Das klingende Kirchenjahr - Meinrad Walter - E-Book

Das klingende Kirchenjahr E-Book

Meinrad Walter

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Beschreibung

Das Ensemble der in diesem Buch berücksichtigen Komponisten gleicht einem "Who is who?" der Kirchenmusik und der geistlichen Musik: Bach und Händel, Mozart und Beethoven, Mendelssohn und Bruckner, aber auch Olivier Messiaen und Leonard Bernstein sind vertreten. Auf der Grundlage ihrer eigenen Spiritualität legen sie in Chorälen und Kantaten, Oratorien und Orgelwerken die vielstimmige Botschaft der Bibel im Rhythmus des Kirchenjahres aus. Dies eröffnet wichtige und oftmals kaum bekannte Zugänge zu den Lesungen, dem Antwortpsalm und vor allem zum Evangelium jedes Sonn- und Festtags im Lesejahr A, das am Ersten Advent 2025 beginnt. Der Freiburger Theologe und Musikwissenschaftler Meinrad Walter kommentiert ausgewählte Stücke der Vokal- und Instrumentalmusik in gut verständlicher Sprache, damit die musikalischen Meisterwerke ihre spirituellen Inspirationen neu entfalten können. QR-Codes führen zu hervorragenden Einspielungen im Internet, sodass Lesen, Betrachten und Hören sich zu einem biblisch-musikalischen Dreiklang ergänzen.

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Seitenzahl: 209

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Meinrad Walter

Das klingende Kirchenjahr

Geistliche Musik für alle Sonn- und Festtage Lesejahr A

Die Abbildungen auf den Seiten 3, 9, 39, 85 und 153 sind Details des Hochaltars im Freiburger Münster. © Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg i. Br., Bildarchiv, Aufnahme Peter Trenkle.

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2025

Hermann-Herder-Straße 4, D-79104 Freiburg i. Br.

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

[email protected]

Umschlaggestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart

Umschlagmotiv: 1. Franz Schubert, Deutsche Messe, Blatt 5r, 1827.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Wienbibliothek im Rathaus. 2. Meister der Ada-Gruppe, Evangeliar der Äbtissin Ada, Szene: Der Evangelist Matthäus, ca. 800, Trier, Stadtbibliothek – Public Domain via Wikimedia Commons: https://commons.wikimedia.org/wiki/ File: Meister_der_Ada-Gruppe_002.jpg

Satz: dtp studio eckart | Jörg Eckart, Frankfurt am Main

Herstellung: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg

E-Book-Konvertierung: Newgen Publishing Europe

ISBN Print 978-3-451-02500-6

ISBN E-Book (EPUB) 978-3-451-83990-0

Zur Einstimmung

Bibel, Gottesdienst und Kirchenjahr prägen die christliche Spiritualität. Ihr Zusammenspiel erleben wir an jedem Sonn- und Festtag des Kirchenjahres: lesend und hörend, feiernd und singend. Das „Klingende Kirchenjahr“ will all das musikalisch unterstützen. Denn wer das Ohr an der Musik hat und den Sonn- oder Feiertag durch eine klangvolle Tür betritt, kann viele Themen des Kirchenjahres vertiefen, sei es zur persönlichen Vorbereitung oder als Nachklang.

An Musik fehlt es nicht! Denken wir nur an Lieder wie „Wachet auf, ruft uns die Stimme!“ als Ausdruck der adventlichen und endzeitlichen Erwartung oder an den oft vielstimmig vertonten weihnachtlichen Engelsgesang „Gloria in excelsis Deo“. Aber auch das freudige „Hosanna“ des Palmsonntags kommt erst mit Musik so richtig zum Klingen, ebenso wie das österliche „Halleluja“ und der pfingstliche Ruf „Komm, Heiliger Geist“. Oftmals werden aus dem großen biblischen Fundus vor allem jene Worte vertont, die wir in den Gottesdiensten hören.

Wer solchen musikalischen Spuren im Lesejahr A aufmerksam nachgeht, hört Vertrautes und Überraschendes. Dass eine Arie aus Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion bestens zum Karfreitag passt, muss kaum eigens betont werden. Warum aber hören wir gleich am Ersten Advent im Evangelium von einem Feigenbaum, der im Sommer ausschlägt? Die Antwort findet sich, wenn wir bedenken, wie Heinrich Schütz dieses Jesuswort in Musik „übersetzt“. Er zählt zu den vielen Komponisten, die man sich ganz ähnlich vorstellen kann, wie ein Maler aus der Hofschule Karls des Großen um 800 n. Chr. den Evangelisten Matthäus dargestellt hat: hörend und schreibend ist er zu sehen, auch auf dem Umschlag dieses Buches. Aber vielleicht sind sich ja die Evangelisten und die Komponisten so nahe, dass Musik so etwas wie ein „Fünftes Evangelium“ ist?

Damit die gottesdienstlichen und konzertanten Werke ihre spirituellen Inspirationen entfalten können, werden sie in diesem Buch in verständlicher Sprache kommentiert, was beim Lesen keine fachwissenschaftlichen Vorkenntnisse voraussetzt. Wichtig ist vielmehr das Wechselspiel von Bedenken und Hören. Deshalb führen QR-Codes zu hervorragenden Einspielungen im Internet. Hier ist oftmals nicht nur der im Buch gewählte Werkausschnitt zu hören, sondern etwa eine gesamte Kantate oder sogar ein abendfüllendes Oratorium, was zusätzliche Perspektiven – zu Schöpfung und Vollendung ebenso wie zu biblischen Gestalten von Abraham und Elias über Petrus und Paulus bis zur Person des Messias – eröffnet.

Zugleich führen uns solche Einspielungen an hervorragende Orte der Kirchenmusik und der geistlichen Musik: in Kirchen, Kathedralen und Klöster, aber auch in „weltliche“ Säle. Ein Raum, mit dem der Autor sich sehr verbunden weiß, ist das Freiburger Münster mit seinem Hochaltarbild von Hans Baldung Grien (um 1515). Auf der Mitteltafel krönt die göttliche Trinität Maria, was von einem vielstimmigen Engelskonzert gleichsam orchestriert wird. Einige Details daraus – mit Gesang und Instrumenten – sehen Sie in diesem Buch vor jedem Kapitel, sozusagen als Auftakt.

Der Dank des Autors gilt allen musikalischen Interpretinnen und Interpreten, auf deren Einspielungen und Live-Mitschnitte mittels QR-Codes verwiesen wird; er gilt der Redaktion der Bistumszeitung „Konradsblatt“ der Erzdiözese Freiburg, für deren Reihe „Sonntags-Musik“ einige der Texte in kürzeren Fassungen entstanden sind – und er gilt Frau Maria Steiger, die als Lektorin des Verlags Herder auch diesen Band ebenso engagiert wie fachkundig und sorgfältig betreut hat. Der Wunsch, dass Lesen und Betrachten, Hören und Feiern sich gegenseitig inspirieren und ergänzen, begleitet nun dieses Buch.

Freiburg, im Sommer 2025

Meinrad Walter

Inhaltsverzeichnis

Zur Einstimmung

Weihnachtsfestkreis

1.–4. Sonntag im Advent

Weihnachten – Taufe des Herrn

Osterfestkreis

Aschermittwoch

1.–5. Fastensonntag

Karwoche

Osterzeit

Jahreskreis

2.–33. Sonntag im Jahreskreis

Christkönig

Herren-, Marien- und Heiligenfeste sowie weitere Feste im Kirchenjahr

2. Februar – Darstellung des Herrn

25. März – Verkündigung des Herrn

Trinitatis

Fronleichnam

24. Juni – Geburt Johannes des Täufers

2. Juli – Mariä Heimsuchung

6. August – Verklärung des Herrn

15. August – Mariä Aufnahme in den Himmel

14. September – Kreuzerhöhung

15. September – Gedächtnis der Schmerzen Mariens

Oktober – Erntedank

1. November – Allerheiligen

2. November – Allerseelen

8. Dezember – Mariä Empfängnis

Kirchweihe

Register

Über den Autor

Über das Buch

Der Weihnachtsfestkreis

Erkennt die Zeichen der Zeit!

Wie Heinrich Schütz die Erwartung in Musik übersetzt

1. Sonntag im Advent

Sehet an den Feigenbaum und alle Bäume: Wenn sie jetzt ausschlagen, so sehet ihr’s an ihnen und merket, dass jetzt der Sommer nahe ist. Also auch ihr: Wenn ihr dies alles sehet angehen, so wisset, dass das Reich Gottes nahe ist. Himmel und Erde vergehen, aber meine Wort vergehen nicht.

Lukas 21,29–31.33; vgl. Matthäus 24,32–33.35

Während auf vielen Plätzen schon die Tannenbäume aufgestellt sind, hören wir im heutigen Evangelium von einem Feigenbaum! Und wenn Jesus dann noch vom Sommer spricht und nicht vom Winter, ist die Verwirrung komplett. Aber sie lässt sich auflösen. Wir nähern uns dem Advent am besten mit dem zentralen Wort des Evangeliums und auch dieses Buches: Um das Reich Gottes, das nahe ist, geht es. Immer. Heinrich Schütz (1585–1672), unser erster Komponist, hat sechzig Jahre lang ein einziges Programm verfolgt: Er will die Worte, Gesten und die Dramatik der Bibel in affekt- und effektvolle Musik „übersetzen“, damit sie intensiver zur Geltung kommen. Insofern hat Schütz viel dazu beigetragen, dass das gelingt, was Jesus im Schlusssatz des heutigen Evangeliums ankündigt: „Himmel und Erde vergehen, aber meine Wort vergehen nicht.“ Auch musikalisch bleiben sie in Erinnerung.

Von einem Feigenbaum hören wir im Neuen Testament gleich mehrfach. Heinrich Schütz vertont die Version aus dem Lukasevangelium, die mit der nach Matthäus, dem heutigen Evangelium für den Ersten Advent, inhaltsgleich ist. Jesus liest hier sozusagen im Buch der Natur und fordert seine Hörerinnen und Hörer zunächst zum sinnlichen Erleben auf: „Sehet an den Feigenbaum …“ Wer diesen Baum sinnlich anschaut, wie er ausschlägt, dem drängt sich gleich eine sinnvolle Schlussfolgerung auf: Ja, der Sommer ist nahe! Der zweite Schritt ist dann die Übertragung auf das Reich Gottes: Wer die Zeichen der Zeit richtig deutet, erkennt darin schon die Vorboten des kommenden Gottesreiches. Drittens folgt die Bekräftigung: „Himmel und Erde vergehen, aber meine Wort vergehen nicht.“ Das kennen wir ganz ähnlich aus dem beliebten Kanon im schwungvollen Dreiertakt „Himmel und Erde müssen vergehn, aber die Musica, aber die Musica bleibet bestehn.“ Ja, auch die Musik gehört zum Advent und vor allem zum ewigen Advent, den wir in diesen Wochen nicht vergessen wollen.

Die Motette vom Feigenbaum stammt aus der Sammlung „Geistliche Chormusik“ (1648), die Heinrich Schütz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges keineswegs unbedacht, sondern nach „gehaltener Gemüthes Berathschlagung“ der Stadt Leipzig und ihrem berühmten Thomanerchor gewidmet hat. Schütz schreibt bei der Feigenbaum-Mottete einen fugierten Satz mit sieben Stimmen, nämlich Sopran und Tenor sowie fünf Instrumente, wobei die Posaunen vom ersten Takt an für den ernsthaft-endzeitlichen „Ton“ sorgen. Besonders wichtig ist das Wort „Sommer“, denn da ändert sich die Taktart: Im freudigen Dreierrhythmus begrüßt die Musik das Reich Gottes, das wir im Advent besonders intensiv erwarten.

Eine Einspielung mit Ulrike Hofbauer, Hille Perl, Ludger Rémy, der Cappella Sagittariana Dresden und The Sirius Viols unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann.

Wer ist der Kommende?

Felix Mendelssohn Bartholdys messianische Klänge im Oratorium „Elias“

2. Sonntag im Advent

Aber einer erwacht von Mitternacht, und er kommt vom Aufgang der Sonne. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn: der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rats und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.

Jesaja 11,2; vgl. 41,25

Alle adventlichen Symbole, aus deren „Ensemble“ wir am letzten Sonntag den Feigenbaum betrachtet haben, laufen auf eine Person zu. Um den kommenden Messias geht es. Oft widmet die Bibel sich dem Wie seines Kommens: Er kommt von oben, „vom Aufgang der Sonne“. Besonders farbig beschreibt ihn das Buch des Propheten Jesaja, das wir im Advent oft aufschlagen, so auch heute bei der Ersten Lesung. Wir hören jüdische Worte der Erwartung. Christinnen und Christen teilen diese frohe Botschaft. In christlicher Lesart ist der Messias in Jesus Christus aber schon gekommen. Worauf warten wir dann? Auf seine Wiederkunft, auf den „ewigen Advent“. Dies ist in den biblischen Texten vor Weihnachten ebenso wichtig wie Jesu zeitliches Kommen!

Einen musikalischen Kommentar zum ewigen Advent hören wir im Oratorium über den biblischen Propheten Elias aus der Feder von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847). Mendelssohn war lange unsicher, wie das abendfüllende Werk denn enden soll. Die Theologen, die ihn bei der Textgestaltung beraten haben, konnten sich als Abschluss nur einen deutlich christologischen Akzent vorstellen: Elias fährt im feurigen Wagen gen Himmel, und am Ende aller Zeiten kehrt er als Christus zurück, sodass wir ihn musikalisch begrüßen können, am besten mit einem lutherischen Choral! Darauf aber ging Mendelssohn, selbst als Jude geboren und Enkel des großen jüdischen Humanisten Moses Mendelssohn, nicht ein. Er will, obgleich er schon im Kindesalter getauft wurde und sich selbst als gläubigen Protestanten verstand, einen Schluss seines Elias, den auch Juden hören können. Deshalb entscheidet er sich für eine messianische und zugleich offene Perspektive – mit Worten aus der heutigen Ersten Lesung. Damit ist Mendelssohn ein komponierender Vorbote des heutigen jüdisch-christlichen Dialogs!

Musikalisch schlägt er eine Brücke vom prophetischen Kommen zur messianischen Wiederkunft. Die beiden Sätze „Darum ward gesendet der Prophet Elias“ und „Aber einer erwacht von Mitternacht“ entsprechen sich musikalisch ganz genau. Als instrumentale Einleitung wählt Mendelssohn den „heiligen“ Bläserklang, der auf etwas Feierliches und von Gott Gewolltes hindeutet. Zuerst kündigen die Männerstimmen den Messias an. Dann stimmen die Frauen ein. Die Geistesgaben, die auf dem Kommenden ruhen, hören wir als blockhafte Deklamation, die wohl nicht zufällig an den Schlusschor aus Georg Friedrich Händels „Oratorium aller Oratorien“ über den Messias erinnert.

Eine Einspielung mit dem Netherlands Radio Choir and Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Marcus Creed. Die adventlich-endzeitliche Szene beginnt bei 1:57:10.

Die adventliche Freude

im neuen geistlichen Lied „Die Steppe wird blühen“

3. Sonntag im Advent

Die Steppe wird blühen. Die Steppe wird lachen und jauchzen. Die Felsen, die stehen seit den Tagen der Schöpfung, stehn voll Wasser, doch dicht, sie werden sich öffnen. Das Wasser wird strömen, das Wasser wird glitzern und strahlen, Durstige kommen und trinken. Die Steppe wird trinken, die Steppe wird blühen, die Steppe wird lachen und jauchzen.

Verbannte, sie kommen mit leuchtenden Garben nach Hause. Die gingen in Trauer bis zum Ende der Erde, hin auf immer, allein – vereint kehrn sie wieder. Wie Bäche voll Wasser, wie Bäche voll sprudelndem Wasser, brausend herab von den Bergen. Mit Lachen und Jauchzen – die säten in Tränen, kehrn wieder mit Lachen und Jauchzen.

Huub Oosterhuis nach Jesaja 35,1–2 und Psalm 126, deutsche Übertragung von Annette Rothenberg-Joerges

Ist das ein adventliches Lied? Vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber der Advent hat ja viele Facetten! Nachdem uns bereits ein Feigenbaum und der Prophet Elias begegnet sind, geht es heute um eine Wüstenlandschaft und das Motiv des Säens und Erntens. Dieses Bild einer endzeitlichen Vision, das die Erste Lesung in hellen Farben malt, stammt aus dem Prophetenbuch Jesaja. Die Freude, die es ausstrahlt, passt bestens zum Sonntag Gaudete, an dem sich die liturgische Farbe von violett zu rosa aufhellt. Es geht um den ewigen Advent als Hoffnungsperspektive. Wenn sich die Verheißungen erfüllen, wird es eine Heimat für alle geben.

Wir wählen dazu ein Lied, dessen Text der niederländische Theologe und Literat Huub Oosterhuis (1933–2023) verfasst hat. Über Jahrzehnte war er eine prägende Gestalt für das biblisch inspirierte Singen, in den Niederlanden verwurzelt und wirkend, aber mit Ausstrahlung weit darüber hinaus. Oosterhuis war dem Dialog verpflichtet: mit den Worten der Heiligen Schrift, deren Psalmen er neu übersetzt hat, und mit der Botschaft Jesu, den er einen „Sohn der Tora“ nennt, weil er die altbundliche Weisung neu interpretiert und aktualisiert hat.

Für Oosterhuis ist die Liturgie besonders wichtig, weil er sie aus ihren Quellen erneuern will. Die „Buntheit“ des Ersten Testaments mit seiner hoch symbolischen Sprache hat ihn oft inspiriert. Vieles kommt in seinen Liedern, an denen immer auch die Übersetzer und die Komponisten ihren Anteil haben, zum Leuchten. Oosterhuis lässt die alttestamentlichen Bilder in ihrem poetisch-theologischen Eigenwert zunächst so stehen, wie sie sind, ohne vorschnelle christliche Aneignung – damit war er auch theologisch auf der Höhe der Zeit. Und die Musik? Das Wort „strömen“ hat wohl auch den niederländischen Organisten, Komponisten und Chorleiter Antoine Oomen (geb. 1945) besonders inspiriert. Im Lied von der jauchzenden Steppe strömen die Töne wie das Wasser, von dem wir singen. Der Neunachteltakt sorgt für ein ruhiges Fließen, aus dem die farbigen Rhythmen gleichsam heraussprudeln.

Eine Aufnahme des niederländischen Originals aus der Sint-Joriskerk Amersfoort im Rahmen des Projekts „Nederland Zingt“ mit dem Vokalensemble Cantus Lux Aeterna.

Tauet, ihr Himmel, von oben!

Der adventlich-musikalische Sehnsuchtsruf „Rorate caeli“

4. Sonntag im Advent

Rorate caeli desuper et nubes pluant iustum; aperiatur terra et germinet Salvatorem. Benedixisti, Domine, terram tuam: avertisti captivitatem Jacob.

Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto. Sicut erat in principio et nunc et semper, et in saecula saeculorum. Amen.

Tauet, ihr Himmel, von oben! Ihr Wolken, regnet herab den Gerechten! Tu dich auf, o Erde, und sprosse den Heiland hervor. Gnade hast du, o Herr, deinem Land erwiesen, zum Guten gewendet die Gefangenschaft Jakobs.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

Gesang zur Eröffnung nach Jesaja 45,8 und Psalm 85,2 (lateinisch 84,2) mit Doxologie

Rorate! Dieser biblisch-liturgische Ruf ist vielen vertraut. Seine gregorianisch-schlichte Version mit einer aufsteigenden Tonfolge (Gotteslob 234) erklingt oft, wenn in den ersten Adventswochen „Roratemessen“ bei Kerzenschein gefeiert werden. Es gibt aber noch einen zweiten liturgischen Ort für den Gesang „Rorate“, und das ist heute. Am Vierten Adventssonntag beginnt mit den Worten „Rorate caeli“ die Messfeier.

Worum geht es? Der Rorate-Ruf bittet um das Kommen „des Gerechten“ mit einem aufmerksamen Blick auf die Schöpfung. Zwei adventliche Bilder ergänzen sich: Wir erhoffen den Kommenden, mag er nun wie Tau von oben herabregnen oder wie eine Pflanze aus den Tiefen der Erde hervorsprießen. Hauptsache, er zeigt sich bald! Im Hintergrund solchen Bittens stehen, wie so oft, die Psalmen. Deren Beter erinnern Gott immer wieder daran, dass er seinem auserwählten Volk gnädig war, vor allem als Retter aus der Babylonischen Gefangenschaft. Das ist die jüdische Zeitenwende schlechthin. Im liturgischen Gesang „Rorate caeli“ klingt sie dreifach nach, was den Dimensionen der Zeit entspricht: Die Rettung wird als vergangene erinnert und zugleich zukünftig erhofft, und sie will hier und heute, also gegenwärtig, zum befreiten Handeln aus dem Glauben inspirieren. Bei diesem ganz praktischen Impuls sind sich Juden und Christen aller Konfessionen einig.

William Byrd (1543–1623) hat das „Rorate caeli“ in seiner Sammlung „Gradualia“ fünfstimmig vertont. Byrd war ein überragender Komponist, überdies ein überzeugter Katholik im anglikanischen England, was damals nicht ungefährlich war. Die Musik dieser Motette gibt uns einen Eindruck von seiner Meisterschaft im polyphonen Komponieren. Viel Energie geht gleich vom ersten Quartsprung aus, der wie ein Ausrufungszeichen wirkt: „Tauet, ihr Himmel!“ Die Erinnerung erklingt dann wie eine dreistimmige Insel, die Doxologie wiederum in homophoner Pracht. Am Ende wird der anfängliche Kehrvers „Rorate“ wiederholt, was eine in sich runde Form ergibt.

Eine virtuose Einspielung des britischen Vokalensembles The Gesualdo Six unter der Leitung von Owain Park aus der ehemaligen Abtei Boxgrove in Sussex.

Einstimmung auf das Christfest

mit alten und neuen Klängen zum Lied – „Es ist ein Ros entsprungen“

Weihnachten – Am Heiligen Abend

Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art, und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht.

Das Röslein, das ich meine, davon Jesaja sagt, ist Maria, die Reine, die uns das Blümlein bracht. Aus Gottes ewgem Rat hat sie ein Kind geboren und blieb doch reine Magd.

Unbekannter Verfasser (Trier 1599)

Am Heiligen Abend dürfen wir uns Zeit lassen. Was gar nicht so einfach ist. Aber vielleicht kann die Musik ja dabei helfen! Etwas Geduld brauchen wir bereits beim Evangelium, wenn der Stammbaum Jesu entfaltet wird und dabei etwa fünfzig Namen aufgezählt werden. Das soll uns sagen, wie tief Jesus in der Geschichte des jüdischen Volkes verwurzelt ist. Die meisten Namen, bisweilen werden auch die Mütter genannt, sind ziemlich unbekannt. Einen aber kennen wir aus dem um 1600 entstandenen Lied „Es ist ein Ros entsprungen“, nämlich Jesse (Isai), der Vater von König David.

Um einen Rosenstock geht es in diesem Lied. Die erste Strophe fragt, die zweite gibt die Antwort: Maria ist gemeint. Dieser „Ros“ – gemeint ist der ganze Strauch, nicht eine seiner Blüten – soll im Lied singend betrachtet werden, und zwar in zwei Richtungen, nach unten wie nach oben: Unten ist der Rosenstock tief verwurzelt, und seine Wurzel heißt Jesse. Oben treibt er eine Blüte, die liebevoll „Blümlein“ genannt wird. Das ist Jesus, wenngleich sein Name nicht fällt.

Besonders bekannt ist bis heute der wunderbare vierstimmige Satz, in den der Gelehrte und Komponist Michael Praetorius (1571–1621) die Melodie harmonisch einkleidet. Bei den Worten „und hat ein Blümlein bracht“ senkt sich die Melodie, die in hoher Lage begonnen hat, gleichsam herab. Und wenn sie ihren tiefsten Ton erreicht hat, führt der Komponist bei der Silbe „bracht“ die Altstimme mit der zarten Geste einer melodischen Verzierung nach oben. Himmel und Erde begegnen sich. Aber wir wollen uns ja Zeit lassen. Wer die weihnachtliche Musik von Praetorius besonders intensiv hören will, kann das mit einer Bearbeitung des schwedischen Komponisten Jan Sandström (geb. 1954) aus dem Jahr 1990 tun, die inzwischen bei vielen Chören „in aller Munde“ ist. Zwei Chorgruppen buchstabieren die alte Komposition gleichsam neu, was, singend und summend, eine besonders andächtige weihnachtliche Stimmung vermittelt.

Eine Aufnahme der Fassung von Jan Sandström mit dem SWR Vokalensemble unter der Leitung seines Chefdirigenten Yuval Weinberg …

… und hier der (im Text der zweite Strophe vom Original von 1599 abweichende) vierstimmige Satz von Michael Praetorius mit dem Ensemble Solomon’s Knot.

Der Engelsgesang „Gloria in excelsis Deo“

und sein Echo in Georg Friedrich Händels – „Messias“

Weihnachten – In der Heiligen Nacht

And suddenly there was whith the angel a multitude of the heav’nly host, praising God and saying: Glory to God in the highest, and peace on earth, goodwill towards men.

Und plötzlich war da mit dem Engel eine Menge der himmlischen Heerscharen, die priesen Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade.

Lukas 2,13–14

Als nächtliche Weihnachtsmusik hören wir das Oratorium aller Oratorien. Worum es in diesem dreistündigen Werk insgesamt geht, erfahren wir aus einem Brief von Charles Jennens, der für das Textbuch verantwortlich war: „Subject is Messiah“, schreibt er. Am Beginn der Musik steht eine Ouvertüre, die sich in den Schlusstakten zu den adventlichen Ereignissen hin öffnet. Und ähnlich wie Johann Sebastian Bach im Weihnachtsoratorium, so nutzt auch Händel das Aufeinandertreffen von irdischer Hirtenszene und himmlischer Engelsbotschaft. Er versöhnt dabei sogar zwei klangliche Gegensätze, nämlich den von „hoch und tief“ sowie den von „fern und nah“.

Hören wir noch genauer hin. Nach der Ankündigung des Engels – mit dem hellen Glanz der Violinfiguren und ohne tiefe Stimmen – erklingt aus der Höhe und zunächst ganz ohne Bass-Fundament der Engelschor „Glory to God“ mit schwungvollen Punktierungen, zu denen man gleich tanzen könnte. Auch die Worte „and peace on earth“ markiert Händel überaus passend: Den einstimmigen Gesang begleiten nun die tiefen Instrumente. So stürzt die Himmelsbotschaft gleichsam auf die Erde herab.

Wie aber erfassen die Hirten, was sie da hören? Das will Händel mit musikalischen Mitteln geradezu dramatisch inszenieren. Er nimmt sich dafür Zeit und er vertraut das entscheidende Ankommen der Botschaft den beiden Trompeten an. Sie müssen so spielen, wie sie es bisweilen aus der effektvollen Barockmusik kennen, nämlich „da lontano ed un poco piano“. Das meint bei Opern: hinter der Bühne, also aus der Ferne, und etwas leise. Somit komponiert Händel nicht nur die Friedensbotschaft selbst, sondern er beschreibt geistlich-theatralisch, wie sie ankommt. Er nimmt die biblischen Worte „and peace on earth, goodwill towards men“ ganz wörtlich.

Zudem unterstreicht auch die Steigerungsform der Fuge den Effekt des Sich-Näherns. Allerdings bleiben die Engel ja nicht bei den Hirten, sondern sie entfernen sich wieder. Auch das inspiriert Händel! Im Nachspiel reduziert er nach und nach Besetzung und Dynamik, damit das Entschwinden der Himmelsboten zwar ganz anders, aber nicht weniger effektvoll zur Geltung kommt wie ihr Auftreten. Mit aparten Trillern und vielleicht mit einem opernhaften Augenzwinkern lässt Händel sie wieder gen Himmel huschen. Doch ihre Botschaft bleibt und hält auch Händel im Messias-Oratorium noch zwei weitere Stunden in Atem.

Der Mitschnitt eines Messiah-Konzerts mit den englischen Ensembles Academy of Ancient Music, VOCES8 und Apollo5 unter der Leitung von Barnaby Smith; Beginn des „Glory to God“ bei 33:53.

Die Hirten auf den Feldern

in der weihnachtlichen Chormusik von Francis Poulenc

Weihnachten – Am Morgen

Quem vidistis, pastores, dicite; annuntiate pro nobis in terris quis apparuit. Natum vidimus, et choros angelorum collaudantes Dominum. Dicite quidnam vidistis, et annuntiate Christi nativitatem.

Was habt ihr gesehen, ihr Hirten? Sagt es und verkündet uns auf der Erde, wer erschienen ist. Den Neugeborenen haben wir gesehen und Engelschöre, die den Herrn lobten. Sagt, was ihr gesehen habt und verkündet Christi Geburt.

Antiphon im Stundengebet (nach Lukas 2,8–15)

Im Unterschied zu den Engeln, deren Gesang wir in Händels Messias-Musik gehört haben, sind die Hirten im Lukasevangelium eher wortkarg! Aber das passt wohl zu ihrem Beruf, einsam auf weiter Flur die Schafe zu hüten. In der Weihnachtsgeschichte sagen sie zunächst nichts. Vielmehr werden sie angesprochen, nämlich von dem Engel, der ihnen die Geburt des Retters verkündigt. Dann zeigt sich ihnen eine ganze Engelschar mit der Friedensbotschaft. Und erst nachdem die Engel wieder gen Himmel geflogen sind, sprechen die Hirten zueinander: „Lasst uns nach Betlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr kundgetan hat.“

In der weihnachtlichen Liturgie hören wir noch ein weiteres Hirtengespräch, nämlich als Antiphon, die in der Tagzeitenliturgie gesungen wird. Hier mischen sich heutige Beterinnen und Beter unter die Hirten und fragen nach deren Erlebnissen: „Was habt ihr gesehen, ihr Hirten?“ Die Hirten antworten, indem sie die weihnachtliche Engelsbotschaft weitertragen. Und das tut ja auch jede und jeder, wenn etwa mit einer Schola die Worte dieser Antiphon gregorianisch erklingen. Oder wenn sie chorisch gesungen werden, zumal etliche Komponisten – wie Palestrina, Tomás Luis de Victoria oder Michael Haydn – den Text vertont haben. Wir wählen eine Motette a cappella des französischen Komponisten Francis Poulenc (1899–1963), dessen vier Weihnachtsstücke den „Rhythmus“ dieses Festes gleichsam widerspiegeln: Das große Geheimnis (O magnum mysterium) beginnt in Gott selbst (1), um dann als erste Menschen die Hirten zu erreichen (2); die nächste Motette widmet sich dem Stern, der die Weisen aus dem Morgenland nach Betlehem führt (3) und das letzte Stück ist ein überschwänglicher Weihnachtsjubel „Hodie Christus natus est“ (4), heute ist Christus geboren. Für uns!

Die Stimmung im zweiten Stück ist keineswegs „pastoral“ wie so oft in Hirtenmusik oder weihnachtlichen Pastoralmessen. Poulenc komponiert vielmehr eine gespannte Atmosphäre, fast aufgeregt. Im Chor wird abwechselnd gesungen und gesummt, was die Worte wie in eine Klangwolke einhüllt. Der „Grundton“ ist ein großes Erstaunen über das, was wir im Evangelium am Weihnachtsmorgen hören. Als dramatisches Element betont Poulenc die energischen Aufforderungen an die Hirten: „Sagt es!“ (dicite) und „Verkündet es!“ (annuntiate). Die Hirten lassen es sich nicht zwei Mal sagen. Aber auch unser Feiern und Singen heute gibt klangvolle Antworten auf den Imperativ „Verkündet es!“

Eine Live-Aufnahme vom September 2023 aus der ukrainischen Lviv Organ Hall mit dem dortigen Municipal Choir Homin unter der Leitung von Vadym Yatsenko.

Göttliches und Menschliches musikalisch vereint

in Ludwig van Beethovens großer „Missa – solemnis“

Weihnachten – Am Tag

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.

Johannes 1,1.14