Das Leben ist eine Achterbahnfahrt - Martina Hegemann - E-Book

Das Leben ist eine Achterbahnfahrt E-Book

Martina Hegemann

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Beschreibung

Die wichtigsten Geschichten schreibt der Alltag: So erinnert sich Tina an ihre Zeit als "Torfrau" auf dem Bolzplatz in jungen Jahren, Gustav geht gleichzeitig mit seiner treuen Maschine in Rente. Der Mensch, egal welchen Alters, ist die Summe seiner Erfahrungen. Die sammelt er meist im Alltag durch Begegnungen und Ereignisse - die wichtigsten davon werden zu Erinnerungen. Kleine alltägliche Erlebnisse und Anekdoten von damals und heute spiegeln diese Geschichten, mal nachdenklich, mal heiter, aber eben immer menschlich. Vielleicht kommt den LeserInnen ja die eine oder andere Situation auch bekannt vor?

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Seitenzahl: 79

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Martina Hegemann, Rosendahl-Darfeld bei Münster, Journalistin, schreibt Geschichten, die sich aus Ereignissen und Situationen des Alltags ergeben.

Hinweis:Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnungen nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-497-02852-8 (Print)

ISBN 978-3-497-61119-5 (PDF-E-Book)

ISBN 978-3-497-61120-1 (EPUB)

© 2019 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Printed in EU

Cover: © Halfpoint / Fotolia

Satz: Sabine Ufer, Leipzig

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München

Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: [email protected]

Inhalt

Ein Koffer, von dem keiner wissen durfte

Ihre Musik

Kaffeegespräch

Kein Licht im Kühlschrank

Blutmond

Ein ganz besonderer Teich

Tatschskrien

Einmal Torfrau sein

Erdnüsse für ein schweres Wort

Ein treuer alter Begleiter

Unverhoffte Spende

Vertrauensbeweis

Was geht ab?

Angelusläuten

Gegenstände

Im Tretboot

Kartoffeln, Zwiebeln und Eier

Nachtgestalten

Postkasten

Zwei kurz vor der Rente

Kastanien

Muttersprache vergisst man nicht so schnell

Neumodischer Sport

Nichts Eigenes!?

Aus heiterem Himmel

Automatische Reaktion

Stolperstein

Knallharte Erziehung

Themenregister

Ein Koffer, von dem keiner wissen durfte

Bernhard freute sich schon auf die Schule. Endlich lesen lernen. In ein paar Tagen war der erste Schultag. Nur eines gefiel ihm nicht. Den rechten Arm heben und Heil Hitler rufen. „Sag doch einfach drei Liter“, meinte sein Vater, dem das auch nicht gefiel. „In einer Gruppe, wo alle laut grüßen, fällt das doch gar nicht auf.“ Und so war es zum Glück auch, aber ganz ungefährlich war es nicht.

Jahre später, kurz nach dem Krieg, kam er aus der Schule und ein junger Mann stand in der Einfahrt zum Hof.

„Guten Tag“, grüßte der und fragte: „Bin ich hier richtig, bei Wessels?“

„Jaha“, antwortete Bernhard und musterte den Mann vorsichtig. Seit die Menschen aus den nahen Städten kamen und ihre Wertsachen gegen etwas zu essen tauschen wollten, waren alle auf dem Hof vorsichtig geworden. Dieser junge Mann sah allerdings nicht so aus, als wäre er auf Hamsterfahrt. Erstens war er allein, meist kamen sie mindestens zu zweit, und er hatte keine Tasche dabei, also auch nichts zum Tauschen.

„Sind deine Eltern da und könnte ich die wohl mal sprechen?“, stellte der Mann die nächste Frage.

„Bestimmt“, meinte Bernhard. „Warten Sie mal hier. Ich gehe mal gucken.“

Der Mann nickte höflich und setzte sich auf einen der Begrenzungssteine neben der Hofeinfahrt.

In der Küche fand Bernhard seine Mutter beim Kartoffelschälen. „Mama, da ist ein seltsamer Mann“, teilte er mit. „Keine Ahnung, was der wohl will, etwas zum Tauschen hat der nicht dabei.“

„Dann will ich mir den mal ansehen“, meinte sie, legte Kartoffeln und Schälmesser beiseite und machte sich auf den Weg.

Vom Küchenfenster aus beobachtete Bernhard, wie sich seine Mutter mit dem Mann unterhielt. Dann kamen sie auf das Haus zu und in die Küche.

„Setzen Sie sich doch“, sagte sie. „Bernhard, gib dem Herrn Dornberg bitte ein Glas Milch. Ich komme gleich wieder.“

Bernhard stellte dem Mann ein Glas Milch hin, das dieser langsam und mit Genuss austrank.

Nach einer Weile kam die Mutter mit einem Koffer wieder. „Bitte sehr, Herr Dornberg, hier ist der Koffer Ihrer Mutter. Ich bedaure, dass sie ihn nicht mehr selbst abholen kann.“

Der junge Mann hatte fast Tränen in den Augen. „Danke! Sie wissen gar nicht, was uns das bedeutet, das noch etwas aus der Zeit existiert.“

„Nein, ganz verstehen kann ich es sicher nicht“, nickte die Mutter, „nicht so wie Sie jedenfalls. Aber wenigstens das konnte ich für meine Klassenkameradin tun, als sie weg musste. Wenig genug.“

„Aber immer noch mehr, als andere taten“, flüsterte Herr Dornberg leise.

„Darf ich fragen, was Sie nun vorhaben?“, fragte die Mutter interessiert.

„Zurück nach Palästina, dort haben sich alle, die von unserer Familie übrig sind, niedergelassen. Im Moment möchte keiner in Deutschland leben, aber der Koffer und sein Inhalt werden uns an bessere Zeiten erinnern. Deshalb: vielen Dank, denn es war ja nicht ungefährlich“, erwiderte Herr Dornberg.

„Wie ich schon sagte, es war wenig genug.“ Seine Mutter seufzte leise. „Aber das wenige habe ich gern getan.“ Sie begleitete ihn bis zur Hofeinfahrt, gab ihm zum Abschied die Hand und schaute ihm noch eine Weile hinterher.

Ihre Musik

Es gibt zwei Dinge, die die Welt und fast alle Menschen begeistern: Fußball und Musik. Jedes Land hat seine Musik und Fußball ist mittlerweile Weltsport. In Ländern wie dem unseren haben Fußballclubs viele treue Fans.

So war es auch bei Brigitte Schulz. Das bemerkte jedenfalls die neue Pflegerin Nadja. Überall im Zimmer von Frau Schulz befanden sich Erinnerungsstücke: Eintrittskarten von wichtigen Spielen ihres Vereins, ein viel benutztes Cappy in Vereinsfarben, der unverzichtbare Fanschal, ein Trikot mit der Nummer und dem Namen eines ihrer Lieblingsstars und ganz viele Fotos mit Freunden aus dem Fanclub.

Frau Schulz ging es nicht mehr so gut. Sie war zwar ein wenig vergesslich, aber nicht dement. Es war der Körper, der einfach nicht mehr wollte. Alles fiel ihr schwer und nur noch an guten Tagen konnte sie das Bett verlassen. Pflegerin Nadja war von Anfang an gern bei ihr. Frau Schulz hatte zwar keine Sprache mehr, nach einem Schlaganfall hatte sich das Sprachzentrum nicht wieder erholt, aber Frau Schulz sprach noch mit Händen und Füßen und ganz besonders mit den Augen. Pflegerin Nadja mochte Letzteres ganz besonders.

Seit einiger Zeit jedoch lächelten ihre Augen selten. Sie wirkte traurig, trostlos und in sich gekehrt. Auch ihr Sohn, der sie regelmäßig besuchte, wusste nicht warum. Selbst ihr Lieblingsessen genoss sie nicht wie sonst. Nadja überlegte zwar, wie sie ihr helfen könnte, hatte aber keine Idee. Dafür kannte sie Frau Schulz noch nicht lang genug.

Beim nächsten Besuch sprach der Sohn Nadja an.

„Ich habe beim Aufräumen auf dem Dachboden eine kleine Kiste gefunden“, schilderte er. „Diese CDs waren dabei. Die sind vielleicht was für meine Mutter. Sie liebte doch Fußball und ich kann mich erinnern, dass die WM im eigenen Land mit dem Motto ‚Zu Gast bei Freunden‘ für sie ein echter Höhepunkt war. In diesem Sommer hatte sie wahnsinnig viel Spaß.“

Nadja schaute auf die Titel der CDs: WM-Hits 2006, ein Sammelsurium von Fangesängen und eine CD mit afrikanischer Musik. Sehr interessant, dachte sie nur.

„Alles klar, danke Herr Schulz“, meinte sie, „ein Versuch kann ja nicht schaden. Aber afrikanische Musik?“

„Ach, wissen Sie“, erläuterte der Sohn. „Damals wurde Public-Viewing zur Freude der Fans zum ersten Mal durchgeführt. Dort fuhr auch meine Mutter immer gern hin. Bei der WM waren auch afrikanische Länder vertreten. Zufällig hatte meine Mutter diese CD auf einem Grabbeltisch gefunden und gekauft. Einige der Lieder fand sie toll. Und wenn sie mit dem Auto auf dem Weg zum Fußball gucken war und eine afrikanische Mannschaft spielte, dann legte sie diese CD ein, drehte den Ton ganz laut und fuhr so mit geöffnetem Autofenster durch die Stadt. Sie liebte es, wenn die Leute herüberschauten, sich wunderten und dann fröhlich lachten. Das Auto selbst war ja mit den deutschen Farben geschmückt. Vielleicht erinnert diese Musik sie an diesen schönen Sommer. Ich hoffe, es macht ihr Freude.“

Noch am selben Nachmittag legte Nadja die CD mit den WM-Hits ein: „Ich habe Ihnen etwas Musik mitgebracht, vielleicht gefällt sie Ihnen.“ Zunächst reagierte Frau Schulz nur wenig. Aber schon beim zweiten Lied klopfte sie mit den Händen auf der Bettdecke den Takt mit. Das könnte klappen, dachte Nadja noch, als Frau Schulz sie ansah und ihre Augen sie wieder anlächelten. Ein Stück Lebenslust kehrte zurück. Sie winkte Nadja heran und drückte ihre Hand. Es war ihre Art, danke zu sagen.

„Die Musik gefällt Ihnen“, stellte Nadja voller Freude fest. „Ich lasse die Musik laufen, ich muss jetzt noch etwas anderes tun, komme aber dann wieder. In Ordnung, Frau Schulz?“ Frau Schulz nickte.

„Und morgen hören wir dann diese CD“, meinte Nadja und zeigte ihr die CD mit der afrikanischen Musik. Die Augen von Frau Schulz leuchteten zustimmend.

Nachdem Nadja das Zimmer verlassen hatte, um sich auf den Weg zu einem anderen Bewohner zu machen, dachte sie nur: Erstaunlich, aber Musik kann die Lebensfreude zurückholen. „Da wird sich ihr Sohn aber freuen, dass das geklappt hat“, sprach sie leise mit sich selbst und freute sich für Frau Schulz.

Kaffeegespräch

Waltraud war schon lange Mitglied beim Katholischen Frauenverband. Das war so üblich in dem Dorf, in dem sie wohnte. So kam man mal raus. Der Ortsverband bot auch schon seit Jahren immer wieder kleine Ausflüge an, an denen sie gerne teilnahm. Es wurde immer so organisiert, dass sie auch mitfahren konnte, obwohl sie mittlerweile auf ihren Rollator angewiesen war.

Am Ende eines dieser Ausflüge, sie hatten ein Wasserschloss besichtigt, gab es wie immer zum Schluss Kaffee und Kuchen. Dabei wurde sich natürlich unterhalten. Auf diese Art erfuhr man viele Neuigkeiten aus dem Dorf und wie es den Freundinnen so ging. Durch das Lutherjahr kamen sie auf das Thema „katholisch und evangelisch“.