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Eine Frau, ein Mädchen – zwei Welten. Ein phänomenaler Roman über Schuld und Sühne, Liebe und Hass - und über den Sinn des Lebens. Die knapp 40-jährige Elizabeth O’Brien ist im Jahre 2010 in New York City auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und nichts scheint sie aufhalten zu können – bis zu dem Tag, an dem ein schicksalhafter Anruf ihr ganzes bisheriges Leben in Frage stellt. Völlig verzweifelt und von Schuldgefühlen geplagt reist Elizabeth in das tiefste Herzen Afrikas. Dort begegnet sie der achtjährigen Marie, die nie eine Chance in ihrem Leben hatte, aber dennoch glücklich ist. Ohne es zunächst zu wissen, verbindet die beiden das gleiche Schicksal und allmählich entsteht eine behutsame Freundschaft, im Laufe derer das afrikanische Mädchen der reichen New Yorkerin nach und nach zeigt, worum es im Leben letztlich wirklich geht. »Ein Diamant von unermesslicher Schönheit, so leuchtend wie der Planet Erde selbst, ein Licht, das einen kurzen Augenblick lang unerschrocken jeder Finsternis trotzt – unabhängig davon, ob dieser Augenblick nur einen einzigen Tag oder tausend Jahre währt. Genau so, musst du dir das Leben vorstellen!« Wenn Sie sich für das Leben interessieren, dann müssen Sie dieses Buch lesen. Es ist aus dem Stoff, aus dem auch wir gemacht sind, denn diese Geschichte ist eine ungeheure Zärtlichkeit für das Leben an sich. Ein unglaublich berührender Roman über Hoffnung, Schicksal und Liebe der so wunderbar anders ist als alle anderen.
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Seitenzahl: 305
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Alfonso Pecorelli
Schattenherzland
Roman
Für meine Familie
1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten © copyright by Riverfield Verlag, Reinach BL (CH)www.riverfield-verlag.ch
Lektorat & Satz:ihleo verlagsbüro – Dr. Oliver Ihle, Husum (D)
Umschlaggestaltung:Hauptmann & Kompanie, Zürich (CH)
Druck und Bindung:CPI books GmbH, Leck (D)
E-Book: Dr. Bernd Floßmann, IhrTraumVomBuch.de
Print: ISBN 978-3-9525702-1-0
E-Book : ISBN 978-3-9525702-2-7
»Es gibt einen Platz, den du füllen musst, den niemand sonst füllen kann, und es gibt etwas für dich zu tun, das niemand sonst tun kann.«
Platon
»Und dann wärmt sie alle Menschen, denn für die Sonne sind alle Menschen gleich.«
Jede Sekunde fällt jemand aus dieser Welt, für den das Leben nicht bloß eine Erinnerung war.
Der Blick gleitet hoch zum Himmel. Ist es so schwer zu glauben, dass sie alle in großen Seelentransportern da oben hin- und herfliegen? Ausgeblichen, leise wispernd, aber noch hörbar, wenn du nur aufmerksam genug lauschst.
Über die Baumwipfel treiben sie, auf den Feldern reiten sie, gleiten dahin, alten Schiffen gleich, schlüpfen dir durch Haar und Hemd, durch die Brust und Lunge und kommen auf der anderen Seite wieder hervor, der leise Atem, eine Bibliothek und ein Archiv jedes gelebten Lebens, jedes gesprochenen Wortes, jedes gesagten Satzes, das noch immer in dir nachhallt.
Die Berührung der Hand ist kaum spürbar, die Frage jedoch deutlich: »Hast du sie geliebt?«
Marie
Heiß, unerträglich heiß und schwül war es in dem kleinen Zimmer. Einen kurzen Augenblick schweiften seine Gedanken in die Vergangenheit, sein Blick glitt über die kahlen Wände und blieb an dem mit einem rostigen Nagel befestigten Kalender hängen: Bald ist Weihnachten. Der Gedanke schmerzte ihn. Wie eine alte eiternde Wunde, ein Schwelbrand – etwas, das nie zuheilt. Sein linkes Auge zuckte kaum wahrnehmbar bei den Gedanken an seine Vergangenheit; Jahre war er umhergeirrt, von Kontinent zu Kontinent, immer auf der Flucht vor sich selbst, um alles zu vergessen, den Super-Gau, der sein Leben zerstört hatte. Doch irgendwann, nach vielen Jahren erst, war ihm bewusst geworden, dass man nicht vor sich selbst davonlaufen kann. Die einzig verbliebene Wirklichkeit, die er für sich in Anspruch nehmen konnte, lag hier. Hier, in diesem kleinen, stickigen, feuchtheißen Zimmer im Nirgendwo in Afrika – hier, in der Hölle auf Erden, lag seine restliche Zukunft. An diesem Ort, wo Schmerz und Verzweiflung keine Berechtigung auf Individualität hatten, weil allgegenwärtig.
»Der Nächste, bitte!«, er schaute kurz auf und wies auf den Hocker. »Setz dich.«
Die schwül-schwere Luft hing wie zäher Honig im Raum.
»Wie heißt du?«
»Marie.«
»Keine Bange, Marie, es tut nicht weh.« Er nahm sanft den Arm des Mädchens in seine Hand und desinfizierte eine Stelle in der Armbeuge. Die junge, schwarze Haut glänzte makellos.
»Ich habe keine Angst!« Ein fröhliches Lächeln strahlte ihm entgegen.
Er hielt einen Augenblick inne, zögerte, räusperte sich, als wollte er etwas sagen, schwieg dann jedoch. Er legte den Wattebausch mit dem Desinfektionsmittel beiseite. Gott, du hasst mich, doch mach nur für einmal eine Ausnahme. Dann stach er die feine Nadel behutsam in die Vene. Zäh und langsam füllte sich die kleine Ampulle. Rot fließt das Leben durch unsere Adern. Ein unmerkliches Zucken um seine Mundwinkel. Bitte, nur dieses eine Mal, Gott.
»So, das war’s, Marie. Schon fertig.« Er klebte ein Pflaster auf die Einstichstelle und hielt die Hand des Mädchens fest. »Komm doch bitte morgen wieder hierher. Geht das?«
»Oh, ja, das sollte gehen.« Wieder dieses sanfte, fröhliche Lächeln zum Abschied.
Er betrachtete eine Weile nachdenklich das mit Blut gefüllte Gefäß. Dann stellte er es in den Behälter zu all den anderen dunkelrot schimmernden Ampullen, die wie Soldaten strammstanden und geduldig auf ihr Verdikt warteten.
Endlich wandte er sich zur Tür und rief: »Der Nächste, bitte!«
James
James war sich sicher, dass er hier sterben würde. Die Vitalität seines jungen Körpers war versiegt. Seit Tagen hatte er nichts mehr gegessen. Es war dunkel und kalt, eiskalt für die Jahreszeit. Nun hatten ihn seine letzten Kräfte verlassen.
Seine zu Eis erstarrenden Gedanken wärmte einzig die ferne Erinnerung an die gleißend helle Sonne, die glitzernden Wellen, dieses Bild eines Sommertags in seiner Kindheit, die Nähe seiner Mutter. Ja, dieses bezaubernde Licht der lebendigen See – ein Diamant, so unermesslich kostbar und unvergänglich wie das Leben selbst.
Er wankte wie ein Boot in dunkler Nacht, das sich auf stürmischer See geschlagen geben musste, ganz dem Untergang geweiht, nur noch darauf aus, nicht seinem Leben, das er nicht gelebt hatte, nachzutrauern, denn er würde nicht mehr sein, er würde ins Nichts gehen, vielmehr in dieses gleißende Licht, das der Finsternis trotzte.
Muss ich denn sterben, um zu leben? Sein letzter Gedanke – eine Kapitulation vor dem Rätsel dessen, was ihn erwartete. Seine Beine ergaben sich zuerst, ächzend sackte er in die Knie.
Die eisige Kälte hatte seine schäbige Kleidung mühelos bis auf seinen mageren Leib durchdrungen, dann krümmte er sich erschöpft unter einem Brückenpfeiler des Airport Highways, wie zum Gebet, einem Gebet, das er nicht mehr sprechen würde. Der Versuch eines letzten zornigen Aufbäumens – umsonst, er war am Ende, eine getilgte Null im Buch des Lebens. Dann kippte er langsam, fast wie in Zeitlupe, zur Seite, rollte sich zusammen, hielt seine Beine fest umklammert, sich in den Mutterleib zurücksehnend, und wartete, auf dass die Gedanken ganz verblassten.
Der eisige Wind trug das ferne, doch unablässige Heulen der Polizeisirenen heran. Seit Stunden erleuchteten brennende Autos die Nacht, vermischte sich der Klang dumpfer Schüsse mit dem Klirren berstender Fensterscheiben. In sämtlichen großen Städten des Landes herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände, am schlimmsten hier in Washington D. C. Irgendein Rassist hatte die Stimme der Versöhnung ausgelöscht, den großen schwarzen Mann, der davon sprach, die Menschen müssten wieder lernen, nicht wie die Vögel zu fliegen und wie die Fische zu schwimmen, sondern wie Brüder zusammenzuleben. Umsonst – eine Kugel hatte ihn für immer verstummen lassen, seine Worte der Friedfertigkeit hatten heute Nacht keine Gültigkeit mehr. Stattdessen herrschte Krieg in den Straßen.
All dies schien weit weg, seltsam fern, es mochte nicht zu ihm vordringen. Erst das grässlich laute Geräusch bremsender Autoreifen holte ihn noch einmal für Momente an die Oberfläche der Wirklichkeit. Sein Kreislauf war vor Kälte fast völlig zum Erliegen gekommen. Mit Mühe gelang es ihm, die Augen einen Spalt weit zu öffnen.
Ganz nah, direkt vor seinen Augen erhoben sich riesengroß die weiß ummantelten Reifen eines Wagens. Schwere Autotüren klappten auf.
James schaffte es nicht, wach zu bleiben, seine Augen fielen wieder zu. Wie durch eine dicke Watteschicht gedämpft, hörte er Stimmen.
»Nehmen Sie den Jungen mit! Heute ist schon ein guter Mann zu viel gestorben«, ordnete eine tiefe Männerstimme an.
Eine zweite antwortete: »Aber Sir, das verstößt gegen die Vorschriften.«
»Die Vorschriften mache ich. Nehmen Sie ihn mit!« Der Tonfall ließ keine Zweifel aufkommen. Der Mann schien es gewohnt, dass man seinen Befehlen nicht widersprach.
Das Letzte, was James hören konnte, bevor er ohnmächtig wurde, war ein Zackiges: »Jawohl, Mister President!«
*
Beim Erwachen sah er als Erstes die hellen Sonnenstrahlen durch die riesigen Fenster dringen. Er wusste nicht, wo er war. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte er, sich im Bett aufzusetzen, resignierte aber unweigerlich, weil ihm sogleich schwindlig wurde. Matt ließ er sich ins Kissen zurückfallen. Sein Magen grummelte.
Ein paar Atemzüge später ging die Tür auf, und ein großer Mann in einem dunklen, eleganten Anzug trat an sein Bett. Noch bevor James ihn grüßen konnte, begann der Mann mit derselben tiefen Stimme, die der Junge schon am Abend zuvor gehört hatte, zu sprechen, fragte ihn nach seinem Namen und warum er unter einer Brücke geschlafen habe.
»Ich heiße James, Sir«, er versuchte den Kloß in seinem Hals zu schlucken, »James Connors, Sir.« Er habe niemanden mehr, brachte er mühsam hervor. Seine Mutter sei tot, seinen Vater habe er nie gekannt. Kein Geld, kein Essen und keinen Platz zum Schlafen – keinen Ort mehr zum Leben.
Der Mann blickte ihn nur still und nachdenklich an, dann ging er hinaus. Nach einer kurzen Weile trat er wieder ins Zimmer.
»Hör mal, mein Junge, hier kannst du nicht bleiben. Aber wir werden dich etwas aufpäppeln, und dann gebe ich dir genügend Geld für ein Zugticket nach New York.« Er zog ein Briefkuvert aus der Innentasche seines Jacketts. »Auf dem Umschlag steht eine Adresse. Du gehst dorthin und gibst den Brief ab. Man wird dort für dich sorgen. Hast du das verstanden?«
James nickte müde und schloss erneut die Augen, nahm aber wahr, dass sich der Mann über ihn beugte und die Hand auf seine Schulter legte.
»Dies ist deine einzige Chance, Junge. Nutze sie!«, raunte ihm der Mann eindringlich zu, bevor er sich umdrehte und zur Tür schritt.
»Warum tun Sie das?«, flüsterte James.
Sein Lebensretter blieb unter dem Türrahmen stehen. Die Silhouette des massigen Körpers zeichnete sich im Gegenlicht wie ein Scherenschnitt ab. Der Mann drehte sich zögernd um. Er schaute den Knaben lange an. Seine Stimme nahm nun einen merkwürdig traurigen Klang an, der so gar nicht zum Auftreten dieses Mannes passen wollte: »Mit Macht, Reichtum und Wohlstand geht auch große Verantwortung einher. Leider vergessen wir dies nur allzu oft.« Er schien einen Moment über seine Worte nachzudenken. »Warum ich das tue? Wegen des Gleichgewichts, mein Sohn, wegen des Gleichgewichts, denn gestern ist schon ein guter Mann zu viel gestorben …«
»Gleichgewicht?«, flüsterte James. »Sir, das verstehe ich nicht. Was meinen Sie damit?«
Präsident Lyndon B. Johnson zögerte einen Augenblick. »Eines Tages wirst du es verstehen. Ich bin mir da ganz sicher.« Das Lächeln, das über das müde Gesicht des Präsidenten huschte, konnte James nicht mehr sehen. »Du wirst es noch weit bringen, mein Junge.«
Der Präsident konnte nicht ahnen, wie recht er haben sollte.
Shamal
»Wie lange haben Sie diese Kopfschmerzen schon, Mister Rowland?« Der Arzt stellte die Frage mit ruhiger, professionell klingender Stimme.
»Weiß nicht so genau. Na ja, ich denke, so drei, vier Monate werden es schon sein.« William Rowland fühlte sich unbehaglich. Er konnte sich nicht erinnern, je in seinem Leben krank gewesen zu sein – abgesehen von der einen oder anderen Erkältung –, geschweige denn freiwillig einen Arzt konsultiert zu haben. Heute dagegen war er sogar im Central General Hospital gelandet. Die Kopfschmerzen waren immer stärker geworden, in den letzten paar Wochen sogar so stark, dass er kaum schlafen konnte. Endlich hatte er dem Drängen seiner Frau nachgegeben: »Geh bitte zum Arzt, andernfalls melde ich dich einfach an!« Doch genau dies wollte Will verhindern, denn als Supervisor konnte und wollte er sich keine Fehlstunden leisten. Gerade hatten sie sich ein bescheidenes Haus gekauft, die Hypothek lastete schwer auf dem Familienbudget, und die vier Kinder wollten auch ernährt und gekleidet sein. So hatte er sich als »Notfall« im Central gemeldet, obschon er keiner war. Nun saß William Rowland an einem Sonntagmorgen in dem kleinen Behandlungszimmer und schaute den für sein Empfinden allzu jungen Arzt verwundert an, als er dessen nächste Frage hörte.
»Ich würde gerne eine Röntgenaufnahme machen. Wären Sie damit einverstanden, Mister Rowland?«
Will musterte den Arzt, dessen weißer Kittel sich scharf von dem dunklen Gesicht abhob. Ein feiner Schnurrbart sollte das jugendliche Gesicht wohl älter und seriöser wirken lassen, dachte Will. »Dr. Ali S. Hassemi« stand auf dem kleinen Namensschild, das an der Brusttasche steckte. Will hatte nichts gegen Ausländer, doch irgendwie hatte er das Gefühl, in Großbritannien sollten Briten als Ärzte eingesetzt werden. In der nächsten Sekunde verwarf er den Gedanken, denn Dr. Hassemi schien hier geboren zu sein; sein Englisch tönte nach Oxford und klang wohl besser als sein eigenes. Die nächste Frage schreckte ihn aus seinen Grübeleien auf.
»Was machen Sie beruflich, Mister Rowland?«
»Gepäckabwicklung. Heathrow Airport.« Er machte eine kurze Pause. »Als Supervisor«, wie er nicht ohne Stolz in der Stimme anfügte.
Hassemi schaute ganz kurz auf, ließ sich jedoch nichts anmerken.
Dann ging alles ziemlich schnell. An diesem Sonntag war fast kein Betrieb im Hospital. Dr. Hassemi war auch Radiologe, wie er sagte, sodass er nicht erst einen Kollegen organisieren musste. Er verschrieb seinem Patienten zwei starke Schmerzmittel und bat Will, am nächsten Sonntag wiederzukommen, wenn ihm das recht sei.
Eine Woche später fand sich Rowland wieder in der Klinik ein. Ihm war alles andere als wohl in seiner Haut. Die Tabletten waren heute Morgen zur Neige gegangen, zeigten allerdings auch schon tagelang unangenehme Nebenwirkungen.
Dr. Hassemi stand bereits vor dem Leuchtkasten mit den Röntgenbildern, als Will ins Behandlungszimmer trat. Der Arzt gab ihm die Hand und bat ihn, sich zu setzen. »Ich erinnere mich, dass Sie sagten, Sie seien noch bei keinem anderen Arzt gewesen, Mister Rowland. Wegen der Kopfschmerzen, meine ich.«
Will nickte.
Dr. Hassemi schaute ihn mit ernster Miene an, dann schien er tief, aber kaum hörbar Luft zu holen. »Es tut mir leid, Ihnen dies sagen zu müssen, Mister Rowland … Sie haben einen Hirntumor.«
Hassemi fuhr mit Erklärungen fort, doch die Worte drangen kaum zu William Rowland vor. Innerhalb einiger Sekunden sank der muskelbepackte Körper des Todkranken in sich zusammen, als ließe man aus einer Gummipuppe die Luft ab. Seine Familie, seine Frau, seine Kinder, mein Gott, was würde aus ihnen werden? Sie hatten sonst niemanden. Sie würden von der Fürsorge leben müssen, sie würden … Er wollte nicht weiterdenken.
Hassemi reichte seinem Patienten ein Glas Wasser. Rowland war kreidebleich und hielt sich krampfhaft am Rand des Schreibtisches fest. Nach einer Weile fühlte sich Rowland wieder etwas besser. Es klang wie ein Krächzen, als er fragte: »Wie lange noch?«
»So genau kann man das nie sagen.«
»Wie lange noch?« Rowlands mächtige Faust sauste auf die Tischplatte und unterstrich seine Worte wie ein Donnerschlag.
Der junge Arzt erklärte ihm, dass man weitere Tests machen müsse, eine Kernspintomographie, vielleicht eine Biopsie, falls der Tumor zugänglich wäre, was jedoch nach den Röntgenbildern zu urteilen nicht der Fall sei – dann eine Strahlen- und Chemotherapie.
Rowlands Frage war klar und präzise, genauso präzise wie Hassemis Antwort: »Ist es heilbar?«
»Nein.« Nach einer Pause beugte sich Dr. Hassemi etwas vor: »Ich kann Sie nicht heilen, niemand kann das, aber vielleicht kann ich Ihnen und Ihrer Familie anderweitig helfen.« Bevor Rowland verdutzt nachfragen konnte, sprach der Arzt bereits weiter.
Dr. Hassemi nahm sich für seinen Patienten mehr als zwei Stunden lang Zeit. An der Tür verabschiedeten sie sich mit einem besiegelnden Händedruck. Rowland war fast einen Kopf größer als Hassemi, dessen Hand fast gänzlich in jener des Hünen verschwand. Der Arzt musste sich zusammenreißen, um sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn Rowlands schraubstockartige Umklammerung schmerzte.
»Ich vertraue Ihnen, Doktor Hassemi.«
»Keine Sorge, William.«
»Nennen Sie mich Will«, Rowlands Lachen klang gequält, »William nannte mich bloß meine Mutter.«
»Okay, Will, Sie können sich auf mich verlassen, es wird alles gut.«
Rowland öffnete die Tür, sein Blick fiel auf das Namenschild.
»Wofür steht eigentlich das S?«
»Shamal.«
Chris
Court Room W.223. Der Gerichtssaal war von sachlicher Schlichtheit. Links und rechts je vier Stühle; in Front, etwas erhoben, das Pult des Richters. Auf der linken und rechten Seite, leicht nach unten versetzt, die zwei Plätze der Schöffenrichter und, nochmals etwas tiefer, der Platz des Gerichtsschreibers.
Das vereinigte britische Königreich gegen Dr. Christopher James Campbell von Dumfriesshire, Schottland, stammend, angeklagt wegen fahrlässiger Tötung in Ausführung seiner ärztlichen Tätigkeit. Als Hauptzeugin der Anklage ist geladen Miss Elizabeth O’Brien, amerikanische Staatsangehörige.
Der Anwalt des Angeklagten hatte sein Plädoyer beendet. Der Richter übergab dem Staatsanwalt das Schlusswort.
»Verehrtes Gericht, sehr geehrter Herr Vorsitzender! Die Beweislage ist klar und unwiderlegt. Es gilt als erwiesen, dass der Angeklagte Doktor Christopher James Campbell, seit zwei Jahren praktizierender Chirurg am St. Francis Central Hospital in London City, in der Nacht vom 13. Juli 1987 im Beisein der hier anwesenden Zeugin der Anklage berauschende und narkotisierende Mittel einnahm. Obschon Doktor Campbell bestreitet, in der besagten Nacht und – nach eigener beeidigter Aussage – auch jemals zuvor Drogen zu sich genommen zu haben, und des Weiteren anführt, dass er für den nächsten Tag, 14. Juli, nicht für den Dienst in der Klinik eingeplant beziehungsweise nicht als Notfallarzt eingeteilt war, sind folgende Tatsachen und Ereignisse erwiesen:
1. Der Angeklagte wurde trotz seiner korrekten Aussage, dass er am 14. Juli 1987 nicht auf dem Dienstplan stand, aufgrund der Nachtstunde zu einem Noteinsatz in die Klinik gerufen, und zwar am frühen Morgen des 14. Juli gegen 4.15 Uhr. Infolge der offenbar inkorrekten Beurteilung des Zustandes des Patienten William J. Rowland durch den Angeklagten und des darauf folgenden Noteingriffes an besagtem Patienten verstarb derselbe noch im OP. Nach Aussagen der Krankenschwestern und des hier zur Zeugenaussage anwesenden Anästhesisten und Radiologen Dr. Ali S. Hassemi verhielt sich der Angeklagte während des Eingriffes äußerst merkwürdig: Dieser schien sowohl abwesend als auch nicht völlig zurechnungsfähig in Bezug auf sein Verhalten während der Operation zu sein.
2. Ein am selben Tag von der Klinikleitung angeordneter Bluttest erbrachte den Nachweis, dass der Angeklagte substanzielle Mengen an PCB, ACN und Kokain eingenommen haben muss. Der Angeklagte bestreitet diesen Punkt.
3. Die Zeugin der Anklage, mit der der Angeklagte die Nacht zuvor verbrachte – was er nicht bestreitet –, hat zu Protokoll gegeben, dass der Angeklagte im Verlaufe des Abends des 13. Juli mehrmals eine Dosis der bezeichneten und in dessen Blut nachgewiesenen Drogen eingenommen habe. Des Weiteren habe der Angeklagte die Zeugin zu überreden versucht, dieselben Drogen zu konsumieren, was diese jedoch entschieden abgelehnt habe.
Die Anklage erachtet es als erwiesen, dass der Angeklagte Doktor Christopher James Campbell in grob fahrlässiger Weise gegen den Ehrenkodex der Ärztekammer verstoßen und sich der fahrlässigen Tötung eines Patienten schuldig gemacht hat. Die Anklage beantragt als Strafmaß eine Geldstrafe, die vom Gericht festzulegen ist, außerdem eine Verurteilung zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Schließlich beantragt die Anklage, dass dem Angeklagten seine Arztlizenz auf Lebenszeit zu entziehen sei.«
Der Richter wandte sich zum Angeklagten und fragte, ob er noch etwas hinzuzufügen habe. Dieser schüttelte nur den Kopf. Stumm fixierte er mit seinem Blick die Zeugin der Anklage. Sein Gesicht schien zu Stein erstarrt. Weder die gewellten, halblangen braunen Haare noch die sanft geschwungenen, sonst so oft lächelnden Lippen konnten in diesem Augenblick daran erinnern, dass er noch nicht einmal dreißig Jahre alt war und meist viel jünger eingeschätzt wurde. Lediglich das leichte Zucken um seine Augen ließ erahnen, was in ihm vorging.
Der Richter und die Schöffen zogen sich zur Beratung zurück. Es dauerte keine zwanzig Minuten, dann kamen sie gemessenen Schrittes zurück in den Gerichtssaal, und das Urteil wurde verlesen.
Das Gericht folgte der Anklage in allen Punkten. Die Verhandlung wurde geschlossen.
Elizabeth O’Brien hatte dem Angeklagten während der Verhandlung nicht ein einziges Mal in die Augen geschaut, sie hielt den Kopf gesenkt oder abgewandt. Schnellen Schrittes strebte sie aus dem Gerichtssaal.
Der Angeklagte saß scheinbar teilnahmslos da, er fühlte sich unfähig, sich zu erheben. Weiß und hart traten seine Knöchel zwischen den wie zum Gebet gefalteten Händen hervor.
Als letzter Besucher verließ ein Mann in der hintersten Reihe den Saal. Er trug einen dichten, dunklen Bart und schien seine Augen mit dicken, dunklen Brillengläsern zu schützen. Während des Prozesses hatte er dann und wann etwas auf einen Zettel geschrieben, zum Schluss so hart, dass die inzwischen stumpfe Bleistiftspitze mit einem leisen Klicken vollends abgebrochen war. Schließlich waren die Vorder- und Rückseite des Papiers mit Zahlen übersät, immer wieder dieselben drei Zahlen: 5–32–35.
Christopher Campbell war schon wieder auf dem Weg zurück ins Gefängnis, eskortiert und bewacht von zwei Beamten saß er auf dem Rücksitz des Polizeiwagens. Sein anfänglicher Hass und seine Rachsucht hatten sich im Verlauf der schon über ein Jahr währenden Haft von Tag zu Tag abgeschwächt – jeden Tag, der verstrichen war, wurde die Erinnerung an das, was geschehen, etwas blasser. Er dachte an seine Familie – die er soeben hatte kurz besuchen dürfen – und während die Scheinwerfer des Wagens wie zwei dicke, helle Finger die dunkle Straße abtasteten und vor ihm die breiten Schultern und kahlgeschorenen Köpfe der stämmigen Beamten im Rhythmus der Schlaglöcher auf und ab hüpften, wünschte er sich bloß noch eins: den Rest der Strafe so schnell wie möglich hinter sich zu bringen und zurück zu seiner Familie zu gehen. Es würde sich schon etwas finden, auch wenn er kein Arzt mehr sein würde. Er könnte ja auch in der Schreinerei seines Vaters arbeiten – warum auch nicht? Jesus war schließlich auch ein Tischler gewesen.
*
Zur selben Zeit hatte sich seine Familie um die wärmenden Flammen des Kaminfeuers versammelt, wie jedes Jahr um diese Zeit. Die Campbells waren eine schottische Familie wie aus dem Bilderbuch, raue und stolze Menschen, deren Ruppigkeit mitunter abschreckend wirken konnte. Dennoch waren sie immer zu einem Späßchen aufgelegt und im Grunde ihrer Seele menschenfreundlich und hilfsbereit – Schotten eben.
Jim Campbell, der Senior des Clans, war ein großer Mann, wie alle männlichen Mitglieder seiner Familie, und mit seinen mehr als achtzig Jahren noch erstaunlich rüstig und kein bisschen müde. Er war enorm stolz auf seine Familie, auch wenn er dies – bescheiden, wie er war – weder allzu deutlich sagen noch zeigen würde. Er hatte fast sein ganzes Leben in Schottland verbracht, mit Ausnahme seines freiwilligen Militärdienstes während des Zweiten Weltkriegs, um »den Krauts den Garaus zu machen«, wie er heute noch zu sagen pflegte. Er hatte in allen großen Schlachten gekämpft, war zweimal verwundet worden, ausgezeichnet für seine Tapferkeit – doch damit angeben? Nein, das war nicht seine Art.
Schon als junger Bursche hatte er seine große Liebe kennengelernt, Rose. 1933 hatten sie endlich geheiratet, und schon neun Monate später machte Bruce, der Erstgeborene, das Glück perfekt. Die Tochter Sarah ließ dann allerdings acht Jahre lang auf sich warten, kam jedoch auch wiederum zu früh, um von den Kriegswirren verschont zu bleiben. Als einfacher Beamter mit kargem Einkommen hatte Jim seine Familie schließlich zu Gottesfürchtigkeit, Bescheidenheit und Fleiß erzogen.
Bruce war ganz der Vater, nie aus Schottland weggezogen, verdiente sich sein Einkommen mit einer kleinen Schreinerei. Sarah dagegen war von anderem Schlag: Sie war ehrgeizig, wollte immer schon weg »in die große weite Welt«. Sie wollte Medizin studieren, den Menschen helfen. Jim und Rose Campbell hatten ihre Tochter unterstützt, so gut sie nur konnten, und so erfüllte sich Sarah nicht bloß den Traum, Ärztin zu werden, sondern verliebte sich auch gleich Hals über Kopf während eines Studienaufenthaltes in den Vereinigten Staaten.
Jim erinnerte sich noch genau an den Tag, als Sarah zu Hause anrief und verkündete, sie werde ihren »zukünftigen Mann« mitbringen. Die Eltern waren ganz und gar nicht begeistert. Musste sich ihre Tochter ausgerechnet in einen »Ami« vergucken, der zudem nicht mal ein »richtiger« Amerikaner war, wie Jim brummend anmerkte? Doch Sarah war nicht umzustimmen. »Ich liebe ihn, basta!«, verkündete sie trotzig.
Jim und Rose brauchten schließlich nicht überredet zu werden. Frank – mit seinen dreißig Jahren einer der jüngsten Assistenz-Professoren an der Harvard Medical School – entpuppte sich als ein liebenswerter, gut aussehender Mann. Und er schien genauso in Sarah verknallt zu sein wie sie in ihn.
Knapp ein Jahr später heirateten die beiden in der kleinen Dorfkirche von Lockerbie, ließen sich jedoch fünf Jahre Zeit, bis sie Michael das Leben schenkten. Bloß in einem Punkt war die Braut Sarah eigensinnig: Sie bestand darauf, ihren schottischen Mädchennamen auch nach der Hochzeit beizubehalten, denn sie sei eine Campbell und werde es immer bleiben, wie sie ihrem verblüfften künftigen Ehemann mitteilte.
Es kam sogar noch kurioser: Zur Hochzeit erschien auch Franks Schwester Esther, eine dunkelhaarige Schönheit, die mit ihrem natürlichen Charme so manchem anderen Gast den Kopf verdrehte. Das Rennen um ihre Gunst gewann allerdings Bruce. Die Hochzeit ließ nicht lange auf sich warten und Christopher, ihr einziger Sohn, machte, als er geboren wurde, das Familienglück vollkommen. Und so hatten sich zwei Geschwisterpaare gefunden.
Der alte Jim Campbell nahm einen kleinen Schluck seines Selbstgebrannten und schaute zufrieden in die Runde. Die Dunkelheit hatte sich um diese Jahreszeit in Sherwood Crescent, Lockerbie, längst als Sieger über das Licht des Tages hervorgetan.
»Macht es euch noch ein wenig gemütlich!«, rief Rose fröhlich. »Es ist ja noch nicht einmal ganz neunzehn Uhr. Ich rufe schnell unseren Schwiegersohn an, um ihm zu sagen, dass Sarah und Michael schon früher geflogen sind. Sonst macht sich der Junge noch Sorgen.«
»Herrje, Rose, der Junge, wie du ihn zu nennen pflegst, ist längst ein erwachsener Mann!« Jim Campbell verdrehte theatralisch die Augen, bevor er seinem Sohn Bruce zuzwinkerte. »Und er hat bestimmt sehr viel zu tun. Rose, unser Schwiegersohn ist Chef einer der größten Kliniken der Vereinigten Staaten von Amerika, falls du dies vergessen haben solltest, und womöglich ist er gerade mit einem Notfall beschäftigt.«
»Ach was, eine Mutter wird ihren Schwiegersohn doch wohl noch anrufen dürfen.«
Jim gab jegliches Argumentieren auf, denn er wusste, dass seine Frau an Starrköpfigkeit nicht zu übertrumpfen war.
Schon war sie auf den Flur geschritten, hatte den Hörer des altertümlichen Wandtelefons abgehoben und betätigte nun langsam die perlmuttfarbene Wählscheibe.
Das Klingeln des Telefons, ein dezentes Summen. Frank warf nochmals einen Blick auf die Röntgenbilder, nickte zufrieden und nahm den Hörer ab.
»Ja, hallo?« Er war nun schon so lange in den Vereinigten Staaten, dass er automatisch, fast zu seinem Leidwesen, die Sitte angenommen hatte, sich bloß mit einem unpersönlichen »Hallo« zu melden, statt mit seinem Namen, so wie es ihm seine Mutter einst auf dem alten Kontinent beigebracht hatte.
»Frank, du hast also noch keinen Feierabend. Klapp uns bloß nicht zusammen vor lauter Arbeit!« Der schottische Akzent und die herbe Art seiner Schwiegermutter waren unverkennbar.
»Hi, Rose, wie geht es dir?«, fragte er gut gelaunt.
»Gut – und dir selbst? Isst du auch genug? Schläfst du auch genügend? Wie viel Uhr ist es denn bei dir? Und wie oft habe ich dir gesagt, dass du mich Mom nennen sollst? Schließlich hast du meine Tochter geheiratet.«
Frank grinste, ging er doch auf die fünfzig zu und war Chefarzt einer großen Klinik. Diese Eigenart konnte sich seine Schwiegermom wohl nie abgewöhnen: eine Mischung aus Fragen und Feststellungen in sequenzieller Abfolge mit der Geschwindigkeit eines Maschinengewehrs zu stellen, ohne dem Gegenüber auch nur die geringste Chance auf eine Antwort zu geben. Irgendwann hatte er herausgefunden, dass sie gar keine Antwort zu erwarten schien, und deshalb sagte er bloß: »Früher Nachmittag, genauer gesagt – Moment – ja, zwei Minuten bis vierzehn Uhr, Mom. Ich hatte heute Morgen drei Operationen und wollte gerade nach meinen Patienten schauen.«
»Dann will ich dich nicht lange stören, Junge. Ich wollte dir bloß sagen, dass du einen prächtigen Sohn hast – und natürlich auch eine wunderbare Frau, wenn ich das so selbstlos von meiner einzigen Tochter sagen darf.«
Frank lachte. »Gibst du sie mir mal?«
»Deshalb rufe ich an. Sie haben die frühere Maschine genommen. Es wird dir schmeicheln, aber es sei dir von Herzen gegönnt: Ich hatte den Eindruck, sie hatten Sehnsucht nach dir. Sie müssten planmäßig schon in der Luft sein, denn sie haben die 18-Uhr-Maschine gebucht. Pan Am, glaube ich.«
»Oh, schön! Gut, dass du mir Bescheid sagst, Rose, dann darf ich nicht vergessen, heute Abend noch den Abwasch zu machen«, sagte er schelmisch.
»So schade, dass du nicht kommen konntest, Frank.« Es gelang ihr nicht ganz, die leise Enttäuschung zu verbergen.
»Tut mir leid, Schwiegermom. Ich habe hier so viel um die Ohren. Keine Ahnung, warum so viele Leute ausgerechnet kurz vor Weihnachten krank werden.« Er hatte ein schlechtes Gewissen, deshalb fügte er schnell hinzu: »Nächstes Jahr, ich verspreche es dir …, ganz sicher! Nächstes Jahr komme ich bestimmt, und nicht erst zu Weihnachten, sondern im Frühjahr.«
»Ist schon gut, mein Junge.« Wie viele alte Menschen dachte sie daran, dass sie nächstes Jahr schon nicht mehr erleben könnte, doch hätte sie das niemals zugegeben.
»Sind meine Schwester und Bruce auch da?«
»Ja, wir sind alle zu Hause geblieben. Du weißt ja, die lange Fahrt nach London ist nichts mehr für mich, und Abschiede hasste ich schon immer, vor allem am Flughafen.«
Ein kurzes Zögern in ihrer Stimme machte ihn stutzig, sie schien noch etwas sagen zu wollen, aber aus irgendeinem Grund, den er wohl nie erfahren würde, entschied sie sich dagegen und sagte bloß: »Sie wollen alle mit dir sprechen. Auch dein Dad und dein Schwager. Ich wünsche dir schöne Weihnachten, Junge.«
»Ich dir auch, Mom, ich dir auch.«
»Hallo, ich bin nicht deine Mom, mein Junge!«
Er erkannte Esthers Stimme, grinste und antwortete neckisch: »Hey, Schwesterherz! Wie geht’s dir, meine Kleine?« Sie neckten sich seit ihrer Kindheit, und obschon Esther nun seit vielen Jahren in Schottland lebte und sie sich selten sahen, war das Band der Geschwister unzertrennlich.
»Soso lala, Bruderherz, du weißt ja … Aber sag, wann kommst du uns endlich mal in der alten Heimat besuchen? Oder bist du zu berühmt und fein geworden in Amerika, um deine kleine Schwester auf dem alten Kontinent zu besuchen?«
»Na ja, ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob ich mich zurechtfinden würde – bei euch in der Provinz, meine ich. Ja, und wenn ich es mir recht überlege …, ja, wirklich, es könnte auch meinem guten Ruf schaden.« Er lachte laut in den Hörer. »Hahaha, Blödsinn, hab’s schon unserer Schwiegermom versprochen: Nächstes Jahr komme ich bestimmt. Ehrenwort, Schwesterchen.«
»Prima, ich freue mich! Dann machen wir endlich den Trip in die Highlands, den ich dir schon vor ungefähr einem halben Jahrhundert angepriesen habe, okay?«
»Klar, Kleine.« Franks Stimme wurde ernst, als er weitersprach: »Wie geht es deinem Sohn?«
Esther zögerte einen Moment, sodass er Tausende von Kilometern entfernt spürte, wie sehr sie die Frage belastete.
»Chris war heute Morgen hier, begleitet von zwei Beamten. Er durfte bloß eine Stunde lang bleiben. Mein Gott, sie behandeln ihn wie einen Verbrecher!« Sie kämpfte mit den Tränen.
»Ich wünschte, ich könnte ihm helfen«, sagte Frank und stieß sich die geballte Faust an die Stirn, weil er die Frage überhaupt gestellt hatte. Seine Stimme hatte einen harten Klang, als er fortfuhr: »Chris ist unschuldig, davon bin ich überzeugt. Er hat keine Drogen genommen. Nein, niemals!«
»Aber die Beweise, Frank, die Bluttests waren eindeutig.«
»Ach, Esther, was glaubst du, was heutzutage manipuliert werden kann!«, fauchte er mit einem kalten Unterton, den seine Schwester so noch nie bei ihm gehört hatte. »Und irgendwann werde ich herausfinden, wer ihn auf dem Gewissen hat …, und dann Gnade Gott …«
»Frank, hör auf damit! Ich mag das nicht hören. Was geschehen ist, ist geschehen. In einem Jahr wird er auf Bewährung entlassen und dann …«
»Dann? Dann was, Esther?« Er ließ sie nicht aussprechen. »Er wird nie wieder als Arzt praktizieren dürfen.«
»Schluss jetzt, Frank«, bat sie ihren Bruder. »Ich mag nicht mehr darüber reden.«
»Okay, okay, sorry. Ich wünsche dir schöne Weihnachten.«
»Ich dir auch, Bruderherz! Moment, ich gebe den Telefonhörer an Jim weiter … Hey, wart mal … Das ist aber …«
Aufgrund eines Geräusches in der Leitung schloss Frank, dass Esther den Hörer auf dem Tisch abgelegt hatte, denn im Hintergrund konnte er leise, doch deutlich die Stimmen der Familie hören.
»Hey, Darling, schau mal!« Jims Rufen drang aus dem Hintergrund an sein Ohr.
»Was ist das?« Rose, ja, das war Rose.
Was war in Lockerbie los? Alle schienen irgendetwas zu beobachten. Zum Kuckuck, was war da los?
»Wetterleuchten …?«
»Möglich …, hab ich aber so noch nie gesehen!«
»Sieht merkwürdig aus, fast wie ein Komet.«
K-l-i-ck!
Die Leitung war tot. Bloß noch ein leises Rauschen war zu hören – ein unheilvolles Rauschen.
19:00 GMT – Flughöhe: 9400 m. Geschwindigkeit: 804 km/h. Heading: 321 Grad
»Good evening, Scottish! Clipper one zero three. We are at level three one zero.« Captain James MacQuarrie war wie immer ruhig und gelassen, als er die Bodenkontrolle kontaktierte. Er freute sich auf Weihnachten zu Hause. Endlich ein paar Tage ausspannen.
»Hallo, Jungs!« Alain Topps Stimme plärrte metallisch, aber verständlich in den Kopfhörern. »Na, geht’s heimwärts?«
Captain MacQuarrie grinste seinen First Officer an. »Der scheint ja bester Laune zu sein da unten. Na, dann wollen wir mal. Bring unsere Lady auf die offene See, Ray!«
First Officer Raymond Wagner nickte dem Captain zu, dann drückte er auf seine Sprechtaste: »Clipper one three zero requesting oceanic clearance.«
»Oceanic clearance granted.« Einen Augenblick lang war bloß das Rauschen statischer Entladungen zu hören, dann meldete sich Topps fröhliche Stimme erneut. »Schöne Reise und Merry Christmas, Boys. Und falls ihr da oben dem Santa Claus begegnet, richtet ihm einen schönen Gruß aus.«
Officer Wagner lachte kurz auf und stellte den Kurs auf 316 Grad Grid ein. Majestätisch legte sich die riesige Maschine, die in fast zehntausend Metern Höhe scheinbar schwerelos dahinglitt, in eine leichte Linkskurve, um den neuen Kurs einzuschlagen. Das Manöver dauerte eine knappe Minute, dann lag das Flugzeug wieder völlig waagerecht in der Luft und der First Officer schaltete auf cruise-lock-secured.
Vor ihnen breiteten sich jetzt der weite Ozean und der sich blutrot färbende Horizont aus, dem sie entgegengeflogen, während sich hinter ihnen die Nacht über den alten Kontinent legte.
Officer Wagner lehnte sich zurück, schaute den Captain mit einem Augenzwinkern von der Seite an und imitierte den harten, singenden Akzent des Bodencontrollers. »Na, James, wollen wir den Jungs da unten auch schöne Weihnachten wünschen und dem Spaßvogel mitteilen, wir hätten gerade Santa Claus auf seinem Schlitten vorbeisausen sehen?«
Captain MacQuarrie schmunzelte. »Klar, Ray, machen wir. Ich liebe den gälischen Humor der Jungs da unten seit jeher.«
Der Captain drückte den Sprechknopf, doch seine Worte wurden von dem ohrenbetäubenden, gewaltigen Knall der Detonation im Frachtraum unter dem Cockpit gänzlich verschluckt.
19:01 GMT
Michael schielte verstohlen nach der wunderhübschen jungen Stewardess, die anmutig in ihre Richtung schritt. Ihr Gang glich einem grazilen Gleiten, nahezu einem Schweben, leicht und geschmeidig, und erinnerte an die Bewegungen eines Panthers. Sie war ein »Hingucker«, wie er es nennen würde, wenn jetzt seine gleichaltrigen Freunde anstelle seiner Mutter neben ihm säßen.
»Sie ist sehr hübsch, findest du nicht, Michael?«
Er spürte die Hand seiner Mutter auf seinem Arm und ahnte, dass er sich nicht vor einem Kommentar seinerseits drücken konnte. »Komm schon, Mom, klar sieht sie klasse aus, aber sie ist doch viel zu alt für mich.«
Sarah lächelte ihren Sohn an und freute sich einmal mehr, was für ein hübscher junger Mann er doch war. Michael kam ganz nach seinem Vater: Schwarz gelocktes Haar umrahmte sein ebenmäßiges Gesicht. Oh ja, mein Schatz, mit deinem Aussehen wirst du noch viele Frauen betören – und auch verzweifeln lassen. Sarah schloss die Augen und dachte an den Tag, an dem ihr Sohn auf die Welt kam. Meine Güte, war das schon siebzehn Jahre her? Wie die Zeit verflog! Frank war vom ersten Augenblick an vernarrt in seinen kleinen Stammhalter. Zum Teil verzog er ihn wohl etwas, doch was sollte sie machen? Man musste Michael einfach lieben, denn schon als Baby hatte er wie ein Engel ausgeschaut, dachte Sarah in einem Anflug von Sentimentalität. Siebzehn glückliche, sorglose Jahre hatten sie gemeinsam genossen; sie hatte einen liebenden Mann, ein schönes Haus, noch immer gesunde Eltern und einen wunderbaren Jungen, der blendend aussah, kerngesund und überdurchschnittlich intelligent war und der wie seine Eltern Arzt werden wollte. Schon jetzt, in seinen jungen Jahren, nahm er Anteil am Schicksal anderer Menschen und war immer darauf aus, die Welt zu verbessern. Genau wie sein Vater und sein Onkel, dachte Sarah.
Sie sinnierte über die Verteilung des Glücks im Leben. Urplötzlich überfiel sie ein Frösteln, denn sie stand dem Glück aufgrund ihres Glaubens fast misstrauisch gegenüber. Aus einem unerfindlichen Grund hatte sie seit heute Morgen das Gefühl, dass etwas Schreckliches passieren würde. Sie erschauderte infolge des irrationalen Gedankens, der ihrer gewöhnlichen Neigung zur Rationalität völlig fremd war. Es schien, als wäre sie auf einmal davon überzeugt, dass sie bald für alles bisherige Glück bestraft werden müssten. Noch nicht, dachte sie, lieber Gott, nicht jetzt, nicht heute. Einen Augenblick schämte sie sich fast für ihre kleingläubigen Hirngespinste und beschloss, gleich morgen früh, bevor sie zur Arbeit fahren würde, in die Kirche zu gehen, um zu beten und mit dem Priester zu sprechen. Dann verdrängte sie die aberwitzigen Ideen und antwortete ihrem Sohn mit einem Schmunzeln: »Zu alt? Dass ich nicht lache! Ich schätze sie auf kaum was über zwanzig.«
»Mom, dann ist sie mindestens drei Jahre älter als ich!«
