Das Loch im Zaun - Josef Budek - E-Book

Das Loch im Zaun E-Book

Josef Budek

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Beschreibung

Im schönen August 1989 erlebt das Ehepaar Meinhart in Ostberlin, wie der Sohn im Westfernsehen vor der westdeutschen Botschaft in Budapest die Absicht kundtut, daß er nicht mehr in seine Heimat DDR zurückkehren werde. Auch nicht, wenn ihm angeblich Straffreiheit wegen beabsichtigter Republikflucht zugesichert werde. Siegfried Meinhart, der Vater, muß nach Budapest, um den Sohn und dessen Freund "aus dem Chaos dort" heraus- und zurückzuholen. Die Mutter hat keine Zeit, denn sie ist als Dramaturgin der Staatsoper Berlin gerade damit befaßt, Verdis Oper DER TROUBADOUR revolutionär umzudichten. Siegfried strengt sich an – ohne Zweifel. Doch das Ergebnis seiner Mühen ist niederschmetternd. "Scheiße - und alles life!" (Episode aus dem Roman-Manuskript "Nuttenbrosche und Wasserklops")

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Seitenzahl: 94

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Josef Budek

Das Loch im Zaun

Erzählung aus dem geteilten Europa

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Loch im Zaun

Impressum neobooks

Das Loch im Zaun

Eine Erzählung aus dem geteilten Europa

Stehst nun staunend

vor den Scherben deiner Illusionen,

geblieben ist nur

der Ideen schaler Rest.

Als Siegfried Meinhart und seine Frau Isolde im August neunundachtzig von ihrem ge­mein­samen Sohn Victor, der nächstens schon zwanzig wird, eine Post­karte aus Budapest erhalten, ahnen sie noch nicht, daß das ein Anfang von einem Ende sein wird.

Vater hatte die Reise spendiert, denn Victor war mit seiner Aus­bildung zum Autoschlosser fertiggeworden. Auf diesen Ausflug nach Un­garn durfte er auch sein Freund Christian Obst mitnehmen.

Die Postkarte zeigt das Ufer der Donau mit dem Nationalmuseum. Begei­stert schreibt Victor: "Wie die Ver­rückten laufen und fahren wir kreuz und quer, von einem Ende der Stadt zum an­dern - ohne irgendwo anzu­stoßen. Einfach irre!"

Na, und dazu noch dieses Hochsommerwetter - die können wirklich von Glück reden! Meinhart ist mit sich zufrieden.

Die Postkarte steckte bereits nach knapp einer Woche hier in Ostberlin im Brief­kasten der Meinharts.

Am nächsten Tag - Samstag, den neunzehnten August - setzen sich Siegfried und Isolde in ihren Lada und fahren zu Rudi Obst ins Grüne. Rudi ist Sieg­frieds Chef in der Möbel-Abteilung des Warenhauses am Alexanderplatz, wo Siegfried als Dispatcher arbeitet. Die Obstens besitzen in Eichwalde, am Südrand der Stadt eine Datsche.

Natürlich hätten die Meinharts auch nach Müggelheim fahren können wie frü­her. Aber seit der Scheidung will Isoldes Mutter den Ex-Schwiegersohn nicht mehr in ihrem Hause sehen. Noch nie hat sie Leute gemocht, die so dämlich sind, sich mit der Staatsmacht anzulegen, und sich so um alle Karriere-Chancen bringen. Ein Glück, daß das ihr Mann nicht mehr erleben mußte!

Isolde jedoch fühlt sich irgendwie ihrem Siegfried noch verbunden und ver­zich­tet zunächst auf den Luxus, den ihr das Elternhaus bieten könnte. Eines Tages würde sie das Grundstück erben, Mutter machts bestimmt nicht mehr lange. Bis dahin muß eben die Datsche von Rudi und Anette Obst als Ausweich­stützpunkt herhalten.

Im ungarischen Laden in der Karl-Marx-Allee hat Siegfried je zwei Gläser Gewürz­­­­­gurken und eingelegte Perlzwiebeln erstanden, je ein Glas wird zur Samstag-Grillparty beigesteuert.

Zunächst jedoch aalt man sich in der Sonne, gegen Mittag dann, als es zu heiß wird, verzieht man sich in den Schatten der vier großen Thüringer Tannen, die vom vorigen Besitzer kurz nach dem Krieg gesetzt worden waren.

Anette Obst, die etwas mollige und immer lustige, hat eine Erdbeertorte gebacken, dazu gibt es Westkaffee, den ihre ehemalige Schwägerin aus Düs­sel­dorf geschickt hat. Ehemalig, weil Rudi sich natürlich von seiner Schwester los­sagen mußte, nachdem die über Bulgarien getürmt war. Aber die wußte ja von nichts und schickte brav ihre Pakete an den lieben Bruder, genauer gesagt an die Schwägerin, damit der wegen seiner Westverbindung keine Schwierig­kei­ten bekommt - eine inzwischen wegen der nachlässigeren Ost-West-Politik ihrer Regierung überflüssig gewordene Vorsichtsregel, die man aber trotzdem beibehielt. Sicher ist sicher.

Wie gewöhnlich dreht sich das Gespräch um Lie­be, Krankheiten, die nächste Prämie, das Auto, den nächsten Urlaub, eine Wohnung für die heranwachsen­den Kinder. Rudi erzählt stolz, daß er über drei Ecken eine Rentnerin auf­geris­sen habe, die zu ihrer Cousine nach Westberlin ziehen wolle. Ih­re Wohnung wäre genau die richtige für Christian. Der nächste Schritt wird die Verbin­dungs­aufnahme zur Kommunalen Woh­nungs­verwaltung sein, eine Aufgabe für Anette, deren Freundin in der Lohnbuchhaltung der Kommunalen Woh­nungs­verwaltung sitzt. Und die Verbindung zum Wohnungsamt kann Rudi über die dortige Gewerk­schafts­leitung herstellen, denn deren erster Stell­vertreter habe sich vor erst zwei Wochen an Rudi herangemacht wegen einer Import-Couch-Garnitur.

In der Wohnung der Oma ständen noch Möbel, sogar ein paar gut­erhaltene Stücke aus der Kaiserzeit. Die habe er der Frau schon zu einem schlichten Preis abgeluchst. Sowie die ihre Reisepapiere in den Händen habe, stehe er mit dem HO-Laster vor dem Haus.

Siegfried tropft der Zahn, wenn er sowas hört. "Ist da nicht ein Vertico bei? Wir suchen seit Jahren danach."

Sicher sei ein Vertico dabei, aber das brauche Christian als Wäsche­schrank. Den eigentlichen Wäscheschrank habe sich schon der Haus­buch­­führer ein­gekrallt. Siegfried müsse eben auch die Ohren offen halten. Isolde zieht die Mundwinkel runter. "In solchen Dingen ist mein Mann nicht gerade der Schnellste."

Der holt tief Luft, um einzuwenden, daß er eben nicht das Zeug zum Lei­chen­fledderer habe, läßt sie aber gleich wieder ab. Er will heute in kein Fett­näpf­chen treten. Wahrscheinlich lebt schon die halbe Republik von dem, was die Flücht­linge zurücklassen. Und er würde ja auch gern mit von der Partie sein. Aber er braucht einen Vorwand, braucht irgendwie das Gefühl von Uneigen­nützigkeit. Ein ruhigeres Gewissen. Doch die Dinge laufen meist anders, und so geht Siegfried leer aus - zum Ärger seiner Frau. Und schon ist man wohl oder übel beim Thema Nummer eins: Westflucht.

Rudi hatte schon im Mai den Kopf geschüttelt, als die Ungarn anfingen, den Grenzzaun nach Österreich abzureißen. "Na", hatte er gesagt, "das kann ja noch heiter werden!" Als dann die Ferien begannen und die Leute trotzdem nach Ungarn durften, kommentierte er: "Na also. Der Erich hat das schon im Griff." Deshalb ließ er auch seinen Sohn mit Victor Meinhart nach Budapest. Er! Nicht seine Frau. Die hat da sowieso nichts zu entscheiden, bei al­ler Liebe und Emanzipation! Und das äußerste, was sie an Protest wagt, ist ein tiefer Seufzer. Danach nickt sie eifrig, um sich selbst wieder auf Li­nie zu bringen. So ist sie bisher ohne erkennbare Störungen ihres inne­ren Gleichgewichts durchs Leben gekommen. Immer fröhlich, die Anette, auch auf der Arbeit und in den Versammlungen, wenn über eine Resolution gegen die westlichen Imperia­listen oder über ein Disziplinarverfahren gegen einen Kolle­gen abgestimmt wird: Sie seufzt - und nickt. Ein Pawlowscher Reflex.

Als Rudi sagt: "Na also, der Erich hat das schon im Griff", seufzt sie auch - und nickt. "Hoffentlich werden unsere Jungens nicht ver­führt."

Er guckt entgeistert: "Von der Ballettmeisterin?"

Die Meinharts lachen. Aber wenn Siegfried an die Kolmar erinnert wird, bekommt er steife Brustwarzen.

"Nein", sagt Anette und dreht die Kaffeetasse, "aber von die Agenten zum Beispiel."

Da kriegen die anderen das Hüsteln. Schließlich sind sie alle in diesem Lande mit der Mär von den Saboteuren und Agenten groß geworden. Und der Volks­mund schuf das ironische Kompositum Sabogenten. Denn obwohl das Ritual der Sabogenten-Beschwörung bei allen offiziellen Gelegenheiten fort­besteht, gibt es eigentlich kein Zweifel, daß selbst Erich Honecker und seine Genossen nicht mehr daran glauben. Es ist eben nur ein Ritual und für private Gesprä­che absolut unpassend.

Rudi fragt seine Frau geradeheraus, ob sie nicht richtig ticke. Und die Meinharts setzen ihr, die immer noch schweigend mit ihrer Kaffeetasse spielt, mit gewichtiger Miene auseinander, daß durch solches Argumentieren den Abhau­ern gewissermaßen die eigene Ver­antwortung für ihr Handeln abgenommen werde, und eben das dürfe man nicht zulassen! Und auch kein Verständnis dafür aufbringen. Die verrieten sie ihre Heimat, Eltern, Geschwi­ster, Kollegen und Freunde. Pfui Deibel!

Isolde bringt die Sache auf den Punkt: "Wenn die Flüchtlinge mit ihrer Flucht recht haben, dann sind wir im Unrecht - oder wir sind Idioten!"

Anette zupft mit ihren Würstelfingern an ihrer Cocktail-Schürze, die sie über ihren Badeanzug gezogen hat. Seufzt. Dann pfeift zum Glück in der Küche der Wasserkessel.

Rudi und die Meinharts agitieren sich gegenseitig voll, sind aber im wesent­­lichen gleicher Meinung: Reisefreiheit für alle, die Illegalen in den Knast! Rudi setzt eins drauf: Ins Arbeitslager!

Anette brüht noch eine Kanne auf. Diesmal Ostkaffee, denn sie trinkt sowieso nicht mehr mit. Diese Klugscheißer, die! Die werden sich noch um­gucken, wenn's mal anders rum kommt! Warum die nur immer auf ihr rumhacken! Sie ist nun mal keine Studierte, die immer gleich die richtigen Ausdrücke parat hat! Sie hat Angst um ihren Sohn - das ist alles. Der ist nicht so ein Op­portunist wie ihr Mann. Wenn er was als richtig erkannt hat, dann bleibt er auch dabei. Das gab Ärger in der Schule und in der Lehre. Aber sie hat ihn ver­standen und auch gegen seinen Vater verteidigt. Der Junge läßt sich nun mal nicht nach Belieben biegen. Sie ist froh darüber und hat gleichzeitig Angst.

Ob er wirklich - ?

Sie muß jetzt die Kaffeekanne rausbringen. Als sie sich zum Cam­pingtisch hinunterbeugt, kneift Rudi sie in den Hintern. Jedesmal ­kreischt sie dabei auf, ob­wohl sie sich über ihre Schreckhaftigkeit ärgert. Rudi könnte das wirklich sein lassen vor anderen Leuten! Die lachen doch nur mit, um sich bei ihm anzu­bie­dern. Jedesmal ist Anette von den Meinharts enttäuscht, weil sie eine andere Vorstellung davon hat, wie sich Intellektuelle benehmen sollten. Sie ver­zieht sich wieder in die Küche. Das Kamm­fleisch muß für den Grill in Schei­ben geschnitten und mit Pfeffer und Paprika ein­gerieben, die Zwiebeln müs­­sen gepellt und gehackt werden. Gewürzgurken und Perlzwie­beln kommen in kleine Schüsseln. Sie überlegt, ob sie zusätzlich ein oder zwei Soßen macht. Ach was! Und tut nur noch etwas Pfeffer und Kaffeesahne ins Toma­ten­catchup. Fertig.

Die da draußen schwatzen und schwatzen und finden sich wichtig!

Anette wird froh sein, wenn sie weg sind. Die kommen ja bloß, weil sie keinen eigenen Garten haben oder wenn sie was von Rudi besorgt haben wollen.

Zum Glück geht der Tag ohne größeren Ärger zuende. Anette erfüllt ihre Pflichten als Gastgeberin, die Männer erzählen politisch zwei­deutige und sexuell eindeutige Witze, worüber sie auch alleine lachen. Isolde gibt sich nach­denklich, und das versöhnt Anette ein wenig.

Am kommenden Sonntag-Morgen sitzt Isolde in aller Frühe quietsch­vergnügt an ihrem Schreibtisch, rechts neben der altgedienten treuen Erika die Tasse starken Kaffee mit drei Spritzern Zitrone, links der Aschenbecher mit den chine­sischen Tee­haus-Motiven. Sie feilt an dem Bericht für die verantwort­lichen Genossen in der Kulturabteilung des ZK über die Erfüllung des Partei­auftrags zum 40. Jahrestag der DDR, die Umdichtung von Verdis Oper "Der Troubadour", die sie gemeinsam mit Arthur Krako­wiak, einem parteilosen Regisseur, bewerkstelligt hat.

"Die Oper spielt nun nicht mehr in Spanien zu Beginn des fünfzehnten Jahr­hun­derts, sondern heute in einem westeuropäischen Land. Wir nennen es Makre­lien. Und die Opernzigeuner werden zu ganz normalen Menschen aller Schichten, die sich von der Willkürherrschaft einer feudalen Clique befreien wol­len. Der Kampf um die Befreiung der Völker von Ausbeutung und Unter­drüc­kung durch die imperialistischen Machthaber steht nach wie vor auf der Tages­ordnung und ist erst in einem Teil der Welt, nämlich in den Ländern des Sozialis­mus und besonders in der Deutschen Demokratischen Republik unter der Führung der Partei der Arbeiterklasse, schon gelungen, weshalb die Oper "Der Trouba­dour" in der umgedichteten Form ein dramatisches und musikali­sches Fanal für den Befreiungskampf darstellt und gleichzeitig ein Dankeschön an unsere Partei ist. Gerade jetzt, zum vierzigsten Jahrestag. Die spanischen Namen haben wir bei­behalten, weil besonders nach dem spanischen Bürger­krieg viele spanische Kommunisten, aber auch Parteilose, schwerpunktmäßig in die DDR gekommen sind. Deshalb ist unseren Menschen spanisch nicht fremd. Aber natürlich leben Spanier nicht nur in der DDR, was den internatio­nalistischen Ge­halt der Oper eindrucksvoll unterstreicht."

Isolde ist mit sich zufrieden. Sie huscht in Siegfrieds Zimmer und schlüpft unter seine Bettdecke. Der hängt noch zwischen Schlaf und Erwachen, sein Fidel­bums aber steht schon auf halb neun. Isolde dreht Siggi auf den Rücken und spreizt sich auf seinen Bauch. Siegfried hält während ihres Rittes die Augen geschlossen, doch gibt er al­les, was er hat. Isolde küßt ihn auf die Stirn, sagt Danke und entschwindet unter die Dusche. Summt Leonores Kavatine, geht jedoch bald zu Azucena über: Hell lodern Fla-a-a-a-ammen!