seufzt Juhani.
»Wer?«
»Die Schwäne.«
»Ich sehe keine Vögel.«
»Weil sie eben schon fort sind.«
Juhanis Blick senkt sich auf Mataleena.
»Immerhin haben wir ein paar Fische gefangen.«
Juhani zieht das Boot zwischen den Büschen an Land. Marja ist ihnen entgegengekommen, sie setzt Juho ab, und Mataleena ergreift die Hand ihres kleinen Bruders. Marja guckt verstohlen ins Boot.
»Die sind aber mager.«
Schwarz spiegeln sich am Ufer gegenüber die Bäume im Wasser, ein Prachttaucher ruft. Bald wird auch er in südliche Richtung fliegen.
Auf einem schmalen Pfad gehen sie durch den Wald. Als Marja sich bückt, um nach Preiselbeeren zu schauen, hört man ein kurzes, wütendes Zischen, als fiele ein Stück glühende Kohle ins Wasser. Marja kreischt auf, macht einen Satz nach hinten und fällt, weil die Füße nach dem Sprung nicht sicher auf der Erde landen, in die Sträucher. Zuerst sieht sie die blassen Preiselbeeren, denen die kalten Nächte zugesetzt haben, als undeutliche Punkte vor sich, dann schaut sie in die Richtung, aus der das Zischen kommt: Ein schwarzes Knäuel nimmt langsam die Gestalt einer Schlange an. In ihren Augen liegt die Farbe erfrorener Beeren, die zwei Zähne sind wie Eiszapfen. Aber die Kreuzotter greift nicht an, sie zischt nur.
Juhani macht einen Schritt nach vorne und hält dabei einen Stein über den Kopf. Dann kommt der Angriff – von Juhani, nicht von der Schlange, die Schlange gerät unter den Stein.
Die Luft, die sich vor Entsetzen im Leib gestaut hat, entweicht mit einem Atemzug. Juhani streckt die Hand aus und hilft Marja auf die Beine.
»Das arme Biest. War schon ganz klamm und konnte nicht mehr fliehen.«
Marja blickt auf den Stein, es kommt ihr vor, als sähe die Schlange durch ihn hindurch.
»Lebt sie noch?«
»Nein.« Juhana bückt sich, um den Stein aufzuheben.
»Um Gottes willen, nicht! Lass ihn liegen! Ich will sie nicht sehen.«
»Dann eben nicht.«
Man hört ein ganz leises Zischeln, als der brennende Span das Wasser im Kübel erreicht. Noch schafft es das gedämpfte Licht, Juhanis Schatten an die Wandbalken zu zeichnen, als er sich auf seinem Bett aufrichtet, Marjas Rock hochschiebt, ihr die Hand aufs Knie legt und die Beine öffnet. Marja greift nach Juhanis hartem Glied. Auch sie möchte gerne, aber ihre Angst ist noch brennender als ihre Lust. Was, wenn sie schwanger wird? Noch mehr Münder zu füttern in diesem Elend. Sie drückt Juhani auf die Matratze zurück. Er seufzt und verbirgt seine Enttäuschung.
Langsam bewegt Marja die Hand, mit der sie Juhanis Glied umfasst, hin und her. Juhani entweicht ein gedämpfter Laut. Marja legt die andere Hand zwischen ihre Beine. Juhani kommt zuerst. Marja beißt in den Kragen ihres Nachthemds, als die Wellen durch ihren Körper laufen. Danach fühlt sie sich wieder leer. Sie streichelt Juhanis schlaffes Glied und denkt an die mageren Hechte.
OKTOBER 1867
Der Bauer muss geopfert werden. Ansonsten drängt die weiße Königin den König in die Ecke, und der Läufer kommt nicht rechtzeitig zu Hilfe. Er steht mehrere Züge entfernt.
Lars Renqvist muss feststellen, dass die Lage auf dem Brett hoffnungslos aussieht. Teo trommelt nervös mit den Fingern auf den Tisch. »Willst du nicht endlich aufgeben?«, sagt er zu seinem Bruder. »Oder wir hören auf und machen ein andermal weiter.«
»Von mir aus. Spielen wir die Partie zu Ende, wenn wir uns das nächste Mal sehen«, erwidert Lars.
Amüsiert mustert Teo das Gesicht seines Bruders, der noch immer die Spielfiguren auf dem Brett studiert. Er merkt, dass Lars gelernt hat, die Stirn zu runzeln wie sein von ihm vergötterter Vorgesetzter im Senat.
»Wenn du mich fragst, irrt sich dein Senator«, sagt Teo.
»Du verstehst den Charakter dieses Volkes nicht«, seufzt Lars und steht auf, um die Gläser mit Punsch zu füllen. Er reicht Teo ein Glas und spricht weiter: »Man muss den Leuten Arbeit verschaffen. Fängt man erst einmal an, ihnen ohne Gegenleistung Korn in den Kasten zu schütten, wird es kein Ende mehr nehmen. Unsere oberste Pflicht besteht darin, denjenigen, die keine Beschäftigung haben, welche zu geben.«
»Arbeit nutzt nicht viel und trägt auch keine Früchte, wenn es nichts zu essen gibt, das man dank seiner Arbeit kaufen kann.«
Lars ereifert sich. Der Senator hat beim Bankhaus Rothschild einen Kredit ohne Garantien durchgesetzt. Das ist nur gelungen, weil der Staat einen so guten Ruf besitzt. Dieses Vertrauen darf man nicht beschädigen, indem man beim ersten Rückschlag die Fassung verliert.
»Ich kann nicht begreifen, dass du das nicht verstehst«, erregt sich Lars.
In dem Moment geht die Flügeltür des Salons auf, und Raakel kommt mit dem Teetablett herein. Sie stellt es auf dem kleinen Tisch ab. Der Zeitpunkt könnte nicht günstiger sein. Lars holt tief Luft und beruhigt sich unter dem zärtlichen Blick seiner Frau.
Teo denkt, dass Raakel klüger ist als sein Bruder. Sie hätte das Bettlerproblem sicherlich schon aus der Welt geschafft, wäre jemand auf die Idee gekommen, sie darum zu bitten. Sie hätte alle aufgefordert, in ihre Häuser zurückzukehren: Sobald sich ein Topf findet, der groß genug ist, gibt es zu essen. Bis dahin muss man sich eben gedulden.
»Die Beschaffung des Nothilfegetreides sollte über Geschäftsleute abgewickelt werden. Das war die Idee des Senators, und er hatte damit vollkommen recht. Es ist nicht seine Schuld, dass die Kaufleute nicht aktiv genug gewesen sind«, sagt Lars wie ein geduldiger Vater, der seinem Kind zum siebten Mal denselben Sachverhalt erklärt.
»Es ist überhaupt kein Getreide beschafft worden. Und du kannst ebenso gut einen Pfarrer auffordern, sein letztes Hemd dem Nächsten zu geben, wie einen Kaufmann zu bitten, die Armen zu ernähren«, sagt Teo.
Die Erwähnung der Pfarrer lässt Lars kurz verstummen, und Teo vermutet, dass sein Bruder noch immer Schuldgefühle hegt, weil keiner von beiden den Wunsch des Vaters erfüllt und sich der Theologie verschrieben hat.
»Ich kenne allerdings einen, der bereit ist, für die Huren von Helsinki sein letztes Hemd herzugeben«, sagt Raakel.
»Ich bin ein Arzt der Armen, so wie Paracelsus«, entgegnet Teo und breitet die Arme aus.
»Die Huren von Helsinki leiden keine Not, weil unser Herr Paracelsus sie alle heilt.«
Lars bricht in Lachen aus. Triumphierend schlägt Raakel die Tür hinter sich zu. Auch Teo amüsiert sich, als er sich das Siegeslächeln vorstellt, das sich nun auf Raakels Lippen bilden wird, nachdem sie das letzte Wort behalten hat. Was wäre sie für eine gute Mutter, wenn sie nicht unfruchtbar wäre. Allerdings kann es auch an Lars liegen, denkt Teo; vielleicht ist ihre Sippe dazu verdammt, mit ihnen beiden zu erlöschen.
Vielleicht ist das gerade der Hintergrund von allem: Der Hunger sondert die Schwächsten aus dem Volk aus, so wie der Gärtner die schlechten Äste des Apfelbaums abschneidet.
Nachdem Teo gegangen ist, vertieft sich Lars wieder auf das Schachbrett. Mit dem Bauern könnte er sich ein paar Züge Zeit erkaufen, aber selbst um ein Remis zu erreichen, müsste Teo schon einen Kardinalfehler begehen. Das Spiel ist verloren, und Lars ahnt, dass Teo es absichtlich offen gelassen hat. Vielleicht will er Lars Zeit geben, die Lage zu studieren, ihre Hoffnungslosigkeit zu begreifen.
Lars kommt die schmerzlich unbarmherzige Miene des Senators in den Sinn, als dieser ihn anfuhr:
»Hat der Herr stellvertretende Kämmerer noch etwas zu sagen? Ich habe meine Antwort diktiert, nun gehen Sie und expedieren Sie die Botschaft!«
Das ist bereits einen Monat her. Lars hatte vor der Tür des Senators gestanden und die Depesche, die von Gouverneur Alftan gekommen war, in der Hand gehalten, bemüht, sie nicht zu zerknittern, denn der Senator behielt sich das Recht vor, Telegramme zu zerknüllen und sie vor Wut quer durch den Raum zu schleudern. Im Norden war das Getreide ausgegangen, und Alftan wollte rasche Nothilfe haben. Lars war lediglich der unbedeutende Überbringer der Nachricht gewesen, aber der Senator hatte seinen ganzen Zorn auf ihn gerichtet. Vielleicht ist die Lage dort oben wirklich entsetzlich, hatte Lars zu sagen gewagt. Mit Sicherheit, jedenfalls in der Haushaltsführung, hatte der Senator erwidert. Und Lars hatte sich, von Verwünschungen begleitet, aus dem Raum entfernt und zunächst sich und seine unstete Gemütsart gehasst, dann alle Alftans dieser Welt, all die Beamten, die, wenn es eng wurde, Schwäche zeigten, sich dem ersten Luftzug beugten und einen großen Mann wie den Senator allein im Sturm stehen ließen. Schließlich hatte er die dummen Bauern im Landesinneren verflucht, die dicken faulen Gutsherren, die ihre Arbeiter hinauswarfen, damit mehr für sie selbst übrig blieb, obwohl es ihre Aufgabe wäre, die Armen zu ernähren, ob Gesinde oder Bettler.
»Für diesen Herbst ist es vorbei«, sagt Raakel.
Lars fährt zusammen und sieht seine Frau fragend an. Sie steht neben dem Hibiskus und streicht vorsichtig über dessen grüne Blätter.
»Er hat seit über einer Woche keine Blüte mehr gehabt.«
»Ach ja? Hat er früher nicht bis über die Feiertage geblüht?«
Lars zwingt sich aufzustehen und geht zu seiner Frau. Jedes Mal, wenn der Hibiskus zu Überwintern beginnt und Raakel nichts mehr hat, dem sie ihre Wärme und Liebe opfern kann, wird sie von der gleichen Wehmut befallen. Womöglich fängt er nie wieder zu blühen an. Den ganzen Winter über die gleiche Angst, stets der gleiche Satz, jedes Jahr, wenn Lars von der Arbeit kommt und seine Frau beim Streicheln der Hibiskusblätter antrifft.
»Im Frühling wieder.«
»Vielleicht, vielleicht. In diesen Tagen scheint alles Schöne zu verkümmern.«
Mit einer verschleierten Jungfrau im Arm reitet der Mann mit dem Turban durch die Wüste. Im Hintergrund geht die Sonne unter, ihre Strahlen vergolden den Palast.
Cecilia kauert sich nackt über die Schüssel und wäscht sich zwischen den Beinen. Das Wasser rinnt über die dunklen Schamhaare, glättet die kleinen Locken, von deren Spitzen Tropfen ins Gefäß fallen. Sie richtet den Rücken gerade, legt die Hände auf die Knie und spreizt die Beine noch ein wenig mehr. Ihre Scham ist nach der Vereinigung noch geöffnet.
»Es sieht dämlich aus, wie du das Kinn hängen lässt«, stellt Cecilia fest.
Teo reicht ihr ein Leinentuch, mit dem sie sich abtrocknet.
»Wie lautet dein Name? Dein richtiger Name?«
»Ist dir Cecilia nicht gut genug? Ich heiße Elin, aber die Hausdame wollte, dass ich mich Cecilia nenne. Oder eigentlich Cecile.«
»Und du stammst tatsächlich aus Dalarna in Schweden?«
»Ja.«
In einer Stunde kann sie ebenso gut Ulrika aus Polen sein, falls es verlangt wird. Sie schiebt die Schüssel unter den Tisch, hält dabei Teo den nackten Hintern hin und zwar höher als nötig gewesen wäre. Ihr Auftritt hat Erfolg. Teo versucht ihr den Rücken zuzuwenden, aber seine Füße sind am Boden wie festgenagelt, die Augen auf das nackte Gesäß geheftet, wo auf der hellen Haut noch blassrot die Abdrücke der Matratze zu erkennen sind. Sie weiß, dass ich gehen muss, denkt Teo. Etwas erschwert ihm das Atmen. Cecilia nimmt den Porzellantopf, der neben der Schüssel steht, und kauert sich nun über ihn. Teo findet die pinkelnde Frau erregend, aber er beschließt, dass sie dieses Spiel nicht gewinnen wird. Jedenfalls will er seine Niederlage nicht zeigen.
»Du bist und bleibst ein Mädchen vom Land, da kannst du machen, was du willst.«
»Wir befinden uns hier aber auch nicht gerade in Sankt Petersburg. Deine Heimatstadt ist ein Kaff auf einer erbärmlichen Felsinsel.«
»Ich meine es nicht böse. Ich wollte nur sagen, dass du bleibst, was du bist.«
»Was denn? Ein Mädchen vom Land? Warum sollte ich immer dieselbe bleiben wollen? Du willst das vielleicht, ich nicht.«
Teo hilft ihr ins Korsett und sieht ihren Busen beim Schnüren aufgehen wie warmes Brot.
Cecilia setzt sich an den Spiegeltisch, um ihr Haar wieder zum Dutt aufzustecken. Wegen des Windes schabt draußen ein kahler Ast am Fenster, die grauen Wolken am Himmel stauen sich. Schon landen die ersten Tropfen auf der Scheibe und rinnen herab.
»In Wahrheit billigst du nicht, was ich tue. Darum willst du mir einreden, ich wäre nur ein unschuldiges Mädchen vom Land. Was glaubst du, warum ich hier bin? Wenn du mich liebst, liebst du eine Hure. Bist du dazu bereit?«
Teo antwortet nicht. Er verfolgt, ob die zwei aus Regentropfen entstandenen Bäche einander erreichen, bevor sie am Fensterrahmen sterben.
Cecilia küsst ihn leicht auf die Wange.
»Du zahlst dafür, dass du mit mir schlafen darfst, obwohl du mich zu dir nach Hause holen und kostenlos nehmen könntest.«
»Ich kann nicht in aller Öffentlichkeit Frauen aus der Halbwelt am Arm führen.«
»Aber ich bin doch nur ein unschuldiges schwedisches Mädchen vom Land«, erwidert Cecilia, wobei ihre Stimme auf einmal eisig und spöttisch klingt.
»Hör schon auf. Du weißt, wie die Leute reden würden. In dieser Stadt könnte ich danach nie mehr ernsthaft meinen Arztberuf ausüben.«
»Glaubst du etwa, die Leute wissen es nicht längst? Wer immer sie auch sind.«
»Außerdem bezahle ich dich nicht dafür«, sagt Teo.
Cecilia hat sich inzwischen komplett angezogen. Sie setzt sich in den einzigen Sessel im Zimmer und schlägt routiniert ein Bein über das andere. Aus dieser Haltung heraus mögen Männer von Stand ihre Dienstboten ansprechen, Frauen hingegen ist sie nicht angemessen, findet Teo, aber zu Cecilia passt sie ganz selbstverständlich. Er schiebt die Hände in die Taschen, um sie nicht vor der stolzen Dirne hängen zu lassen wie ein kläglicher Fuhrmann. Er schaukelt von den Zehen auf die Fersen und zurück, so wie es Matsson und die anderen Männer im Hafen einst getan hatten, fällt ihm ein.
»Genau, du hast der Hausdame einen Dienst erwiesen. Du tust etwas für ihren Ruf, weil sie dem Behördenarzt bei der Kontrolle Mädchen präsentieren kann, die keine Krankheiten haben. Und als Gegenleistung schlafe ich mit dir. Das, mein lieber Teo, nennt man ein Geschäft.«
»Ich tue es deinetwegen. Und weil es mir etwas bedeutet, das mit dir und mir.«
»Ich glaube dir. Du tust das alles meinetwegen. Bloß sind die Augenblicke so kurz, die du in meiner Welt verbringst. Und ich besuche deine nie.«
Für ein Mädchen vom Land ist sie viel zu schlau, denkt Teo, das geht alles von ihrer Unschuld ab. Er kann sich überdies nie sicher sein, wann Elin und wann Cecilia spricht, und ob das einen Unterschied macht.
»Wer bist du? Elin oder Cecilia?«
»Hier bin ich immer Cecilia.«
»Müsste ich Elin in Schweden suchen gehen?«
»Elin ist tot.«
»Kann man sie nicht zum Leben erwecken?«
»Nur du hättest die Macht dazu, aber du bist trotzdem nicht dazu fähig. Du bist kein Jesus. Dir fehlt der Mut.«
Der Raum um Teo herum schrumpft und wird eng. Das Lächeln der Beduinenprinzessin ist leer, nur weil die Rolle es verlangt, zwingt sie sich dazu. Darum lacht auch der Reiter nicht. Sein Ernst ist nicht die Folge stolzer Gelassenheit. Der Maler hat sich selbst hineingemalt, nachdem er begriffen hatte, dass die Szene für immer und ewig in der Luft erstarrt und der Palast am Rand der Wüste bloß eine Fata Morgana ist.
»Dem Postboten ist mit einem Schlag der Schädel zertrümmert worden. Man hat ihm den Rücken aufgeschlitzt, sodass man ihm vom Fleck weg die Haut hätte abziehen können. Das Blut ist in Strömen den Zigeunerberg hinabgelaufen. Janne Halli hat es getan, ein Mann mit wildem Charakter, ein dunkler, stattlicher Typ. Beinahe einer wie die größten Bösewichte Ostbottniens, wenn auch nicht ganz so schlimm. Männer wie in Ostbottnien gibt es anderswo nicht, was ihre wilde Natur betrifft. Ich stamme auch von da«, beendet der kleine Mann seine Geschichte vom Raubmord in Kuorevesi.
Teo fällt es schwer, das Alter des Mannes einzuschätzen. Die Stimme und die Worte sind die eines Halbwüchsigen, aber das Gesicht ist gefurcht wie bei einem Austragsbauern.
Teo erinnert sich, im Dagbladet vom Mord an einem Postboten gelesen zu haben, der im ganzen Großherzogtum Aufsehen erregte, weil sich die Tat gegen einen Staatsdiener gerichtet hatte.
»Und übers Eis von Kuorevesi trabt der Fuchs von Janne Halli …«, fängt der Ostbottnier nun an zu trällern.
Die Weise bricht ab, als sich der große Pole neben dem Kerl auf die Bank fallen lässt, ihn in den Schwitzkasten nimmt und auf polnisch zu singen beginnt. Der kleine Mann versucht, sich mit Stößen von dem Polen zu befreien, aber der bemerkt in seiner Trunkenheit das klitzekleine Zappeln nicht einmal.
»Doktor, Doktor, Doktor«, lallt der Pole und schaut Teo schielend an.
Teo weiß, dass er den Mann am schnellsten los wird, wenn er ihm zu trinken gibt. Er winkt der Wirtin und bittet sie, Branntwein zu bringen. Als das Männlein, das sich als Ostbottnier ausgibt, das hört, reckt es den Hals, dreht aufgeregt den Kopf hin und her und hält nach der Wirtin Ausschau.
»Für dich nichts mehr«, schnaubt sie.
Teo bittet die Wirtin aber, auch dem Ostbottnier einzuschenken, und schon hält das Männchen begeistert seinen Becher hin.
