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Was ist die «Seele»? Einfach nur ein altertümliches Wort für unser Gehirn oder doch mehr, so etwas wie das Wesen des Menschen? Und was geschieht, wenn sie aus dem Gleichgewicht gerät? Ein Buch für alle, die ihre Seele weder den Priestern noch den Hirnforschern überlassen wollen. Mit leichter Hand geschrieben von einem Experten für die Seele.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Achim Haug
Das kleine Buch von der Seele
Ein Reiseführer durch unsere Psyche und ihre Erkrankungen
C.H.Beck
Cover
Inhalt
Textbeginn
Titel
Inhalt
Die Sache mit der Seele
Blick auf ein unsichtbares Organ
Das Ach! und die Seele
Der Sitz der Seele
Die Seele als das Wesen des Menschen
Die Seele in der modernen Hirnforschung
Was also ist die Seele?
Humorvolles Nachdenken über die Psychiatrie
Was heißt schon normal?
Psychische Störungen in der gesellschaftlichen Diskussion
Habe ich ein Problem oder eine Krankheit?
Der ist doch gestört!
Normal oder anormal?
Von Normopathen und anderen armen Menschen
Wer ist schuld an psychischen Krankheiten?
Was habe ich falsch gemacht?
Gibt es den Schizokokkus?
Das Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modell
Die genetische Disposition
Gutes und Böses auf der Waage
Wenn Türen knallen und Teller fliegen
Wenn das Leiden einen Namen erhält
Diagnosen in der Psychiatrie
Die unpräzise Medizin
Präzisionshandwerk Psychiatrie
Was ist eine Diagnose?
Von Äpfeln und Birnen
Gibt es eine Verbitterungsstörung?
Wie man eine Diagnose stellt
Aus dem Gleichgewicht – Beispiele
Diagnosen nach
ICD
-
10
Beispiele psychischer Erkrankungen
F
0
– Organische psychische Störungen
Der demente Chirurg
F
1
– Psychische Störungen durch psychotrope Substanzen
F
2
– Schizophrenie
Halluzinationen
Die Blaskapelle
Verfolgungswahn
Zwei Mal Gott auf einer Station, geht das?
F
3
– Affektive Störungen
Der Verkäufer mit den drei Ferraris
Die schüchterne Ärztin, distanzlos
Manische Künstler
Der innere Kreis der Hölle
F
4
– Angst-, Zwangs- und Belastungsstörungen
Die Frau mit dem Zähl- und Reinigungsritual
F
5
– Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen
F
6
– Persönlichkeitsstörungen
Lauter dramatische Geschichten
Patienten in der psychiatrischen Klinik
Einmal Psychiatrie – immer Psychiatrie?
Langzeitstationen und Enthospitalisierungsprogramme
Und heilen kann man doch!
Verrückt sein ist selten – mich trifft es nicht
Ambulant oder stationär?
Mit Peddigrohr basteln
Das moderne therapeutische Angebot
Darf man unvernünftig sein?
Erzwungene Hilfe
Fürsorge: ganz oder gar nicht?
Einmal unvernünftig, immer unvernünftig?
Die Pillen ins Essen gemischt
Zwischen Hilfe und Gewalt
Leitsätze zu Maßnahmen gegen den Willen von Patienten
Die Angehörigen
Selbsthilfegruppen für Angehörige
Patienten, die keinen Kontakt mit Angehörigen wollen
Was haben die Angehörigen falsch gemacht?
Wenn die Seele auf einen Psychiater trifft
Von der seltsamen Spezies der Psychiater
Sie sind Psychiater? Das ist aber schwer!
Wie man Psychiater wird
Psychiater können Gedanken lesen
Da kann doch jeder ein wenig mitreden
Spezialisten für Beziehungen und Suizide
Der Psychiater und der Neurologe
Der Psychiater und der Psychologe
Der Psychiater und der Psychotherapeut
Die psychotherapeutische Behandlung
Die feine Seite der Psychiatrie
Psychoanalytiker, was sonst?
Wie die Psychoanalyse psychische Erkrankungen erklärt
Konflikte, überall Konflikte
Psychoanalytische Theorie und praktische Behandlung
Was sagt die Verhaltenstherapie dazu?
Goethes Höhenangst
Die Systemische Therapie
Schmetterlinge, Wirbelstürme und Familienbeziehungen
Und wer hat recht?
Das Bömbchen des Dr. Grawe
Die allgemeinen Wirkfaktoren einer Therapie
Manualisierte, störungsspezifische Kurzpsychotherapien
Was ein Psychotherapeut können sollte
Und dann noch eine Prise Achtsamkeit
Die Behandlung mit Medikamenten
Von den schönen Dingen des Lebens zu den unangenehmen
Psychotherapie oder Psychopharmaka?
Wie wirken Psychopharmaka?
Welches Medikament ist das richtige für mich?
Last und Lust der Beipackzettel
Faktoren für die Auswahl von Medikamenten
Versuch und Irrtum
Ab wann sollte ich ungeduldig werden?
Wie lange muss ich ein Medikament nehmen?
Werde ich dieselbe Person wie vorher sein?
Alles eine Frage der Balance
Aus dem Gleichgewicht
Säfte und das moderne Gesundheitskonzept
Das Seelengewebe
Wie man sich ein hübsches Leben zimmert
Von Drahtseilartistinnen und Kriegsbunkern
Ständige Bewegung und Gleichgewicht
Noch ein Dank
Zum Buch
Vita
Impressum
Rudolf Virchow, der berühmte Arzt, Anatom und Pathologe, lebte zwischen 1821 und 1902 und verbrachte die meiste Zeit seines Berufslebens an der Charité in Berlin. Er hat einmal gesagt, er habe so viele Leichen in seinem Leben seziert, aber noch nie eine Seele gefunden. Gibt es sie vielleicht gar nicht? Oder hätte der Zellforscher Virchow sich mehr mit dem lebendigen Menschen als mit Leichen beschäftigen sollen, wenn er die Seele finden wollte? Wenn es sie gar nicht gibt, wie ist es dann zu erklären, dass sie in so vielen Redensarten eine Rolle spielt und in so vielen Facetten in unserer Sprache vorkommt?
Wir lassen unsere Seele baumeln, wenn es uns gut geht, manchmal brennt uns aber auch etwas auf der Seele. Wenn das der Fall ist, reden wir es uns von der Seele, und dann endlich hat die liebe Seele Ruh. Wir versprechen etwas aus tiefster Seele, und wenn wir es trotzdem nicht halten können, lastet es uns schwer auf der Seele. Manchmal möchten wir uns dann am liebsten die Seele aus dem Hals schreien. Der Ort, in dem ich lebe, hat ungefähr 12.000 Seelen, und nachts ist keine Seele mehr unterwegs. Nicht von allen, die dann brav zuhause sind, kann man aber auch sagen, sie seien eine brave Seele oder gar eine Seele von Mensch.
Überhaupt verträgt die Seele viele Adjektive. Sie kann nicht nur brav, sondern auch ehrlich sein, treu natürlich, aber auch schlicht. Schließlich gibt es auch schöne Seelen und slawische. Die sind meistens etwas melancholisch ausgestattet, aber mit sehr viel Gefühl, mit Seele eben. Wenn wir uns später etwas mit der Ideengeschichte der Seele beschäftigen werden, wird vielleicht der eine oder andere von Ihnen sagen: Meiner Seel’, ist das kompliziert!
Die Seele ist nicht selten bedroht. Nicht nur, weil manchmal jemand wie der Teufel hinter der armen Seele her ist. Vielmehr möchte man meinen, dass die Seele nicht selten mit einem Ach! verbunden ist. Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, sagt Faust und es kommt dann sogar noch schlimmer, denn die eine will sich von der anderen trennen. Und Friedrich Schiller klagt in einem Distichon aus den «Xenien»: Spricht die Seele, so spricht ach! schon die Seele nicht mehr.
Das Ach! hat aber nicht nur eine klagend abstrakte Bedeutung in der Dichtung, die mit der Seele verbunden ist. Die alten Ägypter kannten auch schon ein Ach. Sie stellten es sich als ein mehr oder weniger reales Wesen vor, in Bildern oft als Ibis dargestellt. Der Mensch wird von Geburt an von einem Ka und einem Ba bewohnt. Das Ach kommt im Laufe des Lebens dazu. Alle drei sind im Leben eng verbunden, leben im Körper und bilden wohl das, was später als Seele bezeichnet wurde. Es gab für die alten Ägypter also eine dreigeteilte Seele. Der Sinn dieser Dreiteilung wird nach dem Tod eines Menschen deutlich. Erst dann entfalten Ka, Ba und Ach einen getrennten Einfluss und verlassen zunächst einmal den Körper. Das Ba kehrt immer wieder zum Körper zurück und ist so etwas wie der direkte Beschützer. Das Ka stellten sich die Ägypter als die Lebenskraft vor, die ihren Einfluss in Bildern und Statuen entfaltet, vielleicht am ehesten so etwas wie das Weiterleben in der Erinnerung der anderen. Wenn Ba und Ka nach dem Tode zusammenwirken und wenn durch gute Lebensführung ein Ach ausgebildet wurde, wird dieses nach dem Tod eines Menschen in den Himmel aufsteigen und dort zu einem Stern werden. Eine schöne Ursprungsvorstellung des Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust. Die Geschichte zeigt, wie alt die Auseinandersetzung mit der Seele ist. Sie ist immer eigentlich eine Auseinandersetzung mit dem Menschen, und es gibt darüber wohl Diskussionen, solange es Menschen gibt.
Über den Aufenthaltsort der Seele gab es seit griechischen Tagen viele Vermutungen. Der Kopf, das Herz, aber auch die Leber wurden als Wohnort der Seele gesehen. Nicht nur der Sitz der Seele hat aber die Menschen seit alters beschäftigt, sondern überhaupt das Problem des Verhältnisses von Körper und Seele, heute spricht man vom Leib-Seele-Problem. Die Gedanken darüber, wie sich die beiden zueinander verhalten, sind schon sehr alt. Ein schönes Sinnbild stammt von einem der ersten Philosophen im alten Griechenland. Heraklit hat das so veranschaulicht:
«Wie die Spinne, die in der Mitte ihres Gewebes sitzt, es merkt, sobald eine Fliege einen Faden ihres Gewebes zerstört, und daher schnell dorthin läuft, als wenn sie sich über die Zerstörung ihres Fadens grämte, so eilt die Seele des Menschen, wenn ein Teil seines Körpers verletzt ist, schnell dorthin, als ob sie durch die Verletzung des Körpers gekränkt sei, mit dem sie fest in einem bestimmten Verhältnis verbunden ist.»
Die Seele ist also mit dem Körper in einem bestimmten Verhältnis verbunden. Aber in welchem? Auch für die Philosophen nach Heraklit waren diese Fragen rund um die Seele bedeutsam. Platon hat wie später auch Descartes eine sogenannte substanz-dualistische Auffassung vertreten. Die Seele muss nach Platon unabhängig vom Körper gedacht werden, mit diesem nur in der kurzen irdischen Lebenszeit verbunden. Sie macht das eigentliche Selbst eines Menschen aus. Sie ist für Erkenntnisse zuständig, für Wahrnehmungen und ihre Interpretation. Die Seele ist damit so etwas wie der Charakter des Menschen. Der Körper ist eher behindernd, eine Art Gefängnis der Seele, die sich erst nach dessen Tod richtig entfalten kann. Wenn Platon sich an die letzten Lebensstunden von Sokrates erinnert, hat dieser keine Angst vor dem Tod, sondern empfindet ihn als eine Befreiung, die Befreiung seiner Seele (psyche) vom hinderlichen Körper (soma). Die Seele dagegen ist unsterblich. Das war eine Erklärung, die christliche Vorstellungen des Leib-Seele-Verhältnisses bis heute wesentlich beeinflusst hat.
Eine andere Vorstellung von der Seele und ihrem Verhältnis zum Körper findet sich in der Hebräischen Bibel. In einem sehr plastischen Bild wird dieses veranschaulicht. Gott schafft den Menschen aus Erde. Dann bläst er ihm Lebensatem durch die Nasenlöcher. Erst dadurch wird der Mensch zu einem lebendigen Wesen, genannt nefesh, was mit Seele übersetzt werden kann. Der Mensch erhält dabei nicht nefesh, sondern er wird zu nefesh. Luther übersetzt das so: «und also ward der Mensch eine lebendige Seele». Die Seele ist also nicht getrennt vom Körper und kommt irgendwie in ihn hinein, sondern der ganze Mensch ist Seele, wenn er denn einen belebten Körper hat, wenn er also Gottes Atem erfahren hat.
Aristoteles hat die Vorstellungen seines Lehrers Platon gut gekannt. Er hat sich aber von dessen Seelenkonzept abgewandt und eine weiterentwickelte Vorstellung der Seele entworfen, die eher dem hebräischen Konzept nahekommt. Nach seiner Ansicht sind Körper und Seele nicht unabhängig voneinander zu denken. Die Seele ist das Wesen des Menschen; die Frage nach einer Dualität von Körper und Seele ist also falsch gestellt. Die Seele ist die Verwirklichung des Körpers – oder besser: des ganzen Menschen. Mit dieser Lehre legte er sich nicht nur mit seinem philosophischen Vorgänger Platon an. Vielmehr entbrannte im Mittelalter ein erbitterter Streit um seine Auffassungen, weil das Christentum mit seinen abweichenden, auf platonischen Vorstellungen beruhenden Lehren immer wirkungsmächtiger wurde. Im 13. Jahrhundert kulminierte der Streit darin, dass von kirchlicher Seite das Studium Aristotelischer Lehrsätze unter Androhung der Exkommunikation verboten wurde. Ausdrücklich gehörte dazu der verbotene Satz, «dass die Seele vom Leib nicht getrennt werden kann» und «dass mit der Zerstörung der leiblichen Harmonie die Seele zerstört wird». Wie bei vielen Lehrverboten hat sich auch dieses nicht lange halten lassen, die Universität hat sich gegenüber der Kirche durchgesetzt.
Heute ist die allgemeine Auffassung der Neurowissenschaften, dass die Seele im Gehirn sitzt, von diesem generiert wird, oder sie ist einfach ein Synonym für das Gehirn. Gerhard Roth, einer der bekanntesten modernen Hirnforscher, hat einem seiner Bücher den Titel gegeben: «Wie das Gehirn die Seele macht». Diese Auffassung hat allerdings auch viele Kritiker. So erwähnte der Hirnforscher Michael Madeja bei einer Podiumsdiskussion in Frankfurt, Seele sei gerade das, was nicht in den Gehirnfunktionen aufgehe. Die kontroversen Diskussionen zeigen, dass die Sache mit der Seele noch lange nicht entschieden ist. Für die materialistische Sichtweise wollen wir aber doch noch einen der bedeutendsten Psychiater des 20. Jahrhunderts anführen. Eugen Bleuler war Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich, dem Burghölzli. Sein größtes Verdienst war wohl, dass er durch seinen regen Austausch mit anderen Forschern als einer der Ersten systematisch die psychotherapeutischen Ideen von Sigmund Freud zur Behandlung der «Geisteskranken», wie die Betroffenen damals noch hießen, einsetzte. Gerade bei ihm ist eher überraschend, dass er sich selbst als Materialisten bezeichnet. Für ihn war klar, wie es sich mit Psyche und Körper verhält. In seinem Buch über die «Naturgeschichte der Seele» schreibt er unter der Überschrift «Die Psyche ist eine Hirnfunktion»: «Es ist eigentlich merkwürdig, dass ich diesen Satz an die Spitze stellen muss. So selbstverständlich er uns jetzt erscheint, es gibt doch immer noch viele Führende und Geführte, die ihn bestreiten.»
Selbst über die Religiosität schreibt er, dass «sich das Entstehen der religiösen Vorstellungen und der Religionen aus dem zentralnervösen Reaktionsapparat ohne Hinzukommen irgendeines außerweltlichen Etwas verstehen lasse». Und ganz im Sinne moderner Hirnforschung: «Die Psyche ist eine Funktion des Gehirns.» Allerdings geht er vorsichtig mit dem Begriff Seele um. Sein Buch von 1921 nennt er zwar die «Naturgeschichte der Seele und ihres Bewusstwerdens», erklärt aber gleich zu Beginn: «Das Objekt der Untersuchung nenne ich Psyche, weil an den andern Ausdrücken zu viel metaphysischer Ballast hängt, der hier das Verständnis stört.» Wir werden noch sehen, ob diese streng materialistische Blickrichtung der modernen Wissenschaftsauffassung erklärungsmächtig genug ist, Erleben und Verhalten der Kranken zu verstehen. Und ob die über die reinen Hirnfunktionen hinausgehenden Vorstellungen der Seele wirklich nur «metaphysischer Ballast» sein müssen.
Auch in diesem Buch werden wir diese Grundsatzfrage nicht endgültig klären können. Wir werden uns ihr aber nähern, indem wir uns mit den Auswirkungen der Seele, insbesondere ihren Störungen beschäftigen. Wie so oft wird auch hier unser Verständnis einer Sache größer, wenn wir deren Störungen betrachten. Häufig merken wir erst, dass wir ein wichtiges Organ oder eine wichtige Körperfunktion haben, wenn diese Störungen aufweisen. Den Normalzustand unseres Herzens oder unserer Sehkraft nehmen wir kaum wahr. Erst wenn wir das Herz ungewöhnlich fordern oder wenn Rhythmusstörungen auftreten, merken wir, wie bedeutend dieses Organ ist. Erst wenn die Sehkraft eingeschränkt ist, nehmen wir bewusst die Funktion unserer Augen wahr. Das Grundthema wird also sein: Was geschieht, wenn seelische Funktionen aus dem Gleichgewicht geraten? Was geschieht, wenn psychische Krankheiten auftreten? Und wo treten diese auf? Sind es gestörte Hirnfunktionen, Dysbalancen im psychischen Apparat? Was also ist der Gegenstand der Psychiatrie – ist es die Seele, ist es das Gehirn? Christian Scharfetter hat in einem Standardwerk zur Psychopathologie dazu Folgendes geschrieben:
«Gegenstand der Psychiatrie ist jeweils ein ganzer Mensch in seiner Werdensgeschichte. Ganzheit ist ein angestrebtes Ideal. Zu einem möglichst ganzheitlichen Menschenbild ist der somatisch-physiologische, psychologische und soziale Bereich sowie die individuumsüberschreitende (transzendierende, spirituelle) Bewusstseinserstreckung zu berücksichtigen. Von solcher ganzen Lebensgestalt Kunde zu bekommen, wird nur gelingen, wenn wir den Menschen ernst nehmen, und sorgsam mit ihm sind.»
Beschreibt er da nicht eigentlich die Seele?
Kehren wir noch einmal zurück zum klagenden Ach! der Dichter, das auch Sprachlosigkeit ausdrückt. Es soll um seelische Krankheiten gehen, also um ein Erzählen über etwas, das einen manchmal – Ach! – sprachlos werden lässt. Aber Sprachlosigkeit lässt sich oft mit Abstand und Humor überwinden. In meinem Berufsleben habe ich neben den ernsten, manchmal verzweifelten Momenten auch viele heitere Dinge erlebt, neben dem Schweren auch das Leichte. Auch um diese Seite seelischer Störungen soll es in meinem Buch gehen. Ein wenig Hoffnung habe ich, dass das Buch dabei hilft, dass sich ein etwas weniger verkrampftes Bild der Psychiatrie einstellt. Ein humorvolles Nachdenken über Psychiatrie stelle ich mir sehr entspannend vor. Es kann den Schrecken verringern, der mit dem Wort verbunden ist und mit allen Vorstellungen, die dazugehören. Ich wünsche mir, dass diese Darstellung den Abstand zwischen der Welt psychisch kranken und gesunden Erlebens verringert und die unheimlichen Vorstellungen zur Psychiatrie korrigiert. Der Dichter Jean Paul hat einmal über Humor geschrieben als «jenes Lachen, in dem noch ein Schmerz und eine Größe ist». In diesem Sinn habe ich mich bemüht, auf eine leichte Art zu schreiben. Es ist niemals ein Lachen über jemanden. Und ich hoffe, dass ich damit auch den Betroffenen ganz aus der Seele spreche.
Diskussionen über die Bedeutung psychischer Störungen werden heute in der Gesellschaft breit geführt. Kaum ein Tag vergeht, an dem die Medien nicht einen Bericht über einen psychisch kranken Straftäter oder die ökonomische Bedeutung von seelischen Störungen bringen. Die Depression wird als Volkskrankheit bezeichnet, Burn-out als Modediagnose, nicht nur für Manager. Wie es sich fachlich mit solchen gesellschaftlichen Meinungen verhält, werden wir in späteren Kapiteln vertiefen. Hier nur kurz ein paar Fakten zu den beiden Beispielen: Nach aktuellen Studien werden 43 Prozent aller Menschen einmal in ihrem Leben eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung erleben. Die meisten davon eine Depression. Die Weltgesundheitsorganisation WHO vermutet, dass depressive Störungen in wenigen Jahren bereits die häufigste Erkrankung überhaupt sein werden, noch vor den Herz-KreislaufErkrankungen. Angesichts dieser Zahlen kann man schon von einer Volkskrankheit sprechen.
Ein Burn-out dagegen ist laut den Diagnosesystemen, nach denen Erkrankungen klassifiziert werden, keine eigenständige Erkrankung. Trotzdem spricht heute jeder in Überlastungssituationen von einem Burn-out, und es gibt einige gute Gründe, bestimmte Verläufe dieser Störung als Erkrankung zu akzeptieren. Manchmal gilt es allerdings fast als schick, einen Burn-out zu haben. Manche meinen, wenn man bisher noch keinen Burn-out hatte, sei das nur ein Zeichen dafür, dass man noch nicht genug gearbeitet habe. Diese Meinungen deuten auf eine unzulässige Ausdehnung eines Krankheitsbegriffs hin.
Was beide Beispiele gemeinsam haben, ist die schwierige Abgrenzung von Problemen einerseits und Krankheit andererseits. Wo fängt die Erkrankung an? Ist es nicht normal, einmal auch traurig zu sein? Ist es nicht normal, einmal bei der Arbeit überlastet zu sein? Kann man dann gleich von einer Depression oder von Burnout sprechen? Muss ich mich nicht auch einfach einmal zusammenreißen oder Urlaub machen und nicht gleich zum Psychiater rennen? Wo also ist die Schwelle vom Problem zur Erkrankung? Was bedeutet denn überhaupt der Begriff «krank», wenn es um seelische Störungen geht?
Natürlich werden Sie sagen, dass der Arzt bestimmt, ob eine Krankheit vorliegt oder nur ein gesundheitliches Missbehagen. Kaum geben Sie mir als Arzt einen Vertrauensvorschuss, rede ich Ihnen diesen schon wieder aus. Auch diese Sache ist nämlich nicht so einfach, wie sie klingt. Die aus Sicht der Ärzte naheliegende Antwort darauf, was eine Krankheit definiert, lautet: Es sind die Diagnosenmanuale, in denen die Kriterien für die einzelnen Erkrankungen beschrieben sind. Nur nebenbei sei erwähnt, dass das natürlich auch für körperliche Erkrankungen gilt. Das ICD, die «Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme» (englisch: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) der Weltgesundheitsorganisation beschreibt Erkrankungen aller möglichen medizinischen Fachdisziplinen. Derzeit löst die 11. Ausgabe die bisher gültige 10. ab. In diesen Büchern steht also, was alles als Krankheit anerkannt ist. Das ist nicht unwichtig, weil zum Beispiel Leistungen der Krankenkassen oder auch das Recht, der Arbeit fernzubleiben ohne Einbußen beim Lohn, vom Vorliegen einer anerkannten Diagnose abhängen.
Aber trotzdem ist das keine ausreichende Antwort auf die Frage, ob bloß ein Missbehagen oder doch eine Krankheit vorliegt. Denn das hat auch wesentlich mit der Entscheidung und Erlebnisweise des betroffenen Patienten selbst zu tun. Nehmen wir als Beispiel die Depression. Hier gibt es bezüglich des wichtigsten Kriteriums, der niedergeschlagenen Stimmung, ein Kontinuum von normalen zu schwer kranken Zuständen. Wir alle waren und sind mal traurig. Wenn etwas Trauriges passiert ist, und wir sind traurig, dann ist das natürlich keine Krankheit, auch kein Problem, sondern es gehört zu unserem gesunden Erleben. Man könnte fast umgekehrt sagen: Wenn etwas Schreckliches passiert und ich kann nicht richtig traurig sein, ist das vielleicht eher krankhaft. Aber was ist mit Traurigkeit ohne Grund? Die meisten von uns kennen auch das, so etwas wie eine Melancholie, einen Winterblues, wenn die Tage kürzer werden, oder auch in der Form, dass uns ein Gefühl der Traurigkeit von innen heraus überfällt. Die meisten von uns würden auch das kaum als «krank» bezeichnen. Aber was ist, wenn diese Traurigkeit ohne Grund länger anhält oder in ihrem Ausmaß sehr stark ist? Sie werden mir zustimmen, dass wir dann irgendwann auch von einem krankhaften Zustand sprechen werden.
Wo jedoch verläuft die Grenze, ab der man von einer Krankheit reden kann, und wer setzt diese Grenze? Bei allerschwersten Zuständen ist es eigentlich immer leicht zu erkennen, dass die Grenze überschritten wurde. Bei schwersten Depressionen über Monate oder bei bizarrem Wahnerleben wird kaum einer Schwierigkeiten haben zuzustimmen, dass hier eine Krankheit vorliegt. In der Nähe der Grenze fällt das aber oft schwer. Die Grenze selbst ist gar nicht scharf gezogen. Für den einen Menschen gehört Schwermut zu seinem persönlichen Naturell, er kennt sich so und würde das nicht als Krankheit bezeichnen. Frohnaturen dagegen haben sicher eine niedrigere Schwelle und würden sich vielleicht schon bei ein wenig länger andauernder Traurigkeit krank fühlen. In der Nähe der Grenze entscheidet also in der Regel der Betroffene, ob er eine Krankheit spürt, zum Arzt geht und sich behandeln lässt. Der Arzt wird dann lediglich noch überprüfen, ob die Kriterien für eine anerkannte Diagnose vorliegen.
Jetzt habe ich die ganze Zeit von Krankheit gesprochen und dass Menschen krank sind. In der Psychiatrie hat vor einigen Jahren eine seltsame Diskussion stattgefunden. Man fand, dass der Begriff Krankheit Menschen zu sehr in eine Schublade dränge, dass er fast despektierlich klinge und das Defizit dieser Menschen betone – zumal in der Psychiatrie, wo die Grenze von gesund und krank oftmals nicht einfach zu bestimmen ist. Der Ausdruck Krankheit stemple also Menschen ab. Da man das nicht wollte, hat man nach einem Begriff gesucht, der in der Psychiatrie den Begriff «Krankheit» ersetzen könnte. Und der Begriff, auf den man kam, war «Störung»! Die Diagnosenmanuale handeln also gar nicht von psychischen Erkrankungen, sondern von psychischen Störungen. Die neue Namensgebung war sicher gut gemeint; man fand, dass Störung besser klinge, dem dimensionalen Charakter verschiedener Diagnosen (also dem oben geschilderten Grenzproblem) besser gerecht werde und halt ausdrücke, dass jeder von uns mal eine Störung hat. Das muss dann nicht gleich eine Krankheit sein.
Wie immer bei Wörtern und beim Ersatz von Wörtern ist das Problem, dass das neue Wort nicht bei jedem gleich klingt. Immer schwingt etwas aus dem Gebrauch des Wortes mit, das ihm Bedeutung gibt. Als ich noch in die Schule ging, gab es eine schlimme Bezeichnung für einen Mitschüler, die eigentlich kaum durch eine andere zu toppen war. Es war nicht der Idiot oder der Arsch. So ziemlich das Schlimmste, was man auf dem Schulhof über einen anderen sagen konnte, war: «Der ist doch gestört», und in allerschlimmster Form: «Der ist doch schwer gestört!» Das Wort «Störung§ klingt also für mich gar nicht nett, und ich bleibe deshalb bei dem Wort «Krankheit». Zudem halte ich es auch nicht für sinnvoll, diesbezüglich in der Psychiatrie ein eigenes Wort einzuführen, das anders ist als das in der Medizin übliche. Also, wenn Sie in der Psychiatrie auf das Wort Störung treffen – gemeint ist eine Krankheit.
Noch komplizierter wird es, wenn wir uns den Begriffen normal oder anormal zuwenden. «Was ist schon normal?», sagen wir oft leichthin. Und doch haben wir meistens eine recht klare Vorstellung davon, was normal bei anderen oder bei uns selbst ist. Wie der Begriff nahelegt, gehen wir dabei von Normen aus. Das sind grob gesagt Richtschnüre, Leitlinien, an denen wir uns orientieren und Erleben und Verhalten von anderen und uns selbst einordnen können. Und dann bewegt man sich eben innerhalb oder außerhalb einer Norm.
