Das Lächeln der Fortuna - Rebecca Gablé - E-Book

Das Lächeln der Fortuna E-Book

Rebecca Gablé

4,8
9,99 €

Beschreibung

Erstmals in der umfangreicheren Originalfassung: Rebecca Gablés historischer Roman, der den Auftakt der monumentalen "Waringham-Saga" bildet. Diese auf dem vollständigen Manuskript beruhende Ausgabe enthält sowohl das bisher veröffentlichte als auch das ursprünglich entworfene Ende. Ein Muss für alle Gablé- und Waringham-Fans. England 1360: Nach dem Tod seines Vaters, des wegen Hochverrats angeklagten Earl of Waringham, zählt der zwölfjährige Robin zu den Besitzlosen und ist der Willkür der Obrigkeit ausgesetzt. Besonders Mortimer, der Sohn des neuen Earls, schikaniert Robin, wo er kann. Zwischen den Jungen erwächst eine tödliche Feindschaft. Aber Robin geht seinen Weg, der ihn schließlich zurück in die Welt von Hof, Adel und Ritterschaft führt. An der Seite des charismatischen Duke of Lancaster erlebt er Feldzüge, Aufstände und politische Triumphe - und begegnet Frauen, die ebenso schön wie gefährlich sind. Doch das Rad der Fortuna dreht sich unaufhörlich, und während ein junger, unfähiger König England ins Verderben zu reißen droht, steht Robin plötzlich wieder seinem alten Todfeind gegenüber ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 2099

Bewertungen
4,8 (58 Bewertungen)
47
11
0
0
0



Inhalt

Cover

Über das Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Anmerkung zur Erweiterten Ausgabe

Gedicht

Dramatis Personae

Karte

1360-1361

Curn, September 1360

Kent, September 1360

Waringham, September 1360

Waringham, November 1360

Waringham, Dezember 1360

Waringham, April 1361

1366-1370

Waringham, April 1366

Waringham, Juni 1366

Canterbury, Juni 1366

Bordeaux, Juli 1366

Najera, April 1367

Valladolid, Juni 1367

Westminster, September 1367

Westminster, Januar 1368

Januar 1368

Waringham, Februar 1368

Fernbrook, Februar 1368

Fernbrook, Juli 1368

Fernbrook, Januar 1369

Fernbrook, Juni 1369

Fernbrook, Dezember 1369

Fernbrook, März 1370

Limoges, September 1370

1376-1381

London, Mai 1376

Fernbrook, Juni 1376

Fernbrook, Juli 1376

Fernbrook, August 1376

London, Dezember 1376

London, Januar 1377

London, April 1377

Harley, August 1377

Waringham, August 1377

London, November 1377

Northumberland, Juni 1378

Fernbrook, Juni 1378

London, Dezember 1378

Burton, Mai 1379

Burton, September 1379

London, März 1380

Northampton, November 1380

Waringham, Juni 1381

Waringham, September 1381

1385-1389

Burton, September 1385

Westminster, Oktober 1385

Burton, April 1386

London, Juli 1386

London, August 1386

Monmouth, Juni 1387

Radcot Bridge, Dezember 1387

Waringham, Juni 1388

Bordeaux, September 1389

Waringham, Dezember 1389

1397-1399

Waringham, Juli 1397

Nottingham, August 1397

London, September 1397

Waringham, Oktober 1397

Coventry, September 1398

Eltham, Oktober 1398

Leicester, Januar 1399

Schluss

Schluss der Urfassung

Windsor, April 1399

Irland, Juni 1399

London, August 1399

Schluss der bisher veröffentlichten Fassung

Windsor, April 1399

Nachbemerkung

Zeittafel

Das Haus Plantagenet

Das Haus Lancaster

Über das Buch

EIN FASZINIERENDES RITTEREPOS VOR DEM HINTERGRUND GROSSER GESCHICHTE

England 1360: Nach dem Tod seines Vaters, des wegen Hochverrats angeklagten Earl of Waringham, zählt der zwölfjährige Robin zu den Besitzlosen und ist der Willkür der Obrigkeit ausgesetzt. Besonders Mortimer, der Sohn des neuen Earls, schikaniert Robin, wo er kann. Zwischen den Jungen erwächst eine tödliche Feindschaft.

Aber Robin geht seinen Weg, der ihn schließlich zurück in die Welt von Hof, Adel und Ritterschaft führt. An der Seite des charismatischen Duke of Lancaster erlebt er Feldzüge, Aufstände und politische Triumphe – und begegnet Frauen, die ebenso schön wie gefährlich sind.

Doch das Rad der Fortuna dreht sich unaufhörlich, und während ein junger, unfähiger König England ins Verderben zu reißen droht, steht Robin plötzlich wieder seinem alten Todfeind gegenüber …

Über die Autorin

Rebecca Gablé studierte Literaturwissenschaft, Sprachgeschichte und Mediävistik in Düsseldorf, wo sie anschließend als Dozentin für mittelalterliche englische Literatur tätig war. Heute arbeitet sie als freie Autorin und lebt mit ihrem Mann am Niederrhein und auf Mallorca. Ihre historischen Romane und ihr Buch zur Geschichte des englischen Mittelalters wurden allesamt Bestseller und in viele Sprachen übersetzt.

Besonders ihre Romane um das Schicksal der Familie Waringham genießen bei Historienfans mittlerweile Kultstatus.

www.gable.de

Rebecca Gablé

DAS LÄCHELNDERFORTUNA

ERWEITERTE AUSGABE

Historischer Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durchdie Michael Meller Literary Agency GmbH, München

Copyright © 2013 by Bastei Lübbe AG, KölnLektorat: Karin SchmidtTitelillustration: © Johannes Wiebel | punchdesignUmschlaggestaltung: Johannes Wiebel, punchdesign, München

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-1228-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für

MJM

I am derely to yow biholdeBicause of your sembelauntAnd euer in hot and coldeTo be your trwe seruaunt.

Anmerkung zur Erweiterten Ausgabe

Liebe Leserin,lieber Leser,

hier ist es nun also, das ungekürzte Original-Manuskript von Das Lächeln der Fortuna, und ich muss zugeben: Ich bin beinah so aufgeregt wie vor sechzehn Jahren, als dieser Roman in gekürzter Form zum ersten Mal erschien. Denn ich habe jahrelang geglaubt, die Fassung, die Sie jetzt in Händen halten, sei unwiederbringlich verloren.

Am Abend des 11. November 1998 – es gibt Daten, die man nie vergisst – saß ich an meinem Computer und schrieb einen Brief. (Die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern, was das ist). Adressat meiner Epistel war eine Freundin und Kollegin, und ich weiß noch ganz genau, dass ich gerade im Begriff war, etwas nicht sehr Schmeichelhaftes über einen anderen Kollegen zu schreiben, als die Hand Gottes niederfuhr (oder ein Blitzschlag oder eine Überspannung oder weiß der Kuckuck, was sonst), um mich an dieser Freveltat zu hindern: Mein Bildschirm wurde schwarz. Mist, dachte ich, jetzt ist der ganze Brief weg. Aber es war viel schlimmer. Meine Festplatte hatte sich verabschiedet, und alle Daten darauf waren verloren. Und weil ich das Thema Datensicherung bis zu jenem denkwürdigen Tag immer auf die leichte Schulter genommen hatte (was sich danach änderte), gehörte zu den verlorenen Dateien auch das Fortuna-Original.

Ein Jahr zuvor war der Roman erschienen, aber er hatte es nicht ganz leicht gehabt. Weil das Manuskript unsäglich lang und die Autorin unsäglich unbekannt war und bislang obendrein nur Krimis veröffentlicht hatte, gab es im Verlag ein paar Bedenken gegen dieses Wagnis mit einem Roman im Ziegelsteinformat in einem neuen Genre. Also hatten wir einen Kompromiss gefunden, und ich hatte das Manuskript um rund 250000 Anschläge gekürzt und einen neuen Schluss geschrieben. Diese Fassung war es, die 1998 gerade ihrem zweiten Weihnachtsgeschäft entgegenging und heimlich, still und leise eine ständig wachsende Lesergemeinde fand.

Immer häufiger erreichten mich nun Anfragen, ob denn die herausgekürzten Passagen nicht auch noch veröffentlicht werden könnten. Und immer musste ich antworten: Tut mir leid, Festplattencrash, alles im Orkus verschwunden. Bis ich vor ungefähr zwei Jahren in einem Kellerschrank voller Krempel ein Ladegerät für ein altes Handy suchte und dabei auf einen zusammengeschnürten Stapel von 3,5 Zoll-Disketten stieß, die mit dem Wort Fortuna beschriftet waren.

Meine Hände fingen an zu zittern.

Es dauerte zwei Tage, bis ich jemanden gefunden hatte, der noch einen Computer mit Diskettenlaufwerk besaß. Dann hatte ich die Gewissheit, dass a) meine Datensicherung nicht so schlampig gewesen war, wie angenommen und b) das Originalmanuskript vom Lächeln der Fortuna nicht länger verschollen war.

Das also ist die Vorgeschichte dieses Buches. Natürlich enthält es die Geschichte von Robin of Waringham, die Sie vielleicht schon kennen, aber ebenso werden Sie hier neuen Freunden von Robin begegnen, wie zum Beispiel dem Tuchhändler William Hillock und seiner Familie, die den Kürzungen zum Opfer gefallen waren, mir aber nie aus dem Kopf gingen und der Ausgangspunkt für Der König der purpurnen Stadt wurden. Sie werden neue Szenen finden, altbekannte in längerer Form und einen alternativen Schluss. Aber sehen Sie selbst. Ich bin jedenfalls glücklich darüber, dass die abenteuerliche Geschichte dieses Manuskriptes mit dieser Ausgabe ein so glückliches Ende gefunden hat, und wünsche Ihnen viel Vergnügen.

Das alte Handy-Ladegerät ist übrigens nie wieder aufgetaucht.

R.G., im Herbst 2013

Der jammervollen Welten Wandlungen

Zum Guten wie zum Üblen, bald Elend, bald Ehre

Ohne alle Ordnung oder weisen Ratschluß

Sind sie bestimmt von Fortunas Wankelmut.

Und dennoch, ihr Mangel an Gnade

Wird mich nicht hindern zu singen, müßt ich auch sterben

All meine Zeit und mein Schaffen sind verloren

Doch letztlich, Fortuna, werde ich Dir trotzen

Noch ist mir das Licht meines Geistes geblieben

Freund und Feind zu erkennen in Deinem Spiegel

Das hat Dein Drehen und Winden,

Dein Auf und Ab mich gelehrt.

Doch wahrlich, keine Macht hat Deine Arglist

Über den, der sich selbst beherrscht

Meine Duldsamkeit soll mein Trost sein

Denn letztlich, Fortuna, werde ich Dir trotzen

DRAMATIS PERSONAE

Es folgt eine Aufstellung der wichtigsten Figuren in möglichst sinnvoller Anordnung, wobei die historischen Personen mit einem * gekennzeichnet sind. Stammbäume der Häuser Plantagenet und Lancaster sowie eine Übersicht über die historischen Ereignisse finden sich im Anhang.

Waringham und Kent

Robin of Waringham

Agnes, seine Schwester

Isaac, sein Freund, möglicherweise sein Bruder

Conrad, Stallmeister von Waringham

Maria, seine Frau

Elinor, ihre Tochter

Stephen, Vormann auf dem Gestüt von Waringham

Geoffrey Dermond, Earl of Waringham

Matilda, seine Frau

Mortimer, ihr Sohn

Blanche Greenley, Mortimers Frau

Mortimer, ihr Sohn

Alice Perrers*, Matildas Nichte

Leofric, der Findling

William Hillock, Kaufmann aus Canterbury

Isabella, seine Frau

Plantagenet

Edward III.*, König von England

Edward of Woodstock, der Schwarze Prinz*, sein ältester Sohn

John of Gaunt*, Duke of Lancaster, sein mächtigster Sohn

Edmund of Langley*, später Duke of York, sein dümmster Sohn

Thomas of Woodstock*, später Duke of Gloucester, sein gefährlichster Sohn

Joan of Kent*, Gemahlin des Schwarzen Prinzen

Richard of Bordeaux*, ihr Sohn, später Richard II.

Blanche of Lancaster*, Lancasters 1. Gemahlin

Henry Bolingbroke*, ihr Sohn

Constancia von Kastilien*, Lancasters 2. Gemahlin

Katherine Swynford*, Lancasters Geliebte und 3. Gemahlin

John Beaufort*, ihr Sohn

Henry Beaufort*, später Bischof von Lincoln, ihr Sohn

Henry of Monmouth*, genannt »Harry« of Lancaster, Sohn Bolingbrokes und seiner Gemahlin Mary Bohun*

Fernbrook und Burton

Oswin, der Taugenichts

Gisbert Finley, Robins Cousin

Thomas, Joseph und Albert, seine Brüder

Giles, Earl of Burton

Giles, sein Sohn

Joanna, seine Tochter, Robins Gemahlin

Anne, Edward und Raymond, ihre Kinder

Christine und Isabella, Joannas Schwestern

Luke, der Schmied

Hal, der Stallknecht

Francis Aimhurst, Robins Knappe

Tristan Fitzalan, jüngster Sohn des Earls of Arundel*, ebenfalls Robins Knappe

London, Ritterschaft und Adel

Henry Fitzroy, ein walisischer Ritter

Peter de Gray, ein verrückter Ritter

Guillaume de Beaufort, ein französischer Unglücksritter

Geoffrey Chaucer*, Dichter, Diplomat und Hofbeamter

Roger Mortimer*, Earl of March

Peter de la Mare*, seine rechte Hand

Henry Percy*, Marschall von England und Earl of Northumberland

Henry »Hotspur« Percy*, sein Sohn

Thomas Beauchamp*, Earl of Warwick, Appellant

William Montagu*, Earl of Salisbury

Thomas Holland*, Earl of Kent, König Richards Halbbruder

John Holland*, sein Bruder

Robert de Vere*, Earl of Oxford, später Marquess of Dublin und Duke of Ireland

Sir William Walworth*, Bürgermeister von London

Sir Robert Knolles*, Glücksritter

Sir Patrick Austin, sein unehelicher Sohn, Befehlshaber der königlichen Leibwache

Wat Tyler*, Bauernführer

Richard Fitzalan*, Earl of Arundel, Appellant

Thomas Mowbray*, Earl of Northampton, später Duke of

Norfolk, Appellant Thomas Hoccleve*, Dichter, Hofbeamter und zumindest in jungen Jahren ein Taugenichts

Kirchenmänner

Jerome of Berkley, Abt von St. Thomas

Bruder Anthony, der Zorn Gottes

Vater Gernot, Dorfpfarrer von Waringham

Vater Horace, Dorfpfarrer von Fernbrook

Jehan de Cros*, der treulose Bischof von Limoges

William Wykeham*, Bischof von Winchester

Dr. John Wycliffe*, Kirchenreformer, Professor in Oxford, vielleicht ein Ketzer

Lionel, sein Schüler, Robins Schulfreund

Simon Sudbury*, Erzbischof von Canterbury und Kanzler von England

William Courtenay*, Bischof von London, später Erzbischof von Canterbury

William Appleton*, Franziskaner, Lancasters Leibarzt und Ratgeber

John Ball*, vox populi

Thomas Fitzalan*, Bischof von Ely, später Erzbischof von York

1360–1361

Curn, September 1360

»Wenn sie uns erwischen, wird es sein, als sei das Jüngste Gericht über uns hereingebrochen«, prophezeite Lionel düster.

»Du kannst immer noch zurück«, erwiderte Robin betont kühl.

»Wofür hältst du mich, he?«

»Das kommt darauf an …«

Sie grinsten sich zu. Robin konnte das Gesicht seines Freundes schwach erkennen, und er sah die Zähne aufblitzen. Die Nacht war nicht dunkel. Der fast volle Mond schien von einem wolkenlosen Himmel. Sie glitten in den schwarzen Schatten der Klostermauer, die sich zu beiden Seiten erstreckte und nach ein paar Ellen mit den Schatten verschmolz.

Lionel ging drei Schritte nach rechts und blieb dann stehen. »Hier ist es am besten«, wisperte er. »Auf der anderen Seite steht ein Baum, an dem wir runterklettern können. Es besteht kein Grund, dass wir uns auf diesem albernen Ausflug den Hals brechen.«

Robin sah an der Mauer hinauf und nickte. »Also, los. Du zuerst.«

Er machte eine Räuberleiter. Lionel legte eine Hand auf seine Schulter, stellte den rechten Fuß in Robins ineinander verschränkte Hände und stieg hoch. Er richtete sich auf, ließ die Schulter los, stützte sich an der Mauer ab und reckte sich. Es ging. Er bekam die Kante zu fassen und zog sich mit seinen kräftigen Armen hinauf. Er brachte sich in eine sitzende Haltung, ließ die Beine baumeln und spähte hinunter in die Dunkelheit. »Und jetzt?«

»Leg dich auf den Bauch, lass die Beine zur anderen Seite herunterhängen und zieh mich hoch. Ganz einfach.«

»Oh ja. Wirklich ganz einfach. Warum lasse ich mich nur immer auf deine Torheiten ein, Waringham, kannst du mir das sagen?«

Robin streckte ihm die Hand entgegen. »Wer ist der größere Tor? Der Tor oder der Tor, der ihm folgt?«

Lionel wusste wie so oft keine Antwort. Er tat, wie ihm geheißen, und schließlich saßen sie beide keuchend oben auf der Mauer. Sie spürten nicht mehr, dass die Septembernacht kühl war. Sie waren sogar ein bisschen ins Schwitzen gekommen. Sie verschnauften einen Augenblick, bevor sie sich an den Abstieg begaben. Der Baum war eine alte Weide und für ihren Zweck denkbar gut geeignet. Seine Äste reichten fast bis zum Boden. Ohne Schwierigkeiten gelangten die Ausreißer hinunter.

»Ich hoffe nur, Oswin hat unsere Verabredung nicht verschlafen«, raunte Robin. »Dann war die ganze Mühe umsonst.«

»Wehe«, schnaubte Lionel. »Ich schlag ihm seine Pferdezähne ein, wenn er uns versetzt!«

»Ho, Mönchlein, große Worte für eine halbe Portion wie dich«, lachte eine leise Stimme hinter ihnen. »Hier bin ich schon.« Aus dem Schatten löste sich eine dunkle Gestalt und kam auf sie zu.

»Ich wünschte, du würdest mich nicht immer so nennen«, sagte Lionel unglücklich.

»Wie? Mönchlein? Aber das bist du doch, oder etwa nicht?« Er beachtete Lionel nicht weiter und boxte Robin freundschaftlich auf die Schulter. »Waringham, alter Galgenvogel. Lass uns zuerst das Geschäft erledigen, wenn’s dir recht ist.«

Sein Ton hatte sich leicht verändert. Seit Oswin in den Stimmbruch gekommen war und seine Schultern so breit wie die seines Vaters geworden waren, war er für die Klosterschüler ein gottähnliches Idol, das sie mit unerschütterlicher Hingabe verehrten. Oswin behandelte sie dementsprechend mit gebotener Herablassung. Sein Vater war Stallknecht und kümmerte sich um die kleine Schar Pferde und Maultiere, die die Abtei von St. Thomas besaß. Oswin war seines Vaters Gehilfe. Er arbeitete hart von früh bis spät, bereitete seit dem Tod seiner Mutter für sie beide die Mahlzeiten, wurde nicht selten spät am Abend zum Wirtshaus gerufen, um seinen betrunkenen Vater abzuholen, und erntete gelegentlich zum Dank ein blaues Auge. Niemand dachte im Traum daran, ihn zur Schule zu schicken, ihm Lesen beizubringen und all die anderen Dinge, die die Schüler des klösterlichen Internats lernten. Oswin würde immer bleiben, was er war. Und trotzdem beneideten sie ihn, die Söhne von Landadligen und reichen Kaufleuten. Um seine Freiheit und seine prahlerische Männlichkeit.

Nur auf Robin hatte er weder mit Großspurigkeit noch mit seinen meist gutmütigen Einschüchterungen Eindruck machen können. Er verstand nicht, warum das so war. Möglicherweise lag es daran, dass er kaum mehr einen halben Kopf größer war, trotz der zwei Jahre Altersunterschied. Tatsache war jedenfalls, dass er Robin von all diesen kleinen Bücherwürmern am liebsten mochte, und ihm allein gestattete er Zugang zum Pferdestall.

Robin legte einen Farthing in seine ausgestreckte Hand. Oswin ließ die kleine Münze mit einem zufriedenen Grinsen verschwinden. »Ziemlich knauserig für einen reichen Mann.«

Robin schüttelte kurz den Kopf. »Bringst du uns dafür hin oder nicht?«

Oswin tat, als zögere er. Als er feststellte, dass Robin nicht noch einmal in die kleine Tasche am Ärmel seiner Kutte greifen würde, brummte er mit gespielter Verstimmtheit: »Meinetwegen. Dann kommt.«

Er wandte ihnen den breiten Rücken zu, und die beiden Jungen folgten ihm eilig. Sie liefen etwa eine Meile über die feuchten Wiesen, die das Kloster umgaben. Dann gelangten sie an ein kleines Flüsschen, das sie auf einem Holzsteg überquerten. Dahinter erhoben sich die ersten Häuser von Curn, einem kleinen Dorf, kaum mehr als ein Weiler, wo die Bauern lebten, die die klösterlichen Felder bewirtschafteten. Oswin führte sie auf einem staubigen Weg an der armseligen Holzkirche vorbei, am Haus des Dorfpfarrers und dem Wirtshaus. Damit ließen sie den Dorfplatz hinter sich, und die Häuser wurden wieder spärlicher.

Sie sprachen nicht. Es gab auch nichts zu bereden. Das Geschäft mit Oswin war über mehrere Wochen verhandelt worden und vor zwei Tagen zum Abschluss gekommen. Er hatte seinen Lohn, und er wusste, was sie dafür wollten. Weder Robin noch Lionel verspürten Neigung, dem anderen einzugestehen, dass sie weiche Knie hatten und kaum genug Spucke im Mund, um zu schlucken. Sie liefen stumm nebeneinander her und waren dankbar für die relative Dunkelheit.

Plötzlich hielt Oswin an. Beinahe wären sie gegen ihn geprallt. »Hier ist es«, raunte er. »Wartet. Und seid um Himmels willen leise!«

Sie nickten.

Oswin hatte sie zu einem kleinen Holzhaus gebracht, das noch armseliger schien als die anderen. Das Dach neigte sich in einem verwegenen Winkel, als wolle es jeden Moment abstürzen. Es gab keinen Kamin. Nur ein einziges Fenster neben der Tür gähnte sie schief an wie das Maul eines Ungeheuers. Ein wenig Rauch und zuckendes Licht drangen heraus.

Oswin näherte sich weder Fenster noch Tür. Er trat stattdessen an die Rückwand des Häuschens, beugte sich ein wenig vor und stand dann still. In dieser Haltung verharrte er so lange, bis die beiden Jungen ungeduldig wurden. Magisch angezogen traten sie näher.

»Was ist?«, flüsterte Robin, heiser vor Aufregung.

Oswin wandte sich zu ihm um und legte einen Finger an die Lippen. »Jungs, ihr kriegt wirklich was geboten für euer Geld«, versprach er tonlos. Dann winkte er sie näher, machte ihnen mit den Händen Zeichen, nur ja kein Geräusch zu verursachen, und wies mit den Zeigefingern auf zwei Astlöcher in der Wand, nahe nebeneinander, eins höher, eines niedriger. Dann klopfte er Robin grinsend die Schulter und schlenderte Richtung Wirtshaus davon, zweifellos um festzustellen, wie betrunken sein Vater inzwischen war.

Robin überließ Lionel das niedrigere Loch, lehnte behutsam die Stirn an die rohe Holzwand und spähte hinein. Zuerst konnte er nicht viel erkennen. Drinnen schien es dunkler zu sein als hier draußen. Er war enttäuscht und erleichtert zugleich. Gerade, als er sich abwenden und von Oswin sein Geld zurückfordern wollte, erhaschte er eine Bewegung. Und dann erkannte er mit einem Mal Formen. Er hielt den Atem an.

Das Häuschen bestand nur aus einem einzigen Raum. Nahe der Tür befand sich eine kleine Kochstelle. Das Holz war fast heruntergebrannt, nur hier und da züngelten noch Flammen aus der Glut; der unruhige Lichtschein, den sie durch das Fenster gesehen hatten. An der Wand zur Linken befand sich ein Bett, ein üppiges Strohlager mit einer Wolldecke darauf. Und auf dem Bett saß Emma, die Witwe des Kuhhirten, der diese jämmerliche Hütte gehörte. Es hieß, sie sei siebzehn gewesen, als ihr Mann vor zwei Jahren von einem wilden Stier aufgespießt worden war, und es hieß weiter, dass Emma sich ihre Witwenschaft nicht sonderlich zu Herzen nahm. Sie war eine von Natur aus fröhliche, lebenslustige junge Frau, und sie war wunderschön. Die Schüler von St. Thomas ließen sich keine Gelegenheit entgehen, einen Blick auf sie zu werfen, wenn sie gelegentlich sonntags das Hochamt in der Klosterkirche besuchte, und tagelang schwärmten sie heimlich oder offen von dem, was sie gesehen hatten. Was betet ihr sie aus der Ferne an, hatte Oswin halb verächtlich, halb belustigt gefragt. Für einen halben Penny könnt ihr sie haben.

Sie hatten nicht so recht verstanden, was er meinte, und Bruder Anthony hatte ihre Unterhaltung unterbrochen und Oswin vom Schulgelände gejagt, ehe sie ihn um eine Erklärung bitten konnten. Doch Oswin hatte offenbar recht gehabt. Denn Emma war nicht allein. Und sie war nackt.

Fassungslos starrte Robin auf ihre großen Brüste – riesig erschienen sie ihm, wie Euter. Er dachte an den verstorbenen Kuhhirten und unterdrückte ein nervöses Kichern. Ihre Haut erschien im schwachen Feuerschein kupferfarben, die Höfe und Warzen ihrer großzügigen Brüste schwarz. Nicht zum ersten Mal spürte Robin dieses unerklärliche, herrliche und gleichzeitig schreckliche Gefühl irgendwo tief unten in seinem Körper. Aber es war noch nie so heftig gewesen. Er glaubte, das Gefühl wolle ihn in die Knie zwingen, es war, als müsse er sich zusammenkrümmen.

Der Mann, der neben dem Bett stand, ebenfalls so nackt, wie Gott ihn erschaffen hatte, war Cuthbert der Schmied. In der schwachen Glut zeichneten sich die mächtigen Muskeln seiner Arme und Schultern deutlich ab, und Robin glaubte zu erkennen, dass Emmas Blick bewundernd darüberstreifte. Cuthbert sah auf sie hinunter, offenbar ebenso in Faszination gebannt wie Robin. Dann erwachte er zum Leben. Er legte die Hände auf ihre Brüste, und Emma ließ sich zurückfallen, bis sie ausgestreckt auf dem Rücken lag, ihre kastanienfarbenen Locken umgaben ihr Gesicht wie ein dunkler Schleier. Sie schloss die Augen, und ihr wunderbarer, kirschroter Mund lächelte zufrieden, während die rauen Hände des Schmieds sanft über ihre Haut glitten. Dann ließ er sie plötzlich los, legte die Hände auf ihre angewinkelten Knie und schob sie auseinander. Robin stockte beinah der Atem. Dann verdeckte der breite Körper des Mannes den Anblick. Er legte sich zwischen Emmas Beine, und unmittelbar darauf begannen die beiden Körper, sich in einem langsamen, wunderbar harmonischen Rhythmus zu bewegen. Robin wusste, was sie taten. Der Unterschied zu Kühen oder Schafen oder Pferden war nicht so groß, dass er es nicht verstanden hätte. Aber trotzdem war es völlig anders. Ihm wurde ungeheuer heiß. Er spürte Schweiß auf Gesicht und Rücken. Der Rhythmus der beiden Körper wurde schneller und schneller, bis sie zuckten und sich wanden und ein bisschen grotesk wirkten. Und dann hörte er einen seltsamen Laut. Er verstand nicht gleich, was es war. Aber dann erklang der Laut wieder, dieses Mal lauter. Sie stöhnte. Und dann stöhnte er auch. Aber es war nicht, als hätten sie Schmerzen. Es war, als ob … als ob … er fand kein Wort dafür.

Seine Handflächen, die er links und rechts neben dem Kopf an die Wand gelegt hatte, waren feucht. Seine Augen brannten. Er wusste nicht, wie lange er schon starrte, ohne zu blinzeln. Und dann lag plötzlich eine energische Hand auf seiner Schulter und riss ihn von dem Astloch weg.

Robin fuhr entsetzt zusammen und unterdrückte im letzten Moment einen Laut. Erwischt, dachte er wütend. Sie haben uns erwischt!

Aber es war nur Lionel. Er starrte ihn mit riesigen Augen an, und sein Gesicht schien im fahlen Mondlicht kalkweiß. Wortlos zerrte er Robin von der Hauswand weg, bis sie außer Hörweite waren.

»Oh mein Gott, ist mir schlecht«, keuchte Lionel gepresst.

»Was? Warum?«, fragte Robin verständnislos. Er war immer noch benommen, halb dankbar, dass er dem beunruhigenden Schauspiel nicht länger folgen musste, halb enttäuscht.

Lionel schüttelte sich unwillkürlich. »In meinem ganzen Leben habe ich noch nichts so Widerliches gesehen!«

Robin schwieg betroffen. Er hatte es nicht widerlich gefunden. Keineswegs.

»Jetzt versteh ich, was die Brüder meinen, wenn sie von der Sünde des Fleisches reden. Wer das tut, muss einfach in die Hölle kommen.«

»Blödsinn. Was glaubst du, haben deine Eltern gemacht, bevor du geboren wurdest, he?«

Lionel war schockiert. »Bestimmt nicht das!«

Robin grinste vor sich hin. »Also ehrlich, manchmal bist du doch wirklich zu dämlich.«

»Was soll das heißen? Was willst du über meine Eltern sagen?«

Robin hörte den deutlich drohenden Unterton. »Gar nichts.« Er hob begütigend die Hände. »Nur, dass es natürlich ist. Alles Leben entsteht so. Es ist nicht schmutzig. Das reden sie uns nur ein. Und der Teu … ich meine, ich wüsste zu gerne, warum.«

»Es ist nicht natürlich«, widersprach Lionel heftig. »Es ist falsch und sündig. Die Frauen sind daran schuld. Sie tragen immer noch die Sünde Evas in sich. Das sagt Bruder Philippus. Und jetzt glaube ich das auch. Wie sie ihn angesehen hat! So voller … Gier! Und wie kalt sie gelächelt hat. Was für eine Hexe sie doch ist. Ich weiß nicht, wie sie mir je gefallen konnte. Nein, ich glaube, jede Frau ist mit Satan im Bunde.«

Was Lionel sagte, hörte Robin nicht zum ersten Mal. Bruder Philippus hatte ihnen aus vielen Büchern gelehrter Männer vorgelesen, die alle das Gleiche sagten. Aber er konnte das einfach nicht glauben. Er dachte immer an seine Mutter, wenn er hörte, dass alle Frauen sündig seien, dass sie von Natur aus größere Sünder seien als Männer, dass sie überhaupt die Sünde in die Welt gebracht hatten und dass eigentlich nur Jungfrauen in den Himmel kommen könnten. Dazu zählte seine Mutter eindeutig nicht, denn sie war verheiratet gewesen und hatte fünf Kinder geboren. Aber sie war ihm trotzdem immer als das vollkommenste aller Wesen erschienen, klug und schön und liebevoll. So hatte er sie jedenfalls in Erinnerung. Und als Bruder Philippus ihnen zum ersten Mal von der Sünde aller Frauen vorgelesen hatte, hatte Robin die ganze Nacht wachgelegen und gebetet, Gott möge bei seiner Mutter eine Ausnahme machen. Die Vorstellung, dass sie im ewigen Feuer der Hölle brennen könnte, jetzt und bis in alle Ewigkeit, hatte ihn ganz krank gemacht.

Das war schon über vier Jahre her. Damals war er noch ein kleiner, leichtgläubiger Bengel gewesen und seine Mutter kurz zuvor gestorben. Heute glaubte er längst nicht mehr alles, was die Brüder ihnen auftischten. Trotzdem verspürte er ein leises Unbehagen. Er hatte den Anblick von Emma und Cuthbert nicht abstoßend gefunden. Im Gegenteil. Er hatte sich ein bisschen geschämt, weil er spionierte, weil er etwas ansah, das ganz gewiss nicht für fremde Augen bestimmt war. Aber was sie taten, erschien ihm nicht sündig. Lag es am Ende daran, dass er selbst sündig war? Sollte Bruder Anthony etwa doch recht haben, der jeden Tag wenigstens einmal behauptete, dass ihm, Robin, ein warmer Platz in der Hölle sicher sei?

Er zog unbehaglich die Schultern hoch. »Und ich denke, Bruder Philippus und seine Gelehrten haben nicht recht. Es kann nicht Sünde sein. Warum sollte Gott es so eingerichtet haben, dass die Menschen in Sünde gezeugt werden? Heißt es nicht, er hat uns nach seinem Ebenbild geschaffen?«

Lionel schüttelte entschieden den Kopf. »Du solltest die Bibelauslegung lieber denen überlassen, die sie verstehen und die das Wort Gottes nicht für ihre Zwecke verdrehen.«

Sie waren wieder an der Mauer des Klosters angelangt. Robin kletterte auf den untersten Ast der Weide. »Schön, denk, was du willst. Aber wenn man dich hört, könnte man meinen, Oswin hat recht. Aus dir wird tatsächlich noch ein echter Klosterbruder.«

Lionel sah ihn ärgerlich an. »Man muss kein Mönch sein, um gottesfürchtig zu sein und sich von der Sünde fernzuhalten.«

Robin seufzte. »Vielleicht nicht. Aber wenn du glaubst, diese Geschichte hier beichten zu müssen, dann lass mich dabei aus dem Spiel, hörst du. Bring mich nicht in Schwierigkeiten mit deiner unbefleckten Heiligkeit.«

Lionel presste die Lippen zusammen. »Manchmal fürchte ich um deine Seele, Robin.«

Robin schwang sich über die Mauer. »Dann bete für mich, Mönchlein.«

Als Bruder Bernhard am nächsten Morgen das Dormitorium betrat, seine misstönende Handglocke schwang und mit seiner rauen Bassstimme donnerte: »Gelobt sei Jesus Christus!«, sprangen dreißig Jungen im Alter zwischen sieben und vierzehn von ihren Lagern auf und erwiderten im Chor: »In Ewigkeit, amen!«

Nur Robin rührte sich nicht. Bruder Bernhard sah stirnrunzelnd zu ihm hinüber, aber ehe er herbeihinken konnte, um ihn mit einem gezielten Tritt auf die Beine zu bringen, hatte Lionel ihn am Ellbogen gepackt und halb hochgezerrt. »Aufstehen«, zischte er.

Robin fuhr aus dem Schlaf auf, strampelte seine leichte Wolldecke zurück und kam stolpernd hoch. »In … Ewigkeit, amen.«

Bruder Bernhard brummte übellaunig und ging ohne Eile davon.

Robin rieb sich die Augen und gähnte herzhaft. »Ich wünschte, ich könnte nur ein einziges Mal so lange schlafen, bis ich von selbst aufwache.«

»Müßiggang …«, begann Lionel mechanisch, und Robin winkte eilig ab.

»Ich weiß, ich weiß. Aber die Sache hat auch eine andere Seite. Wer schläft, sündigt nicht, oder?«

Lionel fiel keine überzeugende Erwiderung ein, und kurze Zeit später gingen sie nebeneinander in einem schweigenden, ordentlichen Zug mit den anderen Schülern zur Frühmesse. Lionel weckte Robin rechtzeitig für die Kommunion.

Nach dem Frühstück, das wie jeden Morgen aus einem Stück hartem, dunklem Brot und einem Becher verdünntem Bier bestand, begaben sie sich zum Schulhaus. In der ersten Stunde hatten sie Rechenunterricht bei Bruder Bernhard. Robin vergaß für eine Weile, wie unausgeschlafen er war, obwohl er gerade diese Stunde auch im Halbschlaf mühelos hätte bewältigen können. Der Umgang mit dem Abakus barg für ihn schon lange keine Tücken mehr. Manchmal, wenn Bruder Bernhard guter Laune war, erzählte er Robin ein wenig über die Grundbegriffe der Geometrie, und dann hatte er einen ungewöhnlich aufmerksamen Zuhörer. An diesem Morgen allerdings ließ er sie nur Kopfrechnen üben. Robin war ein bisschen gelangweilt, aber es hielt ihn zumindest wach. In der anschließenden Lateinstunde dagegen kämpfte er fortwährend mit dem Schlaf. Auf der Suche nach Ablenkung sah er wieder und wieder aus dem Fenster in den Obstgarten. Der Spätsommermorgen war heiß und dunstig geworden. Der Tau auf dem Gras und den Blättern der Apfelbäume war längst getrocknet. Still standen sie im warmen, fast messingfarbenen Sonnenlicht, und ihre Äste bogen sich unter ihrer rotgoldenen Last. Der süße Duft der Früchte lockte Wespen in Scharen an. Schon ein bisschen träge tummelten sie sich um das Fallobst im hohen Gras.

Robin war dankbar für den wenig spektakulären Ausblick. Wenn der Herbstregen einsetzte, würden die Fenster mit Holzläden verschlossen, damit die Feuchtigkeit nicht ungehemmt in den Schulraum eindringen konnte, und sie würden wieder im trüben Halbdunkel bei eisiger Kälte sitzen. Aber noch war es nicht so weit, noch konnte er hinaussehen in den blauen Himmel und über die Felder hinter dem Obstgarten, die größtenteils schon abgeerntet waren. Erntezeit. Zuhause brachten sie jetzt auch das Korn ein. Von früh bis spät würden die Bauern und ihre Familien auf den Feldern sein. Dann kam die Dreschzeit, und wenn das Stroh gebündelt war, kamen die Erntefeste, mit großen Feuern und Tanz und Ausgelassenheit, und das frisch gebraute Bier würde in die Krüge schäumen, und niemand schickte die Kinder ins Bett …

»Waringham, du gottloser Schwachkopf, was gibt es da draußen so Interessantes zu sehen?«

Robin fuhr leicht zusammen. »Nichts, Bruder Anthony.«

»Nichts?« Der kleine Mönch schritt entschlossen auf ihn zu, sein Habit flatterte ein wenig um seinen hageren Körper. Er warf einen kurzen Blick durch das Fenster. »Warum starrst du dann immerzu hinaus?«

»Es tut mir leid«, murmelte Robin ohne die geringsten Anzeichen echter Reue und unterdrückte ein Gähnen.

Bruder Anthonys Lippen waren schmal und weiß, ein sicheres Anzeichen seines Missfallens. »Also, was haben wir denn da draußen? Ich sehe Apfel- und Birnbäume und vier Brüder bei der Obsternte. Ist es das, was dich so fasziniert?«

Die anderen Jungen lachten leise, ein bisschen nervös vielleicht.

Robin sagte nichts.

Bruder Anthony schüttelte verächtlich den Kopf. »Ich versuche, dir ein paar elementare Regeln der Stillehre beizubringen, und du siehst aus dem Fenster. Du glaubst, ein Obstgarten sei interessanter als Vergilius. Du bist ein Taugenichts!«

Robin sah auf seine Hände. »Ja, Bruder Anthony.«

»Voll sündiger Gedanken!«

»Ja, Bruder Anthony.« Lionel ist da ganz deiner Meinung, dachte er halb grimmig, halb belustigt. Er bemühte sich um eine ausdruckslose Miene.

»… nach dem Unterricht hierbleiben und die nächsten dreißig Zeilen auswendig lernen. Ich werde dich heute Abend abhören. Besser, du lernst sie gut, Waringham.«

Robin hatte nur mit halbem Ohr hingehört. Bruder Anthonys wüste Beschimpfungen hatten sich schon lange abgenutzt. Er hörte sie viel zu oft, um ihnen noch besondere Beachtung zu schenken. Doch als die letzten Worte zu ihm vordrangen, sah er entsetzt in das kantige Gesicht mit den scharfen hellblauen Augen auf. »Aber …«

»Ja? Was wolltest du sagen, Schwachkopf?«

Er biss sich auf die Unterlippe. Heute Nachmittag wäre er an der Reihe gewesen, mit Bruder Cornelius nach Posset zu fahren. Es lag etwa drei Meilen westlich des Klosters, und im Vergleich zu Curn war Posset eine Metropole. Dort gab es einen Markt, auf dem das wenige eingekauft wurde, das die Brüder nicht selber herstellten, wie Wolle, zum Beispiel. Jede Woche durfte einer der älteren Schüler Bruder Cornelius begleiten. Es gehörte zu den wenigen Abwechselungen in ihrem tristen, streng geregelten Internatsleben, und sie fieberten dem Ausflug schon Wochen im Voraus entgegen. Bruder Cornelius, der Cellarius, war ein gutmütiger, fettleibiger Mönch, dessen Tonsur mit den Jahren zu einer großen, glänzenden Glatze geworden war, umgeben von einem schmalen Kranz grauer Zotteln. Er war so ganz anders als Bruder Anthony und die übrigen Lehrer. Er ließ die Jungen den Wagen lenken, ließ sie unbeaufsichtigt und länger als nötig in dem bunten Treiben auf dem Markt herumstreunen, schwatzte einem Bäcker ein paar Honigkuchen für seine ewig ausgehungerten Begleiter ab, und er erzählte ihnen Geschichten aus der Zeit vor dem Krieg. Als der König nicht viel älter gewesen war als die Schüler von St. Thomas jetzt, bevor der Schwarze Tod gekommen war, und man konnte glauben, England sei damals ein dicht bevölkertes Land voll unbeschwerter Fröhlichkeit gewesen. Sie liebten Bruder Cornelius. Die Ausflüge mit ihm waren wie ein Hauch von Freiheit.

Robin spürte seine Enttäuschung wie einen großen grauen Ozean, der sich vor ihm auftun wollte. Es würden mehr als drei Monate vergehen, bevor er wieder an der Reihe war. Für einen Augenblick fürchtete er, er werde in Tränen ausbrechen. Stattdessen wurde er zornig. »Ihr seid ungerecht, Bruder Anthony.«

Betroffenes Schweigen breitete sich aus.

»Was sagtest du?«, erkundigte der Lehrer sich leise.

Robin rang um seinen Mut. »Ich … habe überhaupt nichts getan. Ich habe meine Aufgaben gelernt, alles, was Ihr uns aufgetragen habt. Aber Ihr fragt mich nicht einmal danach. Warum?« Er hätte wirklich gerne den Grund gekannt, warum Bruder Anthony ihn so verabscheute.

Der kleine, drahtige Mönch betrachtete ihn ungläubig. »Du willst mit mir disputieren?«

Robin nickte kurz. »Warum nicht? Es kann nicht so verwerflich sein, denn das ist es doch, was wir in der Rhetorik lernen sollen, oder nicht? Bruder Jonathan sagt, sie sei der Schlüssel zu allen weiteren Freien Künsten. Und Latein«, fügte er in einer plötzlichen Anwandlung bitteren Hohns hinzu, »hat er nicht erwähnt.«

Noch während er sprach, dachte er, meine Güte, habe ich das wirklich gesagt? Ich muss wahnsinnig sein. Ich wünschte, ich würde nicht immer das Maul aufreißen. Ich wünschte, ich wäre nicht so furchtbar müde.

Die anderen Schüler starrten ihn an wie einen grotesken Krüppel auf dem Jahrmarkt. Bruder Anthony war noch ein bisschen blasser geworden. Steif ging er zu seinem Pult zurück und nahm seinen Stock auf. »Komm her, Waringham.«

Robin erhob sich langsam; seine Knochen erschienen ihm bleischwer. Er ließ den dürren Mönch nicht aus den Augen. Als er vor ihm anhielt, standen sie Auge in Auge.

»Beug dich vor, du Höllenbrut. Hochmut und Ungehorsam sind eine Eingebung Satans. Wir wollen doch sehen, ob wir ihn dir nicht austreiben können.«

Robin glaubte nicht, dass der Teufel irgendetwas mit dieser Sache zu tun hatte. Und er glaubte auch nicht, dass Bruder Anthony das glaubte. Er biss die Zähne zusammen.

Ein schüchternes Klopfen gewährte ihm Aufschub. Zögerlich öffnete sich die Tür, und ein Laienbruder steckte den Kopf hindurch. »Entschuldige, Bruder Anthony.«

»Was gibt es?« fragte der Lehrer barsch.

Der Bruder ließ seinen Blick über die Klasse schweifen. »Robert of Waringham?«

Robin wandte sich um. »Das bin ich.«

»Vater Jerome will dich sprechen. Jetzt gleich. Komm mit mir.«

Robin rührte sich nicht und starrte ihn verblüfft an. Was in aller Welt mochte das zu bedeuten haben? Dann ging ihm auf, dass vermutlich alles besser war, als jetzt hierzubleiben. Er sah fragend zu Bruder Anthony.

Der Mönch scheuchte ihn mit einer ungehaltenen Geste weg. »Geh schon. Ich werde es nicht vergessen.«

Robin lächelte dünn. »Nein. Da bin ich sicher, Bruder Anthony.«

Der Laienbruder führte ihn schweigend aus dem Schulhaus, durch den Kreuzgang, am Refektorium vorbei zu dem bescheidenen Häuschen, das der Abt von St. Thomas bewohnte. Mochte er auch der Vorstand eines der mächtigsten Klöster Südenglands sein, Jerome folgte dennoch der Benediktinerregel wortgetreu. In seinem Haus gab es nicht mehr Komfort als im Dormitorium seiner Mitbrüder. Er hielt jeglichen weltlichen Pomp für Teufelswerk. Er war ein Asket, und seine Contemptus Mundi-Schriften hatten einige Beachtung gefunden. Von den Mönchen und den Schülern seines Klosters wurde er gleichermaßen gefürchtet und geachtet, und Robin überlegte unbehaglich, was diese unerwartete Audienz zu bedeuten hatte. Nervös überdachte er die Bilanz seiner Verfehlungen der letzten Wochen. Nichts davon war schlimm genug gewesen, um diese Unterredung zu erklären. Und wenn ihr Ausflug der vergangenen Nacht aufgeflogen war, warum wurde er dann alleine zu Vater Jerome zitiert?

Der Laienbruder nickte auf das kleine Holzhaus des Abtes zu und entfernte sich eilig. Schüchtern klopfte Robin an, und auf eine gemurmelte Aufforderung von drinnen trat er ein.

Jerome of Berkley saß auf einem Holzschemel an einem niedrigen Tisch. Eine Pergamentrolle lag ausgebreitet vor ihm. Der Raum war ziemlich dunkel, aber der Kerzenstummel auf dem Tisch brannte nicht. Im Kamin lag kalte Asche. Robin schauderte in der plötzlichen Kühle. Die Sonne war nicht bis hierher gedrungen.

Der Abt ließ die Schriftrolle los; die Enden rollten sich langsam ein, und das Pergament raschelte leise. »Du bist Waringham?«

Robin hielt den Blick gesenkt und versteckte die Hände in den Ärmeln seiner Kutte. »Ja, Vater.«

»Robert, nicht wahr?«

»Ja, Vater.«

»Setz dich, mein Sohn.«

Robin sah sich verstohlen um und entdeckte einen weiteren Schemel unter dem Tisch. Er trat näher, zog ihn hervor und setzte sich auf die Kante.

Der Abt sprach nicht sofort weiter, und Robin betrachtete ihn aus dem Augenwinkel. Er sah einen alten, weißhaarigen Mann mit den brennenden Augen eines wahren Auserwählten. Das bleiche, schmale Gesicht wurde beherrscht von einer beachtlichen Hakennase, die die Seite seines Charakters zu verraten schien, die ihn zu seinem einflussreichen Amt hatte aufsteigen lassen.

»Wie alt bist du, Robert?«

»Zwölf, Vater.«

»Und wie lange bist du schon hier?«

»Fünf Jahre, Vater.«

»Und bist du glücklich in St. Thomas?«

»Natürlich, Vater.«

Der alte Mönch regte sich und schüttelte fast unmerklich den Kopf. »Sei ehrlich, Junge. Es ist eine wichtige Frage.«

Robin sah verwundert auf und betrachtete den ungebeugten, alten Mann mit den langen Gliedmaßen zum ersten Mal offen. Er kannte ihn kaum. Der Abt des Klosters hatte zu viele wichtige Aufgaben, um sich regelmäßig um die Schüler und damit den Nachwuchs seines Hauses kümmern zu können. Diese Aufgabe musste er anderen überlassen. Er wies lächelnd auf den Korb Äpfel vor sich. »Bist du hungrig?«

Robin nickte wahrheitsgemäß. Seit er nach St. Thomas gekommen war, hatte es keinen Tag gegeben, an dem er nicht hungrig aufgewacht und hungrig zu Bett gegangen war. Die Rationen im Kloster waren mager. Seine unablässige Gier nach Essen hatte ihn nicht selten beschämt, denn keiner seiner Lehrer hatte ihm erklärt, dass ein Junge, der viel wächst, auch viel essen muss.

Jerome schob ihm den Korb hin. »Dann greif zu.«

Robin wählte einen Apfel aus und biss hinein. Die Frucht war reif und süß; der Saft tropfte ihm auf die Hand.

Nach einem kurzen Schweigen nahm der Abt das Gespräch wieder auf. »Fünf Jahre sind eine lange Zeit, Waringham. Glaubst du, du würdest gerne für immer hierbleiben?«

Robin hörte auf zu kauen. Das blanke Entsetzen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn, und er schwieg beharrlich. Ihm fiel keine höfliche Antwort ein.

Jerome lächelte milde. »Sei ganz offen, mein Sohn.«

»Nein, Vater.«

»Und was willst du tun, wenn du uns verlässt?«

»Ein Ritter des Königs werden. Wie mein Vater.«

Jerome hörte auf zu lächeln, und sein Gesicht wurde seltsam still. »Glaubst du, das ist die beste Weise, auf die du Gott dienen kannst?«

Robin biss noch einmal in seinen Apfel, um Zeit zu gewinnen, kaute langsam und schluckte. »Vor allem will ich meinem König dienen.«

»Wie kommt es, dass du den König mehr liebst als Gott?«

Der Junge überlegte seine Antwort genau. Er fürchtete eine Falle. »Das tue ich nicht. Nur in anderer Weise. Es ist so viel leichter, den König zu lieben. Er ist ein Mann, ein mächtiger Kriegsherr, er hat die Schotten aus dem Norden vertrieben, und er wird auch die Franzosen besiegen. Er ist …« Leibhaftig, hatte er sagen wollen und besann sich im letzten Moment.

Der Abt drängte ihn nicht. Er faltete die Hände vor der Pergamentrolle. »Wieso bist du so sicher, dass der König den Krieg gewinnt?«

»Weil er bisher jede Schlacht gewonnen hat. Weil er tapfer und klug ist und viele tapfere und kluge Männer an seiner Seite hat, wie den Schwarzen Prinzen und meinen Vater.«

Jerome nickte langsam, als habe er solch schlagkräftigen Argumenten nichts entgegenzusetzen.

Robin hielt seinen abgenagten Apfel am Stiel und ließ ihn kreisen. Er wusste nicht, wohin damit.

»Du bist also stolz auf deinen Vater?«

»Oh ja, Vater.«

Jerome beugte sich leicht vor. »Und was ist Stolz?«

Robin presste die Lippen zusammen und ärgerte sich über sein unbedachtes Eingeständnis. »Sünde«, murmelte er und zweifelte insgeheim, dass es auch Sünde war, auf jemand anderen, nicht für sich selbst stolz zu sein.

»So ist es«, erwiderte der Abt leise, seine Stimme klang wie ein Seufzen. »Und du weißt, dass Gott uns Prüfungen schickt, um uns demütig zu machen, nicht wahr?«

Ein unheimliches Gefühl beschlich Robin. Er hatte den Verdacht, dass sie sich dem eigentlichen Gegenstand der Unterhaltung näherten und dass es sich um eine viel ernstere Sache als Verstöße gegen die Klosterregel handelte. Er nickte argwöhnisch.

Der alte Mönch betrachtete den blonden Knaben ihm gegenüber, dessen dunkelblaue Augen ihn so durchdringend ansahen. Der junge Waringham war mager und groß, fast schon ein Mann, aber das Gesicht mit dem vollen Mund, der schmalen Nase und den Sommersprossen war das eines echten Lausebengels. Der Abt empfand tiefes Mitleid für dieses verlorene Lamm und bat Gott, er möge ihm die richtigen Worte schicken, um dem Jungen die furchtbaren Nachrichten so schonend wie möglich beizubringen.

Er stand auf und trat an das kleine Fenster neben der Tür, wandte Robin wieder das Gesicht zu und ließ sich von der Sonne den schmerzenden Rücken wärmen. »Du bist ein guter Schüler, Waringham. Ich weiß, dass du dich nur mühsam in unsere harte Disziplin einfügst, aber du hast einen wachen Verstand. In Latein hast du Bruder Anthony bald übertroffen – sehr zu dessen Verdruss –, und wie ich höre, machst du in allen Fächern des Trivium gute Fortschritte und schreibst sogar recht ordentlich. Unser Orden braucht Leute wie dich. Ich bin sicher, du könntest mit der Zeit dein Wesen zügeln, aus deinen Wildheiten wirst du herauswachsen. Du könntest lernen, dass ein Leben für Gott das einzige wahre Glück bedeutet.«

Robin hörte höflich, wenn auch ein bisschen ungeduldig zu. Er teilte Vater Jeromes Zuversicht hinsichtlich seiner Läuterung nicht.

Der Abt unterbrach sich, als er spürte, dass er die Aufmerksamkeit des Jungen verlor. »Mein Sohn, ich habe schlechte Neuigkeiten. Aber bevor ich dir sage, was geschehen ist, sollst du wissen, dass du hierbleiben kannst. Ich würde dafür sorgen, dass du hier aufgenommen wirst. Ich meine kostenlos, Robert, verstehst du?«

Robin sah ihn mit bangen Augen an. »Danke, Vater. Aber selbst wenn ich wollte, mein Vater würde es niemals erlauben …«

Sein Mund wurde mit einem Mal staubtrocken, als er den Abt ansah, und er wusste plötzlich genau, was kommen würde.

Jerome faltete die Hände und nickte betrübt. »Dein Vater ist tot, Robert.«

Robin blinzelte und versuchte zu schlucken. Es ging nicht. Er schluckte nur Luft, und sein Adamsapfel klickte trocken. Er hielt den Kopf gesenkt und starrte blind auf seine Hände.

Es war eine lange Zeit still. Schließlich spürte er eine Hand auf dem Kopf, und der Abt murmelte: »Es tut mir leid, mein Sohn.«

Der Junge rührte sich nicht. Du hast immer gewusst, dass es jederzeit passieren konnte, dachte er dumpf. Jetzt ist es passiert. Dir selbst wird es eines Tages vielleicht genauso gehen. So war das eben; er war ein Ritter seines Königs, und der König befand sich im Krieg. Der Krieg forderte Opfer. Robin hatte das immer verstanden. Es hatte ihn nie geschreckt. Und er hatte seinen Vater nie wirklich gekannt. Es war nicht so, als risse der Verlust eine Lücke in sein Leben. Als Robin geboren wurde, war der Krieg schon über zehn Jahre alt. Sein Vater war kaum je daheim gewesen; es war immer seine Mutter, die das Gut verwaltete und anstelle ihres Mannes die Entscheidungen traf. Aber Robin trauerte trotzdem um die stattliche Erscheinung in der schweren, teuer erkauften Rüstung. Er erinnerte sich gut an die wenigen Mußestunden, die sie zusammen verbracht hatten. Er war es gewohnt, sich daran zu erinnern; es war alles, was er von seinem Vater hatte. Er hatte die Erinnerungen gepflegt wie kostbare Kleinodien. An den Abend, zum Beispiel, als sein Vater ihm und seinen beiden Brüdern von der Belagerung von Calais erzählt hatte. Am nächsten Tag waren sie zusammen auf die Jagd geritten, und sein Vater und sein großer Bruder Guillaume hatten einen riesigen, wirklich furchteinflößenden Keiler erlegt im Wald von Waringham. Und seine Mutter hatte geschimpft, als sie abends heimkamen, weil sie eine Jagd für einen kleinen Jungen wie Robin zu gefährlich fand. Er und sein Vater und sein Bruder hatten mit betretenen Gesichtern ihren Vorhaltungen gelauscht und sich hinter ihrem Rücken verstohlen angegrinst …

Die Erinnerung erschien ihm auf einmal fahl und lückenhaft, und er hatte einen dicken Kloß in der Kehle. Er versuchte, an etwas anderes zu denken, und dann riss er plötzlich erstaunt die Augen auf. Gütiger Jesus … »Ich bin der Earl of Waringham!«

Vater Jerome runzelte die Stirn. »Nein, mein Sohn. Das bist du nicht.«

»Aber ich bin jetzt der Älteste. Und wenn mein Vater gefallen ist …«

»Das ist er nicht.«

Robin sah ihn verständnislos an.

Jerome hob hilflos die Schultern. »Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Nur, dass es irgendwo in der Normandie ein unbedeutendes Scharmützel gegeben hat. Dabei hieß es neulich noch, es sei ein Waffenstillstandsabkommen geschlossen worden, aber das kann man ja nie glauben.«

»Aber mein Vater …«, drängte Robin.

»Dein Vater wurde am Tag nach der Schlacht verhaftet und des Hochverrats beschuldigt. Ich weiß nicht, was genau man ihm vorwarf. Er sollte hier in England vor ein Gericht kommen, aber … Er hat sich erhängt.« Er hielt kurz inne und sah in das Gesicht des Jungen, das schneeweiß geworden war.

»Aufgehängt«, hauchte Robin ausdruckslos.

Jerome nickte bekümmert. »Ja, mein Junge. Offenbar wertete der königliche Gerichtshof seinen Selbstmord als Schuldanerkenntnis. Sein Lehen und alle Ämter sind ihm aberkannt worden. Und damit auch dir. Du bist kein Lord mehr. Du bist ein Niemand. Aber wenn du bei uns bleibst, kannst du immer noch alles erreichen.«

Robin hörte nicht zu. Ein dumpfes Dröhnen hatte in seinem Kopf eingesetzt, das viel lauter war als die brüchige Stimme des alten Mannes. Das konnte einfach nicht sein. Völlig ausgeschlossen. Sein Vater war kein Verräter. Das Wort schien in seinen Ohren zu gellen. Es war ein entsetzliches Wort. Verräter. Und ein Selbstmörder obendrein, verdammt für immer und ewig …

Robin erhob sich mühsam; er hatte das Gefühl, dass seine Füße den Boden nicht berührten. »Darf ich gehen?«

Der Abt schüttelte den Kopf. »Einen Augenblick noch. Was hast du vor?«

»Ich will nach Hause.«

»Zu deiner Familie? Willst du uns deswegen verlassen?«

Warum kannst du mich nicht zufrieden lassen, dachte Robin. Er spürte einen kraftlosen Zorn auf den alten Mönch. Jerome kam ihm vor wie eine gierige Aaskrähe, die ihn nicht aus ihren Krallen lassen wollte. »Ich …« Er schüttelte den Kopf, um das Dröhnen zu vertreiben. »Ich habe zu Hause keine Familie.«

»Deine Mutter …?«

»Sie ist an der Pest gestorben. Meine Schwester Isabella und meine beiden Brüder auch. Meine andere Schwester, Agnes, ist in einem Kloster in Chester. Mein Vater hat sie hingebracht, weil es da angeblich mit der Pest nicht so schlimm war …« Mein Vater hat sie hingebracht. Mein Vater ist tot. Aufgehängt. Ein Verräter.

Er schloss für einen Moment die Augen.

Jerome legte ihm die Hand auf die Schulter. »Dann wollen wir es dabei belassen. Deine Schwester wird sicherlich in ihrem Kloster bleiben können, wenn ich der Mutter Oberin einen Brief schreibe. Und du wirst vorerst bei uns bleiben.«

»Nein, Vater.«

Der Abt sah ihm ernst in die Augen. »Ich befehle es, Robert.«

Der Junge machte einen Schritt zurück und befreite sich von der großen, knochigen Hand. »Ich werde nicht Mönch werden. Ich werde niemals die Gelübde ablegen. Ihr könnt mich nicht zwingen!«

»Ich will dich zu nichts zwingen. Ich befehle dir nur, hierzubleiben und nicht nach Waringham zurückzukehren. Du hast dort keinen Menschen und kein Zuhause mehr. Und du bist noch zu jung, um auf dich gestellt zu sein.«

Lächerlich, dachte Robin wutentbrannt. Der König war kaum älter als ich, als er den Thron bestieg.

»Hast du mich verstanden, Junge?«

Robin hörte deutlich die leise Drohung aus dem trockenen Krächzen der alten Krähe. Er senkte den Blick, um seine Auflehnung zu verbergen, und täuschte demütigen Gehorsam vor. »Ja, Vater.«

Er folgte Jeromes Befehl und blieb in St. Thomas. Bis kurz nach Mitternacht. So lange hatte er benötigt, um seine Pläne zu machen, und er brauchte den Schutz der Dunkelheit ebenso wie den Vorsprung, die die Nacht ihm gewährleisten würde.

Er ging weder zurück zum Unterricht noch zum Mittagessen und verbrachte den Nachmittag allein. Alle hatten inzwischen das Gerücht vernommen, dass sein Vater tot, Robins Titel verwirkt war. Die anderen Jungen mieden ihn. Sie warfen ihm aus dem Augenwinkel mitleidige oder manchmal auch höhnische Blicke zu, aber keiner näherte sich ihm. Die Angelegenheit war ihnen peinlich. Viele hatten Väter, die ebenso Soldaten waren, wie Robins Vater es gewesen war. Sie bedauerten ihn und waren gleichzeitig froh, dass nicht sie die Schande getroffen hatte. Nur Lionel überwand seine anfängliche Befangenheit. Er war anstelle von Robin ausgewählt worden, Bruder Cornelius nach Posset zu begleiten. Am späten Nachmittag kamen sie zurück, und nachdem er geholfen hatte, den Karren zu entladen, bot er sich an, Pferd und Wagen in den Stall zu bringen.

Als er auf dem staubigen Vorplatz vor dem Stalltor anhielt, kam Oswin heraus. Sie nickten sich ohne große Sympathie zu.

»Na, Mönchlein? Irgendwas erlebt in der großen Stadt? Ein paar geile Weiber gesehen oder irgendwas?«

Lionel errötete heftig. »Weißt du, wo Robin ist?«

Oswin strich der alten, dürren Stute abwesend über die Nüstern und spannte sie aus. Über die Schulter sagte er: »Wenn er dich sehen will, wird er schon zu dir kommen.«

Aus der dunklen Toröffnung klang eine leise Stimme: »Schon gut, Oswin. Lass ihn reinkommen.«

Oswin zuckte die Achseln und deutete kurz zum Eingang. »Du hast es gehört, Mönchlein. Geh schon. Ich komme gleich nach.«

Während Oswin den Holzkarren in den Unterstand neben dem Stall brachte, wandte Lionel sich um und trat ein. Drinnen war es noch heißer als draußen. Die Luft war schwer vom Duft nach Heu und Stroh und einem intensiven Pferdegeruch, der ihm die Kehle zuzuschnüren drohte.

Robin saß an der Stirnseite des Stalls gegenüber dem Tor auf einem Strohballen. Er sah nicht auf, als Lionel eintrat. Ein Stück weiter, nah an der Wand lag Godric, Oswins Vater, und schlief seinen Rausch aus. Er schnarchte dröhnend, so dass die alten Balken fast erbebten.

Lionel kam zögernd näher und setzte sich neben seinen Freund. »Es tut mir leid, Robin.«

»Ja. Ich weiß.« Er sah nicht auf.

Oswin brachte das Pferd herein. Die Hufeisen klapperten leise auf dem festgestampften Boden. Er führte es an seinen Platz, brachte ihm Heu und Wasser und murmelte ein paar Nettigkeiten. Seine Stimme, das Schnarchen seines Vaters und das Summen der Fliegen waren die einzigen Laute. Rings herum schien die Welt ganz und gar still geworden zu sein. Lionel wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. Ihm war heiß. »Ist es wahr, dass Vater Jerome gesagt hat, du kannst bleiben?«

Robin nickte.

»Und was wirst du tun?«

Oswin trat zu ihnen. »Warum bist du so neugierig, he? Wozu willst du das wissen?«

Robin hob endlich den Kopf. »Lass ihn in Ruhe, Oswin. Er ist in Ordnung.«

Oswin schniefte und gab so seiner gegenteiligen Meinung Ausdruck. Dann sah er auf die beiden schweigenden Jungen hinab. »Also meinetwegen. Los, gehen wir rauf auf den Heuboden, da haben wir Ruhe.«

Sie folgten ihm die steile Leiter hinauf. Vom offenen Heuboden aus konnte man das Stalltor mühelos im Auge behalten, ohne selbst gesehen zu werden. Die Luft hier oben schien fast ein bisschen kühler zu sein, und Godrics Schnarchen war nur noch ein fernes Grummeln.

Oswin warf sich neben ihnen ins Heu, strich sich ein paar braune Haarsträhnen aus der Stirn, rupfte einen Halm aus und sog daran. »Ist dein alter Herr im Krieg, Mönchlein?«

Lionel schüttelte den Kopf. »Er war Silberschmied. Er ist tot.«

»Pest?«, fragte Oswin knapp.

»Nein. Er hat sich bei der Arbeit verletzt mit einem seiner Werkzeuge. Die Wunde hat sich entzündet. Er hat Fieber bekommen und ist gestorben. Ist lange her. Ich kann mich nicht an ihn erinnern.«

Robin wandte sich ihm zu. »Das hast du mir nie erzählt.«

»Du hast nie gefragt. Es ist auch nicht wichtig. Hier ist jetzt mein Zuhause.«

»Darauf wette ich«, schnaubte Oswin.

Lionel fuhr wütend zu ihm herum. »Und warum nicht? Weißt du, wie es ist, von der Mildtätigkeit einer Zunft zu leben? Oder einen Stiefvater zu haben, den deine Mutter nur geheiratet hat, um ihre Kinder durchzubringen? Einen verdammten Dreckskerl? Nein, davon hast du keine Ahnung.«

Sowohl Robin als auch Oswin waren beeindruckt von seiner Wortwahl; Lionel fluchte grundsätzlich niemals. Oswin hob ein bisschen beklommen die Schultern. »Na ja. Keine Ahnung. Aber ich glaub, jeder Stiefvater ist besser als mein Alter.« Er grinste, um vorzutäuschen, die Bemerkung sei nur ein Scherz.

Lionel nickte versöhnlich. »Kann schon sein.«

»Er war nicht immer so«, vertraute Oswin ihm überraschend an. »Erst, seit er im Krieg war. Er ist eines Tages einfach mit einem Haufen Bogenschützen auf und davon. Er war über ein Jahr lang weg. Seit er zurück ist, säuft er. Manchmal, wenn er besoffen ist, erzählt er mir von den Sachen, die er gesehen hat, da drüben in Frankreich. Im Krieg. Schreckliche Sachen. Also ehrlich, ich kann verstehen, dass er säuft.« Er sah nachdenklich zu Robin. »Weißt du, du solltest vielleicht nicht zu hart mit deinem alten Herrn ins Gericht gehen. Wer weiß, wie’s in ihm ausgesehen hat. Wer kann schon sagen, was ihm passiert ist.«

Robin war fast unmerklich zusammengezuckt. Er schüttelte langsam den Kopf und sagte nichts.

Oswin und Lionel wechselten einen unbehaglichen Blick.

»Was hast du vor, Robin?«, fragte Lionel endlich leise.

»Ich gehe nach Hause. Ich hab hier nichts mehr verloren.« Er sprach langsam und deutlich, seine Stimme klang rau.

»Aber warum? Was willst du denn da?«

»Was will ich hier?«

Lionel sagte nichts. In Frieden leben und Gott dienen war die gängige Antwort, und er glaubte, dass es für ihn selbst die richtige war. Aber für Robin?

»Und wie willst du das anstellen? Wie willst du von hier wegkommen, gegen Vater Jeromes Anordnung?«

»Davon hast du also auch gehört, ja?«

Lionel nickte arglos. »Jeder weiß davon.«

»Wie schon. Genauso wie letzte Nacht.«

»Ja. Großartige Idee. Und morgen früh werden sie dich in Posset aufgreifen, weil jeder dich sofort als Klosterschüler erkennt.«

»Niemand wird mich erkennen. Ich werde nicht durch Posset gehen. Und Oswin wird mir seinen Sonntagsstaat verkaufen.«

»Wird er das?«, fragte Oswin interessiert.

Robin griff in seine Ärmeltasche und räumte sie leer. Viel war nicht mehr da, nur noch ein paar kleine Silbermünzen. Er ließ sie in Oswins Hand klimpern. »Hier.«

Oswin warf einen geübten Blick darauf. »Das ist zu viel, Junge. So viel sind meine fadenscheinigen Klamotten nicht wert.«

Robin winkte ab. »Egal. Behalt es. Gib meinetwegen deinem Vater einen aus und trinkt zusammen auf den Krieg.«

Sein Sarkasmus war ihnen unheimlich. Robin sah kurz von einem zum anderen und riss sich zusammen. »Entschuldige, Oswin. Ich bin … durcheinander.«

»Ja.«

»Kriege ich die Sachen?«

»Natürlich.« Oswin stand auf und stieg die Leiter hinab.

Lionel regte sich unruhig. »Ich fürchte, du machst einen Fehler.«

»Ich weiß, was du denkst. Aber du wirst dichthalten, oder?«

»Verlass dich auf mich.« Er stand auf. »Ich muss gehen. Vesper.«

Robin erhob sich ebenfalls. Er rang sich ein gequältes Lächeln ab. »Leb wohl.«

Lionel nickte trübselig. »Viel Glück, Robin. Gott sei mit dir. Ich werde dich furchtbar vermissen, und ich werde für dich beten.«

Für einen Moment sahen sie sich an, und dann umarmten sie sich wortlos, ohne Befangenheit. Es ging, weil Oswin nicht dabei war.

Robin löste sich als Erster und trat einen Schritt zurück. »Danke.«

Lionel winkte noch einmal und stieg dann vorsichtig, die Kutte zusammengerafft, die steilen Sprossen hinab. Robin sah ihm blinzelnd nach.

Oswin kam kurze Zeit später zurück. Er hatte ein unordentliches Bündel unter dem Arm, das er Robin vor die Füße warf.

Robin zog seine Kutte über den Kopf und probierte Oswins Sonntagsstaat. Die Sachen waren ihm nur ein klein wenig zu groß. Es ging. Er sah aus wie irgendein Bauernjunge. Und das bin ich ja jetzt wohl auch, dachte er.

Oswin sah ihn skeptisch an. »Es sind nur noch Fetzen. Ehrlich, du hast mir zu viel dafür gegeben.«

Robin fegte den Einwand ungeduldig weg. »Zerbrich dir nicht den Kopf. Es war der Rest von dem Geld, das mein Vater mir gegeben hat, als wir uns zuletzt gesehen haben. Ich will es nicht mehr.«

Oswin runzelte die Stirn. »Junge, ich hab’s schon mal gesagt, sei nicht so hart mit ihm. Du weißt doch gar nicht …«

»Ich weiß, was er zu mir gesagt hat«, unterbrach Robin wütend. »Auf der Beerdigung meiner Brüder und meiner Mutter. ›Jetzt bist du der Älteste, Robin. Es besteht kein Grund mehr, dass du Mönch wirst. Das Land und der Titel werden irgendwann auf dich übergehen, Robin. Ich werde dich aus diesem Kloster holen, sobald ich zurück bin, ich versprech es dir, Robin. Du musst lernen, was es bedeutet, ein Ritter des Königs zu sein. Das ist es, was zählt, Robin. Tapferkeit, Ehre, Großmut, Loyalität. Sie haben England groß gemacht. Du musst sie dir zum Ziel machen. Und wenn du zurück zur Schule gehst und lesen und schreiben und all die gelehrten Dinge lernst, vergiss nie, worauf es wirklich ankommt.‹ Das hat er gesagt. Und jetzt thront sein Kopf am Ende einer langen Stange irgendwo über einer französischen Burgmauer, zur Abschreckung für alle, die ihn sehen. Den Mann, der seinen König verraten hat. Kannst du mir sagen, was das zu bedeuten hat, Oswin? Was ich denken soll? Alles, was er mir erzählt hat, war gelogen, oder?«

Oswin schüttelte unglücklich den Kopf. »Ich hab keine Ahnung. Aber vielleicht hat er gemeint, was er zu dir gesagt hat. Vielleicht konnte er nicht vorhersehen, was ihm passieren würde.«

Robin stand unvermittelt auf. Er konnte Oswins nur halb verhohlenes Mitleid nicht länger ertragen. »Vielleicht. Vielleicht nicht. Ich weiß es auch nicht. Aber ich glaube, dein Vater ist besser, als du und ich immer gedacht haben. Er ist ein Säufer, zweifellos, aber wenigstens ist er im Dienst für seinen König dazu geworden. Er ist kein Verräter.«

Oswin seufzte ratlos und sah zu, während Robin seine Kutte über seine neuerworbenen Sachen zog. Der junge Stallknecht half ihm, den Ausschnitt des Kittels unter der Kapuze zu verbergen, bis nichts mehr herausschaute. Dann trat er einen Schritt zurück und nickte. »In Ordnung. Nichts zu sehen.«

Robin streckte die Hand aus. »Danke, Oswin.«

Der leichtfertige, prahlerische Stallbursche spürte einen Stich. Er zuckte die Achseln und grinste breit. »Ich schätze, ich werde von dir hören, wenn du ein berühmter Held geworden bist.«

Robin schüttelte den Kopf. »Rechne lieber nicht damit. Ich bin jetzt ein Niemand.«

Es war Nacht, und im Dormitorium herrschte fast vollkommene Stille. Robin hörte nur die gleichmäßigen Atemzüge der anderen Jungen, und ab und zu raschelte es leise, wenn einer sich auf seinem Strohlager regte. Lionel hatte sich neben ihm noch lange hin- und hergeworfen. Aber schließlich war auch er eingeschlafen.

Robin lag als Einziger wach und lauschte. Irgendwann würde ein leises Füßescharren und Kuttenrascheln ihm anzeigen, dass die Brüder sich zur Mette begaben. Es würden nur leise Geräusche sein; er musste aufpassen, damit er sie nicht versäumte. Mit brennenden Augen starrte er auf das Fenster in der gegenüberliegenden Wand, durch das der Mond ins Dormitorium schien. Robin musste nicht befürchten, dass er einschlafen würde. Trotz der vergangenen Nacht war er so hellwach, dass er beinah zweifelte, ob er überhaupt je wieder würde schlafen können.