Das Lied der Wächter - Das Erwachen - Thomas Erle - E-Book
Beschreibung

Seit einem verheerenden Atomunfall vor 16 Jahren gilt der Schwarzwald als unbewohnbar - die Bevölkerung wurde evakuiert und die gesamte Region zur Sperrzone erklärt. Die Menschen waren zunächst verunsichert, haben sich aber nach über einem Jahrzehnt wieder eingerichtet in ihrer heilen Welt. Doch die Regierung spielt seit Jahren ein falsches Spiel. Denn die Gefahr, die in dem verstrahlten Gebiet lauert, ist so viel größer, als sich die Menschen vorstellen können: Eine unerklärliche Kraft scheint alles Leben zu bedrohen …

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Beliebtheit


THOMAS ERLE

DAS LIED DER WÄCHTER

ROMAN

DAS ERWACHEN

Impressum

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Das Lied der Wächter – Der Gesang (2019); Das Lied der Wächter – Das Erwachen (2018); Mörderisches Freiburg (2018); Hochburg (2017); Höllsteig (2015); Freiburg und die Regio für Kenner (2015); Blutkapelle (2014); Teufelskanzel (2013)

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

3. Auflage 2019

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © julianpictures/fotolia.com

ISBN 978-3-8392-5842-2

Zitat

In den Wäldern sind Dinge,

über die nachzudenken

man jahrelang im Moos liegen könnte.

Franz Kafka

Kapitel 1

»Wie fühlst du dich?«

»Super!«

Martin wartete einen Moment, bis Nadja zu ihm aufgeschlossen hatte. Der Aufstieg hatte ihr die Röte in die Wangen getrieben. Sie verschnaufte und strich sich eine Locke aus der Stirn.

»Vor allem bei einem solchen Ausblick.«

Martin musste seiner Frau recht geben. Der Schwarzwald zeigte sich an diesem Spätsommermorgen von seiner besten Seite. Die Sonne hatte das Wipfelmeer der Tannen und Fichten mit silbrigem Grau überzogen. Die wenigen Laubbäume bildeten leuchtende Tupfer in Gelb, Orange, Rot und Braun. Rasch stieg die Sonne im Osten nach oben und vertrieb im Zastlertal zu ihren Füßen die Schatten der Nacht. Der Gipfel des Schauinsland leuchtete in warmem Gelb. Im Norden erahnte man den Rosskopf.

»Es sieht ganz so aus, als hätten wir heute Alpensicht. Das wäre die Krönung. Und es ist wirklich nicht zu viel für dich?«

Nadja lächelte. Seit der Schwangerschaft und der Geburt ihres ersten Kindes war Martin rührend um sie besorgt. Ihr Mann, der sich als gefragter IT-Techniker im täglichen Arbeitskampf abrackerte, zeigte sich von einer Seite, die er nur allzu oft verborgen gehalten hatte. Der kleine Felix hatte ihn vollkommen bezaubert.

»Keine Sorge. Ich genieße es. Ich bin dir dankbar, dass du uns das ermöglicht hast.«

Martin nickte. Er wusste, wie viel es seiner Frau bedeutete. Aber auch er hatte die gemeinsamen Wanderungen während Nadjas Schwangerschaft und in den Wochen nach der Geburt vermisst. Schon bald würde es kalt werden, und Tage wie heute würde es für einige Monate nicht mehr geben. Er hatte alles vorbereitet. Es war nicht leicht gewesen, doch dieses Mal hatte er in der Firma auf seinem Resturlaub bestanden. Felix war inzwischen fast ein halbes Jahr alt, sodass Nadja bereit war, ihn wenigstens für einen Tag in die Obhut seiner Schwägerin zu geben.

Die Tour, die er ausgesucht hatte, führte nicht nur über die schönsten Wege im Schwarzwald, sondern bot auch die Möglichkeit zur Variation. Als Ziel hatte er Menzenschwand ausgewählt, wo sein Onkel ein hübsches Bauernhaus mit einer kleinen Pension besaß. Dort konnten sie übernachten und am nächsten Morgen nach Freiburg zurückfahren. Falls Nadja sich zu viel zugemutet hatte, gab es mehrere Möglichkeiten, die Tour unterwegs abzubrechen und mit Taxi und Bus vorzeitig nach Hause zu gelangen.

Nadja umarmte ihren Mann und küsste ihn. »Du bist ein Schatz«, raunte sie. »Ich bin froh, dass es dich gibt!« Für einen langen Moment verschmolzen beide zu einer Einheit.

Plötzlich fuhr Nadja zurück.

»Was ist? Hat dich etwas gestochen?« Martin drückte sie wieder an sich.

»Hast du es nicht gespürt? Dieses Zittern?«

Martin lachte. »Natürlich, mein Schatz. Wenn wir uns küssen …«

»Nein, das meine ich nicht.« Sie ging einen Schritt zur Seite und lauschte. Irgendwo im Wald hinter ihnen krächzte eine heisere Vogelstimme.

»Was soll denn sein? Ich …«

Ein leises Summen ertönte, das in Sekundenschnelle von Westen zu ihnen herandrang und zu einem dumpfen Grollen anwuchs.

»Da war es wieder! Hast du es auch gespürt?«

Martin stand still. Dann nickte er.

»Seltsam. Was könnte das sein?« Nadja trat zu ihrem Mann und fasste ihn an der Hand.

»Ich weiß es nicht. Ein Flugzeug vielleicht. Oder ein Güterzug, unten in der Rheinebene. Bei Westwind kann der Schall ziemlich weit getragen werden.« Er hob den Kopf. »Sieh mal.«

Nadja folgte seinem Blick. In die Baumkronen über ihnen war Bewegung gekommen. Die Wedel der riesigen Tannen schwangen hin und her, als habe ein Riese an ihrem Stamm gerüttelt. Wenige Sekunden später war alles wie zuvor. Die Äste hingen träge in der Stille des Waldes.

»Das war kein Zug.« Nadja schüttelte langsam den Kopf. »Mir ist das unheimlich. Ich will weitergehen. Am besten nach Hause. Felix …«

»Unserem Sohn geht es gut. Glaub mir, er ist bei Veronika bestens versorgt.«

»Trotzdem. Lass uns wieder umkehren. Ich habe kein gutes Gefühl.«

»Jetzt schon? Aber du hattest dich doch so auf diesen Tag gefreut!«

»Es tut mir leid. Ich weiß, dass du dich so sehr dafür eingesetzt hast, mir das möglich zu machen. Aber wir holen das nach, ich verspreche es.«

Martin konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. Trotzdem kannte er seine Frau so gut, dass er wusste, dass es keinen Sinn haben würde, sie umzustimmen. »Ich habe eine Idee. Ein Kompromissvorschlag. Wir kürzen das Ganze ab. Kein Herzogenhorn. Kein Menzenschwand.«

Nadja hob den Kopf. Mit dieser prompten Reaktion hatte sie nicht gerechnet.

»Auch wenn Onkel und Tante enttäuscht sein werden. Dafür besuchen wir sie am nächsten Wochenende. Mit Felix.«

Über Nadjas Gesicht huschte ein Lächeln. »So machen wir es.« Sie nickte. »Das läuft uns alles nicht davon. Ich gedulde mich lieber, als dass ich den Rest des Tages mit einem komischen Gefühl herumlaufe.« Sie streifte ihren Rucksack vom Rücken, zog eine Trinkflasche heraus und nahm mehrere kleine Schlucke. »Kräutertee ist doch das Beste beim Bergwandern.«

Sie trank erneut und bot die Flasche Martin an. Er hatte ebenfalls seinen Rucksack abgenommen und riss zwei Müsliriegel auf. »Pfirsich-Maracuja oder Walnuss-Mandel?«

»Fruchtig, das weißt du doch!« Nadja nahm den rötlichen, klebrigen Riegel und biss hinein.

»Und was ist der Kompromiss?«

»Welcher Kompromiss?«

»Der Haken an der Sache.« Nadja war sich sicher, dass Martin noch eine Idee in der Hinterhand hatte. »Bei einem Kompromiss stimmt man dem anderen zu, erwartet aber ein Entgegenkommen. Also?«

Martin schmunzelte. »Dir entgeht aber auch gar nichts.« Er kaute ruhig auf seinem Riegel weiter. »Ich habe mir Folgendes gedacht. Wir gehen von hier aus nicht gleich zurück …«

»Aber …«

»… sondern steigen einfach weiter hoch. Die Entfernung nach oben ist etwa genau so weit wie zurück zur Bushaltestelle. Am Feldbergpass steigen wir in den Bus nach Bärental und fahren mit dem Zug zurück nach Freiburg. Wenn alles klappt, sind wir am frühen Nachmittag wieder zu Hause. Vom Zastlertal aus gibt es um diese Zeit sowieso keine Verbindungen. Wir müssten uns ein Taxi aus Kirchzarten bestellen. Das dauert auch seine Zeit. Und teuer ist es außerdem.«

Nadja antwortete nicht. Nüchtern betrachtet hatte Martin recht. Der Vorschlag klang gut. Außerdem kam es letztlich nicht auf eine Stunde mehr oder weniger an.

»Na schön«, sagte sie schließlich. »Das hört sich vernünftig an.« Sie setzte sich auf sein Knie und legte den Kopf an seine Brust. »Ich will dich ja nicht nerven. Aber das von vorhin … Ich habe einfach ein ungutes Gefühl.«

»Reden wir nicht mehr davon.« Martin küsste sie auf den Hals. »Außer …«

»Außer?« Nadja richtete sich auf und sah ihn an. »Nun sag schon, wo ist der Haken?«

Martin lächelte. »Wir gehen nicht den großen Bogen auf dem Hauptweg am Seebuck vorbei. Wir nehmen den Alpinen Pfad. Der ist zwar steiler und anspruchsvoller, aber um einiges wilder. Und romantischer.«

Nadjas Augen leuchteten. »Der Alpine Pfad! Aber der ist doch schon seit Jahren aufgegeben. Kommt man da überhaupt noch durch?«

»Das werden wir sehen. Ein Kollege war im Sommer oben. Er hat geschwärmt von der Natur und der tollen Aussicht.« Er stand auf, zog seinen Rucksack fest und warf ihn sich über die Schulter. »Einer der Zugänge ist nicht weit von hier. Vielleicht sind wir sogar schneller oben als auf dem Hauptweg.« Er sah zu, wie Nadja sich nun gleichfalls abmarschbereit machte. »Natürlich nur, wenn du dir das zutraust. Ich meine, als schwache Frau, ängstlich, zaghaft, wenig belastbar.« Im nächsten Moment duckte er sich unter einem Hagel von trockenen Fichtenzapfen, Holzstückchen und kleinen Steinen. Kichernd und feixend stapften sie hintereinander den Weg entlang.

*

Martin bog den schweren Fichtenwedel zur Seite und wartete, bis Nadja die Engstelle passiert hatte. Eine Dreiviertelstunde, nachdem sie in den ehemaligen Bergwanderweg eingestiegen waren, regten sich leise Zweifel, ob die Entscheidung richtig war. Bis vor ein paar Jahren war der schmale Pfad noch der Geheimtipp für all diejenigen gewesen, die das Abenteuer vor der Haustür gesucht hatten. Vor drei Jahren war Martin zum letzten Mal hier gewesen. Doch seitdem die Forstverwaltung im Rahmen eines Renaturierungsprogramms entschieden hatte, den Weg nicht mehr zu pflegen, hatte sich vieles verändert. Schon der Einstieg war gänzlich zugewuchert und kaum noch zu finden, zumal die Hinweistäfelchen des Schwarzwaldvereins abmontiert waren.

Der ehemalige Pfad war kaum noch zu erkennen. Hohes, feuchtes Gras wechselte mit weit ausladenden Büschen, die sich ungehindert breitgemacht hatten. Von oben war Geröll abgerutscht, Steine und Felsbrocken in allen Größen erschwerten das Durchkommen ebenso wie heruntergebrochene armdicke Äste. Schon zweimal hatten sie über umgestürzte Bäume klettern müssen. Steine und Felsen waren mit Flechten überzogen. Überall wucherte Moos und Farn, altes Laub hatte sich an manchen Stellen knietief angehäuft. In den tief herabhängenden Zweigen bizarrer Eschen spannten sich Spinnennetze.

»Aber es ist nicht mehr weit.«

Nadja nickte tapfer. Ihre Begeisterung über den romantischen Abstecher, wie Martin es genannt hatte, hielt sich in Grenzen. Ihre Oberschenkel brannten von der ungewohnten Anstrengung. Ihr linker Fuß schmerzte. Immer wieder wischte sie sich den Schweiß aus der Stirn.

Doch sie hatte sich fest vorgenommen, sich nichts anmerken zu lassen. Sie war froh, dass er einverstanden war, den Tag abzukürzen. Es passte einfach nicht, ihm die letzten Stunden durch ihr Gejammer zu verderben.

»Höchstens noch eine halbe Stunde, schätze ich«, meinte Martin, so als ob er ihre Gedanken erraten hätte. »Die Treppe, der Felsen, dann noch ein paar Meter und wir haben es geschafft.«

Martin klang optimistischer, als er es war. Natürlich hatte er bemerkt, wie Nadja sich mühte. Doch noch mehr bereitete ihm der Felsen Kopfzerbrechen. Vor ein paar Jahren war ein Teil des Hanges oberhalb des Pfades heruntergebrochen, und einer der größten Brocken war mitten auf dem Weg liegen geblieben. Irgendjemand hatte ein Seil angebracht, um die gefährliche Stelle zu überwinden. Martin hatte Sorge, ob es das Seil noch gab. Auf keinen Fall wollte er Nadja unnötig in Gefahr bringen. Ihm wurde mulmig bei dem Gedanken, den ganzen Weg wieder zurückzumüssen.

Martin sah besorgt, wie Nadja erneut stehen blieb. Wir müssen mehr Pausen machen, dachte er. Doch seine Frau machte keinerlei Anstalten, sich auf einen der vielen Holzstümpfe zu setzen.

Stattdessen deutete sie nach Westen. »Hör doch mal.«

Martin wandte den Kopf und folgte ihrer Hand. Durch die dicht beieinanderstehenden Fichtenstämme sah er auf die gegenüberliegende Bergkuppe. Toter Mann nannte man den Bergrücken, der sich vor ihnen erhob. Martin wusste, dass der Gipfel weit über Tausend Meter hoch war. Trotzdem blieb er in der Aufmerksamkeit der Touristen stets hinter dem weitaus bekannteren großen Bruder, dem Feldberg, zurück.

Martin lauschte nun ebenfalls. »Ich höre nichts. Was meinst du?

Nadja blieb unbewegt stehen. »Da, schon wieder. Es donnert.«

Jetzt hatte Martin es auch gehört. Ein schwaches, aber deutlich wahrnehmbares Grollen wehte von der Rheinebene herauf. Er hob den Kopf und sah nach oben. Durch den schmalen Streifen zwischen den Wipfeln schien blauer Himmel herunter. Doch das hatte nichts zu bedeuten. Martin war erfahren genug zu wissen, dass das Wetter im Hochschwarzwald innerhalb kürzester Zeit umschlagen konnte. Allen Vorhersagen zum Trotz.

»Du hast recht. Da braut sich etwas zusammen.«

»Ein Gewitter?«

»Kann schon sein. Wir sollten uns beeilen.«

An manchen Stellen wurde es jetzt so abschüssig, dass Nadja unwillkürlich Martins Hand griff. Wieder hörten sie das Donnern, dieses Mal deutlich lauter und kräftiger. Wind kam auf. Wieder und wieder sah Martin nach oben. Immer noch war keine Wolke zu sehen. Trotzdem hatte er den Eindruck, dass das Sommerblau seine Farbe verlor. Es verblasste, wurde dunkler und verlor sich in ein rötliches Grau. Es wurde kühler.

Am Fuß der Treppe, die vor langer Zeit zur Unterstützung der Wanderer angelegt worden war, blieb Nadja stehen.

»Wir dürfen jetzt nicht Halt machen.« Martin bemühte sich, sich seine Sorge nicht anmerken zu lassen. »Wir sollten so schnell wie möglich den Hauptweg erreichen. Wenn das Unwetter losgeht, kann es äußerst ungemütlich werden.«

»Nur für einen Moment. Bitte!« Nadja atmete schwer. Sie stützte sich an die Felswand zu ihrer Linken, in der die Stufen grob hineingehauen waren. Die letzten Minuten hatte sie nur mühsam mithalten können. Sie spürte jetzt deutlich, dass sie ihre gewohnte Kondition durch die Schwangerschaft und Felix’ Geburt noch nicht wieder erreicht hatte.

Martin nahm den Rucksack herunter und zog die wasserdichte Jacke heraus. »Wir sollten uns bereit machen. Es kann jede Minute losgehen.« Er half Nadja, die nun ebenfalls ihren Regenschutz herausholte. Die weit ausladenden Ponchos hatten weite Kapuzen und reichten auf dem Rücken über das Gepäck bis fast auf den Boden.

»Die Hobbits im Zauberwald.« Martin versuchte seine Frau aufzumuntern. »Die Elbenmäntel verleihen magische Kräfte!« Trotz ihrer Erschöpfung huschte ein Lächeln über Nadjas Gesicht.

Er holte einen Riegel aus seiner Jackentasche, riss ihn auf und streckte ihn ihr entgegen. »Noch ein Bissen Kraftnahrung?«

Nadja schüttelte den Kopf. »Nein, jetzt nicht. Gehen wir weiter.« Sie wusste von früheren Touren, dass sie selbst bei Müdigkeit nicht zu lange stehen bleiben durfte. Langsam setzte sie Schritt für Schritt auf die welligen Steinstufen.

Martin folgte dicht dahinter. Oben würde er wieder die Führung übernehmen. Er durfte sie nicht überfordern, aber allzu langsam sollten sie nicht sein.

Als sie die oberste Stufe erreicht hatten, fielen die ersten Regentropfen. Schon Sekunden später setzte ein heftiger Gewitterregen ein. Rasch wurde der Weg nass und rutschig. Jeder Schritt erforderte jetzt ihre Aufmerksamkeit.

*

Der Pfad fiel nun leicht ab. Hinter einem Felsvorsprung lag ein umgestürzter Baum, der talwärts von einer mächtigen Fichte gehalten wurde. Vorsichtig zwängten sie sich durch das Gestrüpp der Äste. Direkt dahinter kreuzte ein Bach ihren Weg.

»Schau, dort drüben!« Martin deutete auf die gegenüberliegende Hangseite. Etwa 50 Meter vor ihnen lag der riesige Felsbrocken. Der Pfad wurde an dieser Stelle unterbrochen und führte erst dahinter weiter den Hang entlang. »Wir haben Glück, das Seil ist noch da!« Martin fiel ein Stein vom Herzen. Ohne die Steighilfe wäre es bei diesem Wetter unmöglich gewesen, an dem glatten und vor Nässe silbrig glänzenden Felsen vorbeizukommen.

»Erstmal müssen wir über das Wasser kommen, ohne dass unsere Füße nass werden.« Nadja stand etwas ratlos am Rande des Baches, der durch den Regen zu einem kleinen Wasserfall angeschwollen war. »Den Steg gibt es nicht mehr.« Sie deutete auf ein paar Balkenreste, die am Hang unterhalb im Gebüsch hingen. Lediglich ein einfaches Brett lag noch über dem Weg.

»Das geht schon. Ich helfe dir.« Martin tastete sich vorwärts, bis er mit beiden Füßen festen Halt gefunden hatte. »Nicht auf das Brett treten, das ist zu riskant. Versuche, die flachen Steine zu erwischen.« Er drehte sich um. »Ich stehe gut. Gib mir die Hand, ich ziehe dich rüber.«

Er streckte den Arm aus. Nadja ging zögernd vorwärts, bis sie mit den Wanderschuhen knöcheltief im Wasser stand. Sie tastete nach seinen Fingern.

»Ein bisschen noch!« Martin beugte sich zur Seite, so weit er konnte, und bekam ihre Hand zu fassen.

»Auf drei! Eins – zwei …«

Plötzlich geschah alles sehr schnell. Das Donnern schien direkt aus den Tiefen des Berges zu kommen. Aus dem Dunkel der Bäume flatterte ein schwarzer Schatten und flog um Haaresbreite über Nadjas Kapuze. Sie stieß einen Schreckensschrei aus. Unwillkürlich drehte sie sich zur Seite. Sie taumelte, trat auf das Brett, rutschte aus und stampfte vergeblich mit den Füßen. Martin spürte, wie ihre feuchten Finger sich voneinander lösten. Er konnte sie nicht mehr halten. Nadja verlor endgültig das Gleichgewicht. Im nächsten Augenblick rutschte sie in einer Wolke prasselnder Steine den Hang hi­nunter und war aus Martins Blick verschwunden.

Nur mit äußerster Mühe gelang es ihm, die Balance zu halten. Instinktiv lehnte er sich mit seinem ganzen Gewicht zum Hang hin. Ein Schwall eiskalten Bergwassers lief ihm über das Gesicht. Er erschrak, prustete und beugte sich zur Seite. Wieder traf ihn eine Ladung Wasser. Verzweifelt griff er mit der freien Hand um sich. Seine Finger fanden eine Baumwurzel, die schräg über ihm aus dem Hang ragte. Gleichzeitig fanden auch seine Füße wieder Tritt. Vorsichtig zog er sich ein Stück nach oben, bis er endlich auf der anderen Seite des Baches wieder auf dem Weg stand.

Er spürte, wie sein Herz bis zum Hals klopfte. Doch es gab keine Zeit zum Ausruhen. Er beugte sich nach vorn.

»Nadja!«, schrie er. »Nadja, wo bist du?«

Keine Antwort. Nur der Regen rauschte. Weit unten hörte er ein paar Steine poltern. Martin beugte sich über den Abhang, so weit er konnte. Wieder rief er. Erneut keine Antwort.

Er sah sich etwas genauer um. Direkt an der Absturzstelle nach unten zu klettern schien unmöglich. Der Hang fiel ex­trem steil ab, und außer den Fichtenstämmen gab es nichts, wo er sich hätte festhalten können. Wenn er nur wüsste, was mit Nadja war! Wenn sie Glück hatte, war ihr Sturz weiter unten abgefangen worden. Wenn nicht … Martin wagte kaum daran zu denken. Er balancierte über den Wasserfall und ging ein paar Schritte auf dem Weg zurück. Doch hier war es noch schwieriger etwas zu erkennen. Ein dichtes Gestrüpp von wilden Stechpalmen wuchs direkt unterhalb des Pfades. Vereinzelt leuchteten rote Früchte hervor.

Martin ging in die andere Richtung. Er folgte dem Pfad, der hier zum Berg hin eine ausladende Biegung beschrieb. Als er kurz vor dem Felsen stand, rief er erneut.

»Nadja! Nadja, hörst du mich?«

Keine Antwort. Plötzlich sah er etwas, das sein Herz schneller schlagen ließ. Schräg vor ihm, wenig unterhalb des Weges war es Martin, als ob er etwas Rotes hervorschimmern sah. Nadjas Wanderjacke!

»Nadja! Ich bin hier!«

Noch immer übertönte der Regen jede Antwort. Doch das Rot bewegte sich. Nadjas Sturz war aufgefangen worden. Sie lebte!

Er musste unbedingt zu ihr. Martins Blick wanderte den Hang entlang. Die Stelle, von der Nadja das Zeichen gab, war nur wenig unterhalb des Weges. Direkt über ihr verdeckte ein riesiger Holunder den Blick nach unten. Er musste den Sturz abgefangen haben. Links und rechts davon fiel der Hang steil ab.

Martin überlegte fieberhaft. Sein Blick fiel auf den Felsen, der sich als Hindernis in den Weg stellte. Das Seil! Es schien intakt, und vor allem war es lang genug, dass es bis zu ihr hinunterreichen konnte.

Die Leine lief durch mehrere Stahlösen, die in den Fels hineingeschlagen worden waren. An beiden Enden war es mit jeweils einer Metallmanschette fest an Haken verankert. Martin öffnete seinen Rucksack und nahm sein Schweizermesser heraus. Dann begann er hastig, die Enden durchzuschneiden.

Er brauchte eine Weile, bis er beides geschafft hatte. Vorsichtig zog er das Seil aus den Ösen heraus. Es war etwa acht Meter lang. Wind und Wetter hatten ihm über die Jahre zugesetzt, doch es sah unversehrt aus.

Zurück an der Absturzstelle hatte er Glück. Direkt am Rand wuchs talabwärts ein Bergahorn, auf den er zunächst nicht geachtet hatte. Er war noch nicht alt, doch sein Stamm war dick genug, dass er ihn mit beiden Händen gerade umfassen konnte. Martin schlang das Seil um das Holz und befestigte es mit einem doppelten Knoten. Das andere Ende band er sich um die Hüfte. Ein paar Mal zog er heftig. Es schien zu halten.

Martin war kein Bergsteiger, doch er hatte schon öfter zugesehen, wie sich die Sportler an den Kletterfelsen im Schwarzwald abseilten. Gesicht zum Hang, Füße dagegenstemmen, langsam Seil geben. Nicht zu schnell werden.

Rasch hatte er den Holunder erreicht, an dessen kräftigen Ästen er sich zusätzlich festhalten konnte.

»Nadja«, rief er, »ich komme!«

Durch das dichte Blattwerk sah er seine Frau. Nadja lag seltsam verkrümmt halb auf der Seite, halb auf ihrem Rucksack. Mit der rechten Hand hielt sie sich an einem Wurzelstrunk fest, das linke Bein war weit abgespreizt.

»Martin!« Sie stöhnte, als sie ihn sah. Ihre Stimme klang matt.

Martin schlang das Seil um einen Fichtenstamm, dann beugte er sich zu ihr.

»Mein Fuß! Ich kann meinen Fuß nicht bewegen!«, stieß sie mit schmerzverzerrtem Gesicht hervor.

Jetzt sah Martin, dass ihr Fußknöchel und die Wade zwischen zwei ineinander verkeilt liegenden Ästen festgeklemmt waren. Zusätzlich drückte sie das Gewicht ihres Körpers nach unten, sodass sie sich kaum bewegen konnte. Doch sie hatte Riesenglück gehabt. Direkt unter dem Holunder gab es einen kleinen Vorsprung im Hang, der ihren Sturz aufgehalten hatte. Zusätzlich hatten sie ein dickes Moospolster und reichlich altes Laub womöglich vor Schlimmerem bewahrt.

»Ganz ruhig«, sagte Martin. »Vielleicht ist das Bein gebrochen.«

Martin fand gerade genug Platz, dass er sich hinter sie stellen konnte. Er suchte, bis er mit beiden Füßen festen Halt gefunden hatte. Dann griff er mit den Armen unter ihre Schultern und richtete ihren Oberkörper auf. Nadja stöhnte.

»Jetzt der Fuß. Langsam!«

Durch die Entlastung kam Nadja in die Stellung, in der sie sich mitbewegen konnte. Vorsichtig zog sie das Bein heraus.

Sie schloss die Augen und atmete heftig. Martin sah, dass sie starke Schmerzen hatte. Er küsste sie auf die Stirn. Dann beugte er sich herunter zu ihrem Fuß. »Lass mal sehen.« Rasch löste er die Schnürsenkel von Nadjas linkem Wanderstiefel. Er bog den steifen Schaft auseinander, so weit er konnte.

Nadja verzog das Gesicht. »Aua, das tut weh!«, stieß sie hervor, als er vorsichtig daran zog.

Martin hörte sofort auf. »Verstaucht, verrenkt, gebrochen. Ich denke, du lässt den Schuh am besten an. So hast du wenigstens Halt. Die Schmerzen musst du eben aushalten, bis Hilfe kommt.«

Er kramte sein Mobiltelefon aus der Brusttasche und tippte die 112, die Nummer der Bergwacht. Er wartete einen Moment, dann versuchte er es erneut. Trotz ihrer Schmerzen zeichnete sich ein mühevolles Lächeln auf Nadjas Gesicht ab. »Glaubst du tatsächlich, dass es hier ein Handynetz gibt?«

Martin versuchte es ein drittes Mal. Dann fluchte er und steckte das Gerät wieder ein.

»Das ging schon hinten im Zastlertal nicht mehr«, meinte Nadja. »Ich wollte meine Schwester noch einmal anrufen, ehe wir loslaufen. Wegen Felix. Er braucht unbedingt etwas Fencheltee in sein Milchfläschchen, damit es mit dem Bäuerchen besser klappt. Veronika ist immer so vergesslich.«

Martin sagte nichts. Insgeheim war er froh, dass Nadja nichts Schlimmeres passiert war und sie sich mehr Sorgen um ihren Sohn machte als um sich selbst. Trotzdem konnte er nicht untätig bleiben. Er musste es weiter versuchen.

»Gib mir dein Handy«, sagte er. »Vielleicht geht es ja bei dir.« Nach mehreren vergeblichen Versuchen gab er es auf.

»Ich dachte, zumindest der Notruf geht immer.« Nadja sah jetzt sehr sorgenvoll aus.

»Eigentlich schon. Wenn der Provider ausfällt, loggt sich die Nummer einfach in ein anderes Netz ein. Das nächste, das zur Verfügung steht. Eine sehr sinnvolle Sache.« Er verzog den Mund. »Wenn es allerdings überhaupt kein Netz gibt, nützt das auch nichts.« Er wandte sich um und sah prüfend den Hang hinauf. »Ich könnte hochklettern und es ein Stück weiter oben versuchen. Oder gleich zur nächsten Hütte laufen und Hilfe holen. Das kann nicht allzu weit sein.«

Nadja sah ihn erschreckt an. »Das tust du nicht. Lass mich nicht alleine hier. Bitte nicht! Außerdem ist es bei diesem Wetter viel zu gefährlich. Schau doch mal hin!«

Die Wolken hatten alle ihre Schleusen geöffnet. Der Regen strömte schwer und breit vom Himmel. Schon nach wenigen Metern verlor sich der Blick in den grauen Wassermassen. Inzwischen gab selbst der große Holunder keinen Schutz mehr. Es war dunkler und merklich kühler geworden. Immer noch donnerte es heftig in kurzen Abständen. Die Blitze konnten sie nicht sehen, doch machte das unregelmäßige Flackern zwischen den Bäumen das Ganze noch unheimlicher.

»Ich fürchte, du hast recht. Wir müssen warten, bis das Schlimmste vorüber ist.« Er sah auf die Armbanduhr. »Es ist ja erst zwölf. Zeit genug. Ewig kann es ja nicht so weitergehen.« Er löste das Seil von seiner Hüfte, dann zog er es durch die Tragegurte der beiden Rucksäcke. Das Ende band er Nadja unter die Schultern.

»Und du?«

»Es wird schon gehen.« Er half Nadja in eine einigermaßen bequeme Stellung, sodass sie sich mit dem Rücken an den Fels lehnen konnte. Am Ende kauerte er sich daneben und zog den Poncho fest um sich. Nadja schmiegte sich an ihren Mann. Es tat gut, die Nähe des anderen zu spüren.

Eine Weile saßen sie und hingen ihren Gedanken nach. Es regnete unaufhörlich weiter. Von irgendwoher hörte man das Krachen und Splittern herabstürzender Äste.

»Dieser Vogel«, begann Nadja nach einer Weile, »hast du gesehen, wie der kam?«

»Als du dich so erschrocken hast?«

»Das kam so plötzlich. Irgendwie unheimlich. Ich hatte das Gefühl, ich müsse mich schützen.«

»Vor einem Vogel?«

Ein besonders heftiger Donnerschlag zerriss die Luft. Mittlerweile hatten sie den Eindruck, dass das Gewitter überall war und sie mittendrin.

»Das war nicht alles. Ich hatte das Gefühl, das war …« Nadja drückte sich noch enger an ihn. »Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. So als ob er direkt auf mich zukam. Mit Absicht.«

»Mit Absicht?« Martin schüttelte den Kopf. »Jetzt übertreibst du aber. Klar, das war knapp. Aber so etwas kommt vor. Der Vogel hat sich wahrscheinlich noch mehr erschrocken als du«, beruhigte er sie. »Sein Vorteil ist, dass er fliegen kann, während du dich mit der Schwerkraft hast auseinandersetzen müssen.« Martin versuchte, seine Frau mit einem Scherz aus ihren grüblerischen Gedanken zu lösen. »Und wie man sieht, hast du verloren«, grinste er.

Doch Nadja blieb ernst. »Wenn es überhaupt ein Vogel war«, sagte sie langsam.

»Es war ein ganz normaler schwarzer Vogel. Wahrscheinlich eine Krähe. Oder ein Auerhahn.« Er sah sie an. »Selbst wenn es ein abgerissener Tannenwedel war. Oder ein davonfliegendes Eichhörnchennest. Ganz egal. Lass es gut sein. Versuche lieber, dich etwas auszuruhen. Vielleicht wird dein Fuß sogar besser, sodass wir zusammen hochsteigen können. Wenn das Unwetter vorbei ist.« Er tastete mit seinem Arm unter ihren Poncho und drückte sie fest an sich. »Es wird schon alles gut werden.«

*

Ein lautes Krächzen schreckte Martin hoch. Er blinzelte. Immer noch goss es in Strömen. Er war tatsächlich eingenickt. Sein Arm war eingeschlafen. Nadja hatte den Kopf an seine Schulter gelegt und atmete ruhig. Martin bewegte sich vorsichtig, doch es reichte, um Nadja aufzuwecken.

»Was ist?« Erschrocken sah sie um sich. »Wo …«

Martin richtete sich ein wenig mehr auf. »Es regnet immer noch.«

»Habe ich geschlafen?«

»Sieht so aus.«

Auch Nadja streckte sich. »Ich bin ganz steif. Mir tut das Kreuz weh.«

»Und der Fuß?«

Sie zog langsam das Bein und streckte es wieder. »Geht so. Ich kann meine Zehen bewegen.«

»Soll ich dir den Schuh ausziehen?«

»Nein, lieber nicht. Es fühlt sich immer noch dick an.«

Martin sah ihr an, dass sie immer noch Schmerzen hatte. »Ich schlage vor, wir warten noch ein wenig. Vielleicht lässt das Wetter ja nach.«

»Glaubst du, sie suchen nach uns?«

Martin schüttelte den Kopf. »Schön wär’s. Aber außer deiner Schwester weiß niemand, dass wir hier oben sind. Und schon gar nicht auf dem Alpinen Steig. Normalerweise gäbe es immerhin die Chance, dass ein paar Wanderer vorbeikommen. Aber heute …«

»Ich habe Vroni versprochen, spätestens über Mittag anzurufen.« Sie sah auf die Uhr. »Jetzt ist es halb drei. Sie wird sich Sorgen machen. Ob es Felix gut geht?«

»Mach dir keine Gedanken. Veronika schafft das schon.« Er versuchte ein Lächeln. »Bei der ausführlichen To-do-Lis­­te, die du ihr gemacht hast.«

»Lach du nur. Es war unverantwortlich. Wir hätten besser zu Hause bleiben sollen.«

Martin stemmte sich auf die Knie, dann griff er nach dem Seil und löste es.

»Was hast du vor?«

»Ich klettere jetzt hoch und suche eine Stelle, wo ich Empfang habe. Das kann ja nicht allzu schwierig sein. Ich rufe die Bergwacht, und spätestens in einer Stunde sitzen wir bei einer Tasse Tee im Haus der Natur auf dem Feldberg. Und Veronika kann ich auch gleich anrufen.«

»Aber das ist gefährlich! Wenn dir etwas passiert!«

»Ich pass schon auf.« Martin streifte den Poncho ab, um mehr Bewegungsfreiheit zu bekommen. Mit der linken Hand schlang er sich das Seil um den Arm, mit der rechten griff er in das Geäst des Holunders über sich. Mit einem kräftigen Ruck gelang es ihm, sein Bein über einen der Äste zu schwingen. Der Busch schwankte beängstigend, aber er hielt. Martin sah nach oben. Von hier aus kam ihm der Hang nicht so bedrohlich vor wie von oben. Es gab mehrere Wurzeln, Baumschößlinge und Grasbüschel, an denen er sich festhalten konnte.

Mit dreien sichern, mit einem suchen. Seltsam, dass ihm die goldene Kletterregel gerade jetzt einfiel. Vor ein paar Wochen hatte er einen Fernsehbericht über Freeclimber gesehen, die ohne Sicherung die aberwitzigsten Hindernisse überwanden. Aber leichtsinnig waren sie nie.

Es geht immer erst weiter, wenn ich mit Hand oder Fuß eine sichere Stelle gefunden habe. Martin zwang sich zur Ruhe. Trotz der Kälte brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Er hatte zwar immer noch das Seil am Arm. Aber er konnte nicht sicher sein, ob das Holz halten würde. Wenn er abrutschte und stürzte konnte es sein, dass er Nadja mit sich riss.

Langsam. Nicht nach unten schauen. Im Fernsehen hatte alles so leicht ausgesehen, spielerisch. Jetzt rächte es sich, dass er den Sommer über so wenig Sport getrieben hatte. Seine Arme begannen zu zittern. Die Finger schmerzten. Doch zum Glück war es nicht weit. Mit letzter Kraftanstrengung zog er sich nach oben.

Ein paar Sekunden blieb er völlig entkräftet mitten auf dem Weg liegen. Eine Weile rang er nach Luft, ehe er aufstehen konnte. Dann beugte er sich nach vorn. »Alles klar! Ich bin oben! Ich laufe jetzt los!«

Er zog das Handy aus der Tasche und stolperte vorwärts, den Blick auf das Display gerichtet. Doch der Balken, der normalerweise die Netzstärke anzeigte, bewegte sich nicht. Er war noch nicht einmal zu sehen. Martin lief weiter. Alle paar Meter hielt er an und fuhr mit ausgestrecktem Arm in alle Richtungen.

Nichts.

Er tippte die 112 ein und lauschte. Nicht einmal das Freizeichen war zu hören. Ob das Telefon zu viel Wasser abbekommen hatte? Die Anzeige war wie eingefroren. Das Einzige, was er in dem Grau sah, waren ein paar blasse Zahlen. Die Uhrzeit. Es war genau zwölf Uhr.

Martin fluchte. Warum war er nicht auf die Idee gekommen, auch Nadjas Mobiltelefon mitzunehmen? Und noch einmal hinunter und wieder hochklettern würde er kaum schaffen.

Er streifte den Ärmel seiner Jacke hoch. Zwölf Uhr. Seltsam. Seine Funkuhr, die ihm Nadja im letzten Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte, war zur selben Zeit stehen geblieben wie das Handy. Doch das bedeutete auch, dass die Zeit bereits vor ihrem Ruhenickerchen, als er das letzte Mal auf die Uhr gesehen hatte, nicht gestimmt hatte.

Er sah nach oben. In dem dunklen Grau fand er keinen Anhaltspunkt, wie spät es war. Es konnte Nachmittag sein, ebenso gut aber auch kurz vor Einbruch der Nacht.

Martins Gedanken rasten. Sollte er weitergehen, bis er jemanden fand, der ihm helfen konnte? Die Nacht zusammen auf dem schmalen Hangvorsprung verbringen und am nächsten Tag einen neuen Versuch starten? Er zermarterte sein Gehirn und versuchte, sich an verschiedene Bergtouren in der Vergangenheit zu erinnern. Plötzlich kam ihm die Idee. Die Thoma-Hütte! Damals war er mit ein paar Freunden hochgestiegen, und auch damals waren sie von einem plötzlichen Wettersturz überrascht worden. Es war kein Vergleich zu dem, was heute tobte. Doch sie waren heilfroh gewesen, in der Schutzhütte Unterschlupf zu finden, bis das Schlimmste vorüber war.

So rasch er konnte, eilte er zu der Absturzstelle zurück. »Kein Handyempfang!«, rief er hinunter. »Aber ich weiß jetzt, was wir machen. Ich versuche, dich hochzuziehen. Ich weiß eine Hütte hier in der Nähe.«

Für einen Moment hörte er nichts außer dem unaufhörlichen Rauschen des Regens. Dann vernahm er Nadjas Stimme. »Okay, ich will es versuchen.«

»Zuerst die Rucksäcke!«, rief Martin hinunter. »Der Reihe nach.«

Es dauerte ein paar Sekunden, dann ruckte es am Seil. »Los!«, hörte er.

Martin zog vorsichtig an. Er zwang sich, nichts zu überstürzen. Es war zwar vermutlich schon spät, aber wenn sich das Seil und die Last irgendwo verhedderten, würde es umso mehr Zeit kosten.

Es ging besser, als er befürchtet hatte. Nach ein paar kräftigen Zügen erschien Nadjas feuerroter Rucksack über der Hangkante. Ein paar Minuten lag sein giftgrüner daneben. Martin erinnerte sich daran, als sie sie in dem Freiburger Sportgeschäft gekauft hatten. Der Verkäufer hatte einen fliederfarbenen Partnerlook vorgeschlagen. Doch Martin waren der gute Sitz und die Zweckmäßigkeit wichtiger gewesen. Dazu hatte auch die Farbe gehört. Es konnte überlebenswichtig sein, in unwegsamem Gelände von Weitem gesehen zu werden.

Nachdem er auch den zweiten Rucksack losgebunden hatte, machte er das Seil an einem Baumstumpf fest, der sich nahe an der Kante in den Hang krallte. Mehrere Male zog er fest daran. Als er zufrieden war, knüpfte er eine große Schleife, die ähnlich wie ein Lasso zugezogen werden konnte. Es würde für Nadja nicht angenehm sein, aber das Wichtigste war, dass sie gut gesichert war. Mit ihrem kaputten Fuß würde sie nicht viel helfen können.

»Jetzt du!« Er ließ das Seilende hinunter. »Du musst die Schlaufe um die Schultern legen. Sag, wenn du so weit bist. Und melde dich sofort, wenn etwas nicht klappt.«

Noch einmal prüfte er den Sitz des Seiles am Baum. Dann suchte er eine geeignete Stelle, an der er genügend Halt fand. Er stemmte seine Füße hinter einen Steinbrocken, der ihm fest genug schien. Dann schlang er sich den lockeren Teil des Seils zweimal um Schulter und Arm.

»Fertig!«, hörte er von unten.

Martin schloss die Augen und atmete zweimal tief durch. Dann konzentrierte er sich und zog an.

Nadja hatte eine eher zierliche Statur. Trotzdem kostete es Martin eine ungeheure Kraftanstrengung, als er plötzlich ihr volles Gewicht spürte. Er vergaß alles um sich herum – den unaufhörlich prasselnden Regen, den Wind, die umherfliegenden Aststückchen, sogar den Schmerz, wenn ihn ein Hagelkorn ins Gesicht traf. Das Seil schnitt tief in seine Hand ein, sein Rücken schmerzte, die Waden brannten. Doch er durfte nicht lockerlassen. Eine Nacht auf dem winzigen Felsvorsprung war lebensgefährlich. Er durfte es nicht darauf ankommen lassen.

Martin hätte nicht sagen können, wie lange es dauerte, ehe er Nadjas Poncho auftauchen sah. Bei ihrem Anblick mobilisierte er die letzten Kräfte. Noch ein kleines Stück, dann schlossen sich ihre Finger um seine Hand.

Kurz darauf lagen sich beide völlig erschöpft in den Armen.

»Gott sei Dank«, keuchte er. »Wir haben es geschafft!«

»Du hast es geschafft«, sagte sie. »Ich kam mir völlig hilflos vor. Runterschauen durfte ich schon gar nicht.«

Martin küsste sie auf die Stirn. »Was macht der Fuß? Kannst du auftreten?«

Vorsichtig ging Nadja ein paar Schritte. »Geht so. Weit komme ich nicht. Was hast du vor?«

Martin erklärte mit knappen Worten die Idee mit der Schutzhütte.

Nadja blickte sorgenvoll um sich. Es hatte bereits merklich gedunkelt. »Und du findest den Weg?«

»Klar! Eine halbe Stunde von hier, nicht mehr. Kommt darauf an, wie rasch wir vorwärtskommen.« Martin gab sich überzeugt. Dabei war er seiner Sache keineswegs sicher. Die Hütte lag etwas abseits im Wald. Wenn sie den Einstieg verpassten, würden sie die Nacht im Wald verbringen müssen. »Zur Not trage ich dich. Wenn ich nur wüsste, wann es dunkel wird.«

Nadja streifte den Ärmel ihrer Jacke hoch und sah auf die Uhr. »Es ist schon nach fünf.«

Martin sah überrascht auf. »Deine Uhr!«

»Was ist damit?«

»Sie ist nicht stehen geblieben!«

Nadja runzelte die Stirn. »Warum sollte sie? Willst du mich auf den Arm nehmen?«

»Nein, im Ernst. Meine geht nicht, die des Handys auch nicht.«

Nadja strich mit den Fingern über das gläserne Zifferblatt. »Das wäre das erste Mal. Vaters gute alte Aufziehuhr hat mich noch nie im Stich gelassen. Das bisschen Regen macht ihr nichts. Wasserdicht bis 30 Meter.«

»Und dein Handy? Geht das?«

Nadja nahm ihr Mobiltelefon heraus und drückte die Sperrtaste. »Es rührt sich nichts. Kein Netz, kein Empfang. Seit 12.« Sie hielt Martin das Display entgegen. »Witzig. Genau um 12 hat es den Geist aufgegeben.«

Martin wusste nicht recht, was er sagen sollte. Das Ganze kam ihm merkwürdig vor. Seltsamer Zufall, dachte er. Alle drei Geräte fallen zur selben Zeit aus. Ob es irgendeine elektrische Entladung in der Atmosphäre gab, von der er nichts mitbekommen hatte? Das würde erklären, warum Nadjas alte Uhr nicht davon betroffen war.

Er behielt seine Gedanken für sich, er wollte Nadja nicht zusätzlich beunruhigen. Außerdem gab es jetzt Wichtigeres. Er löste das Seil von dem Baumstumpf und band die beiden Rucksäcke fest aneinander, sodass er sie sich über den Rücken werfen konnte.

»Was tust du?«, fragte sie.

»Das siehst du doch. Ich denke, du hast mit deinem Fuß genug zu tun.«

Nadja protestierte nur schwach. Martin sah, dass sie bei jedem Schritt das Gesicht verzog. Es war deutlich, dass sie Mühe hatte, den Fuß voll zu belasten.

»Komm, wir müssen los. Zuerst ein Stück den Weg zurück.«

Sie kamen nur mühsam voran. Von einem normalen Weg konnte keine Rede mehr sein. Der Sturm hatte inzwischen noch mehr Zweige und ein paar armdicke Äste über den schmalen Pfad geworfen. Steine waren aus dem Hang he­rausgebrochen. Ständig mussten sie Hindernisse überklettern oder vorsichtig daran vorbeibalancieren. In manchen Mulden lagen die Hagelkörner knöcheltief. Der Pfad war so glitschig geworden, dass sie in dauernder Gefahr schwebten, erneut abzurutschen.

Martin geriet rasch ins Schwitzen. Die Last der beiden Rucksäcke drückte schwer auf seinem Rücken. Dazu musste er immer wieder Nadja als Stütze helfen. Er konnte erkennen, dass sie sich nur unter größter Anstrengung vorwärtskämpfte.

*

Als sie endlich die Stelle erreichten, an der sie am Morgen vom Hauptweg abgebogen waren, war es merklich dunkler geworden. Sie hielten an, um zu verschnaufen. Martin deutete nach unten. »Noch ein kleines Stück weiter nach unten«, sagte er. »Dann führt ein Stichweg nach links in den Wald. Dort ist die Hütte.«

Die wenigen Meter bergab verlangten ihnen noch einmal alles ab. Sie hielten sich dicht am Rand des aufgeschlammten Weges und versuchten, wo immer es ging, eine Hand an einem der dünnen Buchenstämmchen zu halten, die dort wuchsen. Nach einer scharfen Biegung öffnete sich der Wald. Vor ihnen lag das Zastlertal. Inzwischen war es fast dunkel geworden. Dichte Wolken hingen über den Berghängen. Ein schmutziges Gelb am Horizont ließ den Sonnenuntergang über der Rheinebene erahnen.

»Herrliche Aussicht.« Martin konnte sich den kurzen ironischen Kommentar nicht verkneifen. »Normalerweise.«

Nadja lehnte sich erschöpft an ihn. Ihr Atem ging schwer. »Ein andermal. Wir haben es bis hierher geschafft. Das ist das Wichtigste.«

»Sollen wir es doch versuchen, bis hinunter abzusteigen? In ein, zwei Stunden könnten wir am Gasthof sein.« Martin versuchte, Optimismus in seine Stimme zu legen. »Irgendwann wird der Weg auch wieder besser.«

Nadja schüttelte den Kopf. »Es geht nicht. Ich kann nicht mehr. Außerdem«, sie deutete mit dem Finger zu den Häusern, die nur schemenhaft zu erkennen waren, »sieh mal genau hin. Fällt dir nichts auf?«

Martin kniff die Augen zusammen. Das Gasthaus und die wenigen umliegenden Bauernhäuser waren kaum zu erkennen. »Ich weiß nicht. Ich sehe fast gar nichts.«

»Eben. Es brennt kein Licht«, seufzte Nadja. »Wahrscheinlich haben sie Ruhetag. Aus einem heißen Tee würde also sowieso nichts.«

»Ich glaube eher, dass dort Stromausfall ist. Sonst wäre wenigstens in einem der Häuser Licht.« Sein Blick wanderte über das Tal. »Bei dem Unwetter würde mich das nicht wundern. Wahrscheinlich ist irgendeine Leitung gestört.« Er nahm Nadjas Hand. »Komm, noch ein paar Schritte.«

Letztlich war Martin froh, dass ihm die Entscheidung abgenommen wurde. Auch er war mit seinen Kräften am Ende. Der Weg ins Tal wäre für beide zur Qual geworden.

Seine Erinnerung hatte ihn nicht getäuscht. Der schmale Stichweg, den sie hinaufstolperten, endete nach etwa 50 Metern. Dort öffnete sich eine Lichtung, in deren Mitte eine Hütte stand. Genau genommen war das Holzhäuschen nicht mehr als ein besserer Heuschober. Es war etwa drei Meter lang und fast ebenso breit, die Wände waren aus roh behauenen Holzbalken gezimmert, das schräge Dach mit Teerpappe verkleidet.

Immerhin gab es eine Tür, vor der ein einfacher Holzriegel lag. Martin stieß die Tür auf und trat ein. Abgestandene Luft und ein muffig-feuchter Geruch kamen ihm entgegen. Der Raum war leer bis auf eine schlichte Holzbank, ein Stuhl und ein notdürftig gezimmerter Tisch. In der Ecke auf dem Boden lag ein Holzklotz mit den spärlichen Resten einer Kerze. Ein Fenster gab es nicht.

Martin wandte sich zu Nadja und bat sie herein. »Willkommen im Hotel Waldesruhe!« Seine Frau wankte an ihm vorbei und ließ sich sofort auf die Bank fallen.

Trotz des Regens ließ Martin die Tür halb offen stehen, sodass wenigstens etwas spärliches Abendlicht hereinkam. Der schlechte Geruch ließ sich dagegen nicht so rasch vertreiben. Martin stellte die beiden Rucksäcke ab und kramte sein Feuerzeug heraus. Nach mehreren Versuchen brachte er eine Flamme hervor und zündete die Kerze an.

»Das wird ja richtig gemütlich!« Das kleine Licht genügte, um den Raum einigermaßen aufzuhellen. Martin schloss die Tür. Sofort wurden die Geräusche des Sturms abgedämpft. »Und jetzt wollen wir vernünftig sein!«

Nadja hatte sich wieder aufgesetzt. Er half ihr, den triefnassen Poncho auszuziehen, ebenso die Jacke. Die Allwetterkleidung hatte die Nässe erstaunlich gut abgehalten. Auch der Inhalt der Rucksäcke war erfreulicherweise trocken geblieben.

Martin fand ein Handtuch und begann, Nadjas Haare trocken zu rubbeln. Dann nahm er ihre Hände und knetete sie so lange, bis die Wärme einigermaßen in die steifen Finger zurückkehrte. Schließlich überzeugte er sie, die verschwitzte Unterwäsche gegen eine frische Garnitur auszutauschen.

»Jetzt zahlt es sich aus, dass wir uns durch das schöne Wetter nicht haben verleiten lassen.« Nadja hatte eine silberne Rettungsfolie um sich gehüllt und sah bereits wieder recht zuversichtlich aus.

Martin nickte zustimmend. Ihre Gewohnheit, bei allen Unternehmungen in den Bergen stets das Nötigste mitzunehmen, zahlte sich aus. »Es ist mir trotzdem rätselhaft, wie es so völlig anders kommen konnte. Natürlich gibt es im Schwarzwald Wetterumschwünge. Aber in dieser Heftigkeit habe ich es noch nie erlebt.«

»Ob das etwas mit dem seltsamen Summen und Grollen von heute Morgen zu tun hat?«

»Schon möglich.« Martin antwortete nur zögerlich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass beides miteinander zusammenhing. Wahrscheinlich war alles nur eine Verkettung ungewöhnlicher Witterungsumstände.

Nadja ging nicht weiter darauf ein. »Ein heißer Tee wäre jetzt schön!«

»Tee ist leider aus, meine Dame«, antwortete Martin. »Darf ich Ihnen stattdessen etwas anderes anbieten?« Er nahm ihr Gesicht in die Hände und küsste sie zärtlich.

»Auch nicht schlecht«, lächelte Nadja, als sie sich wieder gelöst hatten. »Da bestelle ich gleich noch eine Portion.«

»Gerne, kommt sofort. Aber wir sollten zuerst einmal nach deinem Fuß schauen.« Er kniete sich vor die Bank auf den Boden und machte sich daran, an beiden Schuhen die Schnürsenkel zu lösen. »Hast du noch Schmerzen?«

»Es geht so. Die letzte Viertelstunde war heftig.« Nadja biss die Zähne zusammen, als Martin ihr behutsam den Stiefel herunterzog. Dann streifte er die Socke ab. Im Kerzenlicht sahen sie, dass der Knöchel rot und geschwollen war.

Martin tastete vorsichtig über die Haut. »Tut das weh?«

»Es tut weh. Aber es sticht nicht. Es ist auszuhalten.«

»Gebrochen scheint nichts zu sein. Ich tippe auf eine Zerrung.« Martin zog ihr jetzt auch den zweiten Stiefel und die Socke aus. »Normalerweise bräuchtest du jetzt eine Eispackung. Oder zumindest kaltes Wasser. Das hilft immer. Aber heute verzichten wir besser darauf.« Er fand ein paar frische Strümpfe im Rucksack und half ihr beim Anziehen. »Die Ruhe wird dir guttun. Vielleicht klingt es über Nacht ab. Und morgen bekommst du einen schönen Verband.«

Mit Hilfe der Rucksäcke, Jacken und Handtücher improvisierte er für Nadja eine Schlafstätte auf der Bank. »Das Bett ist gerichtet, meine Dame. Nur die Matratze ist etwas kräftig.«

Nadja lächelte und streckte sich aus. »Und du?«

»Ich passe auf dich auf. Versuche zu schlafen.« Er zog den Stuhl heran, setzte sich und griff nach ihrer Hand. Schon kurz darauf hörte er, wie sie ruhig und gleichmäßig atmete. Noch eine Weile lauschte er dem Pfeifen und Wimmern um die Hütte, dann fiel auch ihm der Kopf nach vorne, und er nickte ein.

*

In der Luft hing der Geruch der abgebrannten Kerze. Martin erwachte mit einem steifen Hals. Sein Rücken schmerzte, und er fror. Er brauchte eine Weile, bis er sich erinnerte, was es mit dem fremden, dunklen Raum auf sich hatte, in dem er saß.

Seine Augen gewöhnten sich nur langsam an das Dunkel. Durch feine Ritzen im Türrahmen und irgendwo in der Wand fielen winzige Lichtstrahlen herein, gerade so viel, dass er sich orientieren konnte.

Martins Blick fiel auf Nadja. Sie musste vollkommen erschöpft gewesen sein, denn sie lag nahezu in der selben Stellung, in der sie eingeschlafen war. Er stand auf und nahm den inzwischen abgetrockneten Umhang, den er am Tag zuvor an einen Aststumpf an die Wand gehängt hatte, und breitete ihn über seine Frau aus. Ihr Atem stockte für einen Moment, dann schlief sie weiter. Zufrieden nahm Martin den zweiten Poncho und zog ihn sich um die Schultern. Es sah aus, als sei das Ganze noch einmal glimpflich abgelaufen. Kein Husten, kein Schüttelfrost, keine ernsthaften Verletzungen.

Jetzt erst fiel ihm auf, dass es draußen völlig ruhig war. Der Lärm und das Tosen des Unwetters waren verstummt. Die Stille war so intensiv, dass er glaubte, sie mit den Händen greifen zu können.

Das Handy funktionierte immer noch nicht, ebenso wenig Martins Armbanduhr. Die schwachen Reste der Zeitanzeige waren endgültig verblasst. Martin vermutete, dass inzwischen die Akkus erschöpft waren. Oder sie hatten doch zu viel Nässe abbekommen und waren hinüber.

Martin überlegte, wie er Nadja von hier am besten nach Hause bringen konnte. Nach seiner Einschätzung stand die Hütte ziemlich genau auf halbem Weg zwischen Tal und Feldberggipfel. Es kam daher auf das Gleiche heraus, in welche Richtung sie gehen würden. Alles hing von Nadjas Fuß ab. Je nachdem würden sie entscheiden, ob sie besser bergauf oder doch lieber abwärts steigen sollten.

Martin ging zur Tür, hob den Riegel und drückte sie auf. Überrascht stellte er fest, dass sie sich nicht rührte. Er drückte fester, rüttelte – ein klein wenig öffnete sich ein Spalt, durch den Licht hereinkam. Gleichzeitig spürte er einen kalten Lufthauch.

Er lehnte sich mit der Schulter gegen das Türblatt und versuchte es erneut. Zug um Zug gelang es ihm, die Öffnung zu erweitern. Es war, als habe über Nacht jemand ein Hindernis davorgelegt. Vielleicht war ein größerer Ast heruntergefallen und blockierte jetzt den Eingang. Martin drehte sich mit dem Rücken zur Tür, stemmte die Füße in den Boden und drückte, so fest er konnte. Endlich war der Spalt groß genug. Er zwängte sich hindurch ins Freie und blieb fassungslos stehen.

Der Wald, die Bäume, die Lichtung – alles war tief verschneit. Die weiße Pracht lag kniehoch. Auf dem Dach der Hütte lag fast ein halber Meter Schnee. Über dem Weiß lag eine gespenstische Stille. Martin hörte nichts außer seinem Herzschlag. Die Atemluft vor seinem Mund verdichtete sich in kleine weiße Wölkchen. Der Himmel über ihm war dunkelgrau und mit dichten Wolken überzogen. Der Stichweg, durch den sie am Abend hergekommen waren, war kaum noch zu erkennen. Der Sturm hatte vollkommen aufgehört.

Martin schob mit den Füßen so viel Schnee zur Seite, dass er die Tür weiter öffnen konnte. Er ging zurück in die Hütte und holte aus dem Rucksack den Rest ihrer Verpflegung. Er legte jeweils eine Banane und einen Müsliriegel auf den Tisch, dann trat er zu Nadja.

»Frühstück!«, raunte er ihr ins Ohr. »Schinken, Toast, Orangensaft, Frischkäse und ein Vierminutenei. Tee oder Kaffee?«

Nadja blinzelte ihn schlaftrunken an. Dann zog ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie streckte die Arme aus und zog ihn zu sich heran. »Und die Zeitung?«, rummelte sie und küsste ihn auf die Nasenspitze. »Wie lange habe ich geschlafen?«

»Den ganzen Herbst über.« Martin verlor auch jetzt nicht seinen Humor. »Inzwischen ist es Winter geworden.«

Nadja bekam große Augen, als sie vor die Tür trat und die Schneemassen sah. »Das ist …« Ihr fehlten die Worte.

»Außergewöhnlich«, ergänzte Martin. »Ich kann mich nicht erinnern, dass es im September geschneit hat. Noch dazu in solchen Mengen. Wir hätten die Skier mitnehmen sollen. Im Tiefschnee durch den Wald, in 20 Minuten wären wir unten.«

Nadja war wie ihr Mann eine ausgezeichnete Skifahrerin. »Schön wär’s ja«, meinte sie. »Vielleicht wird es in diesem Winter endlich einmal eine gute Skisaison.«

Sie gingen zurück in die Hütte. »Jetzt essen wir erst einmal, was wir noch haben.« Martin deutete auf den Tisch. »Und dann auf dem schnellsten Weg nach Hause. Ich brauche dringend eine warme Dusche.«

»Und ich freue mich auf Felix.« Nadja schälte eine der Bananen und biss hinein. »Ob er uns vermisst?«

»Das glaube ich kaum. Er wird schlafen. Oder trinken. Oder umgekehrt«, lachte er. »Hoch oder runter, was ist dir lieber?«

»Was meinst du?«

»Wir müssen uns entscheiden, wie wir weitergehen. Wir können versuchen, weiter hoch auf den Seebuck zu steigen. Dann mit dem Sessellift runter und mit dem Bus heim. Wenn der Schnee nicht allzu hoch liegt, schaffen wir es in zwei Stunden bis zur Bergstation.«

»Oder?«

»Oder wir steigen denselben Weg hinunter, den wir gestern Morgen hochgekommen sind. Ins Zastlertal. Ich schätze, das dauert ungefähr genauso lang.«

»Ich fürchte, das wird nicht gehen.« Nadja deutete auf ihren Fuß. Die Rötung war weg, aber die Schwellung war noch deutlich zu erkennen. »Ich kann auftreten, aber es ist anstrengend. Bei Eis und Schnee abwärts ist riskant. Ich glaube, bergauf ist es leichter.«

»Dann ist es entschieden. Wir wollen aufbrechen!« Martin stand auf und begann, die beiden Rucksäcke zu packen. »Im Bergrestaurant wartet eine Riesenportion Spaghetti auf uns!«

»Mit Parmesan!«

*

Eine halbe Stunde später kamen Martin die ersten Zweifel, ob ihre Entscheidung richtig war. Sie kamen deutlich langsamer voran als erhofft. Von einem Wanderweg konnte keine Rede sein. Der Schnee lag an manchen Stellen kniehoch, jeder Schritt war anstrengend. Die Wolken hingen tief und tauchten den Morgen in ein milchiges Licht, das die Konturen verschwimmen ließ. Seit sie die Baumgrenze hinter sich gelassen hatten, mussten sie sich ganz auf Martins Orientierungssinn verlassen. Obwohl er den Weg schon früher gegangen war, blieb er immer wieder stehen und prüfte die Umgebung. Selbst hier in Gipfelnähe bestand die Gefahr, sich zu verlaufen.

Anfangs waren sie nebeneinander gegangen. Doch bald hatten sie gemerkt, dass sie sich leichter taten, wenn einer dem anderen in dessen Spur folgte. Nadjas Fuß begann wieder zu schmerzen, sodass sie öfter eine Pause einlegen mussten.

»Seltsam. So ein Wetter hat es im September noch nie gegeben.« Martin teilte die letzten beiden Riegel in Stücke. »Der Großvater hat manchmal erzählt von den harten Wintern früher im Schwarzwald. Aber das ist lange her. Heute jammern die Skiliftbetreiber und Pensionswirte, dass es viel zu wenig Schnee gibt.«

Nadja stützte sich auf ihn, um zu verschnaufen. Dankbar nahm sie eines der Riegelstückchen und kaute. »Ich weiß nicht. Irgendetwas stimmt nicht«, meinte sie. »Schon gestern hatte ich so ein komisches Gefühl. Das Beben, der Sturm, der Vogel …«

»Jetzt hör aber auf!«, unterbrach sie Martin. »Mach dich bloß nicht verrückt. Das hat alles seine Erklärung. Wir brauchen unsere Konzentration für den Weg.« Er deutete nach vorn. Nach einem längeren ebenen Stück, das nur durch Mulden unterbrochen war, führte der Weg seit einer Viertelstunde wieder stetig an. »Wir müssten bald am Bismarckdenkmal sein. Dann ist es nicht mehr weit bis zum Sessellift. Eigentlich müssten wir ihn schon hören.«

Immer noch war es völlig windstill. Sie lauschten.

»Ich fürchte, sie haben ihn bei dem Wetter heute gar nicht in Betrieb genommen.« Nadja klang enttäuscht. Die Vorstellung, gemütlich in der Panoramagondel ins Tal zu schweben hatte sie ihre letzten Kräfte mobilisieren lassen.

»Und wenn schon.« Martin winkte ab. »Die restlichen paar Meter schaffen wir auch noch.«

Eine Viertelstunde später wurde Nadjas Befürchtung zur Gewissheit. Urplötzlich tauchte vor ihnen die Bergstation des Seebuckliftes aus dem Nebel auf. Das Häuschen, in dem normalerweise ein Aufseher saß und den Ein- und Ausstieg überwachte, stand leer. Auf dem Dach lag ein dickes weißes Polster. Der Wind hatte die Tür mit Schnee halb zugeweht.

»Hier war heute noch niemand«, meinte Martin nach einem Blick in eines der eisverkrusteten Fenster. Die Tür war abgeschlossen. »Schade. Ein bisschen Wärme hätte uns jetzt gutgetan.« Er wischte mit der Hand den Schnee von der Bank, die an die Seite des Häuschens angebaut war. »Komm, wir setzen uns.«

Erschöpft sank Nadja neben ihm nieder. »Ich bin völlig k.o.«, keuchte sie. »Heute läuft aber auch alles schief.«

Martin musste ihr recht geben. Ihre Lage war trostlos. An normalen Tagen tummelten sich hier Hunderte von Tagesausflüglern und Wanderern. Kindergeschrei und Hundegebell, Vesperrucksäcke und Wasserflaschen. Normalerweise war Martin beim Wandern kein Freund großer Menschenansammlungen. Heute hätte er viel darum gegeben, wenigstens ab und zu jemanden zu treffen.

Stattdessen dichter Nebel und durchdringende Stille. Dort, wo sich bei schönem Wetter ein herrliches Schwarzwaldpanorama mit Blick bis zu den Alpen ausbreitete, reichte das Auge kaum bis zum nächsten Liftpfeiler. Die kräftigen Trägerseile verloren sich bereits nach wenigen Metern im Nichts. Schräg über dem Ausstieg war die Silhouette einer Gondel zu sehen, die regungslos in der Luft hing.

»Schaffst du es noch bis runter?« Besorgt nahm Martin Nadja in den Arm. »Ich könnte hinunterlaufen und für dich den Lift anmachen lassen. Oder ich besorge uns einen Pistenbully«, lachte er. »Immerhin ist dies eine Notsituation.«

Nadja schüttelte müde den Kopf. »Lass mich nicht allein. Es muss gehen. Es wird gehen.« Sie rückte näher an ihn heran. »Außerdem …« Sie zögerte. Ihr Blick wanderte ziellos durch den Nebel. »Ich finde es unheimlich hier. Ich habe Angst.«

»Martin legte den Arm um ihre Schultern. »Keine Sorge. Es wird nichts geschehen, was du nicht willst. Außerdem werden wir …«

Nadja fuhr plötzlich hoch und packte seinen Arm. Ihre Augen waren weit aufgerissen.

»Was ist?«

»Da! Hörst du es?« Sie hob den Kopf und lauschte. »Da war etwas!«

Martin verstummte. »Ich höre nichts«, sagte er nach ein paar Sekunden. »Vielleicht der Wind?« Er deutete zu der Gondel, die wie von Geisterhand bewegt sanft hin und herpendelte. »Oder ein Tier?«

»Nein. Das ist es nicht.« Wieder lauschte Nadja konzen­triert. »Hörst du es nicht? Ganz zart. Wie ein …« Sie stockte abermals, »… ein Singen!«

Martin nickte. »Stimmt. Jetzt höre ich es auch. Da summt irgendetwas.« Im nächsten Augenblick zog ein Lächeln über sein Gesicht. »Der Lift! Sie stellen den Lift an!«

Er stand auf und versuchte, etwas zu erkennen. »Es hört sich an, als ob die Tragseile vibrieren.« Er stieß einen Seufzer aus. »Gott sei Dank! Jetzt brauchen wir nur noch zu warten.«

Er drehte sich um und erschrak. Nadjas Gesicht hatte sich plötzlich verändert. Sie presste beide Hände auf die Ohren. Ihre Augen waren weit aufgerissen.

»Was hast du? Was ist mit dir?«

Nadja war aufgesprungen. Sie wandte den Kopf nach allen Seiten, dann stolperte sie ein paar Schritte vorwärts in den Schnee. Martin eilte ihr nach.

»Nadja, was ist?«

Im selben Moment hörte er es. Das war kein Maschinengeräusch!

Das war auch nicht der Wind, der kaum merklich die Wolken bewegte. Es war ein Ton, wie ihn Martin noch nie zuvor gehört hatte.

Er hielt mitten in der Bewegung inne und lauschte gebannt. Es hörte sich an wie ein leises Singen, das von überall her gleichzeitig zu kommen schien. Ein großer, allumfassender Ton, zusammengesetzt aus allen Höhen und Tiefen. Das Singen hüllte ihn ein, drang in sein Innerstes, sein ganzer Körper begann zu vibrieren. Die Töne füllten ihn aus bis in jeden Winkel, jede Faser, jedes Stück seines Innersten. Martin fühlte sich mit einem Mal so leicht wie nie zuvor in seinem Leben. Ein ungeheures Glücksgefühl stieg in ihm auf, breitete sich aus und hob ihn empor in eine Welt voller Licht und Wärme.

»Martin! Martin, komm zu dir!«

Er öffnete die Augen und sah Nadja vor sich. Im selben Moment erlosch der tausendfache Ton wie eine angestoßene Kerze.

»Ich will weg hier, schnell!«

Martin blinzelte, als sei er aus einem Traum erwacht. »Was war das? Hast du das auch …« Er stockte. Nadja umschlang ihn mit beiden Armen. Sie spürte, wie er zitterte. »Musik. Es war wie – Musik.«

Martin schüttelte langsam den Kopf. »Dabei ist hier nichts. Nur Nebel und Schnee. Und Kälte.« Nur langsam fand er seine Fassung wieder. Er wandte sich um. »Ich glaube, wir sind schon viel zu lange hier draußen. Ich fange an zu halluzinieren. Wenn es Hochsommer wäre, würde ich sagen, ich kriege einen Sonnenstich. Oder so ähnlich.« Er ging ein paar Schritte zur Rückseite des Lifthäuschens und kniff die Augen zusammen. »Wenn man nur etwas sehen könnte! Da vorne müsste eigentlich der Bismarckturm sein.« Er sah angestrengt in den Nebel. »Von dort aus führt normalerweise einer der Wege nach unten.«

»Normalerweise.« Nadja trat neben ihn und fasste ihn an der Hand. Sie war enttäuscht. Von dem Pfad war nichts zu sehen.

»Wir gehen trotzdem hier runter. Es ist sicherer als auf der freien Fläche.« Martin wies mit der ausgestreckten Hand nach vorn. »Wir orientieren uns an den Stützpfeilern und am Waldrand.« Erst jetzt erkannte Nadja den dunklen Streifen, der sich schemenhaft im Grau abzeichnete.

»Am besten, wir bleiben von jetzt an ganz dicht beieinander. Warte.« Martin nahm das Seil, das er an seinem Rucksack festgebunden hatte, und band es Nadja um die Hüfte. Das andere Ende schlang er sich um den Arm. »Sicherheitshalber. Wir sollten kein Risiko mehr eingehen.«

Vorsichtig tasteten sie sich die ersten Schritte vorwärts. Der Weg, den sie eingeschlagen hatten, war wie erwartet steil und tückisch. Martin, der vorausging, musste jeden Schritt ertasten. Verschneite Felsbrocken, auf denen man ausrutschen, plötzliche Löcher, in denen man umknicken konnte, gab es überall. Sie sprachen jetzt kaum etwas. Der Abstieg erforderte ihre ganze Konzentration. Immer wieder hielt Martin an und half seiner Frau über die schwierigen Stellen hinweg. Ein Sturz wäre hier zwar nicht gefährlich geworden. Doch mit Nadjas Fuß wollte er kein Risiko eingehen.

Sie hielten sich möglichst dicht unter der Seilbahn, deren Trageseile ihnen die Richtung vorgaben. »Eigentlich sieht es toll aus.« Nadja deutete auf die Drahtseile, die nach oben und unten im Dunst versanken. »Wie ein modernes Kunstwerk. Oder eine japanische Tuschfederzeichnung. Schade, dass die Handykameras nicht mehr funktionieren. Ein Bild, wie geschaffen für ein gerahmtes Poster in unserem Wohnzimmer.«

»Stimmt. Es hat etwas Mystisches. Weißt du noch, am Schauinsland, als wir im Februar mit der Gondel hochgefahren sind?«

Nadja nickte. »Stimmt. Da war es ähnlich. Unten im Tal war alles voller Wolken, oben hat die Sonne geschienen. Es war wunderbar, als wir die Grenze durchstoßen hatten.«

»Es gibt schon seltsame Wetterphänomene im Schwarzwald.« Martin bückte sich und klopfte zum wiederholten Mal den Schnee von seinen Hosenbeinen. »Trotzdem. Dieser viele Schnee um diese Zeit ist sehr merkwürdig. Dabei dachte ich, der Klimawandel bringt uns mehr Wärme.«

»Wie weit ist es noch?«, meinte Nadja.

Martin deutete schräg nach oben. »Der dritte Mast. Wir sind bald unten. Verlaufen können wir uns jetzt nicht mehr. Ich schlage vor, wir versuchen, den Rest der Strecke direkt am Waldrand zu gehen. Dort ist vielleicht etwas weniger Schnee.«