Beschreibung

Auch 16 Jahre nach dem verheerenden Atomunfall gilt der Schwarzwald als verstrahlt und unbewohnbar. Auf der Suche nach seinen seit der Katastrophe verschollenen Eltern dringt Felix immer tiefer in das Sperrgebiet vor. Er trifft auf Gutes und Bedrohliches und lernt auch mit dem ihm Unverständlichen umzugehen. Doch nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen haben sich völlig verändert. Immer wieder begegnet Felix dem unheimlichen Gesang, einer Kraft, die niemand erklären kann, und die alles Leben bedroht …

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Beliebtheit


THOMAS ERLE

DAS LIED DER WÄCHTERDER GESANG

Roman

Impressum

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Das Lied der Wächter – Das Erwachen (2018); Mörderisches Freiburg (2018); Hochburg (2017); Höllsteig (2015); Freiburg und die Regio für Kenner (2015); Blutkapelle (2014); Teufelskanzel (2013)

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2019

Lektorat: Claudia Senghaas

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © hfox / fotolia.com

S. 7: Lyrics from “Songs From the Wood« written by Ian Anderson © 1977, The Ian Anderson Group Of Companies Ltd,

administered by BMG Rights Management (UK) Ltd

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-5890-3

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Was bisher geschah …

Seit einem verheerenden Atomunfall am Oberrhein vor 16 Jahren gilt der Schwarzwald als verstrahlt und unbewohnbar. Nach der Totalevakuierung der Bevölkerung haben die Behörden die gesamte Region zur Sperrzone erklärt.

Am Tag seines 16. Geburtstages erfährt Felix von der Frau, die er für seine Mutter hielt, dass seine Eltern an jenem verhängnisvollen Tag auf einer Bergtour unterwegs waren und seither als vermisst gelten. Er fühlt sich getäuscht, ist wütend und verzweifelt. Doch das Testament seines verstorbenen Onkels weckt die Hoffnung in ihm, dass seine Eltern noch leben könnten.

Felix beginnt seine abenteuerliche Suche. Es gelingt ihm, in die streng bewachte verbotene Zone vorzudringen, wo er die mysteriöse Lena kennenlernt und erfährt, dass die Regierung seit Jahren ein falsches Spiel spielt. Denn die Gefahr, die in dem verstrahlten Gebiet lauert, ist so viel größer, als sich die Menschen vorstellen können: Eine unerklärliche Kraft scheint alles Leben zu bedrohen …

Zitat

»Ich will dir Lieder aus dem Wald singen …«

- Ian Anderson, Songs from the wood, 1977

4. Kapitel

Die ersten zarten Strahlen des Morgenlichtes kämpften sich durch das Dickicht der Zweige und Äste, fingen sich im Dunkel der Fichtennadeln und frisch aufgebrochener Blattknospen von Buchen, Eichen und Birken. Tautropfen funkelten versteckt in schillernd-irisierenden Farben. Die Feuchte der Nacht stieg in dünnen, kaum wahrnehmbaren Schleiern aus satten Moospolstern.

Felix hatte kaum ein Auge für die zaghafte Schönheit des beginnenden Tages. Der Abstieg ins Höllental war weitaus schwieriger, als er es sich vorgestellt hatte. Der Steilhang unterhalb des Felsens, von dem er sich abgeseilt hatte, war dicht mit mannshohen Tannen bewachsen, deren ausladende Wedel ihm ein nahezu undurchdringliches Hindernis entgegenstellten. Mit beiden Armen musste er sich vorwärtskämpfen. Brombeerranken zerkratzten ihm die Hände. Über seine Stirn lief ein schmaler, blutender Strich. Nasse Spinnweben wehten über sein Gesicht. Der Rucksack wog schwer und schlug bei jedem Schritt auf seine Schultern. Dick mit Moos überwachsene Felsen wechselten sich mit grauem, losem Geröll, das unter seinen Füßen nachgab, ab. Ständig musste er aufpassen nicht abzurutschen.

Felix blieb für einen Moment stehen, um zu verschnaufen. Er stützte sich an einen Felsblock und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Steig hinunter bis zur Talsohle. Dann folge dem Bach aufwärts bis nach Hinterzarten.« Georgs Beschreibung hatte einfach und klar geklungen. Doch von einem Pfad war nichts zu sehen. Um ihn herum dehnte sich undurchschaubares Grün. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als weiter zu versuchen, sich irgendwie abwärtszuhangeln. Irgendwann würde er unten ankommen.

Die Abrisskante kam so plötzlich, dass er um ein Haar ins Leere getreten wäre. Im letzten Moment hielt er sich am Stamm einer verkrüppelten Kiefer fest. Direkt vor ihm fiel eine Mauer gut fünf Meter senkrecht abwärts.

Vorsichtig spähte Felix nach unten. Direkt unter ihm verlief eine schmale Trasse, die aus dem Fels herausgeschlagen war. Zwischen Büschen, toten Bäumen und Gras schimmerten die parallel verlaufenden Eisenbahnschienen hervor. Felix hatte in der Schule von der ehemaligen Höllentalbahn gehört. Die Bahnlinie von Freiburg durch den Schwarzwald ins Schwäbische galt als Meisterwerk der Technik aus dem 19. Jahrhundert.

Dass die Natur sich in 16 Jahren einen Großteil zurückgeholt hatte, überraschte Felix nicht. Seit er von Freiburg aufgebrochen war, hatte er auf seinem Weg über Waldkirch und das Simonswälder Tal bis hinauf zur ehemaligen B 500 immer wieder die Kraft der Natur bestaunen können.

Felix ließ seinen Blick weiterwandern. Zu seiner rechten Seite sah er schräg unter sich einen Tunnelausgang. Der Fels, durch den der Tunnel geschlagen war, ragte ein gutes Stück ins Tal hinein, sodass ihm der Blick weiter talabwärts verwehrt war. Direkt unterhalb waren von beiden Seiten der Schlucht riesige Steinbrocken abgestürzt. Die gesamte Breite war versperrt. Davor hatte sich ein See aufgestaut. Die ehemalige Straße, die sich die Engstelle mit der Bahnlinie teilen musste, war nicht mehr zu sehen und trat erst einige Hundert Meter oberhalb wieder aus dem Wasser hervor. Aus der spiegelglatten Oberfläche ragten Schilfinseln und abgebrochene Baumstrünke heraus, am Rande des Sees wuchsen Brennnesseln, Binsen und hohe Gräser. Weiter talaufwärts erstreckte sich über die gesamte Breite des Tals ein hellgrüner Teppich aus Bäumen und Buschwerk.

Wenigstens wusste Felix jetzt, wo er war. Doch er sah sofort, dass es nicht einfacher werden würde. Die Stützmauer der Bahntrasse stellte ein unüberwindbares Hindernis dar. Die fest aneinandergefügten Steine fielen nahezu senkrecht nach unten. Für einen Sprung war es zu hoch. Nach links ging es so steil nach oben, dass er dort nicht weiterklettern konnte. Dagegen entdeckte er auf der anderen Seite etwas, was ihm Mut machte. Etwa 20 Meter von der Stelle aus, an der er stand, sah er mehrere über den Hang gespannte dicke Metallseile, dazwischen die Reste eines großmaschigen Netzes, das anscheinend der Hangbefestigung gedient hatte.

Die Verankerung war noch so gut intakt, dass sich Felix daran entlanghangeln konnte. Einige Meter weiter wand sich die Bahnstrecke um eine Kurve und verschwand im Berg. Kurz vor dem schwarzen Halbrund des Tunnelausgangs entdeckte Felix endlich eine Stelle, an der er es riskieren konnte, nach unten zu steigen.

Fast hatte er es geschafft, als er doch noch ins Straucheln geriet. Unter seinem Fuß löste sich ein Stein, er trat ins Leere, mit seinen Händen fand er an der glatten Wand keinen Halt. Die letzten Meter rutschte er inmitten von Erde, Geröll und kleinen Steinchen nach unten und landete unsanft auf seinem Hintern im Schotter des alten Gleisbettes.

Zum Glück hatte er sich nicht verletzt. Er rappelte sich auf und bahnte sich den Weg weiter nach unten, bis er den Rand des Wassers erreichte. Es war eine Wohltat, den Rucksack endlich abstreifen zu können. Er stellte ihn auf einem herabgestürzten Felsbrocken ab, dann zog er seine Jacke aus, knüpfte sein Hemd auf und kniete sich auf den Boden ins Gras. Er tauchte seine Hände in die kühle Flüssigkeit und fuhr sich ein paarmal über sein Gesicht und den Nacken. Die Erfrischung tat ihm gut. Er trank ein paar Schluck Wasser, das Essen im Rucksack ließ er unangetastet. Auch wenn er damit rechnete, spätestens morgen auf die Spuren von Josef zu treffen, wollte er mit den Vorräten sparsam sein. Die Tage, an denen er und Lena sich von kaum genießbaren Dosenbohnen ernähren mussten, waren ihm noch in lebhafter Erinnerung.

Die Sonne hatte noch nicht den Talgrund erreicht. Dennoch war es inzwischen deutlich heller geworden. Felix ließ den Blick über den Abhang wandern, den er heruntergekommen war. Aus der Entfernung kam er ihm noch undurchdringlicher und steiler vor, als er es erlebt hatte. Doch er hatte es geschafft! Gerne hätte er Lena noch einmal zugewunken, doch der Fels, von dem er sich abgeseilt hatte, war nicht mehr auszumachen. Bestimmt war sie in der Zwischenzeit wieder zu Hause bei ihren Leuten auf dem Hof, die ihn so freundlich und hilfreich aufgenommen hatten.

Die gegenüberliegende Seite des Tals war dicht mit Nadelbäumen versehen. Sie schien weniger steil zu sein und wirkte nicht ganz so schroff und abweisend. Irgendwo dort oben hinter dem Bergrücken war Felix’ Ziel. Er musste den Mann finden, der sich selbst Sepp nannte und von dem er wusste, dass er irgendwo am Fuße des Feldbergs wohnte.

Felix tastete nach dem kleinen silbernen Segelboot, das um seinen Hals hing. Seit er wusste, dass es das Gegenstück gab, war ihm die Hoffnung, dass seine Eltern noch lebten, zur Gewissheit geworden. Er würde alles daransetzen, Mutter und Vater zu finden. Und mit Sepp hatte er die erste konkrete Spur. Felix brannte darauf herauszufinden, wo der Fremde, den Georg zufällig unterwegs getroffen hatte, das Amulett herhatte.

Für einen Moment überlegte er, ob er es riskieren sollte, den Hang hinaufzusteigen, um sich dann direkt in Richtung Feldberg durchzuschlagen. Doch dann erinnerte er sich an die Worte von Georg, als dieser ihm die Kartenskizze aufgezeichnet hatte. »Die südliche Talseite ist für dich vollkommen tabu. Halte dich fern, so weit wie möglich. Dein Weg ist entlang des Baches und weiter hinauf nach Hinterzarten!«

Felix seufzte. Er zog seine Jacke wieder an und schulterte den Rucksack. Er war froh, dass Lenas Bruder ihm die nötigen Tipps gegeben hatte. Schon mehr als einmal hatte er erleben müssen, welch schreckliche Gefahren sich hinter einem harmlosen Anblick verbargen. Er war allein. Wenn er in die Fänge der Spinne geraten würde, hätte er kaum eine Chance sich zu befreien.

Zum Glück reichte das aufgestaute Wasser nur wenige Hundert Meter das Tal hinauf. Doch Felix hatte sich zu früh gefreut. Der Boden war feucht und schlammig, überall breiteten sich Pfützen und verschlungene Wasserarme aus. Alle paar Schritte sank sein Fuß bis über den Knöchel in den Morast. Es gab nur wenige Steine, auf denen er entlangbalancieren konnte. Der Bach, bis zu dem er sich vorgekämpft hatte, war durch unzählige aufgestaute und angeschwemmte Äste, Zweige, Baumwurzeln und Steinbrocken unpassierbar.

Inzwischen hatten ihn ganze Schwärme von Mücken entdeckt. Sie stürzten sich auf jede freie Stelle, an der seine Haut zum Vorschein kam. »Immer am Wasser entlang!« Felix fluchte, als er vor sich hin stapfte und abwechselnd mit seinen Händen wedelte und sich den Schweiß aus der Stirn wischte. Seine Hosenbeine waren bis zum Knie hoch nass und dreckverschmiert, an seinen Schuhen hingen fette Erdbrocken.

Er wusste nicht, wie lange er gegangen war, als sich innerhalb weniger Meter das Gelände änderte. Seine Füße fanden auf festem Boden Halt, die niedrigen Wasserpflanzen wichen Gras, die Erde war trocken und sandig. Felix hob den Blick. Er stand am Rand eines Birkenwäldchens. Je weiter er vorwärtsdrang, desto dichter standen die Bäume. In allen Größen breiteten sie sich um ihn aus. Der Anblick der hellen Rinde und der zarten Zweige, an denen die jungen Blättchen in hellem Grün tanzten, hellte Felix’ Stimmung sofort auf.

Doch schon bald darauf merkte er, dass sich seine Lage nicht verbessert hatte. In dem dichten Blätterwald hatte er große Mühe, die Orientierung zu behalten. Der Blick war in alle Richtungen gleich. Er kam sich vor wie ein Schwimmer in einem grünen Meer. Selbst die Sicht auf die Berghänge zu beiden Seiten des Tals wurde die meiste Zeit von Ästen und Blättern verdeckt. Je weiter er vorwärtsdrang, desto höher wurden die Birken. Gleichzeitig schufen sie Platz für Heidelbeerbüsche, Brombeerhecken, Vogelbeeren und Brennnesseln, die es ihm allesamt zusätzlich erschwerten, sich einen Weg zu bahnen.

Die Bäume am Rande des Baches ragten deutlich höher hervor. Felix entschloss sich, auf eine der Erlen zu klettern. Was er sah, versetzte seinem Optimismus einen weiteren Dämpfer: Die Sonne stand bereits hoch, und er hatte erst etwa die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Nach seiner Schätzung mussten es noch mindestens zwei Kilometer sein, bis er den Aufstieg am Ende des Tals erreichen würde.

Zu seiner Linken sah er eine schmale Linie von Bäumen, die sich am Fuße des Berghanges stetig aufwärtswand. Das musste die Bahnlinie sein, über die er heruntergekommen war. Warum sollte er es nicht dort versuchen? Die Schienen würden ihn ohne Umwege direkt zum Ziel führen, dass zwischenzeitliche Klettern über Hindernisse würde er dafür gerne in Kauf nehmen.

Felix prägte sich die Richtung ein und kletterte den Baum hinunter. Er hielt sich nach links, bis er das überwucherte Asphaltband der Straße erreicht hatte. Von dort konnte er den Hang zu den Gleisen emporklettern. Der Blick zurück zeigte ihm, dass er richtig gehandelt hatte. Es war keine Besserung in Sicht. Das grüne Meer zu seinen Füßen erstreckte sich ohne Unterbrechung weiter talaufwärts. Auf der Bahnlinie hatte er die Chance, in wesentlich kürzerer Zeit sein Ziel zu erreichen.

Felix entschloss sich, nach den Anstrengungen eine Pause einzulegen. Er aß einen der Äpfel, die Lenas Mutter eingepackt hatte. Er war noch vom Vorjahr und hatte eine verschrumpelte, fleckige Schale. Dennoch schmeckte er süß und kam ihm besser vor als alle, die er zu Hause aus dem Supermarkt gegessen hatte.

Ehe er weiterging, ermahnte er sich, dass er die Vorsicht nicht außer Acht lassen durfte. Er aß den Apfel bis auf den Stiel auf, dann zog er das hölzerne Kästchen aus der Tasche. Das Abschiedsgeschenk der Riesles, das ihm Lena heute Morgen kurz vor ihrer Trennung gegeben hatte. Er schob den kleinen Riegel zur Seite und klappte den Deckel auf. Das in grauen Filz eingeschlagene Rindenstück war kaum größer als ein Golfball. Die schwarzbraune Oberfläche war mit zahlreichen Kerben durchfurcht. Warmes, pulsierendes Leuchten strömte ihm entgegen. Winzige Leuchtpunkte strahlten in irisierenden Regenbogenfarben. Es war, als liefen unzählige Glühwürmchen auf unsichtbaren Bahnen und hüllten die längst abgestorbene Borke in geheimnisvolles Licht. Felix konnte den Blick kaum lösen. Vorsichtig nahm er den Wegweiser heraus. Die Berührung mit den Fingern ließ die Farben noch ein Stück mehr aufleuchten. Auf seiner Handfläche breitete sich eine angenehme Wärme aus, die in seinen ganzen Körper strömte.

Während der Tage bei Lena auf dem Hof hatte Felix ein paarmal versucht, Näheres über die geheimnisvollen Rindenstücke zu erfahren, von denen außer den Jüngsten jeder der Bewohner ein eigenes Exemplar besaß. Doch selbst von Lena war keine Antwort zu bekommen gewesen, die ihn zufriedengestellt hatte.

»Es funktioniert«, hatte sie auf seine Frage geantwortet. »Du hast es selbst gesehen. Wie und warum, weiß keiner.«

Felix erinnerte sich lebhaft an den Tag, an dem sie die Soldaten in den Wald verfolgt hatten. Lena war vorausgegangen und hatte mithilfe der leuchtenden Rinde einen Weg gefunden, der sie sicher durch die Spinnenarme der geheimnisvollen Kraft geführt hatte. Mit Schaudern dachte Felix an das Erlebnis mit dem Soldaten, der eine Abkürzung gewählt hatte und vor seinen Augen plötzlich von unerklärlicher Lähmung befallen wurde. Lena hatte ihm gezeigt, wie die Farben wie winzige Lebewesen reagierten. Sie wurden langsamer und stumpften ab, wenn sie in die Nähe der tödlichen Kraft kamen, sie leuchteten lebendig und vielfältig, solange keine Gefahr drohte. Lena und ihre Leute nannten die Borkenstücke »Wegweiser«. Für sie war es die einzige Möglichkeit, sich abseits bekannter Wege durch den Schwarzwald zu bewegen.

Felix stand auf und hielt das Rindenstück in Brusthöhe auf der offenen Hand. Langsam drehte er sich einmal herum, die Farben leuchteten unverändert. Zufrieden schnallte er den Rucksack wieder auf und setzte seinen Weg auf den Bahnschwellen fort.

Natürlich hatte er nicht erwartet, dass er auf der Trasse ohne Probleme vorwärtskommen würde. Die Natur hatte auch dieses Zeichen der Zivilisation Stück für Stück zurückerobert. Die groben Steine im Schotterbett zwischen den Holzschwellen hatten nicht viel bewirkt. Große Teile der Bahntrasse waren überwuchert, dazwischen lagen unzählige Steine und Felsbrocken, die vom Berghang abgebrochen waren. An einer Stelle musste er über einen Bergrutsch klettern, der die Schienen mit einem riesigen Geröllhaufen überzogen hatte.

Doch spätestens seit ihrer mühsamen Klettertour auf der alten Straße im Wildgutachtal wusste Felix, wie er sich bewegen musste. Zwar ging es nicht so rasch vorwärts, wie er es sich erhofft hatte, dennoch war es eine große Erleichterung gegenüber dem undurchschaubaren Grün, das unter ihm in der Talsenke lag.

Nach etwa einer halben Stunde tauchte neben den Gleisen ein Haus auf. Über die ausgebleichten Holzschindeln an der Außenseite wucherte ein riesiger Efeu, dessen Ranken sich bis über das Dach empor ausgebreitet hatten. Fenster und Türen waren hinter dunklem Laub verborgen. An der Frontseite erkannte Felix die Reste eines hölzernen Vorbaus, der wohl früher als Wetterschutz gedient hatte. Der asphaltierte Vorplatz ließ ihn vermuten, dass das Haus früher einmal ein Bahnhof oder ein Haltepunkt gewesen war. Über der Tür hing ein halb heruntergestürztes Holzschild. Felix musst den Kopf zur Seite legen, um die fast gänzlich verwitterte Aufschrift entziffern zu können. »Höllsteig«.

Felix hielt sich nicht lange auf, sondern balancierte auf den Bahnschwellen weiter vorwärts. Schon nach wenigen Schritten erreichte er eine Stelle, an der das Gelände zu beiden Seiten unvermutet steil abbrach. Direkt vor ihm verengten sich die Gleise zu einer Brücke, die über mehrere Hundert Meter in sanftem Bogen zur gegenüberliegenden Seite führte, von wo sich die Schienen irgendwo am Berg verloren. Vom Tal herauf wand sich in mehreren engen Kurven die Straße den Berg hoch. Links sah Felix die Öffnung einer bewaldeten Schlucht, von dessen Grund das Wasser eines schmalen Baches heraufschimmerte. Auf der rechten Seite lagen tief unter ihm die Dächer mehrerer großer Häuser. Der Bach, dem er ursprünglich folgen wollte, war unter Pappeln und Erlen nur undeutlich zu erkennen. Er kam von irgendwo am Ende des Tales den Berg herunter.

Er hatte das Ende des Höllentals erreicht.

Bisher hatte Felix alle paar Hundert Meter die Umgebung mit seinem Wegweiser geprüft. Auch jetzt zog er ihn heraus und betrachtete die winzigen Leuchtpunkte. Alles war unverändert, der Weg über die Gleise schien ungefährlich. Vorsichtig bewegte sich Felix bis zum Rand der Brücke. Auf den ersten Blick schien das Bauwerk unversehrt. Auf mächtigen Steinbögen überwand die Bahnstrecke die tief eingeschnittene Schlucht. Dennoch wusste Felix sofort, dass es hier für ihn nicht weitergehen würde. Schon bei der Brücke über die Wilde Gutach und erst recht bei ihrem missglückten Aufstieg den Zweribachfall entlang hatte ihn seine Angst vor der Höhe gelähmt. Der Gedanke, auf diesem kaum abgesicherten Schienenstrang über die gähnende Tiefe gehen zu müssen, war unerträglich. Selbst wenn er dadurch ein großes Stück des Weges würde abkürzen können. Es würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als bis zu dem ehemaligen Bahnhofsgebäude zurückzugehen. Dort meinte er, einen Feldweg gesehen zu haben, der hinunter ins Tal führte.

Er hatte richtig vermutet. Nur wenige Schritte hinter dem kleinen Bahnhof bog ein Weg ab. Unter einer Stahlbrücke hindurch führte der Pfad entlang des Hanges steil nach unten. Die Sonne, die jetzt zunehmend an Kraft gewann, blitzte durch die großen fünffingrigen Blätter mächtiger Kastanien, die den Weg entlang der Talseite säumten. Von Weitem sah Felix inmitten des Birkenwaldes den hellen Glockenturm einer Kapelle.

Der Weg endete an einer schmalen Brücke, die einen tief eingeschnittenen Bach überspannte. Direkt dahinter erhob sich auf der linken Seite ein stattliches Gebäude. Es war im Stil der ehemaligen Schwarzwaldhäuser gebaut. Ein riesiges Dach beherrschte wie eine Haube mehrere Stockwerke, an deren Vorderseite jeweils ein Balkon entlanglief. An der breiten Treppe, die zum Eingang nach oben führte, begrüßte ein Schild die Gäste: »Zum Hofgut Sternen, Best Western Hotel«. In einem schmiedeeisernen Kasten waren sogar noch die verblichenen Reste der Speisekarte zu sehen.

Ein riesiges Gemälde auf der Außenmauer unter dem Dach erregte Felix’ Aufmerksamkeit. Es stellte eine Szene aus einer anderen Zeit dar. Herren und Damen in prächtigen Gewändern, eine Postkutsche mit Pferden und Dienerschaft, dahinter bewaldete Bergrücken. »Marie Antoinette zu Gast 1770«. Felix musste schmunzeln. Er bezweifelte, dass das Hotel vor ihm schon so alt war. Doch das Bild sah hübsch aus und verlieh dem verlassenen Gebäude einen Hauch von Historie.

Das Haus direkt gegenüber war genauso hoch, aber wesentlich schlichter gestaltet. Mit seinen in regelmäßigen Abständen angeordneten Fenstern und dem steinernen Treppenaufgang erinnerte es an ein Verwaltungsgebäude. Felix sprang die Stufen hinauf und drückte die Türklinke herunter. Es war abgeschlossen. Auf Augenhöhe war an die Außenwand ein schlichtes Schild geschraubt. »Goethe war hier zu Gast am 29.9.1779.«

Die übrigen Gebäude ließen Felix vermuten, dass in den Jahren vor dem großen Unglück, das zur Evakuierung und Absperrung des Schwarzwaldes geführt hatte, hier ein reges touristisches Treiben geherrscht hatte. Ein flacher moderner Bau war als Glasmanufaktur ausgewiesen. Durch die Scheiben erkannte Felix jede Menge gläserne Kugeln, Vasen, Becher, Schalen sowie Tiere und Pflanzen in allen Formen und Farben. Felix wollte sich nicht damit aufhalten, hier etwas Brauchbares zu suchen, zumal wie bei dem Haus zuvor die Tür abgeschlossen war. Auf der anderen Seite eines kleinen Hofes, in dem noch die typischen Holztische und Stühle eines früheren Restaurantbetriebes standen, hatte er mehr Glück. Die Tür hing schräg in den Angeln, sodass er sie ohne Mühe aufstoßen konnte. Er fand sich in einem Raum wieder, der wohl einmal als Gaststätte gedient hatte. Überall standen Tische und Stühle. An zwei Seiten gab es Serviertheken mit leeren Schüsseln und Stapeln von Tellern. »Schwarzwälder Kirschtorte – täglich frisch gebacken!« Das Schild hing vor einer völlig leeren Theke, deren eingestaubte Kuchenteller nichts mehr von den ehemaligen Leckereien erahnen ließen. Felix seufzte. Gerne hätte er wieder einmal ein Stück Schokolade gegessen. Doch es war abzusehen, dass ihm dies auf lange Zeit verwehrt bleiben würde. Ein Pfeil mit der Aufschrift »Souvenirs aus dem Schwarzwald« wies auf eine breite Holztreppe nach oben in den Anbau. Der Verkaufsraum direkt unterm Dach bildete einen völligen Gegensatz zu dem, was Felix bei seinem unfreiwilligen Aufenthalt in der Hexenlochmühle gesehen hatte. Die hiesigen Besitzer hatten den Schwerpunkt auf hochwertige Markenqualität gelegt. Die Preisschilder in den mit Fähnchen geschmückten Vitrinen sprachen vor allem solvente Bustouristen aus Japan, den USA und der Schweiz an, die ihre Mitbringsel deutlich von der üblichen Massenware absetzen wollten. Felix bestaunte eine reichhaltige Kollektion von Schweizermessern. Er hatte zwar von Lenas Großvater zum Abschied den Dolch geschenkt bekommen. Dennoch überlegte er, ob er sich hier bedienen sollte. In den letzten Wochen hatte er mehrfach erfahren, von welch großer Wichtigkeit hier im Schwarzwald jegliche Art von Tauschgegenständen sein konnte. Er nahm einige der Messer aus der Vitrine. Neben den einfachen Modellen, die im klassischen Stil zwei Klingen und einen Korkenzieher hatten, gab es welche, die durch die Fülle der Instrumente so dick waren, dass sie kaum mehr sinnvoll zu handhaben waren. Felix entschied sich für zwei Messer, die zusätzlich einen kombinierten Dosenöffner und Schraubenzieher, einen Stößel sowie eine kleine Säge hatten. Zusätzlich packte er zwei silbern glänzende Scheren ein. Alles andere ließ er unangetastet. Lediglich bei einer goldglänzenden Rolex, die einen fünfstelligen Betrag aufwies, konnte er nicht widerstehen, sie zumindest einmal überzustreifen. Er musste lächeln, als er das schwere blitzende Gehäuse an seinem Arm sah. Es war kurios, wie unbedeutend Statussymbole einer anderen Welt hier waren. Um nichts auf der Welt hätte er so etwas gegen seinen Wegweiser eingetauscht.

Felix legte die Uhr zurück und ging die Treppe wieder hinunter. Als er auf der Rückseite des Shops ins Freie trat, fand er sich auf einem großen leeren Parkplatz wieder. Es war Zeit, dass er zurück zum Bach kam. Wenn es ihm gelang, bis zum Nachmittag bis Hinterzarten zu kommen, konnte er hoffen, dort eine Möglichkeit für eine sichere Übernachtung zu finden.

Weiden und Pappeln, die sich als gewundenes Band über den hellgrünen Birken abzeichneten, wiesen ihm auch jetzt den Weg. Als er auf der Straße stand, sah er, dass er fast am Talende angelangt war. Etwa 100 Meter vor ihm knickte die Straße in einer scharfen Kurve nach links ab und schlängelte sich den Berg hoch. Auf der gegenüberliegenden Seite trat der Steilhang bis fast an den Fahrweg heran. Dazwischen sah er von Weitem den Einschnitt, an dem der Bach herunterkam, dem er folgen wollte.

In der Kurve verließ er die Straße und schlug sich in die Büsche, die am Ausgang der Senke standen. Schon nach wenigen Schritten erwartete ihn eine böse Überraschung: Dort, wo er den Bach vermutet hatte, türmte sich eine riesige Halde aus Steinen, Schlamm und Sand. Stattliche Felsbrocken waren von den seitlichen Wänden der Schlucht abgebrochen und heruntergestürzt. Zersplitterte Baumstämme, deren mächtiges Wurzelwerk bizarr in die Luft ragte, lagen kreuz und quer an der Stelle, wo einmal der Bach heruntergekommen war. Das wilde Durcheinander versperrte den ehemaligen Ausgang der kleinen Schlucht wie ein Pfropfen. Alles war dick mit Moos, Gras und Farn überwuchert. Aus unzähligen kleinen Spalten sickerte das Wasser des Baches hervor und verschwand ein gutes Stück unterhalb hinter dem befestigten Rand der Straßenkurve im Gebüsch.

Verzweifelt sah Felix nach oben. Wie sollte er hinaufkommen? Auf der rechten Seite rückte der Steilabhang des Höllentals ganz nah heran. Hier musste er sich unbedingt fernhalten. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hindernisses ragten die Stützmauern der Straße senkrecht empor. Schon der erste Versuch hinaufzuklettern misslang. Felix’ Hände und Füße fanden keinen Halt. Alles war nass und glitschig, sodass er schon nach wenigen Metern ausglitt und nach unten rutschte. Auch der zweite und der dritte Versuch scheiterten kläglich. Das Seil fiel ihm ein, das er unter seinen Rucksack gebunden hatte. Doch wo hätte er es befestigen sollen? In seiner Verzweiflung knüpfte er eine Schleife und versuchte, sie wie ein Lasso über einen der Aststümpfe zu werfen, die fast senkrecht über ihm aus dem Bergsturz herausragten.

Nach zahllosen vergeblichen Versuchen gab er auf. Felix schleppte sich zurück zur Straße und sackte erschöpft vor der Leitplanke auf den Boden. Er war völlig verdreckt. Jacke und Hose waren mit feuchter Erde verschmiert, Schuhe und Hosenbeine waren nass bis über die Knie. Am liebsten hätte er alles von sich geworfen und sich neu angezogen. Doch eine warme Dusche war nur ein Wunschtraum und so weit entfernt wie der Mond, der im Westen über den Bergkämmen unterging.

Felix entschied sich, sich trotzdem zu waschen. Dort, wo sich das Wasser gestaut hatte, kratzte er den gröbsten Dreck aus seinen Kleidern. Dann wusch er Gesicht, Hände und Arme. Jacke, Hemd, Hose und Socken hängte er über die Leitplanke, seine Schuhe stellte er aufrecht an einen der Leitpfosten. Felix zog seinen Pullover aus dem Rucksack und streifte ihn sich über. Dann setzte er sich auf den Boden. Nach dem Stand der Sonne musste es um die Mittagszeit sein. Demnach war er schon fast zehn Stunden unterwegs. Er hatte sich vollkommen verschätzt. Sein Plan, rasch nach Hinterzarten zu gelangen und von dort aus vielleicht schon bis zum Abend in Richtung Mathisleweiher unterwegs zu sein, hatte sich völlig zerschlagen. Er war noch nicht einmal aus dem Höllental herausgekommen. Und so, wie es jetzt aussah, wusste er noch nicht einmal, wie ihm das gelingen sollte.

Felix spürte, wie die Sonnenstrahlen ihn langsam aufwärmten. Er schloss die Augen und versuchte, sich an das zu erinnern, was ihm Georg gesagt hatte. »Den Bach entlang bis zum Talende und dann hinauf nach Hinterzarten.« Hatte er wirklich »den Bach hinauf« gemeint? Der Hang sah nicht so aus, als sei er erst in letzter Zeit abgerutscht. Aber wie war es Georg gelungen weiterzukommen?

Felix drehte sich zur Seite und nahm aus einer der Außentaschen die Skizze heraus, die Georg ihm angefertigt hatte. Das Höllental war als dünne Linie gezeichnet, ein Pfeil führte an der Seite entlang bis zu dem großen »H«, das für »Hinterzarten« stand. Das war eindeutig. Doch Felix konnte sich kaum vorstellen, wie Georg über den Hangabrutsch geklettert sein konnte. Er stand auf und betrachtete das Talende, das er von seinem Standpunkt aus gut überblicken konnte. Ob es noch einen anderen Weg gab, den er bisher übersehen hatte? Ob er vielleicht doch die rechte Talseite absuchen sollte, obwohl Georg ihm eingeschärft hatte, sie unter allen Umständen zu meiden? Immerhin hatte er den Wegweiser in seiner Tasche, der ihn vor allen Gefahren warnen würde.

Sein Blick fiel auf die andere Seite des Tals und folgte der Straße, die sich serpentinenartig in engen Kurven nach oben wand, bis sie hinter der Kuppe verschwand. Und es gab die Eisenbahnstrecke, die ebenfalls hinauf nach Hinterzarten und von dort weiter in den Schwarzwald hineinführte. Von Weitem bestaunte Felix das riesige Viadukt, das nur wenige Meter hinter dem Hotel in großen, steinernen Bögen das Tal überspannte. Von hier aus konnte er nicht sehen, wo die Gleise hinführten. Möglicherweise gab es eine Senke, die in den Berghang gegraben war. Oder einen Tunnel. Doch schon der Gedanke, über das Viadukt zu gehen, ließ Felix’ Knie zittern. Das würde er unmöglich schaffen.

Hinter der Bogenbrücke deuteten die bewaldeten Berghänge einen weiteren Taleinschnitt an. Felix hatte inzwischen gelernt, dass überall durch die großen Täler fast immer ein Bach führte. Ob Georg diese Stelle gemeint hatte? Mehr als einmal hatte er darauf hingewiesen, dass es am sichersten war, sich entlang des Wassers fortzubewegen. Das Nachdenken machte Felix schläfrig. Er döste eine Weile vor sich hin und griff ab und zu nach seinen Klamotten, um zu sehen, ob sie trockneten. Irgendwann stand er auf und zog die Hose wieder an. Das Hemd knüpfte er um den Hals, die Wollsocken schob er unter eine der Außenklappen am Rucksack. Die Schuhe band er an den Schnürsenkeln zusammen und hängte sie sich über die Schulter.

Er hatte sich dafür entschieden, als Erstes die einfachste Lösung auszuprobieren. Nachdem er alles fertig gepackt hatte, holte er das Rindenstück aus dem Holzkästchen und ging los. Er wollte versuchen, so lange es ging, auf der Straße zu bleiben. Wenn er Glück hatte, konnte er auf diese Weise bequem bis Hinterzarten gehen. Oder er fand unterwegs eine Möglichkeit, an die er bisher noch nicht gedacht hatte.

Hinter der Kurve führte die Straße steil nach oben. Auf dem Asphalt waren noch die Markierungen zu erkennen, in regelmäßigen Abständen mahnten Schilder die Autofahrer, ihre Geschwindigkeit zu drosseln. Felix kam gut voran. Es schien, als habe der Regen dafür gesorgt, dass sich auf der abschüssigen Fahrbahn nur wenige Hindernisse festsetzen konnten. Zudem schützten die bis zu 30 Meter hohen Stützmauern auf der Bergseite vor Steinschlag. Nur wenige große Felsen lagen auf der Straße verstreut.

In einer der Haltebuchten stand ein Sattelschlepper und rostete vor sich hin. Felix zog sich an der Tür hinauf zur Kabine, doch sie war leer. Der Fahrer, der dem Nummernschild nach aus Holland gekommen war, hatte sich wohl rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Sonst war nirgendwo ein Auto zu sehen.

Dort, wo die Eisenbahnstrecke aus dem Tal heraufkam, öffnete sich der dichte Vorhang aus Fichten und gab den Blick frei. Das Tal zu seinen Füßen lag nun in der Sonne. Das helle Grün der jungen Birken bildete einen malerischen Kontrast zu den dunklen Nadelbäumen zu beiden Seiten des Tals. Die Straße hing an dieser Stelle so weit über, dass Felix von hier aus von oben in die Schlucht hinter dem Viadukt sehen konnte. Er hatte richtig vermutet. Zwischen den dicht stehenden Bäumen schimmerte tatsächlich ein Bachlauf hervor. Ob das der Weg war, den Georg gemeint hatte? Er konnte wieder hinabsteigen und versuchen, dem Gewässer so weit als möglich zu folgen. Allerdings wies das Tal fast in die entgegengesetzte Richtung zu seinem Ziel. Und solange er auf der Straße so gut vorwärtskam, wollte er es weiter versuchen.

Einige Hundert Meter weiter deutete ein überdimensionales Schild auf eine bevorstehende Spitzkehre hin. Nach der nächsten Kurve sah Felix, was damit gemeint war: Die Straße wand sich um 180 Grad um einen herausragenden Felsen, auf dem ein Kreuz errichtet war. Unmittelbar über ihm führte die Fahrbahn wieder in die Gegenrichtung und weiter den Berg hinauf. Ein weiteres Schild bremste die Autofahrer auf zehn Stundenkilometer ab.

Felix war so fasziniert vom Anblick des imposanten Straßenbaus inmitten der wilden Berglandschaft, dass er für einen Moment alle Vorsicht vergaß. Gerade noch rechtzeitig spürte er, wie sein Schritt plötzlich langsamer wurde. Seine Füße schienen am Boden zu kleben. Die Luft um ihn wurde zum Greifen dick. Entsetzt sah Felix, dass das pulsierende Leuchten auf seinem Rindenstück deutlich verblasst war.

Sofort wusste er, was das bedeutete. Er drehte sich auf der Stelle um. Er brauchte einige Schritte, bis sich die Lähmung aus seinen Gliedern wieder löste. Doch die Angst trieb ihn, er rannte auf der Straße abwärts und hielt erst in der Haltebucht mit dem Lastwagen wieder inne. Schwer atmend lehnte er sich an einen der großen Reifen.

Wie konnte er nur so leichtsinnig sein! So wie beim Aufstieg nach Sankt Märgen war er geradewegs in die Arme der Spinne gelaufen. Damals hatte er die Vorzeichen der unheilvollen Kraft nicht beachtet. Ohne Lena, die ihn befreit hatte, wäre er verloren gewesen.

Hier gab es niemanden, der ihm helfen würde.

Die Oberfläche der Rinde hatte jetzt wieder ihre normale Färbung angenommen. Für den Moment war er in Sicherheit. Felix blieb jedoch aufmerksam. Wenn die Spinne sich bewegte und ihm näher kam, musste er sofort reagieren.

Nachdem er zu Atem gekommen war, ging Felix zur Sicherheit einige Schritte weiter die Straße hinunter. Er zermarterte sich den Kopf. Was konnte er tun? Der Aufstieg entlang des Baches war verschüttet, die Straße versperrt, der südliche Talabhang tabu. So wie es aussah, hatte er nur zwei Möglichkeiten: Er konnte versuchen, unter dem Viadukt hindurch in die dahinter gelegene Schlucht zu gelangen und dort den Bach aufwärtszusteigen, auch wenn dieser Weg von seinem eigentlichen Ziel wegzuführen schien.

Der Gedanke an die zweite Möglichkeit versetzte Felix einen Stich. Er konnte wieder den Weg durch das Höllental zurückgehen, den Steilhang hinaufklettern und versuchen irgendwie den Aufstieg zur Breitnau-Hochebene zu schaffen. Zurück zu den Riesles, zurück zu Lena.

Zum Eingeständnis seiner Niederlage.

Felix zwang sich zur Ruhe. Er hob seinen Kopf und ließ den Blick den Hang hinauf bis zum Kamm des Berges wandern. Dort oben, hinter der Kante, lag das Ziel. Von seinem Platz aus zum Greifen nah. Es musste eine Möglichkeit geben, dort hinaufzugelangen. Felix fiel ein, was er an den Gebäuden des Hofgutes Sternen gesehen hatte. Goethe hatte es bis hierher geschafft. Wahrscheinlich war er wie er aus Richtung Freiburg gekommen. Hatte er damals umgedreht? Oder gab es einen Saumpfad, der weiter nach oben führte? Und was war mit Marie Antoinette? Wie war sie dorthin gelangt? Vor über 200 Jahren hatte es weder die Eisenbahn noch die gut ausgebaute Straße gegeben. Trotzdem hatten die Menschen Möglichkeiten gefunden, die Barriere zu überwinden.

Felix betrachtete das Rindenstück in seiner Hand. Selbst die Spinne war nicht unüberwindbar. Lena hatte ihm erzählt, dass sie ihre Form änderte, manchmal in Tagen, manchmal in Stunden. Und dass es Durchgänge gab, dass sich unvermittelt Lücken auftaten, nur wenige Meter breit, aber dennoch groß genug, um hindurchzuschlüpfen.

Ein Knurren in seinem Magen erinnerte ihn daran, dass er heute noch kaum etwas gegessen hatte. Lenas Mutter hatte ihm eingepackt, was sie von ihren kostbaren Vorräten entbehren konnte. Felix holte aus seinem Rucksack eines der beiden kleinen Brote, dazu das Päckchen, das in Stroh und Blätter fest eingewickelt war und obenauf gelegen hatte. Der verführerische Duft selbst gemachten Rahmkäses stieg ihm in die Nase. Felix brach mit den Fingern ein kleines Stück davon ab und kaute langsam darauf herum. Der Geschmack erinnerte ihn an die Tage auf dem Hof, an den liebevollen Empfang und an die Menschen, die er dort kennengelernt hatte. Er brach ein zweites Stück ab und steckte es zusammen mit einem Bissen Brot in den Mund. Nach dem dritten Bissen spürte Felix, wie sein Optimismus zurückkehrte. Er packte Käse und Brot wieder sorgfältig zusammen und legte alles in den Rucksack. Seine Socken waren inzwischen wieder so weit trocken, dass er sie anziehen konnte. Das Hemd ließ er weiter über dem Rucksack hängen. Die Luft war inzwischen so warm, dass er darauf verzichten konnte.

Felix hatte sich vorgenommen, von unten an die Hangseite der Straße abzusuchen. Zwar war das meiste mit großen Granitsteinen zugemauert, doch dazwischen gab es immer wieder Stellen, an denen der Wald bis an den Straßenrand heranreichte. Felix kam sich vor wie ein Schatzsucher, der mit einem Metalldetektor den Boden nach verschollenen Goldmünzen durchforstet. Er musste schmunzeln, als er daran dachte. Wenn er eine Stelle zum Aufstieg finden würde, wäre es tatsächlich wie die Entdeckung eines wertvollen Schatzes.

Die erste Stelle war nicht breiter als zehn Meter. Doch Felix sah zu seiner Enttäuschung keine Möglichkeit, nach oben zu kommen. Es war so steil, dass er eine Kletterausrüstung benötigt hätte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Georg hier jemals emporgestiegen war. Direkt danach wieder die Stützmauer. Keine Chance, dort hinaufzukommen. Selbst ein kalifornischer Freeclimber hätte hier seine Mühe gehabt.

Hinter der nächsten Kurve spannte sich eine Brücke über die Straße. Es war die Stelle, an der die Eisenbahn vom Tal heraufführte. Die Straße bog in einer großen Kurve nach links ab, rechts im Hang gab es eine Ausbuchtung, die vielleicht früher einmal ein Parkplatz gewesen war. Hier hatte sich auf der gesamten Fläche eine riesige Brombeerhecke ausgebreitet. Der Hang dahinter ging steil nach oben.

Doch er sah noch etwas anderes. Hinter der Straßenbrücke führten die Gleise über eine zweite, kleinere Überführung. Direkt dahinter öffnete sich ein großes Loch in der Wand.

Ein Tunnel!

In dem Moment, als Felix ihn sah, merkte er, dass er diese Möglichkeit völlig außer Acht gelassen hatte. Er ahnte, warum. Er erinnerte sich an einen Schulausflug zur Schwäbischen Alb. Dort gab es mehrere riesige Höhlen, die vor vielen Tausend Jahren Menschen als Unterschlupf gedient hatten. Seine Mitschüler waren begeistert gewesen. Doch er hatte an den bizarren Formen der Tropfsteine und dem Glitzern der unterirdischen Seen keine Freude gehabt. Der Gedanke an die Tausende Tonnen Erde und Steinen über seinem Kopf hatte ihm den Schweiß auf die Stirn getrieben. Nur mit viel Mühe und mit viel gutem Zureden der Lehrerin hatte er es geschafft, den Rundgang durchzustehen.

Felix spürte, wie sein Herz heftig schlug. Unschlüssig blickte er um sich. Am Ende der Bucht setzte sich die Stützmauer fort, ein Stück weiter oben wartete die Spinne auf ihn. Er atmete tief durch. Vielleicht war es seine einzige Chance. Er durfte nicht weitergehen, ohne diese Möglichkeit zu versuchen.

Die Brombeerhecke war so dicht verwachsen, dass er es nicht schaffte, auch nur zwei Meter weit einzudringen. Er hätte eine Machete gebraucht, um sich einen Weg bis an das hintere Ende freizukämpfen. Doch er hatte keine. Mit seinem Messer hatte er keine Chance. Er ging ein paar Meter zurück und besah sich die Brücke. An dieser Stelle wucherten die Ranken sogar noch höher. Einige hatten bereits das schmale Geländer erreicht und suchten sich den Weg auf die andere Straßenseite. Felix ging unter der Brücke hindurch. Dort war es einfacher. Er kletterte und zog sich an den Zweigen eines Holunders nach oben und stand nach kurzer Zeit auf den Schienen, keine 30 Meter vom Tunneleingang entfernt.

Felix setzte langsam Schritt für Schritt auf die Eisenbahnschwellen. Der Wegweiser, den er ausgestreckt vor sich hielt und langsam von links nach rechts und zurück bewegte, zeigte keine Veränderung. Vor der Tunnelöffnung blieb Felix stehen. Das Eingangstor war mit großen Granitsteinen eingefasst. Die Ummauerung setzte sich nach oben und zur Seite in den nackten Fels fort. Etliche Ranken hingen herab. Der Anblick des dunklen Loches bereitete Felix Unbehagen. Irgendetwas kam ihm merkwürdig vor, doch er konnte es nicht greifen. Er spürte, wie die Angst an ihn herankroch.

An der rechten Seite des Portals war ein Schild an die Wand geschraubt. »Finsterrank-Tunnel 258 Meter«. Felix mochte sich nicht ausmalen, was mit einem Finsterrank gemeint war. Die Vorstellung, 258 Meter durch den Berg im Dunkeln zu gehen, genügte, um ihm den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Im Eingang glänzte das Tageslicht auf den Schienen und verlor sich nach wenigen Metern in konturenlosem Schwarz. Wieder sah Felix auf das Rindenstück in seiner Hand. Er trat bis unter den Eingangsbogen, doch die Lichtpunkte leuchteten und pulsierten unvermindert. Vor ihm lag der Weg, den er gesucht hatte. Und er schien gefahrlos zu sein.

Er spürte, dass er sich jetzt entscheiden musste.

Heute Morgen hatte Felix etwas skeptisch geblickt, als ihm Lena eine Handvoll Kienspäne mitgegeben hatte. Jetzt war der Moment, wo er sie nutzen konnte. Er öffnete eine der vielen Außentaschen des Rucksacks und zog das größte Stück heraus. Es strömte einen aromatischen Harzduft aus und war etwa eine Spanne lang und dabei so dick, dass er es bequem in der Hand halten konnte. Er wusste nicht, wie lange es brennen würde, doch er wollte sowieso den Gang unter der Erde so rasch wie möglich hinter sich bringen.

Nur seine Kleider waren bei dem vergeblichen Aufstiegsversuch nass geworden. Leider hatte auch das Feuerzeug deutlich gelitten. Mehrere Male drücke Felix vergeblich auf den Auslöser. Mehr als ein schnarrendes Geräusch war nicht zu hören. Enttäuscht steckte er es zurück und griff nach den Streichhölzern, von denen zwei Packungen unter den Lebensmitteln lagen. »Gehe sorgfältig damit um«, hatte Lena ihm eingeschärft. »Du weißt nicht, wann du wieder neue bekommen wirst.«

Erschrocken stellte Felix fest, dass auch die kleine Stofftasche, in der die Schachteln steckten, feucht geworden war. Doch er versuchte es trotzdem. Zu seiner Erleichterung züngelte nach ein paar Versuchen die ersehnte Flamme auf. Das schmale Ende des Kienspans knisterte ein wenig und begann dann rasch zu brennen. Zarter Rauch stieg auf, der Harzduft verstärkte sich.

Felix steckte die übrigen Streichhölzer in seine Hosentasche und schulterte den Rucksack. Den ruhig brennenden Kien nahm er in die linke Hand, den Wegweiser hielt er ausgestreckt in der rechten. Er atmete einmal tief durch, dann schritt er vorwärts ins Dunkel. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen. Direkt hinter dem Tunneleingang ging das Gleisbett in eine Linkskurve über, sodass schon nach wenigen Schritten die helle Silhouette des Eingangs hinter ihm verschwand. Nur noch ein zarter Lichtschimmer, der mit jedem Schritt schwächer wurde, fiel auf die Gleise.

Felix blieb stehen. Er wusste jetzt, was ihm am Tunneleingang merkwürdig vorgekommen war: Er hatte keine Spinnweben gesehen. Ausgerechnet an diesem Ort. Nicht einmal die Reste davon. Felix ahnte, was das bedeuten konnte. Er spürte, wie sich die winzigen Haare in seinem Nacken aufstellten. Felix sah auf den Wegweiser. Die pulsierenden Farben der Borkenoberfläche wirkten wie aus einer anderen Welt. Aber sie waren da. Er streckte den Arm mit der Kienspanflamme hoch über seinen Kopf und bewegte ihn langsam nach allen Seiten. Die Tunnelwände waren zum Greifen nah. Das bläuliche Licht spiegelte sich in dem grob behauenen feuchten Stein wider und warf Schatten wie auf der Oberfläche eines windzerzausten Bergsees.

In das leise Knistern des Harzes mischte sich ein Geräusch, das er erst jetzt wahrnahm.

Dips. Dips.

Wasser. Irgendwo im Dunkel tropfte es von der Decke.

Dips. Dips.

Felix lauschte gespannt. Knistern und Tropfen. Sonst hörte er nichts.

Weiter ins Dunkel. Felix blieb auf den Schwellen. Die rohen Holzbalken gaben den Weg vor. Ein Stück Wiederleuchten im Stahl links und rechts, eine kleine flackernde Lichtinsel, die sich mit ihm bewegte. Es gab keine Hindernisse. Keine wuchernden Pflanzen, die er zur Seite biegen musste, noch nicht einmal heruntergestürzte Felsbrocken. Die Tunnelbauer hatten gute Arbeit geleistet.

Das Gleisbett, die Schienen und Schwellen auf dem Schotter. Der Fels.

Der Weg stieg leicht an. Kleine Pfützen gab es, in denen sich das herabtropfende Wasser sammelte und die Felix sorgfältig umging. Er wollte nicht wissen, was sich darin verbergen mochte.

Felix ging langsam. Wie lange waren 258 Meter? Müsste er nicht längst den Schimmer der Tunnelöffnung auf der anderen Seite sehen?

Wieder blieb er stehen. Sein letzter Schritt verhallte im Dunkel.

Stille.

Der Kien in seiner Hand war halb heruntergebrannt. Die Flamme bewegte sich leise. Der Wegweiser glimmte in allen Farben.

Dips.

Dips. Dips.

Der nächste Schritt. Ein zweiter. Dann …

Irgendwo im Dunkel vor ihm entstand ein zartes Knistern, als ob ein Schmetterling mit hölzernen Flügeln erwacht wäre. Das Geräusch hallte wider, vervielfältigte sich in Sekundenschnelle, schwoll an zu einem Getöse, das die Tunnelwände entlangbrauste und über Felix hinwegfegte.

Mit einem Schlag war die Flamme erloschen. Schwärze fiel auf ihn, erfüllt von unzähligen kleinen Leibern, die wild zuckend auf und nieder wogten.

Alles ging so schnell, dass Felix nicht reagieren konnte. Ein mächtiger Sog zwang ihn zu Boden. Instinktiv kauerte er sich zusammen und barg den Kopf zwischen den Händen. Das Brausen erfüllte alles. Ein riesiges Geschöpf umhüllte seinen geduckten Körper und glitt an ihm vorüber wie Wasser um einen großen Stein.

Es war so schnell vorbei, wie es gekommen war. Das formlose Ungetüm verschwand zum Tunnelausgang. Ein letzter Luftzug, ein Nachhall von den Tunnelwänden.

Dann wieder Stille.

Felix hörte seinen Atem. Sein Herz schlug wild. Vorsichtig öffnete er die Arme und hob den Kopf. Er war darauf gefasst, dass noch mehr kommen würde. Doch es blieb still.

Schwärze.

Dips. Dips.

Langsam stand Felix auf. Erleichtert stellte er fest, dass trotz seines Schreckens seine linke Hand immer noch den Wegweiser fest umklammert hielt. Das irisierende Leuchten beruhigte ihn. Das, was er eben erlebt hatte, hatte nichts mit der Spinne zu tun. Nichts mit der gefürchteten unheimlichen Kraft.

Vielleicht war es ein plötzlicher Windstoß, der in der Tunnelröhre an ungeahnter Kraft gewonnen hatte und alles mit sich riss? Konnten es Tiere gewesen sein? Vögel, die er aufgeschreckt hatte und die in Panik alle auf einmal zum Ausgang geflüchtet waren? Fledermäuse? Es gab sie nicht nur in Horrorfilmen. Vielleicht hatten sie sich die Höhle des Finsterrank-Tunnels ausgesucht, nachdem sie gelernt hatten, dass sie kein Zug mehr stören würde.

Den Versuch, einen weiteren Kienspan anzuzünden, gab Felix rasch auf. Das Feuerzeug aus seiner Hosentasche funktionierte immer noch nicht. Außerdem schien es ihm leichtsinnig, eine weitere Packung Streichhölzer unnütz zu vergeuden. Es konnte nicht mehr weit bis zum Tunnelausgang sein.

Felix rückte den Rucksack zurecht, strich sich die Haare aus der Stirn und bewegte den Wegweiser langsam nach beiden Seiten. Dann atmete er tief durch und schritt entschlossen vorwärts.

Erster Schritt, erste Schwelle. Zweiter Schritt, zweite Schwelle.

Die Abstände zwischen den Holzbohlen waren geringer, als er normalerweise gegangen wäre. Ein, zweimal trat er daneben und landete auf den groben Steinen. Doch die gleichmäßige Abfolge gab ihm mit jedem Meter mehr Sicherheit. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das Dunkel. Bald kam es ihm sogar so vor, als könne er ohne die Kienflamme besser wahrnehmen. Alle paar Schritte blieb er stehen, schwenkte den Wegweiser und lauschte. Alles blieb still. Keine Anzeichen von Gefahr.

Ein kaum wahrnehmbarer zarter Schimmer drang vom Gleisbett zu ihm herauf. Er verstärkte sich, spiegelte sich zuerst auf dem parallelen Gleis wider, sprang dann empor zu den Tunnelwänden. Mit jedem Schritt traten die Konturen der Felsen deutlicher hervor. Ein paar letzte Schritte, eine letzte Kurve – und Felix hatte den Tunnelausgang direkt vor sich.

Kaum stand er unter dem gemauerten Bogen, als ihn strahlend heller Tag empfing. Er musste sich beherrschen, vor Freude und Erleichterung nicht sofort loszurennen. Stattdessen ging er langsam und vorsichtig weiter und behielt dabei den Wegweiser fest im Auge. Erst ein paar Schritte weiter blieb er stehen und sank dann erschöpft und erleichtert am Rande der Bahnschienen nieder.

Es dauerte eine Weile, ehe er die Kraft fand sich umzusehen. Der Fels hinter ihm, aus dem die Schienenstrecke herausgehauen worden war, ging steil empor. Auf der gegenüberliegenden Seite ragten Wipfel hoher Fichten auf, die aus dem Talgrund bis auf die Höhe der Bahntrasse emporwuchsen. Tief unter sich hörte er von Weitem das schwache Rauschen des Baches, entlang dessen der Anstieg ihm verwehrt gewesen war.

Nach einer kurzen Pause stand er auf und ging weiter. Immer noch führten die Schienen stetig aufwärts. Ein kurzer Schreck durchfuhr ihn, als sich hinter der nächsten Kurve erneut ein Tunneleingang auftat. Doch beim Näherkommen sah er mit Erleichterung, dass er keine Angst haben musste; bereits von Weitem konnte er das helle Halbrund des Ausgangs sehen.

Neben dem Gleisbett führte eine schmale Straße entlang, an der schon bald die ersten Häuser auftauchten. Felix atmete auf. Obwohl er vorsichtig sein musste, hatte er das Gefühl, zurück in der Zivilisation angekommen zu sein. Er verließ den Schienenweg und stieg die wenigen Schritte zu dem Weg hinunter. Kurz darauf erreichte er eine Anhöhe, von der aus er einen großzügigen Ausblick hatte.

Das Düstere, Dunkle, das ihn die ganze Zeit über begleitet hatte, war völlig verschwunden. Der Himmel über ihm spannte sich weit und klar, der Wald und die Berghänge waren an den Horizont weggerückt. Der Ort, der vor ihm lag, war größer, als er es sich vorgestellt hatte. Schon bald sah er sich umgeben von schmucken Einfamilienhäusern mit großzügigen Gärten, die allerdings ausnahmslos völlig verwildert waren.

An einer ehemaligen Bushaltestelle fand Felix eine Bank. Er nahm den Rucksack herunter und holte die Skizze heraus, die Georg ihm angefertigt hatte. Hinterzarten, der Ort, an dem er jetzt war, war mit einem großen »H« in einem Kreis eingezeichnet. Von hier führte ein Pfeil weiter zu einem kleinen Kreuz, an dessen Rand Georg »M. Weiher« geschrieben hatte.

»Von Hinterzarten aus gehst du einfach weiter. Der Weg ist sicher. In ein bis zwei Stunden solltest du es schaffen.«

Felix ärgerte sich, dass er nicht weiter nachgefragt hatte. Was hieß »einfach weiter«? In welche Richtung sollte er gehen? Der einzige Anhaltspunkt, an den er sich erinnern konnte, war, dass der See irgendwo in Richtung Feldberg lag.

Felix blickte sich um. Von seinem Standpunkt aus sah er überall ringsum entfernte Bergkämme. Nirgendwo ragte ein kahler Gipfel hervor, auf dem von Ferne ein Turm zu sehen sein sollte.

Felix seufzte. Es wäre zu schön gewesen. Doch es blieb ihm nichts anderes übrig, als der Reihe nach vorzugehen. Zuerst musste er den See erreichen. Alles andere war zu vage. Wenn er sich verirrte, würde er viel Zeit verlieren. Und es konnte gefährlich werden.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor der Bahnunterführung wiesen Schilder in Richtung Bundesstraße, Autobahn und nach Freiburg. Die angegebene Distanz betrug nur wenige Autokilometer, dennoch lag dazwischen ein Abgrund, dessen gegenüberliegende Seite unerreichbar blieb. Der Name »Freiburger Straße« auf dem Straßenschild kam Felix vor wie die Botschaft aus einer anderen Welt.

Er entschloss sich, ein Stück weiter in den Ort hineinzugehen. Er kam überraschend gut voran. Bis auf einige Grasinseln, die sich in angeschwemmtem Erdreich ausgebreitet hatten, gab es nur wenige Hindernisse. Vereinzelt stieß er auf Überreste, die auf das ehemals rege Leben des Kurortes hindeuteten. Ein zerbrochener weißer Plastikstuhl eines Straßencafés, zwei, drei kaum mehr leserliche Aufsteller einer Apotheke, ein Drahtgestell für Werbebroschüren, dessen Inhalt Regen und Wind längst in alle Richtungen zerstreut hatten. Zu beiden Seiten der Straße reihten sich Restaurants und Geschäfte, deren Schaufenster angelaufen und verdreckt waren. Lediglich an den Schildern konnte Felix erkennen, was hier einmal gewesen war: ein Fotogeschäft, das mit Sofortservice warb, eine Apotheke, zwei Läden für Sportbekleidung, eine Bank, ein Geschäft für Trachtenmoden, mehrere Cafés und Gasthäuser. Dazwischen immer wieder Schilder, auf denen »Zimmer frei« angepriesen wurde.

Auf der gegenüberliegenden Seite eines ehemals stattlichen Hotels, dessen Fassade aus dem 19. Jahrhundert zu stammen schien, öffnete sich ein großer freier Platz. Im Zentrum stand ein großes Gebäude, das sich deutlich von den anderen unterschied. Die Front aus Beton, Glas und Plastik war etliche Meter lang, eine breite Treppe führte zu einer stattlichen doppelflügeligen Eingangstür. Felix vermutete zuerst das Rathaus, doch dann erkannte er unter den wuchernden Ranken von Kletterpflanzen in großen Lettern das Wort »Kurhaus«.

Inmitten einer kleinen gepflasterten, von Bänken eingerahmten Nische stand ein moderner Informationsstand. An mehreren kreuzweise angeordneten Wänden hingen überdimensionale Glaskästen, hinter deren völlig verschmutzten Oberfläche beim näheren Hinsehen Poster, Werbeflyer und Plakate zu erkennen waren. Das meiste war völlig ausgeblichen und unleserlich. Felix entzifferte den Hinweis auf ein Violinkonzert von vor 16 Jahren, daneben die Ankündigung eines Heimatabends mit den »Lustigen Schwarzwäldern« als Hauptattraktion.

An der Rückwand hingen streng geordnet verblichene Fotos mit den Adressen von Zimmervermietungen. Darunter war jeweils ein Lämpchen angebracht, das den Standort auf einer Karte und deren Belegung anzeigte. Eine Karte! Das war genau das, was Felix suchte. Doch auf derjenigen, die vor ihm hing, war nichts mehr erkennbar. Aber Felix gab nicht auf. Es musste eine Übersichtskarte geben. Wenn er Glück hatte, war sie so groß, dass sie bis zum Mathisleweiher reichte.

Er musste eine Weile suchen, denn auch die Scheiben der übrigen Schaukästen waren derart verdreckt, dass er ganz nahe herangehen musste, um deren Inhalt überhaupt erkennen zu können. Am Rande des größten Kastens konnte er Worte wie »Legende« und »Maßstab« entziffern. Das musste es sein! Felix stellte den Rucksack ab und griff sich einen der herumliegenden Pflastersteine, die der Frost gelockert und aus dem Boden herausgetrieben hatte. Dann zog er seine Jacke aus und wickelte ihn hinein. Er sah sich nach links und rechts um – und musste im nächsten Moment über sich selbst grinsen. Es gab hier niemanden, auf den er achten musste! Er wäre froh gewesen, wenn es einen Polizisten gegeben hätte, der ihn wegen Sachbeschädigung festhalten würde.

Das Glas war erstaunlich stabil. Felix musste mehrere Male kräftig zuschlagen, ehe die ersten Splitter flogen. Er warf den Stein zur Seite und räumte mithilfe seiner Jacke die Scherben aus dem Rahmen. Es war genau die Karte, auf die er gehofft hatte. Leider erwartete ihn eine Enttäuschung. Außer einer dicken schwarz-weißen Linie, in der er die Bahnlinie vermutete, und einigen Zeichen am Rand konnte er kaum etwas erkennen. Irgendwo musste Wasser in den Kasten eingedrungen sein. Das Papier war gänzlich verdorben, die Karte nur noch eine erbärmliche Ansammlung von Wasserflecken und Löchern.

Felix gab dem Pflasterstein einen wütenden Tritt und ließ sich auf eine der Bänke fallen. Wie sollte er den Weg zu dem verdammten See finden? »Ein bis zwei Stunden, es ist nicht weit.« Georgs Worte klangen wie Hohn. Wohin? In welche Richtung?

Hinter der Bank, auf der er saß, teilte sich die Hauptstraße. Schon wenige Meter dahinter zweigten weitere Nebenstraßen ab. Überall standen Häuser. Woher sollte er wissen, welche Richtung er einschlagen musste? Er wusste noch nicht einmal, wo es wieder zum Ort hinausging.

An der Straßenecke bei dem Hotel entdeckte er von Weitem ein Schild. Felix stand auf und lief hinüber. Bahnhof. Post. Buchhandlung. Zwei weitere Hotels. Ein Rundweg um das Hinterzartener Moor. Der Radweg zum Titisee.

Wunderbar. Genau, was er brauchte. Das alles würde ihm nicht weiterhelfen. Vielleicht konnte er in der Buchhandlung etwas finden. Zumindest einen Reiseführer aus der Gegend, eine Karte vielleicht. Wenn alles unversehrt geblieben war, hatte er eine Chance.

Er ging zurück zu der Bank, auf der sein Rucksack lag, und ließ sich auf den Sitz fallen. Felix hatte keine Ahnung, wie spät es war. Die Sonne war bereits ein Stück in die Richtung weitergewandert, aus der er gekommen war. Es musste irgendwann am Nachmittag sein. Er spürte, wie er schläfrig wurde. Am liebsten hätte er sich ausgestreckt und ein Nickerchen gehalten. Doch er verzichtete darauf. Bis ihm etwas Besseres einfiel, wollte und musste er das Licht und die Wärme des Tages nutzen, seine Habseligkeiten wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen.

Er zog seine Jacke aus und hängte sie ausgebreitet über die Banklehne. Daneben drapierte er Socken und seine Schuhe. Alles roch schon verdächtig, doch das wunderte ihn nicht. Zum Glück gab es außer ihm selbst niemanden, den das stören konnte. Für den Moment war wichtig, das Ganze trocken zu bekommen. Die beiden Packungen mit den Streichhölzern hatten deutlich gelitten. Er riss die Reste der Ortskarte herunter und breitete sie auf der Nachbarbank aus. Dann streute er den Inhalt der Schachteln darüber. Wenn er Glück hatte, konnte er noch einige der Zündhölzer retten. Die Kienspäne schienen alle noch brauchbar. Trotzdem legte er auch sie in die Sonne. Das Erlebnis im Tunnel hatte ihn daran erinnert, wie wichtig es war, Licht zu haben. Am Ende zog Felix sein Feuerzeug heraus. Er probierte ein paarmal, doch es wollte immer noch keine Flamme aufleuchten. Mit einem Seufzer legte er es zu den anderen Sachen in die Sonne, dann streckte er sich aus. Obwohl er es nicht wollte, übermannte ihn rasch die Müdigkeit. Wenig später war er eingenickt.

Mit einem plötzlichen Ruck fuhr Felix auf. Erschrocken flatterten ein paar Spatzen unter der Bank auf.

»Ich tue euch nichts.« Die Vögel schienen keine Scheu zu haben und hüpften rasch wieder näher. Ein besonders mutiger hüpfte sogar auf die Bank, pickte ein wenig herum und sah dann erwartungsvoll zu Felix herauf.

Die Tiere verhielten sich so, wie er es von zu Hause kannte. Im Sommer waren sie überall zu finden, wo Menschen im Freien saßen. In Cafés, Eisdielen, Gartenwirtschaften – überall hüpften und flatterten sie herum auf der Suche nach Fressbarem. Aber hier? Felix durchzuckte ein Gedanke. Ob es hier irgendwo Menschen gab? Der Ort sah verlassen aus wie eine aufgegebene Goldgräberstadt. Das musste nichts bedeuten. Aber bisher hatte Felix keinerlei Anzeichen entdeckt, dass es hier menschliches Leben gab. Vielleicht war es so, dass die Vögel instinktiv spürten, dass er etwas zu essen im Rucksack hatte.

Felix streckte die Hand zu einem der Vögel aus, der direkt neben seinem Bein saß. Doch ähnlich wie bei dem Reh, das er vor Tagen am Waldrand streicheln wollte, wich das Tier zurück und hüpfte von ihm weg.

»Ich habe nichts, was ich dir geben könnte. Tut mir leid.« Gerne hätte Felix die munteren Tierchen gefüttert. Doch er musste sparsam sein. Außerdem war es Zeit, sich darum zu kümmern, wie es weitergehen sollte. Er stand auf und lief ein weiteres Mal langsam um die Infotafeln herum. Ehe er die Buchhandlung suchte, wollte er sicher sein, dass er nicht doch schon hier einen Hinweis fand. Sein Blick fiel auf das große »I«, das gleich einem Verkehrsschild auf das Wort »Information« hindeutete. Felix überlegte. An einem Ort wie diesem konnten die Hinweistafeln nur ein Teil dessen sein, was die Gemeinde für ihre Gäste bereitstellte. Mit Sicherheit hatte es eine Touristeninformation gegeben. Und wo könnte die besser untergebracht sein als mitten im Ort im Kurhaus?

Felix sah sich die Fassade des modernen Baus noch einmal genauer an. Vielleicht gab es dort drin ein paar Räume für diesen Zweck. Er konnte versuchen, durch eines der Fenster oder durch eine nicht versperrte Tür hineinzugelangen und nachzusehen. Als er näher trat, entdeckte er einen zweiten Eingang, fast vollständig zugewuchert von Brennnesselbüschen. Zusätzlich hatte es direkt vor der Tür einem Hasel so gut gefallen, dass er dort gekeimt hatte und zu stattlicher Größe herangewachsen war. Ein Schild neben der Tür zeigte Felix, wo er sich befand. »Touristeninformation Hinterzarten«, darunter »täglich geöffnet außer sonntags«. Das war genau, was er brauchte.

Felix rüttelte heftig an der Tür. Dieses Mal hatte er Glück. Der Rahmen hatte sich so weit verzogen, dass er die Tür einen Spalt weit aufstemmen konnte. Sein Blick fiel auf einen Raum dahinter, von dem aus eine Treppe nach oben führte. Als sich Felix durch den Spalt zwängen wollte, fielen ihm die Spatzen ein. Hatte er den Rucksack fest genug verschlossen? Er wusste nicht, was ihn in diesem Gebäude erwartete und wie lange er wegbleiben würde. In jedem Fall wollte er bei seiner Rückkehr keine böse Überraschung erleben. Er ging zurück zur Bank. Die Spatzen waren inzwischen verschwunden. Trotzdem entschloss er sich, vorsichtshalber den Rucksack einfach mitzunehmen. Die Sachen zum Trocknen ließ er liegen.

In den kleinen Vorraum drang nur wenig Licht. Trotzdem sah Felix sofort, dass er am richtigen Ort war. Am Fuße der Treppe standen und lagen Prospektständer. Leider hatte auch hier die Natur unbarmherzig zugeschlagen. Die allermeisten Prospekte und Flyer waren ebenso ausgebleicht und verdorben wie die Hinweisposter an den Pinnwänden. Felix hielt sich nicht lange auf. Er stieg die Treppe nach oben und fand sich vor einer weiteren Tür wieder, die abgeschlossen war. Durch die verglasten Wände konnte er in den Raum schauen. Dies musste das Büro der Touristeninformation sein! Felix sah Plakatständer, Bücherregale, Prospektaufsteller, Ständer mit Postkarten und kleinen bunten Souvenirs. Alles sah so aus, als sei es eben erst verlassen worden. Felix suchte nach einer Möglichkeit, in den Raum zu gelangen. Links von ihm sah er Türen mit Toilettenschildern, auf der rechten Seite gab es einen Flur mit weiteren Türen. Keine von ihnen war abgeschlossen. Felix sah der Reihe nach in sämtliche Räume, doch nichts half ihm weiter. Eine Magazinkammer mit Stapeln längst abgelaufener Hochglanzbroschüren, eine Abstellkammer mit Putzsachen und ein paar leeren Getränkekisten, ein winziges Büro mit einem Kopiergerät.

Die letzte Tür führte ihn ans Ziel. Ein paar Schritte weiter fand er sich in dem großen Raum wieder, den er durch die Glasscheiben gesehen hatte. Auf den ersten Blick schien alles gut erhalten. Außer einigen Stellen mit Mäusedreck fand Felix keine Anzeichen dafür, dass der Raum in Mitleidenschaft gezogen war. Zwar waren auch hier viele Prospekte ausgebleicht, doch alles lag noch wohlgeordnet beieinander. Er stöberte durch die Regale, bis er fand, was er suchte. Unter der Rubrik »Ausflüge und Wanderungen« gab es aufklappbare Faltpläne, kleine Landkarten für MTB- und E-Bike­-Touren, es gab Hinweise auf Natursehenswürdigkeiten und spezielle Erlebnisrundwege für Familien mit Kindern.