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Belgien, 1880. Der junge Pariser Anwalt Mathéo Leclerc reist in die Ardennen, um das Erbe seines überraschend verstorbenen Onkels Alain anzutreten: ein abgelegenes Gebirgsschloss. Als er vor Ort erfährt, dass Alain ermordet wurde, sich aber niemand darum kümmert, beginnt er, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Nach und nach kommt er mit Hilfe seiner neuen Freunde Pierre und Lene hinter die düstere Vergangenheit seines Onkels und hört Gerüchte über Geisterbeschwörungen und Werwölfe. Nachdem er sich aufgrund seiner Erkundungen nicht gerade in der Umgebung beliebt macht, kommt es zu einem weiteren Mord. Von den Lesern der ersten "Harzwolf"-Bände fieberhaft erwartet, erscheint jetzt die Vorgeschichte. Diese lässt sich selbstverständlich auch ohne Einschränkungen eigenständig lesen.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Emanuel Müller
Der Fluch der Wölfe
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1.
Kapitel 2.
Kapitel 3.
Kapitel 4.
Kapitel 5.
Kapitel 6.
Kapitel 7.
Kapitel 8.
Kapitel 9.
Kapitel 10.
Kapitel 11.
Kapitel 12.
Kapitel 13.
Kapitel 14.
Kapitel 15.
Kapitel 16.
Kapitel 17.
Kapitel 18.
Kapitel 19.
Kapitel 20.
Kapitel 21.
Kapitel 22.
Kapitel 23.
le fin
Die Schönheit religiösen Fanatismus besteht darin, dass sie die Macht hat, alles zu erklären. Ist erst einmal Gott (oder Satan) als erster Grund für alles akzeptiert, was in der sterblichen Welt passiert, wird nichts mehr dem Zufall überlassen … logisches Denken kann getrost über Bord geworfen werden.
Stephen King
Kapitel 1.
1880, irgendwo am Fuß der Ardennen.
Der Zug schraubte sich durch die beständig bergiger werdende Landschaft, über der sich die Rauchfahne der klobigen Dampflok nur langsam auflöste. Über grüne Wälder und farbige Felder wölbte sich ein makellos blauer Himmel bis an den Horizont.
Nach der Lok, die polternd auf den Gleisen rollte, hatte man einen Gepäckwagen und drei Passagierwaggons angekoppelt. Direkt im ersten Wagen, im vorderen Abteil, saß ein junger Mann von schätzungsweise 23 Jahren, gekleidet in einen schwarzen Anzug, und starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Man hätte ihn für einen Beerdigungsunternehmer halten können, oder für einen Trauernden auf den Weg zur Beisetzung, denn er trug eine schwarze Hose, ein schwarzes Hemd mit einem schwarzen Jackett und, um es auf die Spitze zu treiben, eine schwarze Krawatte. Dass die Haare auch noch kohlrabenschwarz waren, krönte den optischen Eindruck.
Als ratternd die Abteiltür aufglitt, wandte der Mann seine Aufmerksamkeit vom Fenster ab, hin zum eintretenden Schaffner. Dieser war in die Uniform der Eisenbahngesellschaft gekleidet und bereits älteren Semesters, wie man an den grauen Haaren, dem grauen Bart und den Falten im Gesicht sah.
»In etwa 90 Minuten werden wir in Bastogne ankommen, Monsieur Leclerc.«
Der junge Mann nickte. »Vielen Dank. Es war eine weite Reise.«
»Sie kommen aus Paris, nicht wahr?«
»In der Tat.« Er zögerte. »Eine Frage hätte ich noch.«
»Nur zu.«
»Am Bahnhof von Bastogne wird mich eine Kutsche erwarten, die mich nach Pons-sûr-bleu bringen soll. Können Sie mir sagen, wie lange diese Fahrt dauern wird?«
»Pons-sûr-bleu? Ein ungewöhnliches Ziel haben Sie, Monsieur. Nun, da sind Sie noch einmal etwa 90 Minuten unterwegs.«
»Vielen Dank.« Mathéo Leclerc beobachtete, wie der Schaffner das Abteil verließ, und widmete sich wieder der vorbeiziehenden Landschaft.
Je näher der Zug Richtung Bastogne kam, desto mehr bewölkte sich der Himmel, bis es drohend nach Regen aussah. Als Mathéo am Bahnhof aus dem Waggon stieg, ließ ihn ein frischer Wind frösteln.
Nachdem er seinen Koffer am Gepäckwagen entgegengenommen hatte, stiefelte er vom geschützten Bahnsteig in das Bahnhofsgebäude und kam auf der anderen Seite auf einem belebten Vorplatz heraus. Suchend schaute er sich um und entdeckte zwischen den vielen Menschen ein Gefährt, das die Bezeichnung Kutsche seiner Meinung nach kaum verdiente. Das war ja ein besserer Karren! Nicht einmal überdacht! Wahrscheinlich transportierte man damit normalerweise den Mist auf die Felder!
Da sonst kein anderes Fahrzeug in Sicht war, näherte er sich dem Gespann und begutachtete die zwei braunen Pferde und den Mann auf dem Kutschbock. Dieser schien in seinem Alter zu sein, jedoch deutlich schäbiger gekleidet. Er trug eine abgewetzte weiße Leinenhose und ein grobes Baumwollhemd mit einer Juteweste. Die dunkelblonden Haare standen wirr in alle Richtungen. Mit fröhlichen blauen Augen musterte er Mathéo. »Mathéo Leclerc?«
Der Angesprochene nickte. »Du sollst mich nach Pons-sûr-bleu bringen?«
»Aber ja. Mein Vater beauftragte mich.«
»Dann ist dein Vater Dr. Thierry Aubuchon? Der mir die Briefe geschrieben hat?«
»Genau, der Dorfarzt. Ich bin Pierre.«
»Sehr erfreut«, brummte Mathéo und brachte sogar so etwas wie ein Lächeln zustande. »Ich dachte nur, dass wir vielleicht überdacht reisen.« Er blickte besorgt zum Himmel.
»So einen Luxus haben wir leider nicht.« Pierre griff auf die Ladefläche und warf Mathéo einen abgewetzten und nach Ziege riechenden Poncho mit Kapuze zu. »Hier. Zieh das einfach über, wenn es anfängt zu regnen. Du hast reichlich unkonventionelle Kleidung an.« Belustigt musterte er Mathéos Anzug.
»Unkonventionell? In der Kanzlei meines Vaters in Paris tragen das alle!«
»Tja, nur bist du hier nicht in Paris. Ich hoffe, du hast noch andere Sachen in deinem Köfferchen. Spring auf!«
Kopfschüttelnd verstaute Mathéo seinen Koffer auf dem Gefährt und kletterte neben Pierre auf den Kutschbock, wo es eng wurde. Eine weitere Sitzgelegenheit gab es allerdings nicht, und eher würde er laufen, als hinten auf der dreckigen Ladefläche des Wagens zu sitzen.
Bald hatten sie Bastogne weit zurückgelassen. Die Tiere trabten gemächlich die Schotterstraße entlang und Mathéo sah sich neugierig um. Zu beiden Seiten erhoben sich hohe Eichen.
»Das ist aber eine schöne Landschaft. Bin ich gar nicht gewöhnt.«
»Tja, in Paris sieht’s bestimmt anders aus, was?«
»Etwas, ja.«
»Wie war deine Reise?«
»Annehmbar. Es ist halt ein ziemliches Stück von Paris bis hierher. Und der Aufbruch war überstürzt. Mein Vater wollte, dass ich sofort abreise.«
Pierre nickte. »Das stimmt. Monsieur Leclerc ist erst vor vier Wochen verstorben.«
»Kanntest du ihn?«
»Ein bisschen. Er war ein Freund meines Vaters. Bei den anderen Dorfbewohnern war er eher unbeliebt. Schätze, weil er dieses schicke Chateau bewohnt hat und ...« Der junge Mann stockte.
»Und was?«
»Hm?« Pierre schaute von der Straße fragend zu Mathéo.
»Du sagtest ›und‹. Nach so einem Wort folgt für gewöhnlich eine weitere Information.« »Ach so, ja. Und er hatte auch immer so feine Sachen an, wie du. Darum solltest du in Pons-sûr-bleu besser etwas anderes tragen.«
»Mal sehen, was ich dabei habe. Nachdem mir mein Vater eröffnet hat, dass sein Bruder verstorben ist und ausgerechnet mir sein Chateau vermacht hat, musste ich sofort aufbrechen. Zum Sachenpacken blieb da wenig Zeit. Ich weiß nicht, warum ich das Erbe so überstürzt antreten soll. Und vor allem, wozu brauche ich so einen ollen Kasten? Das Ding steht von Paris viel zu weit entfernt, soll ich zwischen Belgien und Frankreich hin und her pendeln?«
»Du könntest hierbleiben. Eben sagtest du, die Landschaft gefällt dir.«
»Hier wohnen? Bei den Bauerntölpeln?« Er warf Pierre einen entschuldigenden Blick zu »Nicht böse gemeint. Aber ich arbeite in der Kanzlei meines Vaters! Vielleicht werde ich das Anwesen einfach verkaufen.«
»Wenn du meinst.«
Die ersten Regentropfen platschten auf die zwei Männer hernieder und Mathéo zog widerstrebend den Poncho über. Die Kutsche ratterte den unebenen Waldweg entlang, auf dem sich tiefe Pfützen bildeten.
»Ich hätte mir ja Zeit gelassen, das Chateau rennt ja nicht weg, doch mein Vater bestand darauf, dass ich sofort abreise.«
»Vielleicht wegen des Personals«, mutmaßte Pierre.
»Personal? Was für Personal?«
»Na, das Chateau Leclerc verfügt über Dienstpersonal«, klärte ihn der Sohn des Arztes auf.
Die Sache begann, Mathéo zu gefallen. »Echt? Wie viele denn?«
»Drei. Ein Gärtner, ein Butler und eine Haushälterin.«
»Wahnsinn. Ich hatte noch nie Dienstpersonal.« Mathéo grinste. »Das wird lustig. Möglicherweise bleibe ich doch eine Weile.«
»Du wirst zunächst ohne sie auskommen müssen, sie sind zu Alain Leclercs Trauerfeier nach Brüssel gereist.«
»Na prima.«
»Warum bist du nicht dort?«
Mathéo stutzte. »Wieso sollte ich? Ich kannte Onkel Alain nicht und bin ihm nie begegnet. Aber mein Vater ist da.«
Pierre nickte. »Wenn du möchtest, kannst du einstweilig im Gasthaus wohnen, wir haben dir dort ein Zimmer reserviert. Die Angestellten werden wohl in zwei, drei Tagen zurückkehren.«
»Hm. Na gut, schauen wir mal.«
Kapitel 2.
Es dämmerte bereits, als sie das Dörfchen Pons-sûr-bleu erreichten. Pierre hielt an einem einladenden, mehrstöckigen Haus, welches zusammen mit zwei schmalen und niedrigen Gebäuden einen Hof umschloss. Am Eingang hing ein Schild mit der Aufschrift »Dr. Aubuchon - Arzt«.
»So, absitzen. Wir sind da. Mein Vater wird sich freuen, dich kennenzulernen.«
Mathéo brummte etwas Undefinierbares und sprang von der Kutsche. Der Boden war nass und matschig, er versank sofort bis zu den Knöcheln darin. »Na klasse! Meine Schuhe!«
Er sah auf und stellte fest, dass Pierre wieder angefahren war und den Wagen um das Haus herum auf den Hof gesteuert hatte. Sein Koffer lag noch auf der Ladefläche.
Unschlüssig verharrte er, während der Regen auf ihn einprasselte. Sollte er Pierre folgen? Schließlich entschied er sich, am Eingang zu klopfen. Warmes Licht fiel durch die Fenster auf die Straße.
Kaum hatte er an die mit Schnitzereien verzierte Eingangstür geklopft, da wurde sie geöffnet. Ein großer Mann mit grauen Haaren und Vollbart stand freundlich lächelnd im Türrahmen. In der Hand hielt er eine flackernde Öllampe.
»Ah, Mathéo Leclerc, nehme ich an?«
»Ähm ... ja, der bin ich.«
»Ich bin Dr. Aubuchon, ein guter Freund des leider verstorbenen Alain Leclerc und deines Vaters. Ich freue mich außerordentlich, dich kennenzulernen. Komm herein!«
Das ließ sich Mathéo nicht zweimal sagen. Dr. Aubuchon führte ihn in eine holzgetäfelte Diele. Auf einer Kommode brannte eine Kerze in einem Windlicht.
»Ich erkläre dir zunächst, was du über das Chateau wissen musst«, informierte ihn der Arzt. »Anschließend bringen wir dich ins Gasthaus. Dort kannst du essen und schlafen. Morgen haben wir dann oben im Chateau Leclerc einen Termin mit dem Notar.«
Chateau Leclerc, der Klang des Namens gefiel Mathéo. Neugierig folgte er Pierres Vater. Dieser führte ihn in ein schummrig beleuchtetes Zimmer. Eine klapprige Liege und ein roher Schreibtisch sowie einige Regale an den weißen Wänden ließen vermuten, dass es sich um Dr. Aubuchons Praxiszimmer handelte.
Der Arzt setzte sich hinter den Schreibtisch und bedeutete Mathéo, ihm gegenüber auf einem Stuhl platz zu nehmen. Der junge Mann leistete Folge und sah den Freund seines Vaters erwartungsvoll an.
»Was hat dir dein Vater schon verraten?«, wollte Aubuchon wissen.
»Wenig. Nur, dass mein Onkel Alain verstorben ist und mir ein Chateau hier in den Ardennen vermacht hat, weil ich der derzeit jüngste lebende Nachfahre bin. Allerdings habe ich Onkel Alain nie kennengelernt. Soviel ich weiß, ist er nicht ein einziges Mal in Paris gewesen.«
»In der Tat.« Der Arzt nickte. »Zusätzlich zum Chateau hat er dir auch 10000 Franc hinterlassen.«
Mathéo hob überrascht die Augenbrauen. Das war ihm neu. »Interessant.«
»Ja. Das Vermögen soll überwiegend genutzt werden, um die Angestellten weiter zu beschäftigten. Damit sind der Butler Gerard Mérd, der Gärtner Jaques Bon und das Hausmädchen Gerde Ouzi gemeint.«
»Aha. Das heißt, ich darf die Drei nicht entlassen?«
»Nein. Soviel ich weiß, haben sie ein Anstellungsrecht auf Lebenszeit, aber das wird dir der Notar noch genauer erläutern.«
»Verstehe. Wie ist Onkel Alain denn eigentlich gestorben?«
Ein seltsamer Zug glitt über Aubuchons Gesicht. »Ah, da kommen wir zum Kern der Sache.«
»Was soll das heißen?«
»Er wurde vermutlich ermordet.«
Mathéo fuhr auf. »Ermordet? Von wem?«
»Das weiß man nicht.«
»Hier, abseits von allem und inmitten schöner Landschaft, ermorden sich die Leute gegenseitig?«
»Nein, das ist nicht an der Tagesordnung. Genau genommen ist dies der erste Mord in der Umgebung seit 20 Jahren. Die Leiche wurde unweit des Chateaus gefunden, am Loup Cliff. Der Körper war schrecklich entstellt und verwüstet.«
»Dann war es ein wildes Tier gewesen, oder?«
Der Arzt schüttelte den Kopf. »Die Gendarmerie ist anderer Meinung und bat um meinen ärztlichen Rat. Einige seiner Verletzungen waren eindeutig von Menschen verursacht. Zum Beispiel die tiefen Messerstiche.«
»So? Und wer hatte hier etwas gegen meinen Onkel?«
Aubuchon schnaubte. »So ziemlich die gesamte Dorfbevölkerung. Man traute seinem Reichtum nicht und verdächtigte ihn, mit dunklen Mächten im Bund zu stehen. Du weißt schon, Geisterbeschwörungen und sowas. Dass er ein zurückgezogener Eigenbrötler war, verbesserte die Situation nicht. Angeblich war er sogar im Besitz eines Grimoire.«
»Eines was?«
Als habe ihn der Arzt nicht gehört, fuhr er fort. »Die Leute hätten nach seinem Tod beinahe das Chateau gestürmt, um den Grimoire zu finden. Ich konnte es gerade noch verhindern.«
»Du liebe Zeit! Und jetzt? Gegen mich dürfte ja keiner was haben. Die kennen mich doch gar nicht!«
»Und eben das ist der Punkt.« Aubuchon sah ihn ernst an.
Der Regen hatte die Straße in eine Schlammpiste verwandelt. Vor dem Gasthaus blieb Pierre abrupt stehen und inspizierte die Eingangstür des zweistöckigen Gebäudes. Dann öffnete er sie schwungvoll und trat ein. Mathéo folgte ihm mit einem mulmigen Gefühl.
Sie kamen in einen geräumigen und behaglich beleuchteten Schankraum, welcher von einem massiven Holztresen dominiert wurde. Vereinzelte Tische standen wahllos im Raum verteilt, Gäste sah er jedoch keine. Die einzige anwesende Person war ein junges Mädchen hinter dem Tresen. Sie hatte lange blonde Haare und trug ein einfaches weißes Kleid mit einer blauen Schürze darüber. Im Moment hatte sie den Besuchern den Rücken zugewandt.
Pierre räusperte sich vernehmlich, woraufhin sie herumfuhr und die beiden anlächelte. Inmitten ihres blassen Gesichts sah Mathéo zwei blaue Augen, die ihn geradezu einzusaugen schienen. Es war kein reines Hellblau, sondern erinnerte eher an das Stahlblau eines Gewitterhimmels. Sie bildeten förmlich einen Kontrast zu der bleichen Haut. Auch die Haare waren sehr hell, sie wirkten fast wie ausgebleicht. Fasziniert konnte Mathéo den Blick kaum abwenden. Pierres Stimme riss ihn jedoch aus seiner Trance.
»Das ist Mathéo Leclerc. Monsieur Leclercs Neffe.«
Das Mädchen schaute ihn verständnislos an.
»Der, für den ich das Zimmer reserviert habe!«, sagte Pierre mit einem genervten Unterton.
Jetzt schien sie zu begreifen, denn sie nickte. »Ja richtig, das Zimmer! Leclercs Neffe!« Ihre Stimme war glockenhell und passte irgendwie zu ihrem seltsamen Gesicht. Trotz der anfänglichen Begriffsstutzigkeit umspielte ein merkwürdiges Lächeln ihre Lippen, was besagte, dass sie genau Bescheid wusste. Pierre bemerkte offenbar nichts. »Das ist Lene. Sie arbeitet hier. Lass dir was zu essen und ein Zimmer geben. Ich hole dich morgen früh 8:30 Uhr ab. Gute Nacht.« Damit verließ er das Gasthaus. Mathéo blickte ihm verwirrt hinterher.
Unterdessen hatte Lene einen großen Teller mit Suppe und einem Kanten Brot aufgetischt. Er murmelte ein leises »Danke« und ließ sich am Tisch nieder. Die Suppe enthielt riesige Gemüse- und Fleischstücke und schmeckte entgegen seinen Erwartungen sogar ganz gut. Das Brot war jedoch hart und überforderte seine Zähne bei weiten.
Irritiert bemerkte er, dass Lene ihn vom Tresen aus beim Essen beobachtete. »Was ist?«
»Schmeckt es?«
»Ja, danke. Hast du nichts zu tun?«
»Entdeckst du hier jemanden außer dir, der bedient werden möchte?«
»Nein.«
»Na siehst du.« Schelmisch grinste sie ihn an. Mathéo löffelte missmutig die Suppe. »Gehört dir der Laden?«
Sie ließ ein gluckerndes Lachen ertönen. »Oh nein, das wäre ja ein Ding! Ich verdiene hier nur ein paar Franc. Das Gasthaus gehört der alten Elaine Poulet!«
»Aha. Na sowas. Und du hast die Nachtschicht, oder wie?«
»So in der Art. Elaine ist in letzter Zeit nicht so oft vor Ort. Sie ist gesundheitlich etwas angeschlagen. Meist teile ich mir die Arbeitszeit mit Paulette Curie.«
»Aha.« Der Teller war leer. Mathéo schabte mit dem Löffel langsam über den Boden, um irgendetwas zu tun, außer an diesem scheußlichen Stück Brot zu knabbern. Schließlich konnte er nicht mehr leugnen, dass er fertig war, und schob den Teller von sich. »Das Brot esse ich morgen. Ich bin satt.«
»Wie du willst. Komm mit.« Lene führte ihn an der Bar vorbei eine steile Holztreppe mit knarrenden Stufen hinauf ins Obergeschoss. Dort kamen sie in einen kurzen Flur, von dem mehrere Türen abgingen. Sie schien willkürlich eine zu öffnen und geleitete ihn hindurch. Schwungvoll entzündete sie eine Öllampe und stellte sie auf eine Kommode. Mathéo erblickte ein kleines Zimmerchen mit Bett, einem Kleiderschrank und der besagten Kommode, über der ein halbblinder Spiegel hing. Das Bett hatte jemand mit mehrfach geflickter, weißer Leinenbettwäsche bezogen. Aber wenigstens war es sauber. Wahrscheinlich Lenes Werk.
Er nickte, einigermaßen zufrieden. Das war ja doch ganz annehmbar. »OK, wo finde ich das Bad?«
»Das was?«
Er rollte mit den Augen und seufzte. Prompt schien das Mädchen zu verstehen. Grinsend sagte sie: »Die Treppe runter und dann rechts.«
»Da ist das Bad?«
»Nein, die Tür nach draußen. Toilette und Wasserpumpe sind gleich neben dem Haus auf dem Hof.«
»Große Klasse.« Mathéo revidierte innerlich seine Meinung und nahm sich vor, so bald wie möglich ins Chateau überzusiedeln.
Mit einem belustigten »Gute Nacht« verschwand Lene aus dem Raum. Mathéo inspizierte die Tür und drehte den Schlüssel herum. Sicher war sicher, nicht dass dieses Mädchen noch hier herumschnüffelte. Dann tauschte er seine Sachen gegen einen schwarzen Schlafanzug aus Seide und kroch in das Bett.
Kapitel 3.
Mathéo hätte geschworen, gerade erst eingeschlafen zu sein, als das Hämmern an der Zimmertür einsetzte. Doch die Sonnenstrahlen, welche durch das staubige Fenster in den Raum fielen, belehrten ihn eines Besseren.
»Ja?«, brummte er muffig und setzte sich auf. War das diese Lene, oder was sollte das Gehämmer? »Steht das Gebäude in Flammen oder was?«
»Mathéo?«, erklang Pierres Stimme vom Flur. »Du solltest langsam aufstehen! In 20 Minuten haben wir den Termin mit dem Notar!«
»Mist!« Er schälte sich aus dem Bett und schlurfte zur Tür. Es war tatsächlich bereits 8:30 Uhr! Er hatte verschlafen! Dabei war er sonst ein ausgeprägter Frühaufsteher und selten nach sieben Uhr noch im Bett.
Missmutig öffnete er die Tür und Pierre drängte sich ins Zimmer. Entsetzt musterte er Mathéo. »Um Himmels willen! Zieh dich an! Wir dürfen nicht zu spät kommen!«
»Reg dich ab, der Notar wird schon warten, wenn wir nicht rechtzeitig da sind«, brummte Mathéo, während er im Koffer kramte und in einen makellosen schwarzen Anzug schlüpfte. »Ich muss mich frischmachen und frühstücken ...«
»Vergiss es! Der Notar kommt extra aus Bastogne; wenn wir nicht einigermaßen pünktlich sind, verschwindet er wieder und stellt dir den Termin in Rechnung! Beeilung!«
Nachdem er angezogen war und mit einem Kamm notdürftig seine Haare geglättet hatte, folgte er dem Sohn des Arztes ins Erdgeschoss. Von Lene oder ihrer unbekannten Kollegin war keine Spur zu sehen; der Gastraum und der Tresen lagen verlassen da.
Vor dem Gasthaus stand bereits der Karren, mit dem Pierre ihn vom Bahnhof abgeholt hatte. Die zwei Pferde stampften ungeduldig auf der Stelle.
Kaum war Mathéo umständlich auf den Kutschbock geklettert, als Pierre auch schon anfuhr. Mathéo wäre fast wieder heruntergefallen. Geradeeben konnte er sich noch festhalten. »Hättest du die Güte, etwas langsamer zu fahren?« Der Wagen polterte durch ein Schlagloch nach dem anderen. Zwar war das Wetter an diesem Morgen heiter und freundlich, die Straße aber noch vom Regen des Vortages in Mitleidenschaft gezogen. Schlamm spritzte auf und er fürchtete um seinen Anzug.
»Keine Zeit! Chateau Leclerc ist nicht eben um die Ecke, weißt du?«
»Na super! Und wie komme ich von dort ins Dorf?«
»Es gibt eine Kutsche und Pferde.«
»Ich kann weder reiten noch eine Kutsche fahren!«
»Der Butler chauffiert dich.«
»Ich dachte, der ist in Brüssel!«
»Na ja, einstweilig wirst du dir so behelfen müssen. Die sind doch bald alle wieder da!«
Pierre jagte den Karren durch den dichten Wald. Zu ihrer Rechten erhob sich ein felsiger Abhang mit verkrüppelten Bäumen. Die Gegend wurde zunehmend bergiger.
Unvermittelt brachen sie aus dem Wald. Aus dem Tal vor ihnen reckte sich ein einzelner Berg in die Höhe, auf dessen Gipfel eine Art Festung thronte. Eine steile Straße führte hinauf.
»Das ist Chateau Leclerc?«, rief Mathéo ungläubig.
»Ja, in der Tat.«
»Ich hatte mir das Schloss irgendwie schlossähnlicher vorgestellt, nicht wie eine mittelalterliche Burg!« Von ihrem Punkt am Fuße des Berges sah er einen massiven Wall aus Feldsteinen, hinter dem sich ein Turm mit spitzem Dach erhob. Der Rest der Anlage blieb bisher seinen Blicken verborgen.
»Gefällt es dir nicht?«
»Na ja ... ehrlich gesagt ...«
»Warte, bis wir dort sind!« Pierre steuerte direkt auf ein Tor in der Mauer zu. Während sie hindurchfuhren, sah Mathéo ein hölzernes Fallgitter. Das würde er dringend erneuern müssen!
Die dicke Mauer umschloss einen großen Hof, welcher von einem dreistöckigen Gebäude dominiert wurde. Dieses bildete eine U-Form, auf deren geschlossene kurze Seite sie geradewegs zuhielten. Daneben lagen kleinere Nebengebäude, die wie Ställe und dergleichen aussahen. Das wirkte schon schlossähnlicher, fand Mathéo, aber die Objekte benötigten zwingend einen frischen Anstrich. Allerdings ließen die ausladenden bunten Blumenrabatten überall auf dem Gelände alles sehr freundlich wirken. Zumindest der Gärtner schien sein Handwerk zu verstehen.
Direkt vor einer völlig überdimensionierten Freitreppe ließ Pierre die Pferde abrupt anhalten. Mathéo wurde fast vom Wagen geschleudert. Während sein neuer Freund behände absprang, kletterte er umständlich herunter und sah sich nochmals in Ruhe um. Neben ihnen parkten eine teuer aussehende geschlossene Kutsche und ein weiterer Karren, wie der, mit dem sie gekommen waren.
»Komm mit!« Pierre führte ihn die Treppe hinauf und stieß die massive zweiflügelige Eingangstür auf. Mathéo wollte den gusseisernen Türklopfer in Form eines Wolfskopfes genauer betrachten, doch er wurde unbarmherzig in eine düstere Eingangshalle gezogen.
Pierres Vater, Dr. Aubuchon, hatte scheinbar direkt dort gewartet, denn plötzlich stand er vor ihnen, einen sehr ungeduldigen Blick aufgesetzt. »Na endlich! Ihr seid spät!«
»Ich habe verschlafen und bitte vielmals um Entschuldigung«, murmelte Mathéo und sah sich in der dämmerigen Halle um. Mangels Beleuchtung konnte er nicht mehr erkennen, als eine ausladende Treppe, welche sich im rückwärtigen Teil des Raumes nach oben wand und in der Dunkelheit verschwand. Davor erspähte er ...
»Sind das etwa Ritterrüstungen?«
»Ja.« Statt näher darauf einzugehen, zerrte ihn Pierre hinter seinem Vater durch eine Flügeltür neben der Treppe. Der Saal dahinter war groß (kleine Räume gab es auf diesem Anwesen scheinbar nicht) und durch riesige Fenster hervorragend beleuchtet. Es musste sich um einen Speisesaal handeln, denn neben einem Kamin, in dem er aufrecht hätte stehen können, wurde der Saal von einem langen und sehr edel aussehenden Eichenholztisch dominiert. An der Tafel hätten mindestens 12 Leute Platz gehabt, eher mehr, doch im Moment saß dort nur einer. Es handelte sich um ein knochiges, dürres Männchen mit grauen Haaren und einer dicken Hornbrille, welche die Augen ihres Trägers riesenhaft erscheinen ließ.
Mathéo ignorierte den Drang, dem Männchen an der langen, dünnen Nase zu ziehen und hielt ihm lächelnd die Hand hin. »Guten Tag. Mathéo Leclerc.«
Der Notar musterte ihn missbilligend und nahm seine Hand zögernd zur Begrüßung, als habe Mathéo ihm stattdessen etwas Ekliges zu Essen hingehalten. »Schab ist mein Name, Notar. Setzen Sie sich!« Die Stimme war rau und schien keinen Widerspruch zu dulden. Schon alleine die Aufforderung, ohne ein angehängtes ›Bitte‹, wirkte wie ein förmlicher Befehl. Mathéo ließ sich genervt auf einen der lederbezogenen Essstühle fallen. Der Arzt und sein Sohn nahmen neben ihm Platz.
»Sie wissen, warum Sie hier sind?«, näselte der Notar.
»Weil mein Onkel Alain sich jetzt die Radieschen von unten anguckt?«
Schab sah ihn pikiert an, Dr. Aubuchon setzte einen entsetzten Blick auf und Pierre musste sich ein Grinsen verkneifen.
Ohne weiteren Kommentar sagte Schab: »Wir reden also über den bedauerlicherweise von uns gegangenen Alain Leclerc.« Er zog ein Blatt Papier aus den Unterlagen. »Wer ist heute erschienen?«
Die Anwesenden nannten der Reihe nach ihre Namen und der Notar machte sich Notizen. Nachdem er Mathéos Ausweispapiere überprüft hatte, kramte er eine Urkunde aus seinem Stapel und rückte sich umständlich die Brille zurecht.
»Also, dies ist das Testament des Alain Leclerc. Er vermacht seinem derzeit jüngstem lebenden Nachfahren - das wären ja dann wohl Sie - das Chateau Leclerc. Selbiges ist das Anwesen, auf dem wir uns gerade befinden. Weiterhin vermacht er Ihnen ein Barvermögen von 10000 Franc. Folgende Besonderheiten gilt es in Bezug auf das Erbe zu beachten ...« Der Alte fuhr fort, das Angestelltenverhältnis des Dienstpersonals zu beschreiben und zu betonen, dass Mathéo dieses nicht entlassen dürfe und das Vermögen überwiegend für die Instandhaltung des Schlosses und die Entlohnung des Personals zu verwenden sei. Mathéo hörte nur mit einem Ohr hin und ließ seinen Blick über die holzgetäfelten Wände und die massiven Deckenbalken schweifen. Alles sehr edel. Die Kerzenständer auf dem Tisch bestanden garantiert aus echtem Silber. Und die Wandhalterungen für die Öllampen sahen auch überaus nobel aus. Die Bodendielen wirkten blitzblank und auf Hochglanz poliert. Das Hauspersonal war scheinbar sehr bemüht.
Überrascht registrierte er, dass der Notar nicht mehr sprach und ihn alle erwartungsvoll ansahen. »Äh ... wie bitte?«
»Ich fragte: Nehmen Sie das Erbe an?« Schab musterte ihn wieder herablassend.
»Äh ... ach so ... Ja. Ja, das tue ich.«
Der Notar schob ihm ein Formular und einen Füllfederhalter entgegen. »Unterschreiben Sie bitte hier unten!«
