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Die kleine Marie ist acht Jahre alt. Von Hunger und Krankheit geschwächt, stirbt sie in den Armen ihres Großvaters. An einem wundersamen Ort wacht sie jedoch wieder auf und trifft einen alten Mann. Dieser erklärt ihr, dass die Menschen ihn zutiefst enttäuscht haben und deshalb dem Untergang geweiht seien. Marie fleht um eine letzte Chance für die Menschheit. Der alte Mann willigt ein und schickt Marie auf eine fantastische Reise, um jemand zu finden, der die Antwort auf die Frage aller Fragen kennt – nur dann sei die Welt noch zu retten. Doch gibt es überhaupt einen Menschen, der die Antwort kennt oder ist es längst zu spät? Eine magische Geschichte die Leben verändern kann, weil sie Hoffnung gibt, ohne je die Abgründe des menschlichen Seins zu leugnen.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Alfonso Pecorelli
Das Mädchen, das die Welt veränderte
2. Auflage 2017
Alle Rechte vorbehalten
© copyright by Riverfield Verlag,
Basel www.riverfield-verlag.ch
Illustrationen:
Jan Reiser, München (D)
Lektorat & Satz:
ihleo verlagsbüro – Dr. Oliver Ihle, Husum (D)
Umschlaggestaltung:
JARZINA Kommunikations-Design, Holzkirchen (D)
E-Book-Programmierung:
Dr. Bernd Floßmann, Berlin
ISBN 978-3-9524640-8-3 (E-Book)
ISBN 978-3-9524640-7-6 (Print)
Für C. – für immer
Es war einmal ein blauer Planet, den die Menschen Erde nannten. Dort war es wunderbar, denn es gab alles, was das Herz begehrte: Wasser im Überfluss, das die Bewohner trinken konnten, weite Felder, auf denen sie Weizen anbauen konnten, Flüsse, aus denen sie Fische fangen konnten, hohe Berge, schneebedeckte sogar, und viele grüne Wälder. Und so lebten dort immer mehr Menschen, sämtlich verschiedene: dunkle und helle Menschen, kleine und große Menschen, schöne und weniger schöne Menschen und auch junge und alte Menschen.
Die Erde war ein Paradies.
Indes nicht für alle. Ob es von Anfang an so gewesen oder erst so gekommen war – selbst die Alten erinnerten sich nicht mehr. Aber die Menschen auf der hellen Seite des blauen Planeten hatten alles: warme Häuser zum Wohnen; sie konnten essen und trinken, so viel sie wollten; und oft machten die Menschen auf der hellen Seite etwas nur so zum Spaß, waren lustig und glücklich. Hingegen den Menschen auf der dunklen Seite fehlte das Nötigste, und es waren ihrer viele.
Die kleine Marie war eine dieser vielen. Denn Marie wohnte an einem Ort, wo es nicht genug zu essen gab, einem Ort, wo man vom Wassertrinken krank wurde und die Luft so schlecht roch, dass sie einem den Atem raubte.
Marie war acht Jahre alt, als die bösen Geister sie besuchten. Die Dorfbewohner erklärten es zumindest so, doch Marie selbst hatte niemanden gesehen, auch keine Geister. Aber sie wurde sehr krank. Alle wussten, dass es keine Heilung gab und dass ein jeder, der diese Krankheit bekam, sterben musste.
Auch Marie wusste das.
Maries Eltern und Geschwister waren schon an der Böse-Geister-Krankheit gestorben, und so hatte sie bloß noch ihren alten Großvater. Maries Großvater war der älteste Mann im Dorf und sehr weise. Er hieß Matimba, doch alle Kinder nannten ihn bloß Großvater. Matimba lachte oft und gerne. Für ihn war Marie seine »kleine Prinzessin«, wie er immer sagte.
Doch heute lachte er nicht, als er neben dem schmalen Bett saß, auf dem Marie lag.
Maries Haut, die zuvor die Farbe dunkler Schokolade hatte, war nun ganz blass und übersät mit unzähligen Wunden, die bluteten und grauenvoll juckten. Die ehemals vollen schwarzen Haare, das schöne runde, kleine Gesicht, die strahlend blauen Augen und die kleinen, roten Lippen – all dies war welk und schlaff. Dabei hatte Marie ihr dunkelblaues Lieblingskleidchen an. Doch es schien nun viel zu groß, so stark hatte sie in den letzten Tagen an Gewicht verloren. Ihre Arme und Beine sahen aus wie die dünnen Äste eines alten Baumes, die dürr und krank aus dem Kleidchen herauslugten. Und obwohl es sehr warm in der Hütte ihres Großvaters war, fröstelte sie. Doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, und lächelte ihren Großvater tapfer an. Dieser tupfte ihr mit einem Tuch behutsam die kleine Stirn und gab Marie ein Lächeln zurück.
»Wie fühlst du dich heute, Marie?«
»Schon etwas besser, Großvater«, log das kleine Mädchen.
Matimba wusste, dass es so weit war. Und er wusste, dass Marie große Schmerzen hatte, es sich aber nicht anmerken lassen wollte, um ihm keine Sorgen zu bereiten. Er beugte sich über Maries Gesicht; sein Herz war schwer und leicht zugleich – denn er wusste, dass er die Frage stellen musste: Es war Gesetz – seit er sich erinnern konnte, war es Gesetz, die eine Frage zu stellen.
»Marie?«, fragte er sanft.
»Ja, Großvater?« Ihre Stimme war sehr schwach.
Matimba beugte sich noch näher zu Marie und flüsterte in ihr Ohr.
Sie schaute ihren Großvater mit großen, glänzenden Augen an, doch antwortete, ohne zu zögern, reinen Herzens und mit fester Stimme. Eine glitzernde Träne lief ihr über die Wange.
Seine Augen lächelten. Er strich ihr über das schwarze Haar.
»Schlaf jetzt, meine kleine Prinzessin«, flüsterte er. »Du hast noch eine lange Reise vor dir.«
Draußen ging die Sonne langsam unter und ein kühler Abendwind blies durch die Ritzen der Hüttenwände aus Bambusstäben. Maries kleine Hand suchte sachte die Hand ihres Großvaters, ihr Atem ging schwer und rasselnd, und sie musste husten. Die letzten Sonnenstrahlen drangen gelbrot, wie tausend goldfarbene Finger, durch die Ritzen der Hüttenwand und ließen alles in einem schimmernden Licht leuchten, sodass das Innere der Hütte – einen ganz kurzen Augenblick nur – wie der Palast einer Prinzessin erstrahlte.
Dann wurde es dunkel.
Matimba hielt Maries Hand auch noch, als das Mädchen schon längst nicht mehr atmete. Bis zum nächsten Morgen hielt er Maries Hand in der seinen.
Zuerst war Dunkelheit. Lautlose Dunkelheit, kein Geräusch. Weder Wärme noch Kälte. Marie wusste nicht, ob sie wachte oder schlief, ob dies Traum war oder das bodenlose Nichts, von dem die alten Menschen erzählt hatten, wenn sie die Kinder im Dorf mit Geistergeschichten erschrecken wollten. Marie kicherte. Sie spürte keinen Hunger, nicht einmal nach warmem Brot mit den blauen Beeren, die ihr Matimba einst gesammelt und an die sie seither sehnsuchtsvoll gedacht hatte. Und obschon alles um sie herum pechschwarz war und nicht der kleinste Lichtschimmer zu sehen, hatte sie keine Angst. Kein bisschen. Sie versuchte, sich an den Geschmack der Beeren zu erinnern, aber sie schmeckte nichts.
›So ist es also, wenn man tot ist‹, dachte sie nur.
Doch fühlte sie sich leicht wie eine Feder. Ja genau, wie eine Feder in einer unendlich großen, sanften, dunklen Wolke glaubte sie zu schweben – und sie fühlte sich wohl, gesättigt und schmerzfrei.
Dann plötzlich sah sie etwas – ganz weit weg, wie es schien. Sie hätte nicht zu sagen vermocht, wie viel Zeit inzwischen vergangen war und wie weit weg dieses Etwas war, doch sie konnte es nun ganz deutlich sehen: ein kleiner Punkt. Ganz hell und winzig war der Punkt, so wie wenn man nachts in den Himmel schaut und einen einzigen Stern sieht.
Marie kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen: Der weiße Punkt – er wurde größer! Marie fühlte eine angenehme Wärme, die sich wie eine weiche, große Decke um ihren schlanken Körper legte. Der Punkt war nun kein Punkt mehr, nein, eher wie eine kleine Sonne sah er jetzt aus. Ja, auf einmal war der Punkt eine richtige kleine Sonne, die rasend schnell größer wurde! Dabei: Marie konnte gar nicht sagen, ob der Punkt größer wurde oder ob sie selbst sich darauf zubewegte.
Gerade, als sie dies überlegte, spürte sie etwas unter ihren kleinen Füßen. Sie war barfuß, und es fühlte sich warm und weich an. Wie feiner warmer Sand im Sommer. Sie schaute nach unten und sah, dass ihre Füße tatsächlich von Sand umgeben waren. Und noch etwas bemerkte Marie im zunächst fahlen Schein des immer größer werdenden Punktes: Ihre Arme und ihre Beine waren wieder so, wie sie früher gewesen! Keine beißenden Wunden mehr, keine blutenden, juckenden und eiternden Pusteln! Die Haut war glatt und samtig und hatte wieder die Farbe von dunkler Schokolade. Der Sand schien jetzt rötlich und wurde immer heller. Nein, alles um sie herum begann heller zu werden. Die Sonne flutete mit jeder Sekunde neues Licht um Marie, die von ihren Füßen aufschaute, und – es war Tag! Sie drehte sich langsam um sich selbst, sah sich um. Da war der Himmel nicht mehr schwarz, sondern plötzlich blau. Das schönste Blau, das Marie je gesehen hatte. Die Luft warm und rein, und Marie atmete tief ein und aus.
›So frisch und gut ist die Luft!‹
Ein leises Summen erklang. Dann deutlicher.
Marie hielt einen Augenblick den Atem an. Ja, jetzt konnte sie es ganz klar hören!
›Das Summen klingt merkwürdig.‹
Sie begann zu gehen. Ihre Füße waren so leicht, sie schien immer noch halb zu schweben. Und es machte Spaß – denn jeder Schritt erschien ihr ein kleiner Sprung, der sie ganz schnell vorwärtskommen ließ. Sie sah an sich hinunter, aber zu ihrer Beruhigung waren da nur ihre Füße, und der Sand unter ihren Füßen wirbelte bei jedwedem Schritt und Tritt auf. Sie musste lachen.
Aber dann am Horizont: Der Himmel am Horizont – immer noch ganz weit weg –, er färbte sich rot! So wie bei einem Sonnenuntergang.
›Das kann nicht sein!‹, dachte Marie, denn als sie ihren Blick wieder nach oben in den blauen Himmel richtete, schien die Sonne hell und weiß wie zuvor.
Sie begann zu laufen. Das Summen wurde lauter, der Himmel am Horizont erschien fast dunkelrot und – dann sah sie ihn: einen feuerroten Berg!
Ganz einsam stand der rote Berg mitten in der unermesslichen Weite. Zuerst noch ganz klein, doch ganz schnell immer größer, Marie glaubte auf den roten Berg zuzufliegen! Ja, sie schien gar nicht mehr zu laufen, sondern zu fliegen, so schnell, so leichtfüßig.
Der Berg war, als sie ihn erreichte, dunkelrot wie die Bohnen des Kalabarstrauches und sah aus wie ein gigantischer Fladenkuchen – so wie Großvater sie manchmal aus Mais gemacht hatte. Das Brummen war überall, wie wenn ein riesiger Bienenschwarm ein Lied summen würde. Marie stand am Fuß des Berges und schaute mit offenem Mund die steilen, roten Wände hoch. So weit das Auge reichte, war außer Sand – und dann und wann ein paar flachen Büschen – nichts zu sehen. Marie ging etwas zurück, um den Berg nochmals in seiner ganzen Größe zu betrachten – und erblickte eine Blume. Eine gelbe Blume. Sie musste sie zuvor tatsächlich übersehen haben. Es war eine wunderschöne gelbe Blume mit großen, leuchtenden Blättern. Marie ging in die Hocke und betrachtete die Blume genauer.
Dann war es auf einmal ganz still. Das Summen war verstummt. Kein Laut war zu hören.
»Gefällt dir die Blume?«, fragte eine Stimme hinter ihr.
Marie zuckte vor Schreck zusammen und ihr Körper erstarrte einen Augenblick, doch die Stimme sagte: »Du brauchst keine Angst zu haben, Marie.«
Sie drehte langsam den Kopf, um zu schauen, wer sie angesprochen hatte.
Es war ein alter Mann, faltig und dunkelhäutig, noch dunkler als Maries Haut war die Seine. Er trug einen Lendenschurz und seine mächtige Brust war mit kringeligen, grauweißen Haaren übersät. Das struppige Haar auf seinem Kopf hingegen war pechschwarz und grellrot durchmischt, sein borstiger Bart grau und rot und schwarz. Er saß am Boden, auf seinen Schenkel hatte er ein langes, dickes Holzstück abgelegt.
Marie sah den merkwürdigen alten Mann mit großen Augen an. Da nahm dieser das Holzstück an seinen Mund und das Summen, das Marie gehört hatte, erfüllte erneut die Luft.
›Das Summen kommt also aus dem Holzstück!‹, dachte Marie.
Und wieder – genau wie vorhin – war alles von dem eigenartigen Klang erfüllt: Der ganze Himmel, die Luft und der Berg schienen zu summen und zu singen, zu quaken und zu sirren, die Luft, der Berg, die Büsche, alles war erfüllt von diesem absonderlichen Ton.
›Wie wenn unzählige Bienenflügel vereint mit einer ganzen Armee von riesigen unsichtbaren Fröschen und Kröten ein himmlisches Konzert anstimmen würden. Es klingt sehr schön; merkwürdig klingt es, aber dennoch sehr schön‹, fand Marie.
Dann war es wieder still. Der alte Mann legte das Holzstück neben sich auf den Boden und schaute Marie schweigend und scheinbar neugierig an.
»Wer bist du?«, fragte Marie leise und schüchtern.
»Ich bin alles«, antwortet er.
Marie machte große Augen. »Du bist alles?«
»Ja, alles, mein Kind, das Erste und das Letzte.«
»Hast du denn keinen Namen?«
Er musste lachen.
»Haha … Ich habe viele Namen und keinen Namen!« Dann schaute er Marie an, wie sie so dastand, mit ihren dünnen Ärmchen und Beinchen, die aus dem blauen Kleid herausschauten, und sprach lächelnd: »Aber nenn’ mich einfach Elvis.«
»Das ist aber ein merkwürdiger Name.« Sie kicherte und trat, noch etwas zögernd, einen kleinen Schritt auf den alten Mann zu.
Plötzlich lachte dieser so laut, dass es sich wie das ferne Donnergrollen eines Gewitters anhörte.
»Hahaha! Da magst du recht haben, meine Kleine. Haha, ganz gewiss hast du recht! Doch was sind schon Namen?« Geschmeidig und kraftvoll wie ein Löwe erhob sich Elvis und stand nun riesengroß vor Marie.
Sie schaute zu ihm hoch und fragte leise: »Wo bin ich hier?«
»Hier ist überall!«
»Welcher Tag ist heute?«
»Hier ist jederzeit!«
Sie schwiegen beide. Kein Laut war zu hören. Marie trat verlegen von einem Fuß auf den anderen, zupfte an ihrem blauen Kleidchen, sah an Elvis hoch.
»Darf ich dich Onkel Elvis nennen?«, flüsterte sie.
Erneut ein donnerndes Lachen, diesmal noch lauter als zuvor, sodass Marie wieder vor Schreck zusammenzuckte und dachte, er sei wütend geworden wegen ihrer Frage. Doch bevor sie sich entschuldigen konnte, sagte er immer noch lachend: »Haha, aber sicher darfst du mich Onkel Elvis nennen … Aber ganz gewiss!« Dann runzelte Elvis die Stirn und schien nachzudenken, seine gemurmelten Worte konnte Marie jedoch sehr gut hören: »Mhmhm, merkwürdig, mhhhm, nach all den Zeiten bist du also der erste aller Menschen, der die Antwort wusste … Mhmm, merkwürdig, in der Tat.« Er ging ein paar Schritte auf und ab, kratzte sich am Bart: »Und dich also haben die Menschen sterben lassen? Mhmm … Dann ist es wohl nicht zu vermeiden. So sei es dann!«
Marie hatte seine letzten Worte sehr wohl gehört, doch wagte sie nicht zu fragen, was diese bedeuteten.
Elvis drehte sich um, ging vor Marie in die Hocke.
»Ich will dir eine Geschichte erzählen. Es ist die älteste Geschichte der Menschen, doch die meisten scheinen sie vergessen zu haben.« Er seufzte, klopfte mit der Hand auf den Sandboden und fuhr fort: »Setz dich hier neben mich hin.«
Marie tat, wie ihr geheißen, und im selben Augenblick, als sie sich neben Elvis hingesetzt hatte, wurde der Himmel dunkel. Tausende leuchtender Sterne funkelten auf, und wie von Zauberhand brannte ein knisterndes Feuer vor ihnen am Boden.
Elvis begann zu erzählen.
»Während der Traumzeit schlummerte die ganze Erde. Doch eines Tages erwachte Kunukban, die große Regenbogenschlange, aus ihrem langen Schlaf. Mit aller Macht brach sie durch die Erde nach oben und zog dann in alle Richtungen gleichzeitig über das Land. Schlängelnd formte ihr Körper die Landschaft, während sie die gesamte Erde bereiste, bis sie schließlich an den Ort zurückkehrte, an dem sie durch die Erdkruste gestoßen war. Dort rief sie die Frösche, ans Tageslicht zu kommen. Sie kamen tatsächlich, und Kunukban kitzelte sie an ihren Bäuchen, bis sie laut zu lachen anfingen. Und während die Frösche lachten, ergoss sich ihr Wasser, das sie im Schlaf gesammelt hatten, über die Erde und es floss in die gewundenen Spuren der großen Schlange. Auf diese Weise entstanden die Flüsse und Seen. Pflanzen begannen auf der Erde zu wachsen, Gras färbte das Land grün und mächtige Bäume reckten sich gen Himmel. Dann erwachten auch die anderen Tiere, strebten ans Licht und folgten der Regenbogenschlange, der großen Mutter allen Lebens, durch das ganze Land. Als alle glücklich auf dieser Erde in ihren Stämmen lebten, erließ die große Schlange Gesetze für alle. Allerdings gehorchten manche Wesen nicht, sondern stifteten Unruhe und stritten untereinander. Etliche raubten den anderen die Nahrung, und einige wollten ausgerechnet dort wandern und wohnen, wo sich schon andere Erdbewohner angesiedelt hatten. Da wurde die Mutter allen Lebens zornig und rief: ›Hört, ich werde es denjenigen vergelten, die gesetzestreu sind! Ich werde sie zu Menschen machen. Und ich werde ihnen dieses Land geben, über das alle ihre Nachfahren wandern sollen. Diejenigen jedoch, die meine Gesetze brechen, werde ich bestrafen. Ich will sie in Stein verwandeln, sodass sie nie mehr über die Erde wandern können.‹ Die Frevler versteinerten also, sie wurden zu Felsen, Hügeln und Bergen und mussten für alle Zeit stillstehen und über die Stämme wachen, die zu ihren Füßen durch das Land streiften. Dann verwandelte die große Schlange diejenigen, die sich an die Gesetze hielten, in Menschen. Alle hatten zu essen und niemand musste hungern. Die große Schlange hatte den Menschen die Erde gegeben, und sie sollte für immer ihnen gehören.«
Elvis streckte seinen Rücken, stemmte seine kräftigen Arme auf die Knie und beugte sich leicht vor. Marie starrte ihn gebannt an und konnte es kaum erwarten, den Fortgang der Geschichte zu hören, doch Elvis schien auf einmal nachzudenken.
»Mhmm … Wie lange ist das her?« Seine Stirn legte sich in Falten. »Schon sechsundzwanzigtausend Jahre ist das her, fast auf den Tag genau. Mhmm, ja ja … Zeit vergeht …«, murmelte er in seinen Bart. Dann schien er sich wieder zu erinnern, dass Marie ihn immer noch mit großen Augen anstarrte und nicht erwarten konnte, wie die Geschichte weiterginge. Und so beugte er sich noch etwas weiter vor und fuhr fort.
»Die große Regenbogenschlange schläft wieder tief unter der Erde, seit dem Anfang der Zeit, aber sie hat ein weiteres Gesetz hinterlassen.« Elvis fuhr sich mit der Hand durch sein buschiges Haar, schien kurz nachzudenken, dann sagte er: »Und wenn dieses Gesetz gebrochen werde, so prophezeite sie, kehre sie wieder zurück.«
Wieder hielt er kurz inne und schien nachzudenken, sodass Marie nicht anders konnte, als die Frage zu stellen, die ihr auf den Lippen brannte:
»Welches Gesetz denn, Onkel Elvis?«
»Nun, bevor sie sich wieder unter die Erdkruste zurückzog, sprach sie: ›Ich habe euch alle belohnt und zu Menschen gemacht, habe für euch die Welt und alles, was darin ist, geschaffen und geschenkt. Solange ihr euch an die Gesetze haltet, soll diese Erde euch gehören, und wenn ihr eines Tages sterbt, dürft ihr zu mir kommen. Gemeinsam werden wir dann die Zeiten verbringen. Alle haben genug zu essen und alle werden wandern und glücklich sein, alle werden einen Platz bei mir finden, denn solange ihr euch an meine Gesetze haltet, wird es Platz für alle Menschen bei mir geben. Sollte jedoch Gier, Neid und Hass eines Tages eure Herzen erfassen, solltet ihr euch bekämpfen und gegenseitig töten, so brecht ihr mein Gesetz. Denn wenn dies geschieht, werdet ihr nicht mehr in der Lage sein, die Frage der Fragen aufrichtig, ehrlich und ohne Furcht zu beantworten. Und wenn ihr am Ende gar die letzte Seele opfert, die eine Seele, die die Frage der Fragen richtig beantwortete, dann werde ich wiederkommen. Doch nicht als Schöpfer aller Dinge, sondern als deren Zerstörer. Und dann wird herrschen ewige Finsternis für alle Zeiten.‹« Elvis schaute Marie an und schwieg.
Eine Weile war es ganz still.
»Die letzte Seele, Onkel Elvis«, flüsterte schließlich Marie, »bin das ich?«
Er schaute sie lange an, dann strich er sanft über ihr Haar und sagte leise: »Ja, das bist du.«
Marie senkte den Kopf, eine Träne lief über ihre Wange, als sie fragte: »Und du, bist du Kunukban? Bist du die große Regenbogenschlange, Onkel Elvis?«
Seine Stimme ließ den roten Berg erzittern, als er mit donnernder Stimme antwortete: »Ich bin alles!«
Er stand auf, der Himmel verdunkelte sich, die Sterne verschwanden, der Berg wurde so schwarz wie die dunkelste Nacht, die gelbe Blume verwelkte innert eines einzigen Moments, und seine Stimme klang wie das Brüllen von tausend Löwen.
»Die Menschen haben dich sterben lassen! Sie haben meine Gesetze gebrochen und missachtet! Sie bekriegen und töten sich gegenseitig! Die Menschen sind grausam, gierig und maßlos geworden! Sie tun die schrecklichsten Dinge, die du dir überhaupt vorstellen kannst.« Er stampfte wütend mit dem Fuß auf den Sandboden, sodass die Erde und selbst der rote Berg bebten. Aber seine Stimme wurde etwas leiser: »Die Menschen … Als meine Kinder habe ich die Menschen erschaffen, damit sie lernen …«
Er zögerte einen Augenblick und schien nach den richtigen Worten zu suchen.
»… Damit sie lernen, mit dem Leben umzugehen, ja, dies war einst meine Absicht.« Wieder stampfte er wütend in den Sand. »Die Zeit ist gekommen, alles zu beenden«, schnaubte er.
Ein eisiger Wind begann zu wehen, und in der Ferne erhellten unzählige Blitze die Nacht und Grollen und Donnern kündigten von der ewigen Finsternis, die kommen würde. Elvis drehte sich um und ging vor Marie in die Hocke.
»Du brauchst keine Angst zu haben, Marie, denn du wirst hier bei mir bleiben und dein Paradies haben. Alle anderen jedoch werden sterben und nie gewesen sein.«
»Alle Menschen?«, fragte Marie erschrocken.
»Ja, alle! Alle, die je waren, alle, die noch sind, und alle, die noch gar nicht waren. Alle!«
Marie musste an ihren Großvater Matimba denken, und sie musste an ihre Mama und an ihren Papa denken und an alle anderen Menschen – und eine tiefe Trauer erfasste ihr kleines Herz. Da wurden ihre Augen feucht und Tränen liefen über ihre schmalen Wangen. Sie senkte ihr Köpfchen, und eine einzelne Träne fiel direkt auf die verwelkte Blume vor ihr im Sand.
Im selben Augenblick, da Maries Träne auf die Blume tropfte, erblühte diese zu neuem Leben. Ihre eben noch braunen Blätter wurden wieder leuchtend gelb und lebendig und die Blume schien von innen heraus zu erstrahlen.
Elvis hob verwundert seine Augenbrauen, als er dies sah, brummte etwas in seinen Bart, fuhr mit seinen starken Fingern über Maries Wangen, um ihre Tränen zu trocknen.
»Du willst nicht, dass es geschieht?«, fragte er.
Marie schüttelte ihr Köpfchen.
