Die Falle - Emanuel Müller - E-Book

Die Falle E-Book

Emanuel Müller

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Beschreibung

Daniels schreckliche Erlebnisse auf dem Brocken liegen gerade einmal ein halbes Jahr zurück, als er vom bekannten medizinischen Ermittler Dr. Phelan Braden um Hilfe gebeten wird. Braden hat den Auftrag, den vermissten Waldemar Brandes aufzuspüren, welcher Daniel damals auf dem Brocken begegnet war. Zusammen mit Phelans Assistentin Bea begeben sie sich an den Hängen des Brockengipfels auf die Spur der Harzwölfe, welche sie schließlich bis nach Schottland führt ... Von den Lesern des ersten Teiles "Harzwolf" fieberhaft erwartet, erscheint jetzt der zweite Band. Dieser lässt sich zwar auch eigenständig lesen, das größte Lesevergnügen erreicht man jedoch, wenn man zuvor "Harzwolf - Eine Gruselgeschichte" gelesen hat.

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Das Buch

Daniels schreckliche Erlebnisse auf dem Brocken liegen gerade einmal ein halbes Jahr zurück, als er vom bekannten medizinischen Ermittler Dr. Phelan Braden um Hilfe gebeten wird. Braden hat den Auftrag, den vermissten Waldemar Brandes aufzuspüren, welcher Daniel damals auf dem Brocken begegnet war. Zusammen mit Phelans Assistentin Bea begeben sie sich an den Hängen des Brockengipfels auf die Spur der Harzwölfe, welche sie schließlich bis nach Schottland führt ...

Von den Lesern des ersten Teiles »Harzwolf« fieberhaft erwartet, erscheint jetzt der zweite Band. Dieser lässt sich zwar auch eigenständig lesen, das größte Lesevergnügen erreicht man jedoch, wenn man zuvor »Harzwolf - Eine Gruselgeschichte« gelesen hat.

Der Autor

Emanuel Müller, 1987 in Burg geboren, schrieb schon als Kind vornehmlich Grusel- und Horrorgeschichten. Als er 14 Jahre alt war, kam sein erstes Buch heraus: »Unheimliches in einer Schule«.

Heute lebt er mit seiner Frau in Dessau, wo er als Gesundheits- und Krankenpfleger arbeitet, und schreibt nach wie vor Geschichten aus dem Horror- und Thrillerbereich. Verfolgen Sie Emanuel Müllers Werke bei Facebook: https://www.facebook.com/emanuel.mueller.autor

Emanuel Müller

Die Falle

Harzwolf Teil 2

© 2015 Emanuel Müller 1. Auflage

Autor: Emanuel Müller Umschlaggestaltung, Illustration: Emanuel Müller, Katharina Müller Kontakt: Emanuel Müller, Heidestraße 168, 06849 Dessau-Roßlau www.emanuel-mueller.com www.facebook.com/emanuel.mueller.autor ISBN der Printausgabe: 978-1515354888

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Die Falle

Prolog

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 5.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Epilog

Es ist besser, gut statt böse zu sein, aber manchmal erreicht man Gutes nur zu einem erschreckend hohen Preis.

Stephen King

Prolog

Die Baumwipfel rauschten laut im Wind, man konnte es fast als Sturm bezeichnen. Vom Vollmond beleuchtete Wolkenfetzen rasten den dunklen Nachthimmel entlang. Waldemar stolperte über eine Baumwurzel und kam fluchend wieder auf die Beine. Was für ein grandioses Ende für diesen Tag. Alles war schiefgelaufen! Natürlich hatten sie die Halskette nicht gehabt, die er Maria zum Geburtstag schenken wollte. Warum auch? Seit 6 Wochen war er täglich am Juwelier vorbeigekommen. Jedes Mal hatte er sich ausgemalt, wie das Schmuckstück im Schaufenster seiner Frau stehen würde und wie sie sich darüber freuen musste. Und gerade heute, als er sich entschieden hatte, sie tatsächlich zu kaufen, war sie weg gewesen! Jemand war ihm zuvorgekommen! Nach 6 Wochen!

Auf der Rückfahrt wurde es bereits dunkel. Während Waldemar gedanklich bei einem Ausweichgeschenk war, für dessen Besorgung ihm noch eine Woche Zeit blieb, holperte plötzlich das Auto, das Heck scherte aus und der Wagen schlidderte von der Straße. Erschrocken trat Waldemar auf die Bremse. Er fuhr durch ein dichtes Waldstück Richtung Wernigerode und hatte nicht die Absicht, den Abend in einem zerschmetterten Fahrzeug zu beenden.

Mit einiger Mühe bekam er den Wagen wieder unter Kontrolle und brachte ihn zum Stehen. Den Motor ließ er laufen, damit die Scheinwerfer hell weiterbrannten, außerdem setzte er den Warnblinker. Dann stieg er aus und atmete tief durch. Was für ein Schreck! Seine Hände zitterten und die Knie schienen aus Gelee zu bestehen. Im Licht der Hecklampen und dem intermittierenden Leuchten des Warnblinkers glitt sein Blick über die Straße. Da lag etwas. Zögernd kam er näher und inspizierte den Gegenstand, den er mit dem Auto überfahren hatte. Eine Drahtspirale. Das sah aus, wie ein Stacheldraht. Aber mit vielen Windungen und extrem langen und dicken Dornen dran. Jemand hatte das Ding quer auf die Fahrbahn gelegt. Na super, ein toller Streich! Am besten benachrichtigte er gleich die Polizei, das war ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr!

Mit mulmigem Gefühl kehrte er zum Wagen zurück. Wie er es befürchtet hatte: Alle 4 Reifen waren platt. Die Vorderreifen schienen sogar richtiggehend zerfetzt. Zwar hatte er ein Reserverad im Kofferraum, doch bei 4 platten Reifen nützte ihm das nichts.

Der Abend wurde echt immer großartiger. Besser, er rief zunächst Maria an, damit sie sich keine Sorgen machte, dann den ADAC und zum Schluss die Polizei. Ja, das war eine gute Reihenfolge. In alter Gewohnheit griff er in die Hosentasche, in der er stets sein Handy mit sich trug.

Sie war leer.

Ein Erinnerungsfetzen schoss ihm durch den Kopf. Am Vormittag hatte er vom Büro aus mit seiner Frau telefoniert.

»Ach, du hast übrigens dein Handy vergessen. Auf dem Küchentisch.«

»So ein Mist! Na, ich werd’s überleben! Lass es einfach dort liegen, bis ich heute Abend komme!«

Bis ich heute Abend komme ... Fluchend umrundete er das Auto. Über die Straße waren es noch mehrere Kilometer bis Wernigerode. Durch den Wald wäre es erheblich näher ...

Waldemar war hier schon oft im Wald gewesen, auch nachts. Seit seiner Kindheit kannte er die gesamte Umgebung in und auswendig. Ein Klacks! Er stellte das Warndreieck auf, verschloss den Wagen und machte sich auf den Weg.

Und jetzt so etwas! Er hatte sich verlaufen. Er, Waldemar Brandes! War das zu glauben? Das durfte er echt niemandem erzählen. Stirnrunzelnd sah er zu den Baumwipfeln hinauf, die sich vor dem runden Vollmond abhoben und im Wind bogen. Wenigstens regnete es nicht.

In der Ferne drang ein Heulen durch den Wald. Mehrere andere Stimmen antworteten mit einem Gegenheulen.

Was war das? Das klang ja fast wie ein Rudel Wölfe! Waldemar hatte die Berichte in den Medien verfolgt, denen zufolge sich im Harz wieder Wölfe angesiedelt hätten. Besonders die Landwirte beklagten bitter die Verluste unter ihren Tieren, angeblich von wilden Wolfsrudeln verursacht. Er hatte das alles nie so recht glauben können.

Bis jetzt.

Das Heulen wiederholte sich, jetzt so nah, dass er eine Gänsehaut bekam. So aufmerksam er sich auch im dunklen Wald umschaute, es war nichts zu sehen und zu hören. Sämtliche Geräusche waren seit dem ersten Heuler verstummt. Keine Vögel, keine anderen Tiere, nicht mal Insekten, die summten. Totenstille.

In der Ferne knackte es im Unterholz. Ein Laut, welcher schnell näher kam. Waldemar wandte sich um und stolperte ein weiteres Mal. Über dieselbe Wurzel, wie eben. Es ging halt immer noch etwas besser.

Jetzt hörte er obendrein Getrappel von irgendwelchen Tieren. Und da ... wieder ein Heulen! Er erschrak, wie nah es war.

Verdammt, er hatte nicht einmal die Taschenlampe aus dem Handschuhfach mitgenommen! Was war bloß los mit ihm? Und alles nur, weil irgendein Idiot Stacheldraht auf die Landstraße gelegt hatte. Oder war es am Ende Absicht gewesen und galt gar gezielt ihm? Ach, Unsinn! Dann wäre er doch bereits am Auto ausgeraubt worden!

Aber das Heulen ...

Er fing an, zu rennen. Zurück Richtung Straße! Er würde sich im Wagen einschließen und darauf warten, dass jemand vorbeikam! Das hätte er gleich tun sollen! Nachts durch den Wald, was für eine blöde Idee!

Hinter ihm brach etwas aus dem Unterholz. Waldemar hörte schnelles Getrappel und stoßweises Hecheln, wie von einem wilden Tier. Ohne sich umzusehen, beschleunigte er seinen Sprint.

Wieder das Heulen in der Ferne, diesmal vor ihm. Panisch schaute er nach rechts und links. Nur zurück wollte er keinen Blick werfen. Etwas verfolgte ihn, aber was?

Ein lautes Knurren ließ ihn zusammenzucken, einen Sekundenbruchteil später wurde er von hinten zu Boden gerissen. Ein blendend greller Schmerz durchzuckte ihn. Sein Schrei wurde vom Waldboden verschluckt.

Kapitel 1.

8 Monate später

Durch den dämmerigen Wald hallten träge die Stimmen der beiden Wanderer.

»Müssten wir nicht bald da sein, Mark?«

Der Angesprochene konsultierte eine Karte, die offenbar nur aus einem Computerausdruck von Google-Maps bestand. »Gleich sollten wir es sehen!«

Paul folgte seinem Freund. Die Wanderer schleppten außer je einen Rucksack noch jeder eine breite Kameratasche. Außerdem trug Paul ein Stativ mit sich herum, das er auf den Rucksack geschnallt hatte. Skeptisch warf er einen Blick auf die Uhr. »Es dämmert schon! Nicht, dass wir die blaue Stunde verpassen!«

»Keine Sorge, wir sind fast da!«

Die beiden Hobbyfotografen waren auf der Suche nach einem verlassenen Sanatorium mitten im Wald. Mark hatte über das Internet von diesem sogenannten »Lost Place« erfahren. Das waren menschenleere und verfallene Gebäude, attraktiv abzulichten für einige Fotografen. In diesem Fall gab es nur einen Haken: Es existierte längst keine Straße mehr, über die man direkt zum alten Sanatorium hätte fahren können. Lediglich zwei dürftige Wanderwege führten noch durch den Wald. Einer vom Gipfel des Brockens aus, an dessen Hängen der Lost Place stand, der andere von Wernigerode. Letzteren hatten die beiden heute genommen. Sie waren am Spätnachmittag aufgebrochen, da Mark es für einen grandiosen Einfall hielt, den aufgehenden Mond in der blauen Stunde hinter den verfallenen Dächern der Ruine zu fotografieren. Ein ähnliches Bild hatte er in der Fotocommunity im Internet gesehen, nur da hatte es sich um die Beelitzer Heilstätten gehandelt. Von den Überresten des Brocken-Sanatoriums fand man so gut wie gar keine Hinweise im Netz. Und genau das war es, das in den beiden die Hoffnungen auf gute Fotos weckte. Ein Lost Place, der abgelegen mitten im Wald lag und kaum einer Menschenseele bekannt war, konnte noch nicht das Opfer von glaszerschlagenden Vandalen geworden sein. Ein altes Sanatorium weitgehend im Originalzustand, ohne Graffitis an den Wänden oder modernen Müll in den Ecken, das wäre der Wahnsinn!

Paul warf einen prüfenden Blick durch die Baumwipfel auf den Himmel, der sich schon merklich verdunkelte. Noch hatten sie Zeit. Die blaue Stunde, der Zeitraum zwischen Sonnenuntergang und vollständiger Dunkelheit, war von einem dunkelblauen Himmel gekennzeichnet. Das zu fotografierende Motiv lag gleichzeitig im Dunkeln und war trotzdem noch ausreichend beleuchtet, um ohne Blitz Raum für eine Langzeitbelichtung zu bieten.

Mark, der vorauslief, brach unvermittelt durch die Bäume und blieb abrupt stehen. Paul wäre fast gegen ihn geprallt. Im letzten Moment konnte er die Richtung ändern und verharrte neben seinem Fotokumpel.

Sie standen nebeneinander am Rand einer grasbewachsenen Lichtung, aus deren Zentrum sich ein dreistöckiges Gebäude erhob. Ein extrem baufällig aussehendes Giebeldach mit kleinen Türmchen krönte den Bau, der von einer weitläufigen Veranda umgeben war. Der Grundriss des Bauwerks musste T-förmig sein, wobei sie seitlich draufschauten. Die meisten Fenster waren zerbrochen, doch das schien eher das Werk unzähliger Stürme zu sein, als das von Vandalen. Der Putz war zum größten Teil herabgefallen, trotzdem erkannten sie an vielen Stellen noch elegante Stuckverzierungen.

»Darf ich vorstellen: Das alte Brocken-Sanatorium«, flüsterte Mark und machte sich an Pauls Rucksack zu schaffen. Dieser untersuchte derweil die Umgebung. Rechts von ihnen beschrieb der Wald eine Biegung um das Gebäude, links ging es einen Abhang hinauf, der oben ebenfalls mit Bäumen bewachsen war. Dahinter wand sich dichtes Gehölz steil dem Brockengipfel entgegen.

Mark hatte inzwischen das Stativ von Pauls Rucksack gelöst und aufgebaut. Routiniert befestigte er seine Kamera darauf und spähte durch den Sucher. »Perfekt!«, kommentierte er den Blick. Pfeifend zog er einen kabelgebundenen Fernauslöser hervor und stöpselte ihn ein. Ein paar Knopfdrücke, dann betätigte er den Auslöser. Die Canon klackte vernehmlich. »Ich probiere es zuerst mit einer Verschlusszeit von 10 Sekunden.«

Währenddessen hatte Paul seine Kamera ebenfalls ausgepackt und überlegte, wie er das Gebäude am besten festhalten könnte. Der Zeitpunkt war ideal, der Himmel hatte eine tiefdunkelblaue Färbung angenommen und der Vollmond tauchte gerade hinter dem verfallenen Dach des Sanatoriums auf.

»Wahnsinn!«, kommentierte Mark die ersten Fotos, die er auf dem Display schnell durchsah. »Damit komme ich in der Fotocommunity in die Galerie, verlass dich drauf!«

Paul sah sich unbehaglich um. Wo jetzt auch noch der Mond aufging, sah das alte Bauwerk eher aus, wie Frankensteins Schloss, statt wie ein seit Jahrzehnten geschlossenes Sanatorium. Wie, um diesen Eindruck zu komplettieren, drang auf einmal ein Heulen durch den Wald zu ihnen.

»Was war das?« Er blickte nervös umher, doch in der zunehmenden Dunkelheit konnte er kaum etwas sehen.

»Tiere«, sagte Mark vage, während er immer wieder Kameraeinstellungen veränderte und ein Foto nach dem anderen schoss. Paul hatte seine Kamera zwar in der Hand, jedoch nicht ein einziges Mal auf den Auslöser gedrückt. »Das hat sich angehört, wie ein Wolf!«

»Sei nicht albern! Wir sind im Harz! Hier gibt es keine Wölfe!«

»Bist du sicher? Wollte man nicht welche ansiedeln?«

»Und wenn, dann haben die mehr Angst vor uns, als wir vor denen!« Allerdings hörte sich Marks Stimme jetzt selbst etwas nervös an. »OK ... Lass uns näher herangehen. Vielleicht finden wir einen Eingang.« Er schulterte das Stativ und ging voraus, Paul folgte ihm.

Der lange Strich des T-Grundrisses war dem Wald bergabwärts zugewandt. Dort schien sich der Haupteingang zu befinden, ein großes Holzportal. Zu Marks Enttäuschung war es verschlossen. Zwar hätten sie es aufbrechen können, doch die beiden hatten ihre Grundsätze. Einer davon war »Lass nichts zurück außer Fußabdrücken, nimm nichts mit außer Fotos!« Sie wollten das Gebäude so zurücklassen, wie sie es vorgefunden hatten. Also umrundeten sie das Bauwerk weiter.

»Ziemlich marode«, stellte Paul fest, während er den Strahl seiner Taschenlampe über die Mauern schweifen ließ.

»Ist doch wunderbar!«, schwärmte Mark und machte Anstalten, noch einmal das Stativ aufzustellen. »Ich nehme eine Belichtungsreihe auf, als HDR-Bild wirkt das bestimmt prima!«

Aus dem Wald drang wieder ein Heulen, diesmal mehrstimmig. Jetzt schien es näher.

»Hast du das gehört?«

»Natürlich, ich bin ja nicht taub!«

»Meinst du nicht, dass das Wölfe sein könnten?«

Mark funkelte ihn aufgeregt an. »Das wäre cool! Stell dir vor, wir kriegen welche vor die Linse! Da packe ich mal schnell das Tele aus!«

»Vielleicht sollten wir lieber gehen ...«

»Spinnst du? Wir sind doch nicht zwei Stunden gewandert, um nach zehn Fotos wieder abzuhauen!«

»Aber das Gebäude ist verschlossen und ...«

Am Waldrand war ein Rascheln zu hören. Die beiden fuhren herum. Paul richtete den Strahl der Taschenlampe auf die Geräuschquelle, doch sie sahen nur dichtes Gebüsch und Dunkelheit zwischen den Bäumen. Das Heulen drang nochmals durch den Wald. Diesmal schien es aus allen Richtungen zu kommen und sogar ...

»Mark, das kam aus dem Sanatorium!« Ohne es zu merken, flüsterte er.

»Unmöglich ... Wie soll da ein großes Tier hineinkommen?«

Vor ihnen raschelte es erneut. Das Gebüsch am Waldrand wackelte unübersehbar. Sie konnten ein Geräusch hören, eine Art Hecheln, dem eines Hundes nicht unähnlich. Eines stattlichen Hundes.

»Durch den Wald gehe ich nicht zurück!«, raunte Mark nervös. Die Kamera stand plötzlich uninteressant geworden neben ihm auf dem Stativ.

»Nein? Willst du hierbleiben? Das Sanatorium ist zufällig von Wald umgeben, falls dir dieses Detail entgangen sein sollte!«, zischte Paul. Sein Freund fuhr herum und musterte das Gebäude. »Dort ist eine Kellertür! Sie steht offen!«

»Mark!« Der entsetzte Aufschrei lenkte seinen Blick wieder zum Wald. Und was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Mit einem Jammerlaut setzte er sich in Bewegung und rannte zur Kellertür. Sein Arm blieb dabei am Kameragurt hängen. Das Stativ kippte zur Seite und die Kamera landete mit einem dumpfen Laut im Gras.

Hinter ihm begann Paul, lauthals zu schreien. In das schreckliche Gekreische mischte sich das aggressive Knurren mehrerer wilder Tiere. Mark sah nicht hin. Er sprang eine Handvoll Betonstufen in die Tiefe und warf sich durch die offenstehende Tür. Es gelang ihm allerdings nicht, sie zuzuziehen. Die Angeln waren festgerostet. Verzweifelt stand er im Türrahmen und zerrte an der Metallkante. Die schrille Stimme seines Fotofreundes hallte durch die Nacht. »Oh mein Gott, weg! Haut ab, mein Arm ... Mein ...« Der Satz ging in einen hohlen Schrei über, der abrupt verstummte.

Mark ließ die Tür los und wandte sich in den dahinterliegenden Gang, in dem völlige Finsternis herrschte. Sie hatten nur eine Taschenlampe dabei gehabt, und die besaß Paul. Doch was lag da, etwa einen Meter von der Tür entfernt, gerade noch durch das helle Mondlicht beleuchtet? Das sah aus, wie ein Skelett ... Ein menschliches Skelett! Es lag quer im Gang.

Ein aufgeregtes Hecheln und Knurren ließ ihn wieder herumfahren und sehen, was jetzt draußen vor der Kellertür stand.

Es würde nie etwas werden, mit den Galeriefotos.

Kapitel 2.

Die Tiefgarage des Bürogebäudes hatte drei Ebenen. Die beiden Oberen waren zugeparkt und zu Marias Leidwesen wurde es mit jeder Ebene, die es hinunter ging, enger. Doch ganz unten fand sie schließlich eine breite Parklücke und ließ ihren VW Polo vorsichtig hineinrollen.

Sie stieg aus dem Wagen, schloss sorgfältig die Tür und sah sich in der spärlich beleuchteten Tiefgarage um. Der ideale Ort für einen Überfall, schoss ihr durch den Kopf. Eilig lief sie in die Richtung, in der sie ein Schild mit der Aufschrift ›Aufzug‹ erspähte.

Die Fahrstuhlkabine erwies sich als um einiges geräumiger, als das beengte Parkhaus. Sie war auch um Längen besser beleuchtet. Nervös strich sie ein paar dunkelblonde Haarsträhnen aus ihrem Gesicht und warf einen Blick auf den Notizzettel. 7. Stock. Ganz oben. Sie atmete noch einmal tief durch und drückte auf die oberste Taste. Der Fahrstuhl setzte sich leise surrend in Bewegung.

Nachdem sich die Metalltüren wieder geöffnet hatten, trat sie auf einen lichtdurchfluteten Korridor hinaus. Eine Glasfront bot eine fabelhafte Aussicht über die Dächer der Stadt. Wie beschrieben fand sie gegenüber dem Aufzug eine weiße Tür mit der Aufschrift »Dr. med. Braden«. Mehr stand dort nicht. Man hätte auf die Idee kommen können, es handele sich um den Eingang zu einer Arztpraxis.

Neben der Tür sah sie einen Klingelknopf und betätigte ihn einfach. Nach einigen Sekunden summte ein Türöffner und sie trat ein. Sie kam in eine Art Empfangsbereich. Ein weißer Tresen teilte den spartanisch eingerichteten Raum in zwei Hälften. Auf der einen Seite standen ein paar Stühle und ein niedriges Holztischchen (keine Zeitschriften, also eher keine Arztpraxis), auf der gegenüberliegenden Seite metallene Aktenschränke. Alles machte einen schlichten und fast klinischen Eindruck; wohnlich war etwas anderes.

Hinter dem Tresen saß eine kleine, schwarzgekleidete Frau mit dunklen, kurzen Haaren und lächelte sie freundlich an. »Guten Tag. Frau Brandes, nehme ich an?«

Sie nickte irritiert. »Ähm ... Ja. Ich habe einen Termin mit ...«

»Dr. Braden«, beendete die Frau ihren Satz lächelnd und wies auf eine angelehnte Tür rechts von Maria. »Er erwartet Sie schon.«

Sie bedankte sich mit einem unbehaglichen Gefühl und ging langsam auf die zugewiesene Tür zu, als liefe sie über Wolken.

Sie gelangte in ein geräumiges Büro. In der Mitte stand ein weißer und makellos aufgeräumter Schreibtisch. Die Wand war gesäumt von einem Sofa und einer Reihe niedriger Regale voller Bücher oder seltsamer Dekorationsgegenstände, die sie nicht weiter in Augenschein nahm. Darüber hingen breite Gemälde, die sehr surrealistisch wirkten. Salador Gabi, oder wie dieser verrückte Maler hieß.

Hinter dem Schreibtisch erhob sich ein großer und hagerer Mann. Er hatte stechend grüne Augen hinter einer kleinen John-Lennon-Brille mit kreisrunden Gläsern und dickem, schwarzen Rand. Seine schwarzen Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und das schmale Gesicht wurde von einem Drei-Tage-Bart vervollständigt. Die bunte Kleidung - eine dunkelblaue Anzughose, ein kanariengelbes Hemd und eine schwarze Weste - passten so rein gar nicht in diese steril wirkende Umgebung. Maria hatte im Internet kein Foto von ihm gefunden, so blieb sie überrascht stehen. Dr. Braden bot ihr zur Begrüßung die Hand. »Frau Brandes, richtig? Ich bin Phelan Braden.« Seine Stimme war tief und gedehnt, was einschläfernd gewirkt hätte, wäre Maria nicht so nervös gewesen. Braden wies auf einen imposanten, sesselähnlichen Stuhl vor dem Schreibtisch, der aussah, als wäre er geradewegs einem Palast des französischen Mittelalters entsprungen. Sie ließ sich langsam darauf sinken und wusste einen Moment lang nicht, was sie sagen sollte. Dr. Braden nahm wieder Platz und zog ein dünnes Notizbuch aus einer Schublade. »Womit kann ich Ihnen dienen?« Interessiert sah er sie an.

»Ich ...« Maria räusperte sich und setzte nochmals an. »Ich habe im Internet gelesen, mit was Sie sich so beschäftigen.«

Braden nickte andeutungsweise, sagte jedoch nichts.