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Der zweite Band der Polarkreis-Trilogie Stenträsk, 1990. Mitten im Moor wird ein Säugling gefunden, übersät von Insektenstichen und nur knapp dem Tod entkommen. Von der Mutter, Helena, fehlt jede Spur, ihre Leiche wird nie gefunden. Auch Jahrzehnte später ist Helenas Mann, Polizeichef Wiking Stormberg, nicht über den Verlust hinweg. Dann trifft ein Brief ein, verfasst in Helenas Handschrift und unterzeichnet mit dem Stern, der aussieht wie die Narbe auf ihrem Bauch. Wiking muss sich fragen, ob er Gespenster sieht oder jemand ihn und seine Familie auf perfide Weise bedroht ...
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Seitenzahl: 411
Veröffentlichungsjahr: 2026
Liza Marklund
Band 2 Der Polarkreis-Trilogie
Kriminalroman
Aus dem Schwedischen von Dagmar Mißfeldt
© Atrium AG, Zürich, 2026
Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel Kallmyren bei Piratförlaget, Stockholm.
Copyright © Liza Marklund 2022
Published by agreement with Salomonsson Agency
Lektorat: Andrea Groll
Covergestaltung: Sund Design, Hamburg unter Verwendung des Covermotivs von Magda Palej
Covermotiv: © Magda Palej / Wydawnictwo Czarna Owca
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
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ISBN978-3-03792-239-2
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Es war das Geräusch der Insekten, das den Rettungskräften den Weg wies: das sonore Summen Tausender blutsaugender geflügelter Viecher. Das Moskitonetz, mit dem die Babytrage bedeckt gewesen war, als das Kind abgestellt wurde, war weggeweht. Die Decke, in die man es eingewickelt hatte, war davor gelandet, die Socke vom rechten Fuß gerutscht. Mücken, Bremsen, Schnaken, Gnitzen und Stechfliegen – sie alle hatten die günstige Gelegenheit erkannt, die das Kleinkind bot, und waren gnadenlos über es hergefallen. Das kleine Gesichtchen war bis zur Unkenntlichkeit geschwollen, wund und blaurot, die Augen verquollen. Beide Hände und der nackte Fuß waren dick wie Keulen. Ameisen krabbelten in den Mund hinein und hinaus.
Sie hatte schon vor langer Zeit aufgehört zu schreien.
Man hielt sie für tot, alles andere schien widersinnig, doch als Pettersson, der Hundeführer, sie hochhob, gab sie ein Wimmern von sich.
Das betrachtete man als Wunder.
Ein Krankenwagen brachte sie mit Blaulicht ins Krankenhaus von Stenträsk. Nach einer kurzen Untersuchung durch den diensthabenden Notarzt beruhigte sich die Lage deutlich. Das Mädchen war dehydriert und stark unterkühlt, ihr Zustand war zwar kritisch, aber nicht lebensbedrohlich. Sie wurde von restlichen Insekten befreit, zum Aufwärmen in Decken gewickelt, bekam einen Tropf und ein Babyfläschchen gegen die Dehydrierung und eine kleinere Dosis Kortison gegen die Stiche und den Juckreiz. Es bestand keine akute Gefahr einer dauerhaften Schädigung, so lautete zumindest die damalige Einschätzung. Möglicherweise könnten von den schlimmsten Insektenstichen einige Narben zurückbleiben. Doch vier Monate alte Kinder erinnerten sich nicht an ein solches Trauma. Das war Anfang der 1990er Jahre die gängige Meinung, an der sich bis heute nicht viel geändert hat.
In jener Nacht schien der Mond, die Sterne leuchteten hell, und Nebelschwaden zogen über die Moorlandschaft. Die Schatten waren undurchdringlich und blau.
Um drei Uhr morgens brach die erste trübe Morgendämmerung an. Die Sonne sollte erst etwa eine Stunde später über den Horizont steigen, aber Leitlichter trafen ein und verwischten die Kontraste. Dies erleichterte natürlich die Suche nach der Mutter, der 27-jährigen Helena Stormberg. Seit Auffinden des Kindes konzentrierte sich der Einsatz auf den nordwestlichen Teil des Sumpfgebiets.
Das Mädchen hatte in einer hellgrünen Tragetasche der Marke BabyBjörn gelegen, in einer Art portablem Stoffbett mit Griffen, wie es in den frühen 90ern üblich war. Daneben stand ein geflochtener Korb, zur Hälfte mit Moltebeeren gefüllt.
Der Polizeihund Charlie, ein Mantrailer mit der schärfsten Spürnase im Landkreis, fand neben dem Korb ziemlich schnell die ersten Spuren. Sie liefen in Bögen über Grashöcker und umrundeten Gebüsch – die Frau war beim Beerenpflücken offensichtlich eine ganze Weile hin- und hergegangen. Schließlich nahm Charlie Witterung von einer neuen Spur auf, die sich von den anderen unterschied. Sie führte geradewegs ins Moor. Der Hundeführer, ein Polizeikommissar aus Pitholm namens Pettersson, hatte große Probleme, mit ihm Schritt zu halten. Vier oder fünf Mal wäre er beinahe hingefallen, bis Charlie endlich am Rand des Sumpfes stehen blieb. Dort, ein paar Hundert Meter vom Moltebeerenkorb und dem Baby entfernt, endete die Spur.
Über die glatte Oberfläche des Sumpfes bewegten sich ein paar Wasserläufer. Sonst gab es keinerlei Anzeichen von Lebewesen, weder von Mensch noch Tier. Die Silhouetten der Krüppelkiefern vor dem Nachthimmel spiegelten sich im graubraunen Wasser, regungslos und ungebrochen.
Helena Stormberg war, buchstäblich, vom Erdboden verschluckt worden.
Diese Erkenntnis kam bei den Rettungskräften in dem Moment an, als die Sonne über die Berge im Nordosten stieg. Alle im Team kannten die Volkssage, dass Menschen, die in dem bodenlosen Sumpf untergegangen waren, verschluckt blieben und dann in den Nächten Nebelschleiern gleich umherirrten und ihre Klage zwischen Bergspalten und Kiefernwipfeln heulten. Solche Gedanken gingen den Männern der Suchkette durch den Kopf. Die Welt um sie herum wurde für ein paar Augenblicke unheimlich still, als hielten Vögel, Windböen und Sumpffrösche gleichzeitig den Atem an.
Dann färbte sich die Welt knallgelb, und die Symphonie brach los: Der Sturm kam aus dem Nichts, die Espenblätter grollten, das Sumpfgas zischte, Laubsänger jubelten dem Morgenlicht entgegen.
Die fieberhafte Suche zog immer weitere Kreise, und um halb neun am Morgen des 15. Augusts wurde Helenas dunkelblaue Windjacke gefunden. Sie lag feucht und wie achtlos hingeworfen über einem Wacholderbusch am Rand des Sumpfes, fast einen Kilometer von der Babytrage und dem Moltebeerenkorb entfernt. In der rechten Jackentasche wurden ihre Auto- und Wohnungsschlüssel gefunden. In der Innentasche steckten ihr Portemonnaie mit Geld, Führerschein, Pager und Bankkarte.
Die Tauchgänge am Ort ihres Verschwindens fanden unter schwierigen Bedingungen und erheblicher Gefahr für die Einsatzkräfte statt. Sie erbrachten keinerlei Ergebnisse.
Die Leiche von Helena Stormberg wurde nie gefunden. Niemand hatte je wieder etwas von ihr gehört. So war sie also irgendwo im kalten Moor zur Ruhe gekommen, in den Schlaf gewiegt von Torfmoos, Pilzen, Algen und Amöben.
Manchmal, so erzählte man sich, sang sie über dem Feuchtgebiet, vor allem in nebligen Spätsommernächten wie der, in der sie verschwand. Wiegenlieder, sagte man, glockenrein, in Moll.
Dreißig Jahre später
Das Wartezimmer befand sich im zweiten Stock des Stenträsker Krankenhauses und hatte rosa Wände. Unter der Deckenleiste schwebten bauschige hellblaue Wolken, an manchen Stellen war die Farbe etwas verlaufen. Mit ein wenig gutem Willen konnte man meinen, dass die Wolken weinten.
Wiking Stormberg fühlte sich in seiner Polizeiuniform deplatziert. Es war Corona- und Urlaubszeit, sodass er für Außeneinsätze sofort bereit sein musste. Er hätte keine Zeit, nach Hause zu fahren und sich umzuziehen.
Das dachte er an diesem Morgen, dem letzten, bevor alles aus dem Ruder lief. Dass er auf dem Weg zur Arbeit bei Holmdahls ein Fleischbällchen-Sandwich kaufen und Carina Burstrand bitten wollte, den Getränkeautomaten aufzufüllen. Das Leben, wie es die letzten dreißig Jahre ausgesehen hatte.
Er kam fast pünktlich zum vereinbarten Termin bei Dr. Chang. Eine andere Pastellfarbe an den Wänden, helles Gelb, Blick auf den Parkplatz. Der Nebel hing feucht, grau und schwer über Asphalt und Motorvorwärmerpfosten.
»Der Befund aus der Biopsie ist gestern Nachmittag gekommen«, sagte Dr. Chang. »Es sind keine gute Nachrichten.«
Wiking saß mit verschränkten Armen ruhig da. Er mochte Krankenhäuser nicht, aber Dr. Chang war ein sympathischer und guter Arzt, darin waren sich alle einig. Er war kein Honorararzt, sondern schon seit mehreren Jahren in Stenträsk tätig.
»Er besagt, dass Krebszellen in die Lymphgefäße eingedrungen sind und sich dort angesiedelt haben«, erklärte er. »Wir wissen noch nicht genau, was das bedeutet. Manchmal ist der Lymphknoten selbst betroffen, aber normalerweise liegt der Schwerpunkt woanders, fast immer in der Nähe …«
Wiking starrte ihn an. Dr. Chang stammte ursprünglich aus Taiwan, sein Bruder war auch Arzt. Er musste als Kind nach Schweden gekommen sein, er sprach perfekt Schwedisch.
»Was wollen Sie damit sagen?«, fragte Wiking. »Es war doch nur ein Test auf Mandelentzündung.«
»Halsschmerzen können auch auf Krebs hindeuten. In der Biopsie haben wir Zellen des Plattenepithelkarzinoms gefunden, der häufigsten Krebsart im Hals-Rachen-Bereich. Weitere Untersuchungen sind nötig, bevor wir …«
»Moment mal«, unterbrach Wiking ihn. »Ich bin nicht krank. Ich habe eine Gräte im Hals oder so und fühle mich etwas schlapp …«
Der Arzt sah ihn schweigend an. Wikings Blick flog durch den Raum auf der Suche nach etwas, woran er sich festhalten konnte. Er wartete darauf, dass die Information bei ihm ankam, auf diese Ruhe nach der Ankündigung, den Seufzer über die Anstrengung, zum Röntgen nach unten fahren oder sich noch einmal Blut abnehmen lassen zu müssen. Auf die leichte Beschämung, ohne Grund Ressourcen des Gesundheitswesens in Anspruch genommen zu haben. All das blieb aus. Das hier war anders, das Gefühl am tiefen Ende ins Becken geworfen worden zu sein, ohne schwimmen zu können.
»Plattenepithelkarzinom?«, wiederholte er.
»Das sitzt nur in der Region«, antwortete der Arzt. »In den Mandeln, den Speicheldrüsen oder Stimmbändern.«
Wiking rückte auf dem Besucherstuhl nach hinten, um Distanz zu den Worten zu schaffen.
Skepsis, tiefe.
Er war zum Arzt gegangen und hatte sich die Proben entnehmen lassen, weil Josefin ihn damit genervt hatte, er könne eine Mandelentzündung oder möglicherweise eine Form von Long-Covid haben. Vielleicht brauchte er Antibiotika oder ein Nahrungsergänzungsmittel.
»Könnte es was mit Corona zu tun haben?«, schlug er vor.
Der Arzt sah ihn ruhig und sachlich an.
»Das Coronavirus verursacht keinen Krebs, zumindest nicht nach unserem derzeitigen Kenntnisstand. Diese Veränderung haben Sie wohl schon seit Längerem, vielleicht sogar schon seit mehreren Jahren. Plattenepithelkarzinome sind aber behandelbar. Sie entwickeln sich langsam, wir werden jedoch schnellstmöglich mit den Untersuchungen anfangen.«
Wiking schaute auf den Parkplatz. Er hatte dort unten einmal Sex gehabt, im alten Golf von seiner Mutter Karin.
»Sie haben gesagt, er liegt in der Region? Was bedeutet das?«
»Das ist nicht der Primärtumor. Den müssen wir noch finden. Deshalb müssen Sie so schnell es geht operiert werden. Wir entfernen Ihre Mandeln und prüfen, ob er dort sitzt. Ich habe Sie für den 31. August für eine Operation in Sunderby angemeldet.«
Meine Güte, dafür hatte er keine Zeit.
»Eine Operation? In zehn Tagen?«
»Wir werden auch etliche Biopsien durchführen. Zusätzlich zur Suche nach dem Primärtumor prüfen wir, ob der Krebs gestreut hat, ob er auf die rechte Seite übergegriffen hat oder ob Sie weitere Metastasen haben. Anschließend werden Sie krankgeschrieben.«
Ja, das klang vernünftig. Er nickte.
»Wie lange?«
»Hängt davon ab, was wir finden. Ein Jahr, schätze ich.«
Er starrte den Arzt an.
»Ein Jahr?«
»Es gibt ausgefeilte Strategien, wie wir weiter vorgehen«, sagte Dr. Chang. »Im Krankenhaus in Sunderby wird man einige Untersuchungen mit Ihnen machen, und anschließend wird Ihr Fall auf einer Ärztekonferenz in Umeå besprochen. Das Ergebnis ist abhängig von den Funden.«
Ausgefeilte Strategien. Eine ganze Ärztekonferenz. Er war nicht der Erste, der diese Krankheit bekam, nicht der Erste, dem dieser Befund in diesem Raum mitgeteilt wurde. Vielleicht war er noch nicht einmal der Erste an diesem Tag. Dennoch fühlte es sich so an. Der Einzige zu sein. Betroffen.
Er war doch keiner von denen, die Krebs kriegten.
»Also, welche Möglichkeiten gibt es?«, fragte er und schaffte es, sachlich zu klingen. »Welche Werkzeuge haben Sie an der Hand?«
»Operation, Chemotherapie und Bestrahlung.«
In seinem Kopf drehte sich alles. Das hier war real. Es war tatsächlich die Rede davon, ihn zu bestrahlen, wie einen echten Krebspatienten.
»Und wie ernst ist es? Werde ich daran sterben?«
Er sagte es in scherzhaftem Ton und gab dem Arzt die Chance, über die harten Worte zu schmunzeln und ihn mit einem gemeinsamen Lachen und einem Schulterklopfen zu entlassen.
Doch Dr. Chang lächelte nicht einmal.
»Ich hoffe nicht«, antwortete er.
Er ging zum Polizeirevier, ohne den Boden richtig zu berühren. Er vergaß das Sandwich und den Getränkeautomaten, ging an der Anmeldung und der Küche vorbei, ohne jemanden zu grüßen, und schloss hinter sich die Bürotür.
Er sollte nicht googeln. Nicht dass er ein Hypochonder war, aber er wusste, dass er nicht googeln sollte.
Er hatte gerade die Suchmaschine am Computer aufgerufen und »Plattenepithelkarzinom« eingegeben, als Carina Burstrand in sein Büro stampfte, ohne anzuklopfen, wie immer.
Er klickte die Suchmaschine weg.
»Einbruch«, sagte sie, legte einen handgeschriebenen Zettel auf seinen Schreibtisch und blieb stehen. Als er ihn nicht sofort nahm, legte sie ihre Hand darauf. Mit Nachdruck.
»Bei Johan Björkman oben in Pålberget«, sagte sie.
Er sah zu ihr hoch, auch das noch. Björkman war Jäger und Mitglied der Heimwehr.
»Waffen?«
»Volles Programm«, antwortete sie und entfernte sich.
Wiking stand auf und ging über den Flur ins Büro seines Kollegen Roland Larsson. Er musste ihm so schnell wie möglich sagen, dass er krankgeschrieben würde. Die Kollegschaft und die Vorgesetzten im Polizeipräsidium unten in Luleå mussten einen Ersatz finden, einen anderen lokalen Polizeichef. Aber ein Jahr? Das schien völlig widersinnig.
Roland Larsson guckte zu ihm hoch, als er eintrat.
»Nimm alles mit, was du hast«, forderte Wiking ihn auf. »Ein ganzes Waffenarsenal ist im Umlauf.«
Roland Larsson war am Tatort im Dienst als LOKUS, als lokaler untersuchender Strafverfolger. Normalerweise erledigte er die forensischen Aufgaben, die in Stenträsk bei Einbruch, Körperverletzung und Vandalismus anfielen. Bei Mord und terroristisch motivierten Straftaten wurde Unterstützung aus Luleå angefordert, das allermeiste konnte jedoch intern erledigt werden.
Der Kollege packte sofort seine große Ausrüstungstasche.
Jeder von ihnen nahm einen Streifenwagen. Wiking fuhr voraus, vorbei an Gransel und weiter hinauf nach Pålberget. Das Dorf bestand eigentlich nur aus ein paar Gehöften entlang der Landstraße hoch nach Kåtaforsen. Johan Björkman, der Geschädigte, war gut mit Markus befreundet, im Gymnasium waren sie in Parallelklassen gegangen und arbeiteten inzwischen beide auf dem Raketenstützpunkt. Björkman hatte den Hof seinen Eltern abgekauft, als sie es satthatten, Schnee zu schaufeln. Gerüchte behaupteten, dass die Eltern nun unglücklich in einer Wohnung am Rand von Boden lebten, doch Wiking wusste nicht, ob etwas Wahres daran war.
Jedenfalls stand der neue Besitzer jetzt auf seinem Hof und schaute verwirrt drein. Die Haustür hinter ihm war sperrangelweit geöffnet, auf der Vortreppe drängten sich zwei Koffer und ein Hund.
»Ich bin auf Strümpfen reingegangen«, sagte er, nickte zum Haus und begrüßte sie coronakonform mit dem Ellbogen. Wiking streckte ebenfalls den Ellbogen vor, wobei er sich unfassbar albern vorkam. Pandemie hin oder her.
»Der Waffenschrank ist weg«, sagte Johan Björkman.
Zusammen mit Roland Larsson machten sie eine schnelle Tatortbegehung durch das Haus und stellten fest, dass das meiste bis auf die Kleiderkammer unberührt geblieben war. Die Kleidungsstücke, die dort gehangen hatten, waren auf das Bett geworfen worden. Jetzt war der Raum leer, abgesehen von einem Kleiderbügel mit Krawatten und den Staubrändern dort, wo zuvor der Waffenschrank gestanden hatte. Er wog über 150 Kilo und war daher nicht im Boden verankert worden.
Sie nahmen am Küchentisch Platz, Wiking machte sich Notizen. Johan Björkman war erschüttert, blass und verschwitzt. Er hatte die ganze Woche mit seiner neuen Freundin unten in Pite Havsbad Urlaub gemacht, den Hund hatte der Nachbar genommen. Bei seiner Rückkehr am Morgen entdeckte er die beschädigte Haustür und stellte fest, dass die Waffen verschwunden waren. Er hatte niemanden gehabt, der die Blumen gegossen oder sich anderweitig um das Haus gekümmert hätte, er war nur eine Woche weg gewesen. Irgendwann zwischen Freitag, dem 14., und Freitag, dem 21. August, musste es demnach zu dem Diebstahl gekommen sein.
Johan Björkman holte einen Ordner mit Belegen für das Diebesgut, alle Lizenzen und Versicherungen, und Wikings Befürchtung bestätigte sich. Es handelte sich vielleicht nicht um ein ganzes Arsenal, aber fast.
Eine AK-4, eine 800er-Packung mit 7,62-mm-Patronen, davon 80 Leuchtspurgeschosse. Eine halbautomatische Glock 88. Das waren seine Waffen von der Heimwehr. Außerdem fehlte ein Elchstutzen der Marke Sako, ganz neu, richtig massiv. Ein etwas kleineres Gewehr für die Hirschjagd, eine Sako Vixen 222. Außerdem eine alte Husqvarna-Schrotflinte mit Hähnen, Kaliber 20.
Da Regen in der Luft lag, machte sich Roland Larsson schnell an die Spurensuche auf der Auffahrt, dem Hofplatz und im Haus. Anfang der Woche war es windig gewesen und hatte stark geregnet, wodurch das meiste, was vorher da gewesen war, weggespült worden war.
»Wer weiß, dass du diese Waffen zu Hause hast?«, fragte Wiking, obwohl er die Antwort schon kannte.
»Alle«, sagte Johan Björkman.
Wiking nickte. Björkman war Zugführer der Heimwehr und Vorsitzender des Stenträsker Jagdteams, »alle« wussten es.
»Hast du in letzter Zeit mit jemandem über deine Waffen gesprochen?«
»Ich habe den Stutzen voriges Frühjahr in Arjeplog gekauft. Markus und Emil haben ihn getestet, sonst habe ich mit niemandem darüber gesprochen, nein …«
Markus und Emil gehörten beide zum Jagdteam und waren auch Kollegen auf dem Raketenstützpunkt.
»Sind dir in letzter Zeit unbekannte Personen oder Fahrzeuge in der Nähe vom Hof aufgefallen?«
»Nicht in der letzten Zeit.«
Wiking baute sich breitbeinig vor dem Geschädigten auf.
»Johan«, sagte er, »war in dem Schrank noch was anderes? Außer den Waffen. War da was, wovon wir wissen sollten?«
Der Mann schaute verständnislos drein.
»Ich frage dich, ob du noch etwas anderes im Waffenschrank aufbewahrt hast? Etwas, das dir wichtig ist, oder das nicht in Umlauf kommen durfte?«
»Was sollte das sein?«
Wiking starrte ihn ein paar Sekunden lang an, aber der Mann knickte nicht ein, daher überließ er den Hof der methodischen Untersuchung durch Roland Larsson und fuhr zu den umliegenden Häusern, um die Nachbarschaft zu befragen. Keines der Gebäude stand so nah, dass sie von dort Björkmans Hof hätten einsehen können.
Er traf zwei ältere Ehepaare zu Hause an und außerdem die Frau, die das alte Missionshaus gekauft hatte und als Textilkünstlerin arbeitete. Niemand hatte etwas gesehen, seine Fragen hatten aber offensichtlich alle aufgescheucht. Künftig würde man im Dorf Alarmanlagen installieren.
Auf der Rückfahrt zur Dienststelle regnete es wieder. Er hatte es eigentlich nicht vorgehabt, aber als er an die Ausfahrt zum Kallmyr kam, bog er trotzdem rechts ab. Er fuhr die schmalen Waldwege entlang, bis er an der nordwestlichen Ecke den Wendeplatz erreichte, wo er an derselben Stelle parkte wie Helena an jenem Tag. Vor dreißig Jahren und sieben Tagen. Er schaltete die Zündung aus und blieb sitzen. Der Regen prasselte energisch auf das Dachblech. Die Scheiben beschlugen langsam.
Er war am Jahrestag hierhergefahren, obwohl er beteuert hatte, er würde es nicht tun. Sein Freund Mats Vikander aus der Zeit an der Polizeischule in Sörentorp war vor ein paar Jahren mit ihm hergekommen, und er hatte Mats versprochen, dass dies das letzte Mal gewesen sei.
Er hatte viel zu viel Zeit oben im Sumpf verbracht.
Eigentlich war das Kalte Moor nichts Besonderes. Es war ein Strang-Übergangsmoor, das einen chaotischen Eindruck machte durch die unzähligen Moorstränge, die sich in verschiedene Richtungen ohne sichtbare Symmetrie ausgebreitet hatten. Groß, aber keines der größten im Land. Ein Erbe aus der Eiszeit, wie alle in Skandinavien, entstanden durch Versumpfung. Aufgrund des nährstoffarmen Sumpftorfes gedieh nur spärliche Vegetation, hier wuchsen jedoch Glockenheide und Sumpfporst, Moltebeeren und Krähenbeeren, Rosmarinheide und Seidenwollgras. Zwergbirken und Krüppelkiefern, Blumenbinsen und Moosbeeren.
Sümpfe konnten bodenlos sein, zumindest fast. Dafür gab es viele Zeugnisse. Sowohl Menschen als auch Gegenstände verschwanden und wurden nie wieder gefunden. Zum Beispiel das Kampfflugzeug, das in den 70er Jahren bei Nässjö in Småland im Moor versank. Er war mit Mats dort gewesen. Der Ort war immer noch tot und leer, ein glatter und trostloser Spiegel aus Schlamm, in dem nichts wuchs. Weder das Flugzeug, eine Saab Draken J 35, noch der junge Pilot, der es flog, konnten geborgen werden. Sie ruhten im Sumpf, genau wie Helena.
Tatsächlich war er von Mooren besessen und las Bücher, Neuigkeiten und Berichte über ihre Entstehung, Zusammensetzung und Entwicklung. Am Ende verbrachte er so viel Zeit oben im Kallmyr, dass seine Mutter Karin sich mit Mats verbündete, um ein ernstes Wörtchen mit ihm reden. Er vernachlässigte sowohl die Arbeit als auch die Kinder, weil er nur noch am Rand des Sumpfes saß und hineinstarrte.
Dort war ihr Grab. Man hatte ihm einen Platz für eine Erinnerungstafel im Gedenkhain des Friedhofs angeboten, aber er hatte abgelehnt.
Sie ruhte hier.
Dieser Krebs, falls er daran starb … Würden sie sich wiedersehen?
Was für ein idiotischer Gedanke.
Er öffnete die Wagentür, und als er ausstieg, durchbrach ein Düsenflugzeug über ihm die Schallmauer. Das Phänomen, dass der Pilot Überschallgeschwindigkeit erreichte und sich alte und neue Schallwellen überlagerten, traf den Boden wie eine Explosion. Die Druckveränderungen führten dazu, dass ihn die Feuchtigkeit in der Luft wie ein Wolkenbruch traf. Schnell setzte er sich wieder ins Auto und schloss die Tür, während ihm das Wasser übers Gesicht lief und sein Herz klopfte. Das war bestimmt ein Zeichen, dass er sich von hier fernhalten sollte. Er blinzelte zum Himmel, sah das Flugzeug aber nicht, es war bereits zwischen den Regenwolken verschwunden. Die Norweger hatten diese und wahrscheinlich auch die nächste Woche den Raketenstützpunkt gemietet. Wie lange sie bleiben würden, war eigentlich nicht öffentlich, aber die Pension unten in der Stadt war bis zum 28. ausgebucht.
Er schaute auf die Uhr. Er war um sechs zum Abendessen bei Markus und Josefin eingeladen. Er musste los, wenn er vorher alle Berichte schreiben und Anfragen beantwortet haben wollte.
Er startete den Motor erneut, setzte zurück und rollte über die Kiefernnadeln hinunter zur Straße.
Das Letzte, was er im Rückspiegel sah, war das alte, vergessene Straßensperrschild aus den 1970er Jahren:
SKYDDSOMRÅDE
Tillträde förbjudet för utlänningar
RESTRICTED AREA
Entry prohibited for aliens
SPERRGEBIET
Zutritt für Ausländer verboten
ZONE PROHIBEE
Accès interdit aux étrangers
SUOJA-ALUE
Pääsy ulkomaalaisilta kielletty
САНКТУАРЬДоступ запрещен для иностранцев
Auf dem Granselväg fuhr er an der Gebietsgrenze entlang, an der keine Zäune standen. Das wäre so unmöglich gewesen wie einen Zaun um den gesamten Bundesstaat Rhode Island zu ziehen. Der Raketenstützpunkt oberhalb von Stenträsk war Europas größtes Testgelände für Massenvernichtungswaffen, eine High-Tech-Militärbasis. Zum Zentrum gehörten ein Militärflughafen mit einer Reihe von Gebäuden für Verwaltungs- und Analyse-Tätigkeiten. Der offizielle Name Missile Test Range Stone Swamp hätte der Titel eines amerikanischen Actionfilms sein können. Seine Geräuschkulisse, ein tiefes Hintergrundgrollen, hatte Wiking schon sein ganzes Leben begleitet.
Die Anlage wurde 1957 als geheimer Kriegsflughafen und als Testgelände für die simulierten Atomwaffentests gegründet, die in den 50er Jahren in der norrbottnischen Mittelgebirgslandschaft durchgeführt wurden. Die in der Gegend ansässigen Menschen wurden für immer evakuiert. Er war mehrere Male in dem verlassenen Dorf Nausta gewesen, es stand immer noch im Versuchsgebiet wie ein vergessenes Echo: eine Hütte, ein gemauerter Schornstein, ein Heuschober als Winterscheune. Drei Samebys hatten dort die Rentierweidegründe genutzt. Man hatte sie rechtzeitig vor drohenden Testexplosionen gewarnt, die Kommunikation funktionierte angeblich gut.
Ein paar Überschallflugzeuge schossen über das Auto hinweg, Wiking sah zu, wie sie hinter den Baumwipfeln an Höhe verloren, um zur Landung anzusetzen. Der Flughafen auf dem Stützpunkt verfügte über eine voll ausgebaute Start- und Landebahn für den Luftverkehr, etwas mehr als 2200 Meter lang und 35 Meter breit. In der Praxis bedeutete dies, dass ein Jumbojet darauf starten und landen konnte. Es war auch eine Kurzbahn mit einer Länge von 800 Metern vorhanden.
Den Stützpunkt nutzte man für alle erdenklichen Übungen und qualifizierten Truppenbeschüsse mit Maschinenkanonen und Raketen, Streumunition und Robotern sowie für Nachtflüge, teilweise im Verbund mit Flugabwehreinheiten. Es gab Ressourcen für qualifizierte Messungen, Überprüfung und Analysen von allem, von neuen Waffen bis hin zur elektronischen Kriegsführung. Wirkungsgrade von Bomben und Auswirkungen auf die bebaute Infrastruktur wurden vielfach gemessen, alles stand zur Verfügung. Man baute zum Beispiel Straßen und Brücken aus dem Nichts, nur um sie zu sprengen.
Ursprünglich wurde der Stützpunkt nur von der schwedischen Verteidigung genutzt, Ende der 1970er Jahre öffnete man ihn jedoch zusätzlich für internationale Einsätze. Gemäß Paragraf 10 der Zugangsverordnung war jedoch für jeden einzelnen Besuch eine Genehmigung unmittelbar von der schwedischen Regierung erforderlich. Im Laufe der Jahre hatten zahlreiche Länder die sich bietenden Möglichkeiten genutzt: die USA, Deutschland, Frankreich, Japan, die Schweiz, die Niederlande, die Türkei, um nur einige zu nennen.
Für die gesamte Anlage galt die höchste militärische Geheimhaltungsstufe. Keine Aktivität war öffentlich. Allerdings wurden Warnungen und Informationen im direkten Zusammenhang mit größeren Tests verschickt. Aus naheliegenden Gründen war es schwierig, vor den Leuten, die in der Nähe wohnten, geheimzuhalten, dass Überschallflüge getestet wurden. Ein bestimmtes Datum oder eine bestimmte Uhrzeit wurden nicht bekannt gegeben, ebenso wenig die Art der Aktivität oder die beteiligten Akteure. Das fiel unter das Militärgeheimnis der Landesverteidigung. Alle Zeitpläne galten als streng geheim.
Allerdings übernachteten alle Techniker, die zu Besuch waren, in der Pension in Stenträsk, im Stone Swamp Inn. Man musste sich also nicht mit Kernphysik auskennen, um herauszufinden, wer die Bomben testete. Es reichte, ein Bier an der Bar zu trinken, denn das taten die Techniker auch. Bei einem guten Schluck hörte man, welche Sprache am Nebentisch gesprochen wurde. Auf dem Stützpunkt waren auch etwa hundert Angestellte beschäftigt, die alle einer Geheimhaltungsstufe unterlagen und zur Verschwiegenheit verpflichtet waren, aber unter Freunden ergab sich trotzdem immer einmal wieder das eine oder andere Gespräch.
Im Großen und Ganzen hatten die Einheimischen nichts gegen den Raketenstützpunkt einzuwenden, weder gegen die Größe noch gegen die Heimlichtuerei. Hier tickten die Uhren etwas anders. Die Anlage war im Ort nicht nur ein bedeutender Arbeitgeber, die angereisten Techniker stellten für die Ortsansässigen außerdem eine zusätzliche Einnahmequelle dar.
Die Fluktuation beim Personal war niedrig. Wer einmal Arbeit auf dem Raketenstützpunkt gefunden hatte, neigte dazu, sie zu behalten. Das traf auch auf Markus Stormberg, Wikings Sohn, zu.
»Hier kommt Drajlen!«
Der Vierjährige rannte auf Wiking zu und warf sich kurz vor ihm kopfüber nach vorne, im unerschütterlichen Vertrauen, dass er aufgefangen wurde, bevor er auf dem Boden aufschlug.
Wiking ließ die Autoschlüssel fallen und erwischte den Jungen im letzten Moment.
»Juhuuu«, sagte der Opa und hob das Kind in die Höhe, das immer schwerer wurde. Der Junge schrie vor Freude.
»Bist du heute stark?«, fragte Wiking und drehte ihn auf den Kopf. Neue Freudenschreie.
»Ich bin superstark! Ich bin Drajlen!«
Wiking setzte den Jungen, der wie ein Flummi auf und ab hüpfte, auf dem Korkfußboden ab.
»Noch mal, Opa!«
»Dein Opa muss sich jetzt hinsetzen, er ist ein alter Mann«, sagte Markus und reichte seinem Vater ein frisch geöffnetes Leichtbier.
Wiking ließ sich samt Bierflasche auf die Küchenbank fallen, das Kind kletterte sofort auf seinen Schoß.
»Können wir auf dem Vallbomsväg fahren?«, fragte er. »Bitte, bitte, bitte …«
»Elliot, hast du schon Pipi gemacht?«, fragte Josefin, die mit ihrer Tochter auf dem Arm in die Küche kam. Maja Maria Helena, getauft und gesegnet in der Stenträsker Kirche.
»Ich bin Drajlen«, wiederholte der Junge. »Ich habe keine Zeit.«
Drajlen war der persönliche Superheld von Wiking und Elliot. Er wohnte am Ende vom Vallbomsväg, der früher einmal Holmträsk und Arnemark miteinander verband. Inzwischen war die Straße in einem so schlechten Zustand, dass sie fast nicht mehr befahrbar war – zumindest wenn es nach Wiking und Elliot ging. Um dorthin zu kommen, musste Elliot auf Opas Schoß sitzen und sich gut festhalten. Denn große Steine und tiefe Löcher machten die Fahrt auf Opas Schoß sehr holprig, und ziemlich oft fuhren sie in den Graben, was das Beste am Ganzen war.
»Geh mit deiner Mama aufs Klo«, sagte Wiking, stellte den Jungen wieder auf den Boden und hob die Autoschlüssel auf.
Josefin umarmte ihn kurz, beide hatten Covid-19 schon gehabt, also bestand keine Gefahr. Wenn sie nicht in Elternzeit war, arbeitete sie in der Personalabteilung der Gemeinde. Ehrlich gestanden wusste er nicht genau, was sie da machte.
»Hast du das mit der Gräte im Hals checken lassen?«, fragte sie. »Es könnte eine Mandelentzündung sein, womöglich brauchst du Antibiotika.«
Er räusperte sich, musste es erzählen.
»Ich habe mir vorige Woche im Krankenhaus Proben entnehmen lassen«, begann er.
»Karins Feier am Montag«, sagte sie. »Ich habe eine Sandwichtorte bestellt. Könntest du sie bei Holmdahls abholen?«
»Klar, die hole ich auf dem Weg ab.«.
Markus trank von seinem Bier.
»Verhaftet ihr die, die das gemacht haben?«
Wiking nahm einen kräftigen Schluck, würgte ihn hinunter und sah seinen Sohn an. Er sah ihm ähnlich, das sagten alle.
»Den Waffendiebstahl? Wir tappen im Dunkeln. Wir kennen nicht einmal den Zeitpunkt. Niemand hat was gesehen.«
»Johan ist total durch den Wind. Er will verkaufen und von hier wegziehen.«
»So eine Reaktion kommt nach einem Einbruch ziemlich häufig vor«, erklärte Wiking. »Sag ihm, er soll abwarten und im Auge behalten, was sich sonst noch tut.«
Das Smartphone in seiner Innentasche klingelte, er holte es heraus und warf einen kurzen Blick auf das Display: Roland Larsson. Mit einer entschuldigenden Handbewegung stand er auf und steuerte die Haustür an.
»Essen in fünf Minuten«, sagte Markus und ging zum Herd.
»Hast du etwas gefunden?«, fragte Wiking ins Telefon und zog die Tür hinter sich zu.
»Alles ganz simpel«, antwortete Roland Larsson. »Der Täter hat den Waffenschrank auf einen stabilen Transportroller gehoben und zu seinem Auto geschoben, das vor dem Haus auf ihn gewartet hat.«
»Wie viele Beteiligte waren es?«
»Mindestens drei, würde ich sagen, um den Schrank anzuheben. Aber aus dem Grund rufe ich nicht an. Hast du mitgekriegt, was letzten Mittwoch in Tensta passiert ist?«
Tensta? Der Name des Stockholmer Vorortes schickte einen Schwall von Erinnerungen durch seinen Körper, aber keine vom letzten Mittwoch.
»Nicht dass ich wüsste; worum geht’s?«
»Die Bandenschießerei, die Pizzeria?«
Die Einzelheiten der letzten dieser aufsehenerregenden Schießereien waren verschwommen. Vier Männer hatten in einer Pizzeria um sich geballert? Drei Verletzte?
»Es könnte da mit den Waffen aus Pålberget geschossen worden sein«, erklärte Roland Larsson.
»Oh, verdammt. Warum glaubst du das?«
»Die Kollegen in Järva haben heute Nachmittag einen Rotzbengel festgenommen. Haben unter seinem Bett die gleichen Waffen gefunden, die bei Björkman abhandengekommen sind.«
»Genau die gleichen?«
»Sieht so aus. Björkman hat Schießübungen gemacht, auf einen Heuschober hinter dem Haus, wir haben für den Abgleich ein paar Kugeln aus der Holzwand gekratzt. Mal sehen, ob Linköping was damit anfangen kann.«
Wiking nickte vor sich hin, das Landesamt für Forensik konnte die Kugeln aus dem Heuschober mit denen aus der Pizzeria vergleichen. Roland Larsson war ein ausgezeichneter LOKUS. Ging sachlich und methodisch vor. War vielleicht ein bisschen langweilig, doch das war Wiking auch.
»Muss einer von uns runterfahren?«
»Kann ich mir nicht vorstellen. Die Kugeln sind ja gerade erst losgeschickt worden. Das LAF wird sich schon melden, wenn sie Fragen haben.«
Ihm kam der Gedanke, dass Roland Larsson auch ohne ihn gut zurechtkäme. Er könnte übernehmen, kein Problem. Der Betrieb auf der Polizeidienststelle würde weiterlaufen, reibungslos.
»Hast du den Knall gehört?«, fragte Wiking.
»Sie haben für das ganze Wochenende vor Überschallflügen vom Stützpunkt gewarnt. Ich will dich nicht weiter aufhalten. Wir sehen uns Montag.«
Sie beendeten das Gespräch. Wiking steckte das Telefon zurück in die Innentasche und ließ den Blick über die Umgebung schweifen. Es hatte aufgehört zu regnen, von Westen her schien es aufzuklaren. Hinter den Wolkenbänken kam die Sonne hervor.
Das Einfamilienhaus seines Sohnes stand am Rande der Ortschaft, ein Älvsbyhus aus den 1980er Jahren. Carina Burstrand, die Kollegin von der Anmeldung auf der Dienststelle, wohnte in der Parallelstraße. Für die Kinder war die Gegend zum Aufwachsen genau das Richtige, mit Schaukeln und Trampolin. Warum war ihm das bisher nie aufgefallen? Er hätte es sich wahrscheinlich leisten können, hier ein kleines Haus zu kaufen. Stattdessen hatte er, als Markus Teenager wurde, sein eigenes Bett ins Wohnzimmer gestellt, damit die Kinder jeweils ein eigenes Zimmer hatten.
Dreißig Jahre lang. Wer hatte etwas davon gehabt? Und jetzt würde er vielleicht sterben.
Er machte ein paar Schritte auf den Rasen und sank auf den Boden. Legte sich mit ausgestreckten Armen gerade hin und guckte in den Himmel. Die Feuchtigkeit in der Erde drang durch seine Kleidung, der Kondensstreifen hinter einem Überschallflugzeug kam ihm wie ein Kreidestrich am Himmel vor.
»Wenn du irgendwo bist«, flüsterte er, »gib mir ein Zeichen. Jetzt hast du die Chance. Muss ich jetzt sterben? Ist das jetzt das Ende?«
Nichts passierte. Kein Flugzeug, nicht einmal ein Rascheln in den Laubbäumen.
Seufzend stand er auf. Nass war er geworden. Versuchte, das Gröbste abzuwischen, bevor er wieder zu seinem Sohn ins Haus ging.
Markus und Josefin hatten Elchsteak mit gebräunten Zwiebeln und Pilzen in Sahnesoße gekocht. Dazu Kartoffeln und Gurken, Husman-Knäckebrot, gesalzene Bregott-Margarine, Vogelbeergelee, karamellisierte Karotten und Preiselbeermarmelade. Wiking wusste nicht, wer was zubereitet hatte, der Sohn und seine Freundin schienen sich gegenseitig bei allem zu helfen. Aus irgendeinem Grund schmerzte es ihn, weckte schamvollen Neid.
Elliot aß mit großem Appetit. Er mochte jedes Essen. Ein paar Thailänder hatten unten in der Stadt neben der Bibliothek ein asiatisches Restaurant eröffnet, wo sowohl Wokgerichte als auch Sushi und die neumodischen Poké Bowls auf der Speisekarte standen. Im Gegensatz zu seinem Opa schmeckte dem Kleinen alles.
Wiking tat sich mit diesem rohen Fisch schwer.
Josefin stillte das Mädchen am Tisch, so wie Helena früher. Sollte sie nicht eigentlich bald damit aufhören? Das Kind konnte doch schon sitzen und krabbeln.
»Hast du mit Elin gesprochen?«, fragte er seinen Sohn, nachdem er zwei große Portionen verdrückt hatte.
»Sie hat heute Nachmittag angerufen«, antwortete Markus. »Sie hat Nachtdienst. Danach hat sie das restliche Wochenende frei.«
Wikings Tochter war Krankenschwester im Karolinska Krankenhaus in Solna, einem Vorort von Stockholm. Sie hatte mit Krebspatienten im Radium-Haus gearbeitet, bis dem Zeitgeist gemäß die funktionierende Abteilung aufgelöst und in etwas Neues und Frisches umstrukturiert wurde. Heute war sie auf einer Intensivstation für Covid-Patienten tätig.
Soweit Wiking wusste, erlebte sie dort die wahre Hölle. Er hatte sie seit letztem Weihnachten nicht mehr gesehen.
»Wie geht es ihr?«
»Besser, denke ich. Das Ekzem ist etwas abgeklungen.«
»Hat sie was wegen des Urlaubs gehört?«
»Warum rufst du sie nicht selbst an und sprichst mit ihr?«
Josefin stand mit dem Mädchen auf der Hüfte auf und hielt dem Jungen die Hand hin.
»Komm, Elli, wir putzen jetzt Zähne und lesen ein Märchen.«
Das Kind verschränkte fest die Arme.
»Opa soll lesen!«
»Heute nicht, Schätzchen, komm jetzt.«
»Ich lese dir ein andermal vor«, sagte Wiking. »Geh jetzt mit deiner Mama.«
Der Junge protestierte lautstark, als sie sich zum Schlafzimmer entfernten.
Markus seufzte.
»Sorry, ich wollte dich nicht kritisieren …«
»Nein, schon gut, du hast ja recht«, gab Wiking zu. »Ich rufe sie an. Ich möchte sie nur nicht stören.«
»Du störst nicht. Wenn sie beschäftigt ist, wird sie es dir schon sagen. Dann kannst du wieder anrufen. Das ist doch kein Ding.«
Er stand auf und machte sich daran, die Teller abzuräumen. Wiking verfolgte seinen Sohn mit den Augen. Er hatte sein Bestes gegeben, als die beiden Kinder klein waren, und das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Das musste er zugeben. Aus seinen Kindern waren soziale und respektable Persönlichkeiten geworden. Fähig, Empathie zu empfinden und Verantwortung zu übernehmen.
Josefin stritt im Badezimmer mit Elliot übers Zähneputzen, Maja plapperte vor sich hin.
Markus stellte das Geschirr in die Spülmaschine und schaltete sie ein. Josefin und die Kinder gingen in ein Schlafzimmer, eine Tür wurde geschlossen. Markus wischte sich die Hände an einem Küchentuch ab und drehte seinen Kopf zum Geräusch hinter der geschlossenen Tür.
Wiking nahm innerlich Anlauf. Er musste es erzählen.
»Okay«, sagte Markus leise. »Ich muss dir was zeigen.«
Er verschwand in sein heimisches Büro und kehrte mit etwas zurück, das wie ein aufgerissener Brief aussah.
»Der ist heute mit der Post gekommen.«
Er hielt ihn Wiking hin, der den länglichen weißen Umschlag mit dem Logo vom Hotel International in der unteren linken Ecke entgegennahm. Las die handgeschriebene Adresse:
Markus Stormberg
Tornväg 12
97590 Stenträsk
Wiking spürte, wie der Raum in Schieflage geriet, diese Handschrift.
»Das ist die alte Postleitzahl«, sagte Markus. »Bevor sie geändert wurde. Bestimmt gab es für ganz Stenträsk früher nur diese eine, oder? Wir haben jetzt 97593.«
Wiking drehte den Umschlag um. Kein Absender. Sein Mund war völlig trocken. Wog den Brief in der Hand und sah zu Markus hoch.
»Lies«, forderte sein Sohn ihn auf.
Es war nur eine Seite, ein Blatt Briefpapier vom Hotel International, mit blauem Kugelschreiber handgeschrieben. Die gleiche eckige Handschrift wie auf dem Umschlag. Er hatte einen metallischen Geschmack im Mund.
Markus Stormberg,
du darfst das Angebot als Projektleiter für das QATS-System nicht annehmen.
Es ist mit großer Gefahr verbunden.
Du MUSST ablehnen. Erfinde eine Ausrede.
Zeig diesen Brief deinem Vater Wiking.
In der unteren rechten Ecke war ein handgezeichnetes Symbol: ein unregelmäßiger fünfzackiger Stern.
Wiking ließ den Brief auf den Boden gleiten und stand auf. Der Stuhl kippelte hinter ihm, er stützte sich am Küchentisch ab, um nicht zu fallen.
Gib mir ein Zeichen. Jetzt hast du die Chance.
Markus eilte zu ihm.
»Mensch, Papa, was ist los?«
Sie setzten sich gemeinsam auf die Küchenbank. Wiking starrte auf den Brief, der auf dem Boden lag.
Das war nicht möglich.
»Papa, was verdammt noch mal ist mit dir?«
Wiking schloss die Augen und schlug beide Hände vors Gesicht, biss die Zähne fest zusammen. Er sah Gespenster, Dinge, die nicht da waren.
»Mann, Papa, sag was, du machst mir eine Scheißangst!«
Am Anfang hatte er seine Sinne aufs Äußerste geschärft und auf ein Lebenszeichen gewartet. Wenn er Schritte im Treppenhaus hörte, sah, wie ein Auto abbremste und vor der Haustür hielt, ihm auf der Straße blonde Frauen entgegenkamen. Ein Seufzer der Erleichterung, weil alles nur ein Albtraum aus der Hölle war. Hier war sie, jetzt kam sie! Dann die Realität wie ein Faustschlag in die Magengrube. Es dauerte lange, bis es abklang, bis er aufhörte zu warten.
Wiking holte tief Luft, ließ Hände und Schultern sinken. Sah seinen Sohn an.
»Ist der heute gekommen?«
»Oder gestern, ich weiß nicht mehr, ob wir gestern die Post rausgeholt haben.«
»Wie viele Leute haben den Umschlag angefasst?«
Markus sah völlig perplex aus.
»Angefasst? Nur ich. Ja, und der Postbote natürlich, ich weiß es nicht. Josefin habe ich nichts gesagt, ich finde das ziemlich unheimlich.«
»Was ist das QATS-System?«
Markus stand auf und sammelte den Brief vom Boden auf.
»Du weißt, ich darf nicht …«
»Fass den Brief nicht an, leg ihn auf den Tisch.«
Der Sohn ließ das Blatt Papier fallen, als hätte er sich verbrannt. Es landete da, wo Wikings Teller gestanden hatte.
»Ich darf nicht über meine Arbeit sprechen.«
»Jetzt musst du aber.«
Markus fuhr sich durch die Haare, wie er selbst früher.
»Das darf ich nicht. Geheimhaltungsstufe eins. ÖGG, du kennst das.«
Das Öffentlichkeits- und Geheimhaltungsgesetz, ja, das kannte er.
»Anscheinend ist schon etwas durchgesickert. Die Person, die den Brief geschrieben hat, weiß davon. Jetzt geht es um dich und deine eigene Sicherheit.«
»Meinst du, da ist was dran?«
Wiking ballte die Fäuste. Engel, gab es sie?
»Jemand weiß etwas, was du nicht weißt.«
Der junge Mann wandte den Blick für ein paar lange Sekunden von dem Brief ab.
»Wer zum Teufel kann das sein?«, fragte er leise. »Und warum sollte …?«
»Verrate mir, worum es geht«, sagte Wiking. »Was ist QATS?«
Markus kaute auf seiner Unterlippe.
»Wem sollte ich das verraten?«, fragte Wiking. »Traust du mir zu, ich würde etwas tun, was dir schaden könnte? Du kannst es mir sagen. Das bleibt unter uns.«
Der Sohn schluckte und nickte dann.
»Die neuen Streubomben der europäischen NATO«, sagte er ganz leise. »Ferngesteuert, KI-basiert. Mir wurde die Leitung des Projekts angeboten. Das ist eine Beförderung. Höheres Gehalt, mehr Verantwortung, eine Woche mehr Urlaub.«
»Du darfst nicht annehmen«, sagte Wiking.
Markus sah zu seinem Vater hoch, seine Augen waren stark gerötet.
»Was zum Teufel ist los mit dir? Natürlich nehme ich an! Ich habe jahrelang darauf hingearbeitet.«
»Weiß Josefin davon?«
»Vom QATS? Kein Stück. Sie weiß, dass ich ein neues Projekt habe, aber nicht, was für eins. Davon erzähle ich nie etwas.«
Wiking beugte sich vor und betrachtete den Brief. Der Stern knisterte und schrie, dass es in seinem Kopf widerhallte.
»Kann ich den behalten?«
»Was? Warum?«
»Und den Umschlag?«
»Also … ja, klar, aber was willst du damit? Warte, lass mich zuerst ein Foto davon machen.«
Markus machte mit seinem Handy eine Aufnahme von dem Brief. Wiking stand auf, der Boden bebte. Er nahm den Umschlag vom Küchentisch. Auf dem Hotellogo war ein kleiner Sahnefleck zu sehen. Er zog die Ärmel über die Hände, faltete das Briefpapier zusammen, ohne es mit den Fingern zu berühren, und steckte es zurück in den Umschlag.
»Wann muss eine Beförderung angenommen oder abgelehnt werden?«
»Ich habe schon zugesagt, schon unterschrieben.«
Wiking machte einen Schritt auf seinen Sohn zu.
»Du musst ablehnen«, forderte er, seine Stimme war belegt. »Du darfst diesen Auftrag nicht annehmen. Mach einen Rückzieher. Denk dir eine Ausrede aus.«
»Nie im Leben«, widersprach Markus. »Ich bin für immer am Arsch, wenn ich es jetzt vermassle. Warum? Wegen eines anonymen Scheißbriefs?«
»Der ist nicht anonym«, sagte Wiking, nahm Rucksack und Jacke von der Küchenbank, zog sie an und steckte den Brief in die Innentasche.
»Sag Josefin schöne Grüße und vielen Dank fürs Essen.«
»Du willst gehen? Jetzt schon?«
Wikings Blick flog aus dem Fenster nach Nordwesten und zum Sonnenuntergang. Hinter Pålberget und dem Fluss erstreckte sich die Bergwelt, Kilometer um Kilometer Nadelwälder und Bergmassive, Sarek und Stora Sjöfallet, die norwegische Grenze und die Lofoten. Der Atlantik und Grönland. Er sah das alles nicht, wusste nur, dass es da war. Aber konnte er sich dessen wirklich sicher sein? Was sagte ihm, dass es eine Realität jenseits seines eigenen Horizonts gab?
»Ich habe heute das Essen gekocht«, sagte Markus.
Wiking wachte mit einem hallenden Echo der Leere in seinem Körper auf. Sie war mit dem ersten bewussten Atemzug da, sobald er die Augen aufschlug und durch die Ritzen der Jalousien im Schlafzimmers nach draußen schaute. Er hob das Smartphone an, um auf die Uhr zu sehen: 05:15.
Er wachte immer so früh auf. Das hatte in den Jahren im Studentenzimmer unten in Luleå angefangen, in seinem dreizehn Quadratmeter großen Raum, der an eine Art elektrischen Sicherungskasten grenzte. Ob um diese Zeit die Zentralheizung, die Lüftung, das Warmwasser oder etwas anderes ansprang, hatte er nie herausgefunden. Was auch immer es war, danach war er für immer programmiert gewesen, ob Polarfinsternis oder Mitternachtssonne. Jeden Tag, das ganze Jahr.
Er fragte sich, wer sich noch an sie erinnerte.
Man wusste noch, dass sie in der Moltebeerenzeit verschwunden und sich aus dem Grund oben im Moor aufgehalten hatte. Mit der Zeit war ihr Nachruhm einem kollektiven Unbehagen gewichen: Willst du Beeren pflücken? Dann geh nicht unter wie die Frau vom Polizeichef.
Dreißig Jahre. Ein ganzes Leben.
Vieles hatte sich verändert, anderes überhaupt nicht. Die Drei-Zimmer-Wohnung im Kvarndammsväg zum Beispiel. Die Möbel, die Kücheneinrichtung, das meiste war beim Alten geblieben. Als Elin ein eigenes Zimmer brauchte, räumte seine Mutter Karin Helenas Kleiderschrank aus. Das war zur Zeit der Terroranschläge auf das World Trade Center im September 2001 gewesen. Auch sein Arbeitsplatz war unverändert, er hatte jetzt nur einen anderen Dienstgrad.
Manchmal war er erstaunt, dass er immer noch derselbe Mann war wie zuvor. In jungen Jahren hatte er geglaubt, dass das Altern automatisch bedeutete, dass er ein anderer werden würde. Doch das war nicht der Fall. Er war immer noch derselbe Mensch wie der Junge auf Karins Weihnachtsfotos aus den 1960er Jahren. Die einzigen für ihn wahrnehmbaren Veränderungen waren Reife, Erfahrung und ein gewisser Lebensüberdruss.
Er streckte sich, legte die Hände unter den Kopf. Die Gräte kratzte im Hals. Er spürte die Kälte vom Kopfteil des Bettes an den Fingerknöcheln. Es war immer noch dasselbe wie an jenem Morgen, an dem letzten. Nach der Eröffnung von Ikea in Haparanda im Herbst 2006 hatte er die Lattenroste und die Matratze ausgetauscht, das Betthaupt jedoch behalten. Er schloss die Augen. Erinnerte sich, wie sie das Baby ins Gitterbettchen legte, neben ihn kroch, ihn küsste und ihm das Hemd auszog. Die schweren Brüste, weil sie stillte, die fiebrige Haut. Wie überrascht er war, wie glücklich. Er erinnerte sich kristallklar an den Eifer seiner Hände. Wie das Mädchen im Bettchen gluckste, satt und frisch umgezogen, während sie sich liebten. Apollo erwachte bei der Erinnerung zwischen seinen Beinen.
Dann, er in der Tür auf dem Weg zur Arbeit, sie mit dem Baby an der Brust am Küchentisch. Sie sagte, sie wolle später Moltebeeren pflücken gehen.
Nicht im Kallmyr, oder? Du weißt doch, dass …
Ihre Augen, vor Müdigkeit getrübt.
Das ist nur Aberglaube, Wiking. Bodenlose Moore gibt es nicht.
Apollo schrumpfte und verzog sich.
Er hatte ihr sagen wollen, sie solle versuchen, sich auszuruhen und etwas für sich zu tun. Manchmal wachte er nachts auf, weil sie weinte. Zuerst hatte er versucht, sie zu trösten, aber es war ihr peinlich, also hörte er auf.
Jetzt lächelte sie ihn an, schwach.
Mach es gut, du.
Er dachte, dass es bald besser werden würde. Dass ihre Schwermut nachlassen würde.
Er hörte auf dem Weg zum Dienst Autoradio, die Nachrichtensendung »Echo am Morgen«. George Bush und seine Soldaten am Persischen Golf, Ost- und Westdeutschland standen kurz vor der Wiedervereinigung.
Dass er sich auch daran erinnerte, bloß an so etwas.
Mit Lars-Ivar Pekkari, dem alten Partner seines Vaters, führte er an diesem Nachmittag oben an der Schnellstraße 374 Alkoholkontrollen durch.
Sie erwischten einen mutmaßlich angetrunkenen Autofahrer und einen ohne Fahrerlaubnis.
Er kam zur gewohnten Zeit nach Hause, kurz nach fünf. Der Zettel auf dem Küchentisch.
Geliebter,
ich pflücke ein paar Moltebeeren.
Muss mal raus aus der Wohnung.
Markus ist bei Karin.
Und dann der Stern unten in der rechten Ecke, der fünfzackige, unregelmäßige, der wie die Narbe auf ihrem Bauch aussah, am Rand des Kaiserschnitts nach der Geburt des Sohnes. Ihr Erkennungszeichen.
Er schälte sich aus den feuchten Laken und ging nackt in die Küche, ohne das Deckenlicht einzuschalten. Auch Anja Berglund, die auf der anderen Seite des Innenhofes wohnte, war immer früh wach, er hatte sie ein paarmal dabei ertappt, wie sie ihn anstarrte, wenn er unbekleidet herumlief. Er öffnete den Kühlschrank, die Tür als Schutz zwischen Fenster und Nacktheit, und schenkte sich ein Glas Orangensaft ein. Beim Trinken linste er über die Kühlschranktür. In Anjas Küchenfenster brannte Licht. Sie arbeitete mit Markus auf dem Raketenstützpunkt und war im Laufe der Jahre zu einer festen Größe geworden.
Er setzte sich an den Küchentisch, auf den Stuhl, auf dem sie an diesem Morgen gesessen hatte.
Mach es gut, du.
Seine Mutter Karin hatte ihm vorgeschlagen, ein Medium unten in Boden zu kontaktieren, er hatte es mit einer kurzen und höhnischen Bemerkung abgetan.
Er glaubte weder damals noch heute an Geister.
Wer wusste von diesem Waffensystem? Und dass Markus das Projekt leiten sollte? Markus hatte Außenstehenden nichts davon erzählt, da war er sich ziemlich sicher, aber natürlich gab es oben auf dem Stützpunkt viele, die Einblick in das Projekt hatten.
Aber wer von den Mitarbeitenden mit der richtigen Geheimhaltungsstufe kannte Helenas Zeichen? Mit dem sie vor dreißig Jahren ihre Zettel auf dem Küchentisch unterschrieben hatte? Das passte nicht zusammen. Und drohte Markus de facto Gefahr? Woher wusste der Absender das? Wer hatte Kenntnis von etwas, das noch nicht passiert war?
Es klang abwegig, war es aber nicht. Jemand wusste etwas und war wahrscheinlich in der Nähe.
Er stand auf und wanderte durch die Wohnung. In seinem Kopf ertönte ein Heulen, ein Geräusch, das bei einer Schießerei während seiner Ausbildung vor langer Zeit aufgekommen war und durch Stress verstärkt wurde. Jetzt heulte sein ganzer Körper, er war drauf und dran, den Verstand zu verlieren. In Anja Berglunds Küchenfenster auf der anderen Seite vom Innenhof ging das Licht aus.
In seinem Hals kratzte die Gräte. Plattenepithelkarzinom. Er könnte sterben. Operation in neun Tagen.
Er konnte hier nicht rumsitzen.
Die Polizeidienststelle war geschlossen und dunkel. Zu nachtschlafender Zeit tat sich dort kaum etwas. Nur wegen der Bearbeitung von Passangelegenheiten mussten sie an jedem Werktag geöffnet haben, eine Aufgabe, die Carina Burstrand oblag. Alle Fälle, die eindeutig Polizeipräsenz erforderten und außerhalb der Bürozeiten lagen, wurden in erster Linie von den Kollegen und Kolleginnen in Älvsby übernommen, was den Kriminellen hier natürlich sehr gelegen kam. Die Orte lagen vierzig Kilometer voneinander entfernt, mehr als genug. Ein Täter war schon auf halbem Weg nach Gällivare, bevor die Streife am Tatort eintraf.
Als die Sonne über Pålberget aufstieg, bog er auf den Parkplatz ein und stellte seinen Volvo XC70 neben dem Dienstwagen ab, der zufällig exakt das gleiche Modell war. Wiking mochte Überraschungen nicht. Er zog es vor, sich ungeachtet der Umstände hinter ein ähnliches Steuer zu setzen.
Das Gefühl von Albtraum ließ etwas nach, als er über den Parkplatz eilte. Seit zweiunddreißig Jahren lief er fast jeden Tag hier entlang. Es half. Der Wind aus Norden hatte aufgefrischt. Die Luft war mit Feuchtigkeit gesättigt. Er schloss die Hintertür auf. Schaltete die Alarmanlage aus, verzichtete aber darauf, Licht einzuschalten. Fand sich in den Fluren auch ohne Beleuchtung zurecht. Er ging an der Küche vorbei in sein Büro und zog die Tür hinter sich zu, obwohl es nicht nötig war. Er trat ans Fenster, das zum Parkplatz und der Kirche auf der anderen Straßenseite hinausging. Eine Stille da draußen wie nach der Bombe. Niemand konnte ihn sehen, aber er war hier, mit voller Sicht auf den Parkplatz und die Straße dahinter. Langsam wurde es heller, die Tage wurden immer kürzer. Vor zwei Monaten schien noch die ewige Sonne, jetzt versank sie schon um Viertel nach neun abends hinter dem Horizont.
Er ließ die Jalousien herab und kippte sie. Dann schaltete er die Schreibtischlampe ein, eine Lichtinsel auf der voll beladenen Tischplatte.
Wer konnte es wissen?
Helena hatte all die Jahre nur einen Arbeitsplatz in Stenträsk gehabt, in der Pension mit dem albernsten Namen der Welt: Stone Swamp Inn. Zuerst stand sie im Pub hinter der Theke, dann wurde sie Oberkellnerin im Restaurant. Aber mit kleinen Kindern war die häufige Arbeit in den Abendstunden nicht vereinbar. Sie wechselte zur Rezeption im Hotelbereich, obwohl es weniger gut bezahlt war. Manchmal sprang sie ein und putzte oder half in der Küche aus. Sie wurde überall geschätzt und hatte die Gelegenheit, alle in den unterschiedlichen Bereichen des Arbeitsplatzes kennenzulernen.
Wie viele davon waren heute noch übrig? Das musste er herausfinden. Hatte jemand von ihnen eine Verbindung zum Raketenstützpunkt?
Ein Partner, ein Kind, eine Nachbarin, Verwandte? Bestimmt.
Mit wem in Stenträsk hatte sie außer ihren Kollegen und Kolleginnen Zeit verbracht? Er erinnerte sich an ein paar Frauen in ihrem Alter, er war für gewöhnlich nicht mit von der Partie.
