Treffen am Wannsee - Josef Budek - E-Book

Treffen am Wannsee E-Book

Josef Budek

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Beschreibung

Kaczmarek und die Frau mit ihrer Reisetasche - fünfund-achtzig oder sechsundachtzig muß es gewesen sein. Eine Begegnung im Strandbad Wannsee in der damals noch geteilten Stadt Berlin. Aus dem Plausch entwickelt sich die Geschichte jener Frau, die mit ihrer Reisetasche um die halbe Welt gereist ist, meist auf der Flucht oder auf der Suche oder auf Besuch. Nun ist sie in West-Berlin und trifft eben diesen Martin Kaczmarek, der ebenfalls eine Flucht-geschichte aufzuweisen hat, wenn auch nicht so raumgreifend. Aber immerhin: Er kommt von drüben. Dieses oft wiederkehrende Drüben – in stets anderer Bezüglichkeit - stiftet denn auch einige Verwirrung. Eine frühere Version dieser Erzählung - Die Frau mit der Reisetasche -erhielt 1985 den Erzählpreis des Ostdeutschen Kulturrates. 1989 vom Autor überarbeitet, Sendung im SFB.

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Seitenzahl: 34

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Josef Budek

Treffen am Wannsee

Erzählung aus dem geteilten Berlin

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Treffen am Wannsee

Impressum

Treffen am Wannsee

Eines Tages hatte er sie kennengelernt, fünfund­achtzig oder sechsundachtzig muß es gewesen sein. Er war über sie gestolpert. Blanker Zufall - und ein Schuß Dämlichkeit.

An diesem Spätsommertag war ich hinaus ins Strandbad gefahren und saß unschlüssig auf der Terrassenmauer, weil ich keinen Bekannten erblickte, zu dem ich mich hätte setzen können. Und wenn nicht das passiert wäre, was ich wieder­zugeben beabsichtige, wäre ich nach einem kurzen Bad wieder in die Stadt zurückgefahren, vielleicht in die Hundekehle auf ein Bier. So aber blieb ich auf meinem Beobachterposten sitzen, und das Ganze spielte sich sozusagen direkt unter meinen Augen ab.

Ein Mann in dunkelblauer Badehose, bestimmt schon über die Vierzig hinaus, der, wie ich etwas später hörte, Martin Kaczmarek hieß, kam mit einem Kaffeebecher die drei Stufen von der Promenade herunter und wollte wohl wieder zu seinem Badehandtuch gehen. Dabei rührte er mit dem weißen Plastiklöffel im Kaffee, damit sich der Zucker schneller auflöse - mit einer Hingabe, als wäre in diesem Moment nichts wichtiger als das.

Plötzlich liegen ein Paar Füße im Weg. Kaczmarek stolpert, der heiße Kaffee schwappt über die linke Hand, und er läßt den Becher fallen. Die Brühe versickert im Sand.

"O, das tut mir leid, Señor. Ich hätte sie wegziehen sollen."

Kaczmarek dreht sich verwundert um. Im Liegestuhl sitzt eine alte Dame. Blaugeblümtes Kleid, die nackten braunen Beine im Sand ausge­streckt. Weißes Haar, keine Brille.

Kaczmarek stottert. "Nein, nein. Es war meine Schuld. ich hätte auf den Weg achten müssen."

"Kommen Sie", sagt die alte Dame, "kaufen Sie sich einen neuen Kaffee und bringen Sie mir auch etwas zu trinken mit, einfach Mineralwasser. Hier haben Sie Geld."

Kaczmarek ziert sich. "Ich weiß nicht recht."

"Wieso, habe ich etwas falsch gemacht, mein Herr?"

"Nein, nein", beeilt sich Kaczmarek zu wider­sprechen.

"Dann genieren Sie sich nicht", sagt die Frau, "schließlich waren es meine Füße."

Der Mann trabt also brav los, den Weg zurück durch den Sand zur Treppe, dann über die heißen Fliesen bis zur Pizzabude. Er läßt sich eine Pizza mit Pilzen backen. Inzwischen kauft er nebenan vom Geld der Frau einen Kaffee und eine Büchse Mineralwasser. Er balanciert die Trinkgefäße und den Pizzateller über den Weg zwischen den Badegästen hindurch.

"Sie sind mir doch nicht böse, daß Sie den Weg noch einmal gehen mußten?" empfängt ihn die Frau.

"Nein, nein", sagt Kaczmarek, "Hier ist Ihr Mineralwasser und das restliche Geld."

"Danke", sagt sie. Kaczmarek steht vor dem Liegestuhl der Frau, in der einen Hand den Kaffeebecher, in der andern den Pappteller mit der Pizza. Er müßte nun mit dem Kopf nicken und weitergehen - oder noch "Auf Wiedersehen" sagen. Aber er steht da und guckt abwechselnd auf den Kaffee und die Pizza.

Die Frau lacht laut auf. "Sie sind allein hier, nicht wahr?"

"Ja, ja", sagt Kaczmarek.

"Na, dann setzen Sie sich doch hierher und leisten einer alten Frau ein wenig Gesellschaft. Legen Sie Ihre Pizza auf meine Reisetasche und holen Sie Ihre Sachen."

"Sie haben recht - warum eigentlich nicht", meint Kaczmarek, legt den Pappteller auf die braune Reisetasche, stellt den Kaffeebecher in den Sand und geht zwischen den lagernden Badegästen und spielenden Kindern etwa dreißig Meter zu seinem alten Platz, rafft sein Bündel zusammen und kehrt zu der Alten zurück. Er breitet sein Handtuch auf dem Sandboden aus und setzt sich.

Die Frau rückt in ihrem Liegestuhl ein wenig nach links, um mit dem Gesicht in den Schatten eines der wenigen Bäume zu kommen, und blickt auf den zu ihren Füßen hockenden Mann. "Essen Sie ruhig Ihre Pizza, junger Mann. Ich schwatze unterdessen ein wenig - und wenn sie Lust haben, hören Sie zu. Das tut mir gut."

Kaczmarek nickt kauend.