ONE - WAY - TICKET - Josef Budek - E-Book

ONE - WAY - TICKET E-Book

Josef Budek

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Beschreibung

Eine Geschichte aus dem geteilten Deutschland. Eine Busfahrt von Ost nach West. Aus der "Auslieferungs-Haftanstalt" Karl-Marx-Stadt (vorher und heute wieder Chemnitz) rüber ins hessische Durchgangslager Giessen. Die 40 Insassen sehen zum letzten Mal ihre alte Heimat. Sie fahren vorbei an Jena, Weimar, an den thüringischen Burgen. Da kommt durchaus Wehmut auf. Martin Schneider sagt laut: "Drüben gibt es auch Wälder und das alles." Prompt ertönt aus der letzten Reihe die Aufforderung "Ruhe!" Da ist wieder klar, weshalb sie in diesem Bus sitzen. Mit Stasi-Begleitung bis zur Grenze. Als das DDR-Hohheitszeichen an den Fenstern vorbeigleitet, stellt der Busfahrer das Radio ein mit bayerischer Volksmusik. "Willkommen im Westen! Jetzt sind Sie frei!"

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Seitenzahl: 45

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Josef Budek

ONE - WAY - TICKET

Erzählung aus dem geteilten Deutschland

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

ONE - WAY - TICKET

Impressum neobooks

ONE - WAY - TICKET

Ein fahrender Bus auf einer schlechten Autobahn. Man hört jede Nahtstelle derBetonplatten: Tacktack - tacktack.

Ein Bus fährt durch Deutschland - was ist daran Besonderes?

Seit Jahren pendelt dieser Bus auf seiner Route zwischen Sachsen und Hessen hin und her. Vor ihm eine dunkle MERCEDES-Limousine, hinter ihm ebenfalls - eine regelrechte Eskorte. Dieser merkwürdige Konvoi fährt mitunter jede Woche, jedoch manchen Monat überhaupt nicht. Dieser Bus, ein MAGIRUS-DEUZ, ist für viele Menschen ein "Traumbus". Monatelang träumen sie von dieser einen Fahrt.

Es ist die zweite Woche im August 1984.

Man hört die Betonplatten der Autobahn. Tacktack - tacktack.

Eben hat sich ein vornehm wirkender Herr mit randloser Brille von seinem Platz erhoben.

"Hm. - Mein Name ist Falk - ich bin Rechtsanwalt. Ich begrüße Sie in diesem Bus und gratuliere Ihnen, denn Sie haben es geschafft! Die Karten, die man hierfür braucht, gibt es nicht am Ostbahnhof in Berlin zu kaufen und auch in keinem Reisebüro, sondern sie wurden in zähen Verhandlun­gen erworben, die sich über Monate erstreckten. Sie fahren jetzt nach Giessen, in's Notaufnahme­lager, wo Sie von meinem Kollegen, Herrn Althof, emp­fangen und weiter betreut werden. Für einige von Ihnen habe ich schon Nachrich­ten mit­gebracht, für andere hält sie mein Kollege bereit. Wer ist Herr Schneider?"

"Hier."

"Ich übergebe Ihnen Ihre persönlichen Unterlagen, die Sie bei der Anmel­dung drüben gleich brauchen werden. Ihre Frau hatte sie vor einer Weile schon in mei­nem Büro abgegeben. Na, Sie werden sie ja bald sehen!"

"Danke", sagt Martin. Wichtiger als alles andere ist die Schrift auf dem Umschlag, es ist die Schrift seiner Frau. Er setzt sich und sieht aus dem Fenster. Ein leichter Schleier legt sich über die sonnige Landschaft. Martin nimmt das Taschentuch heraus, es riecht nach Mottenpulver wie alles, was er auf dem Leib hat.

Ja, er wird Leonore bald sehen, und den Sohn auch! Seit Ende März sind sie schon in West-Berlin. Vielleicht haben sie bereits eine Wohnung gefunden - oder doch wenigstens besichtigt - und warten nun auf ihn. Er ver­sucht, sich die beiden inWestklamotten vorzustellen: Leo in einem weißen Sommerkleid, den Jungen in ei­nem fetzigen T-Shirt. Es gelingt nicht recht. Nur noch ein paar Tage Geduld, dann wird auch er wieder in Berlin sein, aber auf der anderen Seite der Mauer - wie seine Familie!

Martin brauchte zehn Monate Umweg von einem Stadtteil in den andern. Zehn Monate haben sie ihm gestohlen von seinem vierundvierzigsten Lebensjahr!

Jetzt sitzt er in diesem Bus, der am Mittag das sächsische Chemnitz, heute Karl-Marx-Stadt, verlassen hatte. Dort, auf dem Kaßberg, befindet sich das Gefängnis der Staatssicherheit. Früher herrschte da die Gestapo, nach fünfundvierzig die sowjetische GPU, heute ist ein Flügel des verzweigten Gebäudes den Anwärtern auf diese Busreise vorbehalten. Man checkt sie noch einmal durch, ehe sie zum Verkauf freigegeben werden. Heute also ist Martin Schneider mit dabei, ebenso Jürgen, Karo und Stöpsel.

Karowird so genannt, weil er nur diese scheußlichen Zigaretten raucht: KARO - Marke Mückentod. UndStöpselheißt eigentlich Harry. Martin hatte ihm vor einem halben Jahr diesen Spitznamen verpaßt. Als sie damals mit dem GROTEWOHL-EXPRESS nach Naumburg gekommen waren, packte Harry seinen Effektenbeutel aus: Zahnpasta, Zahnstocher, Nagelschere, Ohrreiniger, Massagebürste - und als Clou einen Stöpsel für's Wasch­bec­ken! "Naja - mein Freund Mecki hatte in seinem Rucksack das Kletter­werk­zeug für die Flucht über die Grenze in Thüringen, und ich hatte an alles gedacht, was man braucht, wenn's schiefgeht."

War ja auch schiefgegangen. Dem Zugschaffner waren zwischen Saalfeld und Sonneberg die beiden jungen Leute aufgefallen, wie sie schweigsam, aber ungeduldig aus dem Fenster sahen. Er machte also beamtenbrav seine Meldung an die mitfahrenden Genossen von der Staatssicherheit, die ja in den grenznahen Zügen sozusagen zur Mannschaft gehört.

So wurden Harry und Mecki alsFluchtverdächtigefestgenommen und machten dann ihren Weg durch die DDR-Gefängnisse.

Die beiden Schulfreunde hatten schon zwei Jahre Verbannung hinter sich - also "Arbeitsplatzbindung" im Senftenberger Braunkohlerevier mit täglicher Meldepflicht beim ABV. Dort hatten sie ihre Bräute kennengelernt. Am Tag der gemeinsamen Hochzeit waren sie vom Stan­desamt direkt zum Rathaus gezogen und gaben ihren Ausreiseantrag ab. Sie wollten nicht erst Jahr­zehnte abwarten, um am eigenen Leibe zu erfahren, wie ein Leben in die­sem engumgürteten Lande verläuft. Die duckmäuserische Haltung ihrer Eltern war Anschauung genug. Inzwischen waren sie fünfundzwanzig und wa­ren junge Väter geworden. Da beschlossen sie, für ihre Familien die Vorrei­ter zu machen. Egal, wie es abgehen würde - nur weg wollten sie von da und dann ihre Frauen und Kinder nachholen.

"Lieber im Westen aus der Mülltonne kieken als im Osten aus der Neu­bauwoh­nung!"

Heute ist Stöpsel allerdings allein, sein Freund Mecki zählt noch nicht zu den Glückli­chen.

Mittags knallten im Erdgeschoß des Stasi-Gefängnisses von Kalle-Malle die Riegel der Zellentüren - jetzt bei Zelle vier, endlich auch die Fünf. Stöp­sel, Martin, Jürgen und Karo nahmen ihre Entlassungsscheine und Ausbür­gerungs-Urkunden an sich und gingen zur Tür. Sie sahen sich noch einmal um:

Das war sie gewesen - die letzte "Behausung" in dieser DDR! Fünf eiserne Bettge­stelle, zu zweit und dritt übereinandergestapelt, der Minitisch, die beiden Hocker, Waschbecken und Bello - das alles in der düsteren Buchte von zwei mal fünf Meter. Nicht