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In diesem Buch geht es um das Erwachen der Liebe in der Mutterschaft. Die Fülle von aktuellen Erkenntnissen zur Geschichte der Mütterlichkeit in Bildern zeigt uns: Das Wort »Mutter« hat sich über Jahrhunderte hinweg verändert und es unterliegt einem Bewusstseinswandel. Heutige Mutterbilder, Mutterideale, Mutterbegriffe und die Vorstellungen von Mütterlichkeit sind beeinflusst vom Konzept »Madonna« und von den Allegorien der Caritas. Dr. phil. Silke Morche beschreibt diese eindrucksvolle und bisher einzigartige Entstehungsgeschichte der Mütterlichkeit, die zum Leben erwacht. Lebendige Bilder und Zeugnisse schöpferischer Tätigkeiten führen uns auf eine Reise nach innen, um das Himmlische im Irdischen zu erkennen. Der besondere Akzent liegt auf den großartigen Meistern der Renaissance, die einen Mentalitätswandel zur Mütterlichkeit bezeugen. »Das Jahrhundert der Mutter« ist ein Appell und ein Herzöffner an alle Erwachsenen. Es ist ein Weckruf an die Menschheit. Es möchte einen wertvollen Beitrag dazu leisten, dass alle Kinder der Welt geliebt sind.
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Seitenzahl: 531
Veröffentlichungsjahr: 2022
Dr. phil. Silke Morche
Das Jahrhundert der Mutter
Eine Geschichte der Mütterlichkeit in Bildern
Mit einem Vorwort von Bernard Jakoby
Copyright: © 2022 Dr. phil. Silke Morche – [email protected]
Umschlag & Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Titelbild: Rafael – Madonna Sixtina
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
Softcover
978-3-347-70423-7
Hardcover
978-3-347-70424-4
E-Book
978-3-347-70425-1
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In Liebe allen Kindern gewidmet
„Gibt es denn nirgends das sehnsüchtige Suchen nach dem Wunder, das Bedürfnis, zu ihm seine Zuflucht zu nehmen, auf daß das Leben fortdauere? Gibt es kein Streben nach etwas jenseits des Individuellen, das weiter reicht, das sich in die Ewigkeit erstreckt, wo doch an diesem Weg die Erlösung läge, weil der Mensch das Bedürfnis verspürte, sein mühseliges Vernünfteln aufzugeben, und bereit wäre zum Glauben? (…) Doch, es muß in der Menschheit erhabene Gefühle geben, verschieden von denen des alltäglichen Lebens, ja, ihnen entgegengesetzt. Sie sind die göttliche Stimme, die nichts zu ersticken vermag: und sie ruft die Menschen, ruft sie, auf daß sie sich zusammenscharen um das Kind.“
(Auslassg. Mo, Montessori 1980, S. 285f.)
Über die Autorin
Dr. phil. Silke Morche ist staatlich examinierte Kinderkrankenschwester und promovierte Diplom-Pädagogin. Die Ausbildung absolvierte sie an der Medizinischen Berufsfachschule am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden. Sie studierte Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Kleinkindpädagogik, die Nebenfächer Psychologie und Soziologie und Philosophie an der Freien Universität Berlin und an der Université Paris-Sorbonne, an der Université 8 Vincennes Saint-Denis und am Collège de France in Paris. Im Jahr 2008 promovierte sie am Institut für Bildungswissenschaften mit einer Dissertation über die UN-Kinderrechtekonvention an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Silke Morche übernahm Lehrtätigkeiten, u.a. von 2009 bis 2010 an der Freien Universität Berlin und von 2016 bis 2020 an der Stiftung Universität Hildesheim. Im Jahr 2010 erhielt sie den Preis der besten Lehre in der Kategorie „Lehrbeauftragte“ an der Freien Universität Berlin. Nach 20jähriger Berufspraxis, in der Pflege und Betreuung von kranken Menschen, ist sie seit 2021 als Lehrerin in der Aus- und Weiterbildung an einer (Alten-) Pflegeschule tätig. Seit 1999 hält Silke Morche Vorträge. Ihr besonderes Anliegen ist die Förderung der Liebe und der Empathie der Erwachsenen für Kinder.
Anmerkung
Das Werk wurde als wissenschaftliche Schrift konzipiert. Es ist die unveränderte Fassung meiner, als Habilitationsschrift geplanten, Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort von Bernard Jakoby
Vorwort von der Autorin:Vom Recht des Kindes geliebt zu werden
„Die Sixtinische Madonna“ von Raffael (1512/1513)
1 Einleitung
1.1 Ausgangspunkte
1.1.1 „Die Mutterliebe“ nach Élisabeth Badinter
1.1.1.1 Die Infragestellung des Mutterinstinktes
1.1.1.2 Das Sozialverhalten der Mütter ab dem 17. Jahrhundert
1.1.1.3 Die Revolution der Einstellungen zum Ende des 18. Jahrhunderts
1.1.1.4 Das Bild von der guten Mutter seit dem 18. Jahrhundert
1.1.2 „Geschichte der Kindheit“ von Philippe Ariès
1.1.2.1 Die Entdeckung der Kindheit im Mittelalter
1.1.2.2 Kritikpunkte zur „Geschichte der Kindheit“
1.1.3 „Hört Ihr die Kinder weinen“ von Lloyd deMause
1.1.3.1 Sechs Formen der Eltern-Kind-Beziehungen
1.1.3.2 Hypothesen zu den Eltern-Kind-Beziehungen
1.2 Fragen
1.3 Materialien
1.4 Grenzen
1.5 Methoden
1.6 Zusammenfassung
2 Das Wort „Mutter“ und das Wort „Mütterlichkeit“
2.1 Das Wort „Mutter“ seit dem 8. Jahrhundert
2.2 Das Wort „Mutter“ seit dem 13. Jahrhundert
2.3 Das Wort „Mutter“ seit dem 14. Jahrhundert
2.3.1 Die Aufwertung der Mutterschaft und der Mutterliebe
2.3.2 Der neue Begriff „Rabenmutter“ als Schimpfwort
2.4 Das Wort „Mutter“ seit dem 16. Jahrhundert
2.5 Das Wort „Mutter“ seit dem 18. Jahrhundert
2.6 Das Sterben der Mütter am Kindbettfieber
2.6.1 Das Kindbettfieber bis zum 19. Jahrhundert
2.6.2 Die Rettung der Mütter seit dem Jahr 1846
2.7 Die neue Mütterlichkeit mit den Brüdern Grimm
2.7.1 Die Märchen der Brüder Grimm von 1812 bis 1857
2.7.2 Der Wandel des Wortes „Mutter“ im Jahr 1885
2.7.2.1 Mütterlichkeit als neue Weiblichkeit
2.7.2.2 Das Wort „mütterlich“ als der Mutter Inneres
2.8 Die Entwicklung der Mutterrolle im 19. Jahrhundert
2.8.1 Die sog. halben Mütter nach Erasmus von Rotterdam
2.8.2 Das Wort „Mutter“ zum Ende des 19. Jahrhunderts
2.9 Zusammenfassung
3 Bilder der Caritas
3.1 Das Wort „Caritas“, seine Bedeutungen und Assoziationen
3.1.1 Das Wort „Caritas“ und seine Bedeutungen
3.1.2 Assoziationen zum Wort „Caritas“ und der Begriff „Care“
3.2 Die Anfänge der Caritas im Alten Ägypten
3.2.1 Ein erstes karitatives Zeugnis im Alten Ägypten
3.2.2 Das Wiegen des Herzens auf altägyptischen Totenbildern
3.2.3 Die doppelte Entgrenzung der Caritas
3.3 Das Herzstück der Grundlagen der Caritas
3.3.1 Der erste Brief des Apostel Paulus
3.3.2 Die Worte aus dem Hohelied der Liebe
3.3.3 Inhalte des Hoheliedes der Liebe
3.4 Caritas und vollkommene Caritas im Christentum
3.4.1 Die Caritas als Fürsorge bei den Kirchenvätern
3.4.2 Die Gesinnung der Caritas seit dem Mittelalter
3.4.3 Geistliche Mütterlichkeit als vollkommene Caritas
3.4.3.1 Geistliche Mütterlichkeit in Familien in Christus
3.4.3.2 Die Jungfrauen Gottes als Bräute Christi
3.5 Barmherzigkeit als Haltung der Caritas
3.5.1 Der Begriff der Barmherzigkeit
3.5.2 Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter
3.5.2.1 Das Gleichnis als Appell zur Sorge
3.5.2.2 Barmherzigkeit in pädagogischen Konzepten
3.5.2.3 Ein Bild vom barmherzigen Samariter
3.5.3 Die Werke der Barmherzigkeit
3.5.3.1 Die leiblichen Werke der Barmherzigkeit
3.5.3.2 Die geistlichen Werke der Barmherzigkeit
3.5.4 Darstellungen der Werke der Barmherzigkeit
3.5.4.1 Werke der Barmherzigkeit seit dem 13. Jahrhundert
3.5.4.2 Werke der Barmherzigkeit in der Armen- und Krankenpflege
3.6 Barmherzigkeit in der Geschichte der Krankenpflege
3.6.1 Die erste Krankenpflegerin Hygieia
3.6.1.1 Die Erscheinung der Göttin Hygieia
3.6.1.2 Hygieia als Zeugin des hippokratischen Eides
3.6.2 Die geistliche Mutter Hildegard von Bingen
3.6.2.1 Zum Leben der Hildegard von Bingen
3.6.2.2 Die Caritas nach Hildegard von Bingen
3.6.3 Die Nährmutter der Armen Elisabeth von Thüringen
3.6.3.1 Zum Leben der Elisabeth von Thüringen
3.6.3.2 Werke der Barmherzigkeit von Elisabeth von Thüringen
3.6.4 Die Beginen und die Begine Mechthild von Magdeburg
3.6.4.1 Die Beginen im Dienst der Barmherzigkeit
3.6.4.2 Die Begine Mechthild von Magdeburg
3.6.5 Die Ordensnonnen vom Hôtel-Dieu
3.6.6 Der „Engel der Verwundeten“ Florence Nightingale
3.7 Zusammenfassung
4 Ein Konzept Madonna
4.1 Die Heiligenverehrung im Wandel der Zeit
4.1.1 Heilige seit der frühchristlichen Kirche
4.1.2 Seligsprechung und Heiligsprechung im Christentum
4.1.3 Maria als die am meisten verehrte Heilige
4.2 Mariendogmen in der römisch-katholischen Kirche
4.2.1 Maria als Gottesmutter und als ewige Jungfrau
4.2.1.1 Die „Madonna von Foligno“ von Raffael
4.2.1.2 Die „Madonna von Foligno“ als Vorarbeit für die „Sixtinische Madonna“
4.2.1.3 Figürliche Darstellungen der Gottesmutter
4.2.1.4 Holzbildwerke der Gottesmutter
4.2.1.5 Geschenke an die Gottesmutter
4.2.2 Die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria
4.2.2.1 Bilder von der Mondsichelmadonna
4.2.2.2 Das Bild von der Maria Immaculata
4.2.3 Die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel
4.2.3.1 Wiederbelebung von Bildern antiker Muttergottheiten
4.2.3.2 Isis mit dem Horuskind auf dem Schoß
4.2.3.3 Ein Bild vom Bildtypus der Maria lactans
4.3 Weitere Formen der Marienverehrung
4.3.1 Feste, Wallfahrtsorte und Kirchen zu Ehren Marias
4.3.2 Titel und Würdenamen zu Ehren Marias
4.3.3 Gebete und Musik zu Ehren Marias
44 Das Marienleben in Bildern und Textquellen
4.4.1 Zum Thema Marienleben in Bildern und Textquellen
4.4.1.1 Das Marienleben in den Evangelien
4.4.1.2 Die marianischen Legenden in Bildern
4.4.2 Die Mariä Verkündigung im Lukasevangelium
4.4.2.1 Der Bildtypus der Demutsmadonna
4.4.2.2 Die Verkündigung an Maria als Holzschnitt
4.4.3 Die Mariä Heimsuchung im Lukasevangelium
4.4.4 Das Magnificat Marias im Lukasevangelium
4.4.5 Die Geburt Jesu im Lukasevangelium
4.4.6 Die Segnung der Kinder im Markusevangelium
4.4.7 Die geistige Mutterschaft im Matthäusevangelium
4.4.8 Die lebenslange Sorge Marias als Schmerzensmutter
4.4.8.1 Das Bild der Marienklage und der Schmerzensmutter
4.4.8.2 Die Sorge Marias als Abbild und Ideal im Wandel
4.4.8.3 Die Aktualität der lebenslangen Sorge Marias
4.5 Zusammenfassung
5 Allegorien der Caritas
5.1 Die Allegorie der Caritas von Raffael (1507)
5.2 Die Allegorie der Caritas in Cesare Ripas „Iconologia“ (1593)
5.3 Weitere Allegorien der Caritas, als nährende und fürsorgende Mutter
5.4 Die Allegorie der Caritas als Lehrmeisterin seit dem 16. Jahrhundert
5.5 Die Allegorie der Caritas als Stadtmutter ab dem 16. Jahrhundert
5.6 Die Carità Educatrice nach Lorenzo Bartolini (1822)
5.7 Die Allegorie der Caritas nach Vanessa Beecroft (2006)
5.8 Die Entwicklung der Allegorien der Caritas
5.9 Zusammenfassung
6 Ergebnisse
7 Kritik und Reflektion: Die Liebe des Kindes
8 Vision
Anhang
A Danksagung
B Literatur
C Weitere Quellen (Auswahl)
D Abkürzungen
Vorwort von Bernard Jakoby
In der Schrift von Silke Morche geht es um das Erwachen der Liebe in der Mutterschaft. Maria Montessori vertrat die Ansicht, dass das Kind die Eltern bildet. Es ist die Aufgabe der Eltern, dem Kind durch Liebe und Fürsorge zu dienen. Erziehung wird als schöpferische Arbeit in bedingungsloser Liebe verstanden. Die Mutter wird sozusagen zum Schutzengel des Kindes, um durch Selbstliebe und Selbstakzeptanz den göttlichen Kern zu erkennen.
Sah man in früheren Jahrhunderten das Kind als etwas Böses, das durch Zucht, Strafe und Ordnung zum Besseren belehrt werden muss, so wurde durch die Montessoripädagogik der liebevolle Umgang mit dem Kind in den Vordergrund gestellt. Allerdings scheinen sich diese Ansätze nicht wirklich durchgesetzt zu haben, denn dann hätten wir heute ein gewaltfreies und liebevolles Miteinander und nicht das ständige Gegeneinander auf der ganzen Welt.
Die Hauptbotschaft der Autorin ist die Erkenntnis, dass wir von unserer geistigen Natur her Liebe sind und dass das die Wahlfreiheit des freien Willens des Menschen zwischen Liebe und Angst ausmacht. Hinter der Angst steht das Gesamtspektrum menschlicher Negativität: Wut, Hass, Zorn, Aggression bis hin zu Gier, Habenwollen, Krieg, Totschlag und Mord. Diese Wahlmöglichkeit, einem Kind zu vermitteln, ist die Hauptaufgabe der Mutterschaft.
In der heutigen postmodernen Gesellschaft dient die Mutterschaft der biologischen und soziokulturellen Reproduktion. Die Mutter ist Beziehungsexpertin und sichert die Entwicklung des Kindes. Daneben ist sie berufstätig und verwirklicht sich selbst. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Mutterschaft allerdings nur mit geringer gesellschaftlicher Wertschätzung verbunden. Es wird ein Bogen gespannt, zu den Müttern der Barmherzigkeit in der Krankenpflege und Sterbebegleitung. Historische Persönlichkeiten, wie die heilige Gertrud, Hildegard von Bingen oder Elisabeth von Thüringen, stehen für die Öffnung des Herzens für Menschen in Not und stellten sich in den Dienst der Menschlichkeit.
Da führt eine direkte Linie des Erwachens der Liebe zur Pionierin der Sterbeforschung, Elisabeth Kübler-Ross, die heute als „Mutter“ derartiger Forschungen gilt und durch ihre Beobachtungen bei Sterbenden zur Verbreitung des Hospizgedankens auf der ganzen Welt beigetragen hat. Bis heute ist ehrenamtliche Sterbebegleitung eine Domäne von Frauen, die in ihrer Mehrzahl Mütter sind.
Claudia Cardinal prägte den Begriff „Sterbeamme“ und bietet heute zertifizierte Ausbildungen in diesem Bereich an. Wie die Hebamme dabei behilflich ist, die Mutter während der Geburt zu unterstützen, versucht die Sterbeamme durch Mitgefühl und Eingehen auf die Bedürfnisse des Sterbenden, ihm einen möglichst friedvollen und sanften Übergang in die andere Welt zu ermöglichen.
Der Kreis zwischen Geburt und Tod schließt sich nicht zuletzt durch die Analogie von Geburt und Sterben: Wenn ein Mensch geboren wird, muss zunächst die Nabelschnur durchtrennt werden, um ein eigenständiges Wesen zu werden. Wenn wir sterben, wird im Augenblick des Todes die feinstoffliche Silberschnur durchtrennt und macht es der Seele unmöglich, in den Körper zurückzukehren. Darin zeigt sich noch einmal, dass wir ewige geistige Wesen sind.
Ziel und Sinn unseres Lebens ist es, seelisch und geistig zu wachsen und lieben zu lernen, damit wir bewusst in die uns stets umgebende göttliche Liebe erwachen können. Dazu tragen auch die Mütter bei, die in den unruhigen Zeiten der Gegenwart den Mut aufbringen, Kinder in die Welt zu setzen. Ihre Aufgabe ist es, den Kindern der nachfolgenden Generationen bedingungslose Liebe zu schenken, so dass sie wieder lernen, sich selbst zu lieben und überhaupt zu erfahren, was Liebe ist.
Ich selbst verdanke es meiner Mutter Hildegard Jakoby, dass ich die Erfahrung der bedingungslosen Liebe machen durfte. In allen Krisen war sie stets für mich da und nahm mich an, wie ich bin. Das gab mir Vertrauen und führte mich in die ständige Präsenz der göttlichen Liebe in meinem Inneren. Die Richtschnur unseres Lebens kann es nur sein, in Konfliktsituationen unseres Lebens uns stets zu fragen: Was würde die Liebe tun?
Ich wünsche diesem Buch eine breite Öffentlichkeit und danke Silke dafür, dass sie Teil meines Lebens geworden ist.
Berlin, im Juni 2014 Bernard Jakoby
Vorwort von der Autorin:Vom Recht des Kindes geliebt zu werden
Liebe Leserin und lieber Leser,
es ist mir eine große Freude, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich begrüße Sie ganz herzlich zum Werk „Das Jahrhundert der Mutter“. Ganz herzlich Danke sagen möchte ich Ihnen für Ihr Interesse an diesem Thema und dass Sie diese Schrift lesen. Vielen Dank für Ihre wertschätzende Haltung, mit der Sie diesem Text begegnen.
Den Anstoß für das vorliegende Gedankengut gab das uns liebende Kind, der kleine Morgen, der das Licht der Welt erblickt. (vgl. Morche 2008) Die Ereignisse zur UN-Kinderrechtskonvention eröffneten Perspektiven im Bereich des Kinderschutzes und der globalen Kinderhilfen. Insbesondere das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung stellt einen Meilenstein in Deutschland dar. Gewalt verletzt die Würde des Kindes. Ein neues Leitbild wurde formuliert. Es appelliert an alle Erwachsenen, ihr soziales Verhalten und ihre Gefühle dem Kind gegenüber zu überdenken. Es formuliert eine Vision von einer Zukunft, in der alle Kinder friedvoll, liebevoll und geschützt aufwachsen können. Denn Gewalt in der Kindheit verändert die Seelen für immer. Ein ungeliebtes Kind trägt Spuren der Folter in seiner Seele.
Was ich jedoch feststellen musste, ist, dass das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung bisher nur unzureichend in Deutschland bekannt ist und dass es ein Recht des Kindes, geliebt zu werden, bisher nicht gibt. Jedes Kind hat ein Recht darauf, geliebt zu werden. Der Umgangston, der den Kindern gegenüber von so manchem Erwachsenen angeschlagen wird und die Berührungen, denen Kinder immer wieder ausgesetzt sind, erinnern oft nicht an eine liebevolle, empathische Kommunikation mit einer verletzbaren Kinderseele.
So erschüttert mich der aktuelle Fall aus Sarstedt, in der Region Hildesheim, sehr. Die 60-Jährige hatte sich im Alter von 52 Jahren in Spanien, durch eine Ei- und Samenspende, erfolgreich künstlich befruchten lassen. Das Kind kam 2013 zur Welt. Vom Partner, mit den sie ein Kind haben wollte, war sie zur Geburt getrennt. Der Junge wurde über viele Jahre hinweg von ihr in einem Schrank eingesperrt. Sie entzog ihm über Jahre Lebensmittel und bestrafte ihn durch Schläge mit einer Thermoskanne. Der Junge bettelte Mitschüler und Lehrer um Essen an. Auf Grund der Corona-Pandemie musste die Schule zwei Monate schließen. Als am ersten Schultag, nach dem Lockdown, die Mutter das Kind krank meldete, wurde das Jugendamt informiert, welches aber von der Mutter nicht in die Wohnung gelassen wurde. Schließlich fanden Polizisten ein lebensbedrohlich abgemagertes Kind. Der sieben Jahre alte Junge wog nur 13,8 Kilogramm und hatte Blutergüsse am Kopf. Auch der ältere Sohn hat im Kindesalter unter ähnlichen Erfahrungen gelitten. Er war unter anderem mit einer Gabel und mit einem Cuttermesser, mit Essensentzug und Einsperrungen von der Mutter verletzt worden. Im Alter von 15 Jahren flüchtete er ins Kinderheim und gibt bis heute an, an Depressionen und Ängsten und an den Folgeschäden zu leiden. Beide Kinder wurden also über Jahre hinweg von der Mutter schwer misshandelt und vernachlässigt. (vgl. Spiegel Online 2021)
Solche grausamen Lebenslagen von Kindern sind Appelle an die Gesellschaft sich dem Kinderschutz zu widmen. (vgl. Morche 2008) Es gibt einen großen Handlungsbedarf, der trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse besteht. Zugleich fordern uns diese Ereignisse auf, sich mit der Geschichte der Mütterlichkeit in Bildern zu beschäftigen, um solche schlimmen Ereignisse in Zukunft unbedingt zu verhindern.
Darüber hinaus, scheint das große Leid der Kinder auf der Welt, in vielen anderen Regionen der Erde, auch kein Ende zu nehmen. Das macht mich zutiefst betroffen. Kriege, Hungersnöte, Todesängste, Bildungsarmut sowie weiteres, grausames, unnötiges Elend, ohne jede Perspektive auf eine Besserung der Lage, sind der Alltag vieler Kinder auf der Welt. Das zwingt sie und ihre Familien dazu, die Heimat zu verlassen und auf lebensgefährlichen Wegen zu flüchten. Seit Generationen wachsen in manchen Gebieten der Welt die Menschen im Krieg auf. Die Kindererziehung ist zur globalen Frage der Sorge geworden. Alle Erwachsenen sind aufgefordert, ihre Haltung zu überdenken, um miteinander und mit allen Kindern liebevoll und friedvoll umzugehen.
Hinzu kommen die globalen Umwälzungen durch die so genannte Corona-Pandemie. Man gewinnt den Eindruck, dass die damit verbundenen Umstrukturierungen, viele Generationen prägen werden. Insbesondere in den ärmeren Regionen der Erde sind gerade Kinder die Leidtragenden durch Hunger, Not, Verlust ihrer Eltern, Ausbeutung und Unabänderlichkeiten der Lebensbedingungen. Die Kinderarbeit nimmt zu. Mütter und Väter sehen sich nicht selten ohnmächtig, den Veränderungen ihres Lebensstandards bei hohem Infektionsrisiko, gegenüber, wenngleich von Staaten, Organisationen und Institutionen versucht wird, Leid und Schaden von der Bevölkerung abzuwenden. Auch in den wohlhabenderen Teilen der Erde sind die Kinder hohen Risiken ausgesetzt.
In Europa hinterlässt der Ukraine-Krieg unfassbar grausame Spuren von Gewalt und Leid bei Kindern und Erwachsenen, was uns in unserer Tiefe berührt und fassungslos hinterlässt, und uns auch hier wieder dazu appelliert, uns mit der Geschichte der Mütterlichkeit in Bildern zu beschäftigen. Gesellschaftliche Umwälzungen sind zu entdecken, wohin man auch sieht.
Zugleich kann man sagen, dass einen großen Beitrag seit Jahrtausenden Mütter für die Menschheit leisten. Unter Einsatz des eigenen Lebens sind sie schwanger und gebären, unter teils widrigen und (lebens-)gefährlichen Umständen, neues Menschenleben. Sie sorgen sich um das Kind. Sie nähren es, erziehen es, pflegen es, schützen es. Sie bangen um es, betreuen und begleiten es. Ihre Liebe scheint grenzenlos zu sein.
Mit den globalen Herausforderungen verändert sich auch die Vorstellung von der idealen Mutterschaft. Mütterlichkeit wird zur sozialen Schicksalsaufgabe der Menschheit. Auch die Vorstellung von der idealen Vaterschaft verändert sich. Ich träume davon, dass das Bewusstsein von der Liebe des Kindes auf der ganzen Welt erwacht. Kommt lasst uns unseren Kindern Liebe geben! Kommt, lasst uns unsern Kindern Liebe leben! Es gilt, die Liebe des Kindes ins Zentrum des Lebens zu stellen und das Leben vom Kind und von seinen Bedürfnissen aus neu zu überdenken und vor allem neu zu fühlen.
„Der Mensch müsste etwas fühlen, das dem ähnlich wäre, was die anderen Lebewesen verspüren; denn in der Natur wandelt sich alles, nichts aber geht verloren, und vor allem sind unzerstörbar die Energien, die das Universum regieren: sie bestehen fort, auch wenn sie ihrem eigentlichen Ziel entfremdet werden. Baumeister Mensch, wo baust du das Nest für dein Kind? Alle Kunst, deren du fähig bist, müßtest du dabei aufwenden und sie durch nichts Äußeres verfälschen und versklaven lassen. Dort kann eine Regung selbstloser Liebe Reichtümer zusammentragen, die in der Welt der Produktion unausgenützt bleiben.“ (Montessori 1980, S. 285)
In diesem Buch, das den Titel „Das Jahrhundert der Mutter“ trägt, geht es nicht um die Mutterschaft in ihren heutigen Verständnissen oder Ausprägungen. Auch geht es nicht um eine vollständige Geschichte der Mütterlichkeit in Bildern. Es geht um etwas anderes. Es geht um etwas Geistiges. (vgl. Morche 2020, S. 165ff) Denn seit Jahrhunderten ist etwas Großes im Gange. Die Seele des Kindes tut sich uns kund. Sie versucht, das Bewusstsein der Erwachsenen zu wandeln.
Von jeher spielen äußere Bilder, die an die Menschen herangetragen werden, eine zentrale Rolle für die inneren Bilder des Menschen: „Äußere Bilder gehen auf innere und innere Bilder gehen auf äußere zurück.“ (Wulf 2004, S. 228) Eine große Bedeutung kommt seit langem den Bildern der Caritas und den Marienbildnissen zu. Sie beinhalten kollektiv unbewusst ein Marienbewusstsein und prägten die neue, ideale Vorstellung von mütterlicher Liebe und von Mütterlichkeit.
Als ein besonderes Sinnbild der mütterlichen Liebe kann die Sixtinische Madonna von Raffael bezeichnet werden. Sie taucht bei Montessori, Steiner, Fröbel und bei vielen anderen namhaften Personen als deren Leit- und Vorbild für die pädagogische Praxis auf, und ich werde sie auch deshalb gern in meinen Text integrieren. Die Sixtinische Madonne von Raffael ist außergewöhnlich, wie noch zu sehen sein wird, denn ihr Einfluss auf die Vorstellungen von Mütterlichkeit und von Mutterliebe reicht von ihren Anfängen bis in die Gegenwart hinein. So möchte ich Sie sehr gern mitnehmen auf eine Reise in eine Geschichte der Mütterlichkeit in Bildern, deren Weg aus Liebe gebildet ist.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, mit dem vorliegenden Werk eine bereichernde Lektüre. Möge dieses Werk nur Frieden und Liebe in die Welt tragen. Möge es einen wertvollen Beitrag dazu leisten, dass alle Kinder der Welt geliebt sind.
In Liebe Dr. phil. Silke Morche
„Die Sixtinische Madonna“ von Raffael (1512/1513)
„Die Sixtinische Madonna“ von Raffael kann als besonderes Sinnbild der mütterlichen Liebe bezeichnet werden. Die große Berühmtheit und die hohe Wertschätzung des Kunstwerkes und seiner Variationen bis heute zeigen, welche herausragende Stellung das Marienbildnis einnimmt. Das Gemälde ist in der Galerie Alte Meister in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ausgestellt. (vgl. Brink/ Henning [Hg.] 2005)
Raffaello Sanzio da Urbino, kurz Raffael genannt, war ein italienischer Architekt und Maler. Er kam im Jahr 1483 in der Kleinstadt Urbino in den Marken zur Welt. Er starb im Jahr 1520 in Rom. (vgl. Nesselrath 2011, S. 23, 28) Seine Kunstwerke und Varianten seiner Bilder sind weltweit bekannt. Er gilt als einer der bedeutendsten Künstler der italienischen Hochrenaissance. Giorgio Vasari legt zum Beispiel eine Biographie über Raffael vor. (vgl. Vasari 2004)
Die Sixtinische Madonna, welche nur wenige Jahre vor dessen Lebensende von Raffael gemalt wurde, zeigt, so eine mögliche Deutung des Bildes, „eine Epiphanie, die Erscheinung von Heiligen.“ (Henning 2011, S. 54) Andreas Henning interpretiert, dass es sich um die Erscheinung einer Gottheit handelt. (vgl. Henning 2005, S. 32) Das Gemälde wurde geschaffen für den Hochaltar der Klosterkirche von „San Sisto“ in Piacenza. (vgl. Abb. 2, Schmidt 2011, S. 38) Das Bild befand sich in der Klosterkirche an „jenem Ort, an dem das Messopfer zelebriert wird, bei dem Christus jeweils wiederkehrt – >von jenseits des Vorhangs<.“ (Hervorh. i.O., Ladwein 2004, S. 19)
Vermutlich gab den Auftrag für das Gemälde Papst Julius II. (vgl. Meyer zur Capellen 2010, S. 64) Er „stiftete das Gemälde zum Dank für die papsttreue Haltung Piacenzas im Kampf gegen die Franzosen.“ (Ladwein 2004, S. 11) Erst im Jahr 1754 wurde das Gemälde vom Kurfürsten August III. erworben und gelangte, im Anschluss an lange Verhandlungen, nach Dresden. (vgl. Meyer zur Capellen 2010, S. 64) Die Sixtinische Madonna verdankt ihren Namen nicht der Sixtinischen Kapelle im Vatikan, sondern Papst Sixtus II., dem die Klosterkirche „San Sisto" in Piacenza geweiht ist.
Mit der Frühromantik stieg die Begeisterung für das Bild. Die große Verehrung spiegelt sich in vielen Äußerungen bis in die heutige Zeit hinein wider. Michael Ladwein legt ein kompaktes Werk mit literarischen Zeugnissen zur Sixtinischen Madonna vor, das zeigt, wie beliebt und wie prägend dieses Bild seit Mitte des 18. Jahrhunderts ist. (vgl. Ladwein 2004) So schreibt Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1776 von der Sixtinischen Madonna, dass sie eine liebende Mutter mit ihrem Ersten und Einzigen sei. Er bezeichnet die Mutterliebe in ihren Facetten als ergiebige Quelle für Künstler in allen Zeiten und bezieht sich auf das Kunstwerk:
„Hat Raffael was anders, was mehr gemalt, als eine liebende Mutter mit ihrem Ersten, Einzigen? Und war aus dem Sujet etwas anders zu malen? Und ist Mutterliebe in ihren Abschattungen nicht eine ergiebige Quelle für Dichter und Maler, in allen Zeiten?“ (Bernays 2014, S. 691)
In Goethes Faust Teil II, also in einem Klassiker der Weltliteratur, kann der von Schuld beladene Doctor Marianus nur durch Maria, die als Sinnbild erblickt wird, Erlösung finden. (vgl. Friedrich/ Scheithauer 1999, S. 283, 160) Goethe hatte an dem Drama insgesamt sechzig Jahre lang gearbeitet. Er stellte es kurz vor seinem Tod im Jahr 1832 fertig. Mit den Worten „Jungfrau, Mutter, Königin, Göttin (…)“ steigert sich am Ende von Goethes Faust Teil II die Aussage zur höchsten Vollendung, „die das geistige Menschenauge zu schauen und das Menschenwort auszudrücken vermag.“ (Friedrich/ Scheithauer 1999, S. 159f.) Es wird eine Selbstumwandlung angesprochen, die beim Erblicken von Maria möglich wird. Das Ewig-Weibliche wird auf einer höheren Sphäre erfahren:
„CHORUS MYSTICUS
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche
Hier wird’s Ereignis;
Das Unbeschreibliche
Hier ist es getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.“
(Hervorh. Mo, Gaier [Hg.] 1999, S. 488f.)
Und in Goethes Gedicht „Einer hohen Reisenden“ wird die Sixtinische Madonna als das Urbild der Mütter und als Königin der Frauen geehrt:
„(…) So wandelst du, dein Ebenbild zu schauen,
Das majestätisch uns von oben blickt,
Der Mütter Urbild, Königin der Frauen,
Ein Wunderpinsel hat sie ausgedrückt,
Ihr beugt ein Mann, mit liebevollem Grauen,
Ein Weib die Knie, in Demut still entzückt;
Du aber kommst, ihr deine Hand zu reichen,
Als wärest du zu Haus bei deinesgleichen. (…)“
(erste und zweite Auslassg. Mo, von Goethe 1827, S. 157)
1813 hatte Johann Wolfgang von Goethe außerdem bemerkt, dass es sich bei der Sixtinischen Madonna um eine Darstellung in göttlicher Verklärung handelt. Das Bild sei eine Welt, eine ganze volle Künstlerwelt:
„>>Sehen Sie hier mit den größten Meisterzügen der Welt Kind und Gott und Mutter und Jungfrau zugleich in göttlicher Verklärung dargestellt. Das Bild allein ist eine Welt, eine ganze volle Künstlerwelt und müßte seinen Schöpfer, hätte er auch nichts als dies gemalt, allein unsterblich machen.<<“ (von Goethe 1813, o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 61)
Christoph Martin Wieland nannte die Sixtinische Madonna, in einem Brief an Karl Morgenstern am 9. September 1798, eine christliche Venus Urania. (vgl. Brink 2005, S. 81f.) Der Dichter paraphrasiert an weiterer Stelle das Hohelied der Liebe und bezieht sich auf die Sixtinische Madonna:
„Das alles, Meine Lieben Reinholde, muß man sehen; und wenn man auch die ganze Welt gesehen hätte, und hätte diese herrlichen Erscheinungen, diese wahren Theofanien der Kunst, nicht gesehen, so lidte man Schaden an seiner Seele …“ (Auslassg. i.O., Wieland 1993, S. 303).
Diese Paraphrasierung deutet die Tiefendimension des Bildes an. Die Caritas, welche im Hohelied der Liebe besungen wird, wird zur herrlichen Erscheinung der Sixtinischen Madonna, die jeder Mensch gesehen haben muss. Hat man diese wahre Theophanie der Kunst nicht gesehen, so erleidet man Schaden an seiner Seele. (vgl. ebd.)
Novalis beschreibt poetisch die Madonna als gemeinsames Urbild der Seele in der vierzehnten und fünfzehnten Strophe seines Geistlichen Liedes. (vgl. Ladwein 2004, S. 43ff) Es erscheint ihm unmöglich, dieses innere Bild zu schildern, wie es in seiner Seele erblickt wird. Ihm steht seitdem ein unnennbar süßer Himmel ewig im Gemüte. Er dichtet zur Maria:
„MARIA
Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.
Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüte steht.’“
(Novalis o.J., o.S. n. Braun 1989, S. 276)
Der Begründer des Kindergartens, Friedrich Wilhelm August Fröbel, schreibt im Jahr 1836 von der Erneuerung des Lebens und bezieht sich bei seinem neuen Menschheits- und Mutterbild auf die Sixtinische Madonna von Raffael. Nur wenige Jahre vor der Eröffnung des ersten Kindergartens bringt Fröbel dieses Vorbild ins Spiel. Es kündige sich nach Fröbel ein neuer Lebens- und Menschheitsfrühling an. Es sei eine Zeit, in welcher die Gottheit aus der Menschheit hervorblühe. Es dufte und fruchte, lichte hervor und leuchte, wie die reine Menschheit aus dem klaren Kunstwerk. Fröbel ziehe und binde die göttliche Lilienzeit an, wie die Erscheinung einer Hochgeliebten mit nicht zu widerstehender Geisteskraft. (vgl. Fröbel 1965, S. 40ff)
Fröbel entwirft ein neues Familienbild: Die Familie pflege das Göttliche als dreieinige Erscheinung mit Bewusstsein. In ihr sei das Licht bzw. der göttliche Geist überwiegend im Vater. Das Gemüt bzw. die göttliche Liebe sei vorwaltend in der Mutter. Das göttliche Leben sei herrschend in den Kindern. Das Kind ist nach Fröbel ein heiliges Wesen. Es steht für die Offenbarung des Göttlichen im Irdischen. Das Kind wird zum Symbol des Göttlichen im Menschen. Kinder und Frauen seien ihrem Wesen nach eins. Der eigentliche Mittel- und Haltpunkt des Lebens in jedem Menschen sei das Herz, das Gemüt, so wie die Mutter und ihre Liebe der Herz- und Mittelpunkt des in sich dreieinigenden Familienlebens sei. Die göttliche Liebe sei der Mittelpunkt alles erscheinenden Lebens. (vgl. Fröbel 1965, S. 44f., 49, vgl. Baader 1996a, S. 197ff)
Will man nun ein Bild nach Fröbel für diese göttliche Erneuerung des Lebens und für die Menschheit finden, will man fühlen, welches Gefühl Fröbel als seliges Leben, als der Seele Ganzleben, als Ganzleben des Menschen erscheint, so kann die vollendete Weiblichkeit und Menschheit aus der Maria eines Raffael geschaut werden. Sie sei ein durch Gottes Wesen bzw. durch den göttlichen Geist, das göttliche Gemüt und das göttliche Leben geschaffene Kunst- und Lebensgebilde nach Fröbel. Diese Erscheinung und Offenbarung Gottes, der Gottheit in der Zeit und Endlichkeit, kann gedacht aber vor allem gefühlt werden. Es gehe nach Fröbel darum zu denken, aber vor allem zu fühlen, denn fühlen sei leben. Es sei so, als ob die gelungenste unserer Madonnen sich ihrer selbst bewusst werde. (vgl. Fröbel 1965, S. 40f.)
Auch der Kunsthistoriker und Publizist Hermann Grimm, der von 1828 bis 1901 lebte, kommuniziert mehrfach seine große Begeisterung für Raffaels Madonna. Hermann Grimm, der Sohn Wilhelm Grimms und Schwiegersohn Bettina von Arnims, sagt, dass er bereits in der Kindheit mit diesem Bild aufgewachsen sei. Er sah dieses Bild als etwas an, ohne das die Welt nicht zu denken sei. Im Arbeitszimmer von Wilhelm Grimm hing die Sixtinische Madonna ebenso wie in den Wohnungen der Freunde der Familie. (vgl. Abb. o. Nr., Ladwein 2004, S. 155) Hermann Grimm lobt die Sixtinische Madonna in vielerlei Hinsicht. Er stellt die grenzenlose Fülle von Schönheit des Menschen heraus, die im Werk Form und Farbe annimmt:
„>>Wir in Deutschland denken an die Dresdner Madonna zuerst, wenn von Raphael die Rede ist, eines seiner letzten Werke mit, und das Ergreifendste, als hätte er nach so vielen Madonnen endlich das schönste Antlitz im Geiste gesehen, mit dem die übrigen sich nicht vergleichen lassen. Welch eine Schöpfung!, zu deren Lob sich nichts sagen läßt, so wenig wie zu dem des gestirnten Himmels, oder des Meeres, oder des Frühlings. Wer davor steht, vergißt Rom, die Vergangenheit, die irdischen Schicksale Raffaels. Wie ein vertrauter Freund erscheint er uns, der unsere Gedanken kennt, wie eine milde, freundliche Macht, die sich der Formen und Farben nur bediente, um eine grenzenlose Fülle von Schönheit des Menschen mitzuteilen.<<“ (Grimm o.J., o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 150f.)
Hermann Grimm gibt in seinem Raffael-Buch eine weitere Beschreibung der Sixtinischen Madonna wieder: Das Göttliche sei versucht worden, in irdische Gestalt zu bringen. Raffael habe etwas nicht Darstellbares gemalt – das Schweben und Gehen von Maria auf einem Weg, der nicht fest ist. Maria kommt auf einer fern liegenden, aus weißen Wolken bestehenden, Straße heran, die sie nicht berührt. Sie wird von der Luft getragen. Maria steige zur Erde herab. Sie schwebe mit groß geöffneten Augen uns, bzw. den in der Tiefe unsichtbar sie erwartenden Menschen, entgegen. Zugleich sieht es so aus, als sähe sie nicht, wie die gesamte Menschheit auf sie gerichtet ist. Auch dem Kinde ist dieser in sich selbst zurückgehende Blick eigen. Nach Grimm sieht es so aus, als ob es überlegte, ob sein zukünftiges Schicksal schon erlitten oder überwunden sei. (vgl. Ladwein 2004, S. 151ff)
Die beiden Engel in der Tiefe stellen nach Grimm das gedankenlose Wohlsein in der Kindheit dar, wohingegen in der Stirn des Christkindes dessen Überdenken von Jahrtausenden beherbergt zu sein scheint. (vgl. Grimm o.J., o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 153) Grimm berichtet von der zunehmenden Bekanntheit des Bildes und von den emotionalen Reaktionen, die ein reproduziertes Bild von Raffael seiner Zeit auslösen konnte. Die Blicke von Mutter und Kind erzeugten in ihm das Bedürfnis, es in ein anderes stilles Zimmer zu stellen, denn es war ihm so, als gehöre der Raum, in dem sie hinge, der Madonna. Junge Leute seien in Tränen ausgebrochen, als sie die Sixtinische Madonna von Raffael sahen. (vgl. Ladwein 2004, S. 153f.)
Auch Sigmund Freud schildert in einem Brief an seine Verlobte Martha Bernays im Jahr 1883 seine überwältigenden Eindrücke von der Sixtinischen Madonna:
„Du kennst sie gewiß, die Sixtina. Mein Gedanke, als ich da saß war, oh, wenn Du mit mir wärest. Von Gewölk umgeben, das aus lauter Engelsköpfen besteht, steht die Madonna da (…) Ein Schönheitszauber geht von dem Bild aus, den man sich nicht entziehen kann […]“ (erste Auslassg. Mo, zweite Auslassg. i.O., Maciejewski 2006, S. 84).
Theodor Lessing macht im Jahr 1908 auf den hohen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad dieses Kunstwerkes aufmerksam. Die Sixtinische Madonna hänge in allen Stuben. Sie liege in allen Schaufenstern. Milliarden Menschen hätten das Bild geschaut:
„>>Es gibt kein Bild, kein Kunstwerk überhaupt, das so volkstümlich wäre und so allgemein beliebt wie Raffaels Madonna von San Sisto. In allen Stuben hängt sie. In allen Schaufenstern liegt sie aus. In ganz Europa, ganz Amerika. Milliarden Menschen haben das Bild geschaut. Für Zahllose ist es das einzige Bild, das sie bewußt kennen. Viele, viele Menschenfrauen haben diese junge Mutter betrachtet mit der geheimen Sehnsucht, so zu werden wie sie. Millionen Männer haben sich einen Sohn gewünscht, gleich diesem Sohne. – Seit lange gehört es in Deutschland zu den guten Sitten der vermögenden Klasse, daß junge Ehepaare auf der Hochzeitsreise in den Süden ihre erste Station in Dresden nehmen, um Hand in Hand vor die schönste Mutter und das herrlichste Kind zu treten.<<“ (erste und zweite Hervorh. i.O., Lessing 1908, o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 165f.)
Des Weiteren hängte die Reformpädagogin Maria Montessori im Jahr 1907 in das erste Kinderhaus „Casa dei Bambini“, im Elendsviertel „San Lorenzo“ in Rom, die Reproduktion eines Madonnenbildnisses von Raffael an die Wand. Es war ein Farbdruck der „Madonna della Seggiola“, die in den Jahren 1513 bis 1514, also direkt im Anschluss an die Sixtinische Madonna von Raffael, entstanden ist. Für Maria Montessori handelte es sich um eine Darstellung der Menschheit, „die der Mütterlichkeit huldigte“ (Kramer 1983, S. 143). Diese Madonna sollte nach Montessori Emblem und Symbol der Kinderheime, die sich auf der ganzen Welt verbreiten, sein. (vgl. Montessori 1913, S. 78, vgl. Kramer 1983, S. 143)
Für Maria Montessori stellt die Madonna nicht nur einen sozialen, sondern auch einen allgemeinen menschlichen Fortschritt dar, denn sie steht im engen Zusammenhang zur Frage der Mutterwürde, der Frauenfrage und des Kinderschutzes. (vgl. Montessori 1913, S. 78, vgl. Fußnote 30, Kramer 1983, S. 126) Die Madonna sei schön und lieblich. Sie sei eine erhabene Mutter mit einem verehrungswürdigen Kind, das über sie erhaben ist. Wenn sich die Kinderheime weltweit verbreitet haben, so Montessori, dann lege Raffaels Gemälde ein Zeugnis von dem Land ab, wo ihr Ursprung war. (vgl. ebd.) Die Kinder in den Heimen werden fühlen, dass sich darin etwas Erhabeneres ausspricht als auf anderen Bildern mit Eltern und Kindern. Die tägliche Vertrautheit mit diesem Bild wird in ihren Herzen einen „wahrhaft religiösen Eindruck hervorbringen“ (Montessori 1913, S. 78).
Für Rudolf Steiner, den Begründer der Waldorfpädagogik, erscheint mit der Sixtinischen Madonna ein sinnliches Bild, das ein geistiges Geschehen übersetzt. In urferner Vergangenheit sei der Mensch aus der geistigen Welt heraus geboren. Einst war der Mensch geistig-seelischer Art, was heute als das Seelische im Menschen geblieben ist. Dieses Seelenwesen ist heute eingehüllt vom Niedrigen der Sinnenwelt. Wenn es sich läutert und reinigt, wenn es den Prozess der geistigen Erkenntnis durchläuft, dann kann es wieder zu der Geistigkeit gelangen, aus der es herausgeboren ist. Es wird dann erblickt im Geiste des Menschen das Seelenwesen. Wenn das Seelenwesen erkannt wird, dann sehen wir, dass es nicht von dieser Welt ist, sondern dass es aus einer göttlich-geistigen Welt herausgeboren ist. (vgl. Steiner 1912, o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 177f., vgl. Steiner 2019b)
Als Übersetzung, dieses geistigen Geschehens in ein sinnliches Bild, kann, nach Steiner, die Sixtinische Madonna angeschaut werden. Sie sei „ein Sinnbild des ewig Überirdischen im Menschen“ (Steiner 2017, S. 303).
„Fragen wir uns einmal: Besitzen wir nicht das, was wir eben ausgesprochen haben, in ein sinnliches Bild verwandelt, auf dem die geistige Welt durch Wolkengebilde versinnbildlicht wird, aus denen geistige Gestalten wie Engelsköpfe herausgeboren werden, welche die menschliche Seele versinnlichen? Haben wir nicht in der Madonnengestalt der Sixtinischen Madonna des Raffael ein Bild, das herausgeboren wurde aus der göttlich-geistigen Welt?“ (Steiner 1909, o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 178)
Durch die Sixtinische Madonna, so Steiner bei einem weiteren Vortrag im Jahr 1913, kann sich das Empfinden zu höchsten geistigen Höhen erhoben fühlen. Vor der Seele steigt aus dem goldenen Glanze „das Sinnbild dessen auf, was heranschwebt, um sich mit dem Irdischen zu umkleiden.“ (ebd.) Die Sixtinische Madonna, „das wunderbare Kind in den Armen der Madonna“ (Steiner 1909, o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 179), ist ein Bild der menschlichen Seele, die herausgeboren ist aus dem geistigen Universum. Aus dieser Seele ist das Höchste entsprungen, was der Mensch hervorbringen kann. Es ist eine geistige Geburt, die sich ereignet. Sie ist das, was in ihm ist. (vgl. ebd.) Sie ist „eine Wiedererzeugung der Schöpfertätigkeit der Welt (…)“ (Auslassg. i.O., Steiner 1909, o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 179).
Carl Gustav Carus bezeichnete die Sixtinische Madonna als „das erste Bild der Welt“ (Carus 2017, S. 5f., 20). Es sei hier die höchste wunderbare Mitte einer Menschheit dargestellt. Carus stand wie vor einem undurchdringlichen Mysterium beim Beschauen der Sixtinischen Madonna:
„(…) Das Wunderbarste freilich bleibt dabei immer jenes eigentümlichste himmlische Angesicht, worin, wie gesagt, auf ganz neue und einzige Weise die Anmut und Reinheit der Jungfrau mit der hingebenden Liebe der Mutter und der vollen Würde der Himmelskönigin sich verbinden, und zwar in einer Weise, daß selbst die malerische Behandlung des Kopfes an sich als ein unergründliches Rätsel für alle Zeiten erscheint. (…) Dasselbe aber, was in diesem Sinne von der Madonna gilt, muß auch gelten von dem göttlichen Kinde! (…)“ (alle Auslassg. Mo, Carus 1857, o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 114, 117)
Gustav Theodor Fechner beschreibt im Jahr 1876 die Sixtinische Madonna als das „schönste Bild der Welt“ (Fechner 1876, S. 255). Ludwig Tieck sagt, dass es sich um ein Musterbeispiel eines Andachtsbildes handelt, das zur himmlischen Andacht erhebt, dem sich ein fühlendes Herz nicht erwehren kann:
„>>Im Schönen, wenn es erscheint, wird der Reiz der Sinnenwelt zum Göttlichen erhöht, und so wird die stumme Ehrfurcht, die hilflose Rührung unbegeisterter Gemüter durch die Kunst zur himmlischen Andacht erhoben. Es ist, wenn auch verzeihlich, doch abgeschmackt, wenn bloß des frommen Gegenstandes wegen ein elendes Bild den gläubigen Beschauer entzückt, aber es ist mir völlig unbegreiflich, wenn sich ein fühlendes Herz vor der Sixtinischen Maria zu Dresden des Glaubens und der Andacht erwehren kann.<<“ (Tieck 1844 o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 40)
Philipp Otto Runge war davon überzeugt, dass vor dem Bild eine höhere Andacht erlebt werden kann, wie in einer Kirche. (vgl. Fußnote 25, Brink 2005, S. 82) Runge berichtet seinem Vater davon, wie stark und innig ihn die Sixtinische Madonna ergriff:
„Ich besuche jetzt die Galerie fleißig. Als ich diesen Frühling zuerst hinaufging, war ich grad allein da; das herrliche Bild von Raphael ergriff mich so, daß ich nicht wußte, wo ich war. Lieber Vater, ich möchte nur, daß Sie das Bild einmal sähen. Bei diesem Bilde begreift man erst, daß ein Maler auch ein Musiker und ein Redner ist (…)“ (Auslassg. Mo, Runge o.J., o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 58f.).
In dieser Mutter Gottes liegen für Runge unergründlicher Ernst und ewige Liebe:
„>> (…) Der tiefe unergründliche Ernst und die ewige Liebe, die in dieser Mutter Gottes liegen, das dringt einem bis in die innerste Seele.<<“ (Auslassg. Mo, Runge 1940/41, o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 58f.)
Es wird zudem darauf aufmerksam gemacht, dass Philipp Otto Runges Werk „Der kleine Morgen“ mit Aurora als malerische Übersetzung dieses Bildes anzusehen ist. (vgl. Morche 2008, S. 17ff, vgl. Putscher 1955, S. 156f. n. Ladwein 2004, S. 58) Runge hat dieses Bild von der Sixtinischen Madonna bis ins Innerste seiner Seele erschüttert. Das Himmlische sei so nah am Menschlichen dargestellt:
„(…) ich muß bekennen, daß mich seine Madonna hier bis ins Innerste meiner Seele erschüttert hat. So habe ich mir einen Raphael wahrlich nicht gedacht. Dieses Himmlische ist so nah an dem Menschlichen weggeschnitten, daß eine Copie sehr menschlich werden kann. Ich habe die beiden ersten Male, daß ich dort war, fast nichts anders gesehen.“ (Auslassg. Mo, Runge o.J., o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 58)
Auch ein Mönch hatte bereits im Jahr 1593 in acht Zeilen das Gemälde auf dem Hochaltar seiner Klosterkirche besungen. Er vereint Erde und Himmel, irdische und himmlische Welt, in seiner Dichtung über das Bild von der Sixtinischen Madonna, die er Königin des Himmels nennt:
„Dein Bild, Königin des Himmels,
Strahlt Flammen der Reinheit und Strahlen der Liebe aus.
Ich sehe unter einem zarten Schleier
Alle Ehre der Erde und des Meeres vereint:
Der Sohn, wenngleich noch ein Kind, strahlt jenen Eifer aus,
Der ihn dazu trieb, Leid und Schmerz auf sich zu nehmen.
Wenn man die Linien betrachtet, so scheinen sie lebendig zu sein,
Und ihre Gesten wirklich und göttlich.“
(Passero 1593, fol. 34 zit. n. Henning 2005, S. 52)
Nun, nachdem so viele lobpreisende Worte unterschiedlichster Personen vieler Epochen zur Sixtinischen Madonna Erwähnung fanden, stellt sich die Frage, warum dieses Bild hier für die Geschichte der Mütterlichkeit in Bildern von besonderer Bedeutung ist. Dass dieses Bild einzigartig und weltberührt ist, wird bis heute hin deutlich und steht soweit außer Frage. (vgl. u.a. Boutsko 2021, vgl. Morche 2022) Doch was interessiert uns an diesem Bild für unsere Untersuchung mit dem Buchtitel „Das Jahrhundert der Mutter“? Gibt es Aussagen zu den Dimensionen des Kunstwerkes? Gibt es eine zentrale Deutung? Was strahlen die Erscheinungen aus? Was offenbart uns die Sixtinische Madonna? Gibt es im Bild einen Hinweis, der hochaktuell ist, und damit das Bild zum Symbol für die heutige Menschheit werden lässt?
Die Sixtinische Madonna ist für uns deshalb hier so bedeutsam, weil sie zuerst einmal als besonderes Sinnbild der mütterlichen Liebe bezeichnet werden kann. Der Künstler Raffael, so eine mögliche Deutung der Dimensionen des Kunstwerkes, führt im Bild zwei Welten, das heißt die irdische und die himmlische bzw. die geistige Welt zusammen. Der grüne Vorhang, der an einer krummen Stange befestigt ist, wurde beiseitegeschoben. (vgl. Henning 2011, S. 54) Er macht einen Übergang deutlich, wobei er als Materie der irdischen Welt angehört. Die geistige Welt erscheint. Und dies ist für uns hier von besonderer Bedeutung. Das uns liebende Kind wird, durch die Öffnung des grünen Vorhangs, von seiner liebenden Mutter enthüllt. Sie vertraut es unseren Blicken an. Zuvor war es noch verborgen gewesen. Der Legende nach hatte Raffael, nach einem Gebet zur Jungfrau Maria, einen Traum, in dem sie ihm mit Jesus erschien, was ihn zum Malen dieses Bildes motivierte. In einem Brief von Raffael sagt dieser, dass er sich an ein Bild im Geiste hält: „>>Ich halte mich an ein gewisses Bild im Geiste, welches in meine Seele kommt.<<“ (Raffael o.J., o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 83)
Mit der Papstkrone auf der Brüstung, mit der heiligen Barbara mit dem Turm im Hintergrund rechts im Bild, und mit dem heiligen Papst Sixtus II. links im Bild sind die irdische Welt und ihre Vermittler angedeutet. (vgl. Walther 1994, S. 11) Es sind des Weiteren u.a. zwei Putten mittig am unteren Bildrand sichtbar, die in Richtung der göttlichen Erscheinungen blicken. Sie könnten auf Grund ihrer Position dem Übergang zwischen der himmlischen Welt und der irdischen Welt angehören. Die beflügelten Wesen werden auch Engel der Sixtina oder Engel Raffaels genannt. Als Darstellungen seit dem 15. Jahrhundert werden sie u.a. von Philippe Ariès der Kindheit zugeordnet. (vgl. Ariès 1978, S. 98)
Die heilige Barbara rechts im Bild trägt an ihrer Kleidung, wenn man dieses Kunstwerk genauer und vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse der Corona-Pandemie deutend betrachtet, in Höhe ihres linken Ellenbogens einen blauen Mund-Nasen-Schutz, auf den ihr konzentrierter und gesenkter Blick gerichtet ist. Diese Hygienemaske steht aktuell auf der ganzen Welt für den Schutz der Menschheit vor dem gefährlichen Corona-Virus, der zu einer kollektiven Krise in der Welt geführt hat. Jeder Mensch ist wiederkehrend dazu angehalten einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, um das Leben seiner Nächsten und das eigene Leben vor einer Ansteckung mit diesem ansteckenden Virus zu schützen.
In Verlängerung ihres vielsagenden Blickes finden sich die beiden Putten wieder, als Kindheitsgleichnisse. Sie sehen wiederum beide zur Sixtinischen Madonna mit dem Christuskind hinauf, während sich sowohl die Madonna und das Kind im stillen Dialog zur betrachtenden Person befinden. Beide sind das Ziel dieser vielsagenden Blickrichtung, die bei der heiligen Barbara beginnt, und ihren Weg über den Mund-Nasen-Schutz hin zu den Kindern, bis in die geistige Welt nimmt.
In der himmlischen Welt erscheint die Gottesmutter Maria. Sie ist mittig platziert. (vgl. Henning 2005, S. 11, 81) Sie trägt den Jesusknaben auf ihrem Arm und geleitet ihn „zur Inkarnation“ (Henning 2005, S. 10). Gelegentlich wird die Vision auch als Himmelfahrt Marias interpretiert. (vgl. Fußnote 62, Hennig 2005, S. 61) Sie wird von vielen Seelen noch ungeborener Menschen begleitet.
Eine zentrale Deutung des ernsthaften, besorgten Blickes von Maria besagt, dass sie das zukünftige Leiden Jesu am Kreuz von Golgatha schaut. (vgl. Henning 2005, S. 10ff) Auch der Jesusknabe gibt mit seinem „>>überkindlichen, festen Blick<<“ einen Hinweis auf sein zukünftiges Schicksal. (vgl. Wölffin 1989, o.S. zit. n. Ladwein 2004, S. 12f.) Diese Interpretation wird u.a. von der Tatsache gestützt, dass in der Kirche „San Sisto“ in Piacenza dem Gemälde gegenüber ein großes Kruzifix hing.
Dieser Deutung kann hinzugefügt werden, dass dieses Bild mit dem Mund-Nasen-Schutz in der heutigen Zeit zum Symbol der Menschheit wird, die mit ihrem Verhalten und mit ihrer Haltung dem nächsten Menschen und dem Kind gegenüber über Fortgang oder Ende des menschlichen Lebens entscheidet. Dies spiegelt sich hier in diesem Bild wieder, in dem die zentralen Herausforderungen der aktuellen Ereignisse der Corona-Pandemie, die die Welt in Atem halten, indirekt mit dem Mund-Nasen-Schutz angesprochen werden. Das Bild inkludiert also einen kollektiven Appell zur Mütterlichkeit, d.h. es enthält einen Appell zur liebenden Sorge füreinander, der auch zur Gesundheit, zum Frieden und zu mehr Solidarität führen kann.
Maria geht auf Wolken, in überirdischer Ferne, und wird von einer unzähligen Schar von Seelen noch Ungeborener bzw. von Kinderköpfen im blauen Himmel begleitet. (vgl. Ladwein 2004, S. 14, vgl. Henning 2011, S. 54) Diese Seelen werden auch als Engelsköpfe gedeutet, allerdings haben sie keine Flügel. Damit ist die himmlische Welt bzw. die geistige Welt angedeutet. Maria kommt uns entgegen. Ihre Erscheinung wird von der lichten und hellen Aura unterstrichen. Maria und das Jesuskind strahlen Licht aus. (vgl. Henning 2005, S. 20) Die Lichtgestalt der mütterlichen Liebe offenbart uns die göttliche Liebe mit dem neugeborenen Kind.
1 Einleitung
Das Bild, das mir für die Geschichte der Mütterlichkeit in Bildern also zukunftsweisend erscheint, und das ich deshalb an den Anfang des vorliegenden Werkes gestellt habe, ist die „Sixtinische Madonna“ von Raffael. Das Besondere an diesem Gemälde ist, wie bereits bemerkt, die hohe Wertschätzung und die große Bekanntheit, die ihm zukommt. Darüber hinaus steht dieses Bild für eine neue ideale Vorstellung von der mütterlichen Liebe. Es kann als ein besonderes Sinnbild der mütterlichen Liebe bezeichnet werden. „Die Sixtinische Madonna“ von Raffael gilt „unbestritten“ als eines der „weltweit bekanntesten Gemälde der Renaissance“ (Henning 2011, S. 53).
Eine Vielzahl an Personen greifen auf dieses Bild für ihre Werke zurück, wie bereits angesprochen. Man denke zum Beispiel an die Einrichtungen der Waldorfpädagogik, wo die „Sixtinische Madonna“ von Raffael zumeist in einem schlichten Holzrahmen in den Gruppenräumen vieler Waldorfkindergärten und Waldorfschulen hängt. (vgl. Barz 1984, S. 94) Sie soll in jeder Einrichtung an die geistige Herkunft des Kindes erinnern. (vgl. Knauf/ Düx/ Schlüter 2013, S. 63)
Auch die Putten tauchen nicht nur zur Weihnachtszeit auf Geschenken und als Werbemotive inzwischen millionenfach auf, sondern sie sind, so könnte man quasi sagen, zu Weltstars mit Flügeln als Marketingphänomen geworden. (vgl. Derpmann 2012) Man findet sie auf Schulbüchern, Schulheften, Regenschirmen, Büchern, Postkarten, Tassen, Teedosen, Servietten, Babysocken, Brillenetuis, Grablichtern u.v.a.m.
Die Bedeutung dieses Renaissancebildes und die Bedeutung seiner Erscheinungen liegt also nicht nur darin, dass sie bis heute bekannt sind, sondern die „Sixtinische Madonna“ von Raffael transportiert spürbar, fühlbar, lebbar die Botschaft, die jeder Mensch in seinem Inneren entdecken kann: Entdecke die Liebe in Dir. Die Liebe offenbart sich uns mit dem Kind. Jedes Kind ist ein Geschenk der Liebe an uns Menschen. Dieser Sinn im Bild ist es, der mich motivierte, mich auf den Weg zu machen, um danach zu fragen, was es mit der mütterlichen Liebe auf sich hat.
Darstellungen von der liebenden Mutter und dem Kind gibt es heute Unzählige. Mutter und Kind sind ein häufiges, vielleicht sogar das häufigste Motiv, so gewann ich bei meinen Recherchen den Eindruck. Mütterlichkeit stellt sich als ein facettenreiches Motiv dar. Ihre Bilder sind multidimensional, multiaspektiert und multisinnlich. Es kann mit ihnen das Heilige, das Schöne, das Traurige und das Göttliche zur Erscheinung gebracht werden und noch vieles andere mehr.
Die Mutter begegnet uns zum Beispiel im Bild der allgebärenden Erdgöttin in der griechischen Mythologie nach Hesiod. Gaia zeugte eine große Familie von Göttern, Zyklopen und weiteren mythischen Wesen. Uranus verbarg allerdings seine Kinder in der Erde. Gaia durfte sie nicht gebären. Gaia sprach daraufhin mit Kronos. Nachdem Kronos Uranus entmannt hatte und das Glied ins Meer warf, erscheint an dieser Stelle die Tochter Aphrodite. Sie ist die Schaumgeborene, die Göttin der Liebe und der Schönheit. Sie kann ein göttliches Kind, in der Gestalt des göttlichen Mädchens, als Liebesgöttin genannt werden. Zeugung und Geburt sind identisch, so wie das Zeugende und das Gezeugte zusammenfallen. (vgl. Jung/ Kerényi 1941, S. 85, vgl. Schlesier 1997, S. 1081, vgl. Eliade 1954, S. 85f., 105, vgl. u.a. Hallof/ Hallof [Hg.] 1994, vgl. Schönberger [Hg.] 1999)
Zahlreiche Künstler haben sich der Geburt der Liebesgöttin gewidmet. Das Bild „Geburt der Venus“, des italienischen Malers der frühen Renaissance Sandro Botticelli, erinnert an diesen Mythos: Aus der Muschel taucht im Meer die schöne Göttin der Liebe auf. Sie ist die Quelle aller irdischen und himmlischen Aspekte der Liebe. Das Kunstwerk aus dem Jahr 1485 befindet sich in Florenz in den Uffizien. (vgl. Belán 2005, S. 126f., vgl. Rossi [Hg.] 1966, S. 25, 27) Die Venus erinnert an Philipp Otto Runges Aurora im Kunstwerk „Der kleine Morgen“, bei dem, so eine mögliche Deutung des Bildes, die Geburt des göttlichen Kindes offenbart wird. (vgl. Morche 2008, S. 17ff, 213f.)
Das Recht und die Liebe der Mutter hat Johann Jakob Bachofen beforscht. Ausgehend, vom kosmischen Modell der heiligen Mutter Erde, beschreibt Bachofen drei Kulturstufen des Menschen. Die Frau und die Mutter waren in der Urreligion bzw. auf der ersten Kulturperiode des Menschen, im Weltalter des sog. Mutterrechts, heilig. Das Mutterrecht ist eine geschichtliche und eine religiöse Erscheinung. Das Mutterrecht ist ein Urrecht und eine Urreligion nach Bachofen. (vgl. Bachofen 1978, vgl. Bachofen 1954, vgl. Eliade 1957, S. 85, vgl. Heinrichs [Hg.] 1987, vgl. Heinrichs 1978)
Das Welterlebnis der Frau zeichnete sich auf der ersten Kulturstufe nach Bachofen durch „das göttliche Prinzip der Liebe“ aus. (Bachofen 1954, S. 88) Im urzeitlichen Bewusstseinszustand herrschte das mütterliche Prinzip der Liebe. Die Mutterliebe ist nach Bachofen die geheimnisvolle Macht, welche alle Wesen der Schöpfung durchdringt. Mutterliebe geht bzw. ging der Vaterliebe voraus. Es ist der Zauber des Muttertums, der als das weiblich-stoffliche Prinzip bzw. als das göttliche Prinzip der Liebe, der liebenden Sorge, der Einigung und des Friedens wirksam ist. (vgl. Bachofen 1954, S. 88, 97, 105, vgl. Klages 1987a, S. 111)
Die Mutter begegnet uns auch im Bild der lebendigen und beseelten Erde nach Gustav Theodor Fechner. Die all-beseelte Erde ist demnach unser aller Mutter in einem höheren Sinne. Der Mensch lebt nach Fechner dreimal auf der Erde. Beim ersten Mal befindet sich der Mensch in einem steten Schlaf. Damit ist die Schwangerschaft gemeint. Beim zweiten Mal ist der Mensch nicht mehr einsam, sondern gesellig. Er lebt neben und zwischen anderen Menschen in einem Licht. Das ist das Leben nach der Geburt. Der Übergang von der zweiten zur dritten Lebensstufe heißt Tod. Auf der dritten Lebensstufe verflechten sich die Leben der Menschen, in einem ewigen Wachen, mit dem Geist zu höheren Leben. Er vereint sich im höchsten Geiste. Er schaut das eigentliche Wesen der endlichen Dinge. Alle Lebewesen sind Organe und Zellen eines höheren Lebewesens, der Erde, die unser aller Mutter ist. Die Erde ist unser aller Leib nach Fechner. (vgl. Fechner 1984, vgl. Lehner 2002, vgl. Lehner 2009)
Die liebende Mutter ist uns auch als die römische bzw. vatikanische Pietà, d.h. als Schmerzensmutter, bekannt. Maria hält den Leichnam Jesu auf ihrem Schoß. Die Marmorstatue wurde von Michelangelo angefertigt. Sie befindet sich im Petersdom im Vatikan zu Rom. Dieses Bild ist, wie ich (Mo) finde, ein zutiefst berührendes, lehrreiches und weitreichendes Werk. Es kann uns die vielen Dimensionen der Mutterschaft spiegeln. Dies führt in tabuisierte Bereiche hinein, deren Themen Sterben, Trauer und Tod noch viel zu wenig Beachtung finden. Elisabeth Kübler-Ross, Bernard Jakoby und andere, wie zum Beispiel Hannah Lothrop und Harriet Sarnoff Schiff, versuchen, mit ihren Werken den besonderen Bedürfnissen Betroffener, Raum zu geben und sie zu kommunizieren, mit dem Ziel, den Sterbenden ihre Würde zurückzugeben und den Angehörigen neuen Lebensmut und Lebenssinn zu schenken. (vgl. Kübler-Ross u.a. o.J., 1982, 1985, vgl. Jakoby u.a. 2012a, 2015, vgl. Lothrop 1991, vgl. Schiff 1986)
Und es gibt die liebkosende Mutter bei Friedrich Wilhelm August Fröbel, dem Begründer des Kindergartens. In romantischer Pose besingt und umsorgt die Mutter liebevoll das Kind auf ihrem Schoß und pflegt damit das Kindheitsleben. (vgl. Fröbel 2019, S. 5f., 10) Bilder von der Mutter scheinen allgegenwärtig zu sein, wo Kinder sind.
Die liebende Mutter drückt ihre bedingungslose Liebe mit Raffaels Allegorie der Caritas aus. Sie stillt und umsorgt die sie umgebenden Kinder, wie es noch zu sehen sein wird, bis hin zur Selbstaufgabe. Die liebende Mutter erscheint in der einzigartigen Carità Educatrice nach Lorenzo Bartolini, in deren Gesten und Blick und menschlicher Haltung jede Form der Gewalt abwesend ist. Die Bilder von der liebenden Mutter wandeln sich. Die Liebe offenbart sich. Sie nimmt uns mit auf eine spannende und eindrucksvolle Reise, die auch eine Geschichte der Mütterlichkeit in Bildern genannt werden kann.
Es scheint kein anderes Motiv zu geben, das so vielseitig und doch so gleich, so ausdrucksstark und doch so zurückhaltend, so berührend und doch so distanziert zur Geltung gelangt. Mir persönlich scheint die liebende Mutter mit Kind, sogar das wichtigste Motiv der Menschheit überhaupt zu sein. Bilder von der liebenden Mutter mit dem Kind sind wiederkehrend und überall entdeckbar.
Wie überlebensnotwendig mütterliche Liebe ist, haben René Arpad Spitz (vgl. Spitz 1969, 1988, 1992a, 1992b) und andere bei ihren Studien zur emotionalen Deprivation festgestellt, vor dem Hintergrund der Bedürfnisse von Kindern, die seit Jahrhunderten nach Erfüllung verlangen. Ob Vanessa Beecrofts „Weiße Madonna mit Zwillingen“ oder ob Lucas Cranachs Allegorie der Caritas als fürsorgende Mutter und viele andere mehr; es scheint keine Epoche, keinen Augenblick in der Geschichte der Menschheitsfamilie zu geben, der nicht Bilder von der Mutter und dem Kind streift, erzeugt, berührt, hervorbringt, intensiviert. Wo stünde die menschliche Familie ohne die Mütter und ohne ihre Liebe?
Ob die Beforschung der Mutterbilder in religiösen und kulturellen Traditionen (vgl. Marx/ Rost 2001), ob die Untersuchungen der Mutter-Kind-Beziehung seit den 1950er Jahren in der Pädagogik und Psychologie, bei der die Mutter als Haupt-, Bezugs- und Bindungsperson thematisiert wurde (vgl. u.a. Textor 2018, vgl. Largo u.a. 1999, vgl. Bowlby u.a. 1994); einer Fülle an Texten, wissenschaftlichen Untersuchungen und Bildern sah ich mich gegenüber, deren Reduktion mir schwer fiel und teils unmöglich erschien. Dieses bisher kaum beforschte Thema führte mich jedoch immer wieder zu dem einen Bild zurück, das so bemerkenswert und berührend ist, und das mir auch als ein besonderes Sinnbild der mütterlichen Liebe erscheint: Es ist die Sixtinische Madonna von Raffael, deren Bedeutung hier näher zu untersuchen ist.
Sinnbilder sind bildliche Darstellungen, die auf einen tieferen Sinn hindeuten. Als Sinnbild hält es ein Ereignis fest. Sinnbilder sind in der Lage, komplexe Ereignisse zu bündeln:
„Es handelt sich um verdichtete Strukturen, die in einem einzigen Bild in der Lage sind, eine komplexe Situation festzuhalten. Erst diese Fixierung ermöglicht es, sie über die Zeit in der Erinnerung zu halten.“ (Jornitz/ Kollmann 2019, S. 676)
Das Marienbildnis kann ganz unterschiedlich perspektiviert werden. Mal steht die liebende Mutter im Fokus und mal ganz das liebende Kind. Für einen neuen Bildtypus, der daran anknüpft, steht in der christlichen Ikonographie zum Beispiel „Anna selbdritt“. Die Stadt Annaberg-Buchholz hat die Anna selbdritt in ihrem Stadtwappen. Es erscheinen drei Generationen im Bild, das heißt die heilige Anna ist anwesend als Großmutter Jesu, die Jungfrau Maria als Mutter Jesu und Jesus als Kind. Ein bekanntes Gemälde hierzu ist „Anna selbdritt“ des italienischen Malers Leonardo da Vinci. Es ist im Musée du Louvre in Paris zu sehen. Maria sitzt auf dem Schoß von Anna. Auf Marias Schoß sitzt Jesus. Er spielt mit einem kleinen Lamm. Maria und Jesus schauen einander in die Augen. Anna beobachtet Maria und Jesus. Es ist die lineare Blickführung, von Anna über Maria hin zu Jesus hervorzuheben. (vgl. Belán 2005, S. 70f.)
Abgebildet ist nach Eckart Liebau die Kernstruktur der (post-) modernen Familie: Großmutter, Mutter, Kind und Haustier, wobei der Vater zu fehlen scheint. „Die Mutter umfasst in einer Haltung der liebevollen Fürsorge das mit dem Lamm spielende Kind (…)“ (Liebau 1996, S. 13). Dieser Bildtypus ist übrigens weiter entwickelt worden zum Bildtypus der „Emerentia Selbviert“. Zu sehen sind Anna, Maria und das Jesuskind als „Anna selbdritt“. Dazu kommt die Mutter der heiligen Anna, die Emerentia. Röckelein zeigt eine Emerentia Selbviert aus Niedersachsen aus den Jahren um 1500. Die Figur ist im Landesmuseum Hannover ausgestellt. (vgl. Abb. 4, Röckelein 2015, S. 149)
Natürlich spiegelt die Beliebtheit des Motives der Mutter mit Kind auch eine Rolle der Frau wider. Eine umfassende Diskussion diesbezüglich kann und soll und kann hier aus verschiedenen Gründen, u.a. wegen der begrenzten Kapazität und wegen des Themas, nicht geleistet werden. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass u.a. das Buch „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir diesen Aspekt aufgreift und ihn reflektiert; das ist ein monumentales Werk, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur, aber auch, die Debatten der modernen Frauenrechtsbewegung bewegte. (vgl. de Beauvoir 2000, u.a. S. 612ff, vgl. u.a. Morche 2008a, vgl. Morche 2008b)
Das Besondere an der neuen Mutter-Kind-Beziehung und an ihren Bildern im 19. und im 20. Jahrhundert ist ihre Intimität, ihre Privatheit, ihre innige Bindung zum Kind, das auf sie angewiesen erscheint. Dem steht zum Ende des 20. Jahrhunderts die beobachtete und die technisch überwachte Mutter, zum Beispiel bei der Geburt, gegenüber, worauf u.a. Frédérick Leboyer und Michel Odent aufmerksam machen. Das Kind werde in der westlichen Welt in einer Umgebung voller Elektronik geboren. Es gehe nun darum, als menschliche Gesellschaft wieder die Rolle der Beschützerin von Mutter und Kind einzunehmen. Dem wird die Humanisierung folgen. Mutter und Kind brauchen bei der Geburt Privacy. Die Frau müsse sich unbeobachtet fühlen, um ihr Kind zu gebären. Es muss ihr möglich sein im Wasser, bzw. in verschiedenen Positionen, gebären zu können. Es gehe darum, sich auf ein post-elektronisches Zeitalter vorzubereiten. (vgl. Odent 2010, S. 22ff, 141, vgl. Odent 1978, vgl. Leboyer 1999a, vgl. Leboyer 1999b, vgl. Morche2001d)
Für die Intimität der Mutter-Kind-Beziehung im frühen 19. Jahrhundert steht zum Beispiel Philipp Otto Runges Gemälde "Die Ruhe auf der Flucht", das in der Hamburger Kunsthalle ausgestellt ist, oder, moderner, die „Liegende Mutter mit Kind II“ von Paula Modersohn-Becker. Der nackte, verletzbare Körper des Kindes wird bei Modersohn-Becker von der liebenden Mutter intim und innig gepflegt, geschützt und umsorgt. Sie tut dies Haut an Haut, mit dem eigenen Körper, mit der eigenen Bekleidung oder auf Distanz, und durch den aufmerksamen, besorgten Blick. Die Privat- und Intimsphäre ist deutlich spürbar. Die Nacktheit des Kindes in den Bildern zeigt die Verwundbarkeit des intimen Augenblicks und der Lebensphase der Kindheit, der man sich auch aus Diskretionsgründen und zur Wahrung der Privatsphäre rücksichtsvoll entzieht. Bei Paula Modersohn-Becker wird eine Einheit, die auch Dyade genannt wird, erkennbar, ohne in eine idealisierte Welt abzugleiten. (vgl. Fußnote 57, Seelen 1995, S. 22)
Ähnlich eindrucksvoll sind die Mutter-Kind-Bilder von Käthe Kollwitz. Sie können uns noch lange nach der Betrachtung im Inneren verfolgen und uns über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges sinnieren lassen, und den untröstbaren, quälenden Schmerz der liebenden Mutter, deren Kind sterbenskrank ist, deren Kind gestorben ist, oder deren Kinder sie nicht nähren kann, erahnen lassen. „Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden“, „Mutter mit totem Kind“, des Weiteren „Deutschlands Kinder hungern!“ und „Pietà“ sind einige ihrer ergreifenden Werke. Sie stilisieren die Frau zur Erdgöttin, drücken ihren Schmerz über den Verlust des Kindes als Mutter aus und lassen eine Vielzahl weiterer Erfahrungshorizonte zu. (vgl. Schulte 1998, S. 125ff, insb. Abb. 3, 4 u. Fußnoten 36, 37; vgl. Abb. 9, 11, Martin 2015, S. 243ff, 246f.)
