Das Mädchen und die Seele aller Dinge - Alfonso Pecorelli - E-Book

Das Mädchen und die Seele aller Dinge E-Book

Alfonso Pecorelli

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Beschreibung

»Das Mädchen und die Seele aller Dinge« ist der abschließende Band einer Trilogie, die längst mehr ist als nur eine Geschichte. In poetischer Sprache und begleitet von zauberhaft schönen Illustrationen entfaltet sich ein Buch über das Staunen, das wir nie ganz verlernen. Und es ist viel mehr als nur ein Buch – es ist eine Erinnerung daran, wie tief wir verbunden sind mit der Welt, mit der Stille, mit dem Unsichtbaren. In zarter Sprache und mit einer Tiefe, die lange nachklingt, erzählt dieses Buch von einer Reise – durch Landschaften und Zeiten, durch Zweifel und Staunen, durch Licht und Schatten. Begleitet von atemberaubend schönen Illustrationen, entfaltet sich ein Buch, das nicht erklärt, sondern erinnert. Nicht belehrt, sondern berührt. Ein Buch, das fragt, ohne zu urteilen – und das auf eine Antwort wartet, die nur im Herzen gefunden werden kann. »Eine Geschichte über das, was uns Menschen verbindet – über alle Unterschiede und Zeiten hinweg.«

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Seitenzahl: 62

Veröffentlichungsjahr: 2025

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1. Auflage 2025

Alle Rechte vorbehalten

©️ copyright by

Riverfield Verlag GmbH

Vorderbergweg 1

4153 Reinach BL, Schweiz

[email protected]

www.riverfield-verlag.ch

 

GPSR verantwortliche Person in der EU

PROLIT Verlagsauslieferung GmbH

Siemensstraße 16, 35463 Fernwald (D)

 

Lektorat: Angela Braun

Gesamtherstellung: Buch&media GmbH, München (D)

Umschlag: Mona Königbauer

Umschlagmotiv: Riverfield Verlag

Innenillustrationen: Art Gallery by Riverfield Verlag

E-Book-Programmierung: Dr. Bernd Floßmann, www.ihrtraumvombuch.de

 

ISBN (Print) 978-3-907459-37-9

ISBN (E-Book) 978-3-907459-38-6

Inhaltsverzeichnis
1
Marie und die Welt
2
Die Übergabe
3
Dort, wo alles beginnt
4
Das Tier, das den Menschen verließ
5
Die Frau, die das Herz der Welt hütete
6
Das Wasser hat kein Gedächtnis – oder doch?
7
Der Baum, der auf Erfüllung hoffte
8
Der alte Chief
9
Die Stadt der toten Seelen
10
Die Stimme aus dem Feuer
11
Die Nacht der großen Stille
12
Das Gedächtnis der Dinge
13
Der Bruch
14
Matimbas letzte Geschichte
15
Elvis
16
Der Kreis
17
Die Erinnerung
Aus dem Verlagsprogramm
Der Autor

Für meine Familie

1

Marie und die Welt

Es war einmal eine Welt, in der die Vögel noch nicht vergessen hatten, wie man singt.

In dieser Welt lebten die Jahreszeiten im Einklang mit den Träumen der Kinder, und der Regen wusste, wo er gebraucht wurde. Die Bäume redeten in einer sanften Sprache aus Blätterrascheln und sanftem Wiegen, und wer geduldig war und ihnen schweigend lauschte, konnte sie verstehen. Die Nacht hatte keine Angst vor der Dunkelheit, und der Morgen kam nicht aus Pflicht, sondern aus purer Freude.

Es war eine Zeit, in der der Wind noch Lieder kannte, die kein Mensch je geschrieben hatte.

Eine Zeit, in der das Wasser flüsterte und die Tiere ihm leise antworteten. In der die Menschheit nicht die Krone der Schöpfung war, sondern ein Teil von ihr. Nicht größer, nicht kleiner – nur da, lebendig, atmend, staunend und bereit zu lernen.

Diese Welt war nicht vollkommen. Aber sie war ganz.

Marie erinnerte sich an jene Zeit nicht mit Worten, sondern mit einem inneren Licht. Es leuchtete in ihr wie ein fernes Feuer, das niemals erlosch – selbst jetzt, da die Welt vor ihrem Ende stand.

Sie saß auf der Schwelle ihrer Hütte, deren Wände aus getrockneter Erde bestanden und deren Dach aus geflochtenem Gras im Wind ein leises Lied summte. Der Morgen war still. Zu still. Kein Hahn krähte. Kein Kinderlachen hinter den Hütten. Der Boden war trocken – nicht von der Sonne verbrannt, sondern vom stillen Durst, der in den Herzen der Menschen wohnte.

Die Welt war müde geworden. Nicht alt, sondern erschöpft.

Die Flüsse führten Wasser, aber kein Leben mehr.

Die Menschen sprachen Worte, aber keine Wahrheit.

Viel gebaut hatten sie, die Menschen – Städte aus Glas, Straßen aus Stein, Netze aus Licht.

Aber sie hatten verlernt zu lauschen.

Sie hörten nur noch sich selbst.

Und in ihren Herzen wuchs etwas, das wie Hunger war, aber nicht nach Brot verlangte.

Es war der Hunger nach Mehr.

Mehr Besitz.

Mehr Macht.

Mehr Ich.

Und je mehr sie nahmen, desto weniger blieben sie sich selbst treu.

Marie schloss die Augen.

Und in jenem Moment war er wieder da.

Matimba.

Ihr Großvater.

Er trat aus der Erinnerung wie ein Baum, der nie ganz gefallen war.

Er trug sein altes, weißes Gewand, das vom Staub der Zeit graubraun geworden war, und aus seinen Augen sprach die Weisheit vergangener Generationen. Seine Stimme war ruhig gewesen, aber nie schwach. Wenn er das Wort ergriff, schwieg sogar der Wind.

»Wenn du einmal sehr alt bist, Marie«, hatte er gesagt, »dann wirst du begreifen, dass die Welt nicht an einem Tag zerfällt. Sie zerbricht wie eine Tonschale – leise, unscheinbar, an unzähligen feinen Rissen. Die Menschen meinen, nichts zu hören – dabei haben sie nur verlernt, hinzuhören.«

Marie öffnete die Augen. Die Erinnerung war fort. Doch ihre Wahrheit blieb.

Ja, die Welt war zerbrochen. Und niemand hatte es bemerkt.

Nicht, weil es keinen Lärm gab – sondern weil niemand mehr hören wollte.

Die Menschen waren satt und hungrig zugleich.

Sie hatten alles – und vermissten alles.

Sie jagten dem Glück nach wie einem Tier, das sie nie zu sehen bekamen, weil sie sich selbst im Weg standen – oder sie selbst das Tier waren, dessen Schatten sie jagten.

Sie sagten: Ich liebe.

Aber sie meinten: Ich will.

Sie sagten: Ich lebe.

Aber sie meinten: Ich funktioniere.

Marie hatte es gesehen. Alles. Die langsame Entfremdung. Die Kälte in den Blicken. Die Gier in den Stimmen. Die Einsamkeit inmitten von Trubel.

Und sie hatte geschwiegen.

Nicht aus Feigheit. Sondern weil sie wusste, dass es Worte gab, die erst wachsen mussten, bevor sie gesprochen werden durften.

Heute war so ein Tag.

Denn heute würde jemand kommen – aus den Tiefen der Ferne oder aus einer Nähe, die noch nie betreten worden war.

Ein Kind.

Noch war es nicht sichtbar. Aber Marie spürte es – so wie man Regen spürt, bevor er fällt. Etwas hatte sich verändert in der Luft. Der Boden unter ihren Füßen war wärmer geworden. Die Vögel, die längst nicht mehr sangen, waren auf seltsame Weise verstummt – als hielten sie den Atem an.

»Wenn die Welt ganz still wird, Marie,« hatte Großvater Matimba einst gesagt, »dann passiert etwas Heiliges. Die Stille ist der Herzschlag Gottes. Höre genau hin.«

Marie horchte.

Nichts.

Und doch war da etwas.

Ein Hauch. Ein Flüstern. Ein Beginn.

Sie erinnerte sich an ihre Kindheit, an die langen Abende am Feuer, als Großvater Matimba der ganzen Dorfgemeinschaft Geschichten erzählte. Nicht, um zu unterhalten, sondern um zu lehren. Seine Worte waren keine Sätze – sie waren Spuren. Sie führten nicht zu Antworten, sondern zu Fragen, die man im Herzen tragen musste wie einen Samen.

»Du wirst der Welt einmal eine Frage stellen, Marie«, hatte er gesagt, als sie kaum acht Jahre alt war. »Eine Frage, die schwerer ist als ein Gebirge, aber leichter als ein Lächeln. Und wenn jemand sie richtig beantwortet – dann wird vielleicht etwas geschehen, das größer ist als alles, was wir je gekannt haben.«

Damals hatte sie zunächst nicht verstanden.

Später, als sie auf die Reise geschickt wurde, allerdings schon.

Heute verstand sie viel zu viel.

Denn die Menschen hatten die Frage vergessen.

Oder schlimmer: Sie hatten sie sich nie gestellt und deshalb auch nie beantwortet.

Sie fragten nach Geld. Nach Ruhm. Nach Macht.

Aber nicht mehr: Was ist gut? Was ist wahr? Was ist wichtig?

Marie selbst hatte kein Kind geboren. Nicht, weil sie es nicht gewollt hätte – sondern weil sie wusste: Sie war nicht Mutter eines Kindes, sie war Mutter einer Hoffnung.

Und vielleicht war sie selbst das Kind, das sie der Welt hinterlassen würde.

Sie stand langsam auf. Ihre Knie schmerzten, aber ihr Blick war klar.

Der Tag begann.

Ein letzter vielleicht.

Oder ein erster.

In der Ferne zeichnete sich etwas ab – etwas, das seltsam fehl am Platz wirkte in dieser Welt, und doch genau richtig.

Marie lächelte nicht. Aber ihr Herz tat es.

Denn sie wusste – es war endlich soweit.

Je mehr die Menschen nahmen, desto weniger blieben sie sich selbst treu.

2

Die Übergabe

Der Staub lag wie ein Schleier über der Erde, als wollte er die Welt verhüllen vor dem, was kommen würde.

Ein flirrender Hauch von Wärme lag in der Luft, nicht mehr Sommer, noch nicht Herbst, und doch trug der Tag die Müdigkeit eines ganzen langen Jahres in sich. Irgendwo weit hinten in den Hügeln bellte ein Hund – nicht aus Hunger, sondern aus Erinnerung. Als würde er rufen: Ich bin noch da. Ich habe euch nicht vergessen.