Das Mädchen aus Mailand - Giorgio Scerbanenco - E-Book
Beschreibung

Duca Lamberti auf den Spuren eines skrupellosen Mädchenhändlerrings. Duca Lamberti hat keine Wahl: Er muss den Job annehmen, den Kommissar Carrua von der Mailänder Polizei ihm vermittelt. Wegen Sterbehilfe an einer todkranken Frau verurteilt und gerade aus dem Gefängnis entlassen, soll er sich um den Sohn eines neureichen Industriellen kümmern, der scheinbar grundlos zu trinken begonnen hat. Lamberti findet bald heraus, warum Davide im Alkohol Vergessen sucht: Er fühlt sich schuldig am Tod der kleinen Verkäuferin Alberta, mit der er gegen Bezahlung einen Abend verbracht hatte. Doch Lamberti glaubt nicht an die Selbstmordthese …

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Beliebtheit


GIORGIO SCERBANENCO

DASMÄDCHENAUS MAILAND

DUCA LAMBERTI ERMITTELT

Aus dem Italienischen von Christiane Rhein

Mit einem Nachwort von Giancarlo De Cataldo

Inhalt

PROLOG

ERSTER TEIL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

ZWEITER TEIL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

DRITTER TEIL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Giancarlo De Cataldo

PROLOG

für eine Verkäuferin

Ihr Name?“

„Marangoni, Antonio, ich wohne dort hinten, in Cascina Luasca. Seit über fünfzig Jahren fahre ich jeden Morgen mit dem Fahrrad nach Rogoredo.“

„Vergeude deine Zeit doch nicht mit diesen alten Leutchen. Lass uns lieber zur Zeitung zurückfahren.“

„Aber er hat das Mädchen doch gefunden, er kann sie uns beschreiben, sonst müssen wir noch im Leichenschauhaus vorbei, und wir sind sowieso schon spät dran.“

„Ich habe sie gesehen, als der Krankenwagen kam. Sie hatte ein hellblaues Kleid an.“

„Hellblaues Kleid. Haare?“

„Dunkel, aber nicht schwarz.“

„Sie hatte eine große Sonnenbrille auf, mit runden Gläsern.“

„Sonnenbrille mit runden Gläsern.“

„Vom Gesicht war kaum etwas zu erkennen, es war von den Haaren verdeckt.“

„Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen.“

„Hier gibt es nichts zu sehen, der Polizeibeamte hat recht. Lass uns zur Zeitung zurückfahren.“

„Weitergehen, weitergehen. Müsst ihr denn nicht zur Schule?“

„Stimmt, hier wimmelt es von Kindern.“

„Als ich hier vorbeikam, roch es nach Blut.“

„Was sagten Sie, Signor Marangoni?“

„Es roch nach Blut.“

„Klar, sie ist schließlich verblutet.“

„Es roch nach gar nichts, es war ja schon viel zu viel Zeit vergangen. Wir sind mit dem Lieferwagen hier vorbeigekommen.“

„Was sagen Sie denn dazu, Herr Wachtmeister?“

„Auf der Wache wird man Ihnen sagen, was Sie wissen wollen. Meine Aufgabe ist es, das Gesindel hier zurückzuhalten, und mit Zeitungsreportern rede ich nicht. Aber nach Blut hat es bestimmt nicht gerochen, das ist gar nicht möglich.“

„Ich habe es aber gerochen, und ich habe eine gute Nase. Ich bin vom Fahrrad gestiegen, weil ich Wasser lassen musste. Das Fahrrad habe ich auf die Erde gelegt.“

„Erzählen Sie weiter, Signor Marangoni.“

„Ich bin auf die Büsche zugegangen, genau auf die dort, und da habe ich den Schuh gesehen, also den Fuß.“

„Weitergehen, weiter, hier gibt es nichts zu sehen. So viele Leute nur wegen einem leeren Stückchen Wiese.“

„Zuerst habe ich nur den Schuh gesehen, aber nicht, dass ein Fuß darin steckte. Ich habe die Hand nach dem Schuh ausgestreckt.“

„Alberta Radelli, dreiundzwanzig Jahre, Verkäuferin, gefunden in Metanopoli, Ortsteil Cascina Luasca. Der Leichnam wurde morgens um halb sechs von Signor Antonio Marangoni entdeckt. Hellblaues Kleid, Haare dunkel, aber nicht schwarz, Sonnenbrille mit runden Gläsern. Ich gehe jetzt telefonieren und gebe das schon mal durch, und dann hole ich dich hier ab.“

„Und da habe ich gemerkt, dass in dem Schuh ein Fuß steckte, und habe einen fürchterlichen Schreck bekommen. Und dann habe ich das ganze Gestrüpp zur Seite geschoben und sie entdeckt. Man sah sofort, dass sie tot war.“

ERSTER TEIL

Das Leben eines Menschen zu erzählen – ist das nicht wie beten?

1

In den drei Jahren Gefängnis hatte er gelernt, sich die Zeit mit einfachen Mitteln zu vertreiben. Die ersten zehn Minuten beschränkte er sich allerdings darauf, eine Zigarette zu rauchen, ohne sich dabei irgendein Spielchen auszudenken. Als er den Zigarettenstummel aber auf den Kiesweg schnipste, dachte er daran, dass die Zahl der Steinchen auf den Wegen dieses Gartens eine endliche Zahl war. Auch die Summe aller Sandkörner an allen Stränden der Welt konnte man ausrechnen; auch das war eine endliche Zahl, wenn auch eine sehr hohe, und so begann er zu rechnen, den Blick auf den Weg geheftet. Auf fünf Quadratzentimetern mussten sich im Durchschnitt achtzig Steinchen befinden. Dann überschlug er die Fläche der Gartenwege, die zu der Villa vor ihm führten, und kam zu dem Schluss, dass der Kies dieser Wege, der aus unendlich vielen Steinchen zu bestehen schien, gerade einmal die lächerliche Zahl von einer Million und sechshunderttausend erreichte, plus minus zehn Prozent.

Plötzlich knirschte der Kies, und er schaute einen Augenblick auf. Aus der Villa war ein Mann getreten, der über den breitesten Weg auf ihn zukam. Bis er ihn erreichen würde, konnte er noch ein Spielchen machen, und so blieb er mit gebeugtem Rücken auf der Betonkonsole sitzen, die als Bank diente, und hob eine Handvoll Kies auf. Das Spiel bestand darin, die Antworten auf zwei Fragen zu erraten: erstens, ob die Zahl der Steinchen gerade oder ungerade war, und zweitens, ob sie größer oder kleiner als eine bestimmte Zahl, zum Beispiel zwanzig, war. Waren beide Antworten richtig, hatte er gewonnen. Er beschloss, dass die Zahl der Steinchen in seiner Faust gerade sein musste und kleiner als zwanzig. Er öffnete die Hand und zählte nach: Gewonnen! Es waren achtzehn Steinchen.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen, Dr. Lamberti.“ Die Stimme des Mannes, der nun vor ihm stand, war würdevoll und müde zugleich, die Stimme eines erschöpften Herrschers. Die Hose – denn das war das Einzige, was er bei seiner gebeugten Haltung sehen konnte – lag eng an den mageren Beinen an, eine Hose, wie die jungen Leute sie tragen, doch dieser Mann war nicht jung, wie er sah, als er sich erhob, um die ausgestreckte Hand zu schütteln, und wie er ja auch bereits wusste. Vor ihm stand ein nicht sehr großer, aber kräftiger alter Mann, die Haare ganz kurz geschoren, das Kinn vollkommen glatt rasiert, die Hand klein, aber stahlhart.

„Buonasera“, antwortete er dem kleinen Herrscher, „angenehm.“ Im Gefängnis hatte er gelernt, keine Worte zu verschwenden. Im Prozess, als die Nichte von Signora Maldrigati weinte und jammerte, dass ihre Tante umgebracht worden sei, aber mit keinem Wort die Millionen erwähnte, die sie von ebendieser Tante geerbt hatte, wollte er reden, doch sein Verteidiger hatte ihm fast mit Tränen in den Augen zugeflüstert, er solle bloß nichts sagen, nicht ein einziges Wort, denn sonst hätte er die Wahrheit gesagt, und die Wahrheit ist der Tod; alles darf man sagen, bloß nicht die Wahrheit. Nicht vor Gericht. Nicht in einem Prozess. Und auch nicht im Leben.

„In Mailand ist es heiß“, sagte der kleine Mann und setzte sich neben ihn auf die Betonkonsole. „Hier in der Brianza hingegen ist es immer angenehm kühl. Kennen Sie die Brianza?“

Mit Sicherheit hatte er ihn nicht kommen lassen, um ihm einen Vortrag über das Brianzer Klima zu halten. Wahrscheinlich wollte er erst mal ein wenig unverbindlich mit ihm plaudern. „Ja“, antwortete er, „als Junge bin ich manchmal mit dem Fahrrad hierhergekommen. Canzo, Asso, der See.“

„Mit dem Fahrrad“, sann der kleine Mann, „auch ich war als junger Mann manchmal mit dem Fahrrad hier.“

Das Gespräch schien beendet. Der Garten lag um diese Stunde schon fast im Dunkeln, in der Villa gingen einige Lichter an, ein Bus, der auf der zwanzig Meter tiefer liegenden Straße vorbeifuhr, hupte eine Melodie, die an Wagner erinnerte.

„Diese Gegend ist aus der Mode gekommen“, fing der Kleine wieder an, „heute fährt man an die Côte d’Azur oder zum Sonnenbaden auf die Inseln, obwohl wir hier in der Brianza, eine halbe Autostunde von Mailand entfernt, eine Luft haben wie auf Tahiti. Ich glaube, das liegt daran, dass die Leute sich gern von ihrem Wohnort entfernen. Ein Ort in der Nähe ist einfach nicht attraktiv. Für meinen Sohn etwa ist diese Villa eine Art Gefängnis; wenn ich ihm sage, er soll mich besuchen, tut er, als müsse er eine Strafe abbüßen.

Vielleicht hat er ja recht: Es ist zwar angenehm kühl, aber auch etwas langweilig.“ Inzwischen war es fast ganz dunkel, nur die erleuchteten Fenster der Villa spendeten noch etwas Licht. Mit veränderter Stimme fügte der kleine Mann hinzu: „Hat man Ihnen gesagt, Dr. Lamberti, weshalb ich Sie hierher gebeten habe?“

„Nein“, antwortete er, man hatte es ihm nicht gesagt. Man hatte ihm allerdings erklärt, wer dieser Mann war, der sich so einfach und anspruchslos gab: einer der fünf großen italienischen Plastikexperten, Ingenieur Pietro Auseri, schon über fünfundfünfzig, ein Künstler der Materie, fähig, alles und jedes zu Plastik zu machen; eine spezielle Plastiksorte war sogar nach ihm benannt, Auserol. Er besaß drei verschiedene Diplome, sein Vermögen musste beträchtlich sein, doch offiziell war er nur der Inhaber eines alten Ingenieurbüros in einer alten Straße im Herzen Mailands.

„Ich dachte, man hätte Ihnen angedeutet, worum es geht“, bemerkte der Kleine. Die Müdigkeit war aus seiner Stimme verschwunden, sie klang nun gebieterisch, das Wetter und der Tourismus waren kein Thema mehr.

„Mir wurde gesagt, ich könne hierherkommen, um eine Arbeit für Sie zu übernehmen“, antwortete er. Jetzt war es ganz dunkel, in der Villa gingen noch ein paar Lichter an, ein fahler Schein fiel zu ihnen herüber.

„Ja, in gewisser Hinsicht handelt es sich um eine Arbeit“, bestätigte Auseri. „Haben Sie etwas dagegen, wenn wir zum Reden hier sitzen bleiben? Im Haus ist nämlich mein Sohn, und ich möchte, dass er Ihnen erst hinterher begegnet.“

„Mir ist es recht.“ Der kleine Alte gefiel ihm, er war bestimmt kein Scharlatan. In den letzten Jahren hatte er ganze Heerscharen von Scharlatanen getroffen, im Gefängnis und auch außerhalb, er konnte sie inzwischen fast am Geruch erkennen, am kleinen Finger oder an einem Härchen ihrer Augenbrauen.

„Sie sind Arzt“, sagte Auseri.

Er antwortete nicht sofort, sondern wartete einen Moment. In der Dunkelheit und Stille wurde die Pause immer länger. „Ich war Arzt. Man hätte Sie darüber informieren müssen.“

„Sicher“, bestätigte Auseri, „aber Sie sind doch auch weiterhin ein Arzt. Und ich brauche einen Arzt.“

Er zählte die erleuchteten Fenster der Villa: Es waren acht, vier im Erdgeschoss und vier im ersten Stock. „Ich darf meinen Beruf nicht mehr ausüben. Ich darf nicht einmal mehr eine Spritze geben, genauer gesagt: Gerade Spritzen darf ich nicht mehr geben. Hat man Ihnen das nicht mitgeteilt?“

„Doch, alles hat man mir gesagt, aber das ist nicht von Wichtigkeit.“

Merkwürdig. Er widersprach: „Wenn Sie einen Arzt brauchen und sich an jemanden wenden, dem die Zulassung entzogen wurde und der Ihnen nicht einmal ein Aspirin verschreiben darf, so muss das ja wohl von einer gewissen Wichtigkeit sein.“

„Nein“, entgegnete der Herrscher mit gebieterischer Freundlichkeit. In der Dunkelheit hielt er ihm ein Päckchen Zigaretten hin: „Rauchen Sie?“

„Ich war im Gefängnis, drei Jahre.“ Er nahm eine Zigarette, und Auseri gab ihm Feuer. „Wegen Mord.“

„Ich weiß“, antwortete Auseri, „doch das ist nicht wichtig.“

Gut, mag sein, dass überhaupt nichts wichtig ist.

„Mein Sohn ist Alkoholiker“, sagte Auseri in die Dunkelheit hinein und zog an seiner Zigarette. „Jetzt ist er gerade in seinem Zimmer oben, dem einzigen erleuchteten Raum im ersten Stock. Es muss ihm gelungen sein, ein paar Flaschen Whisky vor mir zu verstecken, und so heizt er sich jetzt ein, während er darauf wartet, dass wir hereinkommen.“

Seiner Stimme konnte man anhören, dass es wohl doch etwas gab, was für ihn wichtig war, nämlich sein Sohn.

„Er ist zweiundzwanzig“, fuhr Auseri fort, „fast zwei Meter groß und wiegt ungefähr neunzig Kilo. Bis letztes Jahr hat er mir nicht viel Kopfzerbrechen bereitet, nur sein Mangel an Intelligenz machte mich ein wenig traurig. Zur Universität konnte ich ihn nicht schicken, und durch das Abitur habe ich ihn nur gebracht, weil ich seine Lehrer systematisch bestochen habe. Außerdem ist er willensschwach und äußerst schüchtern. Bei uns sagt man: groß, aber Kamuffel.“

Groß, aber dumm. Auseris verbitterte Stimme schien aus dem Nichts zu kommen.

„Doch das hat mich nicht weiter gestört“, fuhr Auseri fort. „Mir liegt nichts an den kleinen Freuden, die ein genial veranlagter Sprössling seinen Eltern bereiten kann. Mit neunzehn habe ich ihn als Lehrling zu Montecatini geschickt. Er hat alle Büros und Abteilungen durchlaufen. Viel gelernt hat er dabei zwar nicht, aber es ging immerhin vorwärts. Letztes Jahr hat er dann mit dem Trinken begonnen. Anfangs gelang es ihm noch, seine Sucht einigermaßen zu verbergen, er kam nur viel zu spät ins Büro oder ging manchmal auch gar nicht hin. Nach einigen Monaten aber musste ich ihn zu Hause behalten, weil er sich jeden Morgen ein paar Flachmänner mit zur Arbeit nahm. Sie hören mir doch zu?“

O ja, im Gefängnis hatte er auch gelernt zuzuhören, seine Zellengenossen hatten unendlich lange Märchen zu erzählen, Märchen von ihrer Unschuld, Märchen von Frauen, die sie in den Ruin getrieben hatten, alle waren sie von Kain ermordete Abels oder von Eva verführte Adams. Der Ingenieur hingegen erzählte etwas anderes, etwas Wahres, etwas, das schmerzte, und er hörte ihm wirklich zu. „Natürlich“, bestätigte er.

„Ich muss Ihnen ein paar Einzelheiten mitteilen, damit Sie begreifen, wie die Dinge liegen“, erklärte Auseri. Die Stimme in der Dunkelheit verlor nicht etwa ihren gebieterischen Ton, sondern wurde eher noch eindringlicher. „Mein Sohn betrinkt sich dreimal täglich. Beim Mittagessen ist er bereits vollkommen zu, isst fast nichts und schläft hinterher ein. Nachmittags betrinkt er sich ein zweites Mal und schläft dann bis zum Abendessen. Bei dieser Mahlzeit isst er, beginnt allerdings auch, sich zum dritten Mal zu betrinken, und schläft hinterher in seinem Sessel ein. Und so geht das nun tagaus, tagein, seit fast einem Jahr, außer ich denke mir etwas ganz Konkretes aus, um ihn daran zu hindern.“

Für einen Zweiundzwanzigjährigen hatte diese Art, sich zu betrinken, etwas Unheimliches. „Sie haben sicher einiges unternommen, um ihn am Trinken zu hindern.“ Ihm war noch nicht klar, was man von ihm erwartete, aber er wollte höflich sein. „Sie werden ihm den Umgang mit den Freunden untersagt haben, in deren Gesellschaft er trinkt.“

„Mein Sohn hat keine Freunde“, widersprach Auseri, „er hat nie welche gehabt, nicht einmal in der Grundschule. Er ist ein Einzelkind. Ich bin seit elf Jahren Witwer, aber trotz meines Berufs habe ich ihn nie einer Gouvernante oder Hauslehrerin anvertraut. Ich kenne ihn gut, er hat sich noch nie mit Freunden getroffen, um ins Schwimmbad zu gehen, Tennis zu spielen oder abends auszugehen. Seit er sein Auto hat, benutzt er es ausschließlich, um allein über die Autobahn zu brausen. Das einzig Normale an ihm ist dieser Geschwindigkeitswahn. Früher oder später wird er sich zu Tode rasen, und damit wäre dann auch das Alkoholproblem gelöst.“

Er wartete, dass der verbitterte Ingenieur weitersprechen würde. Er musste lange warten. „Ich habe einiges getan, um ihn vom Trinken abzubringen.“ Auseri begann, seine Anstrengungen aufzuzählen, als würde er die Posten einer miserablen Bilanz angeben. „Zunächst habe ich mit ihm gesprochen: die Methode der Überzeugung. In meinem ganzen Leben habe ich zwar kein einziges Mal erlebt, dass sich jemand in irgendeiner Hinsicht von Worten hätte überzeugen lassen, aber ich musste es zumindest versuchen. Die Psychologen behaupten ja, dass man Jugendliche nicht zwingen, sondern sie lieber überzeugen soll. Der Whisky hat meine Überzeugungsarbeit allerdings regelmäßig zunichtegemacht. Ich redete, und er trank. Dann habe ich es mit der Methode der Verbote versucht. Kein Geld, ständige Überwachung. Fast zwei Wochen war ich mit ihm zusammen und habe ihn keine Sekunde aus den Augen gelassen, wir waren in St. Moritz, stundenlang haben wir den Schwänen auf dem See zugeschaut, mit dem Regenschirm in der Hand, denn es regnete ununterbrochen, aber es gelang ihm trotzdem zu trinken, er trank nachts, denn wir schliefen in verschiedenen Zimmern, wahrscheinlich brachte ihm irgendein Hotelboy das Zeug heimlich, und so war er morgens immer vollkommen betrunken.“

Hin und wieder schauten sie zum einzigen erleuchteten Fenster im ersten Stock hinauf, zum Zimmer des Trinkers, aber es war nichts als das Licht zu sehen, die beleuchtete Zimmerdecke.

„Die dritte Methode, die körperliche Züchtigung, hat auch keine besseren Ergebnisse gebracht“, fuhr Auseri fort, „obwohl ich große Hoffnungen auf sie gesetzt hatte. Ohrfeigen, Faustschläge und Hiebe bringen den Menschen außerordentlich schnell dazu, darüber nachzudenken, wie er sie vermeiden kann. Immer wenn ich merkte, dass mein Sohn betrunken war, verprügelte ich ihn, und zwar nach Strich und Faden. Mein Sohn ist von Natur aus ein unterwürfiger Mensch, und außerdem hätte ich ihn fertiggemacht, wenn er versucht hätte, sich aufzulehnen. Nach den Schlägen weinte er meist und beteuerte, dass er nichts dafürkönne, dass er nicht trinken wolle, aber dass er es einfach nicht lassen könne. Nach einer Weile habe ich auch diese Methode aufgegeben.“

„Haben Sie noch etwas anderes versucht?“

„Nein. Ich habe einen Arzt kommen lassen und ihm die Lage geschildert, und er hat mir gesagt, der einzige Ausweg sei, meinen Sohn zu einer Entziehungskur in die Klinik zu stecken.“

Ja, das stimmte, in der Klinik hätte man den Jungen einer Entziehungskur unterzogen, doch sobald er wieder herausgekommen wäre, hätte er erneut zu trinken begonnen. Das sagte er aber nicht – Auseri sagte es selbst.

„Ich hatte an diese Möglichkeit bereits selbst gedacht, bloß dass er nach seiner Entlassung sicher sofort wieder anfangen würde zu trinken. Wenn er allein ist, trinkt er. Er braucht Freunde – und Frauen.“ Auseri bot ihm noch eine Zigarette an, gab ihm Feuer, und sie begannen wieder zu rauchen. Feuchtigkeit breitete sich aus, es war dunkel, nur die erleuchteten Fenster am Ende des Wegs spendeten etwas Licht. „Vor allem Frauen. Ich habe ihn noch nie mit einem Mädchen gesehen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Frauen gefallen ihm, das merkt man an der Art, wie er sie anschaut, und ich glaube, dass er sich nicht selten an Frauen des horizontalen Gewerbes wendet. Aber er ist zu verschlossen, um sich eine Freundin zuzulegen. Ich habe mehrmals erlebt, wie er von Mädchen umworben wurde, schließlich ist er auch eine gute Partie. Aber er wird stumm wie ein Fisch, wenn eine Frau in seine Nähe kommt, und spricht kein einziges Wort mehr. Vielleicht denken Sie jetzt, er sei nicht normal. Irrtum. Er hat seinen Militärdienst ganz regulär absolviert, und zwar als Soldat, nicht als Offizier. Anfangs wurde er ständig gehänselt, weil er sich immer abseits hielt. Doch als er dann einem Kameraden fast den Kopf einschlug und einem anderen zwei Rippen brach, verschaffte er sich schlagartig Respekt, und danach wurde er in Ruhe gelassen. Mein Sohn ist völlig normal, nur dass er von seiner Mutter einen starken Drang zum Alleinsein geerbt hat. Meine Frau war genauso, hatte keine Freundinnen, nicht einmal Bekannte, nur mit mir fühlte sie sich wohl, zu Hause; nur äußerst selten ist es mir gelungen, sie auf Empfänge oder Feste mitzunehmen, Jaja, so werden die schlechten Seiten vererbt, die guten hingegen gehen verloren. Das ist wohl eine Art biologischer Entropie.“

Der kleine Herrscher fuchtelte unglücklich mit der Hand in der Dunkelheit herum, doch schien diese Hand nicht lebendig zu sein, sie erinnerte eher an ein düsteres, rastloses Gespenst.

„Ich möchte jetzt einen letzten Versuch machen“, sagte Auseri. „Ich möchte jemanden an seine Seite stellen, einen Freund und Arzt, der ihm das Trinken abgewöhnt, einerlei, mit welcher Methode. Einen Begleiter, der ihn durch seine Anwesenheit ständig, Minute für Minute, am Trinken hindert, sogar auf dem Klo. Mir ist egal, wie lange er dazu braucht – und wenn es ein Jahr dauert. Und mir ist auch egal, welche Mittel er einsetzt. Meinetwegen kann er ihn zu Tode prügeln: lieber tot als Alkoholiker.“

Im Gefängnis wird man klug, und Worte erhalten großes Gewicht – die gesagten und die gehörten. In der Freiheit hingegen, wo es keine Zensur gibt, wird oft leichtfertig mit Worten umgegangen, und auch dem Zuhören wird kein großes Gewicht beigemessen: Man redet und redet, ohne eigentlich zu wissen, was man sagt, und man hört zu, ohne zu begreifen. Mit Auseri aber war es anders. Und deshalb gefiel Auseri ihm, und auch wegen dieses Schmerzes und dieser Bitterkeit, die unter seinem gebieterischen Wesen verborgen lagen. Er erwiderte: „Und dieser Jemand, dieser Freund und Arzt für Ihren Sohn, soll ich sein.“

„Ja, dieser Gedanke ist mir gestern gekommen. Kommissar Carrua ist ein Freund von mir, er weiß von dieser Geschichte. Gestern musste ich ins Kommissariat, und da habe ich bei ihm vorbeigeschaut. Er hat mir von Ihnen erzählt und mich gefragt, ob ich Ihnen eine Arbeit bei Montecatini verschaffen könne. Ja, natürlich könnte ich Ihnen dort auch eine Schreibtischarbeit vermitteln. Aber dann ist mir der Gedanke gekommen, dass jemand wie Sie mir mit meinem Sohn helfen könnte.“

O ja, jemand, der erst seit drei Tagen aus dem Gefängnis heraus ist, ist natürlich bereit, jedem zu helfen, alles zu tun, jedes Lied mitzusingen. Dank Carrua war er allerdings in der glücklichen Lage, bereits eine ganze Palette von Wahlmöglichkeiten zu haben. Carrua hatte für ihn nämlich auch eine Stelle als Pharmavertreter gefunden, eigentlich ein idealer Beruf für einen Arzt, dem die Zulassung entzogen worden war, ein Köfferchen mit Schachteln und Döschen, ein Auto, auf dem Ciba oder PharmItalia stand, immer unterwegs zu den Ärzten und Apothekern der Region, das war ja fast besser, als den Arztberuf auszuüben. Wollte er hingegen lieber etwas Ausgefalleneres tun, konnte er Ingenieur Auseris Angebot annehmen und sich seines dem Alkohol verfallenen Sohnes annehmen, ihn heilen, entgiften, sich einer für das Individuum und die Gesellschaft nützlichen Arbeit widmen. Hatte er den Schwung für heilbringende Werke dieser Art allerdings eingebüßt, konnte er Auseri immer noch um die Arbeit bei Montecatini bitten: Ein Schreibtisch ganz hinten in einem der vielen sauberen Büros käme dem engstirnigen Egoismus und der fehlenden Tatkraft eines Mannes, der an nichts mehr glaubt, sicherlich entgegen.

Im Gefängnis wird man leider auch empfindlich und reizbar. Doch trotz seiner Gereiztheit fragte er ruhig: „Wie kommen Sie denn ausgerechnet auf mich? Es gibt doch genug andere Ärzte, die sich um Ihren Sohn kümmern könnten.“

„Das glaube ich kaum“, antwortete Auseri. Auch er war gereizt. „Ich brauche jemanden, dem ich restlos vertrauen kann. Nach dem, was Dr. Carrua von Ihnen erzählt hat, schenke ich Ihnen vollstes Vertrauen. Ich verlasse mich dabei ganz auf meine Intuition. Auch vorhin, als ich Sie hier sitzen sah, mit den Steinchen in der Hand, habe ich sofort gedacht, dass ich Ihnen wirklich vertrauen kann.“

Diese Worte waren nicht einfach so dahingesagt, er hörte es am Tonfall. Sein Ärger verrauchte, er fand es schön, mit einem richtigen Mann zu reden, nachdem er es mit so vielen Narren zu tun gehabt hatte – mit dem Oberarzt der Klinik zum Beispiel, dem mit dem Käppi, der beim Operieren ständig unanständige Witze erzählte, oder mit dem Staatsanwalt, der bei seinem Schlussplädoyer immer den Kopf schüttelte, wenn er seinen Namen aussprach: „… ich verstehe nicht, wie Dr. Duca Lamberti“, Kopfschütteln, „eine so kindische Version dieses Falls vertreten kann. Dr. Duca Lamberti“, Kopfschütteln, „ist entweder weit naiver oder weit schlauer, als er vorgibt. Dr. Duca Lamberti“, abermaliges Kopfschütteln – was für ein Hampelmann! Auseri hingegen war ein Mann, und er hörte ihm gern zu.

„Jeder andere Arzt würde die Situation ausnutzen und versuchen, auf diese Weise von sich reden zu machen“, sagte Auseri. „Bisher ist der Alkoholismus meines Sohnes noch eine Privatangelegenheit, von der nur wenige enge Freunde wissen. Wenn ich mich an einen x-beliebigen Arzt wende, wird die Sache umgehend zum Gegenstand des Klatsches in den Mailänder Salons. Sie hingegen werden nicht reden, sondern handeln, falls Sie mein Angebot annehmen. Jeder andere Arzt würde nach einer Woche genug haben, den Jungen mit Tabletten oder Spritzen ruhigstellen und ihn dann sich selbst überlassen – und sofort würde er sich wieder betrinken. Ich möchte aber keine Tabletten oder Spritzen. Ich brauche einen Freund und strengen Hüter für meinen Sohn. Es ist mein letzter Versuch. Wenn er fehlschlägt, gebe ich auf, lasse den Jungen entmündigen und zerbreche mir nicht weiter den Kopf darüber.“

Nun war er an der Reihe. Wie spät war es eigentlich, und wo befanden sie sich überhaupt? In einem dunklen, feuchten Winkel der Brianza, auf dem Kamm eines Hügels, vor einer Villa, die auf sie zuzugleiten schien und in der ein junger Mann an einer Whiskyflasche hing – dort waren sie. „Ich muss Ihnen ein paar Fragen stellen“, begann er.

„Natürlich.“

„Sie sagten, dass Ihr Sohn seit einem Jahr unmäßig trinkt. Hat er vorher überhaupt nicht getrunken? Hat er völlig unvermittelt damit begonnen?“

„Nein, auch vorher hat er manchmal getrunken, aber da war es die Ausnahme. Er betrank sich vielleicht zwei- oder dreimal im Monat, nicht mehr. Ich möchte ja nicht übel von seiner verstorbenen Mutter reden, aber diese Tendenz hat er von ihrer Seite geerbt.“

„Sie sagten außerdem, Ihr Sohn habe keine Freunde oder Freundinnen. Heißt das, dass er normalerweise allein trinkt?“

„Ja, auch jetzt trinkt er allein, dort oben in seinem Zimmer. Er trinkt allein, weil er nie Gesellschaft hat. Er möchte keine.“

„Sie sagten, dass Ihr Sohn trotz allem ein normaler junger Mann ist. Nehmen wir einmal an, dass das stimmt. Ohne Grund fängt ein normaler junger Mann aber nicht plötzlich an, sich derart zu betrinken. Vielleicht ist ihm ja etwas zugestoßen, das ihn dazu treibt, immer mehr zu trinken. Eine Frau zum Beispiel. In Karikaturen trinken Männer meist, um eine unglückliche Liebe zu vergessen.“

Auseris Hand erhob sich erneut und flatterte durch die schwarze Luft, dann fasste er sich ans Kinn. „Ich habe ihn danach gefragt, mithilfe eines Schürhakens. Wir haben einen schönen, alten Kamin in unserer Wohnung in Mailand, neben dem ein alter Schürhaken hängt. Ein Schürhaken im Gesicht tut weh. Es ist noch nicht lange her, die Stelle an seiner Wange ist noch zu sehen. Ich habe ihn gefragt, ob eine Frau im Spiel sei, ob er Schulden habe oder ob er vielleicht eine Minderjährige überredet habe abzutreiben, doch er hat alles verneint, und ich glaube ihm, denn er ist grundsätzlich unfähig – auch im Bösen.“

Dieser Junge musste wirklich merkwürdig sein. „Entschuldigen Sie, wenn ich noch einmal nachhake, Signor Auseri, und zwar diesmal als Arzt“, als Ex-Arzt, bitte schön, als Arzt, dem die Zulassung entzogen worden war! „Als Sie vorhin von Frauen sprachen, sagten Sie, Ihr Sohn habe nie eine Freundin gehabt und sich deshalb häufiger an Prostituierte gewandt. Es wäre doch denkbar, dass er sich durch diese Angewohnheit eine Krankheit eingefangen hat, die er für unheilbar hält, dass er nun überzeugt ist, sein Leben weggeworfen zu haben, und aus Verzweiflung darüber begonnen hat zu trinken. Syphilis ist zwar heute längst nicht mehr so erschreckend wie früher, aber ein sensibler junger Mann, der nichts davon versteht, kann deshalb trotzdem in Panik geraten.“

Aus der Dunkelheit kam die Antwort: „Das war auch mein erster Verdacht, und so habe ich ihn vor vier Monaten nochmals zum Arzt geschickt. Es wurden alle notwendigen Untersuchungen vorgenommen. Er ist absolut gesund, nicht einmal die kleinste Infektion war festzustellen.“

Die Angst vor einer Krankheit konnte also auch nicht der Grund dafür sein, dass der junge Auseri trank. „Was sagt Ihr Sohn denn dazu? Womit rechtfertigt er sich?“

„Mein Sohn ist verzweifelt und tief beschämt. Er beteuert immer wieder, er wolle nicht trinken, aber er könne einfach nicht aufhören. Jedes Mal, wenn ich ihn ohrfeige, sagt er nur: „Du hast ja recht, du hast ja recht“, und fängt an zu weinen.

Er musste nun zu einer Entscheidung finden. „Haben Sie Ihrem Sohn von mir erzählt?“

„Sicher.“ Er benutzte dieses Wort gern, und wenn er es benutzte, dann war es nicht nur so dahingesagt, sondern drückte eine felsenfeste Überzeugung aus. „Ich habe ihm gesagt, vielleicht würde ein besonders vertrauenswürdiger Arzt bereit sein, ihm zu helfen, und er hat nur versprochen, alles zu tun, was Sie von ihm verlangen. Und selbst wenn er es nicht versprochen hätte, hätte ich schon dafür gesorgt.“

Ah, natürlich oder, besser gesagt: „Sicher.“ Was sollte er tun? Dies war keine normale Arbeit, sondern eine mühsame und komplizierte Aufgabe. Wenn er allerdings an die Pharmavertretung dachte, stieg leichte Übelkeit in ihm auf. Er versuchte, ruhig zu bleiben und sich nicht über sich selbst zu ärgern. „Es kann nicht allzu schwer sein, Ihren Sohn dazu zu bringen, dass er mit dem Trinken aufhört. In einem guten Monat bekommen Sie ihn trocken zurück. Was hingegen viel schwieriger, wenn nicht gar unmöglich erscheint, ist, ihn zu hindern, wieder damit zu beginnen, sobald er frei über sich bestimmen kann. Sein Alkoholismus ist nur ein Symptom, und wenn wir die Ursache dafür nicht herausfinden, wird er immer wieder mit dem Trinken anfangen.“

„Bringen Sie ihn zunächst einmal dazu, damit aufzuhören, dann sehen wir weiter.“

„Gut. Von mir aus kann es losgehen.“ Nun war der Moment gekommen, das Opfer des Alkohols kennenzulernen.

„Danke.“ Auseri stand jedoch nicht auf, sondern wühlte in seinen Taschen. „Wenn es Ihnen recht ist, würde ich Ihnen den Jungen am liebsten gleich jetzt überlassen, dann wäre das erledigt. Ich selbst überwache ihn seit einem Monat und bin völlig erschöpft. Ihn von morgens bis abends betrunken zu sehen, ist furchtbar deprimierend. Ich habe Ihnen einen Scheck ausgestellt und etwas Bargeld für die ersten Spesen dazugelegt. Ich übergebe Ihnen jetzt meinen Sohn, und dann fahre ich umgehend nach Mailand zurück, denn morgen früh um sechs muss ich in Pavia sein. Ich habe meine Arbeit seinetwegen schon lange genug vernachlässigt, es reicht jetzt. Sie haben freie Hand: Machen Sie mit ihm, was Sie wollen!“

In der Dunkelheit konnte er weder den Scheck noch das Geld erkennen, aber das Bündel Scheine, das ihm in die Hand gedrückt wurde, war recht dick, und er steckte es in die Tasche. Ingenieur Auseri war wohl darüber informiert, dass Menschen, die aus dem Gefängnis entlassen werden, nicht über besonders viel Geld verfügen.

„Gehen wir.“

Sie setzten sich in Richtung Villa in Bewegung. Als sie eintraten, erhob sich ein junger Mann leicht schwankend aus seinem Sessel, stand jedoch gleich darauf sicher und ohne zu wanken in dem Wohnzimmer, das viel zu klein für ihn war: Mit ihm darin wirkte diese Villa wie ein Puppenhaus.

„Mein Sohn Davide. Dr. Duca Lamberti.“

2

Nun ging alles ziemlich schnell. Der kleine Kaiser mit den engen Hosen war jetzt müde, er sagte nur noch wenige Sätze, wie ein lustloser Schauspieler, sein Sohn würde sich um den Gast kümmern, es tue ihm leid, dass er nicht bleiben könne. Er vermied es, seinen Sohn anzusehen, warf ihm nur ein flüchtiges „Ciao“ hin, während er sich bereits abwandte, um seinem Gast die Hand zu reichen, und bemerkte: „Rufen Sie ruhig an, wenn es nötig ist. Ich werde allerdings in nächster Zeit nicht ganz einfach zu erreichen sein.“ Das war sicher ein Euphemismus, um ihm mitzuteilen, dass er nicht gestört werden wolle. „Vielen Dank, Dr. Lamberti.“ Erst kurz bevor er den Raum verließ, sah er noch einmal rasch zu dem jungen Riesen hinüber, der sein Sohn war, und in diesem Blick spiegelte sich eine ganze Palette von Gefühlen: Mitleid, Hass, tiefe Verbundenheit, Ironie, Verachtung, schmerzliche väterliche Zuneigung.

Das Knirschen der Schritte auf dem Kies, dann Stille, das verhaltene Brummen eines Motors, das dumpfe Geräusch der Reifen auf dem Weg, und dann Stille.

Sie standen eine Weile schweigend da, ohne sich genauer zu betrachten. Währenddessen schwankte Davide Auseri nur zweimal, doch mit einer gewissen Eleganz. Seine Trunkenheit hatte nichts Vulgäres, das lag wohl vor allem an seinem Gesicht. Woran erinnerte ihn dieses Gesicht nur? Er kramte in seiner Erinnerung, und endlich begriff er: Es war der Ausdruck eines Schülers, der eine wichtige Prüfung ablegen muss und keine Antwort weiß, diese Mischung aus Scheu und Beklemmung, und der mühsame Versuch, ganz natürlich zu wirken.

Er hatte ein sanftes, pagenhaftes und doch männliches Gesicht, das noch nicht vom Alkohol gezeichnet war. Seine seitlich gescheitelten dunkelblonden Haare wirkten ebenso elegant wie die zu dieser Stunde nicht mehr ganz glatt rasierten Wangen, das weiße Hemd mit den aufgekrempelten Ärmeln, in denen zwei zyklopische, mit hellem Flaum bedeckte Arme steckten, die Hose aus schwarzem Tuch und die mattschwarzen Schuhe: Vor ihm stand ein Prachtexemplar des Mailänder Geldadels mit einem Faible für das alte England, Königin der Meere, und dem Bemühen um eine britische Erscheinung, als gehöre die Hauptstadt der Lombardei ein wenig, zumindest moralisch, zum Commonwealth.

„Setzen wir uns doch“, sagte er zu Davide, der ein letztes Mal schwankte und sich dann in seinem Sessel niederließ. Sein Ton hatte eine gewisse Härte, denn obwohl er im Gefängnis gewesen war, hatte er doch sein Herz behalten, wobei er nicht so sehr an den Muskel in seiner Brust dachte als an diese auf Postkarten gedruckten Herzen, die immer noch gern und viel verkauft werden. Mit Strenge kann man sein Mitgefühl, seine Schwäche verdecken. Seelische Krankheiten können selbst einen Arzt erschüttern, und dieser Junge war ein seelisch Kranker. „Wer außer uns ist hier in der Villa?“, fragte er weiter in seinem strengen Ton.

„Also, in der Villa“, diese Prüfungsfrage war eigentlich nicht schwer, doch für den jungen Mann musste es schon eine Überwindung sein, überhaupt mit einem Unbekannten zu sprechen, „hier in der Villa – also eigentlich ist es ja eher ein Haus, nicht? Also, es gibt hier ein Hausmädchen, das ist die Frau des Gärtners, dann den Butler, und dann ist da noch die Köchin, die gerade das Abendessen zubereitet, auch wenn Papa sagt, dass man sie eigentlich nicht wirklich als Köchin bezeichnen kann, aber heutzutage muss man sich begnügen können …“ Er redete und lächelte, doch die Rolle des jungen, brillanten Gesprächspartners gelang ihm nur kläglich.

„Noch jemand?“, unterbrach er ihn barsch.

Die Augen des jungen Riesen verschleierten sich vor Angst.

„Niemand“, antwortete er schnell.

Die Lage war schwierig, er durfte jetzt beim ersten Kennenlernen keinen Fehler machen, der Junge war betrunken, aber dennoch vollkommen klar. „Versuchen Sie, keine Angst vor mir zu haben, sonst hat das alles keinen Sinn.“

„Ich habe keine Angst“, entgegnete er und schluckte vor Angst.

„Es ist vollkommen normal, dass Sie Angst haben. Sie haben mich noch nie gesehen und wissen, dass Sie tun müssen, was immer ich von Ihnen verlange. Diese missliche und beängstigende Lage hat Ihr Vater so gewollt. Ich möchte meine Arbeit dann auch gleich damit beginnen, Ihren Vater schlechtzumachen, wenn Sie nichts dagegen haben.“ Der junge Mann zeigte nicht einmal den Anflug eines Lächelns, noch nie hat eine schnodderige Bemerkung des Lehrers einen durchgefallenen Prüfling zum Schmunzeln gebracht. „Ihr Vater hat Sie immer kleingemacht und Ihnen seinen Willen aufgezwungen, er hat Sie daran gehindert, erwachsen zu werden. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen, vom Trinken loszukommen, und das ist an sich auch nicht allzu schwer. Ihr eigentliches Problem liegt aber woanders. Man behandelt seinen Sohn nicht, als wäre er ein Kind, dem man Tischmanieren beibringen muss. Ihr Vater hat diesen Fehler gemacht, und ich kann und will das nicht wiedergutmachen. Sobald Sie nicht mehr trinken, gehe ich wieder, und das wird für uns beide eine Befreiung sein. Versuchen Sie deshalb, möglichst wenig Angst zu haben. Außerdem gehen mir Leute, die sich vor mir fürchten, auf die Nerven.“

„Ich habe keine Angst vor Ihnen, Dr. Lamberti.“ Seine Furcht schien immer größer zu werden.

„Ist schon gut. Und lassen Sie das ‚Doktor‘ weg. Ich bin zwar kein Freund von Vertraulichkeiten, vor allem, wenn man sich kaum kennt, aber in diesem Fall ist es wohl notwendig. Wir werden uns siezen, aber wenn nötig den Vornamen benutzen.“ Es wäre ein Fehler gewesen, ihm schönzutun und um seine Freundschaft zu buhlen. Der Junge war intelligent und sensibel und hätte nie an eine so spontane Freundschaft geglaubt. Es war besser, bei der Wahrheit zu bleiben, auch wenn er immer das Flüstern seines Anwalts im Ohr hatte: Nie, nie, niemals die Wahrheit, lieber Tod als Wahrheit.

Eine alte Bedienstete kam herein, sie wirkte wie eine Bäuerin, die irrtümlicherweise in die Villa gelangt und nun über diesen unerwarteten Zwischenfall verärgert war. Säuerlich fragte sie, was sie zum Abendessen servieren solle und für wie viele Personen. „Es ist bereits halb neun“, fügte sie fast bissig hinzu.

Selbst dieses Problem verdunkelte den Blick des traurigen Pagen, und so musste er es für ihn lösen. „Wir gehen auswärts essen. Sie können dem Personal freigeben.“

„Wir gehen auswärts essen“, wiederholte Davide, worauf das mürrische Individuum sie noch einmal gallig anschaute und dann genauso beiläufig, wie es gekommen war, aus dem Wohnzimmer verschwand.

Doch bevor er diesen riesigen Jungen ausführte, wollte er ihn untersuchen, und so ließ er sich von ihm in den ersten Stock führen, in sein Zimmer, und forderte ihn auf, sich auszuziehen. Bald stand Davide Auseri im Slip vor ihm, doch er bedeutete ihm, auch diesen abzulegen. Nackt war er noch eindrucksvoller, es kam ihm vor, als stünde er vor Michelangelos David in Florenz, nur dass dieser hier ein kleines bisschen fülliger war.

„Ich weiß, dass das unangenehm ist, aber drehen Sie sich bitte um, und gehen Sie ein paar Schritte.“

Er gehorchte wie ein Kind, schlimmer, wie eine ferngesteuerte Maus, deren Bewegungen durch fremde Impulse vorgegeben sind. Nur die Drehung um sich selbst fiel ihm schwer, und er schwankte heftig.

„Das reicht. Legen Sie sich bitte auf das Bett.“ Wenn man von den motorischen Störungen absah, die auf den Alkoholgrad in seinem Blut zurückgingen, war sein Gang vollkommen normal. Er tastete die Leber ab. Soweit er das mit dieser einfachen Methode feststellen konnte, hätte es auch die Leber eines Abstinenzlers sein können. Er begutachtete die Zunge: perfekt. Er untersuchte seine Haut, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter: perfekt. Sah man von ihrer männlichen Festigkeit einmal ab, hätte es die reine, elastische Haut einer schönen Frau sein können. Der Alkohol brauchte wohl seine Zeit, um an diesem Monument von Körper seine Spuren zu hinterlassen.

Aber vielleicht gab es ja irgendwelche verborgenen Schäden. „Bleiben Sie bitte auf dem Bett liegen, und sagen Sie mir, wo ich eine Nagelschere finde“, sagte er.

„Im Bad, das ist die Tür gleich nebenan auf dem Flur.“

Er kam mit der Nagelschere zurück und begann, ihn mit einer oder beiden Spitzen der Schere leicht in die Füße, die Fußgelenke und die Beine zu piksen. Die Reaktionen kamen tadellos und präzise: Der junge David war ein Trinker, dem der Alkohol noch nichts hatte anhaben können.

„Sie können sich wieder anziehen, und dann gehen wir essen, in der Nähe von Inverigo gibt es, meiner Erinnerung nach, ein gutes Lokal.“ Er schaute aus dem Fenster, während Davide sich anzog, und bemerkte: „Ihr Vater hat Ihnen vielleicht mitgeteilt, dass ich erst vor wenigen Tagen aus dem Gefängnis entlassen wurde.“ Es war keine Frage.

„Ja.“

„Gut, dann werden Sie Verständnis für meine Situation haben. Mit der Behandlung beginnen wir morgen. Heute Abend möchte ich mich entspannen. Im Gefängnis ist das Essen genauso deprimierend wie die Umgebung. Heute Abend werden Sie sich nach mir richten und mir Gesellschaft leisten.“

Bevor sie das Haus verließen, blieb er mit ihm unter der Lampe stehen und strich vorsichtig mit zwei Fingern über seine linke Wange, die einen Kohlenfleck aufzuweisen schien. Es war aber keine Kohle.

„Tut das weh?“

„Ja.“ Er schien jetzt weniger Angst zu haben. „Aber nicht sehr, nur nachts, ich schlafe besser nicht auf dieser Seite.“

„Ein Schlag mit dem Schürhaken ist eindeutig zu viel.“

Zum ersten Mal lächelte Davide. „Auch ich hatte an jenem Abend etwas zu viel getrunken.“ Er entschuldigte den Vater, er fand die Strafe gerecht, er hielt die andere Wange hin, für den nächsten Schlag.

Das Auto des merkwürdigen Jungen war eine Giulietta, natürlich dunkelblau, natürlich mit grauer Innenausstattung und natürlich ohne Radio und sonstigen Schnickschnack: Alles andere hätte nicht von Klasse gezeugt. Von dem Felsbuckel, auf dem die Villa lag, bis nach Inverigo war es nicht weit. Doch kaum hatte Davide sich ans Steuer gesetzt, sah er, wie die Villa im Himmel verschwand, während die Straße unten auf ihn zuflog und ihm fast um die Ohren klatschte, dann ein paar Erschütterungen und blendende Lichter, vermutlich die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos, und schon hielt die Giulietta an: Sie waren da.

„Ihr Vater hat mir gesagt, dass Sie schnell fahren“, bemerkte er. „Er hat mir aber nicht gesagt, dass Sie so gut fahren.“ Die Straße war eng und voller Kurven, und da hier zu dieser Jahreszeit viele Autos unterwegs waren, erforderte es große Geschicklichkeit, so zu rasen.

So näherte er sich vorsichtig seinem schwierigen Patienten. Es war, als versuche er, Freundschaft mit dem Nichts zu schließen, mit der Leere zu sprechen, einer Einöde zu schmeicheln. Davide ergriff nie von sich aus das Wort, er antwortete lediglich auf die Fragen, die ihm gestellt wurden, und, wenn möglich, immer nur mit „Ja“. Als Erstes nahm er ihn mit an die Bar. „Sie können ruhig einen Whisky trinken, die Therapie beginnt erst morgen.“

Das Lokal, das genau wie die Villa an einem Abhang lag, war ein Country-Nightclub, hatte aber auch etwas von einem Tanzlokal. Die Tanzfläche auf der Gartenveranda war fast leer. In dem schummrigen Licht waren ein paar Pärchen auszumachen, offensichtlich einfache Werktagssünder. Ein junges Paar tanzte zur Musik der Jukebox, doch ein Plakat versprach für zweiundzwanzig Uhr ein fabelhaftes Orchester, man musste dabei unwillkürlich an mindestens fünfzig Musiker denken, auf der winzigen Bühne standen jedoch nur vier Instrumente.

Auf einer kleinen Terrasse waren einige Tische gedeckt, dort befand sich das Restaurant, in dem sie in weniger als einer Stunde Schinken aßen, der nach Kühlschrank schmeckte, ein Hühnchenaspik, das hingegen von einer erstklassigen Küche zeugte, und eine mittelmäßige Insalata capricciosa. Das Beste waren die angenehm kühle Luft und das Panorama, diese unzähligen, leuchtenden Punkte in der Dunkelheit – Häuschen, Villen, Straßenlaternen –, die sanft zur Mailänder Ebene abfielen.

Davide aß mit sichtlicher Mühe. Er hatte nicht einmal ein halbes Glas Wein getrunken und sprach auch nicht. Obwohl er selbst mit seinem Salat noch nicht fertig war, stand er auf, ging zur Bar und fand dort drei Sorten Whisky. Er brachte die drei Flaschen an ihren Tisch. „Suchen Sie sich die Marke aus, die Ihnen am besten schmeckt, mir ist es gleich.“

„Mir auch.“

„Dann behalten wir die größte Flasche. Ich habe weder Eis noch Soda bestellt, da ich denke, Sie brauchen das nicht.“

„Ich trinke ihn immer pur.“