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Moritz wäre gerne Jäger und glaubt, wenn er erst seine neuen Zähne hat, wird alles gut. Die Macheten-Bande entkommt dem Knast, während ein junger Fußballprofi büßen muss. Und ein Urlaubsparadies in Kambodscha wird durch zu hohe Wellen zur Hölle. Dorian Steinhoff erzählt, wie der Zufall über viele Lebenssituationen entscheidet. Wie Menschen ungewollt in Zwangslagen geraten und ohne eigene Schuld in Schlamassel schlittern. Und wie es immer auch diesen einen Moment gibt, in dem sie hätten Einfluss nehmen, in dem alles hätte gut werden können. In sieben Erzählungen geht Dorian Steinhoff der Frage nach, wie wir eigentlich unser Leben bestimmen. Er verleiht seinen Figuren einen rauen, direkten Ton und schafft es zugleich, sie in all ihren Niederlagen und Unzulänglichkeiten zärtlich und verletzlich wirken zu lassen. Und es gelingt ihm, sie auf eine ganz besondere Weise anzuleuchten.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Widmung
Macheten-Bande
Wasser
Eine Vorsichtsmaßnahme
Ansgar Boos
Frau Dinklage
Wenn es sein muss
Echt schön, diese Lilien
Schneeballsystem
Im Dachgeschoss
Code für die Welt
Dorian Steinhoff
Impressum
»Fahr uns mal da hin.«
— Bülent
1
Ist unvorstellbar, oder? Ich weiß auch nicht richtig, wie das passieren konnte. Es waren meine Freunde, ich glaube, das ist das Problem.
Normal lief es so: Die Jungs sind zu viert rein, maskiert und mit Macheten bewaffnet. Alle gleich angezogen, Strumpfmasken, schwarze Kapuzenpullis, schwarze Jeans, alle Brandings entfernt. Auch die Nahtmuster auf den Gesäßtaschen mussten vorher weg. Benny und Ceylan haben die Mitarbeiter fertiggemacht und Sammy und Bülent sind sofort zu den Automaten, mit Flex und Brecheisen. Mit fertigmachen meine ich in Schach halten, drohen, einschüchtern, das Übliche eben. Wenn jemand von den Bimbos Stress gemacht hat, gab’s eine drauf, ist aber nur ein Mal passiert. Der Typ sah dann auch ganz schön übel aus, bestimmt Kieferbruch, mindestens.
»Ruft doch wenigstens einen Krankenwagen«, sagte ich, als wir wieder im Wagen saßen. Aber Benny schrie nur: »Fahr, du Arschloch, soll der bluten, ist selber schuld.«
Es musste immer schnell gehen, die Bullen brauchte keiner rufen, die fuhren sowieso ständig vorbei, aber wenn nichts passiert ist, trauten die sich an manchen Ecken noch nicht mal auszusteigen. Die wussten, falls sie in der falschen Straße aussteigen, nur um einen Ausweis zu sehen, stehen da ganz schnell fünfzehn Leute und erklären denen, dass Kartoffelland hier zu Ende ist. Das Gewaltmonopol lag bei anderen, bei Leuten wie uns, jedenfalls dachten wir das.
Ich war der Fahrer. Ich war perfekt für den Job, ich sehe harmlos aus, unverdächtig, die Leute glauben heute noch nicht, dass ich zur Macheten-Bande gehörte. »Nee, mach kein Scheiß, verarsch mich nicht«, sagen Freunde von Juliane aus anderen Vierteln. Wenn ich die Leute raten lasse, was ich mache, sagen die meisten: Lehramtsstudent.
Hier in Moabit bin ich aufgewachsen. Ich war mein ganzes Leben nur von Kriminellen umgeben. Mein Bruder sitzt grade wieder im Knast. Er ist mit 16 von zu Hause weg, lebte auf der Straße und drehte jeden Tag ein kleines Ding, um durchzukommen. Ein bisschen Erpressung da, ein wenig Betrug hier, mal ein teures Fahrrad am U-Bahnhof klauen und ein paar Kids mit gestrecktem Stoff abziehen. Dabei konnte er noch besser kicken als ich, begnadet war der, der Trainer verglich ihn mit Cristiano Ronaldo, weil er schnell und beidfüßig und kopfballstark war, unglaublich enge Ballführung, schon mit 13. Er entschied sich gegen das Talent.
Auf dem Bolzplatz hinter unserem Wohnblock, da, wo wir gemeinsam unsere Kindheit verbrachten, beim Fußballspielen, da, wo wir von unseren Profikarrieren in Madrid und Manchester träumten und den Jubel in der Fankurve nach gewonnenen Spielen probten, da schnitten Nachbarn manchmal größere Stücke aus dem Kunstrasen, wenn sie einen neuen Wohnzimmerteppich brauchten. Auf der Straße hört man fast nichts Gutes über das Viertel hier. Nur den Multikulti-Hippies, denen gefällt es, die erfinden Wörter für den Niedergang, die nicht nach Niedergang, sondern nach etwas Neuem klingen. Moabitisch nennen sie es, wenn es auf jeder größeren Straße fünf Automatencasinos, fünf türkische Bäcker, fünf Callshops und fünf Gemüsehändler gibt. Das Einzige, was sie sich wünschen, diese Multikulti-Hippies, das sind bessere Fahrradwege, und dass es so schön bunt bleibt. Hier ist es nicht bunt, verdammt, hier ist es traurig, den meisten Leuten geht es mies und das einzig Neue ist ein Fahrstuhl am U-Bahnhof. Mit dem kommen die Krüppel, die nach den Schlägereien nicht mehr laufen können, jetzt auch zu den Bahnen.
Auf der Hauptschule sagten die Lehrer für eine Malerlehre braucht ihr mindestens mittlere Reife und auf der Realschule sagten sie wenn ihr Bankkaufmann lernen wollt, müsst ihr schon Abitur machen. In der Raucherecke, während der großen Pausen, wünschten sie sich dann die Prügelstrafe zurück, nur mit Elektroschocks statt Schlägen. Das hat mir mal ein Referendar gesteckt, der cool war. Der lud auch Handwerkermeister und Sozialarbeiter in den Unterricht ein. Ein Schlosser sagte einmal: Ihr seid nicht so dumm, wie ihr hier gemacht werdet.
2
Mit Ceylan, Sammy, Bülent und Benny war ich schon zusammen auf der Schule, von Anfang an. Wir waren alle in der Marienkäferklasse. In der vierten Klasse machte Bülent Titten aus den Punkten von dem großen Marienkäfer, der an unserer Klassenzimmertür hing. Er zeichnete um jeden Punkt auf dem Rücken des Käfers einen Kreis, und weil ich sagte, man erkenne überhaupt nicht, was das sein soll, schrieb er in seiner Kinderschrift Tittenkäfer oben drüber, Titten schrieb er nur mit einem »t«. Ich schrieb ein zweites »t« dazu, seitdem waren wir Freunde. Später gingen unsere Wege auseinander. Ceylan blieb sitzen, in der sechsten Klasse. Schlechter als er war vor und nach ihm niemand mehr auf der ganzen Schule. Er verweigerte komplett, wie ein Pferd, das keinen Bock hat, über diese Hindernisse zu springen. Er machte sich noch nicht mal die Mühe zu bescheißen, so wie ich. Außer mir schaffte keiner von uns die mittlere Reife. Ich hätte es auch nicht schaffen dürfen, aber mich ließen sie durchkommen, irgendwie. Am Nachmittag, auf der Straße, spielte das alles keine Rolle, deshalb verloren wir uns nie ganz.
Klar, Fußballer wollte ich schon immer werden. Es war mein Traum, bevor ich wusste, dass es mein Traum ist, bevor ich wusste, dass es einen Beruf wie Profifußballer überhaupt gibt. Es war einfach: Ich wollte immer Fußball spielen, jede freie Minute und den Rest der Zeit auch. Das fing in der Grundschule an. Wir spielten in der Pause und nach dem Unterricht. Wir benutzten unsere Schulranzen als Tormarkierungen, das Spielfeld war der ganze Schulhof. Der Ball war aus Schaumstoff, ein Softball. Was anderes war auf dem Schulgelände nicht erlaubt. Ich kam oft erst sehr spät nach der Schule nach Hause. Einmal kam meine Mutter sogar zur Schule, sie war ganz blass, so hatte ich sie noch nie gesehen. Sie blieb am Rand des Schulhofs stehen und ich wusste Bescheid und packte mir schnell meinen Ranzen. Auf dem Heimweg sagte sie kein Wort. Zu Hause brannte das Mittagessen an. Vor lauter Sorge hatte sie vergessen, den Herd auszumachen, und es stank noch sehr lange, beißend und schwer. Danach kam ich nie wieder zu spät.
Meine ersten richtigen Fußballschuhe waren Heiligtümer. Um sie mir kaufen zu können, sparte ich ein halbes Jahr. Ich sagte morgens zu meinem Vater: »Ich will richtige Fußballschuhe, mit Schraubstollen und so einer Lasche zum Umklappen.«
Er zog seine Augenbrauen zusammen, sie wurden zu einem großen schwarzen Balken über seinen Augen. Am Abend kam er zu mir, beinahe feierlich, er stellte eine Spardose auf meinen Schreibtisch. »Hier werfen wir jetzt jeden Monat zwanzig Mark rein«, sagte er.
Ich putzte die Schuhe jede Woche, immer am Samstagvormittag vor den Spielen. Mein Vater putzte das Auto, ich meine Fußballschuhe, Schaum und Schuhcreme, die Dinge waren in Ordnung.
Ich verzichtete auf vieles, legte Extraschichten ein, blieb nach jedem Training länger als alle anderen. Torschuss, Schnelligkeit, Ausdauer, ich rannte sogar jeden Tag zehn Mal die Treppen in unserem Haus rauf und runter. Als das zu lasch wurde, schnallte ich mir Bleigurte um die Hand- und Fußgelenke. Um robuster zu werden, machte ich Krafttraining, alles, was zu Hause ging. Also alles, was man mit zwei Kurzarmhanteln und Eigengewicht machen kann. Als ich alt genug war und mein Vater merkte, dass ich es richtig ernst meinte, zahlte er mir den Monatsbeitrag in einem günstigen Fitnessstudio bei uns im Viertel. Das war auch der Ort, an dem mein Leben sich mit dem meiner alten Freunde überschnitt, als sie von der Schule geflogen waren oder ständig blaumachten. Wir gingen zusammen pumpen. Mein Zusatztraining war unsere gemeinsame Freizeit. So blieb ich Teil der Crew, wusste immer Bescheid: Wer wen geschlagen hatte, wer wozu verurteilt worden war oder wer grade mit wem ins Bett ging. Was anderes kannte ich nicht. Hätte es das Fitnessstudio nicht gegeben, ich glaube, einiges wäre gar nicht passiert.
Meine Trainer bemerkten meinen Ehrgeiz, sie förderten mich. Ich durfte immer bei den Älteren trainieren, und sobald ich allen gezeigt hatte, was ich draufhatte, kam ich in den Kader, wurde vom Ersatz- zum Ergänzungsspieler und vom Ergänzungs- zum Stammspieler. Einer meiner ersten Jugendtrainer hatte mir gesagt: »Wenn du Profi werden willst, dann musst du ein Spieler sein, der den Unterschied ausmacht. Wegen dir muss deine Mannschaft auch an einem schlechten Tag gewinnen.« Und genau so ein Spieler wurde ich. Ich wurde auf meiner Position, zentral hinter den Spitzen, ein valuable player – wie man im Basketball sagt. Und dann kam das Angebot aus Babelsberg, 3. Liga. Ich mochte es, ein Neuzugang zu sein, der Hoffnungsträger. So wurde ich vor der Saison präsentiert: Der talentierte Deutsch-Türke aus Berlin, unser neuer Hoffnungsträger für die Offensive. Ich war der, dem die ganz treuen Fans nach dem ersten Training auf die Schulter klopfen und sich das neue Trikot unterschreiben lassen. Meinen Platz in der Mannschaft fand ich schnell. Alle sahen, was ich draufhatte, und freuten sich, mit mir zusammen spielen zu können. Ich beanspruchte meinen Platz, machte aber keinen auf Superstar, ich forderte den Ball, ging aber auch entgegen. Ich war, was man eine Verstärkung auf und neben dem Platz nennt. Als der Trainer bemerkte, dass ich voll einschlug, nahm er mich nach einem der ersten Spiele zur Seite. »Mach halblang, Junge«, sagte er, »sonst müssen wir dich in einem Jahr schon wieder verkaufen.« Er schlug mir auf den Po. Nach meinem ersten spielentscheidenden Tor titelte die Lokalzeitung: Bürkan ballert für Babelsberg! Ich wusste, wenn ich mich zwei Jahre gut präsentiere, dann kommt irgendein Angebot, dann kommt die 1. oder 2. Bundesliga. Ich stellte mir vor, wie ich mit Uli Hoeneß in einem Münchner Nobelhotel sitze, wie er mir in die Backe kneift und einen Scheck rüberschiebt. Und wie ich dann mäklig gucke und sage: »Uli, die Frau, der Umzug, wir wollen Kinder, häng doch noch eine Null dran, Uli.«
Im Stadion, bei den Spielen, tat ich so, als wären die Jungs gewöhnliche Fans, die ich nicht kenne. Ich besorgte ihnen Freikarten und ignorierte sie. Zu dem Zeitpunkt hatte ich eigentlich schon alles versaut.
3
Ich kann nicht sagen, wann und wie ich die Kontrolle verlor, vermutlich hatte ich sie nie. Kontrolle haben bedeutet, Nein sagen zu können, das weiß ich jetzt. Die Sonderkommission wurde nach dem Überfall auf den Vulkan Stern eingerichtet, unserem dritten, glaube ich. Zu diesem Zeitpunkt erhöhte sich die Aufmerksamkeit in den Medien stark. Die Gewalt war schuld, da konnten die Lokalreporter endlich mal die großen Kaliber auspacken, skrupellos, brutal, und all die anderen Wörter, nach denen sich jeder Herausgeber sehnt. Das stand dann richtig groß auf den Titelseiten der Zeitungen, die alle lasen. So entstand auch der Name: Macheten-Bande. Die Jungs fanden das geil, jede Art von Aufmerksamkeit war fame. Es ist verdammt einfach, als Verbrecher berühmt zu werden, Masken und Macheten reichen schon. Die Jungs verstanden nicht, dass wir mit diesen Berichten rasant auf den ersten Platz der Fahndungslisten gerückt waren. Uns kann niemand was, und wenn: We don’t give a fuck! Mit dieser Sicherheit zogen die vier nachts durch die Clubs und gaben das geklaute Geld für Drinks und Speed aus. Manchmal auch für die Tilgung alter Strafbefehle, aber nur, wenn es nicht mehr anders ging. Ich fragte nie nach meinem Anteil.
Tagsüber liefen sie im Viertel rum wie kleine Kalifen, glasige Augen und breitbeiniger Gang, sie hoben fremden Mädchen auf der Straße die Röcke hoch und lachten, wenn die Mädchen nach ihnen schlugen. Ich dachte auch nicht ans Gefasstwerden. Ich hing in Babelsberg und dachte ans Toreschießen und an die 2. Liga und an Juliane. Ich dachte, ich bin Fußballer, kein Krimineller, ich sorgte mich um meine Freunde, aber nicht um mich. Ich dachte, ich habe damit nichts zu tun. Wenn ich mich ablenken wollte, meldete ich mich freiwillig beim Platzwart und half beim Kreiden. Ich mochte es, über den Platz zu laufen und hinter mir eine gerade weiße Linie zu ziehen. Ich markierte das Spielfeld, ich setzte die Regeln um, aus Regeln wurden weiße Linien, etwas Sichtbares, an das sich gehalten wurde, das fühlte sich gut an. Selbst die Knastis halten sich an die Regeln, wenn sie Fußball spielen, Aus ist Aus. Im Verein ahnte niemand etwas, ich kam immer pünktlich zum Training.
4
Juliane sah ich das erste Mal in der U-Bahn, das war ein paar Monate, bevor ich in Babelsberg unterschrieb. Sie ging schnell an mir vorbei, ohne mich anzusehen, mit festem Schritt. Die Luft, die mit ihr vorbeiwehte, roch blumig, aber nicht nach Parfum. Heute weiß ich, ihre Haut riecht so, von dem Duschgel und der Creme, die sie benutzt. Ich fand sie vor allem schön, wusste aber nicht, warum. Nichts an ihr war scharf, sie bemühte sich nicht, aufzufallen, so wie es die Frauen tun, die ich kenne, mit Ausschnitt, Glitzer, Make-up, Haarteilen und so was. Keiner, den ich kenne, hätte sie angeguckt. Ich ging ihr einfach hinterher. Sie hatte einen Platz ganz hinten im Wagen gefunden, um sie herum war alles besetzt. Ich stand also wie falsch gelötet vor ihr und guckte sie an und fand sie sehr schön und fremd, ich versuchte zu grinsen. Sie schaute aus dem Fenster, sie sah mich überhaupt nicht, als wäre ich unsichtbar. Wenn ich jetzt Freunden davon erzähle und sie dabei ist, lehnt sie ihre Stirn von der Seite an meinen Kopf und berührt mich am Oberschenkel. Juliane studiert Jura, sie ist ein classy girl. Solche Begriffe benutzen ihre Freunde oft, sie sagen auch awesome, wenn ihnen etwas gut gefällt. Ich verstehe oft nicht, was sie meinen. Aber mittlerweile weiß ich, was ein classy girl ist: Ein Mädchen, das zur Maniküre geht, ohne sich von der Kosmetikerin lange lila Fingernägel aufkleben zu lassen. In Moabit haben fast alle Mädchen lila Plastiknägel. Wer sich das nicht leisten kann, lackiert sich die Nägel lila und klebt vielleicht noch irgendwas drauf, das glitzert. Ich finde, Juliane sieht wohlhabend und gesund aus. Ihre Schultern sind schmal. Ihr Schlüsselbein ist wahrscheinlich die schönste Stelle ihres Körpers. Von den Jungs hielt ich sie fern, so gut es ging, wie vom Rest meines Lebens, das bisher so anders verlaufen war als ihres. »Meine Haustiere hatten es besser als du«, sagte sie einmal zu mir. Ohne Juliane hätte ich das alles nicht durchgestanden.
5
Das Vulkan-Stern-Ding lief komplett schief, dabei waren wir gut vorbereitet, wie sonst auch. Bülent legte den Überfall wie immer auf den Tag am Monatsende, bevor die Automaten geleert wurden, ist klar, dann ist am meisten Kohle drin. Wir waren gut drauf, wir hatten Bock, auf dem Weg hörten wir Hundert Metaz von Tony D. An der Stelle mit der Machete jubelten wir und schrien »Yeah!«, Sammy trommelte neben mir auf dem Armaturenbrett rum.
Ich glaube, sie zogen sich vor den Aktionen immer was rein. Ernst und konzentriert war auf diesen Fahrten nur Bülent. Er saß hinten in der Mitte und guckte grimmig und schwieg. Spielführer, Steuermann, Pascha, nennt es, wie ihr wollt, Bülent konnte Leute beeinflussen, ich weiß zwar nicht, wie das funktioniert, was er da mit uns anstellte, ich kapierte nicht, warum ich in diesem Auto saß, ich weiß nur: Ich saß drin. Bülent war es auch, der irgendwann zu mir gesagt hatte: »Fahr uns mal da hin.«
Ich hatte geantwortet: »Ich weiß nicht.«
Und Bülent hatte gesagt: »Komm schon, wir gehen.«
Und wir gingen los und ich fuhr. Mir wurde damals klar, dass ich noch nie Nein zu Bülent gesagt hatte. Seit wir uns kennen, habe ich nicht ein Mal Nein zu ihm gesagt. Keine Kontrolle, sagte ich ja schon. Ab dem Moment, in dem wir die Masken aufzogen und die Jungs die Macheten und das Werkzeug in den Händen hielten, sprach keiner mehr. Die Jungs, die wir waren, waren verschwunden, unter Wolle und Größenwahn.
Man kann es sich denken, und es war wirklich so: Die Minuten, die ich wartend vor dem Laden im Auto saß, waren unendlich lang und ich rechnete jeden Moment damit, von schwer bewaffneten Einsatzkommandos umzingelt und direkt erschossen zu werden. Immer wenn ich an das Scheitern einer Aktion dachte, dachte ich daran, erschossen zu werden, nie an Festnahme. Ich glaube, es erschien mir attraktiver, erschossen zu werden, dann wäre es einfach vorbei, zack, tot. Eine Festnahme, das ahnte ich, wäre nur der erste Höhepunkt einer noch viel größeren Katastrophe.
Die Nummer dauerte mir zu lange, ich hatte ein mieses Gefühl, Paranoia, ich dachte, jeder Typ, der telefonierend an unserem Wagen vorbeilief, gibt grade den Bullen dein Nummernschild durch. Also zog ich mir eine Maske über und bin rein, nachgucken, was so lange dauert.
Der Mitarbeiter kniete in einer Pfütze vor der Theke auf dem Boden. Ceylan drehte ihm von hinten den Arm auf den Rücken und hielt ihm die Machete an den Hals. Benny schmiss Flaschen direkt vor ihm auf den Boden, dem Verkäufer spritzten Bier und Splitter ins Gesicht, er heulte leise. Sammy und Bülent waren irgendwo.
»Wo ist die Kohle, wo ist die Scheißkohle?«, schrie Benny.
»Ich schneid dir die Kehle durch«, sagte Ceylan. »Das ist hier nicht Tigerentenclub.«
»Wo ist Bülent?«, fragte ich.
»Hinten«, sagte Ceylan.
Die Regale waren leer gefegt, Aktenordner lagen auf dem Boden, das ganze Büro war verwüstet, sogar den Schreibtisch hatten sie umgeworfen, und Sammy sah mich an, als wäre nichts passiert, er grinste mitten in diesem Chaos und sagte: »Atombombe, Alter!«
Bülent zog grade ein Sideboard zur Seite, dahinter war ein kleiner Tresor in die Wand eingelassen. »Bülent, wir müssen abhauen, das dauert zu lange«, sagte ich.
»Bring den Bimbo her«, sagte er. Ich ging zurück nach vorne, ich tat, was er sagte, ich war voll drin, Scheiße, dachte ich, du bist kein Fußballer, du bist ein fußballspielender Gangster – und es gefällt dir. Und dieser Gedanke war neu.
»Bringt ihn nach hinten«, sagte ich zu Benny und Ceylan. Der Typ blutete übel im Gesicht, die beiden hatten ihm mit der Machete die Stirn geritzt. Er jammerte: »Ich arbeite erst seit einer Woche hier, ich weiß nichts.«
»Fresse«, sagte Benny, schlug ihm auf den Hinterkopf und schleifte ihn ins Büro. Bülent trat ihm von hinten in die Kniekehlen, der Typ knallte auf den Boden und fiel zur Seite. Bülent richtete ihn wieder auf, dann hockte er sich vor ihn. Er hob ihm das Kinn an und schaute ihm direkt in die mit Blut vollgelaufenen Augen. Der Typ kann gar nichts sehen, dachte ich, fuhr mir mit der Hand über den Mund und spuckte auf den Boden.
»Wie ist der Code?«, fragte Bülent.
Sammy legte ihm von hinten die Machete auf die Schulter.
»Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht«, sagte der Typ. Bülent stand auf und trat ihm ins Gesicht. Sein Kopf knallte weg, ungebremst auf den Boden, und er blieb gurgelnd und röchelnd liegen, sein Gesicht sah schief aus, als hinge der ganze Unterkiefer an einer dünnen Angelschnur im Wind.
»Gehen wir«, sagte Bülent. Benny stopfte sich noch die Taschen mit Zigaretten voll.
6
Die Bude in Babelsberg war meine erste eigene Wohnung, erster Stock, Zweitbezug im Mehrfamilienhaus, Putzplan und Müllabfuhrkalender im Hausflur. Super war das, nicht nur, weil ich endlich Fußballer war, ein richtiger Spieler, mit Vertrag und mit einem Verein, der einem die Trikots wäscht. Denn vor allem war ich raus aus Moabit, auch wenn es nur eine halbe Stunde weit weg war, ich war raus.
Und auf einmal war ich von dieser Stadt umgeben, die so aussieht, als ob alte Leute mit Gelenkschmerzen und dicken Beinen gerne herkommen, um sich zu erholen, ich hatte das Universum gewechselt. Juliane konnte endlich auch zu mir kommen, wir mussten nicht mehr in ihrer WG rumhängen, wo die Mitbewohner ihre Zimmertüren abschlossen, wenn ich da war und sie gingen. Sie wurde ein richtiger Teil meines Lebens, meine feste Freundin, nicht nur meine reiche deutsche Bumse.
Es gab zwei Zimmer in meiner Wohnung, einen großen Raum, offen zur Küche hin, für Wohnen und Essen, und mein Schlafzimmer, Raufasertapete und weiße Fliesen im Bad. Von meinem Handgeld bezahlte ich die Einrichtung, nichts Teures, fast alles von Ikea, viel Weiß, einen Ficus, Juliane beriet mich. Das war ein schöner Nachmittag mit ihr bei Ikea. Auf ein paar Sachen wäre ich ohne sie gar nicht gekommen, Badematten zum Beispiel. Wer braucht Badematten, wenn er immer warme Füße hat, so wie ich? Ich kaufte sie trotzdem, ihr zuliebe. Nur meinen Fernseher und mein Bett, die kaufte ich nicht bei Ikea, mein Bett bestellte ich bei Yusuf. Yusuf ist Schreiner und ein Freund meines Vaters. Ich bestellte mir ein Bett aus Kirschholz, ich wollte schlafen wie ein König. So bestellte ich auch, »Yusuf, bau mir ein Bett für einen König«, sagte ich. Und als ich bezahlen wollte, schüttelte Yusuf den Kopf. »Zahl nur das Holz«, sagte er. Ich war 21, Fußballprofi, meine Freundin ein classy girl, ich war unschlagbar! Bis die Jungs in Babelsberg auftauchten.
Sie kamen, ohne vorher anzurufen oder anders Bescheid zu sagen. Eigentlich war es ein Überfall, sie machten es genauso wie mit den Typen, die sie in Hofeingänge zerrten, nur dass sie mich nicht schlugen, sondern belagerten. Und es galt wie immer: Wer sich wehrt, kriegt es härter. Das wusste ich von ihnen, wie sie von mir wussten, dass man mich nur genug drängen muss, damit ich zu allem Ja sage. Wie früher im Fitnessstudio, wenn ich sagte, ich könne nicht mehr, und Bülent mir beim nächsten Satz trotzdem immer noch fünf Kilo mehr drauflegte. Ich weiß noch, wie mir deshalb beim Bankdrücken einmal die Stange so auf die Brust fiel, dass ich mehrere Minuten lang nicht richtig atmen konnte. Hilfestellung hatte mir niemand gegeben.
Ich öffnete die Tür, und sie gingen einfach an mir vorbei, Bülent tätschelte mich an der Seite wie einen Haushund, als besuchten sie die Wohnung und nicht mich. Ceylan legte sich direkt aufs Sofa. Er schaute sich um und lobte die Wohnung.
Juliane war da und flüchtete ins Bad, um sich was Richtiges anzuziehen. Danach verabschiedete sie sich schnell und unauffällig. Ich zeigte Benny grade den Kühlschrank und sah nur im Augenwinkel, dass sie ging.
»Wo ist Juliane denn hingegangen, hat sie was gesagt?«, fragte ich nach einer Weile. Die vier lagen mittlerweile alle auf meiner Couch. Ich saß davor, auf dem Boden. Sammy legte sich eine erste Line.
»Nee, keine Ahnung, ist einfach gegangen«, sagte Bülent. »Ist aber nicht schlimm, wir müssen hier gleich kurz ein Geschäft machen, will sie bestimmt nicht mitbekommen.«
»Habt ihr mal drüber nachgedacht, ob ich das mitbekommen will?«, fragte ich.
»Was los, Alter, nur weil du jetzt hier in Zuckerwatteland auf Fußballer machst, sind wir nicht mehr deine Freunde, oder was?«, sagte Bülent.
»Hast du Traubenzucker?«, fragte Sammy.
»Was, nein, habe ich nicht«, sagte ich.
»Dann besorg du uns mal Traubenzucker«, sagte Bülent.
Er hatte die Arme ausgestreckt und auf der Lehne des Sofas abgelegt, breit sah er aus, breit war auch sein Gesicht, mit harten Bartstoppeln bis runter zum Hals, die Wangen grau und die Augenränder tief und blau. Er grinste mich an, ich sagte nichts. Ich zog mir Schuhe und Jacke an. Als ich dann nur mit dem Traubenzucker an der Kasse stand, ging ich nochmal zurück und kaufte Bier und Chips und M&Ms. Die Kassiererin guckte mich nicht an.
Als ich wiederkam, hingen sie in meiner Wohnung wie ein Rudel Hyänen, es roch herb, nach Talg in Jeansstoff und billigem Männerdeo.
»Nice«, sagte Sammy, »gib mal noch ne Schüssel.«
Benny öffnete ein Bier an der Kante meines Couchtisches, ungeschickt, mit viel Kraft, ein Stück Tisch bröckelte ab, der Lack war hin.
»Scheiße, Benny, Scheiße«, sagte ich. Aus einer Plastiktüte schüttelte Sammy Speed in die Schüssel, es staubte und ich dachte an Puddingpulver, das auch immer staubte, wenn man es in die Schüssel kippte. Aber das hier roch wie Scheuermilch, ätzend, nur ohne Zitrusaroma. Sammy schüttete Traubenzucker zu dem Speed in die Schüssel. »Mach noch bisschen mehr«, sagte Bülent.
Alle tranken Bier. Ceylan bewarf mich mit M&Ms: »Mach den Mund auf, du musst den Mund aufmachen«, sagte er. Ich zählte mit, wie viele M&Ms er warf, damit ich später, beim Aufräumen, weitersuchen konnte, bis ich alle gefunden hatte, auch wenn sie unterm Sofa lagen. Der schlimmste Dreck ist da, wo man nicht hinsieht. »Es ist wirklich gut, bei dir zu sein«, sagte Bülent. »Wir vermissen dich zu Hause, weißt du«, sagte er.
Dann klingelte es an der Tür. Ein Typ mit zotteligen Haaren und Lederjacke kam die Treppe hoch, superenge Jeans und sehr dünne Beine, der Schritt hing zu tief, er hatte Löcher in den dreckigen Schuhen. So ein Abgefuckter, einer von den Druffis, dachte ich.
»Schuhe ausziehen?«, fragte er.
Bülent kam uns entgegen und begrüßte den Typen mit Küsschen links und Küsschen rechts, wie einen Freund, souverän machte er das, erwiderte die Höflichkeiten, alles klar, wie geht’s, gut, schön, freut mich, was zu trinken? Und dann: »Wie viel willst du?«
Mittlerweile stand eine kleine Waage auf dem Couchtisch. Ich zog die Vorhänge zu, alle lachten.
»Unser Freund, der Hosenscheißer von Babelsberg«, sagte Sammy. Ich war wütend.
»Mach mir fertig, was ihr dahabt, aber packt es in fünf Tütchen bitte«, sagte der Druffi. Sammy begann das Wiegen und das Abpacken, er hatte ruhige Hände und war geübt. Ich schaute ihm gerne zu und beruhigte mich dabei wieder. Neben ihm und der Waage und dem Speed stand der Traubenzucker: Das Streckmittel stand noch auf dem Tisch.
»Probier mal«, sagte Bülent. Er schob dem Druffi eine Line auf einer CD-Hülle rüber.
»Ist so sauber wie die Bürgersteine in Babelsberg«, sagte er. Mit einem Kopfnicken und großen Augen machte ich Ceylan auf den Traubenzucker aufmerksam. Er fluchte stumm und stieß Bülent an, und Sammy wog und verpackte, wog und verpackte, mit Händen, die wie Roboterpinzetten arbeiteten. Der Druffi zog das Speed von der CD-Hülle.
»Wie läuft denn der Dreh?«, fragte Bülent. Seine Augen sahen hart aus, wie dunkle, viel zu große Sandkörner. Es funktionierte, der Druffi erzählte vom Dreh, angeregt durch das Speed redete er von Scheinwerferhitze, der scharfen Maskenbildnerin.
»Ein Arsch wie ein Pfirsich, zum Reinbeißen«, sagte er. Die Wiederholungen, absurdes Wiederkäuen von Satzfetzen, Papprequisiten, die aussähen wie Ming-Vasen: »Überhaupt, das Set«, sagte er, »das ist ne bizarre Traumwelt, zusammengehalten wird das nur von Megafondurchsagen und Kabeln, Hunderten Kabeln, kilometerlang. Kabel sind das Paketband des Filmsets. Und irgendwann kommt immer der Produzent vorbei, meistens, wenn es am Tag vorher scheiße lief. Überfreundlicher Typ, geweißte Zähne, hat für jeden eine Umarmung. Das Ganze ist so falsch, dass es schon stinkt. Und zwischendurch, in der Mittagspause, dann, wenn die anderen dran sind, zieh ich mir schön ne Nase vom Zauberpuder«, sagte er. Er sagte wirklich Zauberpuder, und Bülent lachte und berührte ihn am Oberarm. Ich saß immer noch auf dem Boden.
So ging das dann jede Woche, immer an einem anderen Tag, immer ohne Ankündigung, die Jungs tauchten auf, der Traubenzucker wurde leerer, der Tisch bröckelte weiter, ich ging pünktlich zum Training. In der Wohnung ging jedes Mal was kaputt oder fiel um. Aus diesen Besuchen wurden Partys, ich kaufte das Bier und den Wodka, von dem Geld, das sie für das Speed bekamen. Die Jungs legten die Füße hoch und tranken und schliefen vollkommen besoffen auf dem Sofa und in der Badewanne. Bülent ging immer irgendwann und kam morgens mit Saft und Brötchen wieder. Jedes Mal kotzte einer, immer ein anderer. Der Geruch der Jungs wurde zum Geruch der Wohnung. Ich besuchte Juliane wieder öfter in Berlin. Wir schliefen seltener miteinander.
Irgendwann fragte ich Bülent: »Wie lange soll das eigentlich noch so gehen?«
»Du hast recht«, sagte er, »wir sollten ein paar Ladys dazu einladen.«
Jörg, so hieß der Druffi, kam, erzählte aus seinem Schauspielerleben, von seinen Reisen nach Indien und Iran und in die USA. »Die Augen der Kinder sehen überall gleich aus«, sagte er, »sie sehnen sich nur nach unterschiedlichen Dingen, aber die Sehnsucht ist dieselbe«, sagte er, der Schauspieler, er schaute Sammy auf seine genauen Hände, dann nahm er das Speed mit, das gestreckte Speed, für das er zu viel bezahlte. Und an einem dieser Abende sagte Bülent das erste Mal diesen Satz: »Fahr uns mal da hin.«
7
Beim sechsten Mal sagte ich nicht, ich kann heute nicht. Ich sagte nicht, ich bin raus, lasst mich in Ruhe. Ich stellte mich schlafend, ich ging einfach nicht ans Handy. Ich wusste, dass sie vorbeikommen würden, ich wusste, dass sie zum Training kommen würden, wenn ich die Tür nicht aufmachte. Ich wusste, dass sie zum nächsten Spiel kommen würden, wenn ich nicht zum Training gehen würde. Ich wusste, sie würden bei Juliane auf mich warten. Ich wusste, es gab kein Entkommen, alles war vorbereitet, der nächste Überfall, aber ich ging nicht ans Handy, ich verkroch mich, und an diesem Tag wurden wir festgenommen. Die Jungs auf frischer Tat, mich holten sie aus dem Bett, SEK, großer Aufwand, die Nachbarn schauten aus den Fenstern. Nur in Jogginghose und Unterhemd wurde ich abgeführt, vorbei am Putzplan und am Müllabfuhrkalender, die Hände auf dem Rücken. Wir wurden einzeln verhört. Ich antwortete wahrheitsgemäß, ohne die anderen zu belasten, ich sagte nicht, wer dem Typen den Kiefer gebrochen hatte. Ich sagte: »Ich war der Fahrer«, sonst nichts. Es hätte glimpflich laufen können, ich hätte der Mitläufer sein können für die Bullen, der Typ, der eben auch dabei war, der ein Abenteuer nötig hatte oder so, dummer Idiot, was soll’s, Bewährung, ein bisschen was für die Zeitungen und zurück auf den Fußballplatz. Aber meine Freunde sagten einstimmig aus, ich sei der Kopf der Bande gewesen, die Masken, die Macheten, alles meine Idee. »Er hat die Beute versteckt«, sagten sie.
Alles haltlos natürlich, aber erst mal durfte ich nicht wieder raus, Untersuchungshaft, anderthalb Jahre war ich drin, Einzelzelle, bis zum Urteilsspruch. Liegestütze und Fernsehen, mehr konnte ich nicht machen. Die Jungs waren einen Tag nach der Festnahme wieder draußen, irgendjemand musste direkt Kaution für sie hinterlegt haben. Die anderen? Juliane, Mama und Papa, der Verein? Fassungslos, viele Tränen, dann Wut, dann Abgeklärtheit, Durchhalteparolen, Ungewissheit, Funktionieren, alles ganz schnell hintereinander, wie Gestörte.
»Geld hättest du auch von uns haben können«, sagte Papa.
»Wie soll es denn jetzt weitergehen?«, fragte Mama.
»Wie soll ich dir je wieder vertrauen?«, sagte Juliane.
»Scheiße, du Idiot, du wurdest definitiv von Bundesligisten beobachtet«, sagte der Trainer.
Alle hielten zu mir. Sie sagten nicht, wir hauen dich hier raus und dann geht’s weiter, als wäre nichts gewesen. Aber sie sagten, wir stehen das durch und gucken dann, ob es gemeinsam weitergeht. Auch Juliane reagierte so. Sie schleppte sogar ihren Strafrechtsprofessor an, zur Rechtsberatung, das muss man sich mal überlegen, sie sagte zu ihm wahrscheinlich so was wie: »Herr Professor, mein Freund ist ein Verbrecher, ich brauche Ihre Hilfe.«
Das tat sie für mich.
Das klappte alles nur, weil ich Fußballer bin, klingt doof, ist aber so. Jeder von ihnen wusste, wenn wir ihn schnell wieder rauskriegen, kann er spielen, und wenn er spielt, ist alles gut. Talent, das lernte ich jetzt erst richtig, bedeutet, Chancen zu haben, mehr als eine.
Das Urteil war hart, drei Jahre und neun Monate ohne Bewährung, wegen schweren bandenmäßigen Raubes. Wir konnten nicht beweisen, dass ich nur gefahren bin. Wir haben Berufung eingelegt, ich bin auf Kaution draußen, mein Vater hinterlegte 10.000 Euro für mich. Über die weitere Verbüßung der Strafe wird grade neu verhandelt. Ich will Fußball spielen, mehr weiß ich nicht, und dass ich Juliane liebe und allen unendlich dankbar bin. Außer den Jungs natürlich. Die sind auch draußen, auf Bewährung, die belastenden Aussagen gegen mich, die Milde des Jugendstrafrechts, so einfach geht das.
»Soll ich bei denen mal ein paar Leute vorbeischicken?«, fragte mein Vater.
»Nein«, sagte ich.
Sobald klar ist, wie es weitergeht, darf ich wahrscheinlich auch wieder am Mannschaftstraining teilnehmen, mein Trainer kümmert sich darum. Er werde ein gutes Wort bei der Geschäftsführung für mich einlegen, sagte er. Offener Vollzug, Freigang, verkürzte Haftdauer, darauf hoffe ich. Im Moment halte ich mich mit Laufen fit und mit Ball- und Kraftübungen, alles alleine, ich wiege vier Kilo zu viel, den Muskelkater bekämpfe ich mit Pferdesalbe. Bülent habe ich gestern zufällig auf der Straße getroffen. Wir gingen in einen Park und blickten auf die Bäume. Es war ziemlich schön, und wir wussten, wir würden uns nie wiedersehen. In meiner Wohnung liegen noch elf M&Ms, ich weiß nur nicht, wo und in welchen Farben. Aber sie sind da.
»Hallo Meer, wir kommen, wir kommen.«
— Lotte
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»Mushroom Point
