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Regen und Nebel über den schottischen Highlands – und ein Geheimnis, das besser verborgen geblieben wäre. Mae Holloway und Julius »Jules« Calder fliegen für Northern Drift, einer kleinen Frachtfluglinie mit zweifelhafter Vergangenheit. Routine ist hier relativ: improvisierte Landebahnen, alte Maschinen, rätselhafte Aufträge. So auch diesmal: eine versiegelte Holzkiste. Ein Ziel ohne Kennung. Ein Flugplatz, der auf keiner Karte verzeichnet ist. Mae – analytisch, verschlossen, mit einem fast übernatürlichen Gespür für Flugzeuge – und Jules – charmant, sarkastisch, aber verlässlich – sollen eine geheimnisvolle Fracht zu einem Ort bringen, der offiziell gar nicht existiert. Doch je tiefer sie in die Nebel der Highlands vordringen, desto klarer wird: Dieser Auftrag ist kein gewöhnlicher Flug. Zwischen dunklen Wolken und beklemmender Stille wartet in Glen Sianach etwas, das vergessen bleiben sollte – und die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart beginnt zu verschwimmen. „Northern Drift – Der verlorene Flugplatz“ ist ein atmosphärisch-düsterer Aviation-Thriller über Isolation, Vertrauen und die Schattenseiten des Himmels – der Auftakt einer neuen Reihe über zwei Piloten, die mehr finden, als sie suchen.
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Seitenzahl: 109
Veröffentlichungsjahr: 2025
Emanuel Müller
Northern Drift
Band 1
Der verlorene Flugplatz
Roman
© 2025 Emanuel Müller
Website: www.horrorautor.de
ISBN Hardcover: 978-3-384-69936-7
ISBN Taschenbuch: 978-3-384-69935-0
ISBN E-Book: 978-3-384-69937-4
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
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»Manchmal fliegen Vergangenheit und Zukunft im selben Luftraum. Da hilft nur Funkdisziplin.«
— Julius »Jules« Calder
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Epilog
Glossar
Prolog
Der Himmel über dem Moray Firth war eine graue Wand aus übereinandergeschichteten Wolkenmassen, durchzogen von dunklen Regenbändern. Der Wind hatte im Laufe des Tages stetig zugenommen, mit westlichen Böen, die in unregelmäßigen Schüben durch die Schichten jagten. Unterhalb von fünftausend Fuß waren die Turbulenzen beängstigend. Es gab zwar keine Gewitterkerne, aber genug Querwinde, um die Twin Otter ordentlich in Bewegung zu halten.
Mae Holloway saß angeschnallt im linken Sitz des Cockpits, eine Hand locker am Steuerhorn, die andere am Schubhebel über ihrem Kopf. Sie flog den Anflug old school, wie sie es gelernt hatte. Ein ILS, ein Instrumentenlandesystem, suchte man auf dem kleinen Platz, den sie anflogen, vergeblich.
Konzentriert kündigte sie die Landung im Funk an: »Kilo-Foxtrott-Oskar, Northern Drift Two-Tri-Zero, established inbound on final approach runway two-seven. One thousand feet on QNH 1005.«
Nach einer kurzen Pause kam die Antwort durch das Rauschen: »Northern Drift Two-Tri-Zero, runway two-seven in use, wind two-eight-zero at one-eight knots, gusting two-nine, visibility three kilometers in rain.«
Sie drückte den Schalter am Steuerhorn. »Roger, Northern Drift Two-Tri-Zero.«
Julius »Jules« Calder, ihr Copilot, las parallel den Approach Brief noch einmal durch, eigentlich Routine. Doch das war es bei diesem Wetter nie so ganz. Er rutschte ein Stück tiefer in den Sitz und richtete das Klemmbrett auf seinem Oberschenkel. »Sinkgeschwindigkeit 500. Klappen auf zwanzig. Ich hab die Propellerstellung im Blick.«
Mae nickte. Keine unnötigen Worte. Die Klappensteuerung unter ihrer Hand rastete mit vertrautem Widerstand ein. Nichts in der Twin Otter war elektrisch, alles wurde mechanisch betrieben. Sie blieb bei Einstellung 20, bei diesem Seitenwind wollte sie kein Risiko eingehen.
Der Wind schlug mit einem Ruck gegen die rechte Tragfläche und ließ den künstlichen Horizont leicht zucken. Mae korrigierte minimal mit dem Ruder. Sie fühlte die asymmetrische Anströmung, das Zittern in der Struktur, das für diese Maschine typisch war. Andere Flugzeuge wichen aus. Die Otter wehrte sich.
»Drei Kilometer Sicht bei Westwind«, murmelte Jules. »Na, wenn das nicht nach Spaß riecht …«
Sie richtete die Maschine auf den Gleitpfad aus. Die Landebahn war noch nicht in Sicht, lediglich ein helles Flackern durchdrang die graue Wand: diffuse Lichter im Regen. Die Sinkrate lag bei 500 Fuß pro Minute, leicht variabel. Die Geschwindigkeit war stabil bei 85 Knoten, also alles im grünen Bereich. Keine automatische Trimmung, kein Flight-Director. Sie hatte gelernt, auf ihre innere Stimme zu hören. »Runway in sight.«
»Confirmed«, kam es zurück. »Wind shifted two-eight-zero, now steady at two-zero. Kleine Bö, Landung frei.«
Das wusste sie bereits. Aber er sprach es aus, für sie, für sich, für das Protokoll. Das war ihr Spiel: Doppelt absichern. Einer denkt, einer spricht’s aus.
Fünfhundert Fuß über Grund.
Jetzt kam die eigentliche Bahn in Sicht: wellig, glänzend, nasser Asphalt zwischen den Grasflächen, der im Schein der Anflugbefeuerung leicht glänzte. Der Anflugwinkel stimmte, die Centerline passte. Die PAPI-Lichter am Boden, optische Landehilfen, zeigten zweimal weiß, zweimal rot. Das bedeutete, der Winkel zur Landebahn war korrekt. Sie hielt den Kopf ruhig und schaltete das Landelicht auf ON – nicht, um zu sehen, sondern um gesehen zu werden.
»Final checklist completed. Flaps set. Cleared to land, officially by me.«
Sie nickte kaum spürbar. Die Twin Otter reagierte auf ihren letzten Eingriff weich, als hätte sie den Befehl bereits geahnt. Mae spürte die Federung im Stick, das elastische Nachgeben im Höhenruder. Jetzt bloß nicht hart aufsetzen, die Federbeine mochten das in dem Alter nicht mehr. Die Mechanikerin wäre nicht begeistert.
Die Räder berührten die Bahn mit einem dumpfen Klatschen. Kein Aufbäumen, kein Nachfedern; ein sauberer STOL-Aufsetzer, vielleicht zehn Meter hinter der Schwelle. Mae zog die Propeller-Hebel nach hinten. Die Propellerblätter stellten sich in den Umkehrschub und das Dröhnen wurde infernalisch, bevor die Geschwindigkeit rasch abnahm.
Sie hielt die Mittellinie mit kleinen Korrekturen, während Jules bereits den Transponder auf Standby drehte.
Während sie zum Vorfeld rollten, spiegelten die Pfützen auf dem Beton das Blinken des Antikollisionslichts, das sich im Regen verteilte wie zerfließendes Blut. Die Taxiway-Beleuchtung flackerte kurz, wie es für Torran Hill Airfield typisch war. Die Markierung auf Standplatz 4 war halb abgeblättert.
Sie stoppte und setzte die Parkbremse. »Parking brake is set. Two hours, forty-one minutes. Fuel left and balanced, no tech issues.«
»Acht von zehn auf der Katastrophenskala, aber ein solider Abschluss.« Jules ließ sich in die Rückenlehne fallen.
Sie sagte nichts, sondern warf nur einen festen Blick auf das Panel, das langsam zur Ruhe kam. Das Auslaufen der Triebwerke, das Klacken der Generatorwarnlampen, das Nachflackern der Strobelights an den Wänden des Hangars: Alles so, wie es sein sollte.
Draußen schlug der Wind gegen das Blech. Und das Flugzeug, ihr Flugzeug, stand wieder still. Es lebte noch.
Der Wind hatte nicht nachgelassen. Tropfen peitschten quer über den Vorfeldbeton und schlugen gegen die Blechwand des Hangars wie lose Kiesel. Die alte Twin Otter parkte auf Standplatz 4 und das Licht der Positionslampen flackerte ein letztes Mal, bevor Mae die Batterie ausschaltete. Ströme von Regen liefen über das gewölbte Glas der Cockpitscheibe. In der Ferne, hinter der Silhouette der Convair, sah man die orangefarbenen Blitzer eines Tankfahrzeugs. Irgendjemand arbeitete noch. Sie würde ihn nicht stören.
Langsam, fast automatisch, löste sie ihren Schultergurt. Der Flug war sauber gewesen. Nicht schön, aber sicher. So, wie sie es mochte.
Jules stand bereits draußen neben der Kabinentür und zog die Kapuze seiner windabweisenden Jacke tief ins Gesicht. »Ich geh zum Wagen«, rief er durch den Wind. »Ruf mich an, wenn du den Tankzettel brauchst, sonst … morgen.«
Sie nickte, trat hinaus auf die Stufe und zog die Tür hinter sich zu. Der Wind griff sofort nach ihrem Mantel.
»Soll ich dich mitnehmen?«
»Nein.«
»Du bist stur.«
»Ich bin gern nass.«
Er lachte, eine Mischung aus ehrlicher Belustigung und resignierter Gewohnheit. »Du weißt schon, dass das nicht normal ist, oder?«
»Vermutlich.«
Er trat zwei Schritte zurück und winkte halbherzig, bevor er über die nassen Platten in Richtung des kleinen Schotterparkplatzes jenseits des Hangars ging. Der Regen zerfranste seine Silhouette mit jedem Meter. Die Rücklichter seines alten Volvos leuchteten kurz auf, dann verschwanden sie im Grau.
Kapitel 1
Mae hielt einen Moment inne. Der Geruch des nassen Asphalts stieg ihr in die Nase, vermischt mit Flugbenzin und feuchtem Gras. Irgendwo knackte ein Wellblechdach im Wind.
Der Weg zu ihrem Cottage führte über ein kurzes Stück Weideland, quer über einen geschotterten Nebenweg, der nach dem starken Regen voller Pfützen stand. Es gab keine Straßenlaterne, keine Schilder, nur den Wind und das dumpfe Trommeln des Regens auf Stoff und Kapuze.
Ihre Füße fanden den Weg von selbst.
Ein Fuchs huschte zwischen zwei Gattern hindurch. Am Horizont durchbrach ein einzelnes Licht das schlechte Wetter: das Küchenfenster von Fergus, dem alten Platzwart. Alles wie immer.
Im Gehen kontrollierte sie noch einmal gedanklich das Flugzeug: Propeller gesichert, Tanks geprüft, Parkbremse gesetzt, alles wie in der Liste. Keine Fehler. Die Maschine würde über Nacht sicher sein.
Der Regen lief inzwischen im Innern ihres Kragens entlang, kühl, aber nicht unangenehm. Die Welt war gedämpft, weichgezeichnet, fast ohne Kontraste. In solchen Momenten fühlte sie sich wohl und konzentriert. Geräusche verstummten, Stimmen verschwanden. Nur der Takt ihrer Schritte und das Prasseln auf dem Stoff blieben.
Das Gatter zum Cottage quietschte leise, als sie es öffnete. Der schmale Weg war von kniehohen Disteln gesäumt, die nun glänzten wie schwarzes Glas. Sie trat vorsichtig auf die Steinplatten zwischen den Pfützen und fischte den Schlüssel aus der Jackentasche. Die Haustür war alt, das Holz verzogen und das Schloss schwergängig. Aber es öffnete sich. Der Regen blieb draußen, die Stille blieb drinnen.
Sie trat ein, hängte die Jacke an den Haken, zog die Stiefel aus und stellte sie auf die Matte. Das Licht ließ sie vorerst aus.
Die Küche war klein, quadratisch und mit abgeschabten Schränken aus hell gebeiztem Holz. An der linken Wand stand ein alter Propanherd, rechts eine schmale Arbeitsplatte, deren Oberfläche sich an einer Stelle wölbte. Der Kühlschrank brummte leise und regelmäßig wie ein fernes Signal.
Mae schaltete auch hier das Licht nicht sofort ein. Das schwache Dämmerlicht von draußen reichte. Es war halb acht abends. Noch hell genug, um Umrisse zu erkennen, aber zu spät für Schatten. Sie stellte ihren Kessel auf den Herd und ließ ihn langsam warm werden. Daneben legte sie ein Stück Brot auf ein kleines Schneidebrett und schnitt dünn Käse ab. Der Klang des Messers auf Holz war gleichmäßig, fast rhythmisch.
Während das Wasser aufheizte, öffnete sie ein abgegriffenes Notizbuch mit schwarzem Einband und ohne Aufschrift. Seiten voller klarer Schrift, mit Datum, Wetter, Flugzeit, Besonderheiten, Skizzen von Anflugverfahren, manchmal nur einzelne Worte.
Torran Hill – Fair Isle – Benbecula – Torran Hill WX: MOD TURB, rain showers, strong crosswind RWY 27 Total block time: 2:41 Issues: none Jules quiet, possibly tired. Good landing.
Sie legte den Stift beiseite und bereitete eine Teetasse vor. Kräuter, wie fast immer; schwarzer Tee machte sie nervös.
Der Flug war gut gelaufen, besser als viele zuvor. Sie spürte das manchmal, dieses leise, zufriedene Brummen im Brustkorb, das ihr sagte: Das war es wert. Die Jahre, die Prüfungen, das Training, die endlosen Schichten im Hotel, um die Ausbildung zu finanzieren.
In der Prüfungswoche hatte sich niemand getraut, sie zu fragen, wie sie den Funk so präzise führen konnte. Dabei hatte sie kaum Augenkontakt mit dem Prüfer gehalten. Sie hatte gelernt, die Erwartungen zu erfüllen. Sätze mit »Roger« zu beenden, auch wenn sie wusste, dass ein einfaches »Wilco« – Funkjargon für ‚verstanden und ausgeführt‘ – genügt hätte. Die Körpersprache zu imitieren. Nie zu deutlich, nie zu abweichend, immer gerade genug. Es hatte gereicht, eben so.
Die großen Airlines hatten sie nicht genommen. »Sie sind sehr kompetent«, hatte einer gesagt. »Aber das soziale Profil passt nicht ganz. Sie würden bei der Crew-Rotation vermutlich Schwierigkeiten bekommen.«
Sie hatte nicht gefragt, was er damit meinte. Sie wusste es längst: Schon wieder eine psychologische Untersuchung nicht bestanden.
Der Kessel pfiff leise. Sie goss das Wasser über den Tee und ließ ihn ziehen. Exakt vier Minuten, keine Sekunde länger. Dann setzte sie sich auf den Hocker am Fenster. Der Regen hatte nachgelassen, doch der Wind war geblieben. Im Halbdunkel sah man das Dach des Hangars, darüber den Himmel in trübem Violett. Zwei Möwen kreisten. Flugzeuge gab es keine mehr.
Northern Drift war klein. Die Firma beschäftigte 5 Piloten zuzüglich der Chefin. Es gab zwei Maschinen. Die alte Convair flog, wenn wirklich Volumen gefragt war. Meistens war sie selbst mit der Twin Otter unterwegs – lokale Fracht, medizinisches Gerät oder Post an kleine, abgelegene Orte. Nichts für Linienflieger, doch genau das war es, was sie wollte. Kein Smalltalk mit 180 Menschen. Kein Dienstplanbüro mit lustigen Postern an der Wand. Hier draußen war es anders. Und die Twin Otter war »ihr« Flugzeug.
Jules war eigen. In einem anderen Leben hätte sie ihn vermutlich nie getroffen. Aber er war ruhig, trotz seiner Extrovertiertheit. Kein Fragen, keine unnötige Nähe. Er wusste, wann sie ihre Ruhe brauchte. Und er wusste, dass sie nicht sprach, wenn es nichts zu sagen gab. Das reichte.
Sie trank den Tee langsam. Die Wärme wanderte durch die Finger, den Hals hinunter, in den Bauch. Im Hintergrund knarzte das alte Bücherregal. Der Wind rüttelte leise an der Außenwand. Alles war so, wie es sein sollte. Ruhig. Berechenbar.
Aber irgendwo, tief im Inneren, regte sich bereits etwas – kaum spürbar.
Wie ein Druckabfall vor einer Front.
Oder das letzte Knacken im Triebwerk, bevor das Warnlicht kam.
Die Mikrowelle piepte. Jules schob den Hocker mit dem Fuß etwas zurück, öffnete die Klappe und zog die Auflaufform heraus – ein blasses Stück Kartoffelgratin, das schon besser ausgesehen hatte, aber immerhin dampfte. Er trug noch das Basecap, das er nach der Landung aufgesetzt hatte. Die Fliegerjacke hing über dem Stuhl, halb nass, halb vergessen.
Sein Apartment lag am Stadtrand von Inverness, zweiter Stock mit Blick auf einen Supermarktparkplatz. Von dort drang das gedämpfte Licht von Leuchtstoffröhren durch die Jalousien, die leicht im Wind zitterten. Es war nicht schön, aber zentral. Und man hörte manchmal Flugzeuge vom Airport, wenn der Wind richtig stand. Er hätte dort arbeiten können, aber nicht im Cockpit.
Nachdenklich setzte er sich an den kleinen Tisch und nahm einen Bissen. Die Hitze war angenehm, genau richtig nach einem Tag in 8000 Fuß mit ständigem Druck am Steuerhorn und Kaffeeflaschen, die nie ganz dichthielten. Er goss sich ein Glas Wasser ein und stellte es neben den Teller.
