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Seltsame Alpträume plagen den Krankenpfleger Tom Senger, der gerade seinen neuen Arbeitsplatz im Klinikum Maiwald angetreten hat. Und das sind beiweiten nicht die einzigen ungewöhnlichen Vorgänge am Krankenhaus, die ihm zu schaffen machen. In den benachbarten Ruinen auf dem Gelände soll es spuken und von Zeit zu Zeit werden Patienten vermisst oder versterben unerwartet. Als seine Kollegin Monika während des Nachtdienstes plötzlich spurlos verschwindet, stellt Tom zusammen mit dem Zivi Lukas Nachforschungen an - und entdeckt Unerwartetes.
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Emanuel Müller
Das Klinikum
Entlassart Tod
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Über Buch und Autor
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
4 Monate später
Anmerkungen des Autors
Harzwolf - Eine Gruselgeschichte
Impressum neobooks
Das Buch
Seltsame Alpträume plagen den Krankenpfleger Tom Senger, der gerade seinen neuen Arbeitsplatz im Klinikum Maiwald angetreten hat. Und das sind beiweiten nicht die einzigen ungewöhnlichen Vorgänge am Krankenhaus, die ihm zu schaffen machen. In den benachbarten Ruinen auf dem Gelände soll es spuken und von Zeit zu Zeit werden Patienten vermisst oder versterben unerwartet. Als seine Kollegin Monika während des Nachtdienstes plötzlich spurlos verschwindet, stellt Tom zusammen mit dem Zivi Lukas Nachforschungen an - und entdeckt Unerwartetes.
Der Autor
Emanuel Müller, 1987 in Burg geboren, schrieb schon als Kind vornehmlich Grusel- und Horrorgeschichten. Als er 14 Jahre alt war, kam sein erstes Buch heraus: »Unheimliches in einer Schule«.
Heute lebt er mit seiner Frau in Dessau, wo er als Gesundheits- und Krankenpfleger arbeitet, und schreibt nach wie vor Geschichten aus dem Horror- und Thrillerbereich. Verfolgen Sie Emanuel Müllers Werke bei Facebook: https://www.facebook.com/emanuel.mueller.autor
Kay gähnte und schüttete den letzten Rest Kaffee hinunter. Ekelhaftes Zeug, woraus hatten die das nur gekocht?
Gedämpft schienen die Lichter der Autobahnraststätte auf den dunklen Parkplatz, auf dem Kays limonengrüner Honda einsam auf die Fortsetzung der Fahrt wartete. Er warf den leeren Pappbecher in den Mülleimer und schlenderte zum Auto. Jetzt noch die letzte Etappe schaffen, dann konnte er zu Hause ins Bett fallen. Es wurde auch allmählich Zeit. 500 Kilometer hatte er heute zurückgelegt. Naja, es war eben ein wichtiger Kundentermin gewesen. Kay lächelte, als er an den Gewinn dachte, den er mit seiner Firma durch diesen Auftrag verdiente. Mit einer fließenden Bewegung glitt er hinters Steuer und startete den Motor. Langsam rollte der Honda vom Parkplatz. Auf der Auffahrt gab er Gas und wechselte auf die dunkle Autobahn.
Wie leergefegt,überlegte er. Im Rückspiegel sah er nur eine schwarze Fläche. Gegenverkehr gab es keinen. Die weißen Leitlinien auf der Fahrbahn flogen nur so am Auto vorbei, während Kay das Gaspedal durchtrat. Mit einer Hand fummelte er am Radio herum. Vielleicht hielt ein bisschen Musik ihn wach.
Er suchte noch einen Sender, als er stutzte. In einiger Entfernung bemerkte er die Lichter eines entgegenkommenden Fahrzeugs. Wieso befanden die sich so weit rechts?
Eine optische Täuschung, grinste er. Natürlich fuhr der Andere auf der Gegenfahrbahn. Wo sonst?
Endlich hatte er einen Radiosender gefunden, der etwas Besseres spielte, als einen monotonen, unendlichen Mix aus modernem Pop-Zeugs, bei dem ein Lied fließend ins nächsteüberging. Und bei so einem Kram sollte man am Steuer wach bleiben.
Wieder stutzte er. Die Lichter des fremden Wagens kamen näher und der Eindruck verstärkte sich, dass es sich hier um einen Geisterfahrer handelte.
Na wenigstens war die Autobahn leer. Er würde feststellen, auf welcher Spur der fuhr, auf eine andere Fahrspur ausweichen und danach gleich sein Handy zücken, um die Polizei zu verständigen.
Immer diese Geisterfahrer, meistens Rentner, Selbstmörder oder zugedröhnte Drogensüchtige! Sanft trat er auf die Bremse und verringerte die Geschwindigkeit. Das entgegenkommende Auto schien auf der rechten Seite zu fahren, von ihm aus gesehen. Also wechselte er mit dem Honda auf die mittlere Fahrspur.
Die näherkommenden Scheinwerfer pendelten ebenfalls in die Mitte. Jetzt wurde es langsam haarig. Kay lenkte seinen Wagen auf die linke Autobahnspur, doch auch hier zog das Scheinwerferpaar mit.
»Das gibt’s nicht!«, murmelte Kay, mit einem Mal hellwach. Gleich hatte das Auto ihn erreicht!
In einem raschen Manöver riss er das Lenkrad herum. Der Honda schoss zur Seiteüber die mittlere Spur auf die rechte.
»Ha, da mach was draus, du Penner!«grinste er.»Wart nur, wenn die Bullen dich erwischen!«
Das Grinsen erlosch, als die zwei Lichter, bedrohlich nah jetzt, das Fahrmanöver imitierten, wie ein Spiegelbild, das sich verspätet hatte. Wenige Meter vor der Motorhaube tauchte das entgegenkommende Fahrzeug auf seiner Fahrspur auf.
»Oh Gott!«Kay schloss die Augen und trat panisch auf die Bremse. Ein metallisches Krachen hallte durch die kühle Nachtluft.
Als er die Augen wiederöffnete, entdeckte er ringsherum Massen von blinkenden Lichtern. Und Stimmen. Viele Stimmen. Kay schnappte ein paar Worte auf, es gelang ihm jedoch nicht, ihnen in seinem Gehirn eine Bedeutung zu entlocken.
»... Hubschrauber!«
»Wohin denn?«
»... Klinikum Maiwald ...«
»... gute Idee ...«
»... transportfähig ...«
»... ausgleichen, ein Beutel HES, aber dalli!«
Eine harte Unterlage drückte gegen seine Wirbelsäule. Als er versuchte, den Kopf zu heben, tauchteüber ihm ein Gesicht auf.»Alles in Ordnung! Wir fliegen Sie sofort ins Krankenhaus! Sie hatten einen Unfall! Keine Angst, Sie befinden sich nicht mehr im Auto! Bitte liegen Sie still!«
Die Anweisung erschien Kayüberflüssig. Ihm gelang es ja nicht einmal, den Schädel anzuheben, geschweige denn andere Gliedmaßen.
Der Untergrund, auf dem er lag, schaukelte ein wenig. Aus der Ferne nahm er ein stetes Klopfen wahr, welches lauter wurde. Es klang fast wie ein ...
»Hubschrauber ist da!«Die Stimme war direkt neben ihm. Als Kay versuchte, den Kopf in die Richtung zu drehen, wurde ihm schwarz vor Augen. Er hörte noch ein paar letzte Satzfetzen.
»... Kreislaufzusammenbruch ...«
»... Blut ...«
»... Kammerflimmern!«
Lukas saßgelangweilt am Notaufnahmetresen. Sein zweiter Tag als Zivildienstleistender im Klinikum Maiwald neigte sich dem Ende zu. An diesem Samstagabend herrschte nicht viel Betrieb. Kaum eine Handvoll Patienten in den Behandlungszimmern und im Wartebereich saßnur ein alter Mann, der andauernd auf die Uhr schaute. Darum musste er am Aufnahmetresen hocken. Die Schwester, die hier normalerweise arbeitete, war kurz was essen gegangen und er sollte so lange die Stellung halten. Allerdings gab es nichts zu halten. Zum wiederholten Male prüfte er die Position der Uhrzeiger. 21 Uhr, in einer Stunde hatte er Feierabend. Während er ein Gähnen unterdrückte, wünschte er sich, er hätte etwas zu lesen da.
Lukas war 19 und hatte vor 2 Monaten erst die Schule beendet. Wie es beruflich weitergehen sollte, hatte er noch nicht entschieden. Daher dieÜberlegung, zunächst den lästigen Zivildienst zu absolvieren. Womöglich lernte er ja ein interessantes Arbeitsumfeld kennen.
Das einzig Interessante im Moment war jedoch nur der große Zeiger der Wanduhr gegenüber, der wieder eine Minute näher an den Feierabend rückte.
Da saßer nun gelangweilt: Eine magere, unscheinbare Gestalt mit wild aussehenden, schwarzen Haaren. Was er auch anstellte, sie wirkten immer ungekämmt, ein Umstand, den die leitende Notaufnahmeschwester am ersten Tag missbilligend zur Kenntnis genommen hatte.
Er war fast am Einnicken, als einälteres Ehepaar vor dem Tresen erschien. Lukas sah erschrocken auf.
»Äh ... Guten Abend. Ja bitte?«
Die Frau–er schätzte sie auf Mitte 60–sah sehr dürr aus und hatte den Mund zu einer verkniffenen Linie verzogen. Ihr Mann war nicht viel größer, jedoch ziemlich dick. Unter einer Halbglatze huschtenängstliche Augen umher. Der Zivi fühlte sich an seine Großeltern erinnert.
Der Alte setzte an, etwas zu sagen, doch die Ehefrau kam ihm zuvor und riss ihm die Hand nach oben.»Schauen Sie!«Der Körperteil schien angeschwollen und dunkelrot. Das sah ungesund aus.
Lukas schaute irritiert.»Äh ... was haben Sie denn da gemacht?«
Die Frau nahm ihrem Partner erneut das Wort aus dem Mund, als dieser antworten wollte.»Das ist seit 5 Tagen so. Und bis jetzt wurde es immer schlimmer!«
»... tut auch weh ...«, nuschelte der Mann.
Der Zivi verkniff sich die Frage, warum sie erst Samstagabend in die Notaufnahme gingen. Wenn er die Beschwerden schon so lange hatte, wäre das ein Fall für den Hausarzt gewesen. Stattdessen meinte er:»Dann bräuchte ich bitte die Chipkarte.«
Die Frau kramte in ihrer Handtasche. Lukas sah gelangweilt zu, während dieängstlichen Augen des Mannes hin und her huschten.
»Irgendwo muss sie doch sein ...«Sie schien vergebens zu wühlen.
Als der Zivi gerade einen verstohlenen Blick auf die Uhr werfen wollte, schreckte ihn das Klingeln des Telefons auf. Hektisch griff er nach dem Hörer.»Klinikum Maiwald, Not ...«Er hielt inne, als er bemerkte, dass es weiter klingelte. Suchend schaute er sich um und entdeckte den Ursprung. Das Notfalltelefon. Ausgerechnet jetzt! Die Schwester hatte ihm erklärt, dass nur Notärzte die Nummer besaßen und dort nur anriefen, um ernste Sachen anzukündigen.
»Da ist sie ja!«Die Frau zog die Chipkarte ihres Mannes aus der Tasche und knallte sie vor Lukas auf den Tisch. Dieser griff mit zitternden Händen den Telefonhörer.»Klinikum Maiwald, Notaufnahme ...«
Eine hektische Stimme unterbrach ihn.»35-jähriger Patient, Zustand nach Autounfall, Verdacht auf Beckenfraktur, stumpfes Bauchtrauma, hypovolämischer Schock, SHT, vermutlich Grad II, Kreislauf ist notdürftig stabilisiert! Sofort Schockraum, Ankunft in etwa ... 10 Minuten per Hubschrauber! Mindestens 6 EK’s bereitstellen, 0 D negativ!«
Er hatte, so gut es ging, den Text auf einem Zettel mitgeschrieben. Verstanden hatte er nicht viel.»Alles klar!«Am anderen Ende wurde aufgelegt.
Lukas sah auf. Vor ihm stand die Frau, wedelte mit der Chipkarte und sah ihn herausfordernd an.
»Da brauchen wir wohl ein paarÄrzte ...«, murmelte er.
»Allerdings!«, rief sie energisch.
Neben dem Telefon war ein Knopf angebracht, mit dem man ein komplettes Team aus medizinischem Personal in die Notaufnahme rufen konnte. Das hatte ihm die Krankenschwester am Tresen am ersten Tag erklärt. Dieser diente speziell für Notfälle.
Lukas betätigte den Schalter, sprang auf, griff seinen Zettel und rannte nach hinten, um die Schwester zu holen.
10 Minuten später hockte er wieder vorne. Das Ehepaar saßneben dem alten Mann im Wartebereich und schien sich sehr unbehaglich zu fühlen. Lukas beobachtete sie verstohlen.
Die Notaufnahmeschwester hatte ihn sofort zurück an den Tresen geschickt, nachdem er die Nachrichtüberbracht hatte. Dasärgerte ihn. Da war endlich was Interessantes los, und er musste hier sitzen!
Vom Flur hinter ihm kam ein Klappern. Die Tür zum Hubschrauberlandeplatz vor dem Krankenhaus wurde aufgestoßen und er hörte hektische Stimmen. Eine Minute später kehrte wieder Ruhe ein. Wahrscheinlich hatten sie den Patienten in den Schockraum geschoben, der speziell zur Behandlung von schwerverletzten Unfallpatienten eingerichtet war.
Leise seufzend stierte er auf die Uhr, als könne er die Zeigerbewegung dadurch beschleunigen.
Tomöffnete die Augen. Wo war er? Neugierig schaute er sich um. Ringsherum sah er im Mondschein trotz des wolkenverhangenen Nachthimmels verkrüppelte blattlose Bäume, soweit der Blick reichte. Ein kalter Wind pfiff durch die dürrenÄste und brachte ihn zum Frösteln. Nebel stieg aus dem feuchten Waldboden empor und kroch an den Stämmen nach oben.
Wie kam er hierher? Im Wald herrschte Totenstille.
Tom irrte ein Stück herum, doch alles sah gleich aus.Überall tote Baumstämme und Nebelschwaden.
»Hallo?«Sein Ruf verhallte ungehört.
Plötzlich knackte es hinter ihm. Schritte im Unterholz. Er spürte sie mehr, als dass er sie hörte.
Hektisch fuhr er herum, aber nichts war zu sehen. Ein Schauer lief ihmüber den Rücken.
»Wer ist da?«
Die Geräusche kamen näher. Er vernahm sie von allen Seiten.
Jetzt konnte Tom Gestalten erkennen. Sie trugen schwarze Umhänge mit weiten Kapuzen, die Gesichter verhüllt. Es handelte sich um mindestens 10 mysteriöse Personen, welche ihn umkreist hatten und langsam auf ihn zu traten. In den Händen hielten sie Fackeln.
Etwas war hier nicht in Ordnung ...Überhaupt nicht in Ordnung ...
Er wollte was sagen, doch die Furcht schnürte ihm die Kehle zu. Kein Wort kam heraus. Zusätzlich drang ihm die Kälte in die Knochen. Inzwischen rückten die Individuen auf etwa einen Meter näher. Die Hitze der lodernden Fackeln brannte auf seiner Haut.
Die Größte der Gestalten hob eine Hand und begann, die Kapuze abzustreifen. Langsam kam das Gesicht im Geflacker der Flamme zum Vorschein.
Schreiend fuhr Tom auf. Er lag im Bett. Der Wecker zeigte 3 Uhr früh, ein bisschen Zeit hatte er noch, bis das Ding ihn für den ersten Arbeitstag wecken würde.
Wieder so ein Alptraum. Das war bereits das fünfte Mal in diesem Monat! Und alle soähnlich ...
Während der Traum allmählich verblasste, sank er zurück aufs Kissen. Trotz des Schreckens schlief er schnell wieder ein.
Fröstelnd zog Tom die Jacke um sich, als er aus dem Auto stieg. Im Moment war der Herbst zwar noch recht mild, aber um 5:45 Uhr morgens spürte man von der Wärme des beginnenden Tages nicht das Geringste. Ein kalter Wind zogüber den Mitarbeiterparkplatz.
Er schloss den Wagen ab und stiefelte Richtung Haupteingang. Heute war sein erster Arbeitstag als Krankenpfleger auf der chirurgischen Station im Klinikum Maiwald. Vorher hatte er in einem Uniklinikum in Schleswig Holstein gearbeitet und in keiner Weise vorgehabt, die Stelle zu wechseln. Doch der Job hier war ihm extrem schmackhaft gemacht worden.
Eines Tages hatte Tom einen Flyer im Briefkasten gefunden, welcher großspurig verkündete: Arbeiten Sie in einer der fortschrittlichsten Kliniken Deutschlands! Auf der Innenseite wurde das Krankenhaus als sehr innovative Einrichtung beworben, führend in der Forschung und mit vielen Vorteilen für die Mitarbeiter wieübertarifliche Bezahlung und schnelle, spezielle Qualifikationen. Von großen Aufstiegschancen war die Rede gewesen, und von weitergehenden Verdienstmöglichkeiten nach entsprechender Zusatzqualifikation und Einarbeitung.
Dass der gesamte Text zwar verführerisch klang, doch auffallend allgemein gehalten war, hatte ihn zu diesem Zeitpunkt kaum gestört. So schickte er eine Bewerbung ab, zunächst nur aus Spaßund ohne sonderliche Erwartungen.
Das Vorstellungsgespräch hatte ihm auch keine nennenswerten Informationen gebracht, bis auf das um ein Drittel höhere Gehalt. Der Pflegedienstleiter David Sommerheim hatte geheimnisvoll getan und ihm eine Menge Fragen gestellt.Über das Krankenhaus wollte er allerdings nicht viel verraten. Von den zukünftigen Kollegen erhoffte sich Tom mehr Auskünfte.
Jedenfalls hatte er schnell eine Zusage erhalten und schweren Herzens in der Uniklinik gekündigt. Jetzt war er hier, frühmorgens an einem kühlen Herbsttag, auf dem Weg zu seinem neuen Arbeitsplatz.
Nachdem er das Krankenhaus betreten hatte, schlug er die Richtung zur chirurgischen Station ein. Den Weg kannte er, da er ein paar Tage zuvor kurz dort gewesen war, um sich vorzustellen.
Auf dem Stationsflur herrschte Ruhe. Ein spärliches Dämmerlicht kam von kleinen Lampen an der Wand. Dieübliche Nachtbeleuchtung.
Die Station bestand aus einem langen Gang, von dem zu beiden Seiten die Türen zu den Patientenzimmern und Nebenräumen abgingen. In der Mitte lag das Schwesternzimmer. Eine hohe Glasscheibe verband es optisch mit dem Flur. Rechts davon befanden sich Umkleideräume für das Stationspersonal, links ein Aufenthalts- und Pausenraum.
Tom zog den Schlüssel aus der Tasche, den er vom Pflegedienstleiter erhalten hatte, und betrat den Umkleideraum für die Männer. Eine Handvoll schmaler Spinde drängte sich in eine kleine Kammer. Tomöffnete den dritten Schrank und stopfte seine Sachen hinein. Die neue Dienstkleidung, Hose und Kasack, war für ihn bereitgelegt worden.
Ganz in Weißverließer die Umkleide und trottete in den Aufenthaltsraum. Um einen quadratischen Tisch saßen 5 Frauen, die bei seinem Eintreten alle aufblickten. Carola kannte er bereits, die Stationsschwester. Sie war großund kräftig, ohne jedoch dick zu sein, und hatte kurze dunkelblonde Haare, die nach allen Seiten abstanden.
»Guten Morgen! Ich bin Tom Senger, der neue Pfleger hier ...«
Carola sprang auf.»Guten Morgen! Setz dich!«Sie wies auf einen von zwei freien Stühlen. Tom schüttelte lieber zuvor noch alle Hände und lächelte ihren Besitzern freundlich zu. Eine nach der anderen stellten sich die Anwesenden als Schwester Monika, Barbara, Steffi (»Keine Schwester Stefanie-Witze!«) und die Stationshilfe Doris Schildhauer vor.
Als er Platz nahm, bekam er einen A4-Zettel vor die Nase gelegt, auf dem in einer Liste sämtliche Zimmer mit Patientennamen aufgedruckt waren. Er bedankte sich gleichzeitig für das Blatt und die Tasse Kaffee, die Monika ihm gerade eingoss.
Als eine weitere Krankenschwester den Raum betrat, sah Tom auf und schüttelte nochmal eine Hand.»Hallo, ich bin Tom!«
»Schwester Iris, ich bin Dauernachtwache hier.«Mit einem Stapel Patientenkurven setzte sie sich auf den letzten freien Platz und goss sich ebenfalls einen Kaffee ein.
»Die Station ist derzeit nicht voll belegt.«Carola sah ihn an.»Darum haben wir Zeit, dass ich dir nachher kurz das Krankenhaus zeige, wenn du einverstanden bist.«
»Natürlich! Gerne!«
Die Nachtschwester begann mit derÜbergabe. Der Reihe nach ging sie alle Patienten durch und schilderte Besonderheiten, die im Nachtdienst oder im Spätdienst des Vortages aufgetreten waren. Für Tom nannte sie zusätzlich Diagnose und OP. Schließlich endete sie mit einer Frau Markwart, 67 Jahre alt, in der Klinik wegen akuter Appendizitis und Appendektomie.
Nachdem er seinen Stift eingesteckt hatte, sah Tom erwartungsvoll in die Runde. Iris raffte die Patientenkurven zusammen und trug sie aus dem Zimmer. Die Stationsschwester blätterte in einem kleinen Notizbuch, welches vor ihr auf dem Tisch gelegen hatte.
»Herr Oberberg steht als Erstes auf dem OP-Plan«, sagte sie.»Der muss vollständig gewaschen werden ... Ansonsten sind heute zur OP dran ... Herr Radel, Frau Spießund Frau Rheinbach. Und Frau Senkbeil bleibt auch nüchtern«, wandte sie sich an die Stationshilfe Doris.»Die kriegt ein Abdomen-Sono.«
Sicherheitshalber notierte sich Tom das auf seinem Zettel.
»Barbara und Steffi, ihr nehmt die hintere Seite, Monika, duübernimmst mit Tom die vordere Hälfte und zeigst ihm den Ablauf!«
Alle nickten.
»Wir teilen die Station nach dem Bereichspflegeprinzip ein«, erklärte ihm die Stationsschwester.»Immer Zimmer 1 bis Zimmer 8 und Zimmer 9 bis Zimmer 16. Jeweils zwei auf einer Seite.«
Sie warf einen Blick auf die Uhr an der Wand und wie auf Kommando sprangen alle auf. Tom kippte den Rest Kaffee hinunter und steckte den Zettel ein. Dann folgte er den Schwestern auf den Flur.
Lukas stellte das Fahrrad in den großen Fahrradständer vor dem Krankenhaus und hetzte zum Haupteingang. 11:30 Uhr, viel zu spät dran. Eigentlich fing jetzt sein Dienst an. Und er war noch nicht einmal umgezogen.
Auf dem Weg zum Eingang kam er an einer Glastür vorbei, hinter der eine Treppe lag.
Rein theoretisch müsste er schneller in der Notaufnahme sein, wenn er durch die Tür flitzte und dann ein Stockwerk hinauflief,überlegte Lukas. Damit sparte er den Weg bis zum Haupteingang vor und den langen Gang bis zum Notaufnahmebereich wieder zurück.
Er probierte und fand die Tür offen vor. So schlüpfte er hindurch und stand in einem schummrig beleuchteten Treppenhaus. Eilig hetzte er die Stufen hinauf zur nächsten Etage und verließdie Treppeüber eine weiße Metalltür. Dort stellte er fest, dass er nicht im Flur vor der Notaufnahme war, wie er gedacht hatte. Echt blöd!
Er befand sich in einem spärlich erleuchteten Korridor, der wie eine Baustelle aussah. Lose Kabel hingen aus den rohen Betonwänden undüberall lagen Eimer und irgendwelche Arbeitsgeräte herum. Baustrahler in den Ecken spendeten kümmerliches Licht.
Das musste der Flügel des Krankenhauses sein, der gerade saniert wurde. Danach wollte man hier noch einige Stationen und einen zusätzlichen OP einrichten. Bloß, wo waren die Bauarbeiter? In der Mittagspause?
Irritiert versuchte er, sich zu orientieren und schlug dann die Richtung ein, von der er glaubte, dass sie in den regulären Abschnitt des Klinikums und zur Notaufnahme führte. Er umrundete Eimer und Leitern, bog um die Ecke, durchwanderte einen langen Gang und stand endlich vor einer Wand aus einer milchig-durchsichtigen Kunststoffplane.
Aha! Hier war die Grenze zumöffentlichen Krankenhausabschnitt. Die Folie sollte verhindern, dass Staub die Baustelle verließ. Lukas hob sie an und kroch darunter hindurch. Dahinter fand er eine breite Glastür, die einen Spalt offenstand. Dann kam eine weitere Plane. Nachdem er auch dieses Hindernisüberwunden hatte, erkannte er den Flur, der direkt zum Foyer führte. Jetzt wusste er wieder, wo er sich befand und hetzte schnell zu seinem Arbeitsplatz. Die Uhr verriet ihm, dass er bereits 10 Minuten Verspätung hatte. Der olle Hausdrache, der die Notaufnahme leitete, würde ihm den Kopf abreißen!
Tom saßim Dienstzimmer der Station und schrieb Pflegeberichte in die Kurven. Neben ihm hämmerte Carola auf der Computertastatur herum. Hämmern war in der Tat das richtige Wort, denn sie malträtierte die Tasten so sehr, dass er befürchtete, gleich die Tastatur in Stücke fliegen zu sehen.
In einem Nebenraum bereitete Monika Antibiotika-Infusionen für die Mittagszeit vor. Sie war eine junge Krankenschwester mit einem ständigen Lächeln und freundlichen, schwarzen Augen, die nach Toms Meinung gut zu ihren schwarzen Haaren passten. Von allen Kollegen auf der Station, die er bereits kennengelernt hatte, fand er sie am sympathischsten. Wahrscheinlich war sie spanischer Abstammung. Zumindest ließen die Augenfarbe und der Nachname - Cuartero–ihn das vermuten.
Als das Telefon klingelte, griffen Carola und Tom gleichzeitig danach, er war jedoch schneller.»Station 13, Pfleger Tom!«
Der Aufwachraum war dran, sie konnten einen Patienten abholen. Er stand auf und rief Monika zu:»Wir können Herr Radel holen! Kommst du mit?«
Sie stellte die vorbereiteten Infusionen auf ein Tablett und nickte. Gemeinsam verließen sie die Station und schlugen den Weg Richtung OP ein.
»Wie lange wird denn noch gebaut?«, fragte Tom.
»Das dauert eine Weile. Es entsteht ein komplett neuer Krankenhausabschnitt, sogar mit eigenem OP. Und danach werden noch einige der Nebengebäude renoviert.«
Neben dem Hauptgebäude bestand das Klinikum aus mindestens einem Dutzend kleineren Gebäuden, die alle durch unterirdische Flure miteinander verbunden waren. Dort hatte man ausgelagerte Stationen und Abteilungen wie die Physiotherapie untergebracht. Außerdem gab es auf dem weitläufigen Gelände ein paar denkmalgeschützte Ruinen von alten Krankenhausanlagen aus dem 20. Jahrhundert. Das hatte er aus dem Internet erfahren, als er sich im Vorfeldüber seinen neuen Arbeitgeber informiert hatte.
Sie kamen zum Aufwachraum, der direkt neben dem Zentral-OP lag. Auf einem Tastenfeld tippte Monika eine Zahlenkombination ein. Die Edelstahltür glitt beiseite und die beiden traten ein. Tom sah einen langgezogenen, fensterlosen Raum mit etwa 15 Betten und ebenso vielenÜberwachungsmonitoren. Eine blau gekleidete Krankenschwester, die an einem alten Mann zugange war, blickte auf.
»Hi Karolin«, rief Monika.»Wir nehmen Herr Radel mit!«
Karolin nickte Richtung eines anderen Bettes. Darin lag der Patient, den sie einige Stunden zuvor in den OP zu einer Gallenoperation gebracht hatten.
Die Anästhesieschwester blätterte in ein paar Papieren.»Die OP ist glatt verlaufen, er ist wach und ansprechbar. Keine besonderen Vorkommnisse. Bis jetzt keine Schmerzangabe, aber in seiner Infusion ist auch eine Ampulle Novamin drin. Der Wunddrain hat bisher nicht viel gefördert.«
Monika lächelte den Mann an.»Alles klar, Herr Radel?«Der Angesprochene nickte schläfrig.
»Wir bringen Sie auf Station zurück!«Sie begann, die EKG-Elektroden und die Blutdruckmanschette abzubauen, die ihn mit demÜberwachungsmonitor verbanden. Karolin blätterte wieder in den Papieren und hielt Monika einen Zettel hin, den diese unterschrieb. Dann verabschiedeten sie sich und schoben das Bett aus dem Aufwachraum.
Lukas irrte durch das Krankenhaus. Wo war er bloß?
Die leitende Notaufnahmeschwester hatte ihn zur Apotheke geschickt, ein Karton mit Medikamenten holen, die kurzfristig benötigt wurden. Doch er arbeitete ja erst einige Tage hier und kannte sich noch nicht so gut aus. Schwester Sybille, Leiterin der Notaufnahme, hatte ihm den Weg zwar erklärt, aber er fand es sehr verwirrend. Zuerst ging er eine Treppe hinunter und bog rechts in den Flur ein. Dann stand er jedoch vor dem Zugang zur Baustelle. Die schien ja fast die Hälfte des Hauptgebäudes einzunehmen!
Die Apotheke befand sich in einem der Nebengebäude, soviel wusste er. Im Treppenhaus hing ein Wegweiser, doch der war nicht aktuell. Viele Pfeile wiesen in Richtung der Baustelle zu irgendeiner Abteilung, die inzwischen behelfsmäßig woanders untergebracht war.
Zu den Nebengebäuden musste er entwederüber das Krankenhausgelände oder durch einen der unterirdischen Flure laufen,überlegte er. Verdammt, warum konnten die nur die Medikamente nicht mit der Rohrpost schicken?
Lukas lief zurück zur Treppe. Er hätte auf seinen Freund Freddy hören und den Zivildienst in der Jugendherberge leisten sollen. Aber von der Notaufnahme hatte er sich spannende Erlebnisse erhofft. Naja, vielleicht kam das ja noch.
Er ging eine weitere Treppe in den Keller hinunter. Da es draußen regnete, hatte er vor, durch den unterirdischen Flur zur Apotheke zu gehen.
Unten sah er sich um. Mehrere staubige Gänge mit bröckelndem Putz führten in verschiedene Richtungen. Nichts als schummrige Beleuchtung. Gegenüber dem Treppenhaus hing vor kurzem scheinbar noch ein Wegweiser, das sah man an einem sauberen Abdruck in der Wand. Vermutlich hatte man im Zuge der Bau- und Renovierungsarbeiten auch hier alles entfernt.
Sowas darf man bestimmt nur mit Zivis machen!, dachte Lukas wütend und schlug aufs Geratewohl einen Korridor ein.
Zwei Stockwerkeüber ihm pulsierte das Krankenhausleben. Wahrscheinlich füllten sich die Flure allmählich mit den Nachmittagsbesuchern oder Patienten auf dem Weg in die Cafeteria. Den Krankenhauspark würde bei dem Regen niemand nutzen.
Tom folgte Monika den Flur entlang. Sie hatte sich bereit erklärt, ihn nach Feierabend noch zu einigen relevanten Orten des Krankenhauses zu führen. Trotz des Versprechens konnte die Stationsschwester dafür keine Zeit erübrigen.
Eben passierten sie die Radiologie und die Notaufnahme.»Ich zeige dir erstmal die wichtigsten Abteilungen. Das meiste kriegst du im Laufe der Arbeit mit. Man kann sich hier gerade am Anfang leicht verlaufen. Dass das halbe Gebäude im Moment renoviert wird und die reinste Baustelle ist, hilft dabei auch nicht gerade.«Lächelnd wandte sie sich an Tom.»Aber du wirst dich schon zurechtfinden!«
»Ja, bestimmt. Die Uniklinik war ebenfalls ein riesiger Kasten!«Aufmerksam folgte er Monika eine schmale Treppe hinunter. Mehrere Stockwerke tiefer schienen sie im Keller angekommen. Ein langer, nur spärlich beleuchteter Korridor lag vor ihnen. Alle paar Meter bogen rechts und links weitere Flure oder Türen ab.
»Hier siehst du die unterirdischen Zugänge zu den anderen Gebäuden des Krankenhauses«, erklärte sie.»Bei so einem Wetter ist es praktisch, dass man nichtüber das Gelände laufen muss.«
Er schauderte angesichts des finsteren Kellerflurs und nahm sich vor, nach Möglichkeit immer dieüberirdischen Wege zu nehmen. Doch jetzt folgte er Monika. Diese zeigte in einen abzweigenden Gang.»Da geht es zur Wäscherei.«Der nächste Abzweig.»Die Apotheke. Die Kühlhalle ...«
»Kühlhalle?«
Sie blinzelte.»Ja, aber nicht für die Küche.«
»Verstehe.«Tom fröstelte wieder, was nicht am kalten Keller lag.
»Der führt zur Pathologie.«
Er nickte.»Ist es denn erforderlich, hier runterzukommen? Wenn ich will, kann ich doch außen langgehen, oder?«
Monika grinste.»Grundsätzlich schon. Ich weiß, was du meinst. Ich bin auch ungern im Keller. Es gibt aber eine Dienstanweisung, dass wir mit Verstorbenen nieüber den Hof fahren dürfen. Wir müssen also hier unten lang, wenn wir zur Kühlhalle wollen.«
»Soso ... dann ist man ja wenigstens zu zweit.«
»So ist es.«Sie wies in den nächsten Gang.»Bis vor 10 Monaten ging es dort zum chirurgischen OP. Wir fuhren sämtliche Patienten hier hinunter und schoben sie durch den Verbindungsflur. Der Aufwachraum lag dagegen im Hauptgebäude. Schön umständlich. Nun ist alles beisammen im Zentral-OP.«
»Und was ist im alten OP jetzt?«, wollte Tom wissen.
»Nichts. Er steht leer. Wahrscheinlich behält sich die Leitung die Einrichtung eines Spezial-OPs vor, keine Ahnung.«Sie gingen zum nächsten Korridor.»Dahinter liegt eine Infektionsstation.«
»Infektionsstation?«
»Ja, wenn eine Seuche ausbricht, eine Pandemie oder so. Dann kann die Station verwendet werden, um die Patienten zu behandeln. Der Flur ist der einzige Zugang zu diesem Gebäude, sogar mit Unterdruckschleuse. Normalerweise ist sie aber immer abgeschlossen. Nur der Wachdienst und die Klinikumsleitung besitzen die Schlüssel.«Mit gerunzelter Stirn musterte sie die Staubschicht auf dem Boden, in der man zahlreiche Spuren und Fußabdrücke sah.»Die könnten hier unten auch mal putzen.«
»Wie viele Nebengebäude gibt es denn?«
»In Benutzung werden vielleicht 10 sein, und bestimmt noch einmal so viele leerstehend. Das Problem ist, dass sich die Klinik im Laufe der Jahrzehnte beständig flächenmäßig vergrößerte, so, dass kein geschlossenes Gebäude entstand, sondern lauter Einzelne. Immer, wenn man mehr Platz benötigte, hat man ein Haus oder eine Baracke hinzugefügt. Wenigstens hatte man bei der Errichtung des Neubaus vor 15 Jahren die Idee für die unterirdischen Verbindungsflure. Davor mussten die Patienten bei jedem Wetterüber den Hof gefahren werden. Jetzt sind fast alle Stationen und Funktionsabteilungen zentral untergebracht. Außerdem gibt es noch die Ruinen der originalen Krankenhausgebäude von 1902. Jemand hat mir erzählt, die besäßen ein eigenes Tunnelsystem, welches auch schon seit 1902 existiert. Aber im Gegensatz zu den stillgelegten Häusern hier am Hauptgebäude müssten die alten Kästen erst aufwändig saniert werden, bevor man sie nutzen könnte. Die stehen teilweise bereits 30 Jahre oder länger leer. Wahrscheinlich ist die Sanierung wegen der Denkmalschutzauflagen zu teuer. Da hat man lieber in den großen Neubau investiert und nutzt die Nebengebäude weiter.«
Gegenüber der Treppe wandte sich Monika zu einem Fahrstuhl um.»Na los, gehen wir! Genug besichtigt für heute, den Rest zeige ich dir während der Arbeit.«Sie grinste ihn fröhlich an.
Tom war froh, den düsteren Keller verlassen zu können.
Lukas war an einer unbeschrifteten Metalltür angekommen und davor stehengeblieben. Eine Apotheke sah anders aus.
Es handelte sich um eine elektrische Schiebetür mit einem weißen und einem roten Knopf am Türrahmen. Kurz entschlossen drückte er beide.
Die Tür glitt ratternd auf. Dahinter entdeckte er nichts als Dunkelheit. Nur ein Teil des fahlen Lichtschimmers vom Gang fiel in den dahinterliegenden Raum.
Vorsichtig trat er hindurch und tastete nach einem Lichtschalter. Obwohl er keinen gefunden hatte, flammte eine helle Deckenlampe auf. Nach dem schummrigen Licht des Korridors musste Lukas erstmal blinzeln. Anscheinend gab es hier einen Bewegungsmelder. Wie praktisch. Da hatte jemand mitgedacht.
Er befand sich in einem kleinen Vorraum mit schmutzig weißen Wänden. Gegenüber sah er eine Fahrstuhltür, direkt daneben führten schmale Treppenstufen steil aufwärts.Über dem Fahrstuhl verkündete ein Schild: Chirurgie: OP-Saal 3–6.
Im Gegensatz zu den Verbindungsgängen lagen die Nebengebäude oberirdisch. Das machte natürlich einen Aufzug und eine Treppe notwendig.
Dass es hier einen OP-Bereich gab, hatte er gar nicht gewusst. Eigentlich waren doch alle Säle im zentralen OP-Trakt des Hauptgebäudes untergebracht ... Naja, es hatte sicher seine Richtigkeit. Vielleicht fand er ja noch Personal, welches ihm den Weg zur Apotheke zeigte. Möglicherweise gab es sogar oben einen Ausgang, dann konnte erüber das Krankenhausgelände zum Apothekengebäude gehen. Er würde zwar nass werden, müsste aber dafür nicht nochmals den gruseligen Keller durchqueren.
Hoffnungsvoll erklomm er die Stufen. Hinter ihm erlosch das Licht. Fast stand er im Dunkeln, doch vom oberen Ende der Treppe drang ein düsterer Lichtschimmer. Als er höher kam, stellte er fest, dass dieser durch ein Fenster hereinfiel, auf dessen anderer Seite er einen dunkelgrauen Himmel erspähte. Es regnete in Strömen. Ansonsten hatte man Ausblicküber einen großen Parkplatz.
Vor ihm lag ein Flur. Rechts ließeine Reihe von Fenstern tristes Herbstlicht herein, links gingen ein paar unbeschriftete Türen ab, zum Teil Milchglastüren, zum Teil elektrische Schiebetüren aus Metall. Geradezu endete der Gang in einer schmalen Metalltür. Ein Tastenfeld war in den Türrahmen eingelassen.
Der Zivi klopfte an die nächste Tür aus Milchglas. Als keine Antwort kam, drückte er dagegen und erwartete, sie verschlossen zu finden. Zu seinerÜberraschung schwang sie auf. Neugierig spähte er in den dahinterliegenden Raum. Es schien sich um ein verlassenes Büro zu handeln. Möbel sah er keine, nur abgetretene schwarze Auslegware auf dem Boden. Regentropfen klatschten an ein schmutziges Fenster. Abdrücke auf dem Teppich kennzeichneten die Stellen, an denen früher einmal Möbelstücke gestanden hatten.
Die nächsten beiden Zimmer boten dasselbe Bild, die vierte Milchglastür war abgeschlossen. Blieben nur noch die Metallschiebetüren. Lukas drückte auf den Knopf neben der vorderen Tür und sie glitt auf. Dahinter herrschte undurchdringliche Dunkelheit. Die einzigen Lichtquellen bestanden aus einer Handvoll blinkender Lichter, deren nähere Bedeutung der Zivi nicht sehen konnte. Es wirkte, als rührten sie von elektrischen Geräten im Standby.
Er beugte sich ins Dunkel und entdeckte im Dämmerlicht, welches vom Flur hereinfiel, eine Reihe von Lichtschaltern. Nachdem er den Ersten betätigt hatte, flackerte eine Armada aus Deckenleuchten auf.
Staunend glitt sein Blick durch den großen Raum. Ein Metallregal enthielt eine Menge medizinischer Gerätschaften, deren Zweck er nicht kannte. Von dort war auch das Leuchten gekommen. In der Mitte fielen ihm drei schmale schwarze Liegen auf. Aus der Notaufnahme wusste er, dass es sich hierbei um OP-Tische handelte. Das musste die Umbettung der OP-Säle sein. Geradezu entdeckte er eine metallene Tür mit breitem Glaseinsatz, hinter der sicherlich der eigentliche OP-Bereich lag.
Hier war keine Menschenseele, auch jenseits der Glastür brannte kein Licht. Die eingeschalteten Apparate im Regal sagten ihm zwar, dass dieser Bereich scheinbar noch genutzt wurde, aber wohl nicht heute.
Er drehte sich um und löschte das Licht. Als er die Umbettung gerade verlassen wollte, hörte er ein metallisches Scheppern aus der Dunkelheit. Sofort fuhr er herum.»Hallo? Ist da jemand?«
Als niemand antwortete, ertastete er blind den Lichtschalter, ohne die Finsternis aus den Augen zu lassen. Endlich fand er ihn und helle Lichtstrahlen durchfluteten den Raum.
Er war leer, bis auf das Regal und die OP-Tische. Lukas spürte sein Herz aufgeregt hämmern. Sorgfältig sah er sich um. Sein Blick blieb an der Schiebetür zum OP-Bereich hängen. Hinter der Glasscheibe sah man nichts als Dunkelheit.
»Hallo! Ich bin der Zivi aus der Notaufnahme und habe mich hier ein bisschen verlaufen!«
Als ihm niemand antwortete, verharrte er zögernd. Sollte er einfach gehen und die Apotheke selbst suchen? Andererseits hatte ja jemand gescheppert, und der konnte ihm bestimmt den Weg erklären. Vorsichtig schlich er auf die OP-Tür zu. Sein Herz raste vor Aufregung.
Jetzt stand er direkt davor. Die Umbettung war zwar hellerleuchtet, doch durch die Glasscheibe in der Tür schien kein Licht zu dringen. Sie wirkte wie eine schwarze Fläche.
Lukas fand nirgends einen Knopf zumÖffnen. Wahrscheinlich ging die Tür nur von innen auf. Er probierte kurz, ob sie sich von Hand aufschieben ließ, aber vergeblich.
Gerade als er gehen wollte, hörte er hinter der Tür in der Dunkelheit ein schleifendes Geräusch. Neugierig versuchte er, einen Blick zu erhaschen. Ein paar Lichtstrahlen mussten doch durch die Glasscheibe fallen ... Er drückte den Kopf an die Scheibe, die Nase nur einen halben Zentimeter vom Glas entfernt, das von seinem Atem beschlug.
Nichts, nur Schwärze ...
Plötzlich tauchte direkt vor ihm ein Gesicht auf. Ein grässlich verunstaltetes Gesicht. Es klatschte auf der anderen Seite gegen das Fenster, mit einer Wucht, welche die Nase verbog. Ein dumpfes Knallen dröhnte ihm in den Ohren.
Lukas schrie auf und torkelte rückwärts von der Tür weg. Das Gesicht! Oh Gott! Was war das für ein Monster?
Es schien der Kopf eines Mannes zu sein, aber so genau ließsich das nicht sagen. Der Zivi erkannte einen kahlrasierten Schädel mit vor Blut starrender Gesichtshaut. Vom imaginären Haaransatz hingen lose Hautlappen herab. Zwischen der blutigen Schicht starrten ihn weit aufgerissene, blaue Augen voller Angst an.
Er taumelte rückwärts zum Flur. Die Gestaltöffnete den Mund und entblößte eine ganze Reihe Zahnlücken. Die Lippen bewegten sich. Der Mensch versuchte, zu sprechen.
Endlich stießLukas gegen die metallene Schiebetür, die sich inzwischen geschlossen hatte. Ohne den Blick abzuwenden, tastete er hinterrücks nach den Schaltern zumÖffnen.
Die Kreatur an der Scheibe bekam einen panischen Gesichtsausdruck.
Mist, wo waren die blöden Türöffner? Um Himmels willen, er musste hier weg!
Hinter dem Fenster patschte eine blutverschmierte Hand ans Glas und hinterließeinen blutigen Handabdruck. Dem Zivi wurdeübel. Fieberhaft fingerte er blindlings nach den Knöpfen. Hinzusehen wagte er einfach nicht. Sein Blick haftete fest an der Glasscheibe mit der fürchterlichen Gestalt dahinter.
Die Hand klatschte noch zweimal an die Scheibe, dann verschwand sie. Plötzlich glitt die OP-Tür leise rumpelnd auf. Lukas blieb fast das Herz stehen. Im Türrahmen stand ein grauenhaftes Etwas. Zu dem grässlichen, blutverschmierten Gesicht gehörte ein Kopf ohne Kopfhaut. Darüber war eine grau-rote Masse zu sehen. Der gebeugte Körper wurde zum Großteil von einem blutgetränkten Krankenhausnachthemd bedeckt. Die nackten Füße versanken in einer Blutlache.
Da hatte Lukas endlich den Knopf gefunden und die Metalltür glitt leise zur Seite. Er machte ein paar Schritte rückwärts und fand sich im Gang vor der Umbettung wieder. Weit entfernt hörte er Regen gegen die Fenster trommeln.
Die grässliche Gestalt setzte unsicher einen Fußnach vorn, ging in die Knie und schien in Zeitlupe umzufallen. Den Aufprall kriegte Lukas nicht mehr mit, da die Tür vor ihm bereits wieder zugeglitten war.
Die nächsten zwei Sekunden stand er still auf der Stelle. Dannübergab er sich schwallartig.
Tom gähnte. Seit dem Vortag hatte sich die Station weiter geleert. Dafür waren fast sämtliche Patienten pflegebedürftig.
Er durchforstete gerade die Flurschränke und sammelte die Materialien zusammen, die er für eine Patientenwaschung benötigte. Leider fand er sich noch nicht so gut zurecht und Monika war bereits bei einem anderen Patienten zugange, die wollte er jetzt nicht stören. Auch von den zwei Kollegen auf der hinteren Seite des Flurs sah er kaum etwas, nur Carola werkelte hinter der Glasscheibe des Dienstzimmers.
Eben hatte er alles beisammen und in die leere Waschschüssel geworfen, als er einen Alarm hörte. Das durchdringende Geräusch kam aus einem Zweibettzimmer neben ihm. Einer der Männer darin war in der Nacht notoperiert worden und hatte einen schlechten Allgemeinzustand. Aus diesem Grund hatte die Nachtschwester ihn an einenÜberwachungsmonitor angeschlossen, der ständig Puls, Blutdruck, Sauerstoffsättigung des Blutes und EKGüberwachte. Auf der Intensivstation wäre der Patient besser aufgehoben gewesen, aber der zuständige Arzt hatte dagegen entschieden. Wahrscheinlich ein Kostenfaktor.
In der Annahme, eine EKG-Elektrode oder der Sauerstoffsensor hätte sich gelöst,öffnete Tom die Zimmertür. Beim Blick auf den Monitor erschrak er jedoch. Im Takt zum Alarmgeräusch blinkten zwei Werte. Der Blutdruck betrug nur 70/30 und der Puls ganze 210 Schläge pro Minute. Jetzt begann auch die Anzeige der Sauerstoffsättigung zu blinken, während sie unter 90% sank.
Der Patient lag unbeweglich in seinem Bett, eine Leichenblässeüberzog das Gesicht.
»Herr Schwertfeger! Hallo! Hören sie mich?«Tom rüttelte den Mann, doch vergebens. Durch die offene Zimmertür rief er:»Ich brauche hier sofort Hilfe!«
Der andere Patient im Zimmer schaute zunächst irritiert, dann mit einer Mischung aus Neugier und Besorgnis.
Monika kam als Erste herein und sah ihn fragend an.
»Herr Schwertfeger hat einen Schock! Blutdruck 70/30!«
Sie warf nur einen kurzen Blick auf denÜberwachungsmonitor und rannte wortlos davon.
Als Nächste kam Carola hineingelaufen. Im Schlepptau hatte sie eine spanische Wand, die sie innerhalb weniger Sekunden zwischen die beiden Patientenbetten gestellt hatte.»Monika ruft den Arzt an!«, informierte sie Tom.
Der Monitor alarmierte wieder. Als Tom den Alarm wegdrückte, sah er, dass die Atemfrequenz auf null und die Sauerstoffsättigung auf 35% stand.»Atemstillstand!«
Die Stationsschwester rannte zum Schrank, während Tomüberprüfte, ob die Atmung tatsächlich ausgesetzt hatte, oder ob es ein Messfehler war. Es stimmte jedoch. Carola hatte jetzt einen Beatmungsbeutel in der Hand und drückte ihn dem Patienten aufs Gesicht. Der Alarm ging erneut los und der Bildschirm zeigte beim EKG nur noch eine durchgehende zittrige Linie. Die Pulsanzeige bestand aus einem blinkenden Fragezeichen.
Monika kam mit einem tragbaren Telefon ins Zimmer.»Kreislaufstillstand!«, rief Carola ihr zu. Tom begann mit einer Herzdruckmassage, während seine Kollegin die Notfallnummer eintippte und mit dem Hörer am Ohr zum orangefarbenen Reanimationsbrett im Flur sprintete. Sie riss es von der Wand und kehrte zurück zum Bett, um es zwischen den Patienten und die Matratze zu schieben.
»Immer noch Atemstillstand!«, kommentierte die Stationsschwesterüberflüssigerweise und machte sich daran, den Mann mit dem Beutel zu beatmen.
»Ich habe das Rea-Team gerufen«, sagte Monika, als der Stationsarzt Dr. Heiko Hendrich hereinkam. Er war im Arztzimmer dabei gewesen, die Visite vorzubereiten.
»Was ist los?«Verblüfft starrte er auf das Chaos. Keiner antwortete ihm, derÜberwachungsmonitor und die Tätigkeiten am Bett verrieten eigentlich alles. Auf dem Flur hörte man jetzt die schnellen Schritte mehrerer Personen. Monika stießdie Tür auf.»Hier! Zimmer 5!«
Zwei blau gekleidete Anästhesiepfleger und ein weiterer Arzt im Schlepptau stürmten herein. Einer schob einen Notfallwagen mit Defibrillator, der andere schleppte ein mobiles Beatmungsgerät. Dr. Hendrich stand in der Ecke und schien sich fehl am Platz zu fühlen. Der Anästhesist warf nur einen kurzen Blick auf den Monitor.»Was ist passiert?«
»Äh ... Er kam gestern Abend mit Verdacht Mesenterialinfarkt.«Der Chirurg war augenscheinlich froh, etwas sagen zu dürfen.»Ich habe ihn in der Nacht operiert. Wir fanden einen Verschluss im Truncus coeliacus und ...«
»Defi! Kammerflimmern! Und 1 mg Suprarenin!«
Einer der Pfleger rollte den Defibrillator heran, Tom zog dem Patienten derweil das Krankenhausnachthemd aus. Der Anästhesist griff die Paddles und verteilte Kontaktgel darauf. Der Anästhesiepfleger schaltete das Gerät ein, sein Kollege klebte zusätzliche Elektroden auf den Patienten, die er an den Apparat anschloss. Dann zog er ein Medikament aus einer Glasampulle auf.
»Achtung, laden!«Der Arzt drückte die Kontakte auf den Brustkorb des Mannes, vergewisserte sich, dass keiner das Bett berührte und rief:»Schock!«
Herr Schwertfegers Körper zuckte kräftig zusammen. Die zitternde Linie des EKG schlug kurz aus und lief unverändert weiter.
»Thoraxkompression!«, bellte der Anä
