Das Mädchen mit dem gelben Schirm - Uday Prakash - E-Book

Das Mädchen mit dem gelben Schirm E-Book

Uday Prakash

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Beschreibung

Ein Universitätscampus in Indien: Der hochbegabte Student Rahul verliebt sich in Anjali, Brahmanin und Tochter eines einflussreichen Politikers. Diese Liebe ist hochriskant, denn Rahul gehört einer niedrigen Kaste an. Als Anjalis Familie die Beziehung bemerkt, wird der Student massiv bedroht. Den beiden Liebenden gelingt es, die Stadt zu verlassen, doch sie wissen nicht, wohin ihre Flucht sie führen wird. Und nicht nur Rahul und Anjali sind in Gefahr: Das Leben auf dem Campus wird bestimmt von akademischsen Eitelkeiten und einem Spinnennetz aus Korruption, das sich zwischen Hochschulverwaltung, Politik und der örtlichen Mafia aufspannt.

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über dieses Buch

Der hochbegabte Student Rahul, Angehöriger einer niedrigen Kaste, verliebt sich in Anjali, Brahmanin und Tochter eines einflussreichen Politikers. Diese Liebe ist hochriskant und Rahul wird massiv bedroht. Den beiden gelingt es, die Stadt zu verlassen, doch sie wissen nicht, wohin ihre Flucht sie führen wird.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Uday Prakash (*1952) studierte Hindi-Literatur. Er arbeitete in der Kulturverwaltung und schrieb später für verschiedene Zeitungen und Magazine. Er lebt als Schriftsteller und Fernsehproduzent in Neu-Delhi.

Zur Webseite von Uday Prakash.

Ines Fornell (*1960) studierte Südasienwissenschaften und Hindi-Literatur. Sie unterrichtet Hindi und neuzeitliches Indien an der Universität Göttingen.

Zur Webseite von Ines Fornell.

Heinz Werner Wessler (*1962) lehrt Indologie an der Universität Uppsala, Schweden.

Zur Webseite von Heinz Werner Wessler.

Reinhold Schein (*1948) arbeitete viele Jahre als Deutsch-Lektor an indischen Hochschulen und ist als Übersetzer aus dem Englischen und dem Hindi tätig.

Zur Webseite von Reinhold Schein.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Uday Prakash

Das Mädchen mit dem gelben Schirm

Roman

Aus dem Hindi von Ines Fornell, Reinhold Schein und Heinz Werner Wessler

E-Book-Ausgabe

Draupadi @ Unionsverlag

HINWEIS: Ihr Lesegerät arbeitet einer veralteten Software (MOBI). Die Darstellung dieses E-Books ist vermutlich an gewissen Stellen unvollkommen. Der Text des Buches ist davon nicht betroffen.

Impressum

Dieses E-Book des Draupadi-Verlags erscheint in Zusammenarbeit mit dem Unionsverlag.

Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel Pili chatri vali larki.

Die deutsche Erstausgabe erschien 2009 im Draupadi Verlag, Heidelberg.

Wir danken Herrn Prof. Dr. Heinz-Horst Deichmann, Honorarkonsul von Indien, für die Förderung dieses Projektes.

Originaltitel: Pili chatri vali larki (2001)

© für die Hindi-Ausgabe (Pili chatri vali larki, 2001): Uday Prakash

© by Draupadi Verlag, Heidelberg 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30876-3

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Version vom 18.05.2024, 07:34h

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Inhaltsverzeichnis

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Über dieses Buch

Titelseite

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Inhaltsverzeichnis

DAS MÄDCHEN MIT DEM GELBEN SCHIRM

Vorwort — Eine Geschichte von verbotenen TräumenZur EinführungDieser nackte Rücken von Madhuri Dixit war es …Rahuls Karriereplan war ein bisschen ungewöhnlich. Nach dem …Kinnu Da sagte zu Rahul: »Die größte Besonderheit …Es war der zweite Monat nach der Einschreibung …OP erwies sich als sehr guter Freund …In Rahuls Leben geschah es an jenem Nachmittag …Auf dem Platz unterhalb des Tagore-Wohnheims fand abends …Aus fünfundzwanzig Jungen wurde die SMTF gebildet …Am Morgen standen keine Wolken am Himmel …Rahul saß zusammen mit Gopal Dwivedi im Empfangszimmer …Am nächsten Tag verbrachte Rahul die ganze Zeit …Es war in der Zeit vom fünften bis …An diesem Tag ging Rahul zum ersten Mal …Es war etwas wie ein Fieber oder wie …Es war quasi der vorbestimmte Gang der Dinge …Es war nachts um halb zehn. In der …Der nächste Tag, der siebte Dezember, war an …Rahul und Anjali saßen jetzt im Schatten des …Was war das nur für eine Zeit …Es waren Tage, die überwiegend der erbärmlichen Wirklichkeit …In der Nacht des 12. September, zehn Uhr …Die Vorlesung von Dr. Rajendra Tiwari war zu …Es war früh am Morgen. Rahul stand gerade …Heute sah die Hindi-Abteilung völlig anders aus …Fünf Tage verbrachte er mit Fieber in sämtlichen …Shaligram und Shailendra kamen mit einer Neuigkeit …Als Rahul an diesem Morgen vom Fenster seines …Ein Tag verging nach dem anderen. Die Zeiten …Die Dinge änderten sich schnell. Neben dem ›Max …Rahul und OP aßen in der Mensa zu …In dieser Nacht fand Rahul keinen Schlaf …Rahul hatte OP alles erklärt. OP war derartig …Der Rest der Geschichte ist ganz kurz …Als Anjali zum vierten Mal ins Zimmer Nummer …Bleibt noch der letzte Teil der unvollendeten Geschichte …WorterklärungenZitierte Verse aus dem Hindi

Anmerkungen

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Über Uday Prakash

Über Ines Fornell

Über Heinz Werner Wessler

Über Reinhold Schein

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GewidmetNirmal Verma1 mit seiner einzigartigen moralischen und kreativen Präsenz und meinem Freund und Herausgeber Arun Maheshwari, der mir die Mittel und die Gelegenheit verschaffte, diesen Roman zu vollenden.

Vorwort

Eine Geschichte von verbotenen Träumen

»Das Mädchen mit dem gelben Schirm« war bereits beim Verfassen ein Abenteuer auf dem Gebiet der Sprache, doch das Nachspiel im wirklichen Leben erwies sich als bizarrer Albtraum. Als Autor dieses Romans machte ich eine in jeder Hinsicht völlig neue Erfahrung. Von Anfang an war ich mit der schäbigen Rachsucht von tonangebenden Kreisen der Hindi-Literaten in Indien konfrontiert. Dieses absurde Theater wurde jedoch durch den Beifall zum Verstummen gebracht, den die Erzählung von den Lesern erhielt, die sie zu einem Bestseller in Hindi und bald darauf auch in anderen Sprachen machten.

Der Roman – eigentlich eine Art überlange Kurzgeschichte – wurde wie das Drehbuch einer Seifenoper im Fernsehen in Episoden verfasst und allmonatlich in der populären Hindi-Literaturzeitschrift »Hans« veröffentlicht. Zunächst handelt es sich um eine Love Story, die sich zwischen Anjali und ihrem Freund Rahul entwickelt. Die Angelegenheit verwandelt sich jedoch in die Geschichte eines erbitterten, grausamen Kastenkonflikts, da die beiden arglosen jungen Liebenden zwei diametral entgegengesetzten Kasten innerhalb der Hindu-Gemeinschaft angehören. Die eine Kaste (Brahmanen) fordert Respekt, stellt sie doch den »Kopf« der religiösen Hierarchie dar, und die andere (Shudras) nimmt, da sie den Status der »Füße« besitzt, die unterste Rangstufe ein. Wie können Füße von einem Liebesverhältnis mit dem Kopf auch nur träumen? Können überhaupt Füße mit dem Kopf Liebe machen? Das ist unmöglich – sowohl in der Praxis als auch im übertragenen Sinne. Zu träumen, zu lieben, zu reden und alles andere ist gemäß den Schriften, die für den Kopf verfasst wurden, für die Füße verboten.

Durch diesen Roman wurde mir erstmals klar, dass jede Sprache als eine Arena dient, als Epizentrum aller soziokulturellen Konflikte um die Macht. Sprache ist das Drehkreuz des Gewissens einer jeden Gesellschaft. Sie ist das Nervenzentrum, ein nicht wahrnehmbarer Innenbereich der Gesellschaft. Verborgen im ruhenden Zentrum der Sprache liegen die Aktionsprogramme von Menschen aller Ethnien, Hautfarben, Geschlechter oder Kasten mit ihrem Hass und ihrem Argwohn gegenüber den jeweils anderen.

Rahul ist für die Kaste, der Anjali angehört, der »Andere«. Genauso stand ich als Schöpfer dieser Figur als der »Andere« gegenüber einer Kaste da, die in fast allen Bereichen tonangebend ist – in den Medien, im Bildungswesen, in der Regierung, im gesamten Gemeinwesen, das mit meiner Sprache verbunden ist, mit dem Hindi.

In einer Lebensphase, in der ich von überall her Angriffe zu ertragen hatte, nahm die Popularität dieses Romans überraschenderweise von Tag zu Tag zu. Er wurde besonders bei den jungen Lesern beliebt, quer über die Grenzen von Kaste, Hautfarbe und Glaubensrichtung hinweg. Und was noch bemerkenswerter ist: Manche, die sich den Herausforderungen einer Welt im raschen Wandel stellen, blicken skeptisch auf bestimmte mittelalterliche und vormoderne kulturelle Mikrostrukturen und betrachten diese als obskur und überflüssig. In kürzester Zeit wurde »Das Mädchen mit dem gelben Schirm« in mehrere indische Sprachen, einschließlich Englisch, übersetzt und in Sonderausgaben von Literaturzeitschriften und Magazinen in ganz Indien wiederholt abgedruckt. In Pakistan erschienen zwei Urdu-Versionen von zwei verschiedenen angesehenen Übersetzern.

Ich bin wirklich sehr glücklich, dass dieses Werk nun in deutscher Sprache erscheint, einer Sprache, zu der ich eine ganze besondere Beziehung habe. Es begann damit, dass Professor Lothar Lutze, der verdienstvolle Indologe und Kenner indischer Literatur, Kontakt zu mir aufnahm und einige erstaunliche, überwältigende Worte über meine Arbeit sagte. Das war für mich etwas, wovon ich nicht zu träumen gewagt hätte. Wie hätte ein kleiner, unbedeutender, eingeschüchterter Autor in einer indischen Regionalsprache je daran denken können, jemanden von seiner Statur zu erreichen? Aus Zuneigung und Wohlwollen übersetzte er fünf meiner Kurzgeschichten2. Später kamen weitere bedeutende Freunde und Wissenschaftler aus Deutschland hinzu.

Meine Erfahrung hat mir die Augen geöffnet, dass in der Hindu-Gesellschaft jene, die sich lautstark gegen kommunalistische, religiöse oder ethnische Konflikte in der indischen Gesellschaft aussprechen, auffallend still bleiben, wenn es dabei um ihre eigene Rolle geht. Es ist eine Farce, wenn jemand laut seine Stimme gegen Imperialismus, Faschismus und den Kapitalismus multinationaler Konzerne erhebt, sich jedoch über die Kastenunterdrückung in nächster Nähe ausschweigt.

Mein Dank geht an Heinz Werner Wessler, Reinhold Schein und Ines Fornell für die Energie, mit der sie den Roman ins Deutsche übersetzt haben. Ich war gerührt, dass Ines Fornell sich den Strapazen einer Reise in mein Dorf ca. 750 km südöstlich von Delhi ausgesetzt hat, um mit mir am Text zu arbeiten. Mir ist klar, dass es den Übersetzern nicht leicht fiel, Zeit von ihren vielfältigen akademischen und sonstigen Verpflichtungen abzuzweigen. Auch muss es eine echte Herausforderung gewesen sein, für die Idiome und Sprichworte im Hindi-Original deutsche Äquivalente zu finden.

Besonders danke ich Christian Weiß, dem Gründer des Draupadi Verlags, der einen lebhaften Kontakt mit mir aufrechterhielt, ganz gleich ob ich in Delhi oder in meinem abgelegenen Dorf Sitapur im Distrikt Anuppur war. Sein Wohlwollen ist ein Glück für mich. Neben meiner Freude und Begeisterung über die Übersetzung möchte ich auch die gespannte Erwartung nicht verhehlen, mit der ich darauf warte, wie dieses bescheidene Werk eines Autors, der vom Establishment seines Landes der Subversion bezichtigt wurde, von der deutschen Leserschaft aufgenommen wird.

Ich hoffe, dass alle, die sich für das heutige Indien und seine einfachen Menschen interessieren, etwas davon in der schlichten Liebesgeschichte von Anjali und Rahul erkennen, die sich so komplex, turbulent und chaotisch entwickelt.

Wenn ich auf Gabriel García Márquez zurückgreifen darf, so ist »Das Mädchen mit dem gelben Schirm« die Geschichte einer »Liebe in den Zeiten der Cholera«. Einer jugendlichen Liebe inmitten einer sozialen Umwelt, die in ihren widerwärtigen und völlig verkommenen Traditionen befangen ist.

Uday Prakash

Zur Einführung

»Das Mädchen mit dem gelben Schirm« (Hindi: »Pili chatri vali larki«) von Uday Prakash ist zunächst in fünf Folgen von August bis Dezember 2000 in der Hindi-Literaturzeitschrift »Hans« erschienen. Die Buchausgabe erschien wenig später (2001) im Verlag Vani Prakashan. Der Roman – oder, so der Autor in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe, die »überlange Kurzgeschichte« – gehört zu den meist gelesenen und heftig diskutierten Prosatexten der Hindi-Gegenwartsliteratur.

Im Anhang werden im Glossar wichtige Personen und Stichwörter erläutert.

Im Roman werden zahlreiche Namen genannt, insbesondere von Stars des Bollywood-Films, Autoren und Politikern, die dem indischen Leser vertraut, dem europäischen Leser dagegen meistens vollkommen unbekannt sind. Ins Glossar sind sie nur dann eingegangen, wenn dies den Übersetzern für das Textverständnis wichtig erscheint. In den meisten Fällen lassen sich darüber hinaus detaillierte Informationen im Internet auffinden.

Namen von Institutionen, Abkürzungen und zahlreiche Fachbegriffe, die im Roman auftauchen, wurden ebenfalls in das Glossar aufgenommen. Der Roman enthält außerdem zahlreiche Anspielungen auf Mythen, alte und neuere Geschichte, Natur und Philosophie. Gewiss lässt sich das eine oder andere der Einfachheit halber beim Lesen übergehen. Die wunderbare Liebesgeschichte von Rahul und Anjali und die Komplikationen, die sie auslöst, lassen sich trotzdem nachvollziehen. Damit verknüpft ist ein Sittenbild studentischen Lebens in der zentralindischen Provinz und der sozialen und politischen Zustände im gegenwärtigen Indien überhaupt.

Film und Filmmusik sind im öffentlichen Leben in Indien und insbesondere in der Jugendkultur sehr präsent. Im Roman werden immer wieder Filmsongs zitiert, wodurch die Akteure Filmszenen und Filmstars in Erinnerung rufen, mit denen sie sich identifizieren und die ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. Der gegenwärtige Hindi-Leser dürfte in den meisten Fällen die entsprechenden Songs kennen.

Die Texte der in diesem Roman eingesetzten Hindi-Filmsongs und Volkslieder als auch religiöse Formeln spielen an mehreren Stellen eine wichtige Rolle, teilweise in verballhornter Form. Der originale Wortlauf in Hindi wird in dieser Übersetzung in einer vereinfachten lateinischen Umschrift kursiv angegeben, die Übersetzung in Anführungszeichen darunter. Die Nachweise der Lieder finden sich im Anhang. Ebenfalls kursiv gedruckt sind literarische Werktitel und Namen von Institutionen.

Ein Wort zur Sprache des Autors: Das Hindi hat über die Jahrhunderte seiner Entwicklung zahlreiche Lehnwörter aus verschiedenen Sprachen in sich aufgenommen, darunter vor allem Wörter persischer oder arabischer Herkunft und insbesondere seit dem 20. Jahrhundert Wortbildungen auf der Grundlage von Wortstämmen aus dem Sanskrit. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Wörter und Redewendungen aus dem Englischen, die im Hindi fest eingebürgert sind. Gebildete Sprecher verwenden oft gemischte Codes mit eingeschobenen Satzteilen oder ganzen Sätzen in Englisch. Oft handelt es sich um kommunikative Gehalte, auf die der Sprecher einen besonderen Nachdruck legen will. Diese spontan gemischten Sprachcodes finden sich auch in unserem Roman. In der Übersetzung haben wir teilweise die englischen Worte und Sätze unübersetzt belassen.

Ähnlich wie im Deutschen (»du« und »Sie«) sind im Hindi verschiedene Ansprachen an Personen möglich. Den deutschen Leser mag dabei verwundern, wenn Professoren ihre Studenten mit »du« ansprechen, während umgekehrt die Studenten das »Sie« verwenden oder wenn Studenten sich teilweise untereinander mit »Sie« anreden. Dies entspricht den Gepflogenheiten im Kontext der Colle-ges und Universitäten in Indien. »-ji« (respektvoll: »Herr; Frau«) und »-bhai« (»Bruder«) bzw. gelegentlich »-didi« (»Schwester«) wird gängiger Weise an Namen angefügt.

Bei der Übertragung der indischen Namen in lateinische Schrift haben wir die übliche englische Schreibweise gewählt: »sh« (wie in »Parashuram«) wird wie das deutsche »sch« ausgesprochen, »ee« (wie in »Neeru«) ist ein langes »i« (bzw. deutsch »ie« wie in »Siegfried«), »oo« ist ein langes »u« (wie in »Udo«). Wo möglich werden allerdings die eingedeutschten Bezeichnungen verwendet (»Kaschmir«).

Bei Worten, die gängigerweise im Deutschen mit dem im Sanskrit ausgesprochenen kurzen »a« am Wortende geschrieben werden, haben wir diese Schreibung gewählt (z.B. »Mahabharata«), obwohl im Hindi der Schlussvokal nicht ausgesprochen wird. Im Fall des berühmten indischen Epos schreiben wir »Mahabharat« (ohne das »a« am Wortende) nur an einer Stelle, wo nämlich die in den 1980er Jahren entstandene indische Fernsehserie gemeint ist, die auch in der Selbstbezeichnung in römischer Schrift ohne das »a« im Auslaut geschrieben wird. »Ram« schreiben wir der Hindi-Aussprache gemäß (Sanskrit »Rama«), ähnlich »Ravan«, »Parashuram« etc.

Herzlich gedankt sei an dieser Stelle unseren Lektoren Gerlinde Wientgen und Christian Weiß für ihre gründliche Durchsicht der Rohübersetzung. Christian Weiß hat darüber hinaus diese Übersetzung als Verleger von Anfang an mit Zuspruch und einer immer wieder ansteckenden Begeisterung begleitet. Uday Prakash selbst, unserem Autor, sei herzlich dafür gedankt, dass er stets ein offenes Ohr für die vielen kleinen Anfragen seiner Übersetzer hatte.

Die Übersetzer

Dieser nackte Rücken von Madhuri Dixit war es, auf den Salman Khan mit seiner Zwille gezielt und den er mit dem Kügelchen getroffen hatte. Ruckartig zuckten die geschmeidige Taille und der Rücken zusammen. Madhuri Dixit drehte den Kopf und schaute sich um. Schmerz war in ihrem Blick nicht zu erkennen. Eher etwas Kokettes, Schmachtendes – etwas, das zu ihrem Rücken einlud. Das waren nicht Madhuri Dixits Augen, sondern die einer aufgeschreckten Gazelle. Einer einfältigen, lüsternen und verrückten Gazelle, die sich aus Liebe immer wieder freiwillig ausliefert, wenn ihr Jäger kommt.

Dieses Faltposter aus dem Mittelteil der Filmzeitschrift ›Stardust‹ hatte Rahul mit Fevicol direkt auf die Fensterscheibe in seinem Zimmer geklebt. Dort drang nämlich die gleißende Sonne ein und ab mittags war es wegen der Hitze in Zimmer Nr. 252 im zweiten Stock kaum auszuhalten. Doch jetzt hielt Madhuri Dixits von dem Geschoss der Zwille verletzter nackter Rücken die mittägliche Gluthitze aus diesem Wohnheimzimmer fern. Mit zurückgewendetem Kopf blickte sie Rahul mit ihren einfältigen, lüsternen und verrückten Augen fortwährend an, als wäre er es gewesen, der mit der Zwille auf ihren geschmeidigen, bloßen und wohlgeformten Rücken gezielt hatte.

Keiner außer Rahul wusste, wie er irgendwann in einem heimlichen, ganz privaten Moment im Zimmer 252 Salman Khan stillschweigend hinausbefördert und selbst dessen Platz eingenommen hatte. Sobald er daran dachte, überkam seinen Körper eine sonderbare Erregung – ein Zittern, als wäre er selbst es gewesen, der den schönen üppigen Rücken von Madhuri Dixit attackiert hatte, als wäre es seine eigene Zwille gewesen, die ihr mit einem Zischen den Volltreffer verpasst hatte. Kaum war das Kügelchen mit einem Klatsch aufgeprallt, entfuhr Madhuri Dixit ein »Uiiii« und sie erstarrte auf dem Poster von ›Stardust‹.

Mädchen mögen es, wenn sie geschlagen werden. Sie sind keine Schmusekätzchen oder Eichhörnchen, die schnurrend dahin schmelzen, wenn man ihnen ganz langsam und zärtlich den Rücken streichelt. Mädchen sind anders: Sie haben umso mehr Spaß, je mehr du sie schlägst, je härter du sie knuffst. In Wirklichkeit lieben Mädchen einfach Stärke und Gewalt.

Dies war der Grund, warum Rahul angefangen hatte, in das Fitness-Studio der Universität zu gehen, um sich Muskelpakete in den Armen, eine Gepardentaille und einen Pantherkörper wie bei Salman Khan anzutrainieren. Er wollte sich selbst in ein geschmeidiges, gewalttätiges, schönes, barbarisch-wildes Tier verwandeln – was brauchte er sonst noch? Eine Sonnenbrille von Ray Ban, Blue Jeans von Wrangler oder Leviʼs und ein T-Shirt, Nike-Socken und hochwertige Schuhe von Woodland.

Wenn er Lara Dutta, Manpreet Brar oder Gul Panag sah, fragte er sich manchmal, warum er dabei nicht dasselbe empfand wie beim Anblick von Madhuri Dixit. Obwohl Madhuri Dixit doch viel älter war als er. In einem neuen Film präsentierte Miss World Aishwarya Rai ihren Rücken zwar ganz genau wie Madhuri Dixit und drehte ihn ständig herum, reckte ihren Hals hin und her und schaute Rahul mit ihren strahlend blauen Augen an. Doch verdammt! Das half nichts! Wo war dieses gewisse Etwas, das die Madhuri hatte? Zwischen dem Rücken von Madhuri und dem der anderen war ein Unterschied wie zwischen Himmel und Erde. Etwas ganz Besonderes lag in Madhuri Dixits Rücken, in seiner Haut, in seiner Form oder seiner Farbe, das weder Aishwarya noch die anderen besaßen.

Rahul betrieb fortwährend vergleichende Studien. Ihm schienen die Körperformen von Gul Panag, Sushmita oder Lara und die der übrigen irgendwie künstlich fabriziert, konstruiert mittels Diät und Sport, wobei permanent mit einem Zentimetermaß das Design-Modelling kontrolliert wurde. Obendrein Wachs-Epilation, kosmetische Gesichtsbehandlungen, Sauna und wer weiß, was sonst noch alles. Rahul erschienen sie wie synthetische Puppen, nicht mehr wie menschliche Wesen. Auch ihre Kopf- und Körperhaare erschienen ihm irgendwie unecht. Sogar der leicht grün-bläuliche Schimmer, der nach dem Rasieren unter den Achseln erscheint, kam ihm eingefärbt vor. Lass sie mal nur zwei Wochen wie gewöhnliche Menschen essen und trinken und wie normale Mädchen leben, viel mehr braucht es nicht – und schon verlieren sie ihre Spannkraft und werden schlaff wie Säcke. Man würde sie kaum mehr wiedererkennen! Aber bei Madhuri Dixit lag die Sache anders. Selbst wenn sie anfinge, in einer Mietskaserne oder in diesem Wohnheimzimmer zu leben, wenn sie in der Mensa Dal, Roti und Gemüse essen würde, bliebe sie so, wie sie ist. Genauso perfekt. Genauso berauschend.

Der Rücken von Madhuri war einfach natürlich. Naturbelassen. Auf sonderbare Weise war dies ein echt indischer Rücken. Die übrigen Rücken waren synthetisch und ausländisch. Gerade deswegen fehlte ihnen der Charme, folgerte Rahul. Doch eine andere Schlussfolgerung war noch ernster, dass nämlich Mädchen in Wahrheit Schläge, Schmerz, Gewalt und Kraft liebten. Insbesondere mochten sie es, sich an der Nase herumführen zu lassen, drangsaliert zu werden und sich vernaschen zu lassen, ohne eigene Ansprüche anzumelden. Die Zeiten hatten sich geändert. Sie waren nicht mehr verrückt nach Männern im Stil der sechziger und siebziger Jahre, nach Shammi Kapoor, Rishi Kapoor, Vishvajit oder Jitendra, sondern nach Machos oder sadistischen Kerlen wie Salman Khan, Sunny Deol oder Ajay Devgan. Wie gefährlich und gewalttätig war doch Shahrukh Khan in dem Film ›Angst‹! Nachdem er Juhi Chawla permanent telefonisch belästigt, sie verfolgt und zu vergewaltigen versucht hatte, schlug er sie auch noch windelweich und blutig. Vor Angst konnte sie nur noch stammeln. Trotzdem waren alle Mädchen an der Universität verrückt nach diesem halb wahnsinnigen Shahrukh Khan.

Die Mädels brauchten einen wie Shahrukh, einen Kraftkerl, und keinen lammfrommen Ehemann vom Typ Krishna oder so. Rahul hatte dieses Geheimnis begriffen. Daraufhin war Madhuri Dixit am Außenfenster seines Zimmers Nummer 252 eingezogen. Das war jetzt seit vier Monaten so.

Rahuls Karriereplan war ein bisschen ungewöhnlich. Nach dem MSc-Abschluss in organischer Chemie hatte ihn plötzlich die Wahnsinnsidee gepackt, den MA in Ethnologie zu machen. Die genauen Gründe bleiben etwas nebulös, doch möglicherweise stand dahinter der Einfluss eines seiner Cousins, der Ethnologe von internationalem Rang und zurzeit Generaldirektor des Anthropological Survey of India war. Er kam gelegentlich zu Rahul nach Hause, in sein Dorf. Manchmal blieb er sogar einige Wochen lang. Rahuls Vater war nämlich sein Lieblingsonkel. Die beiden verstanden sich ausgezeichnet. Rahul war dafür zuständig, sich um seinen Cousin Kinnu Da zu kümmern.

Rahul hatte gehört, dass bei Penguin ein Buch von ihm über Adivasis herausgekommen war, das weltweit Aufsehen erregt hatte Bevor dieses Buch erschienen war, hatten alle angenommen, nur die Brahmanen, die Krieger- und die Händlerkaste oder aber Hindus und Muslime gemeinsam hätten den Widerstandskampf gegen die Engländer ausgefochten. Die Nationalhelden, die die Historiker bis in die Gegenwart aufs Podest gehoben hatten, kamen alle von diesem Hintergrund. Adivasis und Dalits waren praktisch keine unter ihnen. Genannt wurden immer Lakshmibai, Tantya Tope, Nana Sahab, Kunvar Singh, Azim Ullah, Mangal Pandey, Fürsten, Großgrundbesitzer, Nawabs usw. Später, im 20. Jahrhundert, gab es dann noch mehr Führer von der Art – Nehru, Gandhi, Tilak, Jinnah, Suhrawardy, Patel usw. Die meisten von ihnen waren Leute von hoher Kaste und wohlhabender Klasse. Zwischendurch tauchte gelegentlich der Name Doktor Ambedkars auf, der ein Dalit war und dem man aufgrund seines herausragenden Intellekts die Aufgabe anvertraut hatte, eine Verfassung für das unabhängige Indien zu erarbeiten. Doch auch über ihn wurde verbreitet, er sei ein Spion der Engländer gewesen sei, habe den Hinduismus vernichten und stattdessen den Buddhismus in Indien durchsetzen wollen. Das heißt, er sei mehr ein Bösewicht als ein Nationalheld gewesen.

Das Buch von Kinnu Da erregte Aufsehen, weil darin zum ersten Mal anhand vieler Originaldokumente und Fakten die Geschichte vom Kampf der Stammesführer aus der Region von Chhota Nagpur einschließlich Jharkhand und Singhbhumi dargestellt worden war. Ihre von geschichtlichen Tragödien gezeichnete Führerschaft war heute ausschließlich in der ›Folklore‹ der zurückgebliebenen Adivasi-Landkreise von Bihar, Orissa und Bengalen lebendig.

Kaum fing Kinnu Da an zu sprechen, kam Rahul die organische Chemie mehr und mehr wie Humbug vor. Was soll ich mit dem Studienabschluss anfangen? Ich werde Chemiker in einer Brauerei oder in einem multinationalen Unternehmen für Lebensmittelverarbeitung. Oder ich werde Dozent an einem Universitäts-College. Wenn er über seine Zukunft nachdachte, erschien ihm ein dicker, aufgeschwemmter Mann vor Augen, der schmatzend wie ein Schwein Pizza fraß, mit Joghurt oder Essig angemachten Fisch mampfte, dabei auch noch Schnaps trank und im besoffenen Zustand mit einem angemieteten Mädchen im Teenageralter zu tanzen anfing, wobei er seinen Hängebauch, der aussah wie ein riesiger Tonkrug, und seine schwabbeligen Gesäßhälften, die gewaltigen Kürbisse glichen, schlenkern ließ.

Dies ist der Mann – gefräßig, dickbäuchig, geil, schamlos, intrigant und schwerreich, dem zu Diensten zu sein dieses System und diese Regierung eingesetzt wurden. Der riesige Markt, die ganze Polizei und das ganze Militär existierten einzig und allein für das Glück und für den Genuss dieses Menschen! Wenn ich als organischer Chemiker arbeite, dann werde ich mein Leben damit zubringen müssen, die Speisen und Getränke eines solchen Mannes noch leckerer, nährreicher und schmackhafter zu machen. Das Leben, das der unendlich barmherzige Schöpfer des Weltalls aus übermäßiger Gnade mir Unwürdigem nur dieses einzige Mal geschenkt hat.

Shit! Der Mistkerl schnauft, mit einem Fuß steht er im Grab, kann nicht ordentlich laufen, weil er so dick ist, aber er hört nicht auf zu fressen. Er braucht unendlich viele Fressalien zu den Mahlzeiten, seine Zunge braucht endlos Aromastoffe. Weltweit forschten Wissenschaftler in Laboratorien, um seinen Gaumen zu befriedigen. Alle Sinnesorgane seines fleischklopsartigen, abgeschlafften Körpers brauchen unübertreffliches Wohlbehagen, grenzenlosen Spaß und den permanenten ›Kickʼ. Seine Schnauze, groß wie bei einem Rhinozeros, verlangt nach tausenderlei Wohlgerüchen. Die ganze Parfümindustrie ist dazu da, Gestank von seiner Nase fernzuhalten. Als Experte für organische Chemie habe ich die unaufhörlich wachsenden Gelüste seiner Sinne und die Begierden dieses schwelgerischen Fettkloßes mit meinem ganzen Talent, meinem Wissen und meiner Kreativität zu befriedigen.

Dies ist der Mann, für den auf der ganzen Welt die Frauen ausgezogen werden. In den Schönheitssalons der Metropolen werden die Frauen hingelegt. Dann werden mit Wachs oder mit Elektrolyse die Haare von ihrer Haut entfernt, so wie in früheren Zeiten die Schäfer Wolle vom Schafsbalg herunter geschoren haben. Rahul erschien es klar vor Augen, wie die Mädchen aus den Häusern der mittleren und unteren Mittelschicht aller Städte und Städtchen ankamen und in die überall wie Pilze hochschießenden Schönheitssalons wie die Lämmer herdenweise einfielen. Und dann ließen sie sich auf dem Wanst dieses Mannes nieder, wobei sie aufreizend ihre Beine spreizten. Diese Mädchen nennt das Fernsehen ›bold and beautifulʼ und der aufgedunsene dicke Alte selbst war ›rich and famousʼ.

Dieser Mann war sehr mächtig. Die diabolischen Genies der ganzen Welt hatten ihn mit viel Mühe, unter Einsatz ihrer ganzen Trickkiste von Kapital und Technik konstruiert. Bei seiner Erschaffung hatten die neuen Technologien eine Schlüsselrolle gespielt. Wie mächtig dieser Mann war, kann man schon daraus ermessen, dass er viele der in vergangenen Jahrhunderten entwickelten philosophischen Systeme, Grundsätze und Gedankengebäude mit einem Mal zu Abfall deklariert und sie in die Mülltonne hinter seiner herrschaftlichen Villa geworfen hat. Das waren jene Grundsätze, die dazu dienten, die menschlichen Begierden ab einer gewissen Grenze unter Kontrolle zu bringen, sie zu zügeln und dem Menschen Würde zu verleihen.

Iss so viel, aber nicht noch mehr, häufe nicht zu viel Geld an, sei nicht zu gewalttätig, sei nicht zu begehrlich, schlafe nicht zu viel, tanze nicht zu viel … all diese Grundsätze, die sowohl in den heiligen Schriften als auch in den soziologischen, naturwissenschaftlichen und politologischen Werken standen, hatte man allesamt in die Mülltonne geworfen. Dieser Mann hatte in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts alle Kräfte von Kapital, Macht und Technik an sich gerissen und die Freiheit ausgerufen. ›Freiheit!‹, schrie er. ›Lasst alle eure Begierden sich frei entfalten! Lasst all eure Sinne in dieser Welt frei grasen und umherstreifen! Was immer hier auf Erden existiert, ist nur dazu da, von euch genossen zu werden! Es gibt weder Nation noch Heimatland! Das ganze Weltall gehört euch. Nichts ist moralisch oder unmoralisch. Es gibt weder Sünde, noch tugendhaftes Handeln! Fresst, trinkt und amüsiert euch! Tanzt… Boogie-Woogie. Singt… Boogie-Woogie. Fresst…! Fresst euch satt! Bereichert euch, sahnt nur tüchtig ab! Boogie-Woogie. Alle Waren dieser Welt sind da, damit ihr sie genießt. Boogie-Woogie…! Und merkt euch, auch eine Frau ist eine Ware! Boogie-Woogie!‹

Dieser mächtige Konsumenten-Fettkloß hatte einen neuen Grundsatz aufgestellt, den der indische Finanzminister akzeptiert hat – und dann ist der Minister selbst ihm in den Geldbeutel gekrochen. Der Grundsatz besagte: Hindere diesen Mann nicht am Fressen. Während er frisst und frisst und sein Bauch dabei immer dicker wird, lässt er Essensreste von seinem Teller fallen. Die können die Abermillionen von Hungrigen auflesen. Nährstoffreiche Essensreste der kontinentalen Küche! Hindere diesen Mann nicht an seinen fleischlichen Freuden. Er wird Viagrapillen schlucken und immer neue Mädchen vernaschen, die er danach wieder aus seinem Bett stößt. Danach können die Abermillionen betrogenen einheimischen Junggesellen diese ›Jungfrauen‹ lieben, mit ihnen ihr eigenes Haus und Heim einrichten.

Das war die ganze Lehre, die der Mann über sämtliche Nachrichtenkanäle der Welt in alle Richtungen verbreitet hatte – und unversehens war die menschliche Zivilisation eine andere geworden. Über alle Fernsehsender, über alle Computer jagte und verbreitete sich dieses Prinzip.

Das waren die Methoden am Ende des 20. und an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, als die Leute anfingen, sogar die Namen Premchand, Tolstoi, Gandhi oder Tagore zu vergessen. In den Buchläden verkaufte sich am meisten The Road Ahead von Bill Gates.

Dieser fette, reiche, verfressene Mann ließ sich gerade massieren, während er mit nackten Schönheitsköniginnen aus der armen Dritten Welt in einer teuren Ferienanlage in Island herumlag. Plötzlich fiel ihm etwas ein, er nahm sein Handy und wählte eine Nummer.

Eine der Schönheiten gab ihm eine Viagra-Tablette, die er herunterschluckte, woraufhin er ihre Brüste presste: »Hello! Iʼm Nikhalani, speaking on behalf of the IMF. Get me to the Prime Minister.«

»Yes … yes! Mr. Nikhalani! Sagen Sie, wie geht es? Hier spricht der Premierminister.«

»Pack ordentlich zu! Feste! Ok!«, wies der Mann zärtlich die Miss World zurecht, dann sprach er ins Handy: »Warum hast du so lange gebraucht, Exzellenz! Beeil dich! Strom, Informationstechnologie, Nahrung, Gesundheit, Ausbildung … das alles! Privatisiere alles, Exzellenz! … Ein bisschen flott! Und verkauf Aktien aus dem öffentlichen Sektor … Stoß alle ab…! Ich will alles kaufen, Exzellenz …!«

»Gut, gut! Sie sollten sich etwas gedulden, Bruder… Ihr ergebener Diener ist ja am Werk. Sie kennen doch mein Problem. Diese Regierung ist wie ein Eintopf: Nicht alle Hülsenfrüchte werden gleichzeitig gar, Herr Nikhalani.«

»Nimm ihn in den Mund. Lol… my Lolita.« Der Dicke, ›rich and famousʼ, streichelte den Kopf der Schönen und stöhnte. »Iʼm disappointed, Panditji! Wieviel habe ich in die Parteikasse geschleust. Über geheime Kanäle, aber auch direkt. Ihr kriecht wie Regenwürmer! Wie soll sich da die wirtschaftliche Lage verbessern? Bis heute habt ihr nicht mit den Subventionen aufgehört!«

»Das wird schon noch, Herr Nikhalani! Wir haben zuerst die Sache mit dem Import von Speiseöl erledigt, deshalb sind die Bauern, die Sojabohnen, Sonnenblumen und Sesam anbauen, mittlerweile ruiniert. Hätte man unmittelbar danach die Subventionen gestrichen, dann wäre es zum Tumult gekommen. Es wird ganz nach Ihrer Anweisung gearbeitet, Bruder… Wir denken gründlich nach, bevor wir Maßnahmen einleiten.«

»Mach schnell, Pandit! Ich hab einen Bypass, zu viel Aufregung ist nicht gut für meine Gesundheit. Lass sie doch verrecken, diese blöden Scheißbauern… Ok?«

Der Mann schaltete das Handy aus, trank einen guten Schluck Scotch und sagte nervös: »Wo ist diese Vize-Miss-World aus Venezuela jetzt wieder hin? Ruf sie her!«

Kinnu Da sagte zu Rahul: »Die größte Besonderheit der Adivasis ist, dass sie so geringe Bedürfnisse haben. Natur und Umwelt schädigen sie am wenigsten. In Singh-bhum, Jharkhand, Mayurbhanj, Bastar und im Nordosten leben Adivasi-Gemeinschaften, die bis jetzt noch immer Landwirtschaft mit traditioneller Brandrodung und Breitsaat betreiben und nur Rohes, Geröstetes oder Gekochtes essen. Das Braten in Öl mögen sie nicht. Sie sind naturverbundene Menschen. Für ihre Autonomie und ihre Eigenständigkeit haben auch sie gegen den britischen Kolonialismus heldenhaft gekämpft. Aber die Historiker haben ihren Beitrag zur indischen Geschichte nicht gewürdigt. Die Geschichte ist in Wirklichkeit ein politisches Dokument der Macht … Klassen, Kasten oder Ethnien, die an der Macht sind, konstruieren die Geschichte so, wie sie ihren Zwecken dienlich ist. Die wahre Geschichte dieses Landes und seiner Gesellschaft muss noch geschrieben werden.«

Rahul bekam es mit der Angst zu tun. Erst vor kurzem hatte er den Film ›Stigmata‹ gesehen. ›The messenger will be silenced.‹ Der Bote Gottes wird zum Schweigen gebracht. Die Wahrheit lässt sich nicht als Nachricht verpacken. Für die Nachrichtenindustrie ist die Wahrheit ein Sprengstoff. Deshalb muss die Wahrheit unterdrückt werden. The truth has to be diffused.

Plop. Ein weiteres Blatt wird herunterfallen.

Plop. Eine heilige Frucht wird vorzeitig zusammen mit dem in ihr enthaltenen Nektar still und leise an einer verlassenen Stelle hinunterplatschen.

Plop. Es wird noch einen Mord oder Selbstmord geben, der am nächsten Tag auf der dritten Seite einer Zeitung eine Nachricht von ein paar Zentimetern hergeben wird.

Plop! Plop! Plop! Die Zeit vergeht. Die Erde dreht sich um ihre eigene Achse.