Das Leben nach Google - George Gilder - E-Book

Das Leben nach Google E-Book

George Gilder

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Beschreibung

Erst einmal Google fragen! Die Suchmaschine ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken – und sie ist völlig kostenlos. Nicht ganz, meint George Gilder. Denn: Der Google-Kunde ist gläsern, er bezahlt mit seinen Daten, wird mit Werbung überschwemmt. Und zu allem Überfluss hebeln Bots und Malware die Internetsicherheit aus. Genau aus diesen Gründen steht das Geschäftsmodell von Google, aufgebaut auf Big Data und finanziert durch Werbeeinnahmen, vor dem Aus. An seine Stelle tritt die Blockchain-Technologie, die das Internet revolutionieren und damit die großen Internetfirmen unserer Zeit in Bedrängnis bringen wird. Gilder beschreibt diesen fundamentalen Umbruch und zeigt auf, wie die Welt nach Google aussehen wird: sicherer, werbefrei und kostenpflichtig.

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George Gilder

Das Leben nach

Der Absturz von Big Data undder Aufstieg der Blockchain

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

Life after Google: The Fall of Big Data and the Rise of the Blockchain Economy

ISBN 978-1-6215-7576-4

Copyright der Originalausgabe 2018:

Copyright © 2018 by George Gilder.

All rights reserved.

Published by arrangement with Regnery Publishing.

Copyright der deutschen Ausgabe 2020:

© Börsenmedien AG, Kulmbach

Übersetzung: Hubert Mania

Satz: Andreas Schubert

Herstellung: Daniela Freitag

Lektorat: Sebastian Politz

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-86470-669-1

eISBN 978-3-86470-670-7

Alle Rechte der Verbreitung, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Verwertung durch Datenbanken oder ähnliche Einrichtungen vorbehalten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Postfach 1449 • 95305 Kulmbach

Tel: +49 9221 9051-0 • Fax: +49 9221 9051-4444

E-Mail: [email protected]

www.plassen.de

www.facebook.com/plassenverlag

Für Matt und Louisa Marsh

Inhalt

VORWORT

Zurück in die Zukunft – die Simulatorfahrt

KAPITEL 1

Stehlen Sie dieses Buch nicht

KAPITEL 2

Googles Weltsystem

KAPITEL 3

Googles Wurzeln und Religionen

KAPITEL 4

Das Ende der Gratiswelt

KAPITEL 5

Die Zehn Gebote des Kryptokosmos

KAPITEL 6

Googles Coup mit dem Rechenzentrum

KAPITEL 7

Dallys Parallelparadigma

KAPITEL 8

Markow und Midas

KAPITEL 9

Leben 3.0

KAPITEL 10

1517

KAPITEL 11

Der Raub

KAPITEL 12

Auf der Suche nach Satoshi

KAPITEL 13

Kampf der Blockchains

KAPITEL 14

Blockstack

KAPITEL 15

Die Rückeroberung des Netzes

KAPITEL 16

Brendan Eichs Rückkehr mit Brave

KAPITEL 17

Yuanfen

KAPITEL 18

Sky Computing ist im Kommen

KAPITEL 19

Ein globaler Aufstand

KAPITEL 20

Die Sterilisierung des Netzwerks

KAPITEL 21

Das Imperium schlägt zurück

KAPITEL 22

Der Bitcoin-Fehler

KAPITEL 23

Die große Entflechtung

NACHWORT

Das neue Weltsystem

Fachbegriffe und Informationen für „Das Leben nach Google“

Endnoten

Literaturverzeichnis

VORWORT

Zurück in die Zukunft – die Simulatorfahrt

Anfang der 1990er-Jahre, als ich in einer alten Lagerhalle am Housatonic River im Westen von Massachusetts eine Newsletter-Firma leitete, schneite die Zukunft bei uns herein.

Gleichzeitig stapfte auch die Vergangenheit in Gestalt des griesgrämigen Douglas Trumbull, eines Virtuosen für Spezialeffekte, hinterher. In einer Welt, die rasch in Richtung Digitalisierung voranschritt, hielt Trumbull verbissen an analoger Technik fest. So baute er zum Beispiel plastische Modelle seiner Ideen und speicherte seine vielschichtigen Bilder auf hochauflösendem Film.

Trumbull und mein Freund Nick Kelley hatten ein Unternehmen namens RideFilm ins Leben gerufen, um für einen Themenpark einen Bewegungs-Simulationsfilm – auch Simulatorfahrt genannt – auf der Grundlage von Robert Zemeckis’ Filmreihe Zurück in die Zukunft zu produzieren. Ich stieg als Investor ein.

Es dauerte nicht lange, und ein nahezu lebensgroßer Tyrannosaurus Rex aus Plastik und Pappmaschee linste als inoffizielles Maskottchen von Gilder Publishing bedrohlich über unser verstaubtes Holz-Treppenhaus hinweg. Wir nahmen ihn nie richtig ernst, obwohl er sich schließlich während einer Regentschaft von gut 16 Jahren als Publikumsliebling zeitreisender Touristen in den Themenparks von Orlando, Hollywood und Osaka bewährte.

Trumbull verstand sich selbst als Zeitreisender. Berühmt geworden für seine Spezialeffekte in der „Star Gate“-Sequenz am Ende des Films 2001: Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1968, hatte er Hollywood den Rücken gekehrt und eine Kleinstadt in Massachusetts als Exil gewählt, wo er bald den Argwohn hegte, man habe sich gegen sein analoges Genie verschworen. Nach seinem Triumph in 2001 produzierte Trumbull Spezialeffekte für viele bahnbrechende Filme, einschließlich Steven Spielbergs Unheimliche Begegnung der dritten Art (1977) und Ridley Scotts Blade Runner von 1982.

Doch inzwischen war die Welt digital geworden und Trumbull nahezu vergessen. In den frühen 1990ern plante er sein Comeback als Erfinder eines immersiven Filmverfahrens namens Showscan (70 Millimeter, 60 Bilder pro Sekunde) und einer 3D-Simulatorfahrt. Heraus kam dabei ein Erlebnis, das wir heute „virtuelle Realität“ nennen. Trumbulls analoge 3D-Technik machte ein vollständiges Eintauchen in das Filmgeschehen ohne 3D-Brillen oder VR-Helme möglich. Da würde das Silicon Valley vor Neid erblassen.

Michael J. Fox’ ursprüngliches Abenteuer – der Erfolgsfilm von 1985, der rund 500 Millionen Dollar einspielte – war ein triviales Gedankenspiel im Vergleich zu Trumbulls Simulatorfahrt. Steven Spielberg, Produzent des Filmstudios Universal, vermutete, dass der Handlungsablauf von Zurück in die Zukunft die Anregung für eine Simulatorfahrt geben könnte, die Disneylands Star Tours, von George Lucas erschaffen und auf seinen Star-Wars-Filmen beruhend, überflügeln würde. Lucas hingegen hielt es für nicht wahrscheinlich, dass Universal mit dem Star-Tours-Spektakel gleichziehen würde.

„Wollen wir wetten?“, erwiderte Spielberg und hob das Projekt aus der Taufe.

Zukunft und Vergangenheit im Spiel, ein entfesselter Tyrannosaurus, ein „futuristischer“ DeLorean, Doc Brown mit seinen wirren Haaren und weit aufgerissenen Augen, das idyllische kalifornische Städtchen Hill Valley mit der Rathausuhr, der Fiesling Biff – vielleicht erinnern Sie sich. Sie alle trafen als Zeitreisende in unserem dreistöckigen Backsteingebäude ein, den Rex, die Karosserie des DeLorean und ein provisorisches Kino im Schlepptau. Die Dreharbeiten dauerten länger als ein Jahr.

Trumbull unterbot das Hollywoodstudio Boss Films, um die vierminütige, dreidimensionale Simulatorfahrt drehen zu können, die am Ende 40 Millionen Dollar kostete. Im Lauf von 15 Jahren spielte sie das Vielfache dieser Summe an Erlösen ein und verhinderte damit, dass Universals Themenpark in Orlando von Disney World verdrängt wurde. Die Simulatorfahrt wurde zu allererst für drei meiner Kinder und mich in dem Gebäude in Szene gesetzt, in dem wir unsere Büros gemietet hatten. Meine jüngste Tochter Nannina war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt und wurde von der Fahrt ausgeschlossen, weil wir befürchteten, dass sie es nicht schaffen würde, zwischen den furchterregenden Bildern und der Wirklichkeit zu unterscheiden.

Es stellte sich aber heraus, dass keiner von uns dazu in der Lage war. Festgeschnallt in den Sitzen des DeLoreans unter der Kuppel einer Omnimax-Leinwand und mit allen Sinnen gefordert, vergaßen wir schnell, dass sich das Auto nur einen guten Meter in jede Richtung bewegen konnte. Das genügte vollkommen, um unseren überlasteten Gehirnen die Illusion einer düsengetriebenen Bewegung vorzugaukeln. In dem Moment, als die Lichter ausgingen, waren wir mittendrin. Wir jagten „Biff“ durch die Zeit, zoomten uns heraus und hinein in das Modell von Hill Valley, zertrümmerten das rote Texaco-Schild, zischten durch die kurvigen Straßen, krachten in den Uhrenturm des Rathauses und rasten durch ihn hindurch in die Eiszeit hinein.

Vom frostigen Anblick einer überzeugenden dreidimensionalen Tundra taumelten wir in einen aktiven Vulkan hinab und über eine Zeitklippe in die Kreidezeit hinein. Dort mussten wir versuchen, den aufblitzenden Zähnen des Tyrannosaurus Rex zu entkommen. Was uns misslang, sodass der DeLorean, an den Saurierzähnen vorbei, steil in seinen Schlund stürzte. Glücklicherweise wurden wir wieder ausgespuckt, sodass wir Biff weiterverfolgen konnten, wobei wir gemäß Doc Browns Anweisung mit einem Resonanzpunkt von 120 Stundenkilometern in das Heck seines Autos donnerten. Und voilà: Da waren wir wieder in der Gegenwart aufgetaucht. O nein! – krachten wir jetzt wirklich durch die Panoramafensterscheibe der Raketenabschussbasis von Orlando? Jaaaa! Viele Tausend Scherben fielen zu Boden, wir landeten an unserem Startplatz, kletterten aus dem DeLorean, raus auf die Bühne der schäbigen Lagerhalle. Nirgendwo eine Spur von zerbrochenem Glas.

Die Reise dauerte nur vier Minuten, doch die Intensität der virtuellen Realität ließ die Zeit länger erscheinen. Mit weit geöffneten Augen, rasenden Herzen und vollgepumpten Lungen hatten wir das Gefühl, zwei Stunden in dem Auto gesessen zu haben. Mindestens. Wir hatten in der Tat eine Art Zeitreise gemacht.

Die Erde ist nicht flach, das Universum auch nicht. Mickrige und deterministische Theorien, die das Universum als bloße Ansammlung nur von Physik und Chemie beherrschter Materie betrachten, lassen keinen Raum für Bewusstsein und Kreativität des Menschen. Genauso wie eine Simulatorfahrt in 3D über einen 2D-Film hinausgeht, sind andere Erfahrungsdimensionen transformativ und im künstlerischen Sinn real. Der in Harvard lehrende Mathematiker und Philosoph C. S. Peirce erklärte schon Anfang des vorigen Jahrhunderts, dass alle Symbole und ihre Objekte, egal ob in Software, Sprache oder Kunst, die Vermittlung eines interpretierenden Geistes benötigten.1

In unserem Geist öffnen sich potenzielle Metaverse, unendliche Dimensionen einfallsreicher Wirklichkeit – gegenteilige Fakten, Analogien, deutende Emotionen, Gedankenflüge und Kreativität. Der Romanautor Neal Stephenson, der den Begriff Metaversum2 prägte, und Jaron Lanier, der Pionierarbeit auf dem Gebiet der „virtuellen Realität“ leistete, lagen richtig, als sie diese Welten erforschten und wertschätzten. Ohne Dimensionen jenseits des flachen Universums schwindet und welkt unser Leben dahin und mit ihm sterben unsere Visionen.

Diese Analogie des „flachen Universums“ war mir nach der Lektüre des Essays „Transposition“3 von C. S. Lewis eingefallen, in dem er die Frage stellt: Angenommen, Sie leben in einem zweidimensionalen Landschaftsgemälde, wie würden Sie auf jemanden reagieren, der Ihnen ernsthaft versichert, das 2D-Gemälde sei lediglich das blasse Spiegelbild einer realen 3D-Welt? In der bequemen Höhle Ihres 2D-Gehirns hätten Sie 2D-Theorien parat, die all Ihre Erfahrungen im Flachland – die Farbpigmente, die parallaktischen Beziehungen zwischen nahen und fernen Objekten, die Winkel und Kanten – erklären. In Übereinstimmung mit der Mathematik. „Drei Dimensionen?“ könnten Sie fragen. „Diese Hypothese brauche ich nicht.“

Etwa zum Zeitpunkt von Back to the Future: The Ride in den frühen 1990er-Jahren prophezeite ich das Ende des Fernsehens und den Aufstieg vernetzter Computer.4 In der Ausgabe meines Buchs Life after Television von 1994 erklärte ich: „Der geläufigste Personal Computer des nächsten Jahrzehnts wird ein digitales Mobiltelefon mit einer IP-Adresse sein … das sich mit allen möglichen Datenbanken verbinden kann.“5 In zahlreichen Vorträgen verkündete ich, dass es „tragbar wie Ihre Armbanduhr und so persönlich wie Ihre Brieftasche sein wird. Es wird Sprache erkennen und durchs Straßennetz navigieren, es wird Ihre Briefe, Ihre Nachrichten und Ihren Gehaltsscheck verwalten.“ Bedeutungsschwangere Pause. „Wahrscheinlich wird es nicht auf Windows beruhen. Aber es wird Türen öffnen – Ihre Wohnungstür, Ihre Autotür und die Pforten der Wahrnehmung.“6

Rupert Murdoch war einer der ersten, die diese Botschaft zu schätzen wussten. Er ließ mich nach Hayman Island in Australien einfliegen, um seine Führungskräfte mit Visionen einer Transformation der Medien für das 21. Jahrhundert zu verwöhnen. Zur selben Zeit erklärte Ari Emanuel, der erfolgreiche Künstlervermittler aus Hollywood, Life after Television zu seinem Leitfaden für die digitale Zukunft. Später erfuhr ich, dass Steve Jobs mein Buch lange vor dem iPhone gelesen und es an seine Kollegen verteilt hatte.

Vieles aus Life after Television ist wahr geworden, aber es gibt immer noch genügend Möglichkeiten, zurück in die Zukunft zu gehen. Das Internet hat seine wichtigsten Versprechen noch nicht eingelöst. Im Jahr 1990 habe ich vorhergesagt, dass in der Welt vernetzter Computer niemand mehr Werbung sehen muss, die er nicht sehen will. Unter Googles Führung wurde das Internet nicht nur mit unerwünschter Werbung vollgestopft, sondern auch mit Bots und Schadsoftware überfrachtet. Statt dem Einzelnen Einfluss einzuräumen, wurde es zu einer porösen Cloud, in der sämtliches Geld und sämtliche Macht an die Spitze gelangen.

Auf einer tieferen Ebene ist die Google-Welt – ihre Schnittstellen, Bilder, Videos, Icons und ihre Philosophie – zweidimensional. Google ist nicht nur ein Unternehmen, sondern ein Weltsystem. Und das Internet bricht gerade unter der Last dieser Ideologie zusammen. Ihre Anhänger erhalten die Theorie des Materialismus aufrecht, die der Vorstellung eines flachen Universums ähnelt: Deterministische Chemie und Mathematik genügen vollkommen. Sie glauben, dass der menschliche Geist ein suboptimales Produkt zufälliger Evolutionsprozesse ist. Sie glauben an die Möglichkeit eines Gehirns aus Silizium. Sie glauben, dass Maschinen auf eine Weise „lernen“ können, die mit menschlichem Lernen vergleichbar ist, dass Bewusstsein ein relativ unbedeutender, aus Materie hervorgegangener Aspekt des Menschlichen ist, und dass die Vorstellung wahrer Neuheiten in einer hermetisch abgeschlossenen Welt der Logik eine Illusion ist. Sie behaupten, dass Menschen nichts mehr entdecken müssen und eigentlich mit einer staatlich garantierten Rente in den Ruhestand gehen sollten, während Larry Page und Sergey Brin mit Elon Musk davonfliegen und in galaktischen, ummauerten Gärten auf Privatplaneten in einem Kosmos, in dem der Gewinner alles bekommt, ewig leben werden.

Ihr DeLorean sagt nein. Die Mauern können niedergerissen werden und eine Welt mit vielen neuen Dimensionen kann uns gehören und uns bereichern. Diese Welt will erforscht werden. Steigen Sie ein und fahren Sie los.

KAPITEL 1

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„Die Wirtschaft ist an einem Punkt angelangt, wo sie im Prinzip genug für alle produziert … Deshalb geht es in der neuen Ära, die wir jetzt betreten, nicht mehr so sehr darum, wie viel produziert wird. Vielmehr geht es um die Verteilung – wie die Leute ihren Anteil vom Produzierten bekommen.“

– W. Brian Arthur, Santa Fe Institute, 20171

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Vielleicht möchten Sie noch ein paar weitere Bücher lesen, die unser Algorithmus auf der Grundlage der Online-Auswahl von Leuten wie Ihnen ausgesucht hat. Diese Werke erklären, wie „Software die Welt auffrisst“, wie es der Risikokapitalanleger Marc Andreessen beobachtet hat, und wie Googles Suchmaschine und andere Software eine „künstliche Intelligenz“ (KI) erzeugen, die nichts Geringeres ist als „das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit.“ Googles KI bietet verblüffende Algorithmen für „tiefgehendes maschinelles Lernen“ an, die sogar den damaligen Vorstandsvorsitzenden Eric Schmidt aufschreckten. Sie übertrumpften ihn selbst und andere Menschen bei der Aufgabe, Katzen in Videos zu entdecken. Solche in diesen Büchern wiedergegebenen Kunststücke eines „Deep Mind“ bezeugen, dass sich Computer gerade von ihrer Abhängigkeit von menschlicher Intelligenz emanzipieren und „Sie bald besser kennen werden als Sie sich selbst.“

Um die sorgfältig ausgesuchten Bände herunterladen zu können, müssen Sie Ihre Kreditkartennummer, den Sicherheitscode und die dem Kreditkartenkonto zugeordnete Adresse eingeben. Sollte sich irgendeine Nummer verändert haben, können Sie Sicherheitsabfragen beantworten wie zum Beispiel die Adresse Ihrer Eltern zum Zeitpunkt Ihrer Geburt, den Namen Ihres Lieblingshundes, den Mädchennamen Ihrer Mutter, den Namen Ihrer Vorschule, die letzten vier Ziffern Ihrer Sozialversicherungsnummer, Ihren Lieblingssänger und Ihren ersten Grundschullehrer. Wir hoffen, dass sich Ihre Antworten nicht verändert haben. Anschließend können Sie weitermachen. Oder Sie können Ihr Passwort ändern. Wählen Sie sorgfältig ein Passwort mit mehr als acht Buchstaben, das Sie sich merken können, aber verwenden Sie bitte kein Passwort, das Sie für andere Konten nutzen, und vergessen Sie dabei nicht, Zahlen, Groß- und Kleinschreibung und alphanumerische Symbole zu verwenden. Damit Sie Ihr neues Passwort aktivieren können, wird Google Ihnen einen befristeten Code an Ihre E-Mail-Adresse schicken. Entschuldigung, Ihre E-Mail-Adresse ist nicht funktionsfähig. Möchten Sie es noch einmal versuchen? Oder haben Sie das Buch womöglich gar nicht bestellt?

Vielen renommierten Stimmen zufolge nähert sich die Branche rasch einem Augenblick der „Singularität“. Deren Supercomputer in der „Cloud“ werden so viel intelligenter als Sie und beherrschen ein derart umfangreiches Sensorium multidimensionaler Datenströme, die Ihr Gehirn und Ihr Körper erzeugen, dass Sie diesen Maschinen die meisten Entscheidungen in Ihrem Leben überlassen möchten. Fortgeschrittene künstliche Intelligenz und Durchbrüche in der Forschung über biologische Codes überzeugen viele Wissenschaftler, dass Organismen wie Menschen einfach nur das Produkt eines Algorithmus sind. Eingeschrieben in die DNS und in die Logik des neuronalen Netzwerks, kann dieser Algorithmus durch maschinelles Lernen interpretiert und kontrolliert werden.

Cloud-Computing und Big Data von Unternehmen wie Google mit seiner KI namens „Deep Mind“ können individuelle menschliche Gehirne in den Schatten stellen, wenn es darum geht, wichtige Lebensentscheidungen zu treffen, wie etwa die Wahl des Ehepartners, der Krankenversicherung oder des Managements für den Geheimschlüssel Ihrer Bitcoin-Brieftasche sowie die Verwendung und Speicherung von Passwörtern für Ihr Macintosh-Laufwerk. Diese lernfähige Software wird auch in der Lage sein, die meisten Ihrer Jobs zu verrichten. Es könnte sein, dass die neue digitale Welt Sie gar nicht mehr braucht.

Bleiben Sie entspannt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie sich mit einem Einkommen zur Ruhe setzen können, das wir als ausreichend für Sie erachten. Führende Arbeitgeber aus dem Silicon Valley wie Larry Page, Elon Musk, Sergey Brin und Tim Cook halten die meisten Menschen für erwerbsunfähig, weil sie den KI-Algorithmen intellektuell unterlegen sind. Wussten Sie, dass Googles KI den Go-Weltmeister in fünf Wettkämpfen glatt besiegte? Sie wissen nicht einmal, was „Go“ ist? Go ist ein hauptsächlich in Asien beliebtes Strategiespiel, das KI-Forscher lange Zeit als eine intellektuelle Herausforderung betrachteten, die in puncto Scharfsinn, Kombinationsgrad und Komplexität das Schachspiel bei Weitem übertraf. Sie haben einfach nicht die geistige Fähigkeit, bei derart anspruchsvollen Anwendungen mit Computern mitzuhalten.

Machen Sie sich trotzdem keine Sorgen. Für jeden unzeitgemäßen homo sapiens empfehlen die führenden Magnaten aus dem Silicon Valley ein staatlich garantiertes Jahreseinkommen. Ja, das stimmt, Jahr für Jahr „Geld umsonst“! Zudem könnten Sie als schlauer, mit dem Cyberspace vertrauter Leser durchaus zu den bemerkenswerten Eliten zählen, die nach der Vorstellung solch nachweislicher Genies wie Larry Page und Aubrey de Grey nach und nach als Nichtbeschäftigte ewig leben werden.

Vielleicht zählen Sie sich gar zu den Big-Data-Weltbaumeistern, die Karriere machen und nahezu den Status einer Gottheit erreichen werden. Wie wärs denn damit?

Während die Google-Suche praktisch allgegenwärtig sein wird und über eine Macht verfügt, die frühere Stämme der Menschheit nur den Göttern zuschrieben, werden Sie womöglich zum homo deus. Yuval Noah Harari, ein beliebter Vortragsredner auf dem Google-Campus, benutzte diesen Begriff als Titel für eines seiner Bücher.2

In der Vergangenheit gab es solche Gespräche über Menschengötter, Allgegenwart und Vorherrschaft der Elite über das gemeine Volk zumeist nur bei spätabendlichem, trinkfreudigem Palaver oder in Nervenheilanstalten. Als jedoch in den letzten Jahren des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts die größten Profite im Silicon Valley den Firmen Google, Apple und Facebook zufielen, schien die Region einen Nervenzusammenbruch zu erleiden, der einerseits durch die Wahnvorstellung von Allmacht und Überlegenheit in Erscheinung trat und andererseits die Geräte von Konsumenten in Form von „Sicherheitsanweisungen“ in Beschlag nahm. Nach einem offenbar beliebigen Muster fragten Programme nach neuen Passwörtern, Benutzernamen, PINs, Log-ins, Kryptoschlüsseln und Registrierungsvorschriften. Als jede Webseite Ihre besondere Aufmerksamkeit beanspruchte, als wäre sie Ihr Augapfel, fühlten Sie sich zunehmend eingeschränkt, weil die Anforderungen verschiedener Programme und Maschinen miteinander in Konflikt gerieten und auf Ihrem Bildschirm kaum zu erkennende Felder erschienen, die „Ihr Passwort“ verlangten, als hätten Sie nur ein einziges.

Inzwischen war es offensichtlich, dass die Sicherheit im Internet zusammengebrochen war. Google entsandte Nerds als „Sondereinsatzkommandos“, um auf Sicherheitspannen zu reagieren, die als selbstverständlich hingenommen wurden. Und wie Asheem Chandna, der Sicherheitsguru von Greylock Ventures, der Zeitschrift Fortune anvertraute, ist natürlich alles allein Ihre Schuld. Menschen fallen bereitwillig auf die Verlockungen von Schadsoftware herein. Deshalb, sagt Fortune, „wird der Kampf gegen die Verlockungen des Hackens eine niemals endende Schlacht sein.“3

In der dystopischen Science-Fiction-Serie Battlestar Galactica lautet die wichtigste Regel, die die Zivilisation vor Cyborginvasoren abschirmt: „Vernetze nie die Computer.“ Zurückgekehrt in unsere Galaxie, stellt sich die Frage, wie viel Verstöße und falsche Reparaturversprechen wir noch brauchen, bevor die eigentliche Idee von einem Netzwerk fragwürdig wird. Viele Branchen wie Finanz- und Versicherungsunternehmen sind bereits im Grunde genommen offline gegangen. Das Gesundheitswesen steckt tief in diesem digitalen Morast. Unternehmensweite Sicherheitsmaßnahmen hinter Firewalls und 256-Bit-Verschlüsselungen sind einer einzigen Vorschrift gewichen: Nichts von entscheidender Bedeutung geht mehr ans Netz.

Sieht man von den Videospiel-Virtuosen in Spezialistenteams der Branche und von Hackerkommandos ab, hat das Silicon Valley so gut wie aufgegeben. Es wird Zeit, noch einen Vizepräsidenten für Multikulturalität einzustellen und den CO2-Fußabdruck zu berechnen.

Zur Ehrenrettung des Silicon Valleys sei gesagt, dass es offenbar eine Strategie verfolgt, die man am besten als eine neomarxistische Politideologie und technologische Vision bezeichnen kann. Sie fragen sich vielleicht, warum ich diejenigen, die oberflächlich betrachtet die eifrigsten und erfolgreichsten Kapitalisten auf diesem Planeten zu sein scheinen, „Neomarxisten“ nenne.

Unter dem Begriff des Marxismus werden oft revolutionäre Probleme, Arbeiteraufstände, die Zerschlagung von Handelsketten, Kritik am Kapital, Klassenbewusstsein und die Beschlagnahme der Produktionsmittel zusammengefasst. Im Kern jedoch hing der erste Marxismus dem Glauben an, dass die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts ein für alle Mal das grundsätzliche Problem der Produktion gelöst habe.

Zur ersten industriellen Revolution gehörten Dampfmaschinen, Eisenbahnen, Stromnetze und Turbinen – all diese „finsteren satanischen Mühlen.“ Marx zufolge war das der bedeutendste industrielle Durchbruch aller Zeiten. Marx’ wichtigster Grundsatz lautete, dass in künftigen Zeiten das entscheidende Problem der Wirtschaft nicht die Produktion inmitten von Mangel sein werde, sondern die Umverteilung des Reichtums.

In Die deutsche Ideologie (1845) fantasierte Marx davon, dass der Kommunismus allen Menschen das Freizeitleben eines Gutsherrn auf dem Land ermöglichen werde: „wo … die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dieses, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“4

Marx gehörte zu den typischen Intellektuellen, die sich einbildeten, ihre eigene Epoche wäre die letzte Stufe in der Geschichte der Menschheit. William F. Buckley nannte dies das immanentisierte Eschaton, den Glauben nämlich, man werde „die letzten Dinge“ selbst noch erleben.5 Der Neomarxismus der heutigen Titanen im Silicon Valley wiederholt den Irrtum der alten Marxisten, weil er annimmt, die heutige Technologie – nicht Dampf und Elektrizität, sondern Mikrochips aus Silizium, künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen, Cloud-Computing, algorithmische Bioinformatik und Robotertechnik – sei das Nonplusultra der menschlichen Errungenschaften. Das algorithmische Eschaton macht nicht nur die menschliche Arbeit, sondern auch den menschlichen Geist überflüssig.

All dies ist zeitbedingte Provinzialität und Kurzsichtigkeit, die die Bedeutung des Erreichten ihrer eigenen Ära, ihrer eigenen Firmen, ihrer eigenen besonderen Weltanschauungen und Hirngespinste überbewertet – und damit eigentlich auch sich selbst. Sie nehmen an, dass in gewisser Weise ihre „Go“-Maschine und ihre Klimatheorien die Vollendung der Geschichte seien, sie bilden sich ein, dass „der Gewinner ein für alle Mal alles bekommt.“ Seltsamerweise wird dieser Wahn auch von den Kritikern des Silicon Valleys geteilt. Die Dystopiker stimmen den Utopisten zu und stellen sich ein höchst kompetentes und visionäres Silicon Valley vor, angeführt von Google mit seinem Monopol auf Information und Intelligenz.

Man glaubt, die KI werde die Bedeutung des Menschseins neu definieren, ähnlich wie man es Darwins Werk Über die Entstehung der Arten in seiner Zeit zutraute. Während Darwin aber aus dem Menschen nur ein weiteres Tier machte, nämlich einen prekär aufgewachsenen Affen, ist der Mensch im Google-Marxismus den firmeneigenen algorithmischen Maschinen intellektuell unterlegen.

Das Leben nach Google plädiert für die gegenteilige Sichtweise. Was die hyperventilierenden Seher Yuval Harari, Nick Bostrom, Larry Page, Sergey Brin, Tim Urban und Elon Musk als einen weltverändernden KI-Götzen betrachten, ist in Wirklichkeit ein industrielles System, das aus dem letzten Loch pfeift. Die Krise der aktuellen Ordnung in puncto Sicherheit, Privatsphäre, geistigem Eigentum, Unternehmensstrategie und Technologie ist eine grundsätzliche Krise, die nicht im Rahmen der momentanen Computer- und Netzwerkarchitektur gelöst werden kann.

Sicherheit ist kein Vorteil oder Upgrade. Man erreicht sie nicht, indem man neue Schichten aus Passwörtern hinzufügt, Einsatzteams mit Pferdeschwänzen losschickt, Angriffserkennungssysteme und einen Bugfix installiert, Schadsoftware-Prophylaxe betreibt und dringende Softwarereparaturen aufschiebt. Sicherheit ist die Grundlage aller anderen Dienste und entscheidend für alle finanziellen Transaktionen. Sie ist der grundlegendste und unentbehrlichste Bestandteil jeder Informationstechnologie.

Im Geschäftsleben steht die Fähigkeit zur Durchführung von Transaktionen nicht zur Disposition. Sie ist die Methode, mit deren Hilfe jedes ökonomische Lernen und Wachstum stattfindet. Ist Ihr Produkt „kostenlos“, dann ist es kein Produkt, und Sie sind nicht im Geschäft, selbst wenn Sie sogenannten Werbekunden Geld abnötigen können, um es zu finanzieren.

Wenn Sie kein Geld für Ihren Softwareservice verlangen – wenn Sie also „quelloffen“ („open source“) sind – können Sie die Haftung für fehlerträchtige „Betaversionen“ vermeiden. Sie können freudig die Überregulierung des 17 Jahre lang gültigen Schutzes des Patentamts umgehen, der für geringfügige Softwareverbesserungen oder „Geschäftsprozesse“ wie das Einkaufen mit einem Klick gilt. Aber dann sollten Sie auch nicht so tun, als hätten Sie Kunden.

Sicherheit ist der wichtigste Bestandteil eines jeden Systems. Sie befähigt die Maschine, einen „Ausgangszustand“ oder eine Grundeinstellung aufzuweisen und wirtschaftliche Zugkraft zu entwickeln. Ist Sicherheit kein integraler Bestandteil einer Architektur für Informationstechnologie, dann muss diese Architektur ersetzt werden.

Als alles noch „kostenlos“ war, genügte die ursprüngliche dezentralisierte Internetarchitektur, weil das Internet damals noch kein Medium für Transaktionen war. Als es lediglich Webseiten anzeigte, E-Mails verschickte, Diskussionsforen und Newsgroups unterhielt und mit Hyperlinks den Zugang zu akademischen Seiten ermöglichte, brauchte das Netz nicht unbedingt eine Sicherheitsgrundlage. Doch als sich das Internet zu einem Forum für finanzielle Transaktionen entwickelte, wurden neue Sicherheitssysteme unumgänglich. Ebay machte es vor und kaufte Paypal, das eigentlich kein Internetservice war, sondern eine Fremdfirma, die die Effizienz von Online-Transaktionen erhöhte. Fremdfirmen benötigen Kundeninformationen, die überall im Netz übertragen werden, um Transaktionen durchzuführen. Kreditkartennummern, Sicherheitscodes, Ablaufdaten und Passwörter begannen das Netz zu überfluten.

Mit dem Aufstieg von Amazon, Apple und anderen Online-Marktplätzen im frühen 21. Jahrhundert war ein großer Teil des Internets mit Transaktionen beschäftigt, während sich die Industrie in die „Cloud“ zurückzog. Die führenden Unternehmer des Silicon Valleys gaben die dezentralisierte Internetarchitektur auf und ersetzten sie durch zentralisierte und aufgegliederte Abonnementsysteme wie Paypal, Amazon, Apples iTunes, Facebook und die Cloud von Google. Uber, Airbnb und andere abgeschottete „Einhörner“ folgten.

Diese sogenannten „ummauerten Gärten“ hätten wohl genügt, wenn sie tatsächlich vom Rest des Internets hätten abgeschottet werden können. Bei Apple versuchte Steve Jobs anfangs noch, eine solche Abschottung durch die Blockierung von Software-Applikationen (oder „Apps“) von Drittanbietern zu erreichen. Amazon ist es weitgehend gelungen, seine eigenen Domains zu isolieren und diese mit externen Dienstleistern wie Kreditkartenunternehmen zu verbinden. Aber diese zentralisierten Festungen verletzten das Coase-Theorem der Unternehmensreichweite. In einem berühmten Artikel berechnete der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Ronald Coase, dass ein Unternehmen seine Transaktionen nur bis zu dem Punkt durchführen sollte, an dem die Kosten für das Auffinden und Verhandeln mit Fremdfirmen die Unwirtschaftlichkeit übersteigen, die man sich durch das Fehlen realer Preise, von Binnenmärkten und Wirtschaftlichkeit durch Massenproduktion einhandelt.6 Die Konzentration von Daten in ummauerten Gärten erhöht die Kosten für die Sicherheit. Die Industrie suchte Sicherheit in der Zentralisierung. Doch Zentralisierung ist nicht sicher.

Der betriebseigene Laden war in der Ära der sogenannten „Raubritter“ kein großer Fortschritt des Kapitalismus, und heute ist es keineswegs besser, wenn er durch die Cloud zerstreut, durch Werbung finanziert und mit einem zweifelhaften Anteil an kostenlosen Waren kombiniert wird. Beim ersten Mal war der Marxismus eine historische Übertreibung, während der heutzutage herrschende neue Marxismus geradezu wahnhafte Züge trägt. Es ist an der Zeit, eine neue Informationsarchitektur zu errichten, für eine globale, dezentralisierte Wirtschaft.

Glücklicherweise wird schon daran gearbeitet.

KAPITEL 2

Googles Weltsystem

Alphabet, Googles Holdinggesellschaft, ist jetzt das zweitgrößte Unternehmen der Welt. Gemessen am Börsenwert steht Apple an erster Stelle. Zusammen mit Amazon und Microsoft, gefolgt von Facebook auf dem siebenten Rang, bilden die Vier ein immer stärker gefürchtetes, globales Oligopol.

Diese zunehmende globale Dominanz amerikanischer Informationsunternehmen war unvorhersehbar. Vor nur einem Jahrzehnt führten Exxon, Walmart, China National Petroleum und die Industrial and Commercial Bank of China die Liste der Konzerne mit den höchsten Börsenwerten an. Keine Internetfirma rangierte unter den Top 5. Heute dagegen sind vier der Top 5 amerikanische Schlachtschiffe der Informationstechnologie.

Warum aber heißt dann das Buch nicht Das Umkippen des Apple-Warenkorbs? Oder Facebook und die vier apokalyptischen Reiter? Weil Google als einziges unter den fünf Unternehmen Protagonist eines neuen und offenbar erfolgreichen „Weltsystems“ ist. Vertreten in den renommiertesten amerikanischen Universitäten und Medienzentren, verbreitet sich Google rasch und weltweit in der Intelligenzija, vom kalifornischen Mountain View bis nach Tel Aviv und Peking.

„Weltsystem“, („System of the World“): Diese Formulierung habe ich mir von Neal Stephensons Roman Principia, dem dritten Band seiner Trilogie „Der Barock-Zyklus“, ausgeliehen. Es ist ein Roman über Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz und bezeichnet Ideen, die Technologien und Institutionen einer Gesellschaft durchdringen und ihre Zivilisation inspirieren.1

In seinem Weltsystem des 18. Jahrhunderts brachte Newton zwei Themen zusammen. Eine Newton’sche Enthüllung, verkörpert in seiner Infinitesimalrechnung und Physik, ließ die materielle Welt vorhersagbar und messbar erscheinen. Eine andere, weniger bekannte Schlüsselrolle hatte Newton bei der Festlegung eines zuverlässigen Goldstandards, der wirtschaftliche Bewertungen so berechenbar und verlässlich machte wie die materiellen Dimensionen von Handelsgütern.

Seit Claude Shannon 1948 und Peter Drucker in den 1950er-Jahren haben wir alle von der Informationsökonomie gesprochen, als sei sie eine neue Idee. Doch sowohl Newtons Physik als auch sein Goldstandard waren Informationssysteme. Genauer gesagt, ist das Newton’sche System das, was wir heute eine Informationstheorie nennen.

Newtons Biografen unterschätzen typischerweise seine Leistung bei der Schaffung der Informationstheorie des Geldes auf einer stabilen Grundlage. So schreibt einer von ihnen:

Die Prägung der Münze einer Nation zu beaufsichtigen, ein paar Münzfälscher zu fangen, das bereits beachtliche persönliche Vermögen zu mehren, politisch einflussreich zu sein, den Wissenschaftlerkollegen Vorschriften zu machen [als Präsident der Royal Society]; das schienen recht grobe und bedeutungslose Ziele zu sein, nachdem man ein Werk wie die Principia geschrieben hat.2

Aber wenn Sie eine bessere Geldmaschine bauen, dann klopft die Welt an Ihre Tür. Sie können nach Belieben den Globus überqueren und die Werte übermitteln, für die Sie Handel treiben. Die kleine britische Insel regierte ein Imperium, das größer und unvergleichlich viel reicher war als dasjenige Roms.

Viele haben Newtons Beschäftigung mit Alchemie verspottet, den Versuch, Gold so genau nachzuformen, dass man es aus unedlen Metallen wie Blei und Quecksilber herstellen konnte. „Jeder kennt Newton als den großen Wissenschaftler. Nur wenige erinnern sich, dass er die Hälfte seines Lebens mit alchemistischen Experimenten verbracht und nach dem Stein der Weisen gesucht hat. Diesen Kieselstein wollte er unbedingt finden.3 Newtons moderne Kritiker scheitern daran, zu würdigen, wie seine alchemistischen Bemühungen entscheidendes Wissen für seine Verteidigung des auf Gold basierten Pfunds hervorbrachten.

Reichtum ist das Ergebnis von Wissen. Materie bleibt erhalten; wer sie einzusetzen versteht, erzeugt Fortschritt.4 Newtons Wissen, verkörpert in seinem Weltsystem, unterscheidet deutlich das lange Jahrtausend ökonomischer Flauten, das ihm vorausging, von den 300 Jahren wunderbaren Wachstums seit seinem Tod. Zwar scheiterte seine Alchemie, aber sie gab ihm – und der Welt – die wertvolle Erkenntnis, dass es keinem Rivalen, sei es ein Staat oder eine Privatbank, mit welchem Stein der Weisen auch immer, gelänge, besseres Geld zu machen. 200 Jahre lang, beginnend 1696 mit Newtons Einstellung bei der Königlichen Münzprägeanstalt, war das Pfund auf der Grundlage der chemischen Unumkehrbarkeit des Goldes ein stabiler und verlässlicher finanzieller Polarstern.5

Da die Pfundnote mit Gold zu einem festen Preis verknüpft war, bekamen Händler die Garantie, dass die Währung, die sie im Austausch für ihre Waren und Dienste erhielten, nie ihren festgelegten Wert verlor. Sie konnten langfristige Verpflichtungen eingehen – Anleihen, Darlehen, Investitionen, Hypotheken, Versicherungspolicen, Verträge, Seereisen, Infrastrukturprojekte, neue Technologien – ohne befürchten zu müssen, dass die von Falsch- oder Fiatgeld angeheizte Inflation den Wert künftiger Zahlungen aufzehrte. Jahrhundertelang konnten Länder, die den Goldstandard hatten, mit fast drei Prozent verzinsliche Anleihen ausgeben.6 Newtons System machte Geld im Grunde genauso unumkehrbar wie Gold, so unumkehrbar wie die Zeit selbst.

Unter Newtons Goldstandard erweiterte sich der Horizont der wirtschaftlichen Aktivität. Viele Tausend Kilometer lange Eisenbahnlinien breiteten sich über Großbritannien und das Weltreich aus, und auf den expandierenden Kreisen des Vertrauens, die dem britischen Finanzwesen und Handel zugrunde lagen, ging die Sonne niemals unter. Das vielleicht wichtigste Ergebnis des freien Handels war das Ende der Sklaverei. Verlässliches Geld und freie, effiziente Arbeitsmärkte ließen den Besitz menschlicher Arbeiter unprofitabel werden. Der Handel verdrängte körperliche Kraft.

In der Google-Ära wird nun Newtons Weltsystem – ein Universum, eine Währung, ein Gott – verdrängt. Seine einheitliche Grundlage unumkehrbarer Physik und seine unwiderlegbaren Goldmünzen haben unendlichen Paralleluniversen und vielfältigen, per Anordnung manipulierten Papierwährungen Platz gemacht. Genau wie der Kosmos ist auch das Geld beliebig relativistisch und umkehrbar geworden. Die 300 Jahre Newton’schen Wohlstands sind zu Ende, das neue Multiversum scheint nicht in der Lage zu sein, das Wunder eines Goldenen Zeitalters des Kapitalismus zu wiederholen. Inzwischen glaubt man weithin, dass die Bürger im Grunde dem Staat gehören, von dem sie abhängig sind. Sklaverei in Form von Unterwürfigkeit gegenüber der Regierung feiert ein Comeback, während Geldüberweisungen an Vertrauenswürdigkeit verlieren.

Glücklicherweise haben sich erste Merkmale eines neuen Weltsystems gezeigt. Man könnte sagen, es sei Anfang September 1930 entstanden, als eine auf Gold basierende Reichsmark allmählich den Sturm der Hyperinflation bändigte, die Deutschland seit Mitte der 1920er-Jahre heimsuchte.

Der Ort der unbemerkten Geburt war Königsberg, die historische, gotische Stadt der sieben Brücken an der Ostsee. Der große Mathematiker Leonhard Euler hatte im 18. Jahrhundert bewiesen, dass man nicht alle sieben Brücken überqueren konnte, ohne mindestens eine zweimal benutzen zu müssen. Euler hatte klar erkannt: Die Mathematik ist in all ihren Formen trügerischer, als sie zu sein scheint. Das gilt auch für ihre exemplarischen Erscheinungsformen in Computersoftware.

In diesem September 1930 versammelten sich Mathematiker in Königsberg zu einer Konferenz der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte. David Hilbert, einer der Giganten ihres Fachgebietes, hielt einen Vortrag. Er stammte selbst aus Königsberg, lehrte an der Universität Göttingen, stand kurz davor, sich in den Ruhestand zu verabschieden und war der renommierte Vorkämpfer für die Begründung der Mathematik auf dem Gipfel des menschlichen Denkens.

Im Jahr 1900 hatte Hilbert die Herausforderung formuliert: Reduzierung der gesamten Wissenschaft auf mathematische Logik, basierend auf deterministischen mechanischen Prinzipien. Der Gesellschaft in Königsberg erklärte er es so: „Das Instrument, welches die Vermittlung bewirkt zwischen Theorie und Praxis, zwischen Denken und Beobachten, ist die Mathematik; sie baut die verbindende Brücke und gestaltet sie immer tragfähiger. So kommt es, dass unsere ganze gegenwärtige Kultur, soweit sie auf der geistigen Durchdringung und Dienstbarmachung der Natur beruht, ihre Grundlage in der Mathematik findet.“

Und worauf gründete die Mathematik? Als Antwort auf die lateinische Maxime ignoramus et ignorabimus („wir wissen nicht und wir werden niemals wissen“) stellte Hilbert fest: „Für uns [Mathematiker] gibt es kein Ignorabimus, und meiner Meinung nach auch für die Naturwissenschaft im Ganzen nicht. Statt des törichten Ignorabimus heiße im Gegenteil unsere Losung: Wir müssen wissen, wir werden wissen“ – eine Forderung, die auf seinem Grabstein steht.7

Der Konferenz vorausgegangen war eine kleine, dreitägige Zusammenkunft, bei der es um „Die Epistemologie der exakten Wissenschaften“ ging. Hauptredner waren die künftigen mathematischen Stars Rudolf Carnap, ein Mengentheoretiker, der Mathematikphilosoph Arend Heyting und John von Neumann, vielseitig talentiertes Wunderkind und Hilberts Assistent. Sie alle waren Soldaten in Hilberts epistemologischer Kampagne, und alle hofften sie, wie Hilbert selbst, dass diese Vorkonferenz ein Aufwärmtraining für die triumphale Feier der Hauptkonferenz werden würde.

Als die Vorkonferenz zu Ende war, hätten eigentlich alle nach Hause gehen können. Ein neues, mit Hilberts deterministischer Vision überhaupt nicht zu vereinbarendes Weltsystem war aus der Taufe gehoben worden. Hilberts triumphale Parade über die Brücken zwischen Mathematik und Naturerscheinungen war gestoppt worden. Die Mathematiker und Philosophen redeten jahrzehntelang weiter, ohne zu bemerken, dass sie entmachtet worden waren. Ihre Nachfolger reden sogar heute noch weiter. Aber der Triumph von Informationstheorie und Technologie hatte der Vorstellung eines deterministischen und vollständigen mathematischen Systems für das Universum ein Ende gesetzt.

Zu diesem Zeitpunkt war John von Neumann der führende Vertreter des Hilbert’schen Programms. Als Pendant von Euler und Gauß im 20. Jahrhundert hatte von Neumann sieben bedeutende Artikel über dieses Thema geschrieben. 1932 vervollständigte er sein Werk und erweiterte den „Hilbert-Raum“ zu einer schlüssigen mathematischen Interpretation der Quantentheorie. Es sah so aus, als sei von Neumanns Karriere als Hilberts Protegé und Nachfolger gesichert.

Zum Ausklang der Vorkonferenz fand ein Gespräch am runden Tisch mit Carnap, von Neumann, Heyting und anderen Koryphäen statt. Am Rand der Gruppe saß Kurt Gödel, ein kleiner, schüchterner, 24 Jahre alter Hypochonder mit den Augen eines Uhus. Weil seine im Jahr zuvor an der Universität Wien eingereichte Dissertation einen Beweis für die Widerspruchsfreiheit des Logikkalküls anbot, schien er ein loyaler Soldat in Hilberts Armee zu sein.

Allerdings erwies sich Gödel auf der Party dieses Triumphalismus des 20. Jahrhunderts als Totengräber. Er bewies, dass die von Hilbert, Carnap und von Neumann lang gehegten mathematischen Ziele unerreichbar waren. In seiner Arbeit bewies Gödel, dass nicht nur die Mathematik, sondern alle logischen Systeme – sogar das als Maßstab geltende, in der Principia Mathematica von Alfred North Whitehead und Bertrand Russell verankerte System und selbst die Mengenlehre von Carnap und von Neumann – zu Unvollständigkeit und Widersprüchlichkeit verurteilt waren. Sie hatten zwangsläufig mit Paradoxien und Aporien zu tun. Die bloße Widerspruchsfreiheit eines formalen Systems bot keine Garantie dafür, dass das, was das System bewies, korrekt war. Jedes logische System hängt zwangsläufig von Aussagen ab, die nicht innerhalb des Systems bewiesen werden können.

Gödels Argument kam einem Bildersturm gleich. Doch seine Beweismethode war ein Glücksfall. Er entwickelte eine Reihe von Algorithmen, in denen alle Symbole und Anweisungen Zahlen waren. Folglich bahnte er durch die Widerlegung der deterministischen Philosophie hinter der Newton’schen Mathematik und der erhabenen Logik Hilberts den Weg für eine neue Mathematik, nämlich der Informationsmathematik.8 Aus diesem Einspruch entstand ein neuer Industriezweig für Computer und Kommunikation, der momentan von Google angeführt wird und seine Inspiration durch eine neue Mathematik der Kreativität und Überraschung erfährt.

Gödels Beweis liest sich wie ein funktionales Softwareprogramm. Jedes Axiom darin, jede Anweisung und jede Variable ist in mathematischer Sprache formuliert, die für eine Berechnung geeignet ist. Er bewies die Grenzen der Logik und artikulierte damit die Merkmale von Rechenmaschinen, die menschlichen Herren dienen würden.

Niemand im Publikum schien die Bedeutung des Gödel’schen Beweises erkannt zu haben, außer John von Neumann, von dem man hätte erwarten können, dass er sich über diesen einschneidenden Angriff auf die Mathematik, die er so liebte, ärgerte. Doch seine Reaktion war dem weltweit führenden mathematischen Geist angemessen. Er ermutigte Gödel und ging anschließend dessen Ausführungen nach.

Obwohl Gödels Beweis viele Kollegen frustrierte, fand von Neumann ihn befreiend. Die Grenzen der Logik – die Vergeblichkeit der Hilbert’schen Suche nach einer hermetisch geschlossenen Universaltheorie – sollten den menschlichen Schöpfern als Programmierer ihrer Geräte eine größere Freiheit verschaffen. Der Philosoph William Briggs bemerkt dazu: „Gödel bewies, dass das Axiomatisieren nie aufhört, dass Induktion und Intuition stets vorhanden sein müssen, dass nicht alle Dinge durch Vernunft allein bewiesen werden können.“9 Diese Bestätigung war für von Neumann persönlich eine Befreiung. Man konnte Algorithmen also nicht nur entdecken, sondern sie auch selbst verfassen. Die neue Vision führte später zu einer neuen Informationstheorie der Biologie (Bioinformatik), die von Neumann im Prinzip voraussah und die am vollständigsten von Hubert Yockey entwickelt wurde.10 Mit ihrer Hilfe können Menschen schließlich Teile ihrer eigenen DNS umprogrammieren.

Die unmittelbarste Auswirkung des Gödel’schen Beweises war im Jahr 1936 Alan Turings Erfindung der Turingmaschine – der universellen Rechnerarchitektur, mit der er zeigte, dass Computerprogramme wie andere logische Systeme nicht nur unvollständig waren, sondern es sich auch nicht einmal beweisen ließ, dass sie zu irgendeinem Ergebnis gelangen konnten. Jedes beliebige Programm konnte den Rechner dazu veranlassen, endlos weiter vor sich hin zu surren. Das war das sogenannte „Halteproblem“. Computer brauchten – von Turing als solche bezeichnete – „Orakel“, um ihnen Anweisungen zu geben und ihre Ausgaben zu beurteilen.11

Was Turing bewies, war Folgendes: Genauso wie die Unbestimmtheiten in der Physik daher stammen, dass man Elektronen und Photonen benutzt, um sie selbst zu messen, stammen die Einschränkungen der Computer aus der rekursiven Selbstbezüglichkeit. So wie die Quantentheorie in selbstbezügliche Schleifen der Unbestimmtheit gerät, weil sie Atome und Elektronen mit Geräten misst, die aus Atomen und Elektronen bestehen, konnte die Computerlogik den selbstbezüglichen Schleifen nicht entkommen, weil ihre eigenen logischen Strukturen ihre eigenen Algorithmen mit Informationen versorgten.12

Gödels Einsichten führten direkt zu Claude Shannons Informationstheorie, die heute allen Computern und Netzwerken zugrunde liegt. Shannon konzipierte das Bit als Grundeinheit der digitalen Berechnung und definierte Information als überraschende Bits – das sind nicht von der Maschine vorherbestimmte oder festgelegte Bits. Information wurde zum Inhalt Turing’scher Orakelbotschaften – also unerwartete Bits –, die nicht in die hermetische Logik der Maschine selbst miteinbezogen waren.

Shannons anerkannte Gleichung übersetzte Ludwig Boltzmanns analoge Entropie in digitale Begriffe. Boltzmanns im Jahr 1877 formulierte Gleichung hatte die Bedeutung der Entropie als „fehlende Information“ erweitert und vertieft. 70 Jahre und zwei Weltkriege später erweiterte und vertiefte Shannon sie erneut. Boltzmanns Entropie ist thermodynamische Unordnung, während Shannons Entropie informatorische Unordnung ist. Die Gleichungen sind dieselben.

Shannon benutzte seinen Entropie-Index der Überraschung als Maßeinheit für Information und zeigte, wie man die Bandbreite oder Kommunikationsstärke eines jeden Kanals oder jeder Verbindung berechnet und wie man den Grad der Redundanz misst, um Fehler auf jeder beliebigen Ebene zu reduzieren. Auf diese Weise konnten Computer schließlich Flugzeuge fliegen und Autos fahren. Dieses Hilfsmittel ermöglichte die Entwicklung verlässlicher Software für riesige Computersysteme und Netzwerke wie das Internet.

Information als Entropie verknüpfte außerdem Logik mit dem unumkehrbaren Zeitablauf, der auch durch den nur in eine Richtung weisenden Ablauf der thermodynamischen Entropie garantiert wird.

Gödels und Turings Werk führte zu Gregory Chaitins Konzept der algorithmischen Informationstheorie. Dieser wichtige Durchbruch überprüfte die „Komplexität“ einer Botschaft anhand der Länge des Computerprogramms, die nötig ist, um sie zu erzeugen. Chaitin bewies, dass beispielsweise Naturgesetze allein die Chemie oder die Biologie nicht erklären konnten, weil die Naturgesetze viel weniger Informationen enthalten als chemische oder biologische Phänomene. Das Universum ist eine Hierarchie von Informationslagen, ein universeller „Stapel“, der von oben nach unten gesteuert wird.

Chaitin glaubt, dass das Problem der Computerwissenschaft genau die Erfolge der modernen Mathematik widerspiegelt, die mit Newton begann. Ihr Determinismus und ihre Strenge verleihen ihr höchste Leistungsfähigkeit bei der Beschreibung vorhersagbarer und wiederholbarer Phänomene wie Maschinen und Systeme. „Doch das Leben ist“, wie er sagt, „plastisch, kreativ! Wie können wir es aus statischer, ewiger, perfekter Mathematik erschaffen? Wir werden postmoderne Mathematik benutzen, die Mathematik, die nach Gödel, 1931, und nach Turing, 1936, kommt, offene, nicht geschlossene Mathematik, die Mathematik der Kreativität …“13 Das ist die Mathematik der Informationstheorie, und Chaitin ist ihr würdigster lebender Vertreter.

Die Aufspaltung jeglicher Information ist die große Trennlinie zwischen Kreativität und Determinismus, zwischen der Informationsentropie der Überraschung und der thermodynamischen Entropie vorhersagbaren Niedergangs, zwischen Geschichten, die eine bestimmte Wahrheit einfangen und Statistiken, die eine sterile Allgemeinheit offenbaren, zwischen kryptografischen Hashfunktionen (Streuwertfunktionen), die Informationen erhalten, und mathematischen Mischungen, die sie auflösen, zwischen dem Schmetterlingseffekt und dem Gesetz des Durchschnitts, zwischen Genetik und dem Gesetz der größten Zahlen, zwischen Einzigartigkeit und Big Data – es geht also, anders formuliert, um die unpassierbare Kluft zwischen Bewusstsein und Maschinen.

Nicht nur eine neue Wissenschaft war geboren, sondern auch eine auf einem neuen Weltsystem beruhende Ökonomie – und zwar die 1948 von Shannon formulierte Informationstheorie auf den erstmals in einem Raum in Königsberg im September 1930 verkündeten Grundlagen.

Dieses neue Weltsystem wurde von der Firma, die wir als Google kennen, vollendet. Google ist, obwohl es noch auf dem zweiten Rang im Börsenwettrennen steht, bei Weitem das wichtigste beispielhafte Unternehmen unserer Zeit. Dennoch glaube ich, dass Googles Weltsystem scheitern wird, ja, noch in unserer Lebenszeit weggespült wird (und ich bin 78 Jahre alt!). Es wird scheitern, weil seine Hauptvoraussetzung versagen wird.

Wie können wir also, da wir mit dem überschwänglichen Newton angefangen haben, fortfahren und ein paar Milchbärten ein „Weltsystem“ zuschreiben, die eine Computerfirma in einem Collegelabor gründeten, einen Webcrawler (ein Computerprogramm, das Webseiten analysiert) und eine Suchmaschine erfanden und damit die Werbung im Netz dominierten?

Ein Weltsystem kombiniert zwangsläufig Wissenschaft und Handel, Religion und Philosophie, Ökonomie und Epistemologie. Es kann Veränderungen nicht nur beschreiben oder analysieren, sondern muss sie auch verkörpern und vorantreiben. Was intellektuelle Stärke, kommerzielles Genie und strategische Kreativität betrifft, ist Google ein würdiger Anwärter auf die Nachfolge Newtons, Gödels und Shannons. Es ist das erste Unternehmen der Geschichte, das ein Weltsystem entwickelt und realisiert hat. Vorläufer wie IBM und Intel waren vom technologischen Schwung und vom Erfolg her vergleichbar, von Thomas Watsons Großrechnern und Halbleiterspeichern bis zu den Prozessoren eines Bob Noyce und Gordon Moores Erfahrungskurven. Doch das Moore’sche Gesetz und Big Blue (IBM) stellen kein schlüssiges Weltsystem zur Verfügung.

Unter der Führung von Larry Page und Sergey Brin entwickelte Google eine ganzheitliche Philosophie, die mit großem Erfolg danach strebt, unser aller Leben und Schicksal zu gestalten. Google hat eine Theorie des Wissens und des Geistes vorgeschlagen, um eine Vision für die dominierende Technologie der Welt mit Leben zu erfüllen, ein neues Konzept für Geld und daher auch für Preissignale, eine neue Moral und eine neue Vorstellung über die Bedeutung und den Verlauf des Fortschritts.

Googles Theorie des Wissens, mit dem Spitznamen „Big Data“ versehen, ist so radikal wie Newtons entsprechende Theorie und so einschüchternd, wie Newtons Botschaft befreiend war. Newton brachte ein paar relativ einfache Gesetze ins Spiel, mit deren Hilfe jede neue Information interpretiert und der Wissensvorrat erweitert und angepasst werden konnte. Im Prinzip kann jeder Physik und Infinitesimalrechnung oder die von ihnen hervorgebrachten Untersuchungen und Fertigkeiten anwenden, unterstützt von Werkzeugen, die an jeder Universität, an vielen Gymnasien und in vielen Tausend Unternehmen auf der ganzen Welt bequem erschwinglich und verfügbar sind. Hunderttausende Ingenieure tragen in diesem Augenblick zu diesem Vorrat menschlichen Wissens bei und interpretieren jeweils eine Information.

„Big Data“ vertritt den umgekehrten Ansatz. Die Idee hinter Big Data ist, dass die frühere langsame, unbeholfene, schrittweise Suche nach Wissen durch menschliche Gehirne ersetzt werden kann, wenn zwei Bedingungen zutreffen: Alle Daten in der Welt können an einem einzigen „Ort“ gesammelt werden, und es können Algorithmen geschrieben werden, die hinreichend umfangreich sind, um sie zu analysieren.

Diese Theorie des Wissens wird von einer Theorie des Geistes aufrechterhalten, die vom Streben nach künstlicher Intelligenz abgeleitet ist. Aus dieser Perspektive ist das Gehirn ebenfalls grundsätzlich algorithmisch und verarbeitet in wiederholten Vorgängen Daten, um zu Ergebnissen zu kommen. Studien über wirkliche Gehirne widerlegen diese Vorstellung. Es stellt sich heraus, dass sie eher wie sensorische Prozessoren arbeiten und nicht wie logische Maschinen. Dennoch bleibt die Ausrichtung der KI-Forschung im Wesentlichen unverändert. Wie ein Methodenschauspieler hat die KI-Industrie akzeptiert, dass es ihr Job ist, zu handeln, „als ob“ das Gehirn eine logische Maschine sei. Deshalb bleiben die größten Anstrengungen, die menschliche Intelligenz zu kopieren, Übungen in immer schnelleren Verarbeitungen, und zwar so, wie Computer sie am besten bewältigen. Letztlich bleibt die KI-Priesterschaft dabei, dass der menschliche Geist – nicht nur in dem einen oder anderen spezialisierten Ablauf, sondern auf jede erdenkliche Weise – von extrem schnellen logischen Maschinen, die eine unbegrenzte Menge Daten verarbeiten können, überflügelt werden wird.

Die Google-Theorien des Wissens und des Geistes sind keineswegs bloße abstrakte Denkspiele. Sie diktieren Googles Geschäftsmodell, das von „suchen“ zu „zufriedenstellen“ vorangeschritten ist. Googles Weg zum Reichtum, für den es beträchtliche Beweise vorlegen kann, läuft darauf hinaus, dass das Unternehmen mit genügend Daten und genügend Prozessoren besser als wir selbst wissen kann, was unsere Sehnsüchte befriedigt.

Ebenso wie die früheren Weltsysteme durch entscheidende Technologien verkörpert und umgesetzt wurden, so wird Googles Weltsystem durch eine technologische Vision verkörpert und umgesetzt, die Cloud-Computing genannt wird. Wenn Googles Theorie darin besteht, dass universelles Wissen durch wiederholte Verarbeitung riesiger Datenmengen erzielt wird, dann müssen die Daten auch irgendwo für die Prozessoren erreichbar sein. Erreichbarkeit wird in diesem Fall durch die Lichtgeschwindigkeit definiert. Die Grenze der Lichtgeschwindigkeit – knapp 23 Zentimeter in einer Milliardstel Sekunde – benötigt die Ansammlung von Prozessoren und den Speicher an einem zentralen Ort mit verfügbarer Energie, um die Daten abzurufen und zu verarbeiten.

Die „Cloud“ ist folglich ein gewitzter Name für die neue Schwerindustrie unserer Zeit: gewaltige Datenzentren, die aus riesigen Systemen von Datenspeichern und Prozessoren bestehen, miteinander verbunden durch viele Millionen Kilometer Glasfaserkabel. Sie konsumieren Elektrizität und strahlen Wärme in einem Ausmaß ab, das die meisten industriellen Unternehmungen in der Geschichte der Menschheit übersteigt.

Die Maschinen der industriellen Revolution waren derart von Energiequellen abhängig, dass die Nähe zu einer solchen Energiequelle – an erster Stelle Wasser – häufig eine wichtigere Überlegung bei der Entscheidung für den Standort einer Fabrik war als der Vorrat von Rohmaterial oder die Verfügbarkeit von Arbeitskräften. Heutzutage werden Googles Datenzentren mit ähnlichen Einschränkungen konfrontiert.

Googles Vorstellung von Fortschritt ergibt sich aus seiner technologischen Vision. Newton und seine Kollegen waren von ihrem jüdisch-christlichen Weltbild geprägt und entfesselten eine Theorie des Fortschritts, in deren Mittelpunkt die menschliche Kreativität und der freie Wille standen. Google muss zögern. Falls der Weg zum Wissen tatsächlich die unendlich schnelle Verarbeitung aller Daten ist, und falls der Geist – jene Maschine, mit der wir die Wahrheit der Dinge anstreben – einfach nur eine logische Maschine ist, dann kann die Kombination von Algorithmus und Daten nur ein einziges Ergebnis hervorbringen. Eine solche Vision ist nicht nur deterministisch, sondern letzten Endes diktatorisch. Wenn es ein moralisches Gebot gibt, nach der Wahrheit zu streben und die Wahrheit nur durch die zentralisierte Verarbeitung aller in der Welt vorhandenen Daten gefunden werden kann, dann müssen alle Daten in der Welt wegen des besagten moralischen Gebots von einem Schafhirten in einem Pferch eingesammelt werden. Google kann es vielleicht bei guten Worten belassen, wenn es um die Privatsphäre geht, aber persönliche Daten sind der Todfeind ihres Weltsystems.

Schließlich schlägt Google etwas vor – muss es vorschlagen – das dem, was Newton konstruierte, als er einen verlässlichen Goldstandard für die Welt schuf, radikal entgegengesetzt ist: einen ökonomischen Standard, eine Theorie des Geldes und der Werte, der Transaktionen und der Informationen, die sie übermitteln.

Wie das freundliche Bild vom Cloud-Computing scheint Googles Geld- und Preistheorie auf den ersten Blick äußerst gutartig und in gewisser Hinsicht zutiefst christlich zu sein. Denn Google bestimmt, dass es, zumindest im Bereich unter seiner direkten Kontrolle, überhaupt keine Preise geben soll. Abgesehen von ein paar geringen (aber bedeutsamen) Ausnahmen, ist alles, was Google seinen „Kunden“ anbietet, umsonst. Internetrecherchen sind umsonst. E-Mails sind umsonst. Die gewaltigen Ressourcen der Datenzentren, deren Bau Google schätzungsweise 30 Milliarden Dollar kostete, werden im Wesentlichen kostenlos zur Verfügung gestellt.

Kostenloser Service ist kein Zufall. Wenn Ihr Unternehmenskonzept vorsieht, Zugang zu den Daten der ganzen Welt zu bekommen, dann ist Kostenlosigkeit eine Notwendigkeit. Zumindest für Ihre „Produkte“. Für Ihre Werbekunden sieht das ganz anders aus. Sie zahlen für die riesige Datenmenge und die Erkenntnisse, die sie bei der Verarbeitung gewinnen. Das alles macht die „Kostenlosigkeit“ möglich.

Und so fing es mit den Kaskaden der „Kostenlosigkeit“ an: kostenlose Landkarten mit phänomenaler Reichweite und Auflösung, die Google zum Marktführer mobiler und lokaler Dienste machten, kostenlose YouTube-Videos von strahlender Qualität und erstaunlicher Vielfalt, die auch zu einem bevorzugten Medium für Musik im Internet werden; kostenlose E-Mail-Konten von eleganter Schlichtheit mit verblüffenden Spamfiltern, mühelos einzubindenden Anhängen und mehreren Hundert Gigabyte Speicher, Links zu kostenlosen Kalendern und Kontaktlisten; kostenlose Android-Apps, kostenlose Spiele und kostenlose Internetsuche mit unübertrefflicher Geschwindigkeit und Effektivität, kostenlose, kostenlose, kostenlose, kostenlose Urlaubsdiashows, kostenlose nackte Frauen, kostenlose moralische Erbauung („Do the right thing“ – Mach es richtig); kostenlose Klassiker der Weltliteratur und schließlich kostenlose Antworten, maßgeschneidert für jeden Geschmack von Google Mind.

Was ist daher verkehrt an kostenlosem Service? Es ist immer eine Lüge, weil es am Ende nichts auf der Welt umsonst gibt. Sie tauschen dafür nicht messbare Dinge ein. Für den Augenblick eines kurzen Videos, das Sie womöglich gar nicht zu Ende sehen wollen, erklären Sie sich einverstanden, eine Werbung zu sehen, die lang genug ist, bevor man sie überspringen kann. Statt mit dem präzisen Tauschwert von Geld zu zahlen – und um damit etwas zu signalisieren –, bezahlen Sie mit der glatten Münze von Information und Ablenkung.

Von allen Gründungsprinzipien Googles ist der Preis null offensichtlich das großzügigste. Dennoch wird sich herausstellen, dass es nicht nur sein schädlichstes Prinzip ist, sondern auch der schlimmste Fehler, der Google selbst zum Verhängnis werden wird. Wahrscheinlich wird Google auch in zehn Jahren immer noch ein wichtiges Unternehmen sein. Recherche ist ein wertvoller Service und Google wird seine Suchmaschine weiterhin anbieten. Mit der Suche wird es seinen Wohlstand wahren, selbst mit einem Preis null. Doch Googles heimtückisches Weltsystem wird hinweggefegt werden.

KAPITEL 3

Googles Wurzeln und Religionen

Unter der Führung von Larry Page und Sergey Brin entwickelte Google die ganzheitliche Philosophie, die gegenwärtig unser aller Leben und Schicksal bestimmt. Dazu gehören eine Theorie des Wissens (mit dem Spitznamen „Big Data“), eine technologische Vision (zentralisiertes Cloud-Computing), ein Kult des Gemeinguts (verwurzelt in „quelloffener Software“), ein Konzept für Geld und Werte (auf der Grundlage kostenloser Güter und automatisierter Werbung), eine Moraltheorie („Geschenke“ statt Profite) und eine neue Vorstellung von Fortschritt als evolutionäre Unvermeidbarkeit sowie ein ständig sich abschwächender „CO2-Fußabdruck“.

Diese Philosophie beherrscht unser ökonomisches Leben in Amerika und zunehmend auch in der ganzen Welt. Als Google den Maschinen das „tiefgehende Lernen“ beibrachte und 2014 den Erfinder und Propheten Raymond Kurzweil einstellte, startete das Unternehmen eine Mission, um die Erkenntnisfähigkeit von Mensch und Maschine miteinander zu verschmelzen. Kurzweil nennt es „Singularität“, gekennzeichnet durch den Triumph des Rechnens über die menschliche Intelligenz. Man könnte sagen, Googles Netzwerke, Clouds und Rechenzentren haben schon viel davon erreicht.

Google war nie nur ein Computer- oder Softwareunternehmen. Von Anfang an, seit den späten 1990er-Jahren, als ihre Gründer noch in Stanford studierten, war es das Lieblingskind des Stanford Computer Science Department und eng verbunden mit der Finanzwirtschaft der Sand Hill Road in der Nachbarschaft. Der Ehrgeiz der Gründer ging über bloßes Geschäftemachen weit hinaus.

Die Firma wurde 1996 in den Laboren des neu eröffneten (Bill) Gates Computer Science Building ins Leben gerufen und kam in den Genuss der Schirmherrschaft seines Präsidenten John Hennessy, sodass sie Zugriff auf die gewaltigen Computerressourcen der Fakultät hatte. (2018 wurde Hennessy Vorstandsvorsitzender von Alphabet, Googles Holdinggesellschaft). In den Anfängen konnte Google auf die volle Bandbreite der T-3-Kabel der Universität zugreifen, später standen ihm großzügige 45 Megabits pro Sekunde zur Verfügung, und man pflegte Beziehungen zu Titanen aus der Risikokapitalbranche wie John Doerr, Vinod Khosla, Mike Moritz und Don Valentine. Die Informatik-Fachtheoretiker Terry Winograd und Hector Garcia Molina betreuten die Dissertationen der Gründer.

Sie rasten im Geiste Claude Shannons auf Inlineskates und in ausgelassener Stimmung durch die Flure der Computer-Science-Ruhmeshalle von Standford und hatten Umgang mit akademischen Größen wie dem begrifflichen Softwarekönig Donald Knuth, mit Billy Dally, einem Vorreiter der parallelen Informationsverarbeitung, und nicht zuletzt mit John McCarthy, dem Begründer der künstlichen Intelligenz.

Im Jahr 1998 leiteten Brin und Page den Kurs CS 349, „Data Mining, Search and the World Wide Web“. Andreas (Andy) von Bechtolsheim, der Gründer von Sun, Amazon-Gründer Jeff Bezos und Dave Cheriton, Netzwerkguru von Cisco, hatten das Google-Projekt mit beträchtlichen Investitionen bedacht. Stanford selbst erhielt 1,8 Millionen Aktien im Austausch für Googles Zugriff auf Pages Patente, die im Besitz der Universität waren (Stanford löste 2005 die Aktien für 336 Millionen Dollar ein).

Google zog 1999 von Standford in eine Garage in Menlo Park um. Sie gehörte Susan Wojcicki, einer Intel-Managerin und bald darauf CEO von YouTube und Schwester von Anne Wojcicki, der Gründerin des Genom-Start-ups 23andMe. Brins Hochzeit mit Anne 2007 symbolisierte die